Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

El Gustario de Mallorca und das tödliche Gemälde

El Gustario de Mallorca und das tödliche Gemälde

Vorschau lesen

El Gustario de Mallorca und das tödliche Gemälde

Länge:
293 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 4, 2020
ISBN:
9783958132221
Format:
Buch

Beschreibung

Sven Ruge ist auf Mallorca endgültig angekommen. Es läuft gut bei ihm: Er macht sich als Gastrokritiker einen Namen und unterstützt seinen Freund Manuel bei der Führung von dessen Restaurants. Zufällig lernt er in den Markthallen von Santa Catalina die Schweizerin Sara Füssli kennen und verliebt sich in sie. Sven ist im Glück, denn sie erwidert seine Zuneigung. Gemeinsam erkunden sie die schönsten Orte der Insel und genießen die mallorquinische Küche. Sara möchte mehr über die letzten Wochen ihrer jüdischen Urgroßeltern erfahren. Denn die haben sich 1940 auf der Insel das Leben genommen, um ihrer Deportation zu entgehen. Svens journalistische Neugierde ist geweckt. Doch in seine Verliebtheit mischt sich nach und nach Irritation. Irgendetwas stimmt mit Sara nicht. Sie ignoriert seine Unterstützung. Schließlich stößt Sven auf ein geheimnisvolles Gemälde und ihm wird klar, dass nichts so ist, wie es scheint. Doch die Zeit läuft.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 4, 2020
ISBN:
9783958132221
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie El Gustario de Mallorca und das tödliche Gemälde

Titel in dieser Serie (34)

Verwandte Kategorien

Buchvorschau

El Gustario de Mallorca und das tödliche Gemälde - Brigitte Lamberts

bin.

Prolog

Palma. El Terreno. 21. Juli 1940. Mit zitternden Fingern führte er den Schlüssel in das Schloss. Den goldenen Türklopfer im Blick, schob er die schwere Holztür auf. Sofort umfing ihn die kühle Luft der herrschaftlichen Villa. Langsam fiel die Tür hinter ihm zu. Er lehnte sich mit dem Rücken dagegen und hielt für einen Augenblick inne. Die letzten Stunden war er kopflos durch El Terreno gelaufen. Das vertraute Stadtviertel auf der Anhöhe unterhalb des Castell de Bellver erschien ihm nach dem Besuch im Konsulat düster und trostlos. Wie hatte er diesen Teil Palmas einst geliebt: die Chalets auf den Felsen mit Blick auf das Meer, die schmalen Gassen mit ihren ausgetretenen Steintreppen und die von blühenden Bougainvilleasträuchern umrankten Mauern. Diese Schönheit und Idylle empfand er nicht mehr.

»Julius, bist du es?« Wieder dieser brennende Schmerz, als ob ihm jemand ein Messer in den Bauch gestoßen hätte. Wie sollte er ihr jetzt in die Augen sehen? Mühsam presste er hervor: »Ja, Elisabeth. Ich komme gleich.« Mit schweren Schritten durchquerte er die Empfangshalle. Kurz bevor er auf die Terrasse trat, holte er tief Luft.

»Hast du sie?« Als er den Kopf schüttelte, erhob sie sich aus dem Rattansessel und ging auf ihn zu. Sie nahm sein Gesicht sanft in ihre Hände und lächelte ihn traurig an, dabei schaute sie ihm in die Augen: Sie hatte verstanden, er brauchte nichts mehr zu sagen.

»Vielleicht morgen«, flüsterte sie und gab ihm einen Kuss. Hilflos hob er die Hände.

»Es hat nicht funktioniert. Er hat sein Wort nicht gehalten.«

»Aber er hat das Gemälde. Er hat es doch bekommen.«

»Ja, das Bild hat er.« Der ältere Mann fuhr sich über die Stirn. »Doch den Tauschwert ist er uns schuldig geblieben. Ich hätte es wissen müssen, mit denen gibt es keine Geschäfte.« Sie spürte seine Wut und Verbitterung.

