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Sieben Fälle für Mordspezialisten: Krimi Sammelband 7 Thriller für den Urlaub
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eBook1.146 Seiten13 Stunden

Sieben Fälle für Mordspezialisten: Krimi Sammelband 7 Thriller für den Urlaub

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Über dieses E-Book

Sieben Fälle für Mordspezialistin: Krimi Sammelband 7 Thriller für den Urlaub

 

Von Alfred Bekker, A.F.Morland, Horst Friedrichs, Earl Warren, Hans-Jürgen Raben, Ann Murdoch

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

 

 

A.F.Morland: Der Boss hieß Mephisto

Alfred Bekker: Jesse Trevellian und der Polizistenmörder

Earl Warren: Die Mordspezialisten

Earl Warren: Sanft schlafen nur die Toten

Hans-Jürgen Raben: In Sechs Stunden stirbt Manhattan

Horst Friedrichs: Entführung ins Nirgendwo

Ann Murdoch: Tod auf dem Drahtseil

 

 

 

Der neue Silverjet ist für den Jungfernflug bereit. Sir Malcolm Bridenpour, UN-Abgeordneter des Vereinigten Königreichs von Großbritannien, besteigt mit 126 Journalisten und weiteren prominenten Leuten den Riesenjet.

Jesse Trevellian und Milo Tucker, die beiden FBI Special-Agents, gehören zum Team, das für einen reibungslosen Ablauf und für die Sicherheit bis zum Abflug sorgt. Alles läuft ohne Vorkommnisse ab. Doch Stunden später ist die Maschine vom Radar verschwunden. Allen ist klar - der Silverjet wurde gekidnappt. Als die Forderungen bekannt werden, weiß man auch, wer dahinter steckt und dass die Passagiere sich in großer Gefahr befinden. Jesse und Milo begeben sich nun auf eine gefährliche Mission, denn ihre Gegner sind eiskalte Killer ...

 

 

Alfred Bekker schreibt Fantasy, Science Fiction, Krimis, historische Romane sowie Kinder- und Jugendbücher. Seine Bücher um DAS REICH DER ELBEN, die DRACHENERDE-SAGA,die GORIAN-Trilogie und seine Romane um die HALBLINGE VON ATHRANOR machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er war Mitautor von Spannungsserien wie Jerry Cotton, Kommissar X und Ren Dhark.

SpracheDeutsch
HerausgeberAlfred Bekker
Erscheinungsdatum6. Okt. 2020
ISBN9781393366102
Sieben Fälle für Mordspezialisten: Krimi Sammelband 7 Thriller für den Urlaub
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Autor

Alfred Bekker

Über Alfred Bekker: Wenn ein Junge den Namen „Der die Elben versteht“ (Alfred) erhält und in einem Jahr des Drachen (1964) an einem Sonntag geboren wird, ist sein Schicksal vorherbestimmt: Er muss Fantasy-Autor werden!  Dass er später ein bislang über 30 Bücher umfassendes Fantasy-Universum um  “Das Reich der Elben” schuf, erscheint da nur logisch. Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten und wurde Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen.   Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', ‘Ragnar der Wikinger’,  'Da Vincis Fälle - die mysteriösen Abenteuer des jungen Leonardo’', 'Elbenkinder', 'Die wilden Orks', ‘Zwergenkinder’, ‘Elvany’, ‘Fußball-Internat’, ‘Mein Freund Tutenchamun’, ‘Drachenkinder’ und andere mehr  entwickelte. Seine Fantasy-Zyklen um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' ,die 'Gorian'-Trilogie, und die Halblinge-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt.  Alfred Bekker benutzte auch die Pseudonyme Neal Chadwick,  Henry Rohmer, Adrian Leschek, Brian Carisi, Leslie Garber, Robert Gruber, Chris Heller und Jack Raymond. Als Janet Farell verfasste er die meisten Romane der romantischen Gruselserie Jessica Bannister. Historische Romane schrieb er unter den Namen Jonas Herlin und Conny Walden.  Einige Gruselromane für Teenager verfasste er als John Devlin. Seine Romane erschienen u.a. bei Lyx, Blanvalet, BVK, Goldmann,, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt., darunter Englisch, Niederländisch, Dänisch, Türkisch, Indonesisch, Polnisch, Vietnamesisch, Finnisch, Bulgarisch und Polnisch.

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    Buchvorschau

    Sieben Fälle für Mordspezialisten - Alfred Bekker

    Sieben Fälle für Mordspezialistin: Krimi Sammelband 7 Thriller für den Urlaub

    Von Alfred Bekker, A.F.Morland, Horst Friedrichs, Earl Warren, Hans-Jürgen Raben, Ann Murdoch

    Dieses Buch enthält folgende Krimis:

    ––––––––

    A.F.Morland: Der Boss hieß Mephisto

    Alfred Bekker: Jesse Trevellian und der Polizistenmörder

    Earl Warren: Die Mordspezialisten

    Earl Warren: Sanft schlafen nur die Toten

    Hans-Jürgen Raben: In Sechs Stunden stirbt Manhattan

    Horst Friedrichs: Entführung ins Nirgendwo

    Ann Murdoch: Tod auf dem Drahtseil

    ––––––––

    Der neue Silverjet ist für den Jungfernflug bereit. Sir Malcolm Bridenpour, UN-Abgeordneter des Vereinigten Königreichs von Großbritannien, besteigt mit 126 Journalisten und weiteren prominenten Leuten den Riesenjet.

    Jesse Trevellian und Milo Tucker, die beiden FBI Special-Agents, gehören zum Team, das für einen reibungslosen Ablauf und für die Sicherheit bis zum Abflug sorgt. Alles läuft ohne Vorkommnisse ab. Doch Stunden später ist die Maschine vom Radar verschwunden. Allen ist klar - der Silverjet wurde gekidnappt. Als die Forderungen bekannt werden, weiß man auch, wer dahinter steckt und dass die Passagiere sich in großer Gefahr befinden. Jesse und Milo begeben sich nun auf eine gefährliche Mission, denn ihre Gegner sind eiskalte Killer ...

    ––––––––

    Alfred Bekker schreibt Fantasy, Science Fiction, Krimis, historische Romane sowie Kinder- und Jugendbücher. Seine Bücher um DAS REICH DER ELBEN, die DRACHENERDE-SAGA,die GORIAN-Trilogie und seine Romane um die HALBLINGE VON ATHRANOR machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er war Mitautor von Spannungsserien wie Jerry Cotton, Kommissar X und Ren Dhark.

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

    © by Author

    © dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Alle Rechte vorbehalten.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    Der Boss hieß Mephisto: N.Y.D. – New York Detectives

    Krimi von A. F. Morland

    Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

    Niemand weiß, wer Mephisto ist, doch er ist sehr aktiv. Killer, Räuber, Dealer und anderes zwielichtiges Gesindel beschäftigt er zuhauf, ohne dass jemand weiß, wer sich hinter dem Namen versteckt. Auch der Privatdetektiv Bount Reiniger und die Polizei versuchen ihn aufzuspüren, doch jedes Mal, wenn es einen Zeugen gibt, stirbt der, bevor er etwas sagen kann.

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

    Alfred Bekker

    © Roman by Author

    © dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

    Alle Rechte vorbehalten.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

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    https://twitter.com/BekkerAlfred

    Zum Blog des Verlags geht es hier

    https://cassiopeia.press

    Alles rund um Belletristik!

    Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

    Die Hauptpersonen des Romans:

    Ross Birney – als er sich entschließt, endlich auszupacken, kostet ihn das fast sein Leben.

    Li Wang – er wirkt wie ein grundsolider Geschäftsmann, ist aber alles andere als das.

    Betty van Cleef – sie führt ein Doppelleben und lässt niemanden so leicht in ihre Karten sehen.

    Davie Scott – er ahnt nicht, dass er Bount Reiniger den entscheidenden Tipp gibt.

    June March – ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

    Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.

    1

    Die Astra-Pistole lag griffbereit unter Mullbinden. „Schwester" June wartete auf den Killer!

    Stille herrschte auf der Intensivstation des Creedmoor State Hospital. Nur die audiovisuellen Überwachungsgeräte machten sich mit großer Regelmäßigkeit bemerkbar und zeigten an, dass der Patient noch lebte.

    Noch! Aber das konnte sich schnell anderen. Erstens deshalb, weil Ross Birneys Leben an einem seidenen Faden hing, und zweitens deshalb, weil sein Name nach wie vor auf einer privaten Abschussliste stand.

    Als Ross Birney noch gesund und munter gewesen war, hatte er den Privatdetektiv Bount Reiniger angerufen.

    „Ich hätte einen verdammt guten Tipp für Sie, Bount Reiniger. Was wäre Ihnen das wert?", wollte er wissen.

    „Ich kaufe die Katze nicht im Sack", erwiderte Bount.

    „Schon mal von Mephisto gehört?"

    Gehört schon, dachte Bount Reiniger. Aber Genaueres weiß ich über diesen Teufel nicht.

    Seine Neugier war sofort geweckt. Mephisto konnte man als ein Phantom bezeichnen.

    Niemand wusste, wer das war. Die Polizei versuchte den geheimnisvollen Gangsterboss seit Langem zu erwischen, das Rätsel um seine Person zu lösen – es gelang nicht.

    Mephisto war ein Schatten, den man nicht greifen konnte. Seine Verbrechen fielen in sämtliche Dezernatsbereiche der Polizei. Die Palette reichte von Erpressung über Menschenhandel bis hin zur Falschgeldproduktion, Rauschgifthandel, Waffenschmuggel, Mord auf Bestellung ...

    Bount Reiniger wäre kein guter Detektiv gewesen, wenn er sich für diesen geheimnisumwitterten Gangsterboss nicht interessiert hätte – und Bount war einer der Besten in seiner reich bestückten Branche.

    „Hundert Dollar", machte Bount Reiniger sein Angebot.

    Der Anrufer lachte mitleidig. „Mein lieber Mister Reiniger, ich biete Ihnen die Gelegenheit, des größten Verbrechers von New York habhaft zu werden, und Sie wollen mich mit einem Trinkgeld abspeisen."

    „Wir leben in einer Zeit der Rezession. Ist Ihnen das noch nicht aufgefallen?"

