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Die Killer verfolgen dich: 8 Strand Krimis

Die Killer verfolgen dich: 8 Strand Krimis

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Die Killer verfolgen dich: 8 Strand Krimis

Länge:
1,041 Seiten
13 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 23, 2020
ISBN:
9781393539155
Format:
Buch

Beschreibung

 

Alfred Bekker & Cedric Balmore


 


 

Die Killer verfolgen dich: 8 Strand Krimis


 


 

 

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Sieben spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

 

Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

 

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

 

Cedric Balmore: Das tote Mödchen und der Rächer

Cedric Balmore: Ein Mörder voller Hass

Cedric Balmore: Der einäugige Boss

Alfred Bekker: Der Armbrustmörder

Alfred Bekker: East Harlem Killer

Alfred Bekker: Die Angst verfolgt dich bis ans Ende

Alfred Bekker: Undercover Mission

Alfred Bekker: Langes Leben, schneller Tod

 

 

 

ALFRED BEKKER ist ein Schriftsteller, der vor allem durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher einem großen Publikum bekannt wurde. Daneben schrieb er Krimis und historische Romane und war Mitautor zahlreicher Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X.

Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 23, 2020
ISBN:
9781393539155
Format:
Buch

Über den Autor

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.


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Die Killer verfolgen dich - Alfred Bekker

Alfred Bekker & Cedric Balmore

Die Killer verfolgen dich: 8 Strand Krimis

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Sieben spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Cedric Balmore: Das tote Mödchen und der Rächer

Cedric Balmore: Ein Mörder voller Hass

Cedric Balmore: Der einäugige Boss

Alfred Bekker: Der Armbrustmörder

Alfred Bekker: East Harlem Killer

Alfred Bekker: Die Angst verfolgt dich bis ans Ende

Alfred Bekker: Undercover Mission

Alfred Bekker: Langes Leben, schneller Tod

––––––––

ALFRED BEKKER ist ein Schriftsteller, der vor allem durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher einem großen Publikum bekannt wurde. Daneben schrieb er Krimis und historische Romane und war Mitautor zahlreicher Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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Alles rund um Belletristik!

Das tote Mädchen und der Rächer: Kriminalroman

von Cedric Balmore

»Jesse!« schrie Milo. »Jesse!«

Ich schnappte mir die Whiskyflasche und eilte zu ihm hinauf. Er saß mit einem blonden attraktiven Mädchen unter dem schrägen Dach der kleinen Wohnzimmergalerie.

»Ich mußte mich so laut bemerkbar machen«, sagte er grinsend und streckte mir das leere Glas entgegen. »Bei diesem Rummel geht eine normale Stimme einfach unter.«

Ich füllte sein Glas. Es war sein vierter Whisky, ich hatte mitgezählt. Ich selbst hatte schon zwei und war sicher, daß es am Ende der Party ein paar mehr sein würden. Die Mordkommission feierte das fünfundzwanzigste Dienstjubiläum von Lieutenant Harper. Das Haus wimmelte nur so von Leuten aus der Branche; Milo Tucker, Blackfeather, Steve Tardelli und ich waren als Vertreter des FBI eingeladen worden. Es ging hoch her, die Stimmung war gut. Die Blonde neben Milo war eine Sekretärin aus dem Police Headquarters. Plötzlich knallte es. Milo starrte verdutzt auf seine blutende Hand. Das Whiskyglas war zu Bruch gegangen. Mein Kopf flog herum.

Ich sah die zerborstene Scheibe des nicht sehr großen geschrägten Dachfensters. Auf dem dunklen Teppichboden glänzten die Glassplitter.

***

Die Blonde lachte laut. Sie schien zu glauben, daß Milo sein Glas mit der Hand zerquetscht hatte. Nur Milo und ich hatten begriffen, daß es von einem Geschoß getroffen worden war. Milo sprang hoch und drängte das Mädchen zur Seite, ich jumpte ebenso rasch aus dem Schußfeld.

»Was ist los?« japste das erschrockene Mädchen. »Was ist in euch gefahren?«

Ich rannte zum nächsten Fenster. Dirk Harpers Haus lag am Stadtrand auf einem kleinen Hügel. Es wurde nur von einem Qebäude überragt, einem etwa zweihundert Yard entfernten Apartmentbuilding, dessen beleuchtete Fenster kleine helle Quadrate unterschiedlicher Helligkeit in die Nacht stanzten.

»Du bleibst hier«, entschied ich. Eine verletzte Hand und vier Whiskys machten Milo für diese Situation nicht zum idealen Partner. »Schließ die Vorhänge und sage Dirk Bescheid!«

Die kleine Galerie war durch eine schmale Holztreppe mit dem großen Wohnraum verbunden. Ich tauchte hinab in das Menschengewühl und hatte einige Mühe, die Tür zu erreichen. Ich entdeckte plötzlich Blackfeather und packte ihn am Ärmel. Sein violetter Anzug mitsamt Krawatte war laut genug, um ein Volksfest anzukurbeln. Er kam mit mir nach draußen. Ich sagte ihm, worum es ging. Sein Wagen stand näher als mein Jaguar, den ich wegen des Parkplatzmangels am Straßenende abgestellt hatte; wir kletterten also in Blackys Schlitten und brummten los.

»Der Schütze hatte ein Gewehr mit Zielfernrohr«, sagte, ich. »Er konnte vermutlich recht gut erkennen, wer auf der Galerie saß. Ob er töten wollte, halte ich für fraglich. Möglicherweise wollte er nur die Fete stören. Oder es war einer von diesen immer wieder auftretenden Verrückten, die meinen, sich und ihrer Umwelt beweisen zu müssen, wie stark sie hassen können.«

»In Lieutenant Harpers Haus wimmelte es von Polizei«, sagte Blackfeather, dessen scharfes, indianisches Profil düster und verschlossen wirkte. »Im Grunde dürfte man solche Feten gar nicht abspulen. Jemand, der Polizisten haßt, hat sie dort praktisch im Sack. Er braucht die Bude nur hochgehen zu lassen.«

Wir stoppten vor dem Hauseingang und stiegen aus. Ein Pärchen kam durch die Drehtür des Wohnsilos. Das Mädchen hatte einige Mühe, ihren sichtlich beschwipsten Partner auf den Beinen zu halten. »Du fährst nicht«, sagte sie. »Um keinen Preis.«

»Du spinnst, Liebling«, lallte er. »Ich bin so nüchtern wie ’ne kanadische Steppe im Hochsommer.«

Blackfeather und ich blickten an der Hausfassade empor. Wir zählten zwölf Stockwerke. In jeder Etage lagen zehn Fenster nebeneinander. Gut ein Drittel davon war beleuchtet. Die unteren vier Stockwerke schieden aus. Über ihnen gab es für uns rund achtzig Fenster zur freien Auswahl, das Dach nicht mitgerechnet.

»Die beleuchteten Fenster können wir streichen«, meinte Blackfeather. »Der Mann hat an einem offenen Fenster gestanden, ganz sicher nicht vor einem hellen Hintergrund.«

»In der achten Etage ist eines, das gleichzeitig die Jalousien unten hat«, sagte ich. »Es ist leicht, die Lamellen zu spreizen und einen Gewehrlauf hindurchzuschieben. Mal sehen, wer da oben wohnt. Du bleibst hier und achtest auf Leute, die mit einer Tasche oder einem Paket, in dem sich ein zusammengelegtes Gewehr befinden könnte das Haus verlassen wollen.«

Blackfeather nickte. Ich eilte in die Halle und stoppte, um festzustellen, wem die Wohnung gehörte, für die wir uns interessierten. Das riesige, aus Chrombuchstaben bestehende Namensfeld neben dem Lift hatte den Charakter eines Lageplans, so daß es leicht war, den gesuchten Wohnungsinhaber herauszufinden. Ich fuhr mit dem Fahrstuhl nach oben und stand kurz darauf vor einer Tür mit dem Namensschild L. Marvin.

Ich wunderte mich. Die Tür war nur angelehnt. Ich klingelte. Niemand öffnete. Ich klingelte nochmals, dann schob ich behutsam die Tür mit der Fußspitze auf und betrat die Diele. Sie war klein und unbeleuchtet.

Ich hatte keine Waffe bei mir und spürte ein nervöses Kribbeln in der Magengegend. »Hallo?« rief ich.

Keine Antwort. Ich durchquerte den kleinen Raum und bewegte schnuppernd die Nase. Rauch. Ich blieb an der Wohnungstür stehen und klopfte. Nichts rührte sich, aber ich hörte jenseits der Tür ein Radio spielen, sehr leise. Brasilianische Musik, echte Folklore.

Ich öffnete die Tür. Im Wohnzimmer brannte Licht. Es war mittelgroß und modern möbliert. Popige Farben, viele bunte Siebdrucke an den Wänden. Es gab keinen Zweifel, daß der Wohnungsinhaber noch jung sein mußte. Ich sah ihn, als ich einen Schritt nach vorn machte und den Kopf zur Seite drehte.

Es war eine Sie. Ich sah von ihr nur den Körper. Er lag rücklings auf dem Boden, — rosafarbene Flanellhosen mit Umschlag, barfuß — und -eine weiße Seidenbluse. Kopf und Schultern entzogen sich meinen Blicken, sie lagen unter der bis auf den Boden herabhängenden Wolldecke einer Schlafcouch. Aber d'a war außerdem noch dieser widerliche süßliche Geruch.

Mein Mund wurde trocken. Ich trat an die Liegende heran und berührte ihren Fuß. Er war eiskalt.

