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Oh Mann, Frau Meier: Alles andere als eine transnormale Geschichte

Oh Mann, Frau Meier: Alles andere als eine transnormale Geschichte

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Oh Mann, Frau Meier: Alles andere als eine transnormale Geschichte

Länge:
360 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 1, 2020
ISBN:
9783907301067
Format:
Buch

Beschreibung

Claudia Sabine Meier, geboren in Bern als "Andreas Heribert", stolzer männlicher Nachkomme und Stammhalter der Eltern "Anni und Heribert". Über 40 Jahre den Mann beweisen zu wollen, den Erwartungen der Familie, des Umfelds zu entsprechen, wusste die Autorin seit frühster Kindheit, dass das Ihr aufgetragene männliche Rollenbild für sie nicht passt. Dies führte zu einem Jahrzehnte langen Doppelleben als "Claudia", der Frau die sie immer zu sein verspürte. Sie leistete Militärdienst und machte alles was dazu gehört, um als "männlich" zu gelten, heiratete, zeugte eine Tochter und übernahm pflichtbewusst den elterlichen Betrieb. Mit gesunder Selbstironie, Humor und Tiefgang schreibt Sie über ihr bewegtes Leben und ihren steten Kampf für einen einfacheren Weg von "Trans"-menschen.
Herausgeber:
Freigegeben:
May 1, 2020
ISBN:
9783907301067
Format:
Buch

Über den Autor


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Oh Mann, Frau Meier - Claudia Sabine Meier

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1. Kapitel

DIE WAND

Ich schreibe dies nun so despektierlich und simpel, da der Tod bis zum Jänner 2010 nichts Befremdliches an sich hatte, im Gegenteil, ich betrachtete ihn gar als Erlösung. Einzig die Tatsache, dass ich damit zu vielen Menschen Leid zugeführt hätte, rettete mir das Leben. Angefangen bei meinem Stern, meiner einstmaligen Liebsten, die mir zur besten Freundin, zum wertvollsten Menschen ausserhalb meiner Familie geworden war, über meine Familie selbst, meine Eltern, meine Schwester bis hin zu meinen Mitarbeitern und deren Angehörigen, die dann garantiert auf der Strasse gestanden hätten. Zu unwohl war mir der Gedanke. Viel hätte aber nicht gefehlt, und ich hätte abermals mein Tauchzeug geschnappt, wie damals mit knapp 30 Jahren. Es war Mitternacht gewesen, es war in Luzern und ich sass hinter der neunten oder zehnten Stange Bier im Pickwick. Ich fühlte mich elend, verlassen, alleine, macht- und hilflos. Ich hätte schreien können und flennen, aber ich konnte nicht. Der Hass, der in mir war, gegen mich, war so übermächtig und gewaltig, dass ich darüber zu grübeln begann, wie ich mich am besten umbringen könnte. Runterspringen? Nein, von den Brücken in Luzern zu springen ist mehr etwas mit Funfaktor. Die Luzerner haben ja nicht einmal anständig hohe Brücken. Die gab es in Bern. Aber hier war das sinnlos. Die Pulsadern öffnen? Nein, unmöglich und eine riesengrosse Sauerei, damit hatte ich Erfahrung aus meiner Lehrzeit, wo ich mit dem Ausbeinmesser übers Handgelenk «gerutscht» war, ein einziges Mal. Vor allem aber kostet es enorme Überwindung, sich so zu verletzen. Mit Blut habe ich kein Problem, aber zuzusehen, wie der Lebenssaft aus einem rausläuft, nein, das muss nicht sein. Vielleicht Schlafbonbons? Hatte ich aber keine; ist auch nicht ganz einfach, sich entsprechende in der nötigen Menge zu besorgen. Aber wo ich schon mal beim Thema Betäubung war, schoss es mir durch meinen vom Alkohol vernebelten Kopf: Was ist mit Stickstoff? Mit einem geilen Tiefenrausch? Aus und Amen. Einfach, spurlos, gewaltfrei; niemand muss nachher putzen oder sonstwie saubermachen. Ich fragte mich, wo es wohl am idealsten wäre. Ich kannte ja den Vierwaldstättersee mindestens so gut wie meine Hosentasche. Tauchen war eine Leidenschaft, die ich damals so exzessiv auslebte, dass kaum etwas anderes daneben Platz hatte. Ich überlegte, wo es wohl eine Wand unter Wasser gäbe. Schnell kam mir eine in den Sinn. Der Tauchplatz war bekannt und hatte in der Vergangenheit schon seine Opfer gefordert. Wie tief denn? Wie würde es sich anfühlen? Hatte ich überhaupt genügend Luft, oder musste ich die «Doppelzehner» noch auffüllen? Ich müsste. Die Flaschen waren vom gestrigen Tauchgang noch leer. Die einzige Aussenfüllstation lag am Weg. Ich kramte im Geldbeutel, orderte ein weiteres Bier und einen Gin Tonic. Wie tief also?, dachte ich, als ich ins gefüllte Bierglas schaute. Ab 28 Meter kann es zur Stickstoffnarkose kommen. Dann, ab einem gewissen Sauerstoff-Partialdruck, wird Sauerstoff jedoch giftig. Vergiften kam nicht in Frage. Ich dachte weiter darüber nach: Eigentlich hast du nur ein einziges Mal in deiner Tauchkarriere einen Tiefenrausch gehabt, den aber, ohne dass deine Tauchbegleitung es gemerkt hatte, überwunden. Mir selbst fehlten danach einfach ein paar Minuten, oder anders gesagt: 6 Meter zwischen 32 und 38 Metern Tiefe. Das Erlebnis lag auch schon einige Hundert Tauchgänge zurück. Seither war dergleichen nicht mehr vorgekommen, da ich gelernt hatte, die Anzeichen dafür zu deuten. Wenn die Luft wie ein Fass Rostwasser schmeckt, es prickelt im Genick oder sich der Blickwinkel verändert, sollte man zusehen, dass man ein wenig aufsteigt. Es ist, wie vieles im Leben, Sache des Gefühls. Man hat es oder man hat es nicht. Ich schaute auf den Boden des Gin-Tonic-Glases, wo zwei Eiswürfel kaum sichtbar kleiner wurden. Die haben es gut, die können sich ganz langsam verändern, dachte ich, ich kann höchstens ganz verschwinden.