»Du brauchst dir keinen Vorwurf zu machen. Du hast alles versucht.« Sie streichelte ihm zärtlich über den Kopf. Wortlos drehte er sich um und ging ins Haus. Wenige Minuten später kehrte er mit einer Flasche Rotwein und zwei Gläsern zurück. Elisabeth erkannte das Etikett. »Die letzte gute Flasche?«

»Ja, die für einen besonderen Anlass.«

Julius schenkte ein, dann setzten sie sich in die Rattansessel. Sie genossen den Wein, blickten auf das Meer und fassten sich immer wieder an den Händen. Nach einer Weile zog er eine silberne Dose aus seiner Jackentasche, klappte den Deckel auf und legte sie auf den Beistelltisch. Zwei gläserne Kapseln lagen darin. Elisabeth küsste seine Hand und drückte sie fest. Dann blickten sie stumm auf das Meer, dessen Oberfläche mit einem roten Schimmer überzogen war.

Der morgendliche Dunst löste sich allmählich auf. Es versprach ein schöner Sommertag zu werden, als fünf Uniformierte mit schwarzem Dreispitz auf den Köpfen und mit Pistolen bewaffnet die Stufen der engen Gasse erklommen. Sie wussten, wen sie zu holen hatten. Heute war es eine Handvoll deutscher Juden. Einer der Männer ergriff den goldenen Türklopfer der herrschaftlichen Villa und hämmerte energisch. Nichts rührte sich. Dann schlug er mit der Faust gegen die alte Holztür und brüllte: »Sofort öffnen! Guardia Civil!« Kein Geräusch kam aus dem Inneren. Kurz entschlossen griff er zu seiner Pistole und feuerte mehrere Schüsse auf das Türschloss ab. Holz splitterte. Dann stemmten sich die Männer gegen die Tür, die sich ächzend öffnete. Mit gezogenen Pistolen stürmten sie hinein und durchkämmten die untere Etage. Nichts. Sie verharrten und lauschten. Unnatürlich still war es. »Los, nach oben!« Der Capitán zeigte mit der Pistole zur Treppe. Die Uniformierten rannten hinauf, Türen wurden aufgestoßen. Dann das letzte Zimmer. Der Anführer preschte vor. Das Bett war unberührt. Er riss die Schränke auf. Nichts deutete auf einen plötzlichen Aufbruch der Gesuchten hin. Schließlich fanden sie das Ehepaar auf der Terrasse. Es war nicht nötig, genauer hinzuschauen. Der Capitán zog eine Liste hervor und strich die beiden obersten Namen durch. »Das ist jetzt Aufgabe unserer deutschen Kollegen«, bemerkte er, ohne eine Miene zu verziehen.

Kapitel 1

Cala Illetes. Gemeinde Calvià. Der Himmel zeigt sich in einem satten Blau, das durch vereinzelte weiße Quellwolken noch intensiver leuchtet. Die Luft riecht nach Meer. Sven Ruge steht am Strand und betrachtet die neue Tapasbar seines Freundes Manuel Muñoz. Ein großes Schild mit der Aufschrift ‚Lucía’s‘ prangt über dem flachen Satteldach aus rötlichen Schindeln. Manuel und ihm war es wichtig gewesen, das neu erbaute Strandhaus genauso zu gestalten wie das nur einige Meter entfernt stehende Restaurant von Manuel: ein Holzhaus mit großen Fenstern und einer gemütlichen Terrasse. Sie haben es geschafft! Sven ballt die Hand zur Faust und ruft laut »Yeah!«.

Er strahlt. Endlich ist die Strandbar fertig. Der Weg bis dahin war anstrengend und lang. Er hält sein Gesicht in den Wind und genießt die Wärme der Sonne, dabei erinnert er sich: Nachdem Manuel ihm die geschäftliche Partnerschaft angeboten und das Grundstück oberhalb des Strandes erworben hatte, das an sein Restaurant grenzt, war es Svens Aufgabe, die Arbeiten am Neubau zu überwachen. Kein einfaches Unterfangen.

In Deutschland braucht es schon Geduld und Nerven für ein solches Projekt, aber auf Mallorca hat so etwas eine ganz andere Dimension – es geht viel schleppender voran. Schon die Baugenehmigung einzuholen war ein Abenteuer für sich, die Bürokratie auf der Insel ist unschlagbar langsam und zugleich so kreativ, dass man aufpassen muss, später nicht die Grundsteuer für ein benachbartes Grundstück zu zahlen. Doch die Gefahr besteht in diesem Fall nicht: Die zwei Restaurants sind die einzigen auf der kleinen felsigen Erhöhung vor dem Strand. Dem Besitzer einer nahegelegenen Imbissbude, einer chiringuito, hatte Manuel ein Angebot unterbreitet, das dieser nicht ablehnen konnte. Nun haben sie die Bucht zumindest gastronomisch ganz für sich.