Ich schüttelte ihn und fragte mich, was mich daran hinderte, das Mädchen unter der Couch hervorzuziehen. Ich richtete mich wieder auf und ging mit trockenem Mund in das Nebenzimmer, einen dunklen Schlafraum. Hier war das offene Fenster mit der herabgelassenen Jalousie. Ich knipste das Licht an und witterte einen Geruch, der mir vertraut war.

Kordit.

Der Schütze hatte also in diesem Raum und an diesem Fenster gestanden. Ich konnte geradewegs auf die beiden schrägen Dachfenster von Harpers Haus blicken.

Ich machte kehrt und betrat erneut das Wohnzimmer. Ich bückte mich, erfaßte die Füße des Mädchens und zog sie unter der Couch hervor.

Eine jähe würgende Übelkeit packte mich.

Das Mädchen war grausam entstellt.

***

Ich rannte zum Telefon. Ich griff nach dem Hörer und hatte plötzlich das Gefühl, von einer grellen Explosion zerrissen zu werden. Bei mir ging schlagartig das Licht aus.

Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich mich schwach und hundeelend. Ich wußte, wo ich mich befand und was ich hier entdeckt hatte, aber ich konnte nicht sagen, was mich auf die Bretter geschickt hatte. Mit einiger Mühe wandte ich den Kopf. Das Mädchen war verschwunden.

Ich stemmte mich hoch. Ich mußte mich an der Tischkante festhalten, mir war ziemlich blümerant zumute. Ich schaute auf meine Uhr. Ich war nur drei oder fünf Minuten ohne Bewußtsein gewesen. Die hatte dem oder den Unbekannten genügt, mit der Toten die Wohnung zu verlassen.

Ich torkelte in den Schlafraum, knipste das Licht an und zog die Jalousie hoch, wobei ich die Schnur und nicht den Bedienungsknopf anfaßte, um eventuell vorhandene Prints nicht zu zerstören. Ich steckte meinen Kopf ins Freie, holte tief Luft und blickte nach unten, auf die Straße. Blackfeathers Wagen parkte noch vor dem Hauseingang. Aber Blacky selbst war nicht zu sehen. Vielleicht befand er sich bereits in Aktion, und der oder die unbekannten Täter mußten sich mit ihm auseinandersetzen.

Mir fiel ?in, was passiert war und ich hob den Hörer behutsam mit zwei Fingern an, wobei ich nur den Plastikkopf anfaßte. Ein Blick auf die innere Grifffläche des Hörers zeigte mir eine etwa zollange, aufgesetzte Metallplatte, von der ein dünner Draht ins Innere der Leitung führte. Der Hörer war offensichtlich präpariert worden und stand unter Strom.

Ich legte ihn zurück und betrat die Diele. Dort prallte ich mit einem jungen Mann zusammen, der im wesentlichen durch drei Dinge auf fiel: er war wie ein Hippie gekleidet, trug eine randlose Brille mit kreisrunden Gläsern und hielt einen Revolver in der Hand.

»Hoch mit den Greifern«, sagte er, und die Bewegung seines Revolvers war unmißverständlich.

***

Ich trat einen halben Schritt zurück und hob die Hände. Der Eindringling atmete rasch, beinahe so, als sei er die acht Etagen durch das Treppenhaus nach oben gestürmt. In den kreisrunden Brillengläsern fingen sich kalte Lichtreflexe. Er hatte schulterlanges Haar und einen fast komisch wirkenden, dünnen Ziegenbart. Ich schätzte den Burschen auf zweiundzwanzig.

»Wollen Sie sich nicht erst mal vorstellen?« fragte ich.

»Damit beginnen wir bei Ihnen«, knurrte er mich an. Der Revolver war ein großkalibriges Modell. Der Finger des Mannes lag am Abzug, und ich hatte Gelegenheit, den hübschen Glanz der Patronenköpfe zu bewundern, die in der Magazintrommel steckten.

»Trevellian«, sagte ich. »FBI.«

»Nixon«, konterte er. »Präsident. Finden Sie das witzig?«

»Was Sie sagen? Nein.«

»Wo ist Louise?«

»Tot«, sagte ich. »Ich nehme es jedenfalls an. Ich habe das Mädchen nicht gekannt, aber als ich hereinkam... He, was ist mit Ihnen?«

Er war leichenblaß geworden. Seine Hand zitterte. Das gefiel mir nicht. Ich hatte keine Lust, mitzuerleben, wie seine plötzliche Schockreaktion die empfindsame Mechanik der Waffe zur Auslösung brachte.

»Kehrt, marsch!« sagte er dumpf.

Ich gehorchte und ging ins Wohnzimmer. Er folgte mir und setzte sich. »Louise!« rief er. Seine Hand zitterte immer noch, er bebte jetzt am ganzen Körper. »Louise!«

»Sind Sie mit ihr befreundet?« fragte ich.

»Sie ist meine Schwester.«

»Wie wäre es, wenn ich Ihnen jetzt meinen Ausweis zeigte?« fragte ich ihn.

»Sie wollen mich bluffen. Sie wollen eine Waffe aus der Tasche ziehen«, sagte er.

»Okay«, sagte ich. »Ich drehe mich zur Wand und lege die Hände dagegen. Sie holen mir die Brieftasche aus dem Anzug und überzeugen sich davon, daß ich die Wahrheit sage.«

Ich wartete nicht ab, was er darüber dachte und setzte meine Worte in die Tat um. Er kam zögernd heran und klopfte mich ab. »Da ist keine Brieftasche«, stellte er fest. »Nichts!«

»Die Kerle haben sie mir abgenommen, als ich auf Tauchstation war«, sagte ich und fühlte, wie wenig glaubhaft meine Worte in seinen Ohren klingen mußten.

Der junge Mann trat ein paar Schritte von mir zurück. Ich wandte ihm meine Frontpartie zu und ließ langsam die Arme sinken. Er hatte nichts dagegen, weil er jetzt wußte, daß ich unbewaffnet war.

»Sie sagten, Louise sei tot«, murmelte er, Angst und Verzweiflung im Blick. »Wie kommen Sie darauf?«

»Ich war auf einer Party, ganz in der Nähe, Sutton Lane 81. Plötzlich knallte es. Jemand hatte durch das Fenster geschossen. Der Schütze mußte in dieser Wohnung gestanden haben.«

Ich redete weiter und spürte, wie absurd meine kurzgefaßte Schilderung auf ihn wirken mußte. Ich schloß mit einer Beschreibung der Toten, indem ich dem jungen Mann Figur und Kleidung nannte.

Er starrte auf das Telefon. »Sie behaupten, es sei präpariert?«

Ich nickte. »Sie brauchen nur einen Blick auf die Unterseite des Hörers zu werfen. Aber seien Sie vorsichtig, oder es geht Ihnen wie mir!«

Er tat, wozu ich ihn aufforderte und legte dann seinen Revolver beiseite. »Okay, ich glaube Ihnen«, murmelte er, trat an die Couch heran, warf einen Blick darunter und schüttelte sich, als er den Blutfleck in der hochflorigen Auslegeware entdeckte. »Wie entsetzlich«, sagte er und ließ sich in einen Sessel fallen. »Ich kann es nicht fassen. Das kann nur ein Wahnsinniger getan haben...«

»Wäre es nicht endlich an der Zeit, mir zu sagen, weshalb Sie, mit einem Revolver in der Hand, wie -ein Irrer in die Wohnung gestürzt kamen?«

»Louise bat mich herzukommen... Weil sie sich bedroht fühlte«, sagte er. »Sie hat Sie angerufen? Wann?«

»Vor einer Stunde.«

»Wo wohnen Sie?«

»Drüben, in Queens. Ich konnte einfach nicht schneller hier sein.«

»Warum hat Louise nicht die Polizei um Hilfe gebeten?« wollte ich wissen.

Er hob ratlos die Schultern. »Das weiß ich nicht.«

»Wie alt war sie und wovon lebte sie?«

»Louise ist dreizehn Jahre älter als ich, vierunddreißig — aber sie sieht jünger aus«, meinte er, senkte den Kopf und fügte kaum hörbar hinzu: »Sah.«

»Arbeitet sie?«

»Selbstverständlich. Sie ist... war Sekretärin bei Bonelli & Jameson, einer Eisenwarengroßhandlung in Brooklyn.« Ich kannte die Firma. Sie war fast schon eine Institution, alt und solide, so seriös wie die Verfassung.

»Sagte Louise, von wem sie sich bedroht fühlte?« wollte ich wissen.

»Ich habe sie natürlich danach gefragt«, erwiderte der junge Mann, »aber sie wollte nicht mit der Sprache heraus. Ich muß hinzufügen, daß wir uns in der letzten Zeit kaum noch gesehen oder gesprochen haben. Ich verspottete sie wegen ihrer Bürgerlichkeit, und sie konnte mit meinen politischen Ansichten nichts anfangen. Wir mochten uns, aber immer, wenn wir uns trafen, gab es Streit. Ihr paßte mein Aufzug nicht — ich lästerte über ihre Konsummanieren.«

»Wer war ihr Freund?«

»Keine Ahnung.«

»War sie attraktiv?«

»Das will ich meinen. Blond und gut gewachsen.«

»Waren die Männer hinter ihr her?«

»Das könnte ich mir schon denken, aber meine Schwester war in dieser Hinsicht verdammt pingelig. Sie hatte sich als junges Mädchen verliebt und verlobt, war aber von ihrem Freier enttäuscht worden und führte sich seitdem wie eine Primadonna auf — ihr war einfach keiner mehr gut genug.«

»Kennen Sie sich hier in der Wohnung aus?« erkundigte ich mich bei ihm. »Ein bißchen. Warum?«

»Ich brauche ein Bild von Ihrer Schwester.«

Er stand auf, öffnete die Schublade des kleinen Schreibsekretärs und suchte darin herum. Ich warf inzwischen einen Blick aus dem Fenster. Blackys Wagen parkte am alten Platz, aber sein Besitzer war nicht zu sehen.