    „Für Mephisto ist nach wie vor Hochkonjunktur."

    „Die endet in dem Moment, wo man ihm das Handwerk legt."

    „Nun mal ehrlich, wissen Sie, wie viele das schon versucht, aber nicht geschafft haben?"

    „Nein, wissen Sie es?"

    „Legionen", sagte der Mann am anderen Ende.

    „Na schön, wie viel wollen Sie haben?"

    „Eintausend wunderschöne Bucks, bar auf die Hand."

    „Sie hat wohl der wilde Affe gebissen."

    „Dafür sage ich Ihnen aber auch klipp und klar, wie Sie Mephisto aufs Kreuz legen können. Ich liefere Ihnen gewissermaßen eine fix und fertige Gebrauchsanweisung. Man wird Sie als Held feiern. Sie sollten nicht zögern, Mister Reiniger. Wenn ich die tausend Dollar nicht von Ihnen kriege, bezahlt mir diese Summe eben einer Ihrer cleveren Kollegen. Sollte es nicht Ihr Bestreben sein, Ihren Konkurrenten immer um eine Nasenlänge voraus zu bleiben? Diesmal wäre die Nase besonders lang. Außerdem bin ich sicher, dass Sie die tausend Eier nicht aus der eigenen Tasche zu bezahlen brauchen. Sie haben doch sehr gute Freunde bei der Polizei. Die Staatskasse wird Ihnen Ihre Auslage mit Vergnügen refundieren, denn Mephisto schädigt sie täglich um ein Vielfaches. Sind wir uns einig?"

    „Ich bin bereit, mir Ihr detailliertes Angebot anzuhören erwiderte Bount Reiniger. „Sollte ich finden, dass Ihre Information keine tausend Dollar wert ist, platzt das Geschäft.

    „Einverstanden. Es wird nicht platzen. Sie werden begeistert sein, Mister Reiniger."

    „Und wie geht es nun weiter?"

    „Ich heiße Ross Birney, und ich erwarte Sie in Queens Village vor der Station der Long Island Railroad."

    „Wie erkenne ich Sie?"

    „Ich habe einen intelligenten Gesichtsausdruck."

    Den hatte Birney nicht mehr, als Bount Reiniger den Treffpunkt erreichte. Da waren seine Züge schlaff und bleich. Er lag auf dem staubigen Boden und war von Neugierigen umringt.

    Jeder wollte etwas anderes gesehen haben. Was wirklich passiert war, schien aber keiner zu wissen.

    Mephisto hatte eiskalt zugeschlagen!

    Bount Reiniger hastete zu seinem silbermetallic-farbenen Mercedes 450 SEL zurück und verständigte per Autotelefon Polizei und Rettungswagen. Man schaffte den Schwerverletzten ins Creedmoor State Hospital, wo die Ärzte an ihm ein kleines Wunder vollbrachten.

    Obwohl Ross Birney von mehreren Kugeln getroffen worden war, konnte das tüchtige Operationsteam verhindern, dass er starb. Aber er lag seither im Koma, und die Chancen, dass er wieder zu sich kam, standen 50:50.

    Es war allgemein bekannt, dass Mephisto sich nicht mit Halbheiten zufriedengab. Er machte Nägel mit Köpfen. Wenn Ross Birney also sterben sollte, aber noch nicht tot war, würde man ihn im zweiten Anlauf ins Jenseits befördern, und das wollten eine Menge Leute verhindern.

    So zum Beispiel June March, Bount Reinigers reizende blonde Assistentin, und natürlich auch Bount Reiniger. Und da waren dann noch Captain Toby Rogers, der gewichtige Leiter der Mordkommission Manhattan C/II, sein sommersprossiger Stellvertreter Lieutenant Ron Myers sowie einige für solche Einsätze ausgebildete Beamte, die mit ihren Waffen exzellent umzugehen verstanden. Sie schossen einer Stechmücke den Rüssel weg, wenn‘s verlangt wurde – und das im Flug!

    Das Netz war engmaschig. Wenn jemand an Ross Birney herankommen wollte, musste er sich nach menschlichem Ermessen darin fangen.

    June March befand sich auf vorgeschobenem Posten. Bount hatte sie als Krankenschwester eingeschleust. In Wirklichkeit aber sollte sie Birneys Schutzengel sein, die allerletzte Sicherung.

    Wenn es Mephistos Killer wider Erwarten schafften, bis zu Birney vorzudringen, würde es an June liegen, sie daran zu hindern, den Patienten zu töten.

    Die Stille des nächtlichen Krankenhauses war für June gespenstisch. Sie wusste, dass nichts so schnell ermüdet wie eine Aufmerksamkeit, die nachts über lange Zeit wachgehalten werden muss.

    Manchmal vernahm sie Geräusche, die sie sich einbildete. Aus welcher Richtung würde die Gefahr kommen?

    June war hier völlig auf sich allein gestellt. Sie hoffte, im Ernstfall nicht zu versagen. Ihr Blick richtete sich auf den halbtoten Mann.

    Leichenblass war er, und vor seinem Gesicht wölbte sich eine durchsichtige Sauerstoffmaske aus Kunststoff. Ein flexibler Schlauch verband sie mit feiner großen blauen Metallflasche, die unter dem Bett auf einem Eisengestell mit Rädern lag. June hörte das leise Rauschen des Sauerstoffs schon nicht mehr.

    Der Brustkorb des Patienten hob und senkte sich kaum merklich. Über ihm hingen Infusionsflaschen an einer Stange.

    Das Warten war zermürbend. Doch nicht nur für June March. Bestimmt ächzten auch die Männer unter dieser starken nervlichen Belastung.

    Wann würde der Killer es versuchen? Würde er überhaupt in dieser Nacht erscheinen? Oder erst morgen?

    Dieser Mephisto wollte die Sache garantiert schnellstens erledigt wissen, denn wenn man die Liquidierung des Verräters auf die lange Bank schob, bestand die Gefahr, dass er kurz zu sich kam und sein Wissen doch noch preisgab.

    June griff in die Tasche ihres Schwesternkittels und holte ein Miniatur-Sprechfunkgerät heraus. Sie rief Bount Reiniger.

    „Irgendein Problem?", fragte Bount Reiniger gespannt.

    „Nein, Bount, hier ist alles okay, gab June March zurück. „Wie sieht es bei euch aus?

    „Ich glaube, Toby schläft schon."

    June vernahm das unwillige Brummen des Captains. Auch ein Schimpfwort kam durch den Äther.

    Dann sagte Bount: „Halt weiterhin die Augen offen, June. Ich bin sicher, dass es in dieser Nacht passieren wird. Es darf keine Panne geben. Großartig wäre es natürlich, wenn wir uns Mephistos Killer schnappen könnten, denn dann würden ihm Tobys Verhörspezialisten die Daumenschrauben ansetzen, damit er redet."

    „Gib mir Bescheid, wenn ihr ihn habt, damit ich aufatmen kann."

    „Du bist die erste, die es erfährt, versprach Bount Reiniger. „Wie gefällt dir der Job als Krankenschwester?

    „Ich kann bereits Mullbinden von Heftpflaster unterscheiden."

    „Du machst Fortschritte. Ich denke, ich lasse anfallende Blessuren von nun an nur noch von dir behandeln."

    Sie beendeten den Funkverkehr, und June ließ das Walkie-Talkie wieder in der Kitteltasche verschwinden. Wieder einmal machte sie die Erfahrung, dass die Zeit nicht vergehen will, wenn man auf etwas wartet. Die Minuten verrannen wie zähflüssiger Sirup.

    Ein Geräusch ließ June March heftig zusammenzucken, aber sie beruhigte sich gleich wieder. Der Patient hatte sich bewegt. Es war wohl ein unkontrollierter Reflex seiner Nerven gewesen.

    Der Killer ließ weiter auf sich warten!

    2

    Aber er war da!

    Er befand sich seit Stunden im Krankenhaus, war bereits hier gewesen, bevor die Polizei ihre Sicherheitssperren errichtete. Seither konnte das Hospital niemand unkontrolliert betreten oder verlassen. Vergebliche Mühe, denn Mephistos Mann lag in der Leichenkammer.

    Tote waren seine Nachbarn, doch das störte ihn nicht. Er hatte selbst schon etliche Menschen ins Jenseits befördert. Der Anblick regte ihn nicht auf.

    Die leblosen Körper lagen unter weißen Laken, und auch Mephistos Killer hatte sich zugedeckt. Zwei Dinge unterschieden ihn von denen, die ihm in diesem kühlen Raum unter der Erde Gesellschaft leisteten: Er war nicht nackt wie sie – und er lebte!

    Als er die Zeit für gekommen erachtete, schlug er das Laken zur Seite und setzte sich auf. Seine Glieder waren steif geworden. Er machte Turnbewegungen, um die Kälte aus den Gelenken zu vertreiben, und er knetete seine Finger wie ein Pianist vor dem Konzert.

    Auch er betrachtete sich als Künstler, der sich auf die Geschmeidigkeit seiner Finger verlassen können musste.

    Lautlos näherte er sich der Tür. Er öffnete sie einen Spalt breit und blickte auf den hell erleuchteten Flur. Alles roch sauber und steril.

    Irgendwo quietschten Gummisohlen auf dem Kunststoffboden, dann herrschte absolute Stille. Der Killer verließ die Totenkammer jedoch noch nicht.

    Er hatte sich, als Ross Birney eingeliefert worden war, gründlich im Hospital umgesehen. Das war nicht schwierig gewesen, da niemand wusste, wer er war.

    Als ihm zu Ohren kam, dass Ross Birney den Mordanschlag knapp überlebt hatte, stand sein Entschluss fest, die Scharte auszuwetzen. Da dies nicht sofort möglich war, legte er sich auf die Lauer, und nun war er im Begriff, sein Versteck zu verlassen.

    Doch bevor er dies tat, holte er seine Walther-Pistole aus dem Schulterhalfter. Er überzeugte sich davon, dass das Magazin voll war, entnahm seiner Jacketttasche einen Schalldämpfer und schraubte ihn auf die Kanone. Die Schüsse, die Birney töteten, durften nicht gehört werden.