Auch die Bauarbeiten waren ein Erlebnis. Wie oft war er allein auf der Baustelle – weit und breit kein Arbeiter in Sicht. Doch jetzt ist alles fertig, er ist glücklich und stolz. Morgen Abend steigt die große Eröffnungsparty. Und so wie es aussieht, wird es richtig voll.

Sven nimmt die Sonnenbrille ab und wischt sich über die Augen. Für Manuel war es selbstverständlich, ihn zum Kompagnon zu machen, nach allem, was sie gemeinsam durchgestanden hatten. Sein Freund würde ohne ihn wahrscheinlich nicht mehr leben und das Restaurant wäre schon längst geschlossen, hätten nicht so viele Menschen ihm und seiner Familie in der schlimmen Zeit beigestanden. Besonders freut es ihn, dass Lucía weiterhin mit dabei ist. Während Manuel im Krankenhaus lag, hatte sie die Küche übernommen und sich als exzellente Köchin erwiesen.

Nun führt Manuel sein Restaurant weiter und die neue Tapasbar hat er in Lucías Obhut gegeben. Sie kocht und Sven ist für das Marketing und die Events in beiden Häusern zuständig. Sie haben schon einige kulinarische Themenabende im ‚Manuel’s‘ veranstaltet, bei denen Sven als Gastrokritiker und mittlerweile sehr guter Kenner der typisch mallorquinischen Küche die Gäste erfolgreich unterhalten hat.

Sven lässt die frische Meeresluft bis tief in seine Lungenflügel gleiten. Dann marschiert er über den weißen Sand zu den kleinen Steinstufen, die ihn zur Terrasse von Lucías Bar führen.

Lucía steht mit Manuel in der Küche. Die beiden debattieren heftig. »Eine Auswahl von zehn unterschiedlichen tapas, zwei verschiedene Salatteller, zwei größere Gerichte und drei Nachspeisen reichen vollkommen aus«, sagt Lucía mit funkelnden Augen. Manuel ist damit nicht einverstanden. »Meine Gäste sind eine umfangreichere Karte gewöhnt«, entgegnet er aufgebracht.

»Mag sein, aber zu unserem Eröffnungsfest braucht es nicht mehr, es sind doch alles geladene Gäste und die wissen, dass ich nur mittags geöffnet haben werde.« Lucía tritt einen Schritt auf Manuel zu und bohrt ihm den Zeigefinger in die Brust. Bevor Sven, der gerade eintritt, ein Wort an sie richten kann, schiebt Lucía nach: »Wir waren uns einig. Du verantwortest deine Küche, ich meine.« Sie holt Luft und ergänzt: »Außerdem müssen wir uns voneinander abgrenzen. Es macht keinen Sinn, wenn beide Restaurants das Gleiche anbieten.«

»Das meine ich doch gar nicht.« Manuel legt ihr besänftigend seine Hand auf die Schulter.

Lucía verdreht die Augen. »Manuel, das hatten wir schon besprochen. Ich biete eine Vielzahl unterschiedlicher tapas an und immer eine Auswahl an Salaten und bei dir bekommen die Gäste ein ganzes Menü.«

»Ja, natürlich, so ist es geplant, aber gerade bei der Eröffnung …«

Sie unterbricht ihn. »Eben. Da biete ich zusätzlich zwei größere Gerichte an und fertig.«

»Nun beruhigt euch mal«, mischt sich Sven ein. Sofort drehen sich Lucía und Manuel zu ihm um und posaunen im Gleichklang heraus: »Du hältst dich da raus.« Als sie Svens erschrockenen Gesichtsausdruck sehen, müssen beide lachen.

»Okay, kommt, setzen wir uns und dann überlegen wir gemeinsam«, schlägt Manuel vor und zeigt zur Terrasse. Lucía greift nach einer Flasche palo und einem Teller mit Zitronenschnitzen, Sven bringt eine Flasche Soda und drei Gläser zum Tisch. Nachdem Lucía den Kräuterlikör in die Gläser gefüllt hat, prosten sie sich zu. Das, was sie gemeinsam durchgestanden haben, kann ihnen niemand nehmen. Nicht die Zuneigung zueinander, nicht das Verständnis füreinander und schon gar nicht das Vertrauen ineinander.

