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Die Chronik des Magischen Amuletts: Fantasy Sammelband 10 Romane

Die Chronik des Magischen Amuletts: Fantasy Sammelband 10 Romane

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Die Chronik des Magischen Amuletts: Fantasy Sammelband 10 Romane

Länge:
1,095 Seiten
13 Stunden
Freigegeben:
Oct 15, 2020
ISBN:
9781393496335
Format:
Buch

Beschreibung

Die Chronik des Magischen Amuletts: Fantasy Sammelband 10 Romane

von Jan Gardemann

 

Über diesen Band:

 

Dieser Band enthält folgende Romane um das Magische Amulett

von Jan Gardemann:

 

Im Banne des Hexers

Wer Angst sät

Gefangen in der Düsternis

Albträume aus Geisterhand

Die Teufels-Villa

Der mörderische Zauberer

Die Traum-Mörderin

Das Geheimnis der Pestfrau

Wer den Teufel verrät

Der Fluch der schönen Myrna

 

Brenda Logan, die Amulettforscherin, gerät in große Gefahr, und während ihr Mann Daniel Connors alles versucht, um sie zu retten, kämpft sie in einer Sphäre jenseits des Lichtes. Und selbstverständlich spielt auch ein geheimnisvolles Amulett eine entscheidende Rolle. Es hat das Aussehen einer schwarzen Sonne. Wird Brenda seine dämonische Macht brechen können?

Freigegeben:
Oct 15, 2020
ISBN:
9781393496335
Format:
Buch

Über den Autor


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Die Chronik des Magischen Amuletts - Jan Gardemann

Publisher

Die Chronik des Magischen Amuletts: Fantasy Sammelband 10 Romane

von Jan Gardemann

Über diesen Band:

Dieser Band enthält folgende Romane um das Magische Amulett

von Jan Gardemann:

Im Banne des Hexers

Wer Angst sät

Gefangen in der Düsternis

Albträume aus Geisterhand

Die Teufels-Villa

Der mörderische Zauberer

Die Traum-Mörderin

Das Geheimnis der Pestfrau

Wer den Teufel verrät

Der Fluch der schönen Myrna

Brenda Logan, die Amulettforscherin, gerät in große Gefahr, und während ihr Mann Daniel Connors alles versucht, um sie zu retten, kämpft sie in einer Sphäre jenseits des Lichtes. Und selbstverständlich spielt auch ein geheimnisvolles Amulett eine entscheidende Rolle. Es hat das Aussehen einer schwarzen Sonne. Wird Brenda seine dämonische Macht brechen können?

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Alles rund um Belletristik!

Im Banne des Hexers

Das magische Amulett

Roman von Jan Gardemann

Der Umfang dieses Buchs entspricht 100 Taschenbuchseiten.

Dr. Daniel Connors, erfolgreicher Arzt und Ehemann der berühmten Amulettforscherin Brenda Logan, erhält Besuch von seiner ehemaligen Kommilitonin Gracia. Diese bittet ihn um Hilfe bei der Suche nach ihrem Mann Jimmy, mit dem sie auf den Bermuda Inseln lebte und der von dort spurlos verschwand. Sie glaubt, dass er nach London zurückkehrte, um dort weiter Menschenversuche durchzuführen, für die er auf den Bermudas verurteilt wurde. Brenda Logan ist skeptisch, und bald bestätigen sich ihre Zweifel, als Gracia sich in eine bleiche, von Nebel umhüllte Gestalt verwandelt, die Männern mit einem Kuss die Lebensenergie raubt ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing

sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by Firuz Askin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement

mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

© Logo by Steve Mayer unter Verwendung von Motiven by Pixabay, 2016

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Prolog

Auf dem Sofa lag Gracia. Sie wälzte sich unruhig hin und her. Über ihr schwebte der geheimnisvolle Nebel. Er wirkte filigran und schimmerte im matten Schein des hereinfallenden Lichts. Schockiert beobachtete ich, wie der Nebel lange, tentakelförmige Arme ausbildete, die wie im Takt einer unhörbaren Sphärenmusik um Gracia herumtanzten und sie einhüllten. Schließlich sah das ganze Gebilde so aus wie ein riesiger Kokon aus hauchdünnem Nebelgespinst. In der Mitte dieses Kokons lag Gracia. Sie stöhnte und warf den Kopf unruhig hin und her. Schweißperlen traten auf ihre Stirn, und ihre Lider flatterten, als würde sie von einem heftigen Alptraum geplagt. Wie unter einem fremden Zwang trat ich näher. Als ich Gracia betrachtete, kam es mir so vor, als wäre ihr Teint um einige Nuancen blasser als zuvor. Irgendetwas Geheimnisvolles, Mysteriöses ging mit Gracia vor sich. Doch warum der Nebel sie umgab und was er mit der Frau machte, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Unschlüssig streckte ich meine Hand aus. Als meine Finger das Nebelgespinst berührten, fühlte ich etwas Kaltes, Feuchtes ...

1

Graham Porter hatte Kopfschmerzen, und er fühlte sich unendlich müde und erschöpft. Missmutig schritt er durch die pompöse Eingangshalle des modernen Bürogebäudes, die um diese nächtliche Zeit verwaist und wie ausgestorben dalag. Nur die Notbeleuchtung war eingeschaltet. Sie tauchte die Halle mit dem weißen Marmorboden, den verspiegelten Wänden und der hohen Decke in ein schummeriges, geheimnisvolles Licht.

Kurz musste Graham Porter an seine Kollegen denken, die jetzt wahrscheinlich längst schliefen oder sich irgendwo in der City von London vergnügten.