    Behutsam drückte der Killer die Tür der Leichenkammer weiter auf, und dann setzte er seinen Fuß in den hellen Flur. Er glich jetzt einem Panther, der sich an sein Opfer heranpirscht.

    3

    Auch Toby Rogers stand ein Walkie-Talkie zur Verfügung. Er rief damit die einzelnen Posten. Bisher hatte jeder gemeldet, dass bei ihm alles okay wäre.

    „Wie sieht‘s bei dir aus, Mort?", fragte der Captain den Scharfschützen, der auf dem Dach eines Hauses hockte, das der Klinik gegenüberstand.

    „Gähnende Langeweile, Captain", gab Mort Cameron zurück.

    „Halt trotzdem die Augen offen."

    „Hoffentlich erfriere ich hier oben nicht."

    „Mann, wir haben Mai."

    „Weiß der Teufel, wieso ich‘s nicht spüre. Mir kommt es vor, als steckten wir im grimmigsten Dezember."

    „Ich kann dich beruhigen, Schneesturm ist keiner zu erwarten."

    „Ein wahrer Lichtblick", sagte Mort Cameron aufatmend. Von seiner Position aus konnte er in das Krankenzimmer sehen, in dem sich June March mit Ross Birney aufhielt. Wenn er durch das Infrarotzielfernrohr blickte, war June zum Greifen nahe, und wer ihn kannte, der wusste, dass es ihm sehr gefallen hätte, dieses hübsche Mädchen anzufassen. Er war in seiner Freizeit ein hervorragender, gewitzter und äußerst erfolgreicher Jäger. Von ihm konnte sogar noch Ron Myers, der auf diesem Gebiet auch nicht gerade schwach war, einiges lernen.

    Toby Rogers klapperte auch die anderen Posten ab. Er hörte überall dasselbe: „Alles okay."

    Aber er traute diesem Frieden ebenso wenig wie sein Freund Bount Reiniger. Sie saßen im Mercedes. Bount hatte eine Runde Pall Mall ausgegeben, und der Qualm wäre nicht auszuhalten gewesen, wenn sie nicht alle vier Türen geöffnet hätten.

    Toby saß neben Bount Reiniger. Ron Myers hatte den Fond des Fahrzeugs für sich allein.

    „Ich hasse es, mir die Nacht auf diese Weise um die Ohren zu schlagen", brummte der Captain missmutig.

    „Denkst du, ich hätte nichts Besseres vor?, meldete sich der sommersprossige Lieutenant. „Ich musste Ali versetzen.

    „Muhammad?", fragte Bount Reiniger grinsend.

    „Ali Sweet, die süßeste Zuckerpuppe, die du dir vorstellen kannst. Ich habe in dieses Unternehmen schon eine Menge Geld investiert. Wenn mir Ali nun den Laufpass gibt, war alles umsonst."

    „Wie der über die Beziehung zu einem hübschen Mädchen redet, sagte Toby kopfschüttelnd. „Als wär‘s für ihn ein reines Geschäft, das sich rentieren muss. Von Liebe hast du anscheinend noch nie was gehört, du Kammerjäger. Meine Güte, werde ich froh sein, wenn du endlich unter die Haube kommst, damit du dich mehr auf deinen Beruf konzentrieren kannst.

    Ron lachte. „Ich werde mir wegen einem Glas Milch doch nicht gleich eine ganze Kuh zulegen."

    „Erlaubst du mal einen ganz indiskrete Frage? Wie viele Gläser Milch trinkst du denn so pro Woche?"

    Der Lieutenant grinste breit. „Das verrate ich dir lieber nicht, sonst platzt du vor Neid."

    „Angeber."

    Bount Reiniger drückte seine Pall Mall in den Aschenbecher. „Allmählich könnte was passieren, sagte er ungeduldig. „Dieses endlose Warten macht mich ganz mürbe.

    „Es liegt leider nicht bei uns, die Sache voranzutreiben, entgegnete Captain Rogers. „Hoffentlich schafft es Mephistos Mann nicht, bis zu Ross Birney vorzudringen.

    „Du hast die Posten aufgestellt, sagte Bount Reiniger. „Wenn er ein Loch im Netz findet, geht das auf deine Kappe.

    „Wie immer. Wenn ein Sündenbock gebraucht wird, muss Captain Rogers herhalten."

    „Und der wälzt dann alles auf seinen Stellvertreter ab", maulte Ron Myers.

    „Beklagst du dich etwa?", fragte Toby und drehte sich zum Lieutenant um.

    Ron hob beide Hände. „Niemals. Ich will schließlich nicht wieder auf Streife gehen."

    Toby wandte sich an Bount und lachte. „Damit habe ich ihn in der Hand, diesen Halunken. Sowie er aufmuckt, drohe ich ihm mit der Versetzung – und schon ist er still und arbeitswillig."

    Bount Reiniger warf einen Blick auf die Armaturenbrettuhr. Es war kurz vor Mitternacht!

    4

    Mephistos Killer holte den Aufzug in den Keller. Dieser Fahrstuhl wurde fast ausschließlich dazu benützt, die Toten zu transportieren.

    Die Intensivstation befand sich im vierten Stock. Der Gangster fuhr eine Etage höher. Bevor er den Lift verließ, warf er einen prüfenden Blick durch das Glasfenster in der Tür.

    Die Luft war rein. Der Mann konnte es wagen, den Lastenaufzug zu verlassen. Er gab der Tür einen Stoß, sie schwang auf, und er trat aus dem Fahrstuhl.

    Rechter Hand befand sich eine Nottreppe. Der Mörder versuchte über diese den vierten Stock zu erreichen, bemerkte jedoch rechtzeitig den Posten und disponierte augenblicklich um.

    Er verbarg sich in jenem Raum, in dem die Reinigungsgeräte aufbewahrt wurden, schraubte eine Abdeckplatte ab und stieg in den engen Schacht der Klimaanlage ein. Das Gefühl der Platzangst kannte er nicht, sonst hätte er schon nach den ersten Metern umkehren müssen.

    Lautlos schob er sich durch den rechteckigen Aluminiumschlauch. Schwierig war nur der Abstieg zur nächsten Etage, aber er schaffte ihn, ohne ein Geräusch zu verursachen.

    Nun kroch er von Lüftungsgitter zu Lüftungsgitter, sah in die Räume und suchte sein Opfer. Es passierte ihm selten, dass er nach einem Mordanschlag nachhaken musste.

    Zumeist war er das erste Mal erfolgreich. Wenn er nicht so zuverlässig gearbeitet hätte, wäre er wohl kaum für Mephisto tätig gewesen.

    Der Boss wählte seine Mitarbeiter sehr gewissenhaft aus, Versager hatten kein langes Leben, von ihnen trennte sich Mephisto zumeist schon nach ganz kurzer Zeit, denn Versager waren ein unkalkulierbares Risiko, und der Boss liebte keine Risiken.

    Das fünfte Gitter ...

    Der Killer kroch nicht mehr weiter, er hatte Ross Birney gefunden. Eine Krankenschwester war bei ihm.

    Der Mephisto-Mann lachte in sich hinein. Was für ein Aufwand hier getrieben wurde. Sogar eine eigene Krankenschwester hatte Birney. Alles für die Katz.

    Behutsam holte der Mörder seine Walther-Pistole aus der Schulterhalfter. Das Gitter war groß genug für den klobigen Schalldämpfer.

    Erst Ross Birney, dann die Schwester, dachte der Profikiller und drückte ab.

    5

    Als die Walther nieste, durchfuhr June March ein eisiger Schrecken. Aber er lähmte sie zum Glück nicht. Sie wusste, was zu tun war, und sie handelte auf der Stelle.

    Eine Krankenschwester wie sie hatte es in diesem Haus noch nie gegeben. Auch sie konnte mit einer Spritze umgehen, aber mit einer Kugelspritze.

    Als das Geschoss Ross Birney traf, stieß Junes schlanke Hand unter den Mullberg. Das blonde Mädchen schnappte sich die Astra. Die Walther nieste ein zweites Mal.

    Und dann schoss June. Sie schnellte hoch und federte in Combat-Stellung, wie es ihr Bount Reiniger beigebracht hatte. Sie sah den Killer nicht, feuerte auf das Gitter der Klimaanlage und hoffte, ihn nicht tödlich zu verletzen.

    Als die dritte Kugel den Lauf der Astra-Pistole verließ, drang ein dumpfes Röcheln aus dem Schacht. Dann vernahm June March das Poltern der fallenden Waffe.

    Die Tür flog auf, und zwei Polizisten stürmten in den Raum. Sie hatten vor dem Zimmer Posten bezogen.

    Mit gezogenen Waffen wollten sie „Schwester" June zu Hilfe eilen, doch das war nicht mehr nötig.

    Die Gefahr war gebannt. June March hatte sich wacker geschlagen.

    Die Polizisten drängten sie zur Seite. Einer der beiden stieg auf den Stuhl, auf dem das blonde Mädchen gesessen hatte. Er nahm das Gitter ab – und blickte einem Toten in die Augen.

    „Der bringt keinen mehr um", bemerkte der Beamte trocken.

    Als June das hörte, wurden ihre Knie ein wenig weich. Sie war nicht abgebrüht genug, dass sie das kaltgelassen hätte. Sie wollte nie so werden.

    Ihre Hand zitterte, als sie die Astra einsteckte und das Walkie-Talkie aus der Kitteltasche holte. „Bount ..."

    „Ja, June? Ja? Soeben wurden uns Schüsse gemeldet."

    „Der Mephisto-Killer ... Er war hier."

    „Und?"

    „Es ist vorbei."

    „Was ist vorbei? Mädchen, lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!"

    „Ich bin ein bisschen durcheinander, Bount."

    „Das kann ich verstehen. Bist du verletzt?"

    „Nein."

    „Hat der Killer auf Ross Birney geschossen?"

    „Ja. Er kam durch den Schacht der Klimaanlage. Er verwendete einen Schalldämpfer."

    „Wie viele Schüsse hat er abgegeben?"

    „Zwei."

    „Und Birney?"

