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Ganz Israel wird gerettet werden: Wege und Irrwege zum Reich Gottes und im Verhältnis zum Judentum

Ganz Israel wird gerettet werden: Wege und Irrwege zum Reich Gottes und im Verhältnis zum Judentum

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Ganz Israel wird gerettet werden: Wege und Irrwege zum Reich Gottes und im Verhältnis zum Judentum

Länge:
1,020 Seiten
12 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 22, 2020
ISBN:
9783752631760
Format:
Buch

Beschreibung

In diesem Buch geht es um Abraham, Israel, die Utopie des Reiches Gottes, die Sünde des Antisemitismus und die ungerechten Götzenkulte der Neuzeit. Einer unsterblichen Hoffnung stehen unfassbare Irrwege gegenüber. Ist ein Exodus möglich?

Seit ihrem Aufkeimen in Abrahams Schoß ist die Verheißung einer von Gerechtigkeit und Frieden regierten Menschheit gefährdet und bedroht. Sie wird verschmäht und lächerlich gemacht. Israel ist als Träger dieser Verheißung einem nur ihm geltenden 2000 Jahre alten unbändigen Hass ausgesetzt. Die biblischen Schriften, geboren aus der jüdischen Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, widerstehen den Herrschern dieser Welt als Trostwort von der nie zurückgenommenen Verheißung Gottes für Israel und die Menschheit. Es gibt keinen Grund zu resignieren! Es ist nie zu spät, sich für Gerechtigkeit einzusetzen sowie den Hass des Antisemitismus und den Wahn der neuzeitlichen Götzenverehrung zu bekämpfen. Dafür gibt es Vorbilder, Prediger, die das Licht des Reiches Gottes der politischen Gegenwart entgegenhielten. Mit ihnen schließt das Buch.

Es entfaltet die Thematik in Artikeln, die mit ungewohnten, z.T. originellen Gedanken neue Aspekte erschließen. Das ermöglicht für die Lektüre einen beliebigen Quereinstieg, um sich so den Gesamtzusammenhang selbständig und nach Lust zu erschließen. Das Vorwort skizziert einen Überblick über den Inhalt des Buches und führt in seine Grundgedanken ein.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 22, 2020
ISBN:
9783752631760
Format:
Buch

Über den Autor

Klaus-Peter Lehmann studierte Theologie bei H.Gollwitzer und F.-W. Marquardt. Er lebt als Pfarrer i.R. der evangelisch-lutherischen Nordkirche in Augsburg. Er ist aktiv im jüdisch-christlichen Dialog und publiziert regelmäßig für evangelische Zeitschriften.


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Buchvorschau

Ganz Israel wird gerettet werden - Klaus-Peter Lehmann

Neue Himmel aber und eine neue Erde

gemäß seiner Verheißung

erhoffen wir,

in denen Gerechtigkeit wohnt.

2Petr 3,13; Jes 65,17

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Ganz Israel kommt ins Reich Gottes

1.1 Ganz Israel kommt ins Reich Gottes

Die Verheißung des Reiches Gottes und ihre Gefährdung

2.1 Abraham – Vater des Reiches Gottes, der gerechten Menschenwelt aus seinem Schoß

2.2 Abraham – Vater Israels und der messianischen Hoffnung auf Völkerfrieden

2.3 Erste Gefährdung der Verheißung – Abrahams und Saras Rettung in Ägypten

2.4 Zweite Gefährdung der Verheißung – Abrahams Bewährung im Krieg

2.5 Der Prophet Abraham schaut Israels Zukunft

2.6 Hagar - der Gott Abrahams erhört eine Heidin

2.7 Esau gefährdet die Verheißung

Jüdische Aspekte

3.1 Die Pharisäer

3.2 Die Liebe Gottes im Judentum

3.3 Feindesliebe

3.4 Barmherzigkeit – Gedanken zu Paltiel

3.5 Die Bedeutung der Beschneidung

3.6 Das Land Israel

3.7 Der Staat Israel

3.8 Martin Buber

3.9 Was heißt Dialog?

Christliche Aspekte

4.1 Das Neue Testament

4.1.1 Abraham und Jesus Christus

4.1.2 Abraham– ein menschheitliches Vorbild

4.1.3 Paulus leidet für Israel

4.1.4 Jesus und Kaiphas – Feinde um Israels willen

4.1.5 Ganz Israel wird gerettet werden

4.1.6 Jesus Christus als Befreier Israels von seinen Feinden

4.1.7 Antijudaismus im Neuen Testament?

4.2 Israel und die Kirche – ein komplexes Verhältnis

4.2.1 Israel nicht vergessen

4.2.2 Sola fide, sola gratia ohne Christus

4.2.3 Er sitzt zur Rechten Gottes

4.2.4 Eine neue Strategie des Messias

4.2.5 Kann es zwei Gottesvölker geben?

4.2.6 Ist Gott bigam?

4.2.7 Kann es viele Bundesvölker geben?

4.3 Martin Luther und die Reformation

4.3.1 Reformation und Antijudaismus

4.3.2 Luthers Judenhass

4.3.3 Was bleibt von Bruder Martin?

4.3.4 Luther – ein Lehrer des politischen Widerstandes (I)

4.3.5 Luther – ein Lehrer des politischen Widerstandes (II)

4.3.6 Luther – ein Lehrer des politischen Widerstandes (III)

4.3.7 Luther und das Lutherjahr

Aspekte des Islam

5.1 Abraham im Koran – der erste Imam

5.2 Der Islam ein zweites Bundesvolk?

5.3 Islamischer Antisemitismus

5.4 Antisemitismus in arabischen Ländern

5.5 Die Muslimbruderschaft

Der christliche Antisemitismus

6.1 Der ewige Antisemitismus

6.1.1 Über den ewigen Hass gegen die Juden

6.1.2 Auge um Auge, Zahn um Zahn

6.2 Der fromme Antisemitismus

6.2.1 Der Born des Antisemitismus im Herzen der Kirche

6.2.2 Hostienfrevel – der Wahn vom jüdischen Christusmord

6.2.3 Ritualmordlegende – der Wahn von den blutgierigen Juden

6.2.4 Jüdischer Wucher – das Hirngespinst vom geldgierigen Juden

6.3 Der säkulare Antisemitismus

6.3.1 Konservatismus und völkischer Antisemitismus

6.3.2 Ambivalentes Judenbild im Liberalismus

6.3.3 Sozialdemokratie gegen Antisemitismus

6.3.4 Rassenantisemitismus – Judenhass im Kleid der Wissenschaft

6.3.5 Friedrich Daniel Schleiermacher

6.3.6 Richard Wagner

6.3.7 War Friedrich Nietzsche ein Antisemit?

6.3.8 Die Dreyfus-Affäre

6.4 Der NS-Antisemitismus

6.4.1 Die Religion der Judenausrottung

6.5 Antisemitismus nach Auschwitz

6.5.1 Nur einige Aspekte

6.5.2 Ungewollter Antisemitismus

6.5.3 Alttestamentliche Rachegesinnung

6.5.4 Ein linker Antisemit?

6.5.5 Zionismus – Antizionismus

6.5.6 BDS-Antisemitismus

6.5.7 Muslimischer Antisemitismus

6.5.8 Die Nakba anerkennen – ein israelfeindlicher Aufruf von Pax Christi

Die Thora vor den Götzen der Moderne

7.1 „Wenn jemand die Augen von der Gerechtigkeit abwendet, dann ist es so, als hätte er Götzendienst getrieben"

7.2 Als in Augsburg die Sünde der Habgier zur Tugend wurde

7.3 Den Fuckern ein Zaum ins Maul legen

7.4 Martin Luther und Friedrich Engels gegen den Götzen des Geldes

7.5 Karl Marx – ein Rabbi für die Menschheit

7.6 Der Götze der Nation

7.7 Der Götze der Religion

Botschafter des Reiches Gottes heute

8.1 Jesus ist Sieger!

8.2 Die Revolution des Reiches Gottes

8.3 Ein fast vergessener Botschafter des Reiches Gottes

8.4 Die Revolution der biblischen Botschaft

8.5 Gott und die Revolution

Anhang

Hinweise zum Buch

Abkürzungen

Personenregister

Sachregister und biblische Namen

Danksagung

Vorwort

Vorwort

Die Juden sind das Volk der Bibel. Israels existenzielle Verbundenheit mit den biblischen Schriften stellt etwas Einzigartiges und Analogieloses in der Menschheitsgeschichte dar. Diese Überzeugung vereinigt die in diesem Buch versammelten Aufsätze. In Israel wurde der Mensch nicht nur als soziales Wesen, sondern als Mitmensch erkannt und die Brüderlichkeit aller Menschen in dem Gebot der Nächstenliebe zur verpflichtenden Wirklichkeit erklärt. In Israel wurde die Idee einer heiligen, unbestechlichen Gerechtigkeit geboren. Mit der Annahme der Thora, deren Herz sich in einer ethischen Leidenschaft, dem Hunger nach Gerechtigkeit, ausdrückt, bildete sich Israel zum Volk mit einer sittlichen Zielsetzung, dazu bestimmt, das Gerechtigkeitsideal den anderen Völkern schmackhaft zu machen. Israel versteht sich damit von seiner Erwählung zu einem geschichtlichen Auftrag her. Die anderen, die sogen. heidnischen Völker, bestimmen sich mythisch und identitär, von ihrem geschichtlichen Ursprung her. In Israel, dem Volk der Thora und der Propheten, lebt die Forderung nach Barmherzigkeit und Gerechtigkeit und die messianische Hoffnung auf einen Exodus aus allen ungerechten und unterdrückenden Verhältnissen auf ewig fort. Israel ist das Volk von Gottes Gebot und Gottes Verheißung für alle Menschen. Messianische Unruhe und revolutionäre Beben haben hier ihre ewige Quelle, Befreiungsbewegungen finden hier Anschluss für ihre Hoffnung, das Warten auf das Reich Gottes empfängt hier seinen Trost.

Im Blick auf diese Einzigkeit des Volkes Israel spricht die Theologie von seiner ewigen Erwählung. Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg haben alle evangelischen Kirchen in Deutschland die Erwählung Israels als unverbrüchlich zum evangelischen Glauben gehörig anerkannt. Ob sie sich dabei aller Implikationen bewusst waren, wird sich zeigen.