Wie ich kurz nach Mitternacht zum Tauchplatz kam, machte alles irgendwie Sinn. Ich spürte noch das Bedürfnis, mich der Familie zu Hause, die ich eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatte, zu erklären. Ich nahm den kleinen Notizblock aus dem Handschuhfach und begann mein letztes Schriftstück aufzusetzen. Als ich das Warum-und-Weshalb zu Papier gebracht hatte, zupfte ich das Blatt ab und legte es auf den Beifahrersitz. Daneben platzierte ich den Geldbeutel. Als sei das jetzt noch wichtig, sagte ich mir, egal, viel ist sowieso nicht mehr darin. Die Scheine hast du versoffen, die Münzen bist du bis auf wenige bei der Aussenfüllstation losgeworden. Ich stieg aus und kümmerte mich um mein Tauchzeug. Nach dem Montieren der Ausrüstung griff ich nach den Flaschen. Die «Doppelzehner» erschien mir an jenem Abend etwas unhandlich, jedoch leichter als sonst. Ich prüfte die Lampe, schloss den Trockentauchanzug und zog das Jacket mit den Automaten und Flaschen an. Routinemässig prüfte ich die Funktionen der Ausrüstung: Alles okay. So schleppte ich mich zum Ufer, was alkoholisiert und bepackt nicht ganz einfach war. Dabei sah ich auf den See, wie er friedlich vor mir im schwachen Mondlicht schimmerte. Ohne gross die Lampe anzumachen, stapfte ich ins kalte Wasser. Der Alkohol tat nun seine volle Wirkung. Ich war vorsichtig, wollte keinen Verdacht erregen; vor allem, weil nur eine, meine Lampe zu sehen wäre. Alleine taucht man aber nicht. So steht es in der Tauchliteratur festgeschrieben. Es ist einer der ersten Grundsätze nebst dem, in gefährlichen Situationen die Ruhe zu bewahren. Habe die Gefahr stets vor Augen, dann bist du vorbereitet. Und denke nach, bevor du handelst. Nun befand ich mich also im Wasser. Der See war ruhig, still, einzig ich verursachte kleine Wellen, die das schimmernde Mondlicht brachen. Ein wunderschöner Anblick, ein perfekter Abschied, friedlich, gelassen und mystisch erschien mir dieser Moment. Noch heute kann ich es riechen und fühlen, das Wasser, wie es mich sanft wiegend an der Oberfläche trägt, während ich die Flossen montiere. Mir war, als würde mich der See einladen, als würde er verstehen, welchen Schmerz ich in mir trug. Es hätte genauso gut ein See von Tränen gewesen sein können, der von allen Transgender-Menschen, die Gleiches durchleiden, gefüllt worden war. Das Wasser war kalt. Das alleine holte mich wieder etwas zurück ins Hier und Jetzt. Das kühle Nass empfing mich mit offenen Armen, ohne dafür einen Gegenwert zu verlangen. Der See war mein Verbündeter, Vertrauter; ich liebte diesen See, seinen Körper, seine Vielseitigkeit, seinen Geruch, seine Art, mit mir zu spielen, seine Weise, mir Vergessen zu verschaffen. In ihm war es unwichtig, ob ich Frau war oder Mann. Ich fasste nach dem Automaten, der mich mit lebenswichtiger Atemluft versorgte. Ich steckte das Mundstück zwischen die Zähne; zischend füllte das Gerät beim Einatmen meine Lungen. Ich liess die Luft aus Jackett und Anzug entweichen, um meine Wasserverdrängung zu verringern und somit das Abtauchen einzuleiten. Dann schaltete ich die Lampe ein. Der Kegel des Scheinwerfers