    June sah die beiden Polizisten fragend an. Sie hatten Ross Birney abgedeckt. Auf dem Körper des Patienten lagen mehrere kugelsichere Westen. Die Beamten fanden die Projektile, die Birney nichts anhaben konnten, und zeigten sie dem blonden Mädchen.

    „June, was ist mit Birney?", fragte Bount Reiniger drängend.

    „An seinem Zustand hat sich nichts verändert. Deine Idee mit den Kugelwesten hat sich bezahlt gemacht."

    „O Mann, dafür muss Toby, der Schotte, aber einen ausgeben."

    „Leider lebt der Mephisto-Mann nicht mehr, Bount." June berichtete in Schlagworten, was sich ereignet hatte und wie schnell sie zu handeln gezwungen gewesen war.

    „Da kann man leider nichts machen, sagte Bount Reiniger. „Ich bin sehr stolz auf dich. Du hast prächtig reagiert. In wenigen Minuten bin ich bei dir.

    „Ich kann jetzt einen starken Mann gebrauchen, an den ich mich anlehnen kann."

    „Dafür bin ich genau der richtige."

    6

    „Du kannst Mort Cameron vor dem Erfrierungstod retten, Toby, sagte Bount Reiniger zu seinem Freund. „Hol ihn vom Dach herunter.

    Der Scharfschütze meldete sich selbst und berichtete, was er sah.

    „Du kannst nach Hause gehen, Mort, sagte Toby leutselig. „War nett, dass du dir für mich Zeit genommen hast.

    „Ich dachte, es wäre ein Befehl gewesen, Captain."

    „Mach, dass du heimkommst – und schreib nicht zu viele Überstunden auf! Dein Bericht geht durch meine Hände!"

    Toby schickte alle Leute, die er nicht mehr brauchte, nach Hause.

    „Dann will ich mal", ächzte Ron Myers und quälte sich aus dem Mercedes.

    „Du nicht, sagte der Captain. „Du bleibst noch."

    Der schlaksige Lieutenant sah seinen Vorgesetzten an und seufzte. „Hör mal, Toby, ich komme den Steuerzahler doch viel zu teuer. Ich bekleide immerhin den Rang eines Lieutenants."

    „Willst du ihn behalten?"

    „Klar."

    „Dann mach so lange Dienst, wie ich es dir sage. Für Ali Sweet ist es jetzt ohnedies zu spät."

    Ron brummelte etwas in seinen imaginären Bart, blieb aber.

    Bount, Toby und Ron begaben sich in das Krankenhaus. Als sie das Krankenzimmer betraten, in dem Ross Birney lag, befanden sich zwei Ärzte bei ihm.

    Die kugelsicheren Westen lagen achtlos auf dem Boden. Sie hatten ihren Zweck erfüllt und wurden nicht mehr gebraucht. Der Captain ließ sie einsammeln und fortschaffen.

    Die Ärzte bestätigten, dass der Zustand des Patienten unverändert war. „Können Sie ihn in ein anderes Zimmer verlegen?", fragte Toby Rogers.

    „Lässt sich machen."

    Toby wies zum Schacht der Klimaanlage. „Wir haben hier noch etwas zu erledigen."

    June kam mit schleppenden Schritten auf Bount zu. Er legte seinen Arm um sie und spürte, dass sie zitterte. Jetzt kam die Aufregung erst richtig durch.

    „Ich bringe dich so bald wie möglich nach Hause", versprach ihr Bount Reiniger.

    „Das hat keine Eile", erwiderte das blonde Mädchen.

    „Ron, veranlasse, dass der Mephisto-Killer da herausgeholt wird", verlangte der Captain.

    Lieutenant Myers verließ das Krankenzimmer kurz. Mittlerweile erschienen zwei Krankenpfleger, die Ross Birney abtransportierten.

    Wenig später wurde die Leiche des Mörders aus dem Schacht gezogen. Die Beamten legten ihn auf den Boden. „Hat er Papiere bei sich?", wollte Toby Rogers wissen.

    Ron Myers durchstöberte die Taschen. Er fand dreihundertzwanzig Dollar, das Streichholzbriefchen einer Transvestiten-Bar, ein Taschenmesser und ein Taschentuch, das in einer Ecke den Buchstaben G trug. Aber keinen Ausweis.

    „Vielleicht verraten uns seine Prints, mit wem wir es zu tun haben, bemerkte der Captain. „Schade, dass er nicht mehr reden kann. Er wandte sich an June. „Entschuldige, das sollte kein Vorwurf sein."

    „Und was machen wir mit Mister G?", fragte Ron Myers.

    „Er durchläuft die in solchen Fällen üblichen Stationen, sagte Toby, und sein Stellvertreter veranlasste das Nötige. Der Captain nahm sich kurz Zeit für June. Er war nicht nur heute um ihr Wohl besorgt. „Bist du wieder auf dem Damm?

    „Danke, Toby, antwortete das blonde Mädchen und nickte. „Es geht ständig aufwärts.

    Der Captain sah Bount an. „Dann brauchst du sie ja nicht mehr zu stützen."

    Bount Reiniger zeigte die Zähne. „Was ich mit meiner Assistentin mache, ist doch wohl meine Sache, oder?"

    „Nicht in der Öffentlichkeit."

    „Bist du die Öffentlichkeit?"

    „Ich bin ein Teil von ihr."

    „Ein dickes Teil."

    „Wie kannst du‘s nur bei dieser Giftspritze aushalten, June?, fragte der Captain kopfschüttelnd. Er wollte darauf jedoch keine Antwort haben, sondern forderte Bount Reiniger auf, sich den toten Killer genau anzusehen. „Kommt dir sein Gesicht bekannt vor? Hast du den Kerl schon mal irgendwo gesehen?

    Bount löste sich von June und trat an den Toten heran. Er musterte die schlaffen Züge eingehend. „Der Mann ist mir unbekannt", sagte er schließlich.

    „Bist du sicher?", fragte Captain Rogers.

    „Absolut."

    „Du warst mir auch schon mal ‘ne größere Hilfe."

    Bount zuckte mit den Schultern und trat zurück. „Mephisto wird schnell zu Ohren kommen, dass sein Killer Schiffbruch erlitt, bemerkte er. „Und dieser Mann ist nicht der einzige Kaltmacher, der für den geheimnisvollen Boss arbeitet.

    „Du meinst, Mephisto könnte einen weiteren Todesengel in Marsch setzen."

    „Das tut er mit Sicherheit. Deshalb würde ich an deiner Stelle veranlassen, dass Ross Birney unter strengster Geheimhaltung in ein anderes Krankenhaus gebracht wird. Natürlich solltest du ihn auch dort bewachen lassen."

    „Bist ein kluges Bürschchen, sagte der Captain. „Aber zum Glück kommen mir die Ideen immer ein bisschen früher als dir.

    Bount grinste. „Schließlich bist du ja auch der Leiter der Mordkommission, während ich nur ein kleiner Privatdetektiv bin."

    „Wäre schön, wenn du öfter daran denken würdest", meinte Toby und hob wichtig die Augenbrauen.

    7

    Die Luft war so dick, dass man sie in Würfel schneiden und zur Tür hinausschieben konnte. Über dem Eingang stand MOLLY‘S DRINKS, und jedermann, der hier verkehrte, wusste, dass Molly kein Mädchen, sondern ein Mann war.

    Er/sie hatte viel blondes Haar, falsche Wimpern und einen voluminösen Busen. Molly trug Frauenkleider, und ihre Papiere lauteten auf den Namen Woody Gere.

    Molly war ein Paradetransvestit, eine Lokalgröße, die davon träumte, so berühmt zu werden wie Devine. Ein bunt schillerndes Volk traf sich täglich bei Molly. Zumeist Transvestiten wie der Besitzer der Bar, der hier sein Zuhause hatte.

    Aber es gab auch „normale" Gäste. Molly war tolerant.

    Zu den normalen Gästen gehörte in dieser Nacht Bount Reiniger. Die Prints des Mephisto-Killers hatten nichts ergeben. Der Mann war polizeilich nicht erfasst, und so blieb Bount Reiniger nichts anderes übrig, als hier mal nachzugraben.

    Er hätte die Arbeit natürlich auch der Polizei überlassen können, aber nachdem er diesen Fall übernommen hatte, entschloss er sich, weiterzumachen.

    Molly schob ihm den bestellten Johnnie Walker über den Tresen zu. Der Transvestit schwitzte unter seiner strohblonden Perücke. Der Schweiß glänzte auch auf seiner faltigen Stirn.

    „Viel Betrieb hier", bemerkte Bount.

    „Jeden Abend, antwortete Molly mit einer dröhnenden Bassstimme. „Waren Sie noch nie bei uns?

    „Nein."

    „Die Drinks sind gut, die Preise vernünftig. Bei Molly kriegen Sie noch was für Ihr Geld. Anderswo geraten Sie unter die Räuber."

    Molly wurde gerufen und begab sich zum Ende des Tresens. Der Hocker neben Bount wurde frei. Jemand anders besetzte ihn. Der Typ sah unmöglich aus.

    Eine dicke Puderschicht vermochte die dunklen Bartstoppeln nicht zu verdecken. Das Kleid, das er trug, glich einem Wolkenstore. Er leistete sich einen tiefen Ausschnitt, obwohl seine Brust schwarz behaart war. Auf seinem Kopf saß ein breitkrempiger Hut, unter dem brünette Locken hervorquollen.

    Er lächelte Bount mit glasigen Augen an und sagte mit schwerer Zunge: „Hallo, ich bin Irma la douce. Spendierst du mir einen Drink, Fremder? Ich habe meine Handtasche verlegt."

    Er sprach mit hoher Stimme, als hoffte er, dass Bount in ihm das sehen würde, was er gern gewesen wäre – eine Frau. Aber der Bursche konnte nicht einmal einen Blinden täuschen.

    Molly kehrte zurück. „Hau ab, Irma! Belästige meine Gäste nicht, sonst fliegst du raus!"

    Irma la douce hob beteuernd die Hände. „Ich habe niemanden belästigt, Molly, ich schwör‘s bei meiner Mutter."

    „Du weißt ja gar nicht, wer deine Mutter ist."

    „Dieser Gent war so anständig, mir einen Drink anzubieten. Soll ich ihn beleidigen und seine Einladung ausschlagen? Das kannst du nicht von mir verlangen, Molly."

    „Du hast heute schon genug gesoffen", sagte Molly grob.

    „Meine Güte, ein lausiger Drink noch – für den Weg."

    Molly sah Bount Reiniger zweifelnd an. „Und Sie übernehmen die Kosten?"

    „Meinetwegen", sagte Bount.

    Zum Dank dafür legte ihm Irma la douce die Hand auf den Arm und sah ihm vielversprechend in die Augen. „So etwas weiß ich zu schätzen, Fremder."

    „Pfoten weg, Irma!, sagte Bount leise. „Der Drink verpflichtet dich zu nichts.

    „Auch gut", sagte Irma ein wenig enttäuscht.

    Bount Reiniger begann ein Gespräch, das er in eine ganz bestimmte Richtung lenkte. Da der Mephisto-Killer ein Streichholzbriefchen dieser Bar bei sich getragen hatte, war anzunehmen, dass er mal hier gewesen war. Vielleicht gehörte der Kaltmacher sogar zu Mollys Stammgästen. Das wollte Bount Reiniger herausfinden.

    Ohne den Namen Mephisto zu erwähnen, steckte Bount behutsam ein bestimmtes Gebiet ab, das er dann systematisch abgraste. Er erfuhr sehr viel über die Bar und ihre Gäste, aber er erfuhr nichts über verbrecherische Umtriebe.

    Alles, was hier kreuchte und fleuchte, schien völlig harmlos zu sein. So harmlos, dass es Bount Reiniger schon verdächtig vorkam. Ihm fiel bald auf, dass Molly den Braten zu riechen begann.

    Der verkleidete Wirt baute eine unsichtbare Mauer vor sich auf, und Bount hörte von ihm nur noch Phrasen und unverfängliches Zeug. Irma la douce erwies sich als eine ergiebigere Quelle. Doch zumeist redete Molly drein und brachte den Stammgast mit seinem röhrenden Bass zum Verstummen.

    Hin und wieder warf Molly dem Stammgast einen ärgerlichen, zurechtweisenden Blick zu, den dieser aber, da er betrunken war, nicht zu deuten wusste.

    Bount ging auf ein anderes Thema über, und Molly taute allmählich wieder auf. Als er erwähnte, dass er Devine persönlich kenne, lauschte Molly mit geröteten Wangen.

    Bount gab ein paar erfundene Devine-Bonmots zum Besten, und Molly und Irma lachten herzlich darüber. Auf diese Weise gelang es Bount Reiniger, das aufkeimende Misstrauen Woody Geres einzulullen, und als Irma sagte, es wäre Zeit für ihn, nach Hause zu gehen, sagte Bount: „Ich begleite dich."

    Er erbte dafür einen erfreuten Blick des Transvestiten.

    Bount bezahlte die Drinks und verließ mit seinem „Freund das Lokal. „Molly ist ein Prachtbursche, behauptete Irma la douce.

    „Mir kam vor, als dächte er, dein Vormund zu sein", bemerkte Bount Reiniger.

    Der Transvestit machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach, Molly spielt sich gern auf, aber wenn‘s drauf ankommt, kann man mit ihr Pferde stehlen."

    „Mit dir auch?", fragte Bount.

    Irma la douce blieb stehen und sah ihn schwankend an. „Für einen Freund lasse ich mich vierteilen. Wie ist dein Name, Fremder?"

    „Bount."

    „Bist ‘n netter Kerl, Bount. Ich wohne nicht weit von hier. Wenn du willst, kannst du mit hochkommen. Ich koche uns starken Kaffee, und dann plaudern wir noch ein wenig."

    „Bist du jede Nacht blau?"

    „Klar. Warum nicht? So ‘n dicker Kopf ist doch was Wunderbares."

    „Und der Katzenjammer am nächsten Morgen?"

    „An den gewöhnt man sich."

    Das Haus, in dem Irma la douce wohnte, war schmal und schäbig. Es hatte drei Stockwerke. Irma wohnte unter dem Dach, es war eine Art Atelier. Von Ordnung und Sauberkeit schien Irma noch nichts gehört zu haben. Sie war ein schlampiges Weib.

    An der Tür stand ihr richtiger Name: Cash Fabian. Um Platz nehmen zu können, musste Bount erst eine Menge Kleider und Schachteln wegräumen. Es gab zwar auch zwei Schränke, aber die waren leer, die Türen standen weit offen. An den Stangen hingen Kleiderhaken, für die Cash keine Verwendung hatte.

    Bount wollte nicht, dass das „Mädchen Kaffee kochte, aber Irma ließ es sich nicht nehmen. Als der Transvestit dann endlich neben ihm saß, sagte Bount: „Irma, ich habe ein Problem.

    „Lass hören, vielleicht kann ich dir helfen."

    „Ich habe dir vorhin zwar einen Drink bezahlt, aber das waren meine letzten Moneten. Jetzt bin ich völlig blank."

    „Tut mir leid, Bount, das wusste ich nicht."

    „Ich sage es dir aus einem anderen Grund. Mir tut es nicht leid um das Geld, das ich für dich ausgegeben habe, es diente einem guten Zweck."

    Cash Fabian grinste. „Einem sehr guten Zweck sogar."

    „Mein Problem ist, dass ich keine finanziellen Sorgen hätte, wenn ich diesem Idioten nicht fünftausend Dollar geliehen hätte."

    „Fünftausend Eier, sagte Cash Fabian ehrfürchtig. „Mann.

    „Ich spiele gern. Kennst du die Drummer Bar?"

    „Ich war noch nie da, aber ich habe gehört, dass dort stets heiße Partien laufen."

    „Du kannst die Drummer Bar als reicher Mann, aber auch bettelarm verlassen. Ich bin zwar ein Spieler, aber ich weiß, wann ich aufhören muss. Es gibt Typen, die wollen nicht glauben, dass es auch mal nicht so läuft, wie sie es sich vorstellen. Sie wollen ihr Glück erzwingen und stürzen sich damit ins tiefste Unglück."

    Irma la douce nickte und nahm den Hut ab. Jetzt sah sie noch schrecklicher aus. „So einen Kerl kannte ich. Ich war sogar eine Zeitlang mit ihm befreundet. Eines Nachts hatte er eine sagenhafte Pechsträhne. Um den verfahrenen Karren wieder flott zu kriegen, lieh er sich ein kleines Vermögen bei einem Kredithai. Ich riet ihm davon ab, aber er hörte nicht auf mich. Das Ende vom Lied war, dass er sich eine Kugel in den Kopf schießen musste."

    „Als ich das letzte Mal in der Drummer Bar war, machte ich die Kameraden um fünftausend Bucks ärmer. Bevor ich wieder zu verlieren begann, machte ich einem anderen Spieler Platz. Er glaubte, mein Stuhl würde ihm Glück bringen, und er gewann anfangs tatsächlich einen Haufen Moos. Ich kippte einen Whisky nach dem anderen, und als ich voll war, fing mein Nachfolger an zu verlieren. Streich die Segel, Junge, sagte ich zu ihm, aber, er meinte: Ich hab‘ so ein bestimmtes Kribbeln in den Fingern. Immer, wenn ich das spüre, weiß ich, dass ich das ganz große Geld machen kann. Ich kann mich blind darauf verlassen. Denkste. Es dauerte nur eine Stunde, dann gehörten ihm nicht einmal mehr die Socken an den Schweißfüßen. Aber er wollte es immer noch nicht glauben."

    „So Unbelehrbare gibt es leider", sagte Irma und nickte beipflichtend.

    „Der Abend ging für ihn total in die Hosen. Ich hätte ihm die fünf Riesen nicht geliehen, wenn ich nüchtern gewesen wäre, aber du kennst das ja, wenn man einen in der Krone hat. Man wird unvorsichtig. Er war meine fünftausend Dollar schneller los, als er mir seinen Namen nennen konnte. Er erwähnte nur mal beiläufig, dass er sich hin und wieder im Molly‘s Drinks sehen ließe. Als ich schaltete, hatte er sich bereits empfohlen, und ich war um eine Erfahrung reicher."

    „Ins Molly‘s Drinks kommt er ab und zu, sagst du? Dann müsste ich ihn kennen. Wie sieht der Knabe denn aus?"

    Bount beschrieb den toten Mephisto-Killer und bemerkte, wie es in Irmas Gesicht zuckte. Der Transvestit schien zu wissen, von wem die Rede war. Cash Fabian nickte.

    Und dann passierte etwas Unvorhergesehenes!

    Über das halb offene Atelierfenster wischten zwei Schatten. Cash Fabian bemerkte sie zuerst, und seine Augen weiteten sich. Das geschminkte Gesicht nahm den Ausdruck panischen Schreckens an. Der Transvestit sprang auf.

    „Nein!, schrie er entsetzt. „Tut es nicht!

    Etwas fiel auf den Boden. Es konnte nur eine scharfgemachte Handgranate sein. „Deckung!", schrie Bount. Er sprang auf, griff nach Cash Fabian und wollte sich mit ihm hinter einen zerschlissenen Diwan fallenlassen.

    Aber Irma la douce riss sich los, und Bount flog allein in Deckung. „Ihr Schweine!", brüllte der Transvestit. Er glaubte, die Zeit würde noch reichen, um die Handgranate aufzuheben und aus dem Fenster zu werfen.

    Doch sie reichte nur noch fürs Aufheben. Kaum hatte Cash Fabian die Granate in der Hand, da krepierte sie mit donnerndem Getöse.

    8

    Bount sprang auf einen Tisch, zog die Automatic und stieß das Fenster auf. Er suchte die Gangster. Sein scharfer Blick durchdrang die Dunkelheit, doch die Todesschatten, die so prompt zugeschlagen hatten, schienen sich in Luft aufgelöst zu haben.

    Bount Reiniger versuchte ihre Spur zu entdecken, hatte damit aber kein Glück. Er zerbiss einen Fluch zwischen den Zähnen und kehrte in Cash Fabians Wohnung zurück.

    Schrecklich, was die Granate angerichtet hatte! Aber der Transvestit lebte noch. Bount hätte das nicht für möglich gehalten. Cash Fabian war sogar noch bei Bewusstsein.

    „Bount ...", röchelte er mit ersterbender Stimme.

    Die Explosion hatte ihm das Kleid zerfetzt und die Perücke vom Kopf gerissen. Er war kahl.

    „Mein Gott, Bount! Diese Schmerzen ..."

    „Sei still, Cash."

    „Nenn mich Irma ..."

    „Okay, Irma."

    „Ich muss sterben, Bount ... Nicht wahr? Ich muss sterben ..."

    „Ich bin kein Arzt, Irma." Bount krampfte es das Herz zusammen. Er wusste, dass der Transvestit mit dieser schweren Verletzung nicht überleben konnte.

    „Der ... Mann, Bount, der dir die ... fünftausend Bucks schuldet ... Er heißt ... Sein Name ist ..." Cash Fabians Stimme wurde immer schwächer, ging in ein Flüstern und Zischeln über. Er wollte den Namen nennen, strengte sich an, hob den Kopf, zitterte, und seine Lippen zuckten, aber er konnte nichts mehr sagen. Ihm fehlte die Kraft dazu.

    Er atmete ein letztes Mal aus, direkt in das Ohr des über ihn gebeugten Detektivs. Dann streckte er sich – und hatte keine Schmerzen mehr.

    9

    Bount fuhr mit dem Fahrstuhl zum 14. Stock hoch und betrat wenig später sein Büroapartment. Es war schon spät. Er schaute lieber nicht auf die Uhr, um sich nicht zu ärgern.

    Teufel, die letzten Stunden hatten es in sich gehabt. Zuerst das lange Warten auf den Mephisto-Killer ... Dann der verhinderte Mord ... Dann der Mord an Cash Fabian, der so gern eine Frau gewesen wäre!

    Bount hatte von seinem Mercedes aus die Polizei informiert und hatte sich anschließend noch einmal ins „Molly‘s Drinks" begeben, doch Woody Gere alias Molly hatte sich wohlweislich aus dem Staub gemacht. Nur er konnte den Einsatz der Killer veranlasst haben.

    Bount Reiniger duschte, nahm sich einen Drink und rief das Police Headquarters an. Als er Toby Rogers‘ brummiges Organ hörte, sagte er: „Lass nach Woody Gere fahnden, Häuptling."

    „Hab ich schon veranlasst."

    „Er kannte den Hospital-Killer und weiß, wie man an die Mephisto Leute ‘rankommt."

    „Wir werden ihn finden."

    „Hoffentlich bald", sagte Bount Reiniger und unterdrückte ein Gähnen.

    „Sobald wir ihn haben, erfährst du‘s", versprach der Captain. Bount ließ den Hörer in die Gabel fallen, hörte sich an, was der automatische Anrufbeantworter während seiner Abwesenheit aufgenommen hatte, stellte fest, dass nichts Wichtiges dabei war und schnallte ab.

    Als er das Licht löschte, war er sehr unzufrieden, denn es blieb weiterhin ungewiss, wer sich Mephisto nannte.

    10

    Antonin Propoff war Solotänzer der bulgarischen Staatsoper gewesen und hatte im Ostblock triumphale Erfolge gefeiert. Sofia war stolz gewesen auf seinen großen Star, und man beschloss, ihn der ganzen Welt zu zeigen. Eine Geste, die Neid wecken sollte.

    Solche Künstler gibt es nur im Osten! Das war die stumme Behauptung, die mit der Präsentation des Tänzers aufgestellt wurde. Nach jeder Heimkehr überhäufte man Propoff mit Ehrungen und Orden, und das Staatsoberhaupt gab ihm den Bruderkuss.

    Als Antonin Propoff von Ehrungen, Orden und Küssen schließlich genug hatte, sprang er im Westen ab. Niemand hätte das für möglich gehalten, am allerwenigsten seine Landsleute.

    Es kursierten Gerüchte, Propoff wäre vom amerikanischen Geheimdienst einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Der arme Antonin Propoff wisse nicht mehr, was er tue, er wäre verrückt geworden. War nicht jeder verrückt, der dem Arbeiter- und Bauernparadies den Rücken kehrte?

    Doch Antonin Propoff hatte mehr denn je seine fünf Sinne beisammen. Er wusste genau, was er tat. Die Flucht war von langer Hand geplant gewesen. Sie war nur deshalb für alle so überraschend erfolgt, weil Propoff zu niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen verlauten ließ. Er war sich darüber im Klaren gewesen, was für ihn auf dem Spiel stand, und dass es eine zweite Chance für ihn nicht geben würde.

    Er machte sich am Ende eines mehrtägigen Gastspiels in Los Angeles dünn, suchte um politisches Asyl nach und verschwand für fast ein halbes Jahr in der Versenkung.

    Die Weltpresse stellte die tollsten Mutmaßungen auf, doch keiner der Journalisten kam auch nur annähernd an die Wahrheit heran.

    Als Propoff wieder auftauchte, war er stolzer Besitzer eines amerikanischen Reisepasses und natürlich auch der amerikanischen Staatsbürgerschaft. Das Ballett war und blieb sein Leben. Nur war er jetzt Amerikas Aushängeschild.

    Statt der Ehrungen, Orden und Küsse zollte man ihm in seiner neuen Heimat mit klingender Münze Anerkennung für seine einmaligen Leistungen, und er ließ sich gern vom Kapitalismus vergiften. Er war gern reich und gönnte sich großzügig all die Annehmlichkeiten, die man mit Geld kaufen kann.

    Da er gut aussah und einen Körper hatte, den Michelangelo entworfen zu haben schien, rannten ihm auch die Leute von Film und Fernsehen die Tür ein, und Antonin Propoff suchte sich die lukrativsten Angebote aus.

    Die Tournee, von der er heute in die Staaten zurückkehrte, hatte ihn bis in den Fernen Osten geführt und war ein voller Erfolg gewesen. Antonin Propoff war ein Mann, der buchstäblich um die Welt tanzte.

    Seit sieben Jahren war er amerikanischer Staatsbürger. Er sprach fließend englisch und wandelte auf dem vielgepriesenen Way of Life.

    Sein Manager hieß Richard Atkins, ein schusseliger, etwas dümmlich aussehender Mann, der wie kein zweiter wusste, wie man den Ex-Bulgaren verkaufen musste. Propoff vertraute ihm.

    Reporter auf dem Kennedy Airport, Reporter vor dem Hotel. Atkins ließ seinen Schützling von bärenstarken Bodyguards abschirmen.

    „Wir sind froh, wieder zu Hause zu sein!, rief der Manager. Es war ein stereotyper Satz. Er bediente sich seiner auf dem Flugplatz und in der Hotelhalle. „Wir sind froh, wieder zu Hause zu sein! Fragen beantworten wir auf der Pressekonferenz, die wir in den nächsten Tagen abhalten.

    Hin und wieder bat er die Journalisten um Verständnis. Der Künstler wäre müde und brauche erst mal Ruhe. So schleuste er Antonin Propoff bis zu seiner Suite durch, und die Leibwächter nahmen davor Aufstellung.

    Nun war der große Ballettstar allein. Allein mit seiner Freundin Betty van Cleef.

    Er hatte sie in Hongkong kennengelernt, und wer sie sah, der verstand, dass ihm dieses Mädchen sofort gefallen hatte. Sie war langbeinig und schlank, hatte einen gottvollen Schwung in den Hüften und einen sehenswerten Busen.

    Ihr Haar war brandrot, die schräggestellten Augen versprühten das Feuer grüner Smaragde. Wer so aussah wie sie, brauchte sich keine Sorgen um die Zukunft zu machen.

    Es würde sich immer ein finanzstarker Mann finden, der sie begehrte und ihr Bankkonto ein wenig auspolsterte.

    Betty hatte Antonin erzählt, dass sie mit einem reichen amerikanischen Ölmagnaten auf Weltreise gegangen war, doch der alte Knacker hatte Dinge mit ihr anstellen wollen, die ihr widerstrebten, und so sagte sie ihm kurzerhand in Hongkong „Good bye".

    Ein Abschiedsküsschen auf die Glatze, und dann durfte der übersättigte Ölmagnat seine Weltreise allein fortsetzen.

    Betty hatte die Absicht gehabt, eine Woche in Hongkong zu bleiben und dann in die Staaten zurückzukehren. Aber schon am zweiten Tag ihres Aufenthalts machte sie Antonin Propoffs Bekanntschaft, und die Beziehung ließ sich für beide Teile so großartig an, dass Betty van Cleef beschloss, den Tänzer auf seiner Tournee zu begleiten und mit ihm gemeinsam nach Amerika zurückzukehren.

    Sie hatte jede Menge Zeit. Es wartete in den Staaten niemand auf sie, sagte sie. Jedenfalls niemand, der wichtig wäre.

    Und so genossen sie gemeinsam den Fernen Osten – doch nicht nur ihn. Sie konnten auch voneinander nicht genug kriegen. Betty hatte nicht nur feuerrotes Haar, sie hatte auch Feuer unter der hellen samtweichen Haut, das spielend auf Antonin überzugreifen vermochte. Sie genossen das brennende Gefühl zügelloser Leidenschaft bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

    Propoff war einer der begehrtesten Junggesellen überhaupt, und er machte von den zahlreichen Angeboten, die an ihn herangetragen wurden, reichlich Gebrauch.

    Man konnte sagen, dass er auf diesem Gebiet große Erfahrung hatte, aber so ein Naturereignis wie Betty van Cleef war ihm noch nicht begegnet. Sie stellte alles, was er bisher erlebt hatte, in den Schatten.

    Sie konnte wild wie eine hungrige Löwin und zärtlich wie eine zufriedene Katze sein. Das Wechselspiel ihrer Gefühle überraschte ihn immer wieder aufs Neue.

    Anderen Mädchen sagte er schon nach der ersten Nacht: „Es war sehr nett, aber nun musst du gehen."

    Bei Betty wäre ihm das niemals über die Lippen gekommen. Er wollte nicht, dass sie ging. Er spielte nach einer so kurzen Zeit der Bekanntschaft sogar schon mit dem Gedanken, sie zu heiraten. Dabei wusste er so gut wie nichts von ihr.

    Ihm war nur bekannt, dass sie ein Haus in Atlantic City hatte, als Fotomodell arbeitete, wenn sie Lust hatte, anhanglos war – und dass sie ihr Geld so gut angelegt hatte, dass sie ein sorgenfreies Leben führen konnte.

    Sie wirkte sehr zufrieden und ausgeglichen, und sie wusste das Leben in vollen Zügen zu genießen. Verdammt, ja, das wusste sie wirklich.

    Antonin Propoff lebte in Santa Monica, an der Westküste. New York war seine letzte Station, bevor er sich auf seinen viele Morgen großen Landsitz zurückzog und mindestens vier Wochen ausspannte.

    Hier in New York hatte er noch einige Abende zu absolvieren. Er wusste, dass ihn die Kritiker wieder in den Himmel heben würden. Es war überall so, er konnte es sich ab und zu sogar leisten, schlecht zu sein. Man verzieh ihm alles.

    Er spürte, dass er zur Zeit nicht in Höchstform war. Daran war Betty schuld. Er vernachlässigte sein tägliches Training, und Betty hatte eine Schwäche für Champagner mit Erdbeeren, wozu sie auch ihn immer wieder verleitete. Manchmal schon vor dem Frühstück.

    „New York, sagte Betty van Cleef und drehte sich mit hochgestreckten Armen um die eigene Achse. „Es ist für mich die faszinierendste Stadt der Welt.

    „Für mich auch, sagte Antonin Propoff. „Aber ich möchte hier nicht ständig leben. Es ist auch eine sehr gefährliche Stadt.

    „Kennst du sie gut?"

    „Ich war zwar schon einige Male hier, aber gut – nein, gut kenne ich sie nicht."

    „Dann wirst du sie an meiner Seite kennenlernen, meinte Betty. Sie trug ein Kleid aus grauem Chiffon. „Wann können wir mit der Sightseeingtour beginnen?

    „Wann immer du möchtest", erwiderte der Ex-Bulgare mit leichtem Akzent, trat auf sie zu und wollte sie in seine Arme nehmen, doch Betty entzog sich ihm und sagte, sie wolle nur rasch duschen, dann wäre sie bereit, ihm die Stadt zu zeigen, und zwar so, wie sie ihm von keinem Fremdenführer präsentiert würde.

    Auf dem Weg ins Bad ließ sie nacheinander die Hüllen fallen. Antonin Propoff sah ihr nach, und sein Blut geriet in Wallung. Was für eine prachtvolle Frau, dachte er und spürte ein zunehmendes Pochen in seinen Schläfen.

    Sie schloss sich nicht ein. Ihr rosiger Körper zeichnete sich hinter dem gerippten Glas der Duschkabine ab. Er hörte das Rauschen des Wassers und vernahm in den Ohren das Rauschen seines heißen Blutes.

    Er nahm sich einen Drink, kippte ihn auf einen Zug, grinste und sagte sich, New York könne noch ein Weilchen warten, er habe jetzt etwas Besseres vor.

    „Hallo, Baby", sagte er leise, nachdem er die Falttür der Duschkabine geöffnet hatte.

    Bettys Anblick erregte ihn ungemein. Sie glänzte wie ein Fisch, und das Wasser, das von ihrem Rücken abprallte, besprühte ihn. Sie wandte sich träge um, sah, dass er sich ausgezogen hatte und sagte: „Oh."

    Er grinste. „Darf ich dir den Rücken waschen, Baby?"

    „Du darfst alles, Antonin. Alles."

    Er umschloss sie mit seinen starken Armen, und sie gab sich schwer atmend seinen stürmischen Liebkosungen hin. Rückenwaschen, Sightseeingtour – wer dachte jetzt noch daran?

    Und wieder einmal erlebte Antonin Propoff den Himmel auf Erden. Dass die Hölle auf ihn wartete, ahnte er nicht.

    11

    Niemand wusste, dass Richard Atkins ein ganz großes Laster hatte: Er war drogensüchtig.

    Schuld daran hatten die vielen verfluchten Partys, behauptete er vor seinem Gewissen. Er war aus beruflichen Gründen gezwungen, in Kreisen zu verkehren, die satt und dekadent waren.

    Es gab alles, und man hatte, verdammt noch mal, schon so genug von allem. Das Leben konnte einem keinen Reiz mehr bieten. Was man haben wollte, kaufte man sich. Jeden Wunsch erfüllte man sich augenblicklich, und bald gab es keine offenen Wünsche mehr – und dann war man nur noch von Leere und Langeweile umgeben.

    Es gab kaum ein Fest, auf dem nicht Marihuana geraucht wurde.

    Atkins hatte alles ausprobiert. Sein erster LSD-Trip war eine Katastrophe gewesen. Er hatte schwere Wahnvorstellungen gehabt und wollte die Frau eines bekannten Schriftstellers, die sich für ihn in ein Monster verwandelt hatte, umbringen.

    Er hätte es getan, wenn man ihn nicht daran gehindert hätte.

    Die Tochter eines reichen Theaterproduzenten brachte ihn zu Koks. Sie verführte ihn regelrecht. Wie Eva seinerzeit ihren Adam. Nur war es diesmal kein Apfel, sondern Kokain.

    Heute lebte sie nicht mehr. Offenbar hatte sie Koks doch nicht so glücklich gemacht. Sie begab sich eines Abends – high bis in die Haarspitzen – auf die Terrasse ihres Penthouse hinaus und sprang auf die Straße.

    Obwohl Richard Atkins wusste, dass die Drogen immer wieder einen seiner Freunde oder Bekannten aus dem Leben rissen, gab es für ihn kein Zurück mehr.

    Er befand sich auf einer Einbahnstraße, die steil nach unten führte, und der Boden war verdammt glatt.

    Wenn er gezwungen war, längere Zeit ohne Rauschgift auszukommen, fühlte er sich krank und elend. Er war dann gereizt und unleidlich und geriet in letzter Zeit sogar mehrmals heftig mit Antonin Propoff zusammen.

    Ihm war klar, dass diese Auseinandersetzungen gefährlich für ihn waren. Er bedrohte damit seine Existenz, denn wenn Antonin sich von ihm trennte, war er erledigt. Er war auf das reichliche Geld, das er mit dem Ballettstar verdiente, angewiesen. Kein anderer Künstler hätte ihm auch nur annähernd so viel Dollars eingebracht.

    Ohne Geld kein Stoff! Da waren die Dealer hart. Die Junkies konnten sich in Krämpfen vor ihnen winden, wenn sie nicht bezahlen konnten, bekamen sie höchstens einen Tritt, aber nicht mehr.

    Atkins war ein weitgereister Mann, und er hatte fast überall seine Quellen, die er bei Bedarf anzapfen konnte. Auch in New York wusste er, an wen er sich wenden konnte. Vor allem in dieser Stadt hatte es noch nie Versorgungsschwierigkeiten gegeben, denn hier standen dem Manager gleich mehrere Adressen zur Verfügung.

    Da er mit einem Weltstar reiste, konnte er es sich erlauben, stets genügend Stoff bei sich zu haben. Seit er Antonin Propoff unter seinen Fittichen hatte, war  es noch kein einziges Mal vorgekommen, dass ihr Gepäck kontrolliert worden wäre.

    Es wäre niemanden in den Sinn gekommen, dem Star und seinem Gefolge Schwierigkeiten zu machen. Die VIP-Ausgänge waren gute Pforten, durch die Richard Atkins sein Suchtgift schleuste. Er würde das auch in Zukunft tun.

    Bevor er daran ging, einen weiteren Tanz auf der Nadel zu absolvieren, rief er die Zentrale an und bat, bis auf seinen persönlichen Widerruf keine Telefonate zu Antonin Propoff und ihm durchzustellen.

    „Wir wollen ungestört sein", sagte er, und die Telefonistin hatte Verständnis dafür.

    Nervös öffnete der Manager einen seiner Koffer. Er spürte, dass es höchste Zeit war. Seine Hände zitterten bereits, und kalter Schweiß stand auf seiner Stirn.

    Er wühlte sich durch Anzüge, Hemden und Pullis. Seine Finger stießen gegen etwas Glattes, Hartes. Er holte einen dicken Buddha hervor, den ihm jemand – er wusste nicht einmal mehr, in welcher Stadt das gewesen war – geschenkt hatte. Regelrecht aufgedrängt hatte der Mann ihm die billige Figur. Er hätte sie zurücklassen sollen.

    Achtlos stellte Atkins den Buddha neben den Koffer. Ungestüm durchstöberte er weiter seinen Koffer. Seine Unruhe uferte fast schon aus. Endlich fand er das „Besteck" und die kleinen Briefchen.

    Hektisch nahm er beides an sich, stieß dabei gegen den lächelnden Buddha, und die Figur fiel zu Boden. Knackend brach sie auseinander ... und Richard Atkins traute seinen Augen nicht.

    Aus dem großen Bauch der Figur rieselte etwas, das wie Puderzucker aussah. Dem süchtigen Manager stockte der Atem. Er vergaß für einen Augenblick, was er tun wollte, bückte sich, benetzte die Kuppe seines Mittelfingers, berührte damit das weiße Pulver und probierte davon.

    „Verdammt, das ist Schnee!", stieß er völlig perplex hervor

    Dieser Unbekannte im Fernen Osten, an den er sich nicht einmal mehr erinnerte, hatte ihm das wertvollste Geschenk gemacht, das er jemals erhalten hatte.

    12

    Das Zeug brachte – etwas verschnitten mit minderwertiger Ware – in den Straßen New Yorks mit Sicherheit ein kleines Vermögen.

    Doch Atkins hatte nicht vor, es zu verhökern. Er wollte alles für den Eigenbedarf behalten. Großer Gott, jetzt hatte er für eine ganze Weile ausgesorgt, brauchte keinen Dealer zu kontaktieren, war für längere Zeit Selbstversorger. Wenn er daran dachte, wie verächtlich ihn manche Rauschgifthändler ansahen, wie sie ihn erniedrigten, wenn sie merkten, dass er auf ihr Mistzeug angewiesen war ... Das blieb ihm jetzt alles erspart.