»Hier«, sagte Marvin hinter mir. »Ein postkartengroßes, offenbar ziemlich neues Farbfoto...«

Ich drehte mich herum und nahm ihm das Bild aus der Hand. Mein Herz machte einen harten, beinahe schmerzhaften Sprung und meine Augen weiteten sich.

Das Girl auf dem Bild war schön. Es stand .neben einem Mann, den ich kannte und schätzte. Es war der Mann, dessen fünfundzwanzigjähriges Dienstjubiläum heute gefeiert wurde, es war Lieutenant Harper.

***

Er hatte auf dem Foto seinen Arm um die Hüfte des Mädchens gelegt. Die beiden lächelten geradewegs in die Kameralinse. Die Art, wie sie nebeneinanderstanden, machte deutlich, daß sie sich gut kannten, sehr gut sogar.

»Kennen Sie den Mann?« fragte ich ihn.

»Nein.«

»Louise hat ihn niemals erwähnt?«

»Nein. Er muß älter sein als sie — viel älter. Sieht aber nicht übel aus, irgendwie ganz vertrauenerweckend. Oder glauben Sie, daß er der Mörder sein könnte?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, das glaube ich nicht. Darf ich das Bild mitnehmen?«

»Bitte«, sagte er und setzte sich wieder. Er stemmte die Ellenbogen auf die Knie und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. »Wer hat das nur getan — und warum, warum?« stöhnte er. »In der Schublade liegt ein Geldbündel. Ich wette, das sind mindestens tausend Bucks. Es kann also kein Raubmord gewesen sein.«

»Das scheidet bei der Grausamkeit des Verbrechens sowieso aus«, machte ich ihm klar. »Warten Sie hier auf mich, bitte — und rühren Sie nichts an.«

Kurz darauf klingelte ich an der Tür der Nachbarwohnung. Eine ältere Frau öffnete mir. Sie war bebrillt, hatte ein ernstes Gesicht und trug ein nicht minder streng wirkendes schwarzes Kostüm. Ich stellte mich vor und bat sie darum, das Telefon benutzen zu dürfen. Glücklicherweise fragte sie nicht nach meinem Ausweis. Ich versuchte, Harper anzurufen, aber niemand meldete sich. Vermutlich ging das Klingeln seines Telefons in der Hektik der Party unter, oder einem Spaßvogel unter seinen Gästen war es eingefallen, den Apparat mit einem Sofakissen abzudecken.

Ich benachrichtigte die Mordkommission. Die Frau hörte mir entsetzt zu und ließ sich in einen Sessel fallen. Als ich auflegte, rang sie nach Luft und preßte eine Hand auf ihr hämmerndes Herz. »Das ist doch... Das ist doch...«

Ich stellte ihr einige Fragen nach Louise Marvin. Die beiden Frauen hatten sich nur flüchtig gekannt, obwohl sie praktisch Tür an Tür lebten, ein Umstand, den man oft genug in großen Wohnsilos findet und der vermutlich nicht zuletzt durch den Alters- und Interessenunterschied zwischen den beiden Frauen erklärt werden konnte.

»Kennen Sie den Mann hier auf dem Foto?« erkundigte ich mich bei der Frau.

»Ja«, sagte sie. »Ja. Er kam oft her. Er hat auch manchmal hier geschlafen — nebenan, meine ich«, fügte sie errötend hinzu. »Das weiß ich genau.«

Ich steckte das Bild wieder ein. »Haben Sie heute abend einen Schuß gehört, einen Schrei — oder andere verdächtige Geräusche, die aus der Nachbarwohnung kamen? Haben Sie gehört oder gesehen, daß Louise Marvin Besuch empfing?«

»Nein«, erwiderte die Frau. »Nein, ich habe nichts gesehen oder gehört.«

»Wer besuchte das Mädchen sonst noch?« wollte ich wissen.

»Keine Ahnung — ich habe nur diesen Mann gesehen«, sagte die Frau. »Er war ziemlich oft hier. Ich kann das verstehen. Sie war so allein — schließlich hatte sie keine Familie mehr. Einfach niemanden.«

»Wie bitte?« fragte ich. »Sie hatte einen Bruder.«

Die Frau musterte mich verblüfft. »Einen Bruder? Sie müssen sich irren. Louise hat mir einmal erzählt, daß sie ohne Geschwister aufgewachsen sei und ihre Eltern bei einem Autounfall verloren habe. Ich erinnere mich deshalb so genau daran, weil sie mir dabei so schrecklich leid tat...«

Ich machte kehrt, hastete aus der Wohnung und stand Sekunden später in Louise Marvins Wohnzimmer. Der Hippietyp, der sich als Bruder der Toten ausgegeben hatte, war verschwunden. Die Schublade des Schreibsekretärs stand weit offen. Ich warf einen Blick hinein und stellte fest, daß das Geld, von dem der junge Mann gesprochen hatte, verschwunden war.

***

Ich wartete das Eintreffen der Mordkommission nicht ab, sondern verließ die Wohnung, fuhr mit dem Lift ins Erdgeschoß und betrat die Straße. In Blackys Wagen steckte noch der Zündschlüssel, aber der Träger des violetten Augenschockers war weit und breit nicht zu sehen.

Ich legte die zweihundert Yard zu Harpers Bleibe im Laufschritt zurück. Die Party schien einen neuen Höhepunkt erreicht zu haben, jedenfalls waren die Lautsprecher der Stereoanlage voll aufgedreht.

»Wo ist Harper?« fragte ich den erstbesten Gast, den ich zu fassen kriegte.

»Irgendwo in diesem Getümmel«, sagte er. »Tauchen Sie im Kopfsprung hinein und probieren Sie Ihr Glück...« Milo kam auf mich zu. »Was ist?« fragte er. Er schrie es fast. An eine normale Unterhaltung war bei diesem Krach nicht z'u denken. Ich zog ihn vor die Tür. »Kennst du das Mädchen an Harpers Seite?« fragte ich und zeigte ihm im Licht der hellen Türlampe das Foto.

»Nee, warum?«

»Sie ist tot«, sagte ich und erklärte ihm, was geschehen war.

Milo war mit einem Schlag stocknüchtern. »Ich habe Harper gesagt, daß jemand sein Fenster und eines seiner Gläser aufs Korn genommen hat«, meinte er. »Harper ließ mich einfach stehen und jagte aus dem Haus...«

»Allein?«'

»Ja, allein.«

»Hat er eine Waffe mitgenommen?«

»Ich weiß es nicht, aber Harper hatte ein Ziel, das war zu spüren, er hat sich bloß nicht mehr die Zeit genommen, mir eine Erklärung zu geben.«

»Warum hat er diese Louise nicht eingeladen?« fragte ich stirnrunzelnd. »Sie war unabhängig, attraktiv, ein Mädchen, das jeder Mann gern seinen Gästen präsentiert haben würde. Weshalb kam sie nicht zu seiner Party?«

»Das kann uns nur der Lieutenant beantworten«, meinte Milo und zog mich von der Tür weg. »Als ich ihm von dem zerschossenen Glas berichtete, fiel bei ihm sofort der Groschen. Ihm muß auf Anhieb klargeworden sein, daß der Schütze in Louise Marvins Wohnung gestanden hat.«

Ich eilte mit Milo die Straße hinab. »Richtig. Aber Harper hat sein Ziel, Louise Marvins Wohnung, offenbar nicht mehr erreicht. Er ist entweder unterwegs abgefangen worden, oder er hat jemand gesehen, den er dann verfolgte.«

»Laß uns überlegen«, sagte Milo. »Der Schuß, der niemand ernsthaft verletzte, kann auch von dem Mädchen abgegeben worden sein, nicht wahr?«

Ich nickte. »Sie wußte, daß der Lieutenant in seinem Haus war und feierte. Vielleicht hat sie versucht, ihn anzurufen, aber da kriegte sie erst mal einen Schlag und erkannte, daß der Apparat nicht zu benutzen war. Also knallte sie kurzerhand auf eines der Fenster, weil sie sich sagen mußte, daß Harper dieses Notsignal sofort verstehen würde.«

»Das wird die Erklärung sein.«

»Wofür?« fragte ich. »Es ist nur eine Hypothese, hinter der ein Dutzend Fragezeichen stehen. Was hat den Hippie veranlaßt, sich als ihr Bruder auszugeben? Als er hörte, daß das Mädchen tot ist, war er geschockt, ich kann nicht glauben, daß er mir das vorgespielt hat...«

»Ohne Harper kommen wir nicht weiter«, sagte Milo.

Wir hatten das Haus erreicht. »Wir brauchen auch Blacky«, sagte ich. »Er ist gleichfalls verschwunden.«

»Es hat keinen Sinn, hier unten stehenzubleiben«, meinte Milo. »Die Mordkommission kann jede Minute eintreffen. Laß uns nach oben fahren. He, was ist?« Er starrte mich an und bemerkte die Veränderung, die mit mir vorgegangen war. »Jesse! Was gibt’s?«

Dann folgte er meinem Blick und sagte nichts mehr.

Das Mädchen, das geradewegs auf uns zukam, trug eine rosafarbige Flanellhose und eine weiße, recht provozierend gefüllte Seidenbluse. Sie war identisch mit dem Girl auf dem postkartengroßen Farbfoto.

Sie stoppte, als ich sie ansprach. »Miß Marvin?« fragte ich ungläubig.

