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Das Prinzip der Parteiliteratur: Partei und Presse bei und unter Lenin 1899 - 1924

Das Prinzip der Parteiliteratur: Partei und Presse bei und unter Lenin 1899 - 1924

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Das Prinzip der Parteiliteratur: Partei und Presse bei und unter Lenin 1899 - 1924

Länge:
347 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
8. Okt. 2020
ISBN:
9783869625683
Format:
Buch

Beschreibung

Es ist eine Tatsache, dass die Presse im Staatssozialismus von der jeweils herrschenden Partei kontrolliert wird. Oft wird behauptet, diese Einschränkungen der Pressefreiheit seien darauf zurückzuführen, dass Lenins Ideen von den sozialistischen Führern fehlinterpretiert worden seien. Der vorliegende Band widerlegt dies. Eine genaue Betrachtung von Lenins Schriften zeigt, dass die strikte Kontrolle der Presse bereits im 1905 ausformulierten Prinzip der "Parteiliteratur" angelegt ist.

Dieses Prinzip sah die strikte Unterordnung der Parteipresse unter die Parteiorganisation vor. Lenin hat es als Wesensmerkmal einer revolutionären proletarischen Partei postuliert und es wurde sowohl bei den Bolschewiki als auch in den Parteien der Kommunistischeh Internationale durchgesetzt. Es war, und ist auch weiterhin, Grundlage der Medienpolitik in den Ländern des Staatssozialismus.

Aus emanzipatorischen Zielen und Bedingungen des Klassenkampfes abgeleitet, erwies sich das Prinzip der "Parteiliteratur" in der Praxis als Mittel, nicht nur die Parteimitglieder dem Willen der Parteiführung zu unterwerfen, sondern auch den Alleinherrschaftsanspruch der Partei in der Gesellschaft zu behaupten.

Das belegen von und unter Lenin geschaffene Tatsachen: Die Zerstörung demokratischer Öffentlichkeit in Russland durch rigorose Unterdrückung Andersdenkender, die bis zum Verbot der gesamten Presse, nicht nur der bürgerlicher Parteien, reichte; die Schaffung eines sowjetischen Pressewesens in der Verfügungsgewalt von Parteileitungen, ohne reale Möglichkeiten und Rechte demokratischer Mitwirkung für Parteimitglieder und Volk; Installation eines bürokratischen Systems zentraler Lenkung öffentlicher Information und Reglementierung journalistischer Arbeit sowie einer das ganze Land umspannenden, jegliche Veröffentlichungen erfassenden Zensur. Damit wurden geistige und organisatorische Strukturen geschaffen, aus denen wenige Jahre später der Stalinismus erwachsen konnte.
Freigegeben:
8. Okt. 2020
ISBN:
9783869625683
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Das Prinzip der Parteiliteratur - Hans Poerschke

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Hans Poerschke

Das Prinzip der Parteiliteratur.

Partei und Presse bei und unter Lenin 1899 - 1924

Köln: Halem, 2020

HANS POERSCHKE, Prof. Dr., Jahrgang Jahrgang 1937, studierte Journalistik in Leibzig. Er war ab 1970 Dozent für für Wesen und Funktion des sozialistischen Journalismus in Leipzig, bevor er 1983 Professor für Theorie des Journalismus wurde. 1990 wurde er zum (letzten) Direktor der Sektion Journalistik der Universität Leipzig gewählt.

Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören das Verhältnis von sozialistischer Partei und Presse sowie die Geschichte der marxistisch-leninistischen Journalismustheorie an der Leipziger Sektion Journalistik.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme (inkl. Online-Netzwerken) gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

© 2020 by Herbert von Halem Verlag, Köln

Den Herbert von Halem Verlag erreichen Sie auch im Internet unter http://www.halem-verlag.de

E-Mail: info@halem-verlag.de

SATZ: Herbert von Halem Verlag

LEKTORAT: Julian Pitten

DRUCK: docupoint GmbH, Magdeburg

UMSCHLAGFOTO: Peter Otsup; © dpa

GESTALTUNG: Bruno Dias, Porto (Portugal)

Copyright Lexicon ©1992 by The Enschedé Font Foundry.