Kapitel 2

Madrid. Auktionshaus. Das großbürgerliche Stadtpalais, der Palacio Longoria, liegt im Herzen Madrids an der Kreuzung der Straßen Calle Fernando VI. und Calle Pelayo und beherbergt ein renommiertes Auktionshaus. Mehrere Marmorstufen führen Bao Huáng durch ein schmiedeeisernes Tor in den großzügigen Empfangsraum des prachtvollen Gebäudes, das als bedeutendstes Beispiel des »Modernismo«, des spanischen Jugendstils, in Madrid gilt. Doch für diese architektonische Schönheit hat der Chinese keinen Blick. Auch die Kunstsammler, Journalisten, Kunstberater, Galeristen und Kuratoren von Museen sowie die Kunstexperten des Hauses interessieren ihn nicht, die hier bei einem Glas Champagner zusammenstehen und nach den pinchos greifen, den kleinen belegten Weißbrotscheiben, die auf silbernen Tabletts gereicht werden. Huáng folgt nur seinem Auftrag.

An der Tür zum Auktionssaal muss er sich ausweisen und erhält seine Bietermarke. Der Raum ist hell ausgeleuchtet, vorne auf der Bühne befindet sich das Stehpult für den Leiter der Auktion, daneben steht ein länglicher Tisch mit Bildschirmen für die Mitarbeiter. Im Hintergrund ist an der Wand ein großer Monitor befestigt, auf dem später das aktuelle Gebot zu dem jeweiligen Kunstwerk in verschiedenen Währungen zu sehen sein wird. Er setzt sich in eine der ersten Stuhlreihen und fasst sich mit der Hand ans Ohr. Der In-Ear-Kopfhörer sitzt. Sein Auftraggeber Chen Yáng, mit dem er während der Auktion telefonisch verbunden sein wird, will das Objekt mit der Losnummer 125, ein wertvolles Gemälde, unbedingt ersteigern. Die Schätzung liegt bei 2 bis 2,5 Millionen Euro. Bao Huángs Spielraum geht bis 4,5 Millionen, danach muss er Kontakt aufnehmen. Wie bei so vielen Superreichen geht es seinem Chef nicht so sehr um das Kunstwerk selbst, sondern um das Image, das Renommee, das mit dem Erwerb von Spitzenstücken verbunden ist. Eines weiß er jedoch: Nicht jede Summe wird von Chen Yáng mitgetragen, da ist sein Auftraggeber anders als seine Landsleute oder die russischen und arabischen Mitbieter.

Der Raum füllt sich. Eine junge blonde Frau setzt sich auf den Stuhl links neben ihm, ein übergewichtiger Afrikaner nimmt rechts von ihm Platz. Sie nicken sich zu. Noch wird getuschelt, Stühle gerückt, hier und da die Nase geschnäuzt oder gehustet. Seine Sitznachbarin fächelt sich Luft mit einem Auktionsprospekt zu. Bei so vielen Menschen wird es schnell warm. Als der Auktionator die Bühne betritt, verstummt die Geräuschkulisse. Lässig lehnt sich der Mittfünfziger an sein Stehpult.

Das Licht im Raum wird gedimmt und die Scheinwerfer nehmen den Versteigerer in den Fokus. Bao Huáng schaut konzentriert nach vorne. Eine Arbeit nach der anderen wird aufgerufen. Mitarbeiter mit weißen Handschuhen stellen das jeweilige Bild auf die Staffelei oder die eine oder andere Skulptur auf einen breiten Sockel. Der Auktionator hat sein Publikum genau im Blick. Wie ein Entertainer fesselt er seine Gäste. Er macht das ganz geschickt, mal verlangsamt er das Tempo, mal zieht er es an. Stocken die Bietergebote, schafft er es mit Charme und Humor, die Kaufinteressierten aus der Reserve zu locken. Zwischendurch gibt es unterhaltsame Bemerkungen, dann schlägt er mit dem Hammer auf das Pult.