»Louise Marvin«, erwiderte sie kopfnickend. »Woher kennen Sie mich?«

***

Wir nahmen sie in die Mitte und betraten das Haus. Sie ging zwischen uns, aber mitten in der Halle wirbelte sie auf den Absätzen herum und rannte zur Tür. Milo holte sie mit wenigen Schritten ein, packte sie am Arm und riß sie herum. »Wenn Sie mich nicht loslassen, schreie ich um Hilfe«, sagte sie und zitterte am ganzen Leibe.

»Beruhigen Sie sich doch«, sagte er und zeigte ihr seinen Ausweis. »Wir sind FBI-Leute...«

Louise Marvin verzog das Gesicht. »G-men mit einer Whiskyfahne?« fragte sie. »Das gibt’s nicht.«

»Wir kommen von Harpers Party«, sagte ich.

»Was wollen Sie von mir? Warum sind Sie hergekommen? Hat er Sie geschickt?«

»Da war ein Mädchen in Ihrer Wohnung«, sagte ich. »Kennen Sie sie?«

Louise Marvin starrte mir in die Augen. »Ob ich sie kenne? April ist meine beste Freundin.«

»Wann haben Sie die Wohnung verlassen?«

»Was soll das alles?« fragte sie. »Ich verstehe das nicht.«

»Dann wüßten wir gern, warum Sie Angst haben — und vor wen«, sagte ich.

»Hätten Sie keine Angst, wenn Sie plötzlich von zwei Unbekannten in die Mitte genommen würden — praktisch in die Mangel?« stieß sie hervor. »Irgend etwas in im Gange. Ich weiß nicht, was — aber man ist hinter mir her.«

»Haben Sie einen Bruder?« fragte ich. »Nein, wieso?«

Wir betraten den Lift und fuhren nach oben. Die Tür war nur angelehnt, so wie ich sie verlassen hatte. Wir gingen ins Wohnzimmer. »April!« rief Louise, als wir das Wohnzimmer betraten. »April...« Sie unterbrach sich, als sie die offene Schublade des Sideboards sah. Sie ging darauf zu und warf einen Blick hinein. Dann schaute sie uns an. »Das Geld fehlt«, sagte sie.

»Wie viel war es?« wollte ich wissen. »Vierhundert Dollar«, meinte sie und setzte sich. »Ich glaube, Sie wissen mehr, als Sie zugeben wollen. Warum schauen Sie mich so seltsam an? Was ist passiert?«

Es hatte keinen Zweck, weit auszuholen. Die Mordkommission konnte jeden Augenblick eintreffen. »April ist tot«, sagte sie. »Sie wurde ermordet.« Louise Marvin schloß die Augen. Sie sah nicht ganz so jung aus wie auf dem Bild, aber sie hatte ein regelmäßig geschnittenes Gesicht mit hohen Jochbeinen, einer kleinen, etwas stupsigen Nase und einem weichen vollen Mund. Sie hob die Lider und musterte uns aus großen ängstlichen Grauaugen, die im Schatten langer, seidiger Wimpern lagen.

»Das sollte mich treffen«, flüsterte sie zitternd. »Mein Gott, wenn ich das geahnt hätte...«

»Was wäre dann gewesen?« fragte Milo.

Louise Marvins runde Schultern sackten nach unten. Sie starrte ins Leere. »Ich habe seit Wochen so ein schreckliches Gefühl«, sagte sie. »Ich fühle mich beobachtet, beschattet. April meinte, ich würde an Verfolgungswahn leiden. Sie glaubte, mir helfen zu können, wenn sie hier schläft. Wenn etwas nicht in Ordnung wäre, so meinte sie, würde ihr das nicht entgehen. Warum hat man das getan, warum hat man sie getötet?«

»Diese Frage können offenbar nur Sie beantworten«, sagte ich und hatte einen plötzlichen Verdacht, der mich erschreckte. »Sah April Ihnen ähnlich?«

»Nein, aber sie war blond, gleichaltrig und ungefähr von gleicher Figur.«

Ich beschrieb ihr den Hippietyp. »Das muß Hugo gewesen sein«, erklärte Louise Marvin ohne Zögern. »Hugo Spellner. Ich war lange Zeit mit ihm befreundet. Er ist viel jünger als ich. Er fühlte sich wohl in meiner Gesellschaft, er war in mich verliebt, glaube ich. Ich trennte mich von ihm, als ich begriff, daß ihm nicht zu helfen war und daß er unentwegt weiterhaschte...«

»Wo finden wir ihn?« fragte ich.

»Er hat keinen festen Wohnsitz, glaube ich. Zuletzt verkehrte er im Motown II in Brooklyn.«

Milo und ich tauschten einen kurzen Blick. Wir kannten das Lokal. Eine Haschkneipe, die bis jetzt noch jede Razzia überstanden hatte.

»Er kam plötzlich in die Wohnung gestürzt, mit einem geladenen Revolver in der Hand«, sagte ich. »Wie erklärt sich das?«

»Keine Ahnung.«

»Er gab sich als Ihr Bruder aus.«

»Er spinnt ein bißchen. Er ist nicht dumm oder schlecht, aber er hat die Angewohnheit, in immer neue Rollen zu schlüpfen. Es macht ihm Spaß, seine Mitwelt zu foppen.«

»Vieles deutet darauf hin, daß er mit dem Geld verschwunden ist«, sagte ich.

»Kann schon sein. Er war knapp bei Kasse«, meinte Louise Marvin. »Das Geld kümmert mich nicht. Es geht um April. Mein Gott...« Sie begann leise zu schluchzen. Es klingelte. Milo ging hinaus. Lieutenant Bryan vom 2. Morddezernat kam .mit seinen Leuten herein. Wir schickten das Mädchen in die Küche.

Während die Fotografen und die Experten des Spurensicherungsdienstes an die Arbeit gingen, gab ich zu Protokoll, was ich wußte. Dann begab ich mich in die Küche, wo Milo mit dem Mädchen sprach. Louise Marvin rauchte mit kurzen, hastigen Zügen. Sie hatte eine Cola vor sich auf dem Tisch stehen.

»Seit wann kennen Sie Lieutenant Harper?« fragte ich sie.

»Seit drei Monaten.«

»Warum sind Sie heute nicht zu seiner Party gegangen?«

»Das habe ich gerade Ihrem Kollegen erklärt«, sägte sie. Ihre anfängliche Verzweiflung war einer gewissen Apathie gewichen. Ich schaute Milo an.

Er lehnte am Kühlschrank, hatte die Hände in die Hosentaschen geschoben und kaute auf einem Chewinggum herum.

»Sie war eingeladen«, sagte er. »Sie wollte nicht.«

»Warum?« fragte ich.

»Ich hatte Angst, das sagte ich Ihnen doch schon, ich fühlte mich verfolgt«, erklärte sie.

»Wie dachte Ihr Freund, Lieutenant Harper, darüber?« erkundigte ich mich.

»Dirk war der einzige, dem ich nichts davon berichtete«, meinte Louise Marvin. »Aber natürlich merkte er, daß etwas mit mir nicht stimmte. Er stellte bohrende Fragen, er wollte wissen, was mich quält. Ich antwortete ihm ausweichend. Verdammt, er hat einen so harten, schweren und gefährlichen Job, seine Arbeit ist wichtig für die Allgemeinheit, nicht wahr? Da konnte ich ihm doch nicht mit meinen privaten Sorgen und Ängsten kommen, das wäre mir nicht richtig erschienen.«

»Besitzen Sie eine Schußwaffe?« fragte ich.

»Nein.«

Milo und ich wechselten kurz darauf noch einige Worte mit dem Lieutenant, dann verließen wir die Wohnung. Als wir die Halle des Hauses durchquerten, kam uns Blackfeather entgegen. Er sah sauer aus.

»Fehlanzeige«, meinte er. »Ich bin einem Mann gefolgt, der einen länglichen, in Papier eingewickelten Gegenstand unter dem Arm hätte. Ich stoppte ihn nicht gleich, weil ich herausfinden wollte, wo er wohnt und zu wem er Verbindungen unterhält. Pustekuchen! Er war ein einfacher Handwerker, der sich mit ein wenig Schwarzarbeit das Einkommen aufbesserte. Das Paket enthielt sein Handwerkszeug.«

Wir gingen zurück zu Harpers Haus. Ich berichtete Blackfeather, was geschehen war und schloß: »Alles deutet daraufhin, daß der Tod von Louise Marvin Harper treffen sollte. Noch wissen die Gangster vermutlich nicht, daß sie die Falsche erwischten. Es wird notwendig sein, Louise Marvin unter Polizeischutz zu stellen.«

»Wo ist Harper?« fragte Blackfeather. »Was sagt er dazu?«

»Möglicherweise wurde er von den Gangstern entführt. Sie wollen ihn nicht nur in ihre Gewalt bringen, sie wollen ihn auch quälen. Der Tod seiner Freundin sollte wohl nur ein Glied in der Kette sein.«

Milo blieb stehen. Er legte den Kopf in den Nacken und meinte: »Wenn nicht alles täuscht, war der Ablauf des Verbrechens exakt geplant. Der Schuß ins Fenster sollte seine Befürchtungen wecken und ihn zu Louise eilen lassen. Dort sollte er auf die Tote stoßen. Bei dem Versuch, die Polizei zu alarmieren, wäre er von dem präpapierten Telefon außer Gefecht gesetzt worden.«

Wir gingen weiter. »So sehe ich das auch. Die Gangster hatten vor, ihn nach dem grausamen Schock zu entführen. Als sie erkannten, daß ich, der falsche Mann, in die Wohnung gekommen war, fingen sie Harper unterwegs ab.«

»Aber warum?« wollte Blackfeather wissen. »So was kann sich doch nur ein Wahnsinniger einfallen lassen!«

»Oder einer, dessen Haß und Grausamkeit alle Normen sprengt«, sagte ich. Wir hatten Harpers Haus erreicht. »Verdammt, mein Wagen«, sagte Blackfeather und eilte zurück. Milo und ich mischten uns unter die Gesellschaft. Der Lärm war ohrenbetäubend. Ich sah Sergeant Kensington, einen von Harpers langjährigen Mitarbeitern. Er hatte ein hochrotes Gesicht und in seinen kleinen dunklen Augen glitzerte pures Vergnügen. Ich zog ihn vor die Haustür.

»Wo ist der Lieutenant?«

»Ich habe ihn vor einer Viertelstunde rausgehen sehen, er war in Eile...«

Ich berichtete Kensington, was passiert war. Während ich sprach, kreuzte auch Milo wieder auf. Kensingtons Gesicht wurde noch röter, als es schon war, aber der heitere Glanz in seinen Augen erlosch.

»Vieles spricht dafür, daß es sich um einen Racheakt handelt«, schloß ich. »Dirk Harper hat im Laufe seiner fünfundzwanzigjährigen Tätigkeit einige hundert Fälle geklärt. Durch seine Arbeit mußten Verbrecher ihr Leben in Gefängnissen, in Gaskammern oder auf dem Elektrischen Stuhl beschließen. Irgend jemand scheint den irren Vorsatz gefaßt zu haben, ihm das heimzuzahlen. Es kann sich um einen Mann handeln, der nach langjähriger Strafe aus der Haft entlassen wurde, aber es kann auch der Angehörige einer Person sein, die mit dem Henker Bekanntschaft machte.«

Kensington sah ratlos aus. »Ich arbeite seit sieben Jahren mit dem Lieutenant zusammen«, sagte er. »Ich habe fast jeden Fall noch im Kopf. Ich könnte Ihnen einige Leute nennen, die den Lieutenant gern hochgehen lassen würden — aber es ist niemand darunter, der nach meinem Dafürhalten imstande wäre, eine Wahnsinnsaktion wie diese zu starten.«

Wir wandten die Köpfe, als wir das Kreischen von Autobremsen hörten. Blackfeather kletterte aus seinem Wagen und kam auf uns zu. Er schwenkte eine Brieftasche in der Hand. »Hier, die gehört dir«, sagte er. »Sie lag in meinem Schlitten, auf dem Beifahrersitz.«

»Vorsicht«, sagte ich. »Wir müssen sie auf Prints untersuchen lassen — obwohl nichts dabei herauskommen dürfte.«

Ich blickte hinein. Geld und Ausweis waren darin, es fehlte nichts.

»Wir brauchen diesen Hippie«, sagte ich. »Er muß gewußt haben, daß in der Wohnung etwas passieren sollte. Er kann uns auf die Spur der Gangster bringen.«

***

Das Schaukeln und Schütteln drang nur allmählich in sein Bewußtsein. Er wehrte sich dagegen, er wollte zurücktauchen in die anonymen Tiefen totaler Ruhe, aber sein Bewußtsein wurde immer aktiver und signalisierte ihm die Notwendigkeit von Wachsamkeit und Gefahr.

Blinzelnd hob Lieutenant Harper die Lider. Hinter seiner Stirn staute sich ein dumpfer Druck, aber er konnte klar denken und ihm fiel ein, was geschehen war.

Er saß im Fond eines Wagens, gefesselt an Händen und Füßen. Neben ihm saß ein mürrisch aussehender Hüne von schätzungsweise fünfunddreißig Jahren. Der Hüne trug einen Zweireiher mit Nadelstreifen, aber keine Krawatte. Der offene Hemdkragen zeigte den sehnigen Hals des Mannes.

Ein zweiter Mann lenkte den Wagen. Dieser Bursche trug einen weichen beigefarbigen Filzhut. Er hatte ihn aus der Stirn geschoben, so daß der Ansatz seines dunklen, ölig glänzenden Haares sichtbar wurde-. Auch der Fahrer war nicht älter als fünfunddreißig.

Das Autoradio spielte. Harper verstand genug von Automodellen, um zu erkennen, daß sie in einem 69er Dodge saßen. Das Innere machte einen ziemlich ramponierten Eindruck.

Harper warf einen Blick nach draußen. Er stellte fest, daß sie sich auf dem Highway 287 befanden; sie mußten also schon den Hudson auf der Tarrytown-Brücke überquert haben.

Seine Erinnerung war völlig klar. Milos Hinweis auf das zerschossene Fenster, der Gedanke an Louise, der Start nach draußen — Und dann plötzlich die zwei bewaffneten Männer. Der Schlag auf den Köpf, das Abrutschen in den Strudel einer tiefen Bewußtlosigkeit.

Dirk Harper hatte keine Angst. Es gab keinen Grund dafür. Natürlich hatte er Feinde, aber doch wohl keinen, der so verrückt sein würde, sich an einem Lieutenant der Mordkommission zu vergreifen. Er schüttelte den Kopf. Ausgerechnet an seinem Dienst jubiläum mußte ihm das passieren. Ob die Gäste sein Verschwinden bereits bemerkt hatten?

Harper kannte die Männer im Wagen nicht, er sah sie zum erstenmal.

»Wie wär’s mit einer Zigarette?« fragte er. Sie hatten ihm eine Wolldecke über den Schoß geworfen. Seine gefesselten Hände lagen unter der Decke, abgeschirmt gegen neugierige Blicke. Er bewegte behutsam die Gelenke und begriff, daß es unmöglich sein würde, die expertenhaft verknoteten Stricke ohne fremde Hilfe abzustreifen.

Der Hüne schaute ihn an. Er hatte graue, seltsam flach wirkende Augen, die kein Gefühl ausdrückten. Er musterte Harper teilnahmslos, dann blickte er wieder geradeaus.

»Können Sie nicht reden?« fragte Harper.

Die Männer schwiegen. Offenbar hatten sie den Auftrag, keine Unterhaltung mit ihm zu beginnen. Harper fing an, sich sehr ungemütlich zu fühlen. Er wunderte sich, daß die Männer keine Anstalten trafen, das Fahrtziel zu verbergen. Er konnte anhand der vorübergleitenden Orts- und Hinweisschilder mühelos den Weg verfolgen, den sie nahmen. Das gestattete nur eine Erklärung. Sie hatten nicht vor, ihm die Rückreise zu erlauben. Sie sahen keinen Grund, die Fahrt zu tarnen. Tote Zeugen reden nicht.

Das war ein Romantitel, er fiel Harper nur so ein, aber es trug nicht dazu bei, seine Stimmung zu bessern. Harper überlegte, was er tun konnte, um den Gangstern zu entkommen oder die Entführung zu stoppen.

Beim nächsten Ampelstop konnte er die Tür aufstoßen oder einfach eine Scheibe zertrümmern. Das Spektakel hatte gute Aussichten, von Zeugen richtig gewertet zu werden. Ganz sicher würde sich jemand finden, der sich die Nummer des Wagens einprägte und die Polizei benachrichtigte. Die Frage war nur, ob die Männer nach einem solchen Zwischenfall die Reise mit dem sicherlich gestohlenen Dodge fortsetzen würden. Harper neigte zu der Ansicht, daß sie den Wagen wechseln würden. Nicht nur das. Sie würden auch sicherstellen, daß er kein zweites Mal die Chance erhielt, verrückt zu spielen. Solche Erfahrungen konnten sehr schmerzhaft sein.

Wenn er keine hundertprozentige Möglichkeit bekam, den Männern zu entrinnen, war es wohl besser, Nerven und Geduld zu bewahren. Dirk Harper rechnete fest damit, daß er am Ziel des Trips den Boß der Männer kennenlernen würde, den Auftraggeber der Aktion.

Dirk Harper war neugierig auf ihn. Mit einem Boß konnte man reden, man konnte ihm einiges über die Realität des Geschehens und seiner Folgen sagen, man konnte ihn bei geschickter Handlungsführung zu einer Änderung seiner Politik bewegen.

Der Dodge verließ jetzt den Highway und fuhr am Nordufer des Lake of Forest in Richtung Parrott. Etwa drei Meilen hinter dem See bog der Wagen auf einen Feldweg ein. Harper blickte gespannt nach vorn. Die grell in die Nacht stechenden Scheinwerfer erfaßten einen breiten, stark ausgefahrenen Weg, der von Maisfeldern eingesäumt wurde. Nach etwa fünfminütiger Fahrt tauchten die rotgestrichenen Gebäude einer gepflegt wirkenden Farm vor ihnen auf. In dem einstöckigen Wohnhaus brannte Licht. Dahinter ragten die hohen Türme einiger Getreidesilos in den sternenklaren Himmel.

Der Wagen stoppte vor dem Wohnhaus. Der Hüne und der Fahrer kletterten ins Freie. Der Fahrer ging in das Haus, während der Hüne den Schlag öffnete und ein barsches: »Aussteigen!« forderte.

»So geht das nicht«, sagte Dirk Harper. »Lösen Sie mir die Fußfesseln.«

Der Gangster zögerte. Er blickte zum Haus, dann bückte er sich, schlug die Wolldecke beiseite und machte sich daran, Dirk Harpers Vorschlag in die Tat umzusetzen. Solange der Lieutenant gefesselte Hände hatte, bestand so leicht keine Gefahr.

Der Hüne bewies beim Lösen der Knoten eine erstaunliche Fingerfertigkeit. Sein sich beulendes Jackett gab deutlich den Blick auf den in der Schulterhalfter steckenden Revolver frei.

Der Lieutenant holt tief Luft. Jetzt oder nie! Er segnete den Umstand, daß die Herrenmode in dieser Saison klobige, schwere Schuhe verlangte und riß im nächsten Moment seinen Fuß gezielt nach oben. Er traf das Kinn seines Gegners genau auf den Punkt. Der Hüne wurde zurückgeschleudert und stürzte zu Boden, aber er war nicht voll betäubt, seine Hand tastete nach der Waffe im Schulterhalfter.

Dirk Harper jumpte aus dem Wagen. Er kickte ein zweites und drittes Mal nach dem Gegner. Der erwischte mit seinen Händen den stoßenden Fuß und drehte ihn herum. Dirk Harpers Nervenenden schienen bei dem jähen Schmerz in Flammen zu stehen, aber er fand noch genügend Kraft und Reaktionsfähigkeit, um im Sturz den Kontergriff zu inszenieren.

Seine gefesselten Hände trafen den Hünen. Der Gangster war k. o.

Schwer atmend und nicht ohne Mühe zerrte Dirk Harper den Revolver aus der Schulterhalfter des Bewußtlosen. Es kostete dem Lieutenant fast alle Nerven, daß seine gründlich gefesselten Hände die Waffe zwar halten, aber nicht den Abzug berühren konnten. Endlich hatte er einen Weg gefunden; er war mit heftigen Schmerzen verbunden, weil die Stricke dabei unbarmherzig in seine Haut schnitten.

Er sah, daß die Trommel gefüllt war. Die Haustür öffnete sich. Der Fahrer trat über die Schwelle und blieb stehen, als sei er entschlossen, die jahresbeste Imitation einer Salzsäule zu liefern. Dann gab er sich einen Ruck, griff nach seinem Hosenbund und versuchte, den darin steckenden Revolver herauszuziehen.

Dirk Harper schoß und traf.

Der Gangster warf beide Arme in die Luft und stürzte dann schwer die vier hölzernen Stufen hinab, die sich zwischen dem Vorplatz und dem Stepwalk befanden. Er blieb liegen, ohne sich zu rühren. Sein Hut war ihm vom Kopf gefallen.

Dirk Harper rannte auf das schützende Dunkel zu, das sich zwischen dem Wohnhaus und den Getreidesilos staute. Ein Hund begann wild zu kläffen.

Dirk Harper stoppte, als er sich plötzlich von grellem Licht geblendet sah.

Es schien von allen Seiten zu kommen, eine wahre Lichtorgie, in deren Mittelpunkt er- sich unvermittelt sah.

Die Scheinwerfer blendeten ihn. Er hatte den Wunsch, die schmerzhafte, glühende Helligkeit mit einigen Geschossen aus dem Revolver auszulöschen, aber es wäre unklug gewesen, diesem Impuls zu folgen.

Erstens war die Zahl der rundum installierten Scheinwerfer zu groß, und zweitens verspürte er keine Lust, seine letzten Trümpfe zu opfern.

Er rannte weiter, geradewegs auf einen der scheinbar weißglühenden Scheinwerfer zu. Irgendwo dahinter mußte die rettende Dunkelheit beginnen; er wünschte sie erreicht zu haben, noch ehe die Gangster eine Chance bekamen, ihn zur Zielscheibe zu machen.

Alles in ihm schien sich zusammenziehen zu wollen, als er den Schuß hörte. Ihm war es zumute, als würde der Teufel mit der Peitsche nach ihm schlagen. Ihre Spitze verfehlte seine Schläfe nur um Haaresbreite.

Er rannte weiter und atmete auf, als er den Scheinwerfer passiert hatte. Es überraschte ihn, daß sich auch dahinter noch große Helligkeit ausbreitete, aber sie war nicht länger störend und gefährlich, denn die am Rande des Gebäudekomplexes installierten Scheinwerfer wiesen von allen Seiten zur Mitte, sie tauchten nur den großen Hof in gleißendes Licht.

Die Scheinwerfer hinter ihm gingen aus, mit einem Schlag. Die jähe Dunkelheit traf ihn fast ebenso unerwartet wie die geballte Lichtfülle. Er stolperte weiter und fiel, hielt jedoch den Revolver krampfhaft fest und war im Nu wieder auf den Beinen. Da er das Gelände nicht kannte, war es sicherlich unklug, das Tempo zu forcieren; es empfahl sich, ein Versteck mit Rückendeckung zu wählen und abzuwarten, was seine Gegner in Szene setzten.

Wieder fiel ein Schuß, aber diesmal blieb das Gefühl peinigender Angst aus; der Schütze hatte weit daneben gehalten. Dirk Harper hastete weiter. Seine Augen gewöhnten sich an das Dunkel und profitierten von der relativen Helligkeit des sternenklaren Himmels.

Er entdeckte vor sich einen Schlängelpfad, der über eine Wiese führte und folgte der hellen Spur. Er lief dicht neben dem Pfad, um sicherzustellen, daß seine Schritte von der Grasnarbe praktisch verschluckt wurden.

Seine Hände fühlten sich an, als wollten sie im nächsten Moment zerspringen, aber er mußte mit dem Schmerz fertig werden und den Revolver schußbereit im Griff behalten. Vor ihm tauchte ein Maschendrahtzaun auf. Er war übermannshoch. Dirk Harper blieb stehen und wandte sich um. Der Gebäudekomplex der großen Form zeichnete sich deutlich vor dem Nachthimmel ab. Die beleuchteten Wohnhausfenster und eine Lampe über dem Hauseingang waren die einzigen Lichtquellen, die er im Moment ausmachen konnte, aber es gab keinen Zweifel, daß die Gangster innerhalb der nächsten Minuten mit Lampen nach ihm zu suchen beginnen würden.

Er konnte den Zaun nicht überwinden, ohne die Hände zur Hilfe zu nehmen. Er schob den Revolver in den Hosenbund und sprang den Zaun an, ließ ihn aber sofort wieder los und stürzte mit einem Schmerzensschrei zu Boden. Sein Puls arbeitete auf Hochtouren. Der Zaun stand unter Strom.

Er lief von der Farm weg, immer am Zaun entlang, der sich mit dem Boden hügelabwärts senkte. Im Laufen zerrte er die Waffe aus dem Hosenbund. Der Schmerz, der ihn sofort wieder packte, mußte geschluckt werden; ohne die schußbereite Waffe hatte er kaum eine Chance, die Flucht erfolgreich fortzusetzen.

Aber hatte er überhaupt eine Chance?

Plötzlich hörte der Zaun auf; ein Stück davon ragte über den Metallpfahl hinaus, dahinter setzte sich die leicht abfallende Wiese fort. Dirk Harper bewegte sich nur noch langsam und sehr vorsichtig vorwärts, denn er hatte das dumpfe Gefühl, in eine Falle zu geraten.

Er hatte immer noch den Wunsch, in einem passenden Versteck unterzutauchen, aber es gab keines weit und breit.

Am unteren Ende des kleinen Hügels befand sich ein schmaler festgetretener Weg. Dirk Harper folgte ihm bis zu einer Brücke, die über einen kleinen, romantisch plätschernden Bach führte. Dirk Harper überlegte, ob es ratsam war, sich unter der Holzbrücke zu verbergen, ging aber weiter, ohne einen Entschluß zu fassen.

Hin und wieder blieb er stehen. Außer dem Plätschern des nahen Baches war nichts zu hören. Er beruhigte sich langsam. Es kam jetzt darauf an, das Richtige zu tun und die Vorbereitungen der Gangster zu unterlaufen. Daß sie versuchen würden und auch in diesem Moment bemüht waren, ihn wieder einzufangen, unterlag keinem Zweifel. Sie kannten das Gelände und wußten sicherlich auch, welche Wege und Punkte sie überwachen oder besetzen mußten, um seiner Flucht ein Ende zu bereiten.

Das brachte ihn auf eine Idee. Sie setzten sicherlich voraus, daß er danach strebte, sich ebenso schnell wie zielsicher von der Farm zu entfernen. Was würde wohl geschehen, wenn er genau das Gegenteil davon hat und sich statt dessen auf die Farm zubewegte?

Der Gedanke faszinierte ihn. Er war überzeugt davon, daß die Gangster ihn im Gelände suchten und praktisch jeden Mann benötigten, um die Aktion in Gang zu halten. Unter Umständen war die Farm in diesem Moment nicht besetzt wenn er es schaffte, unbemerkt in das Wohnhaus zu gelangen, bot sich ihm unter Umständen sogar die Chance, die Polizei anzurufen.

Er machte kehrt. Langsam, geduckt, aber trotzdem sehr zielbewußt, legte er den gleichen Weg zurück, den er gekommen war. Er sah und hörte niemand. Die Taschenlampenlichtkegel, mit- denen er gerechnet hatte, blieben aus.

Die Ruhe irritierte und entnervte ihn, aber da er glaubte, für sie eine Erklärung gefunden zu haben, setzte er unverdrossen seinen Weg fort.

Er gelangte unbehindert bis an die offenstehende Tür des Farmwohnhauses. Der Hut des Gangsters lag noch vor den Stufen im Schmutz, sein Besitzer war weggetragen worden. Zehn Yard von der Tür entfernt parkte noch der Dodge mit offenem Wagenschlag. Dirk Harper sah im Inneren den Zündschlüssel blinken. Sein Herz begann zu hämmern. Er mußte die verdammten Fesseln loswerden, dann konnte er mit dem Wagen verschwinden...

Er stieg die vier Stufen hinauf, huschte in die große hallenähnliche Diele, blieb stehen und hielt die Luft an. Er hörte das Ticken einer alten Uhr, sonst nichts.

Eine steile Holztreppe führte in das Obergeschoß. Die Tür zum Wohnzimmer stand halb offen. Aus Dirk Harpers Blickwinkel waren in dem beleuchteten Raum eine Couch, ein Kamin und ein an der Wand hängendes altes Gewehr zu erkennen.

Dirk Harper wunderte sich, daß der Hund schon seit einiger Zeit nicht mehr bellte. Verwendete man ihn in diesem Augenblick zur Spurensuche?

In diesem Moment ertönte eine Stimme.

Sie kam aus dem Wohnzimmer, klang sehr sonor und gehörte zu einem Mann, der sich seiner Autorität bewußt zu sein schien.

»Kommen Sie herein, Harper«, sagte die Stimme. »Ich warte auf Sie.«

***

Der Lieutenänt gab sich einen Ruck. Er hielt den Revolver fest in beiden Händen. Sein Finger lag am Abzug. Er näherte sich der Tür, stieß mit dem Fuß dagegen und ließ sie knarrend zurückschwingen. Dann trat er auf die Schwelle und stoppte.

In einem alten ledernen Ohrensessel saß ein grauhaariger Mann von schwer bestimmbaren Alter. Der Mann hatte das wie gegerbt wirkende Gesicht eines Farmers und helle blaue Augen, die hinter den ovalen Gläsern einer reichlich antiquiert anmutenden Brille lagen. Das kurzgeschnittene Haar, abgearbeitete, klobige Hände, ein rotkariertes Flanellhemd, das am Hals offenstand, und graue Hosen aus Manchesterkord vervollständigten das Bild eines Mannes, der auf dem Lande groß geworden war und sich nur hier wohl zu fühlen vermochte.

Dirk Harper schluckte. Er wußte, daß das Bild nicht stimmte. Nicht ganz jedenfalls. Er erinnerte sich, daß Bill Durham tatsächlich auf dem Lande groß geworden war, aber seine Erfolge, oder das, was er dafür gehalten hatte, entstammten seinen Tätigkeiten in der Stadt.

»Durham«, murmelte Dirk Harper. »Überrascht?«

»Ein wenig.«

»Jetzt wissen Sie Bescheid.«

»Ja, jetzt weiß ich Bescheid«, sagte Dirk Harper schleppend. »Aber das gilt auch für Sie. Legen Sie Wert darauf, daß ich mich freischieße und dabei mit Ihnen beginne?«

»Das schaffen Sie nicht«, erklärte der Grauhaarige, dessen harter klarer Blick in seltsamen Widerspruch zu der scheinbaren Hinfälligkeit seines alternden Körpers stand. »Sie können abdrücken und mich töten, aber Sie kommen nicht weg von hier. Die Farm wurde von mir mit klugem Vorbedacht gewählt; ich kann alle Zugänge sperren lassen.«

»Was versprechen Sie sich davon?«

»Wissen Sie, Harper«, sagte Bill Durham, »jeder Mensch hat ein Ziel. Er würde ersticken, wenn er nicht für dieses Ziel kämpfen könnte. Erinnern Sie sich noch an Jessica?«

Dirk Harper nickte. Er ahnte, was jetzt kommen würde und täuschte sich nicht damit.

»Ich habe sie geliebt«, sagte Bill Durham. »Und sie liebte mich. Ich habe eine solche Liebe nur einmal erlebt. Natürlich versuchte ich, sie zu wiederholen — mit anderen. Aber es ging nicht. Die große Liebe gibt es für jeden nur einmal, glaube ich. Teilen Sie diese Ansicht?«

Dirk Harper schwieg. Es hatte keinen Zweck zu antworten. Der Alte schien es auch gar nicht zu erwarten. Er hatte auf diesen Augenblick gewartet, fast zwanzig Jahre lang, jetzt war er entschlossen, ihn auszukosten, bis zur Neige.

Dirk Harper machte einen Schritt nach vorn. Dann trat er zur Seite. Er wollte eine Wand im Rücken haben. Oder war es klüger, wenn er sich einfach hinter Durham stellte? Ja, das war besser. Dann konnte er gleichzeitig die Tür im Auge behalten...

Bill Durham schien sich nicht daran zu stören, daß der Lieutenant hinter den Ohrensessel trat. Der Alte redete weiter, ohne den Kopf zu wenden.

»Jessica wollte mich decken. Oder mit mir sterben. Ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls versuchte sie, durch ihr Opfer mein Leben zu retten...«

»Sie sehen das verklärt«, widersprach ihm Dirk Harper. »Ich bestreite nicht, daß das Mädchen sie liebte, aber als sie auf dem Bahndamm vor den Zug stürzte, als durch den Unfall unsere Verfolgungsjagd platzte und Ihnen die Flucht ermöglicht wurde, wurde das Mädchen wohl nicht von Liebe, sondern einfach von Panik gehetzt.«

»Panik, die Sie zu verantworten haben«, sagte Bill Durham.

»Sie übersehen einen wichtigen Punkt«, meinte Dirk Harper. »Wir wären niemals hinter Ihnen her gewesen, wenn Sie nicht zwei Banken beraubt und dabei einen Mann erschossen hätten.«

»Das gab Ihnen kein Recht, Jessica zu töten.«

»Ich habe sie nicht getötet.«

»Doch«, sagte Bill Durham. »Sie haben das Mädchen buchstäblich in den Tod gejagt.«

»Wir forderten sie pflichtgemäß wiederholt zum Stehenbleiben auf, sie rannte weiter, wie von Furien gehetzt«, sagte Dirk Harper. »Dabei geriet sie unter den Zug.«

Während er sprach, wuchs sich der Schmerz in seinen gefesselten Händen zur Qual aus. Das Brennen und Stechen des Blutstaus wurde langsam unerträglich. Er hörte mit einem Ohr nach draußen. Früher oder später mußten Durhams Gangster begreifen, daß er, Dirk Harper, sich in das Wohnhaus geschlichen hatte. Vielleicht brachte sie auch die Nase des Hundes darauf. So oder so spitzten sich die Ereignisse zu, sie konnten nur mit einem Drama enden.

Was sollte er tun, wenn sich die Tür öffnete und einer der Gangster auf der Schwelle erschien? Ihm blieb keine Wahl. Er mußte versuchen, Bill Durham als Geisel zu benutzen.

»Ich habe später die Fotos gesehen«, sagte Bill Durham. »Die Fotos von dem Unfall. Die Räder hatten Jessica verstümmelt. Als ich...« Seine Stimme brach, sie/zitterte, im nächsten Moment hatte er sie wieder in der Gewalt. »Als ich das sah, schwor ich mir, daß Sie das gleiche erleben müssen. Koste es, was es wolle. Sie sollten, genau wie ich, vor einem Menschen stehen, den Sie liebten — und dieser Mensch sollte genau wie Jessica... Nun ja, ich brauche es nicht näher zu erläutern. Sie haben inzwischen erfahren, daß ich mein Ziel erreicht habe. Louise Marvin ist tot. So wie ich es wollte.«

Dirk Harper zitterte plötzlich am ganzen Leib. Er konnte nicht sagen, ob der Blutstau daran schuld war, oder das wahnwitzig anmutende Bekenntnis eines Mannes, der nur noch dem Haß' und seiner Befriedigung lebte.

»Ich verbrachte nach meiner Verhaftung und Verurteilung fast siebzehn Jahre hinter Gittern«, fuhr der Mann fort. »Dann wurde ich entlassen, wegen guter Führung.«

»Ich weiß«, sagte Dirk Harper mit tonloser Stimme. »Danach tauchten Sie unter. Sie waren plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Man hat nichts mehr von Ihnen gehört.«

»Das war vor vier Jahren«, sagte Bill Durham. »Ich habe meine Zeit genutzt, Harper, aber ich wäre beinahe an einer nicht unwichtigen Kleinigkeit gescheitert.«

»Nämlich?« fragte Dirk Harper, der Mühe hatte, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Der Gedanke an Louise, das stechende Brennen in seinen gefesselten Händen und die Gefahr, in der er sich befand, schufen eine unwirkliche, quälende Situation, die er nur mühsam meistern konnte.

»Da war niemand, den Sie liebten«, sagte Bill Durham bitter. »Sie lebten nur Ihrer Arbeit, Sie waren ein Musterpolizist. Bis Louise kam. Louise Marvin. Das jab mir endlich Gelegenheit, die letzte Runde einzuläuten...«

»Wenn sie tot ist, dann — dann...« Dirk Harper fand keine passenden Worte. Der Haß schnürte ihm die Stimme ab.

»Dann? Was ist dann?« höhnte Bill Durham. »Dann legen Sie mich um, was?« Er lachte kurz und bitter. »Da sieht man mal wieder, was von eurer Scheißmoral zu halten ist! Sobald ihr selber betroffen seid, reagiert ihr wie jeder andere normale Sterbliche, dann pfeift ihr auf Recht und Gesetz...«

»Louise lebt«, murmelte Dirk Harper und war sich bewußt, daß er wie ein Medizinmann redete, der eine Beschwörungsformel benutzt. »Sie lebt, sie lebt!«

»Sie ist tot. Andy hat es für mich besorgt«, sagte Bill Durham. »Es hat mich ein Vermögen gekostet, mein Junge, aber ich kann mir das leisten. Ich mußte es tun. Erst jetzt kann ich wieder frei atmen.«

»Sie sind eine Bestie, Durham. Sie sind für mich kein Mensch«, würgte Dirk Harper hervor. Seine Hand zitterte immer stärker. Er war sich des damit verbundenen Risikos bewußt. Wenn das Zittern noch heftiger wurde, konnte leicht der Abzug betätigt werden...

»Sie irren sich«, sagte Bill Durham. »Tiere kennen keine Rache. Demnach bin ich ein Mensch. Noch habe ich meine Arbeit nicht beendet, Lieutenant. Ich habe vor, sie mit Ihrem Tod zu krönen.«

»Sie vergessen die Kanone in Ihrem Rücken«, sagte Dirk Harper schwer atmend.

Bill Durham lachte heiser und höhnisch. »Denken Sie doch einmal nach, Harper. Sie haben ein langes Leben, fünfundzwanzig Dienstjahre, um genau zu sein, dem Ideal geopfert, das Verbrechen zu bekämpfen. Wollen Sie sich am Ende Ihres Lebens selbst ein Bein stellen und sich zu Fall bringen, indem Sie alle Ideale über Bord werfen? Sie können mich töten, gewiß. Aber damit töten Sie auch sich. Es ist, als ob Sie damit Ihr bisheriges Dasein auslöschten und durchkreuzten.«

Dirk Harper verstand, was Durham meinte und mußte ihm zähneknirschend recht geben.

»Wer ist dieser Andy?« fragte der Lieutenant.

»Andy Hyman. Er hat Sie hergebracht!«

»Der Fahrer?«

»Nein, der Beifahrer.«

»Was ist mit dem Fahrer? Ich habe ihn getroffen...«

»Ja, ziemlich schwer sogar, aber ich glaube, daß wir ihn durchkriegen werden.«

»Was treiben Sie hier draußen?«

»Primär nur eines. Ich jage Sie. Sekundär beschäftige ich mich mit Geldverdienen.« Er grinste matt.

»Sie leiten von hier aus ein Syndikat?«

»So etwas Ähnliches«, sagte Bill Durham. »Ich habe die Farm vor drei Jahren gekauft und bewirtschafte sie sachkundig. Das ist das Gute auf dem Lande — niemand hält einen für kriminell, niemand vermutet hinter einem Mann, der mit Traktor und Mähdrescher umgeht, eine öffentliche Gefahr. Übrigens liebe ich meine Arbeit. Als ich hinter Gittern saß, hatte ich nur zwei große Wünsche: Sie zu bestrafen und wieder auf dem Lande zu leben. Ich mußte eine dritte Aufgabe hinzufügen: Geld im alten Stil verdienen, um meine Wünsche realisieren zu können.«

»Sie sind verrückt, Durham.«

»Jeder von uns ist auf seine Weise verrückt«, erklärte der Grauhaarige. »Oder halten Sie es für normal, ein Leben lang sogenannte Verbrecher zu jagen?«

»Es ist nicht nur normal, es ist auch notwendig«, sagte Dirk Harper. »Sie liefern dafür einen sprechenden Beweis.«

»Selbst wenn es Ihnen gelingen sollte, mich abzuservieren, bleibt mir doch die Genugtuung, Ihnen den einzigen Menschen genommen zu haben, den Sie lieben. Insofern sind wir jetzt quitt.«

Das Telefon klingelte. Dirk Harper zuckte leicht zusammen. Er sah den Apparat nicht. Offenbar befand er sich hinter einer Schranktür.

»Wollen Sie nicht rangehen?« fragte Dirk Harper. Der Schmerz trieb ihm den Schweiß auf das Gesicht. Was konnte er nur tun, um seine Fesseln loszuwerden?

Bill Durham erhob sich. Er schlurfte zu einem Sideboard und öffnete es. Dirk Harper blieb dicht hinter ihm. Der Alte nahm den Hörer ab und meldete sich.

»Da ist eine Panne passiert«, hörte Dirk Harper den männlichen Anrufer sagen. »Wir haben die Falsche erwischt.«

»Die Falsche?« echote Bill Durham und hielt sich plötzlich mit einer Hand am Sideboard fest.

»Ja, eine gewisse April Slaighter, eine Freundin von Louise Marvin«, sagte der Anrufer. »Scheiße! Andy muß Tomaten auf den Augen gehabt haben...«

Bull Durham legte auf. Seine Schultern sackten nach unten. Als er zu seinem Ohrensessel zurückkehrte, schien er um Jahre gealtert zu sein.

Dirk blieb dicht hinter ihm. »Nicht setzen!« stieß er hervor. »Lösen Sie die Knoten meiner Fesseln. Vergessen Sie nicht, daß ich den Finger schußbereit am Abzug liegen habe. Eine falsche Bewegung, und es knallt...«

Der Graukopf hob die Hände. Sie zitterten stark, als er sich abmühte, die einzelnen Knoten zu öffnen. Jeder andere an seiner Stelle hätte vermutlich versucht, die Waffe einfach beiseitezustoßen, aber Bill Durham schien noch unter dem Schock der Nachricht zu stehen und nicht vorzuhaben, eine solche Aktion zu starten.

»Woher wußten Sie, daß ich in das Wohnhaus kommen würde?« fragte Dirk Harper.

»Ich ahnte es. Ich kenne sie. Ich habe einfach versucht, Ihre Gedanken nachzuvollziehen. Als ich das Knarren eines Dielenbrettes hörte, wußte ich, daß Sie gekommen waren.«

»Und die anderen?«

»Die stehen auf ihrem Posten; Ich kann nur wiederholen, was ich bereits sagte. Sie kommen nicht von hier weg. Nicht lebendig, jedenfalls.«

»Sie vergessen das Telefon«, sagte Dirk Harper. »Los, beeilen Sie sich.«

»Sie sehen doch, daß ich tue, was ich kann!«

»Sie wollen nur meinen Tod.«

»Nicht nur Ihren«, sagte Bill Durham. »Auch den von Louise Marvin. Ich werde bekommen, was ich mir vorgenommen habe. Mein Wort darauf!«

***

Als der letzte Strick gefallen war, hatte Dirk Harper kaum noch die Kraft, die schwere Waffe zwischen seinen zitternden, schmerzenden Fingern zu halten. Die Kuppen waren völlig gefühllos geworden. Es war klar, daß mehrere Minuten verstreichen würden, ehe er die Kraft fand, das Telefon zu benutzen.

Bill Durham setzte sich. Er starrte ins Leere. Seine Augen waren trübe geworden, es schien, als hätte sich ein dünner Nebel über das klare Blau gelegt.

Dirk Harper trat an das Sideboard. Er schob den Revolver in den Hosenbund und praktizierte einige Fingerübungen, um die Blutzirkulation in Schwung zu bringen. Er ließ Bill Durham dabei nicht aus den Augen, aber der Graukopf schien keine Anstalten treffen zu wollen, die Situation in den Griff zu bekommen.

Das Brennen ließ langsam nach, der Lieutenant konnte seine Hände wieder benutzen. Er nahm das Telefon aus dem Sideboard und nahm den Hörer ab, lauschte aber vergeblich auf das erwartete Freizeichen.

»Muß ich einen Knopf drücken oder so was?« knurrte er.

Bill Durham antwortete nicht.

Dirk Harper begriff, daß die Leitung tot war. Spezialschaltung vielleicht — er kannte das von anderen Gangsterbossen. Und eigentlich überraschte es ihn nicht einmal, aber es machte ihn wütend.

Dirk Harper schmetterte den Hörer auf die Gabel zurück.

Er hatte gehofft, mit seinem Eindringen in das Wohngebäude den Gangstern ein Schnippchen zu schlagen, aber daraus schien ein Bumerang werden zu wollen.

Er saß in der Falle.

Dirk Harper trat erneut hinter Bill Durhams Ohrensessel, hielt den Blick auf die offene Zimmertür gerichtet und lauschte gespannt auf jedes verdächtige Geräusch.

»Angst?« höhnte der Alte.

Dirk Harper rechnete nach. Durham war jetzt genau neunundfünfzig. Er wirkte erheblich älter.

»Nein«, erwiderte Dirk Harper. Mit neunundfünfzig resigniert man noch nicht, dachte er. Durham blufft. Natürlich habe ich Angst, aber seine kann nicht weniger groß sein.

»Wie schön für Sie«, sagte Durham.

»Und was ist mit Ihnen?«

»Ich kann warten. Das lernt man hinter Gittern.«

»Man lernt es nie, das weiß ich.«

Eine Tür knarrte. Jemand betrat die Diele. »Vorsicht«, rief Bill Durham. »Er ist hier.« Niemand antwortete. Bill Durham runzelte die Augenbrauen. Seine Hände krampften sich um die Sessellehnen. »Wer ist da?« fragte er.

Schweigen.

Dirk Harper starrte zur Tür. Er fühlte, daß jemand in der Diele stand und fragte sich, warum der Unbekannte nicht antwortete. Konnte es sein, daß es Verbündete gab und daß sich in diesem Augenblick einer von Bill Durhams Gegnern im Hause eingefunden hatte?

Dirk Harpers Pulsschlag beschleunigte sich. Er sah, wie sich Bill Durhams Muskeln spannten und wie sich der Gangster nach vorn beugte, fast so, als versuchte er auf diese Weise besser zu hören.

»Hallo?« rief er.

Stille.

Bill Durham warf einen verständnislosen Blick über seine Schulter. »Da ist jemand — oder?« flüsterte er.

Dirk Harper nickte, er ließ die Tür nicht aus den Augen. Wieder knarrte ein Brett. Er war nicht einmal sicher, ob das Geräusch aus der Diele kam. In diesen alten Holzhäusern lebte man mit solchen Lauten, sie gehörten einfach dazu.

Aber im nächsten Augenblick erschien eine derbe Hand im Türrahmen, ganz kurz.

Sie warf einen faustgroßen dunklen Gegenstand in den Raum. Er landete mit hartem Poltern auf dem Boden. Eine Eierhandgranate! Sie rollte bis vor Harpers Füße.

Dirk Harper bückte sich blitzschnell und warf den Sprengkörper zurück. Die Eierhandgranate explodierte in der Diele und entfesselte dort ein Inferno aus berstendem Holz und splitterndem Glas.

Die Druckwelle hob die Tür aus den

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