wurde vom feinen Schlick zurückgeworfen und erhellte einen guten Teil meines Umfeldes. Wow, wunderbar, so klar, schnapsklar – das wird ein schöner Tauchgang werden, dachte ich und fühlte mich dabei frei und schwerelos. Dennoch war es ein eigenartiges Gefühl. Zwischendurch spürte ich, wie mir die Tränen aus den Augen liefen und es dann warm auf den Wangen wurde. Und trotzdem sah ich keinen Sinn, mit dem Leben weiterzumachen. Die Richtung zur Wand kannte ich gut, und irgendwie war ich neugierig, was dann kommen würde. Ist dann alles fertig? Muss ich Rechenschaft ablegen? Wird es schmerzhaft sein? Es waren viele Gedanken, die mir durch den Kopf gingen. Komischerweise fühlte ich mich überaus ruhig, etwas bewegt vielleicht, aber in Anbetracht des Alkohol-Druckgemischs jedenfalls klar. Ich genoss das zischende Einatmen und das Blubbern des Ausatmens. Ich bestaunte die Wand, die mir selten schön vorkam, obwohl ich sie sicher schon zwei Dutzend Mal gesehen hatte. Ein paar neugierige Egli kamen an mir vorbeigeschwommen, sonst war ich allein. Regelmässig kontrollierte ich die Tiefe: 18 m, 37 m, 45 m. Ich war neugierig, wie weit die Wand langte. Der Lichtkegel der Lampe erreichte den Boden jedenfalls nicht. Er endete einfach im Schwarz, während ich gleichsam darüberschwebte. Ich hatte gelernt, mit wenig Bewegung vorwärtszukommen. Es war ein sanftes Vorwärtskommen, gemächlich, aber stetig; gleichmässig, aber bedacht. Ich sog am Automaten, der brav seinen Dienst verrichtete, und liess mich sinken, indem ich etwas fester ausatmete. Alleine durch die Atmung kann ein Auf- oder Absteigen in gewissem Masse eingeleitet werden. Es war ein überwältigendes Gefühl, wie ich so an der Wand entlangglitt. Ich spürte, wie die Luft aufgrund der Tiefe ihre Konsistenz veränderte. Jeder weitere Atemzug erschien um ein Vielfaches gehaltvoller, fettiger und reicher als der Atemzug davor. Wann aber kam dieser Tiefenrausch endlich?, fragte ich mich, als das Licht soeben den Boden zu erreichen schien. Ich sah erneut auf den Tauchcomputer, der mir jetzt das von mir gesetzte Limit von kurz nach 70 Metern anzeigte. Ich genoss die Stille und die Tiefe, prüfte den Luftvorrat, denn ertrinken wollte ich schliesslich nicht – es war in mir der Wunsch nach dem Tiefenrausch. Ich schaltete für einen Augenblick die Lampe aus, der Tauchcomputer und das Finimeter leuchteten giftig grün. Ihr Licht war der einzige Hinweis auf einen Taucher in dieser Region. Irgendwann erreichte ich sanft den Grund, es war eine Steinplatte, die ich anstrebte. Ich wollte mich einfach hinlegen, auf knapp 75 Meter, am Fusse dieser Wand. Ich tat es und schloss die Augen, ich fühlte mich etwas erschöpft durch die vielen Gedanken und sicher auch durch den Alkohol und die Tiefe; gut so, dachte ich. So lag ich bäuchlings auf dem Fels. Auf einem Bett aus Stein. Nun macht, was ihr wollt, ich will nicht mehr. Ich lauschte den Tönen des Herzens, das kräftig aber gleichmässig schlug, um Blut durch den Körper zu pumpen. Regelmässiges Ein- und Ausatmen führte dazu, dass ich mich komplett entspannte. Eine Zeit, ich weiss nicht wie lange, lag ich so da.