    Mit großer Sorgfalt füllte Atkins das wertvolle Rauschgift in eine Plastiktüte.

    Er fragte sich, ob der unbekannte Spender wusste, dass er süchtig war. Er konnte sich das nicht vorstellen. Niemand wusste es. Es war sein streng gehütetes Geheimnis. Top Secret!

    Wenn der asiatische Wohltäter von seiner Sucht aber nichts wusste, wieso schenkte er ihm dann diesen mit Rauschgift prallgefüllten Buddha?

    Atkins blickte da irgendwie nicht durch. Lag irgendeine Verwechslung vor? Würde bald jemand bei ihm aufkreuzen und ihn bitten, den Buddha, der ihm irrtümlich überreicht worden war, zurückzugeben?

    Er würde behaupten, keine solche Figur bekommen zu haben. Wer sollte ihm das Gegenteil beweisen? Atkins war entschlossen, das Rauschgift zu behalten.

    Er hob die Scherben der zerbrochenen Keramikfigur auf und wickelte sie in Zeitungspapier. Dann setzte er seinen Hut auf, tarnte sich mit einer großen Sonnenbrille und verließ das Hotel durch einen Nebenausgang.

    Niemand beachtete ihn, niemand folgte ihm. Er begab sich zum nahen Busbahnhof, warf die Buddhascherben in einen Abfallkübel und legte das kostbare Heroin in ein Schließfach.

    Zufrieden lächelnd schob er den Schlüssel in seine Westentasche. Das Schicksal meinte es gut mit ihm. Dass es ihn einmal so reich beschenken würde, hätte er sich allerdings nicht träumen lassen.

    Glückselig strahlten seine Augen, als er ins Hotel zurückkehrte. Er würde sich jetzt eine Stunde hinlegen und dann einige wichtige Telefonate führen.

    Und er würde dafür sorgen müssen, dass Betty van Cleef seinen Schützling ein bisschen in Ruhe ließ, damit er arbeiten konnte. Antonin vernachlässigte sein Arbeitspensum sehr, seit er mit diesem feurigen Mädchen zusammen war. Wenn das so weiterging, versulzten noch seine Gelenke. Außerdem war Betty, dieses nimmersatte Weibsstück, drauf und dran, Antonins ganze Kraft auszusaugen.

    Atkins würde sehr viel Takt und Fingerspitzengefühl brauchen, um sich bei den beiden durchzusetzen, ohne sie zu beleidigen oder zu ärgern.

    Zwar hätte er sich jetzt sogar eine Trennung von Antonin Propoff leisten können, aber es würden auch wieder andere Zeiten kommen.

    Atkins betrat seine Suite. Er warf die Tür achtlos hinter sich zu und starrte auf das perfekteste Chaos, das er je gesehen hatte. Sein gesamtes Gepäck war offen, der Inhalt der Koffer über den Fußboden verstreut.

    Bett und Sessel aufgeschlitzt, Schranktüren offen, Kommoden und Nachttischladen herausgerissen ...

    Mitten in diesem heillosen Durcheinander standen zwei grimmige Männer, von denen einer fragte: „Wo ist er? Wo ist der Buddha?

    13

    June March servierte ihrem Chef an diesem Morgen bereits den zweiten Kaffee. „Ist er stark?", wollte Bount Reiniger wissen.

    „Siehst du nicht, dass der Löffel darin steckt?"

    Bount zündete sich eine Pall Mall an. „Der erste Kaffee zeigte keine Wirkung."

    „Es geht mich zwar nichts an, aber mich würde trotzdem interessieren, wann du nach Hause gekommen bist."

    „Oh, frag lieber nicht. Habe ich dir schon gesagt, dass du im Krankenhaus großartige Arbeit geleistet hast?"

    „Du sagtest gestern, du wärst stolz auf mich."

    „Ja, das bin ich."

    „Ich weniger. Wenn wir den Mephisto-Killer lebend gekriegt hätten ..."

    „Du hast immerhin Ross Birney das Leben gerettet, damit kannst du zufrieden sein. Wenn wir Glück haben, holen ihn die Ärzte bald aus dem Koma, und er kann uns sagen, wie wir Mephisto erwischen. Das Geschäft ist noch nicht geplatzt. Birney kann die tausend Dollar bestimmt immer noch brauchen. Jetzt sogar noch mehr."

    „Weißt du schon, wohin man Birney gebracht hat?"

    „Nein, aber ein Anruf bei Toby genügt, dann kennen wir das Versteck dieses zur Zeit wohl wichtigsten Patienten von New York."

    „Wo warst du gestern noch, nachdem du mich zu Hause abgesetzt hast, Bount?"

    „Im Molly‘s Drinks."

    „Kenne ich nicht."

    „Das ist eine Transvestiten-Bar. Der Mephisto-Killer hatte ein Streichholzbriefchen dieser Bar bei sich."

    „Ach ja, ich erinnere mich. Ich dachte schon, du hättest eine neue Seite im Buch deines Lebens aufgeschlagen."

    Bount grinste. „Ich steh tatsächlich auch auf Frauenkleider ... Aber nur, wenn hübsche Mädchen sie tragen. Molly ist übrigens ein Mann namens Woody Gere. Tobys Kollegen fahnden nach ihm, denn er hat sich mir gegenüber nicht gerade freundlich benommen."

    „Was hat er getan?"

    Bount erzählte von Irma la douce und davon, welches Ende der Transvestit genommen hatte, bevor er ihm den Namen des Mephisto-Killers verraten konnte.

    „Molly scheint einen sechsten Sinn zu haben, sagte Bount Reiniger anschließend. „Anscheinend witterte er, dass ich den Mordanschlag überleben würde und tauchte rechtzeitig unter. Ich hätte ihn mir ganz gehörig vorgenommen, wenn ich ihn in seiner Bar erwischt hätte, so wütend war ich.

    „Und wie geht‘s nun weiter?"

    „Erst mal warte ich, bis ich aufwache. Während Toby und seine Leute versuchen, Woody Gere zu finden, begebe ich mich dann zur Queens Village Station."

    „An den Tatort. Dorthin, wo Mister G‘s Kugeln Ross Birney niederstreckten."

    Bount lächelte. „Du hast es erfasst."

    „Soll ich inzwischen Toby anrufen?"

    „Wegen Birney? Kannst du machen." Bount trank den zweiten Kaffee. Er war stärker als der erste.

    14

    Ross Birney war in einem Privatkrankenhaus in Richmond untergebracht worden, und nur eine Handvoll Personen wusste davon. Bount Reiniger gehörte zu diesem kleinen Kreis.

    Birney wurde rund um die Uhr von zuverlässigen Männern bewacht, und Captain Rogers konnte sich darauf verlassen, dass er sofort informiert werden würde, wenn der Patient das Bewusstsein wiedererlangte.

    Das war der letzte Stand der Dinge. Mit diesem Wissen ging Bount Reiniger an die Arbeit, und sein innerer Motor kam allmählich wieder auf Touren.

    Er erreichte Hollis auf der Jamaica Avenue. Wenig später zweigte rechts die Hempstead Avenue Richtung Belmont Park ab. Bount fuhr aber geradeaus weiter und stoppte den Mercedes in der Nähe der Long Island Railroad Station.

    Gestern hatte er auch hier geparkt. Er dachte an Ross Birney und sah den Mann vor seinem geistigen Auge auf dem staubigen Asphalt liegen, schon mehr tot als lebendig.

    Das Leben geht weiter, heißt es, und hier fand es Bount Reiniger bestätigt. Menschen strömten aus dem Stationsgebäude, drängelten, rannten zur Bushaltestelle ... Vielleicht hatten einige von ihnen Birney auf dem Boden liegen sehen, doch sie verschwendeten heute keinen Gedanken mehr an ihn. Das Leben geht weiter! Man muss an sich selbst denken!

    Auf einem Steinsockel hockte ein zerlumpter Mann. Graues Gesicht, dicke Bartstoppeln an den eingefallenen Wangen. Ein Hut befand sich zwischen seinen Knien, und er hatte die Hände gefaltet, als würde er andächtig beten. So leidend wie er konnte nicht einmal ein Oscar-Preisträger dreinschauen.

    Ab und zu erbarmte sich jemand seiner und warf ihm eine Münze in den Hut. Dann dankte er so laut, dass es viele hören konnten, denn er hoffte, dass weitere Passanten diesem edlen Beispiel folgten.

    Bount Reiniger erinnerte sich, den Mann schon gestern in der Menge der Neugierigen stehen gesehen zu haben, und der Säufer – nichts anderes war der Bettler – erkannte Bount Reiniger ebenfalls wieder.

    Als Bount auf ihn zusteuerte, wurde der Trunkenbold aus unerfindlichem Grund unruhig. Der Bettler musste gestern mitbekommen haben, dass Bount Reiniger Polizei und Rettung herbeirief, dass er mit den Cops redete. Vielleicht hatte der Mann sogar gehört, was Bount sprach.

    Drückte ihn das schlechte Gewissen? Wusste er, dass ein Privatdetektiv auf ihn zukam? Wollte er mit Schnüfflern nichts zu tun haben?

    Was auch immer der Grund sein mochte, der Bettler flitzte plötzlich hoch, grapschte sich das Geld, das sich in seinem Hut befand, drückte sich die zerbeulte Kopfbedeckung auf den Schädel und gab Fersengeld.

    Mit dieser Reaktion weckte er natürlich Bount Reinigers Neugier. Bount folgte dem wieselflinken Mann. Der Säufer wetzte am Stationsgebäude vorbei, überquerte die Straße, ohne auf den Verkehr zu achten, und wenn der Fahrer eines Kastenwagens nicht blitzschnell abgebremst hätte, wäre der Magere unter den Rädern gelandet.

    „Arschloch!", brüllte der Fahrer, bebend vor Zorn.

    „Leck mich!", gab der Säufer zurück und rettete sich auf den gegenüberliegenden Gehsteig.

    Der Kastenwagen fuhr weiter. Bount eilte um das Heck dieses Fahrzeugs herum und bekam gerade noch mit, wie der Zerlumpte in einer dreckigen Kaschemme verschwand.

    Im Lokal krächzte der Bettler: „Hilfe! Helft mir! Da ist

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