Es ist soweit. Das Los 125 wird aufgerufen. Bao Huáng greift nochmals zum Ohr. Die Frau neben ihm, bisher eher gelangweilt, strafft ihren Rücken und rutscht auf ihrem Stuhl etwas nach vorne. Der Afrikaner scheint zu dösen. Ein verhülltes Bild wird von zwei Mitarbeitern vom Tuch befreit. Der Auktionator gibt Auskunft zu dem Werk. Er verrät nichts Neues, alles ist im Auktionskatalog nachzulesen. Doch er versteht es, Spannung aufzubauen. »Wir dürfen Ihnen jetzt eine Rarität präsentieren. Es handelt sich um ein Doppelselbstbildnis von Max Beckmann.« Er holt kurz Luft, um mit noch mehr Elan weiterzureden. »Beckmann bildet sich gleich zweimal in diesem Werk ab, als Künstler vor der Staffelei, der sich selbst auf der Leinwand festhält.« Es folgt eine dramaturgische Pause, dann fährt er fort: »Ein vergleichbares Bild ist von Beckmann nicht bekannt. Und es ist marktfrisch!« Seine Stimme wird lauter. »Noch nie wurde dieses Doppelselbstbildnis in einer Auktion angeboten. Es befand sich über 70 Jahre in Fami­lienbesitz.« Ein Raunen geht durch den Saal. Der Auktionator hat es geschafft, Begehrlichkeit zu wecken, denn sowie er das Anfangsgebot von 1,8 Millionen Euro aufruft, prasseln die Offerten nur so auf ihn ein. Dass dieses Bild weder im Werkverzeichnis von Max Beckmann aufgelistet ist noch je auf einer Ausstellung zu sehen war, steht lediglich im Katalog. Der Versteigerer macht dies nicht zum Thema. Es könnte den zu erwartenden Auktionsrekord gefährden.

Huáng wartet ab. Er wird sich erst einschalten, wenn der Auktionsleiter die Bieterschritte erhöht. Doch die Gebote nehmen kein Ende, mindestens zehn Kaufinteressierte bieten mit, dazu zwei Vermittler am Telefon. Bei 3,5 Millionen stockt es kurz und der Chinese hebt seine Hand auf 4,0 Millionen. 4,5 Millionen werden ausgerufen. Er drückt den Ear-Stick tiefer in sein Ohr und hält sich das Mikrofon dicht an den Mund, um flüsternd nachzufragen. »Weiter«, hört er daraufhin die Stimme von Chen Yáng. Mit 5 Millionen hält er dagegen. Ein weiterer Bieter, der bisher nicht in Erscheinung getreten ist, ein älterer, distinguierter Herr mit südländischem Aussehen, erhöht auf 5,5 Millionen. Die anderen Kaufinteressierten sind ausgestiegen. Huáng hält erneut seine Bieterkarte nach oben: 6 Millionen. Ein Knacken in der Leitung oder war es eine Anweisung seines Chefs? Wieder geht die Hand zum Ohr. Verdammt. Die Telefonverbindung ist abgerissen, zum ungünstigsten Zeitpunkt, den man sich vorstellen kann. Seine Finger fliegen über das Display, tippen die Kurzwahlnummer. Der Ruf scheint rauszugehen, doch eine Verbindung will nicht zustande kommen. Für einen Moment ist Huáng abgelenkt. Er blickt nach oben. Wie weit ist die Auktion? Da erscheinen 6,5 Millionen Euro auf dem großen Bildschirm. Er gibt ein weiteres Gebot ab: 7 Millionen. Schräg vor ihm geht die Karte nochmals in die Höhe: 7,5 Millionen, mehr als das Dreifache des oberen Schätzpreises. Huángs Gedanken rasen. Er weiß, bei solchen Größenordnungen schaut der Auktionsleiter jetzt sehr genau in die Runde, ob es weitere Gebote gibt, und lässt für gewöhnlich wenig Bedenkzeit zu.

»7,5 Millionen zum Ersten.«

Er muss den Kontakt zu seinem Auftraggeber wiederherstellen, und zwar schnell. Doch die Leitung ist tot, keine Chance.

»7,5 Millionen zum Zweiten. Bietet jemand mehr?«

Huáng wischt deutlich angespannt über das Display. Das darf doch alles nicht wahr sein. Würde Chen Yáng mehr bieten? Für das Stück seiner Begierde? Er ist sich nicht sicher. Besitz ist seinem Chef wichtig, aber nicht um jeden Preis.