2. Kapitel

DER STAMMHALTER

Am 25. Oktober 1968 um 13:15 Uhr tat ich meinen ersten Atemzug. Etwa sechs Wochen zuvor hatte die vielbeschäftigte Hoteldirektorin Anni Meier eine schwere, metallene Hermes-Schreibmaschine gehoben, was nicht ohne Folge für die Fruchtblase geblieben war. Anni und Heribert riefen im Engiriedspital in Bern an, um sich zu erkundigen, was bei Fruchtwasserverlust zu tun sei. Die Schwester im gut 40 Kilometer entfernten Spital zögerte keine Sekunde: «Unverzüglich ins Krankenhaus einrücken.»

Anni hatte eine Seelenruhe und eben noch zu arbeiten. Und so siegte Pflicht über Verlust, und Anni Meier bereitete, als sei eigentlich gar nichts Besonderes gewesen, die Löhne für September vor. Wer sonst würde es machen?

Spätnachmittags fuhren Frau Anni Meier und Herr Heribert Meier mit Ziel Engiriedspital los, nicht ohne jedoch noch schnell im Restaurant Reblaus in Bern einen Rehrücken mit einem schönen Château Mouton Rothschild zu verdrücken. Eine Stunde vor Mitternacht kamen sie beim Spital an, wo sie eine schimpfende und zeternde Oberschwester, die meinte, unverzüglich wäre ohne Verzug und jetzt, erwartete. Meinem Vater las sie die Leviten, was ihm einfallen würde, so spät zu kommen, man würde schliesslich seit dem Telefonanruf am Nachmittag auf sie warten. Mein Papa tat unschuldig. Er habe ja überhaupt keinen Führerschein, gefahren sei seine Frau. Meiner werdenden Mutter wurde absolute Bettruhe verordnet, da man konstatierte: Jeder Tag mehr im Bauch der Mutter ist ein Tag mehr in der Entwicklung des Kindes. Es bestand die Gefahr einer Frühgeburt. Die Tage und Wochen vergingen. Irgendwann bemerkte das medizinische Personal beim ungeborenen Kind eine falsche Lage, dass es sich nicht drehen kann, weil es die Nabelschnur um Hals und Schulter gewickelt hatte. Meine Mama war ein bisschen workaholic, sie war offenbar so gut wie nie zur Geburtsvorbereitung oder zum Gynäkologen gegangen, wo man meine unglückliche Lage hätte vermutlich entdecken können. Jetzt war es zu spät. Jetzt war Anni Meier und ihrem Kind nur noch mit einem chirurgischen Eingriff zu helfen. Also, Kaiserschnitt. Dann ging alles ziemlich schnell, und ich war auf der Welt. Meine Mutter wusste es zuerst. Dann erfuhr es mein Vater, dann die ganze Familie, einschliesslich meiner Grosseltern. Ich war ein Junge. Und damit sofort der ganze Stolz der ganzen Sippe. Es war der Stolz auf einen männlichen Nachkommen. Warum dieser Stolz so gross war, kann man hier nicht ohne Erklärung stehen lassen. Es war so: Mein Vater hatte sieben Geschwister, lediglich zwei davon waren Mädchen. Dass ich ein Junge werden müsste, rein statistisch, lag für meine Eltern auf der Hand. Bei meinem Vater seinen fünf Brüdern und zwei Schwestern konnten sie es sich an den Fingern abzählen. Aber auch der Vater meines Vaters hegte entsprechende Erwartungen. Ab den 1960er-Jahren sollte die nächste Generation «nachrutschen», so die Ansage von Heiri [Heinrich Meier], meinem Grossvater väterlicherseits. Somit begann eine Art Wettlauf um den ersten Stammhalter, den ersten männlichen Nachkommen meiner Eltern und der Geschwister meiner Eltern und deren Geschlechtspartner. Es wurde, wie soll ich sagen, gezeugt, was das Zeug hält. Und, erfreulich, es gab Ergebnisse: Es wurden Mädchen um Mädchen geboren, darunter auch Zwillinge, aber eben alles «nur» Mädchen, was im Sinne der Meierschen Generationenplanung weniger erfreulich war. Mein Grossvater, ein alter Bauer, setzte daraufhin ein Kopfgeld aus. 500.– Stutz sollten es sein [500 CHF = ca. 600 DM]. 500 Stutz für den ersten männlichen Nachkommen. Bar auf die Hand. Schliesslich ergab es sich irgendwie, dass meine Tante Anna von ihrem Felix und meine Mama Anni von ihrem Heribert nahezu zeitgleich schwanger wurden. Ein Fiebern begann, und im Familienkreis wurden sogar Wetten abgeschlossen. Wer bringt den ersten männlichen Nachkommen auf Platz eins? Anna, die Frau von Felix, gebar kurz vor Anni ein Mädchen, das Susanne heissen sollte. So hatte meine Mama, die Anni, immer noch die Chance, einen Jungen zur Welt zu bringen. Das Wunder gelang. Ein zweites Wunder von Bern. Mit mir war endlich ein strammer Junge geboren. Dass ich mir zuvor die Nabelschur um den Hals und um die Schulter gewickelt hatte, erkläre ich mir heute so: Ich wollte nicht raus. Mir gefiel es offenbar nicht, weil ich so ein «Dings» zwischen meinen Beinen hatte, ein Ding, das einfach nicht meins war. Das liegt zwar jetzt bald 50 Jahre zurück, ist aber bestimmt genau so gewesen. Ich muss es wissen, ich war schliesslich dabei, als über mich und mein Geschlecht bestimmt wurde. Mitreden durfte ich allerdings nicht. Klar, der Doktor wollte an diesem Freitag auch irgendwann einmal Feierabend machen, setzte mittags Viertel nach eins kurzerhand das Messer an den Bauch meiner Mama, und nur zehn Minuten später lag ich bereits in einem fremden Bett. Ein paar Stunden später überraschte mein Papa, nun um 500.– Stutz reicher, meine Mama mit einem riesigen Strauss roter Rosen und einer Flasche Champagner. So kam es dann auch, dass ich noch am gleichen Tag zum ersten Mal Champagner vom kleinen Finger meiner Mama schlecken durfte. Während ich schleckte, entschieden meine Eltern auf Andreas. Andreas sollte ich heissen, Andreas Heribert Meier. Andreas, weil es von Andros kommt und der Männliche bedeutet, und Heribert, weil ich der Stolz meines Vaters war.

Man weiss zwar, dass immer der Vater entscheidend ist, ob es ein Mädchen oder einen Jungen gibt, nicht die Mutter, aber es gibt auf der anderen Seite weit mehr Faktoren als nur die Gene, die das (Hirn-)Geschlecht bestimmen. So betrachtet, könnte mein weiterer Lebensweg auch in einer gewissen Weise durch meine Mutter «angelegt» worden sein.

Heimgefahren ist dann übrigens mein Papa – natürlich ohne Führerschein –, hoch ins Juhee, nach Schwefelberg-Bad, dorthin, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, wo sie just im Mai 1968 das Hotel gleichen Namens zur Direktion übernommen hatten, das sie fünf Jahre später kaufen und mir, ihrem Stammhalter, 2001 übergeben würden.

3. Kapitel

DIE ENTDECKUNG

Junge oder Mädchen? Mädchen oder Junge? Bei der Vererbung des Geschlechts ist die Bestimmung stets eine Sache des Zufalls. Ich war also ein Zufallsprodukt. Mit diesem Schicksal konnte ich fürs Erste problemlos leben. Denn zum einen war meine kritische Haltung dazu nicht mal im Ansatz vorhanden. Zum anderen hätte ich mich wohl damit getröstet, dass ich dieses Schicksal mit Millionen Jungen und Mädchen auf dieser Welt teilte. Aber was sind schon Gefühle? Halten wir uns lieber an die Fakten. Was die Verteilung weiblich oder männlich betrifft, besteht immer eine 50:50-Chance für das Eine wie für das Andere. So hat es die Natur nun mal gewollt. Wer sich nicht mehr an den Biologieunterricht seiner Jugendtage erinnern kann, hier ganz kurz etwas Aufklärungsarbeit, offiziell klingt das nämlich so: Dringt ein Spermium mit einem X-Chromosom in die Eizelle ein, trägt der Embryo zwei X-Chromosomen und entwickelt sich zum weiblichen Organismus. Befruchtet dagegen ein Spermium mit einem Y-Chromosom die Eizelle, ist das Ergebnis XY, und es entwickelt sich ein eindeutig männlicher Organismus. Letztendlich war also mein Vater derjenige, wenn auch ohne jegliche Möglichkeit der Einflussnahme, der mein Geschlecht mittels eines Y-Chromosoms bestimmt hatte. Wie gesagt: Damals war ich mit meiner Körper- und Bewusstseinsentwicklung noch weit entfernt davon, mich einmischen zu können. Aber später habe ich mich immer massiv an dem Begriff Bestimmung gestört. Bestimmung ist in meinen Augen etwas, das mit Absicht geschieht. Ich aber war zufällig ein Junge, ein XY-Ergebnis. Und für mich stand sehr bald fest, dass XY eine Metapher sein musste für etwas, das ungelöst war, uneindeutig.

Wollte ich einem offensichtlich körperlichen Merkmal Glauben schenken, war ich ein kleiner Junge. Ein kleiner Junge Mitte der 1970er-Jahre. Von der in dieser Zeit oft angewendeten Form der Erziehung, der antiautoritären nämlich, hatten meine Eltern keinen Wind bekommen. Auch die gerade aufkommende sogenannte Antipädagogik, die Eltern dazu aufforderte, Kinder in ihrer Entwicklung sich selbst zu überlassen, war ganz und gar nicht ihr Ding.

«Wenn du nicht artig bist, kommst du ins Heim.» In diesem Satz, steckte die ganze Erziehungsmethodik meiner Mama. Einfach, eindeutig, konsequent. An einem Tag, als ich wieder mal auf ihrer Schreibmaschine rumtappte und sich die Lettern verhakten, hob sie den Hörer ihres grossen schwarz glänzenden Telefonapparates mit dem roten Knopf ab und sagte: «So, jetzt ist es so weit, jetzt rufe ich im Heim an.»

Ich war so erschrocken und verängstigt, dass ich mich heute noch daran erinnere, als wäre es gestern gewesen. Es war wie ein scharfer Schnitt. Es ist eine der frühesten Kindheitserinnerungen, die ich habe. Meine Mutter sprach dann mit jemandem am Telefon, ich wusste nicht mit wem, hörte es auch nicht mehr, weil ich sofort aus dem Büro rannte und mich in mein Kinderzimmer verkroch. Ich weiss nur noch, dass ich bittere Tränen vergoss. Irgendwann kam meine Mama und nahm mich in den Arm und tröstete mich. Der Satz jedoch, «Wenn du nicht artig bist, kommst du ins Heim», hatte sich mir fürs Leben ins Hirn gebrannt. Ein Satz, der möglicherweise mein weiteres Dasein entscheidend verändern sollte. Eltern wünschen sich ja immer ein artiges Kind. Ein frühzeitiges Zugeben meiner Andersartigkeit hatte dieser Satz ganz sicher verhindert. Ich begann zu lügen.

Zu Beginn der Schwangerschaft zeigen Embryonen noch keine geschlechtsspezifischen Unterschiede. Männliche wie weibliche Embryonen entwickeln identisch aussehende Geschlechtshöcker und -falten. Wie originell! Höcker und Falten als Vorstufen der Geschlechtsorgane. Noch ist alles offen. Noch können sich diese Anlagen in eine weibliche oder eine männliche Richtung entwickeln. Wobei die Entwicklung zum weiblichen Organismus die Grundform darstellt. Das muss auch mal gesagt werden. Für die Entwicklung eines männlichen Erscheinungsbildes sind zusätzliche genetische Informationen notwendig. Fehlen diese Informationen, entwickelt sich der Embryo automatisch zum weiblichen Organismus. Für die zusätzlichen genetischen Informationen hatte, wie bemerkt, mein Vater gesorgt. Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass es, von irgendwoher kommend, auch ein paar weibliche Informationen gegeben haben muss, die in den Embryo eingedrungen sind und ihn in eine Zwickmühle gebracht haben. Zwar fügte er sich, der Embryo, was ihn schliesslich äusserlich zur Männlichkeit führte, ihn jedoch nicht daran hinderte, ab diesem Zeitpunkt weiblich zu fühlen.

Ich war jetzt fast fünf Jahre alt. Ein aufgeweckter, blonder Vierjähriger, der seine Umwelt aber doch eher mit den Augen einer Vierjährigen zu betrachten begann. Aber dazu gleich mehr. Es war ganz sicher der 1. August 1975. Denn am ersten Tag des achten Monats eines jeden Jahres lassen wir Schweizer unsere Nation hochleben. Es ist unser offizieller Nationalfeiertag [Dies nur zur Erklärung für alle Nicht-Schweizer]. Es ist ein Tag des Erinnerns aller Eidgenossen an den «Ewigen Bund» der drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden, die sich am 1. August 1291 zusammenschlossen. Für mich ist es aber auch ein Tag der ganz persönlichen Erinnerung. Denn an diesem Feiertag vor rund 45 Jahren machte ich eine existenziell wichtige Entdeckung, die fortan mein Leben prägen sollte. Es ging darum, dass ich zum ersten Mal merkte: Ich bin kein Bub, ich bin ein Mädchen. Obwohl das ja offiziell gar nicht sein konnte, weil ich einen Zipfel hatte. Es war wie verhext. Aber erst einmal stand für jeden das Feiern im Mittelpunkt. Der Nationalfeiertag hatte auch für uns Kinder absoluten Kultstatus. Es war das Grösste. Ein Ereignis aus Feuerwerk, Musikparaden, bunten, leuchtenden Lampions und ebenso leuchtenden Kinderaugen. Zudem durften wir uns besonders kleiden. Wir, dass waren meine Schwester und ich. Ja, meine Eltern waren noch einmal Vater und Mutter geworden. Nicht allzu lange nach mir kam eine Schwester zur Welt. Dieses Mal hatte sich mein Vater mit einem X-Chromosom durchgesetzt.

Um abends ein paar Stunden länger durchzuhalten, sprich: bei der Street-Parade im Schwefelberg dabei sein zu können, musste ich vorschlafen. Meine Schwester selbstverständlich auch. Bei dieser Aufregung noch zum Schlafen verknurrt zu werden hasste ich wie die Pest. Ich machte sicher nie die Augen zu. Auch an diesem ersten Augustnachmittag nicht. Während meine Schwester erstaunlicherweise schlief, beobachtete ich die Projektionen an der Zimmerdecke, die dort – durch die geschlossenen Fensterläden mit dem feinen Spalt – ein perfektes Bild erzeugten, als wäre es ein Film, einfach nur spiegelverkehrt, wie es mich die Physik später einmal lehren würde. Als Kind, mit von der Obrigkeit verordneter Nachmittagsbettruhe, hatte ich so an sonnigen Tagen mein Privatfernsehen. Und so unglaublich es klingen mag: Das Bild war gestochen scharf. Offenbar stimmten hier sämtliche optischen Winkel und Spaltgrössen, die nötig sind, um eine Projektion dieser Art auszulösen. Erst etliche Jahre später verstand ich, anlässlich eines Besuches der Phänomena in Zürich, die Zusammenhänge von Licht, Öffnungen und Winkeln. Als Kleinkind interessierte mich nur das Bild, nicht aber, warum es da war.

Warum ich davon erzähle? Diese kleine Nachmittagsepisode war nur die Vorgeschichte zur eigentlichen Begegnung der dritten Art, die ich am Abend noch haben würde. Ich erinnere mich, das erste Mal vollkommen verwirrt gewesen zu sein; an jenem Abend eines ersten August, konsterniert über mich selbst. Denn was versteht man schon von Zusammenhängen, die die Welt zusammenhalten, mit vier oder fünf Jahren? Das gilt nicht nur für physikalische, sondern für Phänomene jeder Art. Während meine Eltern und alle anderen die Nationalhymne sangen, betrachtete ich meine um drei Jahre jüngere Schwester. Immer wieder musterte und rasterte ich sie ab, verglich sie mit mir, bis ich mit Schrecken feststellte, dass ich sie beneidete. Nicht nur wegen des roten Flamenco-Kleidchens mit den weissen Punkten und den Rüschen, den weissen Strümpfen und schwarzen Lackschuhen, ich beneidete sie um ihre langen Haare, die feine grazile Gestalt, vor allem aber um die Anerkennung, so wahrgenommen zu werden. Ich musste den Blick förmlich von ihr reissen. Ich, der dort stand, blond, aber kurzhaarig, nicht wirklich schlank, ein von der Grossmutter aus Liebe angefüttertes Pummelchen. Ich, ein Junge im Cowboy-Gilet aus braunem Wildleder, dessen kurze Beine in einer grauenhaft grauen Manchesterhose steckten. Immer wieder blickte ich an mir herab und dann wieder verstohlen zu meiner Schwester, und gleich wieder von ihr weg. Ich konnte das Gefühl, das mich dabei zerriss, nicht verstehen, es verwirrte mich nur noch mehr. Wieso nicht ich? Wieso? Wieso? Was, wieso?, versuchte ich mich zur Besinnung zu bringen. Ich bin Bub, sie ist Mädchen. So einfach ist das. Und während wir so im Geschehen beisammen waren und das Feuerwerk mit gigantischen Sternen, Sternschuppen und Ringen über unseren Köpfen losdonnerte und in mannigfachen Farben unsere Augen zum Leuchten brachte, beschloss ich, das eben Erlebte sicher nie jemandem zu erzählen. Ich beschloss, es in einer freien Zelle meines Herzens einzuschliessen und den Schlüssel tief im Brunnen der Vergessenheit zu versenken.

4. Kapitel

DER SCHÜLERIN

Die ersten fünf Jahre meiner Schulzeit verbrachte ich in der Primarschule Sangernboden. Sangernboden, dieses Dorf in den Berner Voralpen, wäre nicht weiter der Rede wert, wäre es nicht das Dorf gewesen, mit Schule und Sportplatz, das meinem Zuhause, Schwefelberg-Bad, am nächsten lag. Meine Erinnerungen am rund acht Kilometer entfernten Sangernboden hängen dabei weniger am allgemeinen Schul- als vielmehr am dortigen Sportunterricht. Ich mache es kurz: Ich war ein Kind

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