Die Erwählung Israels meint also nicht die Auszeichnung dieses Volkes aufgrund gewisser Eigenschaften, die es über andere erheben würde. Erwählung ist kein Ranking, sondern Beauftragung. Es handelt sich um den Auftrag, mit der Gabe der Thora den Völkern als heiliges Volk in beispielhafter Gerechtigkeit, als Priestervolk (2Mose 19,5f), voranzugehen, um sie zur Umkehr und Nachfolge zu bewegen. Dieser Auftrag gehört als Weisung auch zur Thora-Auslegung Jesu: „Alles nun, was ihr wollt, dass es euch die Menschen tun, das sollt auch ihr ihnen tun; denn darin besteht die Thora und die Propheten" (Matth 7,12). Eine Weisung, vor der sich, schlimm für die Menschheitsgeschichte, die allermeisten mit Fingerzeig auf die jeweils Anderen drücken.

Gegen den klaren Schriftsinn hat die Kirche die bleibende Erwählung Israels zum Gottesvolk immer abgelehnt, sich selbst zum Gottesvolk eingesetzt und damit theologisches, menschliches und politisches Unheil über die Maßen befeuert. Mit ihrem aus Neid geborenen Judenhass, der die Christenheit über zwei Jahrtausende beherrschte, hat sie sich an Auschwitz mitschuldig gemacht.

Um zu verstehen, was die kirchliche Tradition, deren oberstes Dogma immer die Überwindung und Diskriminierung des Judentums war, zerschlagen, verschüttet und begraben hat, gehen wir zwei Wege. Einmal geht es um die Darstellung einiger Aspekte des christlichen Judenhasses, der in der Antike aufkam, im Mittelalter weiter wucherte und seit dem 19. Jahrhundert in säkularer Verkleidung sein Unwesen treibt. Der Judenhass ist ein 2000 Jahre altes Chamäleon. Es lebt zäh und wählt sich zeitgemäße Farben, ein opportunes Erscheinungsbild. Vollständigkeit können wir hier nicht anstreben. Aber ich hoffe, das Wesenhafte und das Charakteristische nachgezeichnet zu haben.

Grundlegend wichtig bleibt darüber hinaus die Auslegung der biblischen Schriften. Für uns sind dabei die Verheißungen an Abraham wegweisend. Diese versprechen seinen leiblichen und geistigen Kindern, dem Volk Israel, ewigen Bestand als Volk im verheißenen Land Kanaan. Aber Abraham wird auch verheißen, Vater vieler Völker (1Mose 17,4f) zu sein. Mit seinem Schoß verbindet sich auch eine große Schar Gerechter aus den Gojim, den nichtjüdischen Völkern. So kommt die gesamte Menschheit mit Abraham unter dem Horizont: „Gerechtigkeit und Friede küssen sich" (Ps 85,11) zu stehen. Mit Abraham steht eine Menschheit in Aussicht, die in Zedakah und Schalom zusammenlebt, die Thora Israels wird zur Maßgabe der messianischen Völkerversöhnung.

Abraham und die Fülle der Verheißungen an ihn sind Ausgang und Ziel des christlichen Glaubens und der kirchlichen Theologie. Abraham ist die Wurzel und der Horizont unseres Hoffens. Um das von ihm erwartete Reich Gottes, das im Glauben an die Auferstehung Jesu Christi auch Christen verheißen ist, geht es im Neuen Testament. Christen leben mit Israel als Kinder Abrahams unter seinen Verheißungen, die ihnen von dem messianischen Pharisäer Paulus nahe gebracht worden sind. Die kirchliche Verkennung und Verleugnung dieses Eingebundenseins der Christen unter den jüdischen Hoffnungshorizont war und ist wesentliche Ursache für die Verfahrenheit und Kompliziertheit der christlich-jüdischen Beziehungen.

Um die katastrophale Entfremdung des christlichen Glaubens und der Theologie vom jüdischen Denken zu überwinden, ist eine intensive Beschäftigung mit rabbinischer Exegese unumgänglich. Für uns waren die Auslegungen von Rabbiner Samson Raphael Hirsch zu Abraham, dem jüdischen Erzvater, durchgehend überzeugender als die christlichen Kommentare. Seine Auslegung fragt mit einleuchtender Gründlichkeit nach dem grammatikalischen Schriftsinn, nach dem Kontext und innerbiblischen Bezügen. So vermögen wir bei dem Rabbiner besser zu lernen, was reformatorische Exegese ist: sacra scriptura sui ipsius interpres - die heiligen Schriften legen sich selbst aus.

Wegen der zentralen Bedeutung, die Abraham auch im Islam hat, werfen wir einen Blick auf das Bild, das der Koran von ihm entwirft. Es könnte sein, dass in der strikten Ablehnung der ewigen Erwählung Israels im Koran die Wurzel des islamischen Antijudaismus liegt. Die eliminatorische Schärfe jedoch, die er im 20. Jahrhundert im sogen. Islamismus annahm, halten wir für einen Exportartikel des Nationalsozialismus.

Viele meinen, Antijudaismus komme schon im Neuen Testament vor. Der Rabbi Jesus steht aber in keinerlei Konkurrenz zum Judentum. Seine apostolische Verkündung als Messias unter den Heiden versteht sich nicht als Überwindung der Partikularität Israels, sondern als universale Solidaritäts-Aktion, als ein Dienst, der Israel ein unbedrohtes Leben ermöglichen soll und der aus der Völkerwelt kommt. Eine internationale Vielzahl von Jesus-Gemeinden soll Israel von seinen Feinden befreien und ihm den Weg ins Reich Gottes bereiten: „Ganz Israel wird gerettet werden."

Für besonders wichtig halten wir das Nachdenken darüber, wie das Verhältnis zwischen jüdischer Gemeinde (Synagoge) und christlicher Gemeinde (Kirche Jesu Christi) theologisch neu gefasst werden könnte. Die Synagoge und die Kirche haben in der hebräischen Bibel eine gemeinsame Glaubensgrundlage, was ohne Analogie in der Welt der Religionen ist. Das macht diese Aufgabe unausweichlich. Hinzu kommt die Einsicht, dass jede Form eines Überbietungsdiskurses gegenüber dem Judentum trotz der konkurrierenden Auslegungen der hebräischen Bibel in Talmud und Neuem Testament wider den biblischen Sinn läuft und immer wieder in einen christlichen Überlegenheits- und Verfolgungswahn mündete. Unser Ansatz liegt darin, mit Blick auf die Apostelgeschichte, die Paulus als Pharisäer bezeugt, und auf den Römerbrief, wo es heißt, dass „der Gesalbte Diener der Beschnittenen ist" (Röm 15,8), das Verhältnis der Kirche Jesu Christi zur Synagoge als Dienstverhältnis zu beschreiben.

Die Reformation brachte für die Juden keinerlei Befreiung. Auf Luthers unfassbar überbordenden Judenhass, der tief in seiner Theologie wurzelte, beriefen sich die Nationalsozialisten. Trotzdem ist eine Beschäftigung mit ihm auch für positive Überraschungen gut. Dass Luther bei der Gründung des Schmalkaldischen Bundes für bewaffneten Widerstand gegen den tyrannischen Kaiser plädierte führt zu dem zwingenden Schluss, dass es die Pflicht der Kirchen gewesen wäre, gegen die Tyrannei des Nationalsozialismus ebenso an der Seite des bewaffneten Widerstandes zu stehen. Luther sagte damals: „Dem Kaiser, was des Kaisers ist, aber doch nicht den Bluthunden".

Auch angesichts der erbarmungslos um sich greifenden kapitalistischen Wirtschaftspraktiken sprach Luther von Tyrannei und Mord und mahnte die Pfarrer zu unbeugsamem Predigen gegen den egoistischen Götzen Mammon, der wie ein Räuber und Tyrann die Gesellschaft zerstöre. Das theopolitische Lutherbild müsste sich grundlegend ändern und die evangelischen Kirchen weltweit gegen das kapitalistische Wirtschaftssystem aufstehen. Denn es verwüstet die Schöpfung.

Auf dem Feld der Nationalökonomie eröffnet sich eine jüdischem Denken geschuldete unerwartete Allianz. Wie Luther gegen den Götzen Mammon predigte und Marx den Fetisch des Geldes und des Marktes entlarvte, so fordert das Alte Testament, die Götzen des kanaanäischen Fruchtbarkeits- und Besitzkultes, der Baalsreligion, zu zerschlagen. Die Götzenkritik ist eine genuin jüdische Kategorie. Sie stammt aus Thora und Propheten. Der LWB, der ÖRK, der Reformierte Weltbund und Papst Franziskus haben die kapitalistische Marktwirtschaft als Götzendienst erkannt und verurteilt. U.E. gehört der Götzendienst nach dem Antisemitismus auch zu einer von Israel her denkenden Theologie, also in den jüdisch-christlichen Dialog. Der Antisemitismus ist ein direkter Angriff auf Gott, als den Gott Israels. Er wächst aus dem Neid auf das erwählte Volk. Der Götzendienst widersetzt sich in wahnhafter, religiöser oder gottloser Eigensucht (amor sui statt caritas), dem Gebot des Gottes Israels, den Nächsten als Mitgeschöpf zu achten und zu lieben. Neben dem egoistischen Kapitalismus nehmen wir noch zwei andere Götzen der Moderne in den Blick, die Nation und die Religion.

Auf einen genuinen Aspekt ihrer Botschaft, den die protestantischen Kirchen in der Reformationszeit kaum nachhaltig erinnerten, wurden sie Jahrhunderte später durch den säkularen Messianismus der sozialistischen Arbeiterbewegung kräftig gestoßen. Nach ihrem kompletten Versagen in der sozialen Frage im

19. Jahrhundert bewirkte der marxistische Sozialismus (wir betrachten Marx als Prophet in atheistischem Gewand), dass manche Kreise in der Kirche diese verschüttete revolutionäre Botschaft wiederentdeckten. Beeindruckend und von umwerfender persönlicher Kraft war Christoph Blumhardt. Leider kam in seiner Reich-Gottes-Predigt Israel nicht vor.