Das Krachen des Hammers beweist ihm auf schmerzliche Art sein Versagen. Auftrag nicht erfüllt, eine Enttäuschung für seinen Auftraggeber und eine Schande für ihn selbst. Er lässt den Kopf sinken und starrt zu Boden. Die Stimme der Frau neben ihm dringt nur allmählich an sein Ohr. Hat sie ihm eine Frage gestellt? Der Chinese sieht zu ihr auf, ihre Lippen bewegen sich. »Do you know him?«, liest er ihr vom Mund ab. Sie meint den Sieger des Bietergefechtes. Niedergeschlagen schüttelt er den Kopf. Hinter ihnen wird getuschelt. »Schon wieder dieser Condé. Woher kommt das viele Geld? So vermögend ist der mallorquinische Adel doch gar nicht mehr.«

Kapitel 3

Palma. Santa Catalina. Aus den Lautsprechern des alten Kastenwagens tönt blechern die Stimme von Juanes. Doch das hält Manuel, Lucía und Sven keineswegs davon ab, das Lied »La camisa negra« schief und schrill mitzusingen. Manuel klopft mit den Fingern den Takt auf dem Lenkrad, Lucía trällert etwas zu hoch und Sven brummt eher, als dass er die Melodie hält. Er hat auf dem Rücksitz den schlechtesten Sitzplatz und wird jedes Mal, wenn Manuel eine Kurve zu forsch nimmt, nach links oder rechts geschleudert. Im Szeneviertel Santa Catalina, dem ehemaligen Fischerviertel von Palma, sind die Straßen eng und verwinkelt. Hier gibt es wunderschöne Häuser mit Jugendstilornamenten, zwar kleiner als in der Altstadt, dafür mit morbidem Charme. Kaum hat Manuel die nächste Ecke genommen, sehen sie schon eine der runden Glastüren der Markthallen. Nach wenigen Metern tritt Manuel abrupt auf die Bremse und Sven prallt unsanft mit dem Kopf gegen die Rückenlehne des Fahrersitzes. »Mensch, pass doch auf«, schimpft er und fasst sich an die Stirn. Sein Freund dreht sich grinsend nach hinten und fährt mit Schwung in die Parklücke. Dann schaltet er den Motor aus und die Musik verstummt. »So, das hätten wir geschafft«, bemerkt er zufrieden, denn selbst um diese frühe Uhrzeit ist hier kaum ein Parkplatz zu finden, schon gar nicht direkt vor dem Markt.

»Wollen wir uns aufteilen oder gehen wir zusammen?«, fragt Manuel.

»Zusammen, dann macht es mehr Spaß«, schlägt Lucía vor, doch Sven gibt zu bedenken: »Dann dauert es länger.«

»Ist doch egal. Wir sind gut in der Zeit«, erwidert die Mallorquinerin. Gemeinsam steuern sie gleich im ersten Gang den Stand mit Fleisch und frischen Wurstwaren an. Lucía holt einen Zettel aus der Hosentasche ihrer Jeans.

»Ich brauche zehn sobrasadas.« Manuel deutet auf mehrere, fast 60 Zentimeter lange Würste, die von einem Haken herunterhängen. »Nimm die llonganissa, die eignet sich gut zum Grillen und Frittieren«, erläutert er.

»Ich brauche aber auch einige als Beigabe zum gedünsteten Rebhuhn«, stellt Lucía klar. »Was meinst du, soll ich die botifarró nehmen?« Sie zeigt auf kleine, dunklere Würstchen, die in einer Glasvitrine liegen. »Die botifarró ist besonders gut für Eintöpfe. Aber denkst du, die geben meinem Rebhuhn die zusätzliche Würze?« Manuel nickt ihr zu. Sven schmunzelt. Es ist doch immer wieder ein Genuss, mit den beiden auf den Markt zu gehen. Manuel reserviert sich noch schnell zwanzig Lammschultern, die er auf dem Rückweg abholen wird. Auf Svens Kommentar, ob er die so zubereiten will wie die alte Köchin im Bergbauernhof Es Verger oberhalb von Alaró, die Bier und viel Wasser in die Bräter gibt, grinst er nur vielsagend. Und schon weiß Sven, sein Freund wird es ganz anders machen. Der nächste Stand bietet Gemüse und Salate, präsentiert wie auf einem Gemälde: Fast schon künstlerisch sind die glänzenden Auberginen zu kleinen Türmen aufgestapelt und die getrockneten Paprika hängen wie Girlanden von der Decke. Lucía ist kaum zu halten und ordert gleich mehrere unterschiedliche Salatköpfe, Tomaten, Paprika, Zucchini und Auberginen. Sie schaut erneut

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über El Gustario de Mallorca und das tödliche Gemälde denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen