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Das unzufriedene Volk: Protest und Ressentiment in Ostdeutschland von der friedlichen Revolution bis heute

Das unzufriedene Volk: Protest und Ressentiment in Ostdeutschland von der friedlichen Revolution bis heute

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Das unzufriedene Volk: Protest und Ressentiment in Ostdeutschland von der friedlichen Revolution bis heute

Länge:
350 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 30, 2020
ISBN:
9783732852383
Format:
Buch

Beschreibung

Ostdeutsche stilisieren sich im öffentlichen Diskurs gern als Opfer der deutschen Einheit. Tatsächlich haben sie sich aber von der friedlichen Revolution bis heute als mächtiger politischer Akteur erwiesen. So ging im revolutionären Umbruch von 1989 die Dynamik nicht von der kleinen Schar der Bürgerrechtler und Bürgerrechtlerinnen aus, sondern von der Bevölkerung. Und heute beherrscht die ostdeutsche Bevölkerung durch ihr Wahlverhalten und nicht zuletzt durch ihren Opferdiskurs die öffentlichen Debatten. Am ostdeutschen Protestverhalten lässt sich begreifen, wie sich eine Bevölkerung zum Volk konstituiert - unter den Bedingungen einer Diktatur - und wie in der Demokratie die kollektive Selbstermächtigung zum Ressentiment verkommt.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 30, 2020
ISBN:
9783732852383
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Buch

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Das unzufriedene Volk - Detlef Pollack

Kapitel 1 — »Wir sind das Volk«

Die Rolle der ostdeutschen Bevölkerung in der friedlichen Revolution

Einleitung

Deutschland ist nicht reich an Revolutionen, schon gar nicht an gelungenen – so wird gesagt und damit der Bedarf angemeldet, doch wenigstens eine deutsche Revolution als geglückt ansehen zu können. Als naheliegende Kandidatin bietet sich hier die »friedliche Revolution« von 1989/90 an. Die Geschichtswissenschaft allerdings belehrt uns eines anderen. Auch wenn Deutschland in mancherlei Hinsicht als ein Sonderfall unter den Nationen behandelt werden muss, im Hinblick auf seine Revolutionsgeschichte stellt es keine unrühmliche Ausnahme dar. Vielmehr hat Deutschland an den Revolutionen Westeuropas im 19. und 20. Jahrhundert einen Anteil, der es als ein durchschnittliches westeuropäisches Land erscheinen lässt. Auch in anderen Ländern waren Revolutionen oft nur mäßig erfolgreich. Und die große Französische Revolution, die oft als Maßstab herhalten muss, stellte ein einzigartiges Ereignis dar, das sich wie kein Umbruch zuvor mit dem Bewusstsein des radikal Neuen verband und sich in diesem Anspruch von allen bisherigen Revolutionen unterschied. »Solange die Sonne am Firmament steht und die Planeten um sie herumkreisen«, schrieb Hegel zu Anfang des 19. Jahrhunderts, »war das nicht gesehen worden, dass der Mensch sich auf den Kopf, d.i. auf den Gedanken stellt und die Wirklichkeit nach diesem erbaut.«¹ Das Bedürfnis nach nationalem Stolz mag angesichts der schuldbeladenen Geschichte Deutschlands groß sein, aber es kann nicht den Versuch rechtfertigen, die Herbstereignisse von 1989 zur Revolution zu erklären.

Es verwundert daher nicht, dass nicht wenige dem Umbruch in der DDR diesen Ehrentitel verweigern. Statt von Revolution sprechen sie von Implosion, Zusammenbruch oder Kollaps.² Henryk M. Broder spottet gar, die friedliche Revolution sei eine Stasi-Inszenierung gewesen, eine von oben geförderte sozialpolitische Maßnahme zur Liquidation der DDR.³ Selbst wo der Revolutionsbegriff Verwendung findet, wird sein Bedeutungsgehalt oft eingeschränkt. Jürgen Habermas bezeichnet den Umbruch in der DDR als »nachholende Revolution«, Claus Offe als »exit-Revolution«. »Nicht siegreicher kollektiver Kampf um eine neue politische Ordnung führte zum Ende des Staates der DDR, sondern die massenhafte und plötzlich nicht mehr aufhaltbare individuelle Abwanderung zerstörte seine ökonomische Basis.«⁴

Gleichwohl soll hier die Auffassung vertreten werden, dass es sich bei den Umbruchsereignissen von 1989/90 in der DDR tatsächlich um eine Revolution gehandelt hat. Die friedliche Revolution in der DDR hat die Verhältnisse auf den Kopf gestellt, ein altes Staatswesen aufgelöst und in ihrem Ergebnis eine vollkommen neue politische, rechtliche, ökonomische und soziale Ordnung hervorgebracht. Die Frage, wie sie zustande kam, steht im Mittelpunkt des ersten Kapitels dieses schmalen Bandes. War für den revolutionären Umbruch in der DDR die Reformpolitik Gorbatschows und sein Verzicht auf eine gewaltsame Intervention im Falle von Unruhen ausschlaggebend oder der marode Zustand der DDR-Wirtschaft, die Demonstration der Massen auf der Straße, der mutige Protest der Bürgerrechtler oder die Tausende erfassende Ausreisewelle – oder alles zusammen? Die Bestimmung der sozialen Kräfte des Umbruchs, seiner Trägergruppen, der inneren und äußeren Einflussfaktoren und ihres jeweiligen Gewichts, der miteinander verknüpften Handlungsketten und der den Umbruch antreibenden kausalen Logik stellt für seine historiographisch-sozialwissenschaftliche Rekonstruktion und Explanation eine Herausforderung dar. Um die adäquate Analyse seiner treibenden Kräfte wird bis heute gestritten. Doch was ist überhaupt eine politische Revolution?

Die Sozialwissenschaften verstehen darunter in der Regel eine grundlegende und abrupte Umwälzung der politischen, ökonomischen und rechtlichen Verhältnisse.⁵ Sie unterscheiden politische Revolutionen von anderen Formen des gesellschaftlichen Wandels durch den Verweis auf den Tiefgang und die Rapidität der gesellschaftlichen Veränderungen. Im Unterschied zu Rebellionen oder Revolten sind Revolutionen dadurch gekennzeichnet, dass sie Gesellschaften fundamental und dauerhaft verändern. Anders als bei Reformen erfolgen die Veränderungen in hohem Tempo. Darüber hinaus gehört zur Revolution stets auch ein gewisses Maß an Unberechenbarkeit, geringer Steuerbarkeit und Kontingenz. Darin liegt ihr Unterschied zur Transformation, die auf ein bestimmbares Ziel des Wandels zuläuft. Das Moment der Unberechenbarkeit ist nicht ganz unbedeutend, denn wenn den Akteuren des revolutionären Wandels von Anfang an bewusst gewesen wäre, was an seinem Ende steht, hätten sie es vielleicht nie gewagt, ihn in Angriff zu nehmen. Vor allem aber sind Revolutionen im Unterschied zu einem Putsch oder einem Staatsstreich dadurch charakterisiert, dass sich an ihnen große Anteile der Bevölkerung beteiligen. Auch wenn man wie Charles Tilly in der Revolution eine eskalierte Form des Ringens gesellschaftlicher Gruppen um die Verteilung von Macht und andere gesellschaftliche Ressourcen sieht, so ist doch – und Tilly akzeptiert das – für den jeweiligen Erfolg dieser Gruppen ihre Fähigkeit zur Mobilisierung beachtlicher Teile der Bevölkerung ausschlaggebend.⁶

Wie bedeutsam Massenproteste auch für den Umbruch in der DDR waren, ist leicht zu erkennen. Der wirtschaftliche Niedergang hätte sich noch über Jahre fortsetzen können, ohne dass deshalb die DDR hätte untergehen müssen. Auch die Unzufriedenheit hätte weiter ansteigen, die Repression sich verstärken, die Abwanderung andauern können, und ebenso hätten die kleinen Oppositionsgruppierungen den Sicherheitsapparat weiterhin herausfordern können. Diese Gefahren hätte die DDR vielleicht überstehen können. Nicht zu überstehen vermochte die DDR, dass die Menschen eines Tages zu Tausenden auf die Straßen gingen und von der SED-Führung nicht unter Kontrolle zu bringen waren. Wie es so weit kommen konnte, das ist das Unerhörte, das Unbegreifliche, das Unvorhersehbare, das der Erklärung bedarf. Warum erhoben sich die Menschen, nachdem sie sich 25 Jahre im mehrheitlichen Schweigen geübt hatten? Und warum konnte der Repressionsapparat diesen Aufstand der Massen nicht unterdrücken? Im Aufkommen der Massenproteste liegt der entscheidende Unterschied zwischen Revolutionen und anderen, etwa ausgehandelten oder von oben gelenkten Formen des Systemwechsels, aber auch der Unterschied zum bloßen Kollaps, der des Aufstands der Massen nicht bedarf.

Allerdings enthält der revolutionäre Umbruch in der DDR auch eine Vielzahl von Elementen des Zusammenbruchs. Man braucht hier nur an den desaströsen Zustand der Wirtschaft in der DDR zu erinnern oder an die prinzipielle Unreformierbarkeit des Regimes, das eingesperrt in den unlösbaren Widerspruch zwischen dem kompromisslosen Anspruch auf die politische Kontrolle aller Bereiche der Gesellschaft und der daraus resultierenden Niederhaltung aller sozialen Kräfte evolutionär blockiert war.⁷ Ebenso kann man an das Versagen des Sicherheitssystems in den heiklen Wochen der Formierung des Massenprotestes denken oder daran, wie die SED-Spitze durch ihr ungeschicktes Agieren in der Flüchtlingskrise selbst zum Untergang der DDR beigetragen hat. Doch wäre es falsch anzunehmen, dass die DDR ohne das aktive Engagement der Menschen zugrunde gegangen wäre.

Warum ist es relevant, nach den Ursachen des Endes der DDR zu fragen? Zum einen, weil die friedliche Revolution als einer der markanten Endpunkte des Ost-West-Konflikts von weltpolitischer Bedeutung ist. Zum andern, weil sich im öffentlichen Diskurs inzwischen eine Legende etabliert hat, die den Umbruch auf das mutige Voranschreiten einer kleinen Gruppe von Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtlern zurückführt und den Einsatz großer Teile der Bevölkerung demgegenüber abwertet.⁸ Die Geringschätzung der ostdeutschen Bevölkerung ist ein stehendes Motiv, das die Debatten seit der deutsch-deutschen Wiedervereinigung permanent begleitet. Ob es um die Konsumwünsche der ostdeutschen Bevölkerung geht oder ihr Drängen auf den schnellstmöglichen Beitritt zur Bundesrepublik, um ihren »DM-Nationalismus« oder ihr Gefühl der Zurücksetzung im wiedervereinigten Deutschland, um ihre Fürsorgementalität und Obrigkeitshörigkeit oder neuerdings auch um ihren Rechtspopulismus – die Ostdeutschen sind ein beliebtes Objekt abwertender Kritik und herablassender Belehrung. Die Bestreitung ihres politischen Engagements im Prozess des Umbruchs, wie sie von Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtlern der DDR und einer ihnen nahestehenden Forschung betrieben wird, fällt hier nicht aus dem Rahmen.

Es ist ein Anliegen dieses Kapitels herauszuarbeiten, welches Gewicht den oppositionellen Gruppierungen im Akt des revolutionären Umbruchs der DDR tatsächlich zukam, welchen Beitrag sie für die Entstehung der zum Sturz des SED-Regimes führenden Massenproteste geleistet haben und durch welche anderen Kräfte und Faktoren die Entstehung dieser Proteste beeinflusst wurde. An die Stelle der Heldengeschichte, die die Opposition zum Träger der Massendemonstrationen macht, soll nicht ein neuer Mythos gesetzt werden, der den Umbruch zur »Selbstbefreiung des Volkes« verklärt. Auch die Konstitution des ›Volkes‹ zum handelnden Subjekt ist an Bedingungen im Innern der DDR und außerhalb von ihr, an langfristig wirkende Unterdrückungs- und Verweigerungsstrukturen, die in der DDR entstanden sind, und an die Veränderung internationaler Kräfteverhältnisse und Handlungsintentionen sowie an günstige Umstände und Akteurskonstellationen gebunden. Wenn es hier darum geht, dem Handeln der Bevölkerungsmehrheit mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen als in vielen anderen Darstellungen des Umbruchs in der DDR, dann soll doch zugleich jeder Heroisierung des ›Volks‹, das es als soziologische Kategorie ohnehin nicht gibt, gewehrt werden. Das ›Volk‹ ist stets eine soziale Konstruktion, ein Legitimations- und Differenzbegriff, gedacht zur Abgrenzung von anderen, die nicht zum Volk gezählt werden, oder zur Beschwörung einer nicht existierenden sozialen Einheit. Gerade in Deutschland sollten wir vor seiner Mythisierung gefeit sein. Die zurückhaltende Distanz gegenüber dem Volksbegriff schließt es allerdings nicht aus, danach zu fragen, auf welche Weise sich die ostdeutsche Bevölkerung zum Volk konstituierte, welche Typik ihr politisches Handeln prägte, wie sich die demonstrierenden Volksmassen sozialstrukturell zusammensetzten und welches Bild sie von sich selbst entwarfen. Die Behandlung dieser Fragen ist ebenfalls ein Anliegen dieses Kapitels.

Der Heldenmythos

Wem gehört die friedliche Herbstrevolution? Der Anspruch auf ihren Besitz wird von vielen erhoben. Egon Krenz behauptet, die SED habe die ›Wende‹ eingeleitet. Die SPD sieht in der Öffnung der Berliner Mauer die Krönung des Lebenswerks von Willy Brandt. Helmut Kohl stellte gegenüber den internationalen Partnern heraus, die Voraussetzung für den Wandel in Osteuropa habe in der westeuropäischen Integration gelegen. Und die Robert-Havemann-Gesellschaft behandelt die friedliche Revolution als »ein beeindruckendes Beispiel demokratischer Selbstorganisation der handelnden Menschen, des Reichtums ihrer Phantasie, ihres Mutes«.⁹ Möglicherweise gehört die Revolution auch jedem einzelnen, der den politischen Umbruch als eine persönliche Befreiung und »den Wiedergewinn der eigenen Würde« erlebte.¹⁰ Aber gehört sie nicht vor allem Günter Schabowski, der auf der berühmt gewordenen Pressekonferenz am 9. November 1989 mit seiner beiläufigen Bemerkung über die Grenzöffnung – »sofort, unverzüglich« – den Ansturm der Massen auf die Grenzübergangsstellen auslöste? Oder gehört sie vielleicht noch mehr den westlichen Medien, die zwei Stunden später das Ende der Mauer verkündeten, obwohl sie da noch geschlossen war? Oder eigentlich den Künstlern der East Side Galery, die die Mauer in ein Objekt der Popart verwandelten? Oder den Filmemachern mit ihren eindrücklichen Bildern über »Das Wunder von Berlin« oder »Das Wunder von Leipzig«? Doch hören wir auch die Stimme unserer östlichen Nachbarn, etwa die von Lech Walesa, der in seinem rauen Ton poltert, die Ostdeutschen sollten »sich nicht lächerlich machen mit dieser Mauer«; sie hätten nicht mehr getan, als in den Westen abzuhauen, »während Polen kämpfte«.¹¹ Es begann nicht in Berlin, sondern in Gdańsk, und nach Danzig sei Warschau gekommen, während Berlin nur in eine Reihe mit Prag, Budapest, Tallinn, Vilnius, Riga, Sofia und Kiew zu stellen sei – eine Reihe, die wiederum Moskau auslässt.¹² Oder müssen wir am Ende nicht Bischof Martin Kruse, dem damaligen Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Recht geben, der im »Wort am Sonntag« dazu aufrief, Gott dafür zu danken, dass er den Menschen den Geist des Mutes, der Besonnenheit und der Kraft für die friedliche Revolution gegeben habe?

Die konkurrierenden Deutungen des Umbruchs stehen unvermittelt nebeneinander und schließen sich teilweise nicht einmal aus. Sie zeigen, wie umstritten dieses weltpolitisch bedeutsame Ereignis bis heute ist und wie stark von Anfang an um Deutungsmacht, Resonanz und Interpretationshoheit gerungen wurde. Könnte man es dabei nicht bewenden lassen? Jeder hat halt seine Wahrheit, und die eine Erzählung, die für alle zutrifft, gibt es nicht. Eine solche Gelassenheit im Umgang mit der Geschichte kann sich leisten, wer sie nicht als seine eigene erlebt hat. Den Ostdeutschen jedenfalls ist das nicht möglich. Mit dem Umbruch von 1989 hat sich ihr gesamtes Leben um 180 Grad gedreht. Aus einer Diktatur ist eine Demokratie geworden, aus einer ineffizienten Planwirtschaft ein leistungsfähiges Wirtschaftssystem, aus einer eingehegten und bevormundenden Alltagswelt ein Gelegenheitsraum weitreichender individueller Gestaltungsmöglichkeiten. Ob sie in diesem revolutionären Umbruch Akteure waren oder nicht, ob sie ihn mitgeprägt haben, auf ihn Einfluss ausgeübt haben oder nicht, entscheidet wesentlich darüber, wie sie sich im wiedervereinigten Deutschland positionieren, mit welchem Bewusstsein und mit welchem Selbstbewusstsein sie auf ihre Geschichte zurückblicken und welchen Status sie in den Auseinandersetzungen und Debatten des wiedervereinigten Deutschlands einnehmen. Die Herabsetzung der ostdeutschen Bevölkerung zu bloßen Zuschauern der friedlichen Revolution hat insofern eine unmittelbare politische Bedeutung.

Doch nicht nur den Ostdeutschen, den Deutschen insgesamt, auch denen, die wie die Mehrheit der Westdeutschen nur von außen auf die revolutionären Ereignisse geschaut haben, können die Umbruchsprozesse nicht gleichgültig sein. Die Bürger dieses Landes muss die historisch genaue Rekonstruktion des revolutionären Umbruchs interessieren, denn die friedliche Revolution von 1989 ist das bedeutendste Ereignis in der deutschen Geschichte der letzten 70 Jahre, das dieses Land wie kein anderes verändert hat. Wie es gedeutet wird, hat einen Einfluss darauf, welche Geschichte Deutschlands wir erzählen, welches Narrativ in die kollektive Erinnerung eingeht und ob es uns gelingt, dieses Großereignis in die gemeinschaftlich gepflegte Vorstellung Deutschlands von sich selbst aufzunehmen. Die historisch präzise Rekonstruktion des revolutionären Umbruchs vermag also nicht nur einen wichtigen Beitrag dazu zu leisten, dass die Ostdeutschen einen integrierten Platz in der deutschen Geschichte finden und sich als respektierte Bürger dieses Gemeinwesens verstehen können, sondern auch dazu, dass sich das Selbstverständnis der Deutschen insgesamt fortentwickelt. Seine Verzerrung kann diese Prozesse behindern.

Worin die historische Wahrheit besteht, darum geht der Streit, in dem meine Stimme eine unter vielen ist. Als geschichtlich denkender Soziologe, dem es auf historische Genauigkeit und die Mobilisierung soziologischen Erklärungspotenzials ankommt, sehe ich mich trotz aller Standpunktgebundenheit und aller politischen Interessen und kulturellen Prägungen, von denen natürlich auch meine Analyse nicht frei ist, verpflichtet, für diese Wahrheit zu streiten und gegen das, was ich als wirklichkeitsverzerrende Mythen wahrnehme, anzugehen. Es ist dies ein Eintreten für die Präzision wissenschaftlicher Erkenntnis, aber auch ein Kampf, der sich gegen die Vereinnahmung der friedlichen Revolution durch eine kleine Minderheit von ehemaligen DDR-Oppositionellen¹³ und einer dieser verpflichteten Forschung und die von ihnen betriebene geschichts- und erinnerungspolitische Enteignung weiter Teile der ostdeutschen Bevölkerung richtet.

Worin also besteht der 89er Mythos, um dessen Entmythologisierung es meines Erachtens gehen muss? Dieser Mythos geht in etwa so: Am Anfang der friedlichen Revolution stand eine kleine Gruppe von Oppositionellen, die sich unter dem Dach der Kirchen gegen das DDR-System auflehnten. Schon Anfang der achtziger Jahre hätten sie mit dem Slogan »Schwerter zu Pflugscharen« eine erste Resonanz in der Bevölkerung erzeugt. Vor allem aber seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre habe die Opposition immer mehr Menschen angezogen. Mit der Überprüfung der Kommunalwahlen im Mai 1989 sei gesamtgesellschaftlich offenbar geworden, welches Organisations- und Mobilisierungspotenzial in den Oppositionsgruppen stecke. Die machtvolle Demonstrationsbewegung im Herbst 1989 habe von dieser kleinen Schar mutiger Oppositioneller ihren Ausgang genommen und sei von ihnen organisiert worden. Aufgrund ihrer Aktionen wanderte die jahrelang im Schutzraum der Kirchen geführte kritische Kommunikation in die Gesellschaft ein. So sei aus dem dünnen Rinnsal widerständigen Verhaltens ein reißender Proteststrom geworden, dem die SED-Spitze nichts mehr entgegenzusetzen vermochte.¹⁴ Ohne die Oppositionsgruppierungen wäre der Umbruch in der DDR nicht zustande gekommen.

Diese Erzählung hat eine lange Geschichte, die bereits in die Zeit der Revolution selbst zurückgeht. Schon 1990 führte Karl-Werner Brand die zum Sturz des DDR-Regimes führenden Massenproteste auf das Engagement der Oppositionsgruppierungen zurück.¹⁵ In den 1990er Jahren war es vor allem Ehrhart Neubert, der diese These vertrat. »Das historische Verdienst der DDR-Opposition« habe darin bestanden, »im Kampf gegen ein totalitäres Regime die gesellschaftliche Selbstbefreiung ermöglicht zu haben«. Die oppositionellen Gruppen hätten »die Friedensgebete und Demonstrationen organisiert« und damit die »Hauptlast der Entmachtung der SED« getragen.¹⁶ Heute wird der Mythos von den Helden der friedlichen Revolution etwa von Ilko-Sascha Kowalczuk gepflegt. Mit dem Nachweis der Fälschung der Kommunalwahl im Mai 1989 habe die Opposition ihren »ersten großen Erfolg« gefeiert, denn mit ihm habe sie eine Empörung in der Bevölkerung erzeugt, die bis in die Reihen der SED hineinreichte. Dann habe die Opposition durch die Gründung des Neuen Forums eine Alternative zur Ausreisebewegung geschaffen und auf diese Weise »erheblich zur Mobilisierung der Bevölkerung« beigetragen. Schließlich habe eine »kleine Gruppe Oppositioneller« die Leipziger Montagsdemonstrationen »initiiert« und sich den Rufen der Ausreisewilligen »Wir wollen raus« mit ihrem trotzigen »Wir bleiben hier« entgegengesetzt. Ihr hätten sich »erst Dutzende, dann Hunderte, schließlich Tausende und Zehntausende« angeschlossen.¹⁷ Dabei verbindet Kowal-czuk seine Heldenerzählung mit einer zweiten These, der zufolge die Masse der Bevölkerung »hinter der Gardine« gestanden und abgewartet habe; die Mehrheit habe sich von einer Minderheit die neue Freiheit schenken lassen, selbst aber nichts für sie getan.¹⁸

In seiner populistischen Variante liest sich dieses Meisternarrativ folgendermaßen: Revolutionen ereignen sich, »wenn einige Mutige voranschreiten und viele davon ermutigt werden«. Genau das sei am 9. Oktober »in Leipzig erfolgt«. »Doch nicht das gesamte Volk war auf der Straße. Es waren eben nicht die ›Normalos‹ aus Leipzig und Umgebung, die am 9. Oktober demon-strierten und mit ihrem Ruf ›Wir sind das Volk‹ die direkte Demokratie einklagten. Es waren vor allem die Empörten, die ihre Nischen verlassen und ihre Angst und Duldungsstarre überwunden hatten.« Nicht das Volk, sondern die Opposition mit den Kirchen an der Spitze habe die Revolution ausgelöst.¹⁹

Aber ist an dieser Erzählung, so einseitig sie auf den ersten Blick erscheint, nicht auch etwas dran? Jahrelang waren die Friedens-, Umwelt-, Frauen- und Gerechtigkeitsgruppen unter dem Dach der evangelischen Kirche, die einzigen, die öffentlich an der DDR Kritik übten und gegen das autoritäre Regime protestierten. Gingen die Demonstrationen nicht tatsächlich von den Friedensgebeten in den Kirchen aus, die im Herbst 1989 überall in der DDR stattfanden, und drang damit nicht das bislang nur im geschützten Raum der Kirchen geführte freie Gespräch in die Gesellschaft ein? War das Neue Forum nicht die erste oppositionelle Gründung, die Tausende von DDR-Bürgern anzog und zum Widerspruch animierte? Ja, riefen die Demonstranten auf ihren ersten Kundgebungen nicht selbst immer wieder »Neues Forum zulassen«? Und was die Friedfertigkeit der Demonstrationen angeht, lässt sich da nicht mit einigem Recht behaupten, dass sich in ihr entschlossener Ernst, entwaffnende Disziplin und ein protestantischer Geist manifestierten?

Die Bilder von der friedlichen Revolution, ihre Slogans und die Erzählungen über sie haben sich tief in unser Gedächtnis eingebrannt. Wir sehen die überfüllten Kirchen vor unserem inneren Auge, die bärtigen Oppositionellen mit der Kerze in der Hand vor dem Eingang der Gotteshäuser, die wild gestikulierenden miteinander diskutierenden Menschen in den zu Bürgerforen umgewandelten Kirchenräumen, die friedlich und heiter demonstrierenden Massen mit ihren witzigen Plakaten und Transparenten. Diese Ikonographie hat ihre eigene Suggestionskraft und stärkt den Revolutionsmythos, wie er seit Jahren transportiert wird. Der Mythos gewinnt noch einmal an Plausibilität, wenn er nicht mit einem selbstgerechten Ausschließlichkeitsanspruch versehen wird, sondern mit der Anerkenntnis, dass monokausale Erklärungen des Umbruchs unzureichend sind, dass auch andere Faktoren wie die neue Politik Gorbatschows oder die wirtschaftliche Krise ebenfalls zur friedlichen Revolution beitrugen.

Bei einem zweiten Blick stellen sich aber doch Zweifel ein. Schon die Einlinigkeit der Revolutionserzählung macht skeptisch. Erst waren es einige wenige, die den Mut zum Protest aufbrachten, dann schlossen sich ihnen immer mehr an. Schließlich waren es Zehntausende. Wurden aus wenigen Oppositionellen auf einmal viele Oppositionelle? Gibt es da so etwas wie einen substantiellen Kern, der sich durchhielt und einfach nur größer wurde? Auch die kausale Zurechnung des Massenprotests kann kaum überzeugen. Hatten die kleinen Kirchengruppen die personellen, organisatorischen und medialen Ressourcen, um große Menschenmassen zu mobilisieren? Darüber hinaus muss auch der zuweilen aufgestellten Behauptung, es gebe in der Forschung einen Konsens über die Bedeutung der Oppositionsgruppierungen für die Entstehung der Massenproteste widersprochen werden. Im Gegenteil. In den wegweisenden Arbeiten von Karsten Timmer, Ralph Jessen, Klaus-Dietmar Henke, Michael Richter und Hermann Wentker besteht Einigkeit darüber, dass zwischen der Bürgerrechtsbewegung und der Demonstrationsbewegung zu unterscheiden ist und dass erstere nur eingeschränkt für das Aufkommen der zweiten verantwortlich gemacht werden kann.²⁰ Nur wenige wie Ilko-Sascha Kowalczuk²¹ differenzieren nicht zwischen Opposition und Demonstrationsbewegung und versuchen, sie als eine einheitliche Bewegung zu fassen.

Was aber vor allem stutzig macht, sind einige ins Auge stechende empirische Befunde, die mit der Revolutionserzählung schwer in Einklang zu bringen sind. Es ist richtig, die im Schutzraum der Kirchen agierenden Oppositionsgruppierungen haben über Jahre hinweg versucht, mit Untergrundzeitschriften und provokativen Aktionen auf Demokratiedefizite und Umweltprobleme in der DDR hinzuweisen, Öffentlichkeit herzustellen und die Bevölkerung für ihre Anliegen zu interessieren oder – wie sie es nannten – zu sensibilisieren. Jahrelang konnten sie mit ihrem politischen Engagement, mit ihren Zeitschriften, Veranstaltungen und Mobilisierungsanstrengungen nur wenige erreichen. In Leipzig – einer Stadt mit mehr als einer halben Million Einwohner – beteiligten sich an ihren Protestaktionen Ende der achtziger Jahre in der Regel nicht mehr als 300 Personen. Auf einmal aber gingen im September und Oktober 1989 Tausende, ja Zehntausende auf die Straße, obwohl sich die Strategie der oppositionellen Gruppen nicht grundsätzlich geändert hatte. Kann man die Massenproteste tatsächlich auf die Mobilisierungsanstrengungen der kleinen Schar Oppositioneller zurückführen? Besteht nicht ein gravierender Unterschied zwischen dem Massenprotest Tausender und dem gelegentlichen Einzelprotest einiger weniger?

In Berlin gab es die bei weitem größte oppositionelle Szene mit Dutzenden von Friedens-, Umwelt-, Gerechtigkeits- und Frauengruppen. Nicht nur zahlenmäßig war die Berliner Oppositionsszene am bedeutendsten, sondern auch im Hinblick auf ihr moralisches, politisches und programmatisches Gewicht. Auf sie blickten die Oppositionellen in den anderen Städten der DDR. Die Massendemonstrationen gingen aber nicht von Berlin aus. Die ersten Demonstrationen fanden vielmehr in Leipzig, Dresden, Arnstadt und Plauen statt. In Berlin gab es die erste Demonstration erst am 7. Oktober, als es in Leipzig längst losgegangen war, und die nächste am 24. Oktober, nachdem Erich Honecker bereits abgelöst und das System kaum noch zu retten war.

In den entscheidenden Wochen des Septembers und Oktobers lassen sich weder in Leipzig noch in Dresden oder Berlin Aufrufe der Oppositionsgruppen zum öffentlichen Protest nachweisen. Im Gegenteil, das Neue Forum und ihre Vertreter warnten immer wieder vor »blindem Aktionismus«.

Derartige Gegenindizien zu den Ingredienzien der gängigen Revolutionserzählung lassen es geraten sein, das Aufkommen der Massenproteste in den unterschiedlichen Orten noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und auf die in ihnen wirksamen kausalen Mechanismen hin zu untersuchen. Welche Effekte gingen tatsächlich vom Handeln der Oppositionellen aus, welche anderen Faktoren spielten eine Rolle? Soziologische Phantasie ist gefragt, um den Logiken des Handelns, den Interaktionszusammenhängen und kausalen Mechanismen auf die Spur zu kommen. Ein einfaches soziologisches Handlungsmodell, das intentional handelnde Akteure unterstellt, die bestimmte Ziele verfolgen und entsprechende Wirkungen hervorbringen, dürfte nicht ausreichend sein. Zur Erklärung der Massenmobilisierung ist vielmehr eine Kombination unterschiedlicher soziologischer und sozialwissenschaftlicher Theorien erforderlich. In meinem Erklärungsversuch greife ich auf Framing-Konzepte, auf den Ansatz der relativen Deprivation, auf Ansätze der Political Opportunity Structure, auf Pierre Bourdieus Theorie des »kritischen

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