Lexicon® is a Registered Trademark of The Enschedé Font Foundry.

Hans Poerschke

Das Prinzip der Parteiliteratur

Partei und Presse bei und unter Lenin

1899 - 1924

INHALT

ABKÜRZUNGEN

VERGESST LENIN!

ABER STUDIERT IHN VORHER UNBEDINGT. EIN VORWORT

1.EINLEITUNG

2.AUF DEM WEGE ZUR REVOLUTION

2.1Die Stellung der Presse in der Organisation

2.1.1… auf und nach dem II. Parteitag

2.1.2… auf und nach dem III. Parteitag

2.2Zwischenbilanz

2.3Exkurs: Lernen aus deutschen Erfahrungen?

2.4»Rädchen und Schräubchen« im sozialdemokratischen Mechanismus

2.5Zwischenbilanz

2.6Die Presse und die Andersdenkenden

2.7Fazit

3.SOWJETMACHT UND PRESSE

3.1»Auf den Müllhaufen der Geschichte…«

3.2Exkurs: Die Sache Gawriil Mjasnikow

3.3Die Bolschewiki und die Presse der Konkurrenten

3.4Die Freiheit der bolschewistischen Presse

3.4.1Herrschaft der Komitees

3.4.2Unter behördlicher Vormundschaft

3.4.3Die Zensur

4.EIN PRINZIP FÜR ALLE

5.FAZIT

ENDNOTEN

REGISTER

ABKÜRZUNGEN

VERGESST LENIN! ABER STUDIERT IHN VORHER UNBEDINGT. EIN VORWORT

»Man kann unterschiedlicher Meinung über ihn sein, aber er gehört zu unserem historischen Erbe«, schrieb einer meiner Doktoranden am 22. April auf Facebook. »Für mich ist er ein Genie der Politik, ein beeindruckender Theoretiker und ein Kind seiner Zeit. Herzlichen Glückwunsch zum 150. Geburtstag!« Elf Likes, immerhin. Ein zweiter Doktorand, ein Influencer mit deutlich mehr Followern, brachte es am gleichen Tag mit sehr viel weniger Text auf 129 Likes: »Alles Gute zum 150. Geburtstag, Lenin!«

Lenin lebt, nicht nur wegen der beiden Ausrufezeichen. Ich sehe sein Bild, wenn ich bei Freunden zu Besuch bin, und ich höre gar nicht nur zwischen den Zeilen, dass Lenins früher Tod die Wurzel allen Übels sein soll, das zunächst der russischen Revolution widerfahren ist und dann auch den Sozialismus-Versuchen, die ihr folgten. Mit Lenin, so lässt sich das zusammenfassen, wäre das alles nicht passiert. Mit Lenin kein Gulag und keine Jagd auf Genossinnen und Genossen. Mit Lenin kein Massenmord an den eigenen Leuten, keine Allmachts- und Bedrohungsfantasien und damit auch kein Bespitzelungsapparat, der die Idee einer Gesellschaft pervertierte, in der alle frei und gleich sein würden. Lasst es uns also noch einmal versuchen, wird daraus geschlussfolgert, diesmal aber ohne Stalin. Lasst uns eine Bewegung gründen, die Lenin beim Wort nimmt, und es wird viel, viel besser werden.

Das Buch von Hans Poerschke zerstört diese Illusion. Poerschke ist im Wortsinn bis zu den Wurzeln vorgedrungen – zu dem Ort, an dem das Lenin’sche Prinzip der Parteiliteratur entstanden ist, ein Prinzip, das später in allen kommunistischen Parteien auf den Umgang mit der Presse übertragen wurde und auch die Medienpolitik der SED bis 1989 prägte. Hans Poerschke geht davon aus, dass man Lenins Vorstellungen von Journalismus, Medien und Öffentlichkeit nur verstehen kann, wenn man sein Parteikonzept kennt, und hat deshalb die entsprechenden Dokumente aus der Frühgeschichte der russischen Sozialdemokratie im Original studiert. Die Protokolle des II. Parteitages von 1903 und des III. Parteitages von 1905, Briefe und Erklärungen der führenden Genossen, Iskra-Artikel. Poerschke findet hier nichts anderes als bei seinem zweiten Analyseschritt, der in die Revolutionszeit führt – zum Pressegesetz, das die provisorische Regierung im April 1917 erlassen hat, zum Umgang mit den Organen der Konkurrenz in den Monaten des Umbruchs und zur ›Sache Gawriil Mjasnikow‹ von der ich hier nicht zu viel vorwegnehmen mag, weil ich den Apologeten Lenins nicht den Schmerz ersparen möchte, der sich bei der Lektüre unweigerlich einstellt.

Hans Poerschke zeigt: Pressefreiheit und Meinungsstreit waren bei Lenin nie vorgesehen, nicht einmal in der eigenen Partei. Es war nicht geplant, die Kontrolle der Medien aufzugeben oder sie mit den Werktätigen zu teilen. Eine Gesellschaft, die sich auf Lenin beruft, wird von einer kleinen Clique allmächtiger und allwissender Funktionäre geleitet, die daran glauben, das Volk erziehen und auf den ›richtigen‹ Weg bringen zu können. Mehr noch: In Lenins Revolutionskonzept gibt es keinen Platz für eine Öffentlichkeit, die erlauben würde, alle Themen und alle Perspektiven vor dem Horizont aller zu diskutieren. Das ist keineswegs eine temporäre Erscheinung, die man mit dem Druck oder der Überlegenheit des Gegners erklären könnte und die verschwinden würde, wenn die eigene Sache erst einmal gewonnen hat. Nein. Der Verzicht auf Öffentlichkeit gehört zum Prinzip der Parteiliteratur. Auch das wichtigste Gegenargument zerfällt unter dem Druck des Materials, das Hans Poerschke ausbreitet. Ja, die sowjetischen Revolutionäre waren von Feinden umzingelt, innen wie außen. Und nochmal ja: Wenn einem der Feind das Messer an die Kehle hält, ist keine Zeit für Diskussionen. Lieber die Macht erhalten und dafür auf Pressefreiheit verzichten, als allen Raum geben und dabei die Macht verspielen. Wer dieses Buch liest, der lernt: Dieser Existenzkampf war kein Zufall. Lenin und die Bolschewiki wollten es genau so. Und einen Plan B, der die bürgerlichen Freiheiten einschließt, vielleicht irgendwann nach dem großen Sieg, gab es nicht einmal für die süßeste aller Utopien.

HANS POERSCHKE ALS PROFESSOR IN LEIPZIG

Hans Poerschke erzählt in diesem Buch auch von sich selbst. Wenn man so will: von einem Leben mit dem Prinzip der Parteiliteratur. Poerschke, geboren 1937, ist nach dem Abitur zum Studium an die Fakultät für Journalistik nach Leipzig gekommen und hat sich dort bis an die Spitze hochgearbeitet. 1959 Diplom, 1969 Promotion A, 1982 Promotion B, 1983 ordentlicher Professor. Man kann das in einem biografischen Interview nachlesen, das ich 2015 mit ihm geführt habe.i Bei diesem Gespräch habe ich gelernt, warum ausgerechnet dieser Mann, der kein Praktiker war und sich wenig daraus machte, die Medienprofis der Zukunft in ihr Handwerk einzuführen, im Herbst 1989 zunächst in ein dreiköpfiges Übergangsdirektorium gewählt wurde und im Oktober 1990 dann als einziger aus diesem Trio eine Vertrauensabstimmung überstand. Hans Poerschke ist authentisch. Es gibt bei ihm kein schnelles Urteil und keine Pointe um der Pointe willen. Dieses Buch lebt vom Ringen des Autors mit seinem Gegenstand.

Schon als Student habe ich das genauso bewundert, wie ich daran gelitten habe. Ich bin im Herbst 1988 an der Karl-Marx-Universität immatrikuliert worden und hatte schon wenig später Texte von Hans Poerschke auf dem Schreibtisch, gedruckt auf schlechtem Papier, zusammengeheftet per Hand (vielleicht auch mit einer Maschine, aber für den Leser machte das keinen Unterschied). Es ging um Öffentlichkeit und Sozialismus und vor allem um die Frage, wie eine Medienpolitik aussehen könnte, die gute Zeitungen und Nachrichtensendungen zulässt. Einen Journalismus, der die Menschen nicht abstößt.ii Es war nicht leicht, das Neue in den gewundenen Formulierungen zu entdecken. Ich wusste aber: Es lohnt sich, mit diesen Texten zu kämpfen.

Hans Poerschke ist für mich dann zu einem der Köpfe meines Studiums geworden – weniger wegen seiner theoretischen Arbeiten, sondern vor allem als Organisator und Fels in der Brandung des Umbruchs. Am 21. Dezember 1990 war er beim sächsischen Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer in Dresden, mit Günther Rager aus Dortmund und einigen Studentenvertretern. Mit dem Rückenwind von Demonstrationen, einer Rektoratsbesetzung und einem Hungerstreik hat es diese Delegation geschafft, dass der Beschluss, die Sektion Journalistik ersatzlos abzuwickeln, zurückgenommen wurde.iii Für das Sommersemester 1991 stellte Poerschke ein Programm zusammen, bei dem sich Dozentinnen und Dozenten aus dem Westen die Klinke in die Hand gaben. Nur ein paar Namen aus dem Vorlesungsverzeichnis: Günter Bentele, Walter Hömberg, Manfred Rühl, Siegfried Weischenberg und Lutz Hachmeister (alle fünf in einem Theorie-Block), Klaus Schönbach (Medienwirkungsforschung), Heinz Pürer (Mediensysteme), Manfred Knoche (Medienökonomie), Peter Szyszka (PR), Winfried Schulz, Beate Schneider, Barbara Mettler-Meibom, Barbara Baerns und Renate Damm (Medienrecht), Justiziarin beim Springer-Verlag. Ich habe die Akten gesehen und weiß daher, welcher Aufwand mit diesem Programm verbunden gewesen ist und dass nicht jeder Gast besonders pflegeleicht war.

Für Karl Friedrich Reimers, der im April 1991 als Gründungsdekan für die Leipziger Kommunikations- und Medienwissenschaft aus München kam, war Hans Poerschke der wichtigste Ansprechpartner. Im Mai 1991 skizzierte er selbst ›Gedanken für die Gründungskommission‹ und sah dabei drei Arbeitsfelder vor, die Tradition, geografische Position und Leipziger Stärken bündelten: Kommunikationstheorie, Theoriegeschichte sowie Medien in Osteuropa.iv Wie die vielen anderen Papiere, die seit dem Herbst 1989 in Kommissionen und Initiativgruppen entstanden waren, blieb diese Vision Makulatur.v Reimers hatte ein Fünf-Säulen-Modell in der Tasche, das für die westdeutsche Publizistik- und Kommunikationswissenschaft revolutionär gewesen sein mag,vi aber die Geschichte des Standorts und die Fähigkeiten des Personals genauso ignorierte wie das, was die Einheimischen sich in den anderthalb Jahren seit dem Honecker-Rücktritt erarbeitet haben.

Mit den Inhalten sind auch die Professoren aus der Universität vertrieben worden – selbst die, die wie Hans Poerschke von uns Studenten unterstützt wurden und sich der Evaluierung stellten. Ich lasse ihn das am besten selbst erzählen, aufgezeichnet im November 2019 im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig, wo Poerschke bei der Jahrestagung des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft auf einem Podium saß: »Mein Evaluator war Kurt Koszyk. Der hatte das Pech, dass das, was ich ihm vorlegen konnte, in hohem Maße von sowjetischer Literatur lebte. Er konnte beim besten Willen mit diesen Sachen nichts anfangen, was ich ihm überhaupt nicht übelnehmen kann. Am Ende kam heraus, dass er offenbar keinen Grund sah, dass ich verschwinden soll, aber auch keinen richtigen Grund formulieren konnte, warum ich bleiben soll«.vii

Hans Poerschke hat einen Vertrag für ein Jahr bekommen und dann Altersübergangsgeld beantragt, mit nur 55 Jahren. Auf dem Leipziger Podium hat er diese Entscheidung doppelt begründet. Zitat eins:

»Ich habe die Theorie des Journalismus in Leipzig vertreten. Das war das Ideologischste vom Ideologischen. Ich war die Spinne im Netz. Ich habe die Sicht der damals Herrschenden geteilt. Mir war klar, dass damit in einer veränderten Welt nichts anzufangen ist und dass ich damit meinen Beitrag zum Untergang der DDR geleistet habe«.

Und Zitat zwei:

»Erstens war nicht die Gelassenheit da, die man braucht, um Abstand zu finden. Und zweitens habe ich vielleicht nie wieder so viel gelesen wie in diesem Jahr. Aber ich wollte mich nicht einfach auf den Schoß von Onkel Niklas setzen oder von Onkel Jürgen oder von Onkel Karl. Ich habe gemerkt, dass ich dort keine Erklärung finde, die für mich akzeptabel ist«.

Bei dieser Gelegenheit hat Hans Poerschke nicht nur erzählt, warum Luhmann, Habermas oder Popper kein Ersatz für Marx waren, sondern auch berichtet, wie dieses Buch entstanden ist:

»Ich bin ein Anhänger Lenins gewesen. Wer von den Sektionsangehörigen hier ist, der weiß das noch sehr gut. Ich galt da (zu Unrecht freilich) als eine Art Papst. Eines Tages bin ich mit dem Anliegen konfrontiert worden, für das historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus den Artikel ›Parteipresse‹ zu schreiben. Das war Anfang der 1990er-Jahre. In meinem jugendlichen Leichtsinn dachte ich mir: Wer hat sich mehr mit der Parteipresse beschäftigt als wir? Ich habe ohne Bedenken zugesagt. Der Artikel ist bis heute nicht geschrieben. Nachdem ich angefangen habe, mich damit zu beschäftigen, bin ich erst dahintergekommen, wie bescheiden meine eigene Position war. Ich habe das erste Mal in meinem Leben Lenin tatsächlich gelesen, in einem Umfang, wie ich das vorher nie gedacht hätte. Ich habe gemerkt, dass das wenige, was wir hatten und was dazu noch über Stalin auf uns gekommen war, ein schwächlicher Aufguss war und in vielerlei Hinsicht eine Verfälschung. Ich möchte das mit einer Formulierung von Wolfgang Ruge sagen, einem Historiker der DDR, der die erste große Lenin-Biografie nach der Wende geschrieben hat. Die Überschrift seines Buches lautet: ›Lenin: Vorgänger Stalins‹.viii Es war mühselig, über all die Jahre dahinterzukommen, dass dort die Wurzeln liegen und worin sie bestehen«.

Ich bin froh, dass Hans Poerschke nicht aufgegeben hat. Ich bin froh, dass Herbert von Halem, der Verleger, das Manuskript in sein Programm aufgenommen hat und so einen Denker in die Kommunikationswissenschaft zurückbringt, der für die Fachgemeinschaft fast schon verloren war. Ich bin auch deshalb froh, weil ich weiß, wie wichtig konzeptionell-theoretisches Arbeiten für unsere Vorstellungen von Medien, Öffentlichkeit und Journalismus ist, und weil ich Argumente brauche, wenn meine Doktoranden weiter von Lenin schwärmen sollten.

Michael Meyen

München, Mai 2020

iHANS POERSCHKE: Ich habe gesucht. In: MICHAEL MEYEN; THOMAS WIEDEMANN (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2015. http://blexkom.halemverlag.de/hans-poerschke [5. Mai 2020].

iiVgl. HANS POERSCHKE: Sozialistischer Journalismus. Ein Abriss seiner theoretischen Grundlagen. Manuskript, mehrere Teile. Karl-Marx-Universität Leipzig: Sektion Journalistik 1988/89

iiiVgl. GÜNTHER RAGER: Journalisten brauchen Forschung und Statistik. In: MICHAEL MEYEN; THOMAS WIEDEMANN (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2015. http://blexkom.halemverlag.de/rager-interview/ [5. Mai 2020].

ivHANS POERSCHKE: Gedanken für die Gründungskommission, Mai 1991. In: Universitätsarchiv Leipzig, Sektion Journalistik 25, Bl. 71-75

vVgl. MICHAEL MEYEN: Abwicklung und Neustart. In: MICHAEL MEYEN; THOMAS WIEDEMANN (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2020. http://blexkom.halemverlag.de/abwicklung/ [5. Mai 2020]

viVgl. MICHAEL MEYEN: Von der Sozialistischen Journalistik zum Viel-Felder-Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft. In: ERIK KOENEN (Hrsg.): Die Entdeckung der Kommunikationswissenschaft. 100 Jahre kommunikationswissenschaftliche Fachtradition in Leipzig: Von der Zeitungskunde zur Kommunikations- und Medienwissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2016, S. 246-274

viiMICHAEL MEYEN: Leipzig nach der Wende: Michael Meyen: Landnahme, Verwestlichung oder Strukturwandel? In: MICHAEL MEYEN; THOMAS WIEDEMANN (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2020. http://blexkom.halemverlag.de/landnahme/ [5. Mai 2020]

viiiWOLFGANG RUGE: Lenin: Vorgänger Stalins. Berlin: Matthes & Seitz 2010

1.EINLEITUNG

Jede soziale und politische Bewegung, die heute und künftig gegen die von der herrschenden Politik in den Ländern des Kapitals für sich reklamierte Alternativlosigkeit Alternativen zu bestehenden politischen, wirtschaftlichen, sozialen Strategien und Verhältnissen entwickeln, verbreiten und durchsetzen will, steht vor der Notwendigkeit, die vom herrschenden Mediensystem mit der veröffentlichten Meinung um alle ernsthaften alternativen Vorhaben errichtete Mauer zu durchbrechen, wenn sie in der Gesellschaft zu Gehör kommen, ja auch nur selbst eine bestimmte Größe überschreiten will.

In der Geschichte der politischen Parteien ist diese Lebensfrage über viele Jahrzehnte in Gestalt der Parteipresse beantwortet worden, einer Presse, die als publizistisches Organ einer Partei fungiert, auf deren Programm und politische Taktik verpflichtet ist, von ihr finanziert und kontrolliert wird, mehr oder weniger eng mit ihr organisatorisch verbunden ist.¹ Die Bindung zwischen bürgerlicher Presse und Parteien war überwiegend relativ locker und historisch von kürzerer Dauer, da die privatwirtschaftliche Organisation der Presse flexiblere, massenwirksamere und dazu noch profitable Möglichkeiten zur Vertretung bürgerlicher Klasseninteressen bot. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war die Zeit der bürgerlichen Parteipresse abgelaufen. In der Arbeiterbewegung hingegen war die Bindung enger – die Anstrengung, eine eigene Presse materiell zu tragen, den Vertrieb zu bewältigen, Journalisten den Lebensunterhalt zu ermöglichen, war nur von einer Organisation mit opferbereiten Mitgliedern zu leisten. Zugleich entstand auch eine Abhängigkeit der Partei von ihrer Presse. Sie musste darauf bauen können, dass unter sich ständig verändernden Umständen sowie unter dem Druck einer an Kräften, Mitteln und Masseneinfluss überlegenen bürgerlichen Umwelt ihre Grundsätze in ihren Blättern konsequent vertreten wurden, dass sie also als eine unverwechselbare politische Kraft in der Öffentlichkeit wahrnehmbar war.