Bis heute haben die christlichen Kirchen ihre Wurzel Israel gedemütigt oder missachtet und die ihnen gleichfalls aufgetragene Botschaft vom Reich Gottes vergessen oder spirituell banalisiert. Das führte in Theologie und Frömmigkeit zu einer verinnerlichten Engführung auf Christus allein. Aus dieser Verirrung konnten sich bisher nur Teile der christlichen Kirchen befreien. Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg setzte, befördert durch den christlich-jüdischen Dialog, ein echtes Umdenken ein. Trotz vieler ermutigender kirchlicher Grundsatzerklärungen wird es bis zur vollen Erkenntnis dessen, was der Pharisäer und Apostel Paulus mit seinem Satz: „Ganz Israel wird gerettet werden" meinte, noch eine ungewisse Zeit dauern. Ohne wie er die Fülle der Reich-Gottes-Verheißung zu predigen, wird sich die Abraham versprochene Völkerversöhnung kaum einstellen können.

Klaus-Peter Lehmann, Augsburg im Juli 2020

1 Ganz Israel kommt ins Reich Gottes

Die eine Hoffnung der Propheten, des Paulus und des Talmud

1 Ganz Israel kommt ins Reich Gottes

Die eine Hoffnung der Propheten, des Paulus und des Talmud

1. Die zwiefältige Verheißung der biblischen Schriften

Die in der Bibel zusammengestellten jüdischen Schriften sind von einer in der Kulturgeschichte der Menschheit einzigartigen Hoffnung durchdrungen, gestaltet und getragen. Uns Christen ist diese Hoffnung am geläufigsten unter dem Namen des Reiches Gottes. Kein Menschenreich, wie wir sie aus Geschichte und Gegenwart kennen, kein Reich, dessen Macht mit Waffengewalt, seien es Schwerter oder Panzer, aufrecht erhalten werden muss. Sondern ein Reich, wo die Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet werden, ein Reich, wo nach dem Liebesgebot der Thora regiert wird und der Hunger nach Gerechtigkeit aller Menschen Herz bewegt, alle zwischenmenschlichen Beziehungen und gesellschaftspolitischen Strukturen bestimmt (5Mose 16,20; Mth 6,33). Eine Gesellschaft, deren Lebensatem ein zutiefst humaner und empathischer Friedenswille ist. Unter säkularem Blickwinkel würden wir von der Utopie einer gerechten Gesellschaft sprechen.

In der Bibel steht Abraham für den unerklärlichen Beginn der Geschichte dieser Hoffnung. Sie ist nicht aus irgendeiner Vorfindlichkeit ableitbar, sondern strikt alternativ, von einer ganz anderen „Welt, totaliter aliter, kommend vom Nichtort des Himmels (Joh 18,36). Von „dort hörte Abraham eine Aufforderung verbunden mit einer Verheißung: sein Vaterhaus zu verlassen, in ein unbekanntes Land zu ziehen, dann würde er Same eines großen Volkes werden und sein Name zum Segenswunsch der Menschheit (1Mose 12,1-3).

In diesen Worten ist die ganze Fülle der biblischen Verheißungen, der immer wieder ausgerufenen prophetischen Hoffnung Israels enthalten. Diese Verheißung ist von Anfang an zweiseitig. Sie ist partikular und universal in einem, unvermischt und ungetrennt. Einerseits handelt es sich um eine auf die Menschheit bezogene Hoffnung, andererseits ist sie gebunden an die Abraham verheißene leibliche Nachkommenschaft, an das Volk Israel.

Allein der Gott Israels verheißt Gerechtigkeit und Barmherzigkeit für alle Menschen. Allein der Wille des Gottes Israels ist auf ein Friedensreich gerichtet, in dem alle Völker miteinander versöhnt leben. Die Verheißung gilt allen „Geschlechtern der Erde" (1Mose 12,3), aber sie ist verankert in Israel.

Einen festen Träger dieser Hoffnung, damit sie in den Kriegen, Wirrnissen und Verzweiflungen der Geschichte nicht untergeht, muss es geben. Und weil es um eine geschichtliche Hoffnung geht, am besten ein Volk als Träger. Dass es diesen Träger gibt und er Israel heißt, ist aus geschichtlichen Kausalitäten nicht ableitbar. Deshalb spricht die Bibel vom Geheimnis der Gnade Gottes, aus der heraus Israel dazu erwählt wurde. Für die biblischen Schriften gilt: Das Wohl und der geschichtliche Erhalt des zu Gottes Bundesvolk berufenen Israel ist integraler Bestandteil der Verwirklichung der Hoffnung auf einen universalen Menschheitsfrieden, des Reiches Gottes.

Diese zwiefältige Hoffnung, die Väterverheißung, findet in den biblischen Schriften einen vielfachen Ausdruck. Mehrere Propheten sprechen vom Anbruch des die Völker umspannenden Friedensreiches, gegründet auf deren Thoragehorsam und ihrer Wallfahrt nach Jerusalem, von woher sie Weisung für den Frieden erhalten (Jes 2,1-5; Mi 4,3; Sach 9,10). Jesaja beschreibt, wie das Gottesreich, auf dessen Regent der „Geist des Herrn ruhen wird, auf dem Zion Fuß fasst: „Nichts Böses und nichts Verderbliches wird man tun. An diesem Reich werden sich dann auch die Völker orientieren (Jes 11,1-10). Der Prophet Amos verbindet den Wiederaufbau Zions mit dem Gewinn aller Völker für den Gott Israels (Amos 9,11-15). Der Prophet Daniel spricht als erster vom unzerstörbaren „Reich Gottes, dem alle Nationen und Zungen dienen werden (Dan 6,26; 7,14) und auf das hin „ganz Israel, das „deine Thora übertreten hat (Dan 9,11), „dein Volk errettet werden wird (Dan 12,1).

Im Alten wie im Neuen Testament finden wir Stellen, die nur von der Rettung Israels (2Sam 7,10f; Lk 1,71) oder nur von der Zukunft der Völkerwelt (Dan7,14; 2Petr 3,13) oder von beidem zugleich (Sach 8,10-23; Lk 1,55; 3,32) reden. Wir gehen davon aus, dass die einseitige Rede nicht exklusiv aufzufassen ist. Beide Aspekte leben ja voneinander. Ist die Partikularität Israels der geschichtliche Körper, also die Voraussetzung für den Bestand der universalen Hoffnung in den Fluten der Geschichte, so ist der Schalom, der Israel zusammen mit der Völkerwelt umfasst, der prophetische Atem des Bundesvolkes. Denn was für einen Sinn hätte es, wenn Israel nur für sich hoffen würde?

Welchen Sinn hat dann aber die Rede von der Rettung „ganz Israels, die die partikulare Seite der Hoffnung besonders zu betonen scheint? Im Alten Testament finden wir diese Rede des öfteren. Bei Ezechiel ist es „das ganze Haus Israel insgesamt, das Gott aus dem Exil wieder in sein Land bringt und sie durch die Gabe eines anderen Herzens zu seinem thoratreuen Volk erneuert (Ez 14-21). Hier handelt es sich um das endgültige Befreiungshandeln Gottes an seinem Volk, um die Auslösung ganz Israels von seinen Feinden und seinen Sünden. Wortwörtlich spricht der Prophet Daniel von der Rettung ganz Israels, wenn wir zwei Stellen seines Buches zusammenlesen (s.o.). Von „ganz Israel, dem „Gott am Horeb Satzungen und Rechte aufgetragen hat, spricht Maleachi (4,4). Das Buch der Chronik betont wiederholt die Einigkeit zwischen „ganz Israel" und seinem König David (1Chr 11,1ff; 13,5 u.ö.).

2. Was heißt: „Ganz Israel wird gerettet werden"?

Wie das Alte Testament spricht auch der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer 11,25f von ganz Israel: „...bis die Fülle der Völker hineingekommen sein wird und auf diese Weise ganz Israel gerettet werden wird, wie geschrieben steht: Kommen wird aus Zion der Retter, wegwenden wird er Freveltaten von Jakob. Und dieser ist von mir her der Bund: wenn ich ihre Sünden weggenommen habe."

Den Ausdruck variierend lesen wir im Babylonischen Talmud Sanhedrin 10,1: „Ganz Israel hat Anteil an der kommenden Welt, denn es ist gesagt: Dein Volk allesamt gerecht werden für die Ewigkeit das Land erben, Spross meiner Pflanzung, Werk meiner Hände zur Verherrlichung." (1)

Die Anteilhabe von ganz Israel an der kommenden Welt, dem Reich Gottes, gleichbedeutend mit seiner Rettung, ergibt sich sowohl für die talmudischen Rabbiner wie für den Apostel Paulus aus den prophetischen Verheißungen der Schriften. Sie greifen auf Jesaja zurück, die talmudischen Gelehrten auf Jes 60,21, der Apostel auf die Septuaginta-Version von Jes 50,20f und Jes 27,9. Die Propheten der hebräischen Bibel zweifeln nicht an der Rettung ganz Israels. Allerdings sind ihre Worte und deren Auslegung im Talmud oder bei Paulus keine dogmatische Festlegung, keine Seinsaussage, sondern Verheißung und paränetische, aufmunternde, ermahnende Anrede. Für den Hörer oder Leser ist diese Verheißung eine Zusage, Zuspruch und Anspruch eines Gottesgeschehens, in das er als Angeredeter hineingezogen wird. Der Talmud macht das deutlich durch die sehr konkrete Fortführung mit den mahnenden Beispielen: „Folgende haben keinen Anteil an der zukünftigen Welt: Wer sagt, die Auferstehung der Toten befinde sich nicht in der Thora, wer sagt, die Thora sei nicht vom Himmel, und der Gottesleugner." Es werden ausdrücklich auch noch drei Könige genannt, Jerobeam, der den Götzendienst in Israel einführte, Ahab, ein grausamer Herrscher, der den Prophet Elia verfolgte und Menasse, der nach der Kultreform seines Vaters alle Baalsgreuel wiedereinführte.

Die Rettung von ganz Israel meint also keine quantitative Vollzähligkeit, sondern die verheißene Unzerstörbarkeit einer qualitativen Einheit, an deren Bestand der Hörende aufgerufen ist mitzuwirken. Es geht um die geschichtliche Dauerhaftigkeit und Integrität Israels aufgrund seiner nicht widerrufbaren Erwählung zum einzigen Bundesvolk Gottes: Israel wird ganz bleiben bis in die kommende Welt, bis ins Reich Gottes hinein. Das ist als Verheißung zugleich ethischer Imperativ.

Was wird geschehen? Nach Paulus wird der Retter alle Sünden von Jakob hinwegnehmen. Die Verheißung aus Jes 60, eine Schilderung der endzeitlichen Verherrlichung Israels (Jes 60,9.21), (2) ewiger Freudenjubel ist ausgebrochen, läuft auf dasselbe hinaus: „Die Sonne wird nicht mehr untergehen... der Herr wird dein ewiges Licht sein, die Tage deiner Trauer haben ein Ende. Deine Bürger werden lauter Gerechte sein. An dieser kommenden Welt wird Anteil haben: „Jeder, der des Namens Jisrael würdig bleibt und der hohen geistig sittlichen Bestimmung und Aufgabe sich nicht ganz entfremdet, hat seinen Anteil an beidem, an der zukünftigen und an der diesseitigen Zukunft. (3)

3. Die Anerkennung der enthüllten Ehre Israels

Der Evangelist Lukas fasst das messianische Erlösungswerk, das Kommen des Reiches Gottes in einer bemerkenswerten Doppelbestimmung als „Licht zur Erleuchtung der Völker und zur Verherrlichung deines Volkes Israel" (Lk 2,32). Das griechische Wort für Verherrlichung (doxa, hebräisch: tip´ärät) ist wegen seiner Bedeutungsfülle: Ruhm, Glanz, Ehre, Herrlichkeit, schwer wiederzugeben. Erleuchtung, im Griechischen: apokalypsis, meint Enthüllung, Offenbarung. Wir neigen deshalb zu folgender Interpretation der Stelle. Das lichtvolle Kommen des Reiches Gottes ist das geschichtliche Geschehen, in welchem der Völkerwelt die Ehre Israels enthüllt, offenbart wird. Der ehrenvolle gute Ruf, der Israel wegen seiner Erwählung, die sich in den Gaben der Sohnschaft, der Gegenwart Gottes, des ewigen Bundes, der Thora, dem Gottesdienst und den Verheißungen (Röm 9,4) konkretisiert, zusteht, wird vor aller Welt aufgerichtet werden.

Seit der frühen Geschichte haben die meisten Völker Israel verachtet (Kanaanäer), bekriegt (Amalekiter, Midianiter) oder unterworfen (Babylonier, Hellenen, Römer), sodass zum messianischen Erlösungswerk die Befreiung Israels von seinen Feinden gehört (Lk 1,71). Weil das nach der Zeitenwende so weiterging (Diskriminierung unter muslimischer Herrschaft, Verschmähung und Verfolgung im christlichen Abendland bis zum NS-Genocid) ist die Gründung des Staates Israel als Befreiung des Bundesvolkes aus der Löwengrube des Antisemitismus anzusehen. Politische Restitution und Aufrichtung der Ehre Israels vor den Augen der Welt, gehört zum geschichtlichen Geschehen der Anteilgabe ganz Israels an der kommenden Welt.

Zur Rettung ganz Israels gehört aber noch viel mehr. Ganz Israel wird gerettet, indem seine Bestimmung weltweit anerkannt wird, indem alle Welt Ja sagt zur Ehre Israels als dem für alle erwählten Volk, zu den Weisungen der Thora und ihren Verheißungen, sich also in Ethik und Hoffnung dem von Israels Propheten verheißenen Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit zuwendet.

Die Rettung von ganz Israel erscheint so als ein Beziehungsgeschehen zwischen dem Bundesvolk und der Völkerwelt, in welchem beide Anteil am Reich Gottes gewinnen, Israel, indem es die Thora und seine Bestimmung neu ergreift, die Völker, indem sie durch die Zuwendung zu Israels Verheißungen in ein neues Leben eintreten. Indem die Völker auf diesem Weg Israel als Träger der Verheißung des ewigen Friedens (Shalom) der Menschheit anerkennen, versöhnt sich Israel mit ihnen, seinen ehemaligen Feinden. Jes 60,4 fasst dieses Geschehen so: „Völker strömen zu deinem Lichte und Könige zu dem Glanz, der über dir aufstrahlt." Israel und die Völker wachsen zu einer universalen Friedensgemeinschaft zusammen. Auf dem Zion strahlt die Ehre Gottes über Israel zu seiner Verherrlichung auf und die Völker wenden sich ihm zu.

Die Bewegung auf Israel und seine Verheißungen zu ist die Grundbewegung in das Reich Gottes hinein: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit" (Matth 6,33). Deshalb ist die Teilhabe ganz Israels an der kommenden Welt unabdingbar. Sie ist konstitutiv für ihr Kommen.

4. Der Schmerz des Pharisäers und Apostels Paulus um Israels willen

Paulus ist wie die Rabbiner des Talmuds ein pharisäischer Schriftgelehrter. Er lehrt nach eigener Aussage nichts anderes als wovon Moses und Propheten geredet haben (Apg 26,22). Er steht vor Gericht wegen der Predigt der von Gott den Erzvätern gegebenen Verheißung, der Auferstehung der Toten (Apg 26,6f): „Um der Hoffnung Israels willen trage ich diese Kette" (Apg 28,20). Wie alle Pharisäer verkündet Paulus die zukünftige Auferstehung der Toten. Dass aber diese Zukunft mit der Auferstehung Jesu schon begonnen habe, das Reich Gottes also schon im Kommen sei, diese Überzeugung des Paulus begründet im Pharisäertum eine andere Richtung, die also einen anderen Weg zu demselben Ziel gefunden zu haben glaubt (Apg 24,14.22), die Partei der Nazoräer (Apg 24,5).

Die messianischen Jesus-Gemeinden glauben sich schon in unmittelbarer Nähe des Reiches Gottes, insbesondere deshalb, weil sie in dem versöhnten Zusammenleben von Juden und Heiden in ihrer Mitte die verheißene Völkerversöhnung, das Reich Gottes als vorweggenommen glauben, als seinen partikularen aber realen Vorgeschmack. Seiner Fülle. Auch sehen sie immer mehr Menschen durch eine von Gott den Völkern geöffnete Tür zu ihnen hinzukommen (Apg 14,27). Johannes sieht sie in das neue Jerusalem strömen (Off Joh 21,24; Jes 60,3f). Ein messianisches Beben greift bei vielen nichtjüdischen Völkern um sich. Paulus kennt in der Gemeinde zu Kolossä nicht nur Griechen und Juden, sondern auch Skythen und Barbaren, die alle durch das Band der Vollkommenheit, die Liebe, vereint in einem Leibe zusammenleben (Kol 3,11.14f). Immer mehr Heiden finden sich unter der jüdischen Verheißung des Reiches Gottes in gelebtem Thoragehorsam zusammen. Viele aus den heidnischen Völkern versöhnen sich mit Juden. Aber die große Mehrheit des Judentums bleibt fern. Ganz Israel winkt ab.

Hier liegt das große Dilemma des zu den Völkern gesandten Apostels. Paulus weiß, dass er selbst allenfalls ein paar wenige Juden dem durch Jesus gekommenen Reich Gottes nahe bringen, „retten kann (Röm 11,14; Apg 28,23f). Sein Schmerz gilt „ganz Israel, dem Volk, dem die Verheißungen, die Sohnschaft, der Bund, die Thora (Röm 9,4), also alle Quellen der Reich-Gottes-Hoffnung zugeeignet sind. Wie kommen sie, die beharrlich abwinken, in das Reich Gottes?

Der unablässsig nagende Seelenschmerz, die große Trauer, die im Herz (Röm 9,2) des Apostels um seiner israelitischen Brüder willen wühlen, ist die Sehnsucht nach dem Eingang von ihnen, von ganz Israel, ins Gottesreich: „Um Israel willen trage ich diese Kette" (Apg 28,20).

5. Das Völkerapostolat

Paulus geht mit seiner Botschaft von Jesus als dem Bringer des Reiches Gottes zwar zu den Völkern, aber seine Sehnsucht, sein Trachten, quasi sein tieferes Motiv in den vielen Reisen, die er zur Verbreitung der neuen messianischen Wirklichkeit unter den Völkern unternimmt, ist die Rettung ganz Israels. Wieso?

Wegen der Treue Gottes, der seine Gnadenverheißungen und seine Berufung nicht bereuen kann (Röm 11,29). Gottes Treue konkretisiert sich in den Gnadengaben, die Israel als Bundesvolk mit sich trägt (Röm 9,4). Deshalb spricht Paulus diesen Lobpreis: „Der über allen (Menschen) seiende Gott, der gepriesen sei bis in die Äonen. Amen" (Röm 9,5). Das heißt: Der Gott Israels, der die Geschicke der Menschen mit seiner Rechten, die schon Israel aus Ägypten befreite, aus Babylon zurückführte, lenkt, sei gepriesen wegen seiner Treue, mit der er Israel dann auch seinen weitergehenden Verheißungen zuführen wird – auch wenn Israel jetzt noch abwinkt. Gott würde sich selbst untreu werden, sich selbst widersprechen, wenn es anders werden würde. Sie bleiben Geliebte um der Väter willen (Röm 11,28). Deshalb darf der Apostel auf die Rettung ganz Israels hoffen, auch wenn ihn ihre aktuelle Ablehnung schmerzen muss.

Die Gestaltung seiner Reisen liest sich wie ein Tagebuch dieser Hoffnung. Vor der Visite bei den Jesus-Gemeinden besucht Paulus immer die örtliche Synagoge. Hier führt er theologische Gespräche, selbstverständlich wegen seiner umstrittenen und weithin abgelehnten Botschaft. Das Gespräch im Kreis der Pharisäer, mit den schriftgelehrten Rabbinern in der Synagoge bedeutet aber schon de facto, unabhängig vom Gesprächsausgang, die Anerkennung und Respektierung der Lehre des Paulus als pharisäisch. Bis zu seinem Ende in Rom bleibt der pharisäische Apostel Jesu Christi mit der Gemeinschaft der Pharisäer im Streitgespräch verbunden, mit der Mehrheitsmeinung unter ihnen, die seinen völker-messianischen Quereinstieg in die Verheißungsgeschichte Israels ablehnen. Die weitaus überwiegende Mehrheit der Juden bestreitet (Apg 28,22), dass dieser Quereinstieg von thoratreuen Heiden ein Weg auf das Reich Gottes zu wäre. Sie bestreiten dem Paulus nicht die Teilhabe an der Verheißung des Reiches Gottes, nur die Halacha, den Weg, den er für ihre Verwirklichung meint gehen zu müssen, halten sie für einen Irrweg.

Für Paulus und sein Wirken in den Jesus-Gemeinden ist diese Einbindung, dieser Rückhalt in den Synagogen, unverzichtbar. Ohne diese gelebte Zugehörigkeit zur Synagoge könnte der Apostel nicht von der Wurzel Israel reden, der die Jesus-Gemeinden eingepfropft seien (Röm 11,17). Die Jesus-Gemeinden sind kein Selbstzweck, sondern „Diener der Beschnittenen" (Röm 15,8), die durch ihre Thora- und Verheißungstreue zu Sympathisanten Israels werden, damit schließlich die nichtjüdischen Völker zusammen mit dem Bundesvolk Israel den Gott Israels preisen (Röm 15,10; 5Mose 32,43).

Paulus hat eine neue Idee, eine neue heilsgeschichtliche Konzeption, die sich ihm aufgrund der Lage, wie sie sich ihm als auf die Auferstehung Jesu vertrauender Pharisäer darstellt, geradezu aufdrängen muss. Wozu bringt er die Völker zum Thoragehorsam (Röm 15,18)? Warum sieht er in ihnen eine Opfergabe für das messianische Werk Jesu (Röm 15,16), der den Beschnittenen dient (Röm 15,8)? Der Apostel bringt mit seiner Sendung an die nichtjüdischen Völker, die Unbeschnittenen, die Bekehrten von ihnen quasi dem Messias als Gabe dar. Sein missionarisches Tun an den Unbeschnittenen ist also Dank und Bitte an den von Gott gesandten Jesus Christus, sein Werk, den Dienst an den Beschnittenen, um dessen Vollendung der Apostel sich durch seinen priesterlichen Dienst an den Heiden (Röm 15,16) unablässig müht, seinem Ziel, der Rettung ganz Israels, entgegen zu führen. Alles läuft auf eine aktive Wartezeit hinaus. Warten und Fördern, dass „die Fülle der Heiden (ins Reich Gottes) hineingegangen sein wird" (Röm 11,25).

Dann wird Israel auch hineingehen, - wenn ihm aus der Völkerwelt die eigene Reich-Gottes-Hoffnung als lebendige Fülle entgegenkommt! Das ist die Hoffnung des Apostels. Durch die weltweite Verbreitung der messianischen Gemeinden, durch die in ihnen vorweggenommene Wirklichkeit des Reiches Gottes, durch den überzeugenden Thoragehorsam in der gelebten Liebe als Band zwischen den versöhnten Völkern, die Israel von überall her aus der Völkerwelt entgegenleuchtet, wird es Freiheit zum Atmen bekommen und „erlöst aus der Hand unserer Feinde ohne Furcht ihm dienen können „in Heiligkeit und Gerechtigkeit (Lk 1,74f). Das Volk Gottes wird dann von seinen Sünden wie von selbst Abstand nehmen (Röm 11,26f). Das Bundesvolk Israel wird sich politisch wieder aufrichten und kann unbedroht gemäß seiner Erwählung Gott dienen als heiliges und gerechtes Volk. Auf diesem Weg wird es geschehen, hofft der Völkerapostel Paulus: ganz Israel geht hinein in die kommende Welt, wird gerettet werden.

6. Die Herrschaft Israels über die Völker im Reiche Gottes

Das Reich Gottes ist die von Gott verheißene universale gesellschaftliche Wirklichkeit, in der es keine Herrschaft von Menschen über Menschen mehr gibt, keine Unterdrückung, keine ungerechten Verhältnisse bzw. Strukturen. „Wir erwarten aber nach seiner Verheißung neue Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt" (2Petr 3,13).

Es wird im Reich Gottes bestimmende Strukturen geben. Sie ergeben sich aus der ordnenden Kraft der Gerechtigkeit und Liebe, die im Reich Gottes vollkommen verwirklicht werden wird, und aus der Zwiefältigkeit der Verheißung, der doppelten Bestimmtheit ihres Zieles, die Verherrlichung ganz Israels und die Schalomisierung (4) der Völkerwelt. Wir leiten von den prophetischen Verheißungen folgende Bestimmungen für die innere Ordnung des Reiches Gottes ab. Wir sprechen dabei weiter von Herrschaft, weil die Herrschaft der Liebe, die alle Herrschaft und Unterdrückung aufhebt, keine Herrschaft, sondern Herrschaftslosigkeit ist: Anarchie der Liebe.

Die Herrschaft des Wortes vom Frieden über die Waffen (Jes 2,1-5).

Die Herrschaft der Thora über die Herzen der Menschen (Jer 31,31-34; Ez 11,19f).

Die Herrschaft des Messias über die Tyrannen (Jes 11,4; Ps 2; Apk Joh 19,15).

Die Herrschaft Israels über die Völkerwelt (Dan 7,27).

Mit dem Herrschaftsantritt des Friedens, der Thora, des Messias und damit Israels beginnt das Reich Gottes. Im Reich Gottes sind alle Waffen abgeschafft (Jes 11,4-11), die Menschenherzen von den Weisungen der Thora erfüllt, alle Tyrannei beseitigt und der von Jerusalem ausgehende Shalom von den Völkern angenommen. Diese Bestimmungen, die das Reich Gottes konstituieren, sind die zusammengehörigen Aspekte der Herrschaft des Gottes Israels. Wer sie anerkennt dient Israel.

So lesen wir beim Propheten Daniel, dass dem „Menschensohn Macht verliehen wurde und Ehre und Reich, dass die Völker, alle Nationen und Zungen ihm dienten. Seine Macht ist eine ewige Macht, die niemals vergeht und nimmer wird sein Reich zerstört" (7,14). (5) Bei Jesaja heißt es: „Denn das Volk und das Königreich, die dir nicht dienen wollen, werden untergehen" (Jes 60,12), d.h. im Reich Gottes nicht dabei sein.

„Ich will den Frieden zu deiner Obrigkeit machen und die Gerechtigkeit zu deiner Regierung" (Jes 60,17). Die Orientierung der Völker an Israel, ihre Annahme von Gerechtigkeit und Frieden, ihre Unterstellung unter die Thora implizieren die Anerkennung der Ehre Israels, seine Verherrlichung (Jes 60,9), und dienen der Rettung ganz Israels. Die Annahme der Weisungen der Thora durch die Völker ist die Kehrseite von Israels Herrschaft über sie. Von daher verstehen wir das Völkerapostolat des Paulus als Dienst für die Herrschaft Israels über die Völkerwelt im Reiche Gottes.

(1) Von der Anteilhabe „des ganzen Hauses Israel" an der Herrschaft des Reiches Gottes spricht auch das Kaddisch-Gebet.

(2) Fünfmal ertönt das hebräische pa`ar = verherrlichen in Jes 60 (vgl. Lk 2,32). Immer ist ein Bezug auf Israel möglich. „Das Haus meiner Verherrlichung will ich verherrlichen (60,7); „Zu mir sammeln sich die Seefahrer... Gold und Silber führen sie mit... für den Heiligen Israels, weil er dich verherrlicht (60,9); ...um zu verherrlichen den Ort meiner Heiligkeit (60,13); „Der Herr wird dir ewiges Licht sein und dein Gott zu deiner Verherrlichung (60,19); „Deine Bürger werden alle Gerechte sein,... als Werk meiner Hände zur Verherrlichung" (60,21).

(3) Samson Raphael Hirsch, Sprüche der Väter, Basel 1994, S. 2

(4) Das hebräische Wort für Frieden (Schalom) bedeutet etwas gänzlich anderes als das lateinische pax. Pax ist der durch militärische Überlegenheit hergestellte Friede, also eine Befriedung durch militärische Präsenz. Schalom ist der Friede, der kommt, wenn alle menschlichen Beziehungen von Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Barmherzigkeit erfüllt sind. Das deutsche Wort Frieden kann beides bedeuten.

(5) In diesem Dienst für den Messias und Israel sieht sich der Apostel Paulus, indem er für die Beschnittenen aktiv ist (Röm 15,8) mit dem Ziel der Vereinigung aller Völker im gemeinsamen Lobpreis des Gottes Israels (Röm 15,10; 5Mose 32,43).

2 Die Verheißung des Reiches Gottes und ihre Gefährdung

2.1 Abraham– Vater des Reiches Gottes, der gerechten Menschenwelt aus seinem Schoß

Abraham gilt als Vorbild für vieles. Für die Ökumene zwischen Juden, Christen und Muslimen; manchen für sklavische Autoritätshörigkeit; für Vertrauen auf Gottes Wort, verbunden mit einem radikalen Neuanfang des Lebens und einem Bruch mit der Vergangenheit; für vorbildliche Gastfreundschaft; (1) er gilt als Erzvater des jüdischen Volkes; den Muslimen als Bringer des Monotheismus. Von Abrahams Schoß haben viele mal gehört.

Jüdisch-christlicher Gesprächskreis

Der seit sieben Jahren in Augsburg bestehende jüdisch-christliche Gesprächskreis hat sich nun zwei Jahre lang in monatlichen Runden zu 6-9 Personen konzentriert mit den alttestamentlichen Erzählungen von Abraham (1Mose 11,27-25,18) beschäftigt. Genaue Lektüre der Texte, Vergleich verschiedener Übersetzungen, Kenntnisnahme des hebräischen Sprachhintergrundes und rabbinischer Auslegungen (besonders die schönen Kommentare von Samson Raphael Hirsch) waren die Grundlage nicht nur für spannende und intensive Gespräche, sondern auch für überraschende Einsichten. Die wichtigste war wohl, dass uns die Augen geöffnet wurden, warum die Bibel in Abraham als Person und deshalb namentlich den Vater vieler Völker sieht und was das für die Menschheit bedeutet.

Abraham in der hebräischen Bibel

1. Abrahams Hoffnung auf ein Gottesvolk und eine versöhnte Menschheit

Für alle gläubigen Juden ist Abraham der Erzvater des Judentums, des Volkes Israel. Drei Verheißungsworte Gottes rissen ihn aus Heimat, Verwandtschaft und Vaterhaus, versprachen ihm die Freiheit in einem neuen Land, die Vaterschaft für ein großes Volk und die Versöhnung der Völkerwelt in seinem Namen (1Mose 12,1-3). Obwohl alles dagegen sprach, ließ er sich auf das völlig unrealistische Abenteuer mit einer utopischen Verheißung ein. Das versprochene Land war seit alters her von den Kanaanäern besiedelt, er selber war schon 75 Jahre alt und seine Frau kinderlos, als Kleinviehnomade war er ein weltpolitischer Niemand. Trotzdem sieht die Bibel in ihm einen Neuanfang der Menschheitsgeschichte in betontem Gegensatz zu dem Imperium, das sich einen Turm bis an den Himmel bauen und alle Völker unter dem Joch seiner Supermacht, unter Babylons Namen (1Mose 11,4), vereinigen will. Mit Abrahams Namen aber werden sich alle Geschlechter der Erde Segen wünschen (1Mose 12,3). Abraham steht für den ewigen Frieden auf Erden, die universale Völkerversöhnung. Babylon und Abraham: zwei alternative geschichtliche Wege für die Menschheit, Großreich wie Babylon oder Reich Gottes.

Abraham vertraute auf diese Aussicht, die ihm die Verheißungsworte Gottes eröffneten, sie wurden zum alles bestimmenden Inhalt seines Lebens. Obwohl sie reine Utopie waren, kann man sagen, dass sie von Abraham Besitz ergriffen hatten, zu seiner existentiellen Hoffnung wurden. Abraham war ein von Gottes Wort Besessener.

Auch wenn die großen und starken Mächte immer wieder zusammenbrechen, das Leben in ihrer Nachbarschaft war für Abraham gefährlich. Die Gefährdung von Abrahams Weg und den mit ihm verbundenen Verheißungen zeigt sich, als eine Hungersnot ihn und seinen Hausstand nach Ägypten verschlagen. Sein Überleben und die Ehre seiner sehr schönen Frau Sara geraten wegen der räuberischen Haremspolitik des Pharaos in höchste Gefahr (1Mose 12,10-20). (2) Diese kurze Erzählung von der Rettung Abrahams und Saras durch Plagen, die Gott dem Pharao schickt und ihn lächerlich aussehen lassen, liest sich wie ein Vorspiel des Exodus, des Auszuges der Kinder Israels aus Ägypten.

2. Abraham – Vorbild für Frieden und Gerechtigkeit

Die folgenden Erzählungen schildern Abraham als einen vollkommenen Friedensmenschen, der im Vertrauen auf die Verheißungen den Weg der Gerechtigkeit und des ewigen Friedens geht. Überhaupt meinen die Rabbiner, er habe die Thora vollkommen erfüllt, obwohl sie noch nicht offenbart war. Als Abrahams Leute und die seines Neffen Lot, der mit ihm gezogen war, um das Weideland streiten, sucht Abraham eine gütige Einigung. Großmütig überlässt er Lot die Wahl des Weidelandes (1Mose 13). Als im Nahen Osten Krieg ausbricht, beteiligt er sich nicht daran, rettet aber seinen aus Sodom verschleppten Neffen, ohne von der dabei anfallenden Beute zu nehmen. „Nicht einen Faden von dir will ich behalten, sagt er zum ruhmsüchtigen und beutegierigen König des frevelhaften Sodom. Dafür gibt er aber dem unvermittelt erscheinenden, Brot und Wein bringenden Melchizedek (hebräisch: König der Gerechtigkeit), dem König von Salem (hebräisch wie Schalom = Frieden), der ihn im Namen des Höchsten Gottes segnet, „den Zehnten von allem (1Mose 14). Abraham, obwohl mittlerweile zu Wohlstand und Ansehen gekommen, teilt nicht die Gesinnung der Duodezfürsten, die alle ihr Klein-Babel wollen, sondern unterstellt sich dem völlig unbekannten Melchizedek, dem König der Gerechtigkeit, dessen Name wie oft in der Bibel theopolitisches Programm ist (1Mose 14). (3)

Gott schließt mit Abraham einen Bund, weil er ihm das Unglaubliche immer noch glaubt. Nämlich: „Dein eigner leiblicher Sohn soll Erbe sein" und: deine Nachkommen werden zahlreich sein wie die Sterne am Himmel (1Mose 15,4f). Sara dagegen bevorzugt auf Nummer sicher zu gehen und ruft Plan B ins Leben. Sie gibt ihrem Mann die ägyptische Magd Hagar zum Weib. Diese gebiert ihm den ersten Sohn Ismael (1Mose 16). Wegen des offenbar vollkommenen tugendhaften Lebenswandels Abrahams (4) auf dem Pfad des Friedens und der Gerechtigkeit macht Gott den Bund mit Abraham zu einem „ewigen Bund und beruft ihn zum „Vater vieler Völker. Sein Name Abraham sagt genau dies aus (1Mose 17). Es wird also viele Völker geben, die nach dem Vorbild Abrahams leben: Güte, Friedenssehnsucht, Gastfreundschaft (1Mose 18,1-16) und Gerechtigkeitswille. Der Hunger nach Gerechtigkeit ist bei Abraham bedingungslos, weshalb Gott ihn zu seinem Ratschluss über das grauenhafte Sodom hinzuzieht. Abraham in seiner Barmherzigkeit und Güte besteht darauf, das beispiellos frevelhafte Sodom überleben zu lassen, wenn sich wenigstens zehn Gerechte in der Stadt finden (1Mose 18,17-33). Sie fanden sich nicht. Dem entsprechend kann man sagen, Deutschland hat den 2. Weltkrieg wegen der Geschwister Scholl überlebt – aus unverdienter Gnade.

3. Lachen um Isaak

An drei Stellen wird von einem Lachen berichtet. Abraham hört erneut die Verheißung, dass Sara ihm einen Sohn gebären soll. Er wirft sich aufs Angesicht und lacht (1Mose 17,17), nach einstimmiger rabbinischer Auslegung – vor Freude, die aus dem Vertrauen auf Gottes Wort kommt. Als Sara die Verheißung hört, lacht sie bei sich selbst (1Mose 18,12) – ungläubig zweifelnd. An der dritten Stelle lacht Ismael spöttisch über den kleinen Halbbruder Isaak (1Mose 21,10). Der Name Isaak oder Jitzchak ist nach dem hebräischen Wort für „lachen" (tzachak) gebildet. So erinnert der Name Jitzchak an die Freude, den Zweifel und den Spott anlässlich seiner Geburt, Gefühle, die die Existenz Israels als des erwählten Volkes bei vielen Menschen bis heute immer wieder auslösen.

4. Vertrauen auf Gott und Mensch

Für die berühmte Erzählung von der Bindung Isaaks (1Mose 22) (5) gibt es verschiedenste Deutungen, die sich nicht gegenseitig ausschließen: Auslösung und Ende des Menschenopfers; Gott wollte keine Opferung, sondern Abrahams Gesinnung prüfen; blutig verfolgte Juden erblickten in Isaak auf dem Altar ihr eigenes Schicksal; Abraham ging gehorsam den dunklen Weg in dem festen Vertrauen, dass Gott eine Opferung seines Sohnes nicht wolle, denn er würde damit seiner eigenen Verheißung widersprechen. (6)

Eine besonders feine Geschichte ist die von der Brautwerbung für Isaak (1Mose 24). Der greise Abraham schickt seinen Verwalter Elieser, um für Isaak eine geeignete Frau zu finden, keine götzendienerische Kanaanäerin, sondern eine tugendhafte und charaktervolle Nachfolgerin für die verstorbene Sara (1Mose 23). Isaak und Rebekka, um die wegen ihrer spontanen Großmütigkeit und Hilfsbereitschaft Elieser als Frau für Isaak geworben hatte, sollen die von Abraham und Sara begründete Tradition eines gastfreundlichen und den Menschen in der Menschenfreundlichkeit Gottes zugewandten Hauses fortführen. Ein Vorbild bis heute.

5. Vorbild und Hoffnung für eine neue Menschheit

Thora, Propheten und Psalmen sprechen immer wieder von den Verheißungen des Gottes Israels an die Väter (2Mose 6,2-8; Jes 51,1-4; Mi 7,20; Ps 47,10).

Die Verheißungen Abrahams (1Mose 12,1-3) bleiben aufgrund des ewigen Bundes mit ihm (1Mose 17,8) Horizont der Geschichte des jüdischen Volkes (Ps 72,17).

Dem jüdischen Volk ist als Träger dieser ewigen Verheißungen dauerhafter geschichtlicher Bestand zugesagt (Jes 29,22; Jes 33,25f).

Abraham erweist sich als Vater von vielen Völkern, die nach seinem Vorbild geprägt sind und zu „Volk des Gottes Abrahams" werden (Ps 47,10).

Auf seinem Erzvater Abraham gegründet ist das Judentum zum Träger der allein von der Idee der Gerechtigkeit geprägten Religion geworden (1Mose 16,20), deren Weisungen bis heute die Grundlage für eine friedliche Völkerökumene abgeben. Denn Abraham ist der Bringer der unsterblichen Hoffnung auf eine mit Gerechtigkeit und Frieden gesegnete Menschheit, des Reiches Gottes.

Diese Hoffnung, auch wenn die äußeren Umstände gegen sie sprechen, mit dem eigenen Leben zu bezeugen, für sie aktiv einzutreten, an ihrer Verwirklichung zu arbeiten, ist der von Abraham ausgehende Aufruf an alle Völker und Menschen. Abraham ist der Same einer vita activa für eine durch Gerechtigkeit versöhnte Menschheit. Er steht für ein Leben im Vertrauen auf Gottes Verheißungen, dem kommenden Reich Gottes. (7)

6. Abraham – Vater ganz Israels und vieler Völker

Leicht entgeht der Bibellektüre, dass Gottes Bund mit Abraham zwei zusammengehörige Seiten hat (1Mose 17,4-7). Es handelt sich um einen doppelseitigen Bund. Einerseits schließt Gott seinen Bund im Blick auf Abraham allein, dass er „Vater eines Getümmels von Völkern" (1Mose 17,4) werde. Andererseits schließt er ihn mit Abraham und seiner gesamten leiblichen Nachkommenschaft, d.h. ganz Israel (1Mose 17,7). Die erste Bundeszusage schließt an die ursprünglichen Verheißungsworte an, sein Name werde groß sein und in ihm alle Geschlechter der Erde gesegnet (1Mose 12,2f). Die zweite ist ein ewiger Bund mit ganz Israel über alle Zeiten hinweg. Sie schließt an den Bund an, der Israel das Land Kanaan verspricht (1Mose 15,18ff). Diese Duplizität ist eine theologische Aussage: Als Erzvater des Judentums wird Abraham auch der geistige Vater für viele aus der heidnischen Völkerwelt werden, die sich an seiner Gerechtigkeit orientieren wollen. (8)

Im Hebräischen lesen wir nicht „Völkerwelt, auch nicht „viele Völker, sondern hamon = Getümmel, Gewoge, Getöse von Völkern (1Mose 17,4). Das Bild vom unübersichtlichen, wilden und sinnlosen Getümmel gibt das, was sich im Machtgetöse der Völkergeschichte abspielt, besser wieder als das Wort Völkerwelt, das eher an eine geordneten Kosmos erinnert. Abraham, seine Verheißung, sein Geist allein wären es, die in das sinnlose Völkergewoge bzw. in das blutige Gemetzel der Mächte Ordnung, Gerechtigkeit und Frieden segensreich hineinbringen könnten. „Ohne Awrahams Geist ist die Masse der Völker: hamon: ein aufeinander und durcheinander brausendes Gewoge... ihrer Bewegung fehlt jedes Richtmaß und Ziel... Awraham bringt ihnen den einheitlichen Geist, wird dadurch ihr geistiger Vater." (9) Durch Abraham werden gesegnet alle Völker der Erde (1Mose 18,18), sie werden von Abraham einen „Segen empfangen, der auf „Recht und Gerechtigkeit gegründet ist. (10) Denn Abraham selber ist ersehen, „erkoren, dass er es befehle seinen Söhnen und seinem Hause, dass sie wahren den Weg des ewigen, zu tun Recht und Gerechtigkeit, damit der Ewige bringe über Abraham, was er über ihn ausgesprochen hat" (1Mose 18,19).

Gottes Ziel mit der Menschheit ist der gerechte Frieden auf Erden, das Reich Gottes. Zu seiner Verwirklichung erwählt er Abraham bzw. Israel. Die zwei Seiten des Bundes mit Abraham begründen sich auf Gottes Ziel hin gegenseitig. Der Bund mit Israel ist der ewig bestehende Grundstein für das Reich Gottes. Das Reich Gottes ist der ewig bestehende Sinn des Bundes mit Israel, der Sinn von Israels Erwählung. Gott erwählt Israel um der Menschheit willen, er verheißt eine friedvolle Völkerwelt um Israels willen.

Abrahams geistige Vaterschaft für viele Völker und die Erwählung ganz Israels bilden in der Bibel eine unauflösbare Einheit im Blick auf die verheißene gerechte Völkerwelt. Das Reich Gottes kommt aus Abrahams Schoß.

Zu Abrahams Kindern zu gehören, darum geht es im Christentum und im Islam. Christen sehen in Abraham einen vorbildlichen Vater, in dessen Fußstapfen zu wandeln, sie sich berufen sehen (Röm 4,12). Paulus kämpft mit seiner Schriftauslegung für die Zugehörigkeit der Jesusgemeinden zu dieser geistigen Abrahamskindschaft: „damit den Heiden der Segen Abrahams zuteil würde in Christos Jesus (Gal 3,14), „als Erben gemäß der Verheißung (Gal 3,29). Auch der Koran sieht die Muslime als Abrahams Kinder. Bezugspunkt sind aber nicht die Verheißungen oder die ethische Vorbildlichkeit Abrahams, sondern sein Monotheismus (Sure 6,79; 22,77). Außerdem begründet er im Koran den Kult von Mekka (Sure 2,125f).

In Israel, in seiner Thora steht dem ethisch desorientierten, hin und her wogenden heidnischen Völkergetümmel Gottes ewiges Gebot gegenüber: „Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit jage nach!" (5Mose 16,20; Mt 6,33). In der ewigen Erwählung Israels manifestiert sich seine ewige Gültigkeit. Das Ja zu diesem Wort Gottes begründet die Abrahamskindschaft.

(1) Dazu gibt es ein Gemälde von Marc Chagall im Museum in Nizza; s. im Internet: France-Nice-Marc_Chagall_Painting-Abraham_and_the_Three_Angels.jpg

(2) Zur Haremspolitik der nahöstlichen Potentaten, die Abraham und seine Nachkommen ständig gefährdete vgl. 1Mose 20,1ff; 26,7f).

(3) Martin Buber hat das deutlich gemacht an „Jerusalem, was er als „Angesicht des Friedens verstand. Für ihn kein zufälliger Name für die Stadt, sondern eine weltpolitisch bewusste Namensgebung. Genauer übertragen bedeutet Melchizedek: Mein König (ist) Gerechtigkeit. Das wäre ein Bekenntnis.

(4) 1Mose 17,1 heißt es: „Und der Herr erschien Abraham und sagte zu ihm: Ich bin der allgütige Gott, wandle vor meinem Angesicht und werde vollendet. S. R. Hirsch sieht in den „vollendet die vollständige Verwirklichung der reinen Humanität und für den Menschencharakter die reine Entsprechung zu Gott dem Allgütigen.

(5) Christen sprechen von der Opferung Isaaks, die aber nicht stattfand.

(6) Die Erzählung könnte ein Sinnbild für die bedingungslose Verheißungstreue Abrahams sein, auch wenn die Verhältnisse sich tödlich gegen die Verheißung wenden.

(7) Auch wenn in der hebräischen Bibel von den Verheißungen an Abraham nicht als vom Reich Gottes (Ausnahme: der Prophet Daniel spricht vom ewigen, unzerstörbaren Reich (Dan 6,26; 7,14.27)) wird man doch vom Reich Gottes als der Hoffnung reden können, die mit Abraham in die Welt kam und aus der das jüdische Volk lebte. Nach Lukas verteidigte sich Paulus vor Agrippa mit dem Hinweis, nichts als „die Hoffnung auf die an unsere Väter ergangene Verheißung (Apg 26,6) gepredigt zu haben. An anderer Stelle fasst er seine Botschaft als Predigt des Reiches zusammen (Apg 20,25), welches er aus der Thora und aus den Propheten mit Blick auf Jesus als den Bringer des Reiches Gottes und damit gleichzeitig den Befreier Israels von seinen Feinden (Apg 13,23; Luk 1,71) schriftgelehrt „darlegte (Apg 28,23).

(8) Viele sehen in Abraham eine Bezugsperson, die vor allen Religionen stehe, und begründen damit die sogen. Abrahamitische Ökumene aus Judentum, Christentum und Islam. Es aber schon hier in 1Mose 17 implizit gesagt, dass sich alle Völkerökumene in Abraham auf ihn als Juden beziehe, wie es auch Paulus in Röm 4 tut, wo er den Anschluss der Jesusgemeinden an die Verheißungen Abrahams zu begründen sucht.

(9) S. R. Hirsch, Die fünf Bücher der Tora, Bereschit, Basel 2008, S. 308

(10) H. Cohen, Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums, 3. Aufl., Wiesbaden 1995. S. 137

2.2 Abraham- Vater Israels und der messianischen Hoffnung auf Völkerfrieden

Auslegung zu 1Mose 12,1-9

V.1: Und JHWH sprach zu Abram: Gehe für dich aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters zu dem Land hin, das ich dich sehen lassen werde. V.2: Und ich will dich zu einem großen Volk machen, und ich will dich segnen, und ich möchte deinen Namen groß werden lassen. Werde ein Segen! V.3: Und segnen will ich, die dich segnen und die dich lästern, verfluche ich. Und gesegnet werden durch dich alle Geschlechter des Erdbodens. V.4: Und Abram ging so wie zu ihm JHWH gesprochen hatte. Und mit ihm ging Lot. Und Abram: ein Sohn von fünf Jahren und siebzig Jahren bei seinem Auszug aus Charan. V.5: Und Abram nahm Sara seine Frau und Lot, seines Bruders Sohn, und all ihren Besitz, den sie erworben, und die Seelen, die sie in Charan gebildet hatten. Und sie zogen aus, um hinzugehn zum Land Kanaan. Und sie kamen zum Land Kanaan. V.6: Und Abram durchquerte das Land bis zum Ort Sichem bis zum Hain More. Und der Kanaaniter war damals im Land. V.7: Und sichtbar ward JHWH dem Abram und sprach: Deinem Samen gebe ich dieses Land. Und er baute dort einen Altar dem JHWH, der ihm sichtbar geworden. V.8: Und er brach auf von dort zum Gebirge, östlich von Bet-El. Und er spannte sein Zelt, Bet-El im Westen und Ai im Osten. Und er baute dort einen Altar dem JHWH, und er rief im Namen JHWHs. V.9: Und Abram brach auf, immer wieder aufbrechend ging er gen Süden.

1. Die Geburt einer geschichtlichen Hoffnung für die Menschheit

Mit der Berufung Abrahams kommt nach dem Zeugnis des Tanach eine unwiderruflich lichtvolle Wendung in das Leben der Völkerwelt. Mit dem antiken Nomaden Abram, der zum Juden Abraham wird, kommt Licht, kommt Geschichte, kommt Hoffnung zu den Völkern. Eine frohe Botschaft, von deren weiterer Geschichte die Schriften erzählen werden. Es geht um die Hoffnung auf eine alle Völker umfassende segensreiche Gemeinschaft der Menschheit. Sie ist mit Abraham in die Welt gekommen, hat in seiner Person ihr Vorbild und bleibt auf immer mit seinem Namen verbunden. Von seinen jüdischen und nichtjüdischen Kindern ist das Panier dieser Hoffnung als Horizont über den geschichtlichen Weg der Menschheit gespannt.

Diese Hoffnung ist nicht als religiöser Gedanke einer menschlichen Seele entsprungen, sondern kommt als unbedingtes Versprechen, als Wort einer Verheißung und Berufung in Abrahams Ohr: Seine Nachkommen werden im Land Kanaan als Volk leben und Gottes Verheißung für die Menschheit, den ewigen Völkerfrieden im Namen Abrahams wachhalten. So ist Abraham als Erzvater des jüdischen Volkes auch Vater vieler Völker (1Mose 17,1-8).

Die Vorgeschichte (1Mose 5-11,26) und die Geschichte von Abraham (11,27-25,11) erzählen, vor welchem völkergeschichtlichen Hintergrund und warum er für immer dieser Vater ist. Von den ersten Schritten dieses völlig unscheinbaren Beginnens der großen jüdischen Hoffnung erzählt 1Mose 12,1-9, ein für die pseudo-objektiven Historiographen aller großen und kleinen Imperien damals wie heute völlig belangloses Ereignis.

2. Im Dunkel der Völkerwelt (1Mose 5-11,31)

Der Tanach hat die gesamte Menschheit im Blick. Das ist einzigartig in der Kulturgeschichte der Menschheit. Nur in der Bibel hat jedes Volk seinen Namen. Die Völkertafeln lassen kein Geschlecht der Erzeugungen (Toledot) des neuen Menschheitssprosses Noach nach der großen Flut aus (Kap. 10f). Auch die Toledot Adams (Kap. 5) dokumentieren vollständige namentliche Benennung der damals bekannten Völker. Aber was wird eigentlich erzählt, was erscheint aus den äonenhaften Epochen zwischen Adam, dem gerechten Noach (Kap. 6,8f) und dem Freund Gottes Abraham erzählenswert? Im wesentlichen, dass die Gojim ein Geschlecht um das andere zeugten und diese sich überall auf der Erde verstreuten (Kap. 10,32). Nur von Erzeugungen, Tod und Zerstreuung wird berichtet. Viel mehr erscheint nicht erwähnenswert. Soll damit gesagt werden, die Menschheit lebte über Epochen dunkel und dumpf vor sich hin? Auch Gott tritt in den gott-los dunklen Äonen von Adam bis Noach und von Noach bis Abraham nur zweimal auf. 1Mose 5,22 heißt es, als hätte einmal ein Blitz das endlos scheinende Dunkel der über viele Jahrhunderte gehenden Zeugungen und Tode kurzzeitig erleuchtet: Und Henoch wandelte mit Gott, dann war er nicht mehr, denn Gott hatte ihn genommen. Später dann weitet sich der gleichförmig aufzählende Bericht von den Toledot Noachs und den Zerstreuungen der nach ihm kommenden Gojim an zwei Stellen ins Erzählerische. Erzählt wird vom Versuch der Gründung eines Großreichs, vom ersten Gewaltherrscher Nimrod (Kap. 10,8b-12) und in 1Mose 11,1-8 vom sog. Turmbau zu Babel, mit welchem die Völker ihrer Zerstreuung entgegenwirken wollten (11,4).

Was Gott verhindert. Warum? Es geht dabei um das selbstbezogene nach Macht und Ruhm strebende politische Wollen, das sich in den zur Anbetung imperialer Größe auffordernden Worten: Heran! Bauen wir uns eine Stadt und einen Turm, sein Haupt bis an den Himmel, und machen wir uns einen Namen, sonst werden wir zerstreut übers Antlitz der Erden (11,3b-4) ausdrückt (1).

„Mit dieser Einführung des Nationalruhmes, mit der Entfesselung der Ruhmessucht ist die ganze sittliche Aufgabe des Ganzen und des Einzelnen untergraben. Alle Leidenschaften haben ihre Sättigungsgrenze, die Ruhmessucht nicht. Die ganze Weltgeschichte weiß zumeist nur von solchen Turmbauten vermeintlichen Ruhms zu erzählen, für welche Nimrode die Völker ködernd und bewältigend zu gewinnen verstanden. Das Reinmenschliche, was in den Hütten geschieht, davon weiß der Griffel der Geschichte wenig zu verzeichnen. Wie der schöne Ausdruck unserer Weisen lautet, schreibt das nur Gott nieder, und Elijahu und der Maschiach, diese Boten und Vollbringer der einstigen Menschenerlösung, unterzeichnen es als Zeugen. Die Verirrung charakterisiert das Wort: Wenn ein Mensch beim Bau fiel und starb, nahmen sie sichs nicht zu Herzen, wenn aber ein Ziegel zu Boden fiel, setzten sie sich hin und klagten: wann werden wir erst einen Ersatz dafür haben?" (2)

Auch Paulus spricht vom gott-losen Dunkel der Völkerwelt, wenn er im Brief an die Epheser schreibt: Seid eingedenk, dass ihr einst die Völker im Fleische wart... dass ihr zu jener Zeit ohne Gesalbten wart, ferngehalten vom Bürgerrecht Israels und fremd den Bünden der Verheißung, keine Hoffnung habend und als Gott-lose in der Welt (Eph 2,11f).

Dieser prophetische Blick auf die Geschichte der Menschheit, den Gottes Bund mit Abraham und Israel eröffnet, könnte auch heute als kritische Sonde in der Geschichtsschreibung dienen, angesichts unserer verbreiteten auf das Große und Mächtige fixierten Historiographie, für unsere nach den Daten der Mächtigen und Prächtigen geordneten Geschichtsbücher.

Wie auch immer. Nach der Bibel beginnt die wahre von Licht durchdrungene Geschichte der Menschheit mit dem Exodus des Abraham aus der Gottesverdunkelung der Gojim.

3. Die Herausrufung Abrams in eine menschheitsgeschichtliche Sendung (1Mose 11,32-12,3)

Bevor Abram den Ruf des Ewigen hört, ist schon sein Vater Tarach samt Hausstand aus seiner Heimat Ur im Land der Chaldäer in Richtung Kanaan gezogen und hat sich auf dem Weg dorthin in Charan niedergelassen. Dort stirbt Abrams Vater. Das Wort von JHWH, das Abram unvermittelt nach seines Vaters Tod hört, ruft ihn, den betagten 75jährigen, und seine kinderlose Frau aus allen gesellschaftlichen Bindungen heraus:

Und der Tage Tarachs waren zweihundert Jahre und fünf Jahre, da starb Tarach in Charan. Und der Ewige sprach zu Abram: Gehe für dich aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft, aus dem Haus deines Vaters, in das Land, das ich dich sehn lassen werde (1Mose 11,32-12,1).

Das hebräische Läch lecha = Gehe für dich betont die geforderte Konzentration auf den Weg, der ihn aus der Gesamtheit seiner kulturellen Beziehungen und Umstände herausführt. Diese sind deshalb nicht mehr für ihn wesentlich, weil ihm das göttliche Wort eine Zukunft verheißt, die alles Aufgegebene ganz anders zurückgibt.

Er sagt sich von dem Land, in dem er sicher lebt, los und vertraut dem Versprechen, ein neues zu empfangen und in ihm Vater eines neuen und großen Volkes zu werden.

Er sagt sich von seiner Verwandtschaft, von seiner rechtlich gesicherten Position in seiner Heimat los und vertraut dem göttlichen Versprechen einer neuen, segensreichen Zukunft, die allein in dem in Gottes Wort gegründeten Bürgerrecht auf Erden ihr Fundament hat.

Er sagt sich von seiner kulturellen Heimat los, er verlässt Ehre, ererbtes Ansehen, sichere Bindungen und vertraut dem Versprechen, dass er selber zum Spross einer neuen Menschheit und sein Name zum Quell für einen erdumspannenden Segen werde.

Ich werde dich zu einem großen Volk machen, ich werde dich segnen, ich möchte deinen Namen großwachsen lassen. Und werde ein Segen. Segnen will ich die dich segnen, die dich lästern, verfluche ich. Mit dir werden sich segnen alle Geschlechter des Erdbodens (1Mose 12,2f).

Um die revolutionäre Bedeutung der Verheißungen an Abraham für die Geschichte der Menschheit zu ermessen, ist noch einmal ein Blick auf 1Mose 11,4 nötig: Machen wir uns einen Namen, damit wir nicht zerstreut werden. Der biblische Text will diesen Verweis, diese Gegenüberstellung von zwei einander ausschließenden, von zwei alternativen Wegen der Menschheit, auf dem Weg des ruhmsüchtigen Großmachtstrebens sich einen Namen zu machen oder den Weg des Vertrauens auf die verheißene segensreiche Versöhnung der Völker im Namen Abrahams zu wählen. Den Weg der Macht in der Nachfolge Babylons oder den Weg der Utopie in der Nachfolge Abrahams.

Den Ruf, sich auf diesen Weg nach Utopia (3) zu machen, kann kaum ein Produkt von Wunschphantasien des 75jährigen Abram sein. Er kann den Gedanken dazu nicht von sich aus, quasi als sein neues Lebensprojekt, gefasst haben. Der muss ihm von außen gekommen sein (extra nos), ihn direkt ergriffen und in Besitz genommen haben. Er zögert nicht und er fragt nicht. Abram reagiert unmittelbar. Hörend gehorcht er den drei Worten vom Land, vom Volk, vom Völkerfrieden.

4. Abrams freier Gehorsam gegenüber dem Gebot der Utopie (1Mose 12,3.4)

Das Vertrauen Abrams in das gehörte Wort wird in seinem spontanen Gehorsam deutlich. Übergangslos handelt Abram auf das gehörte Wort hin. Der lückenlose Anschluss des Textes vom Handeln Abrams an den von seinem Hören (von Vers 3 zu Vers 4) drückt die Unerschütterlichkeit seines sofort fest gefassten Vertrauens in die Verheißungsworte aus.

Hinzu kommt, dass Abrams gehorsames Tun mit demselben Verb im Aktiv einsetzt (V.4) wie der vorangegangene Ruf Gottes im Imperativ (V.1): Geh für dich aus deinem Land... Und Abram ging wie der Ewige geredet hatte.

Eine solche Folge von Imperativ und Gehorsams-Aktiv findet sich in der Bibel nur bei Abraham, das zweite Mal in 1Mose 17,12.23 bei seiner und Ismaels Beschneidung. Beide Aufforderungen Gottes, die Heimat zu verlassen und die Beschneidung zu vollziehen, legen den Grund für die das biblische Zeugnis konstituierende Geschichte Israels, deren tragende Elemente das Land Israel und das Bundesvolk Israel sind.

Da die Aufforderungen an Abraham eingebunden sind in Verheißungsworte einer ausstehenden Zukunft, gehorcht Abraham immer auch der Weisung, auf die Verwirklichung von Dingen zu hoffen und erste Schritte für sie zu unternehmen, deren Realisierung absolut unmöglich erscheint. (4) Abram gehorcht trotzdem. Er gehorcht dem Gebot der Utopie, der echten fordernden Utopie wie Leo Baeck unterscheidet: „Die unechte Utopie malt in der Ferne ein Bild... Die echte Utopie fordert: Bei dir beginnt die Utopie, jetzt, hier, bei dir beginnt die Ferne... Fange an. Beginne." (5)

Solches Hoffen impliziert, wie Emmanuel Lévinas herausstellt, eine einseitige Tat, die keinen Lohn in einer selbst noch erlebten Verwirklichung erwartet, eine bis ans eigene Lebensende durchgehaltene Geduld, die darauf verzichtet, „die Ankunft am Ziel zu erleben. Abrahams Gehorsam ist selbst-los, weil er nicht für sich hofft, sondern er handelt „für-das-was-nach-mir-ist. Abraham lebt so, „dass die Zukunft und die entferntesten Dinge die Regel seien für

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