Unterschiedliche Interessen, Blickwinkel und Auffassungen wirkten unvermeidlich im Verhältnis von Partei und Presse als Widersprüche zwischen Ansprüchen von Leitungen und Parteibasis, Mehrheit und Minderheit, zwischen der für einheitliche Aktion erforderlichen Disziplin und der für die Entwicklung der Partei unerlässlichen Freiheit der Meinungsäußerung. Jeder größere innerparteiliche Konflikt erfasste auch das Verhältnis von Partei und Presse. Die alte deutsche Sozialdemokratie zum Beispiel wies eine ganze Geschichte solcher Konflikte auf, ob es sich um den Streit zwischen Reichstagsfraktion und Parteibasis um die Rolle des Züricher Sozialdemokrat anlässlich der sogenannten ›Dampfersubventionsaffäre‹ 1884/85 unter dem Sozialistengesetz handelte, um die Auseinandersetzung mit der Mitarbeit sozialdemokratischer Journalisten an der bürgerlichen Presse zur Zeit des Dresdener Parteitags 1903 und mit der ›Literatenrevolte‹ in der Vorwärts-Redaktion 1904/05 oder um die Konflikte zwischen Parteivorständen und regionalen Parteiorganisationen um die Verfügung über die Schwäbische Tagwacht 1914 und den Vorwärts 1916, bei denen es um die Haltung zum Krieg und das Verhalten in ihm ging. Nicht erstaunlich also, dass das Verhältnis von Partei und Presse bzw. Journalisten häufiger, wenn nicht ständiger Diskussionsgegenstand war, und dass von den Anfängen einer selbständigen Arbeiterbewegung an alle Schritte der Organisationsentwicklung auch Regelungen dieses Verhältnisses einschlossen.

Von einem Fall einer solchen Regelung soll im folgenden die Rede sein. Es handelt sich um Lenins Artikel Parteiorganisation und Parteiliteratur², in dem er das mit seinem Namen verbundene Prinzip der Parteiliteratur begründet hat, das in der Geschichte der kommunistischen Bewegung und des Staatssozialismus eine besondere Bedeutung gewinnen sollte. Lenin hat diesen Artikel wenige Tage nach seiner Rückkehr aus dem Exil, am 13. November 1905, in der legalen bolschewistischen Zeitung Nowaja Shisn, dem faktischen Zentralorgan der Partei, veröffentlicht. Die erste russische Revolution war seit mehr als einem halben Jahr im Gange und hatte mit Massenstreiks im Oktober 1905 einen Höhepunkt erreicht. Zar Nikolaus II. sah sich genötigt, auf die gesellschaftliche Umbruchsituation mit einem Manifest zu reagieren, das erstmals einige bürgerliche Freiheiten einräumte. Der Weg zur legalen Betätigung der Parteien – auch der Sozialisten – öffnete sich zeitweilig etwas. Lenin zögerte keinen Augenblick, eine der neuen Situation entsprechende Reorganisation der Partei und ihrer Publizistik in Angriff zu nehmen. Es ging ihm darum, Massenbasis und Massenwirkung der Partei durch die unter den Bedingungen der Illegalität nicht möglich gewesene Einbeziehung vieler sozialdemokratisch gesinnter Arbeiter in die Parteiorganisation zu erweitern, ohne den konspirativen Apparat der Berufsrevolutionäre aufzugeben. Und er sorgte sich darum, dass die Stimme der Partei im nunmehr offenen Parteienkampf deutlich und eindeutig zu vernehmen war. Dem dienten seine beiden für die Bolschewiki richtungweisenden Artikel Über die Reorganisation der Partei³ und Parteiorganisation und Parteiliteratur.

Den letzteren eröffnete er mit einer Charakterisierung der bisherigen Situation:

»Solange ein Unterschied zwischen illegaler und legaler Presse bestand, wurde die Frage, was als Partei- und was nicht als Parteiliteratur zu betrachten ist, äußerst einfach und äußerst falsch und unnatürlich gelöst. Die gesamte illegale Literatur war Parteiliteratur, wurde von Organisationen herausgegeben und von Gruppen geleitet, die so oder anders mit Gruppen praktischer Parteiarbeiter in Verbindung standen. Die gesamte legale Literatur war keine Parteiliteratur, weil die Parteien verboten waren – aber sie ›tendierte‹ zu der einen oder anderen Partei. Unnatürliche Bündnisse, anormale ›Ehen‹, falsche Aushängeschilder waren unvermeidlich.«

Aus der neuen Lage folgerte er:

»Die Revolution ist noch nicht vollendet. Gleichwohl, auch die halbe Revolution zwingt uns alle, sofort an eine Neuregelung der Dinge zu gehen. Die Literatur kann jetzt sogar ›legal‹ zu neun Zehnteln Parteiliteratur sein. Und sie muss Parteiliteratur werden. Im Gegensatz zu den bürgerlichen Sitten, im Gegensatz zur bürgerlichen Unternehmer- und Krämerpresse, im Gegensatz zum bürgerlichen Karrierismus und Individualismus in der Literatur, zum ›Edelanarchismus‹ und zur Jagd nach Gewinn muss das sozialistische Proletariat das Prinzip der Parteiliteratur aufstellen, dieses Prinzip entwickeln und es möglichst vollständig und einheitlich verwirklichen.«

Lenin erklärte sodann, worin eigentlich das Prinzip der Parteiliteratur bestehe:

»Nicht nur darin, dass für das sozialistische Proletariat die literarische Tätigkeit (das Literaturwesen)⁶ keine Quelle des Gewinns von Einzelpersonen oder Gruppen sein darf, sie darf überhaupt keine individuelle Angelegenheit sein, die von der allgemeinen proletarischen Sache unabhängig ist. Nieder mit den parteilosen Literaten! Nieder mit den literarischen Übermenschen! Die literarische Tätigkeit (das Literaturwesen) muss zu einem Teil der allgemeinen proletarischen Sache, zu einem ›Rädchen und Schräubchen‹ des einen einheitlichen, großen sozialdemokratischen Mechanismus werden, der von dem ganzen politisch bewussten Vortrupp der ganzen Arbeiterklasse in Bewegung gesetzt wird. Die literarische Betätigung (das Literaturwesen) muss ein Bestandteil der organisierten, planmäßigen, vereinigten sozialdemokratischen Parteiarbeit werden.«⁷

Das war nicht nur als eine Sache des Bekenntnisses zu verstehen, sondern als eine enge, untrennbare organisatorische Bindung:

»Die Zeitungen müssen Organe der verschiedenen Parteiorganisationen werden. Die Literaten müssen unbedingt Parteiorganisationen angehören, Verlage und Lager, Läden und Leseräume, Bibliotheken und Buchvertriebe – alles dies muss der Partei unterstehen und ihr rechenschaftspflichtig sein.«

Unmissverständlich erklärte Lenin denjenigen in der russischen Sozialdemokratie, die diese Vorstellung von Parteiliteratur nicht teilten, wie ernst es ihm mit der engen Bindung der Parteiliteraten an die Organisation und die politische Linie der Partei war:

»Die Partei ist ein freiwilliger Verband, der unweigerlich zunächst ideologisch und dann auch materiell zerfallen würde, wenn er sich nicht derjenigen Mitglieder entledigte, die parteiwidrige Auffassungen predigen. Zur Festsetzung der Grenze, was parteimäßig und parteiwidrig ist, dient das Parteiprogramm, dienen die taktischen Resolutionen und das Statut der Partei, dient schließlich die ganze Erfahrung der internationalen Sozialdemokratie Die Freiheit des Denkens und die Freiheit der Kritik innerhalb der Partei werden uns nie vergessen lassen, dass es eine Freiheit der Gruppierung von Menschen zu freien Verbänden gibt,

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