Verbittert kniff er die Lippen zusammen und trat auf die Glastüren zu. Schneeflocken tanzten hinter den Scheiben. Die Straße und der Fußweg waren von einer zentimeterdicken Schneeschicht bedeckt. Die herabfallenden Flocken dämpften das Licht der Straßenlaternen.

»Das wird ja immer schöner«, murmelte Graham Porter sarkastisch. »Ich werde mir auf dem Weg zu meinem Wagen vermutlich noch den Hals brechen.«

Er schloss mit dem Schlüssel, den sein Chef ihm zusammen mit einem Stapel Akten heute Nachmittag auf den Schreibtisch geknallt hatte, die gläserne Eingangstür auf.

»Diese Akten müssen heute noch bearbeitet werden«, hatte sein Chef befohlen und dabei eine unnahbare, harte Miene aufgesetzt. »Morgen früh müssen die Papiere fertig auf meinem Schreibtisch liegen. Ich weiß, dass Sie es schaffen werden, Graham!«

Bei diesen Worten hatte sein Chef ihm kameradschaftlich auf die Schultern geklopft und gönnerhaft gezwinkert.

In Graham Porter stieg verzweifelte Wut auf, als er nun wieder an diese Szenen dachte. Mit mir kann mein Chef es ja machen, dachte er verbittert. Er weiß schließlich, dass ich von diesem Job abhängig bin - und er weiß, dass ich eine Menge Zeit habe, weil meine Frau mich verlassen hat!

Graham trat durch die Glastür und schmetterte sie wütend hinter sich ins Schloss.

Das Glas klirrte, und die Rahmen wackelten bedenklich. Aber es ging nichts zu Bruch.

Dabei hat Joana mich nur verlassen, weil ich immer so viel im Büro zu tun und kaum Zeit für sie hatte!

Er schloss die Tür ab, klappte den Kragen hoch und wandte sich von dem dunklen Bürogebäude ab.

Kaum hatte Graham das schützende Vordach verlassen, erfasste ihn eine eiskalte Böe. Schnee trieb ihm ins Gesicht, und er wäre auf dem rutschigen Untergrund beinahe ausgeglitten.

Graham fluchte verhalten. Schon oft hatte er bei seinem Chef beantragt, dass ihm endlich ein Garagenplatz in der Tiefgarage des Bürohochhauses zugewiesen werde. Aber sein Chef hatte immer wieder abgelehnt. Die Stellplätze würden den wichtigen Mitarbeitern Vorbehalten, erklärte er stets. Und solange Graham nicht bewiesen hätte, dass er für die Versicherung unentbehrlich sei, würde er seinen Wagen irgendwo auf der Straße parken müssen.

Graham trat wütend nach einem Schneehaufen. Der weiche Schnee stob auseinander, wurde vom kalten Wind erfasst und trieb Graham direkt ins Gesicht.

Graham spuckte und fluchte.

»Du bist und bleibst eben ein Pechvogel«, jammerte er in einem Anflug von Selbstmitleid. »Dein Chef weiß deine Arbeit nicht zu würdigen, obwohl du ständig unbezahlte Überstunden für ihn leistest. Deine Frau verlässt dich, weil du dir keine Zeit für sie nimmst. Und wenn du dann um Mitternacht endlich nach Hause willst, stellt sich dir ein Schneesturm in den Weg ...«

Graham verstummte erschrocken. Vor ihm im Schneegestöber war plötzlich eine Gestalt aufgetaucht. Es handelte sich um eine Frau - und sie war so gut wie nackt! Nur ein dünnes Kleid, das aussah, als wäre es aus Nebel gewirkt, umschmeichelte ihren unnatürlich bleichen Körper. Die Frau sah wie ein Gespenst aus.

Graham blinzelte und schüttelte verständnislos den Kopf, da er die Erscheinung für eine Sinnestäuschung hielt.

Doch die bleiche Frau verschwand nicht. Ihr schneeweißes wallendes Haar flatterte im eiskalten Wind - und in ihren Augen glomm ein seltsames kaltes Feuer. Nun hob sie einen Arm und winkte Graham aufreizend zu.

Verunsichert sah sich der Versicherungsangestellte um. Die mysteriöse verführerische Frau konnte doch unmöglich ihn meinen!

Aber Graham war ganz allein auf der Straße. Es fuhr nicht einmal ein Auto auf der verschneiten Fahrbahn.

»Hallo?«, rief er der Unbekannten durch das Schneegestöber zu. »Frieren Sie gar nicht? Soll ich Ihnen meinen Mantel geben?«

Graham erhielt keine Antwort.

Stattdessen winkte die Frau nun wieder, und bedeutete ihm, zu ihr zu kommen.

Unschlüssig trat Graham einen Schritt auf die geheimnisvolle Frau zu. Aber er kam ihr nicht näher. Der Abstand zwischen ihm und ihr blieb der gleiche.

Nun wandte sich die Fremde um und schickte sich an, in der Dunkelheit zu verschwinden. Doch nach einigen Metern schaute sie sich noch einmal um, wie um sich zu vergewissern, dass Graham Porter ihr auch folgte.

Als sie bemerkte, dass er wie angewurzelt stehen geblieben war und ihr mit großen Augen hinterherstarrte, winkte sie ihm noch einmal auffordernd zu.

»Du wärst ein Idiot, wenn du ihr nicht folgen würdest«, flüsterte Graham Porter und konnte seinen Blick einfach nicht von der aufreizenden Erscheinung abwenden. Doch dann war sie plötzlich hinter dem Vorhang aus tanzenden Schneeflocken verschwunden.

Graham setzte sich unwillkürlich in Bewegung. In seinem Gehirn überschlugen sich die Gedanken. Etwas Widernatürliches haftete der schönen Frau an. Sie schien nicht zu frieren, obwohl sie nur ein hauchdünnes Kleid auf dem Leib trug .- und sie interessierte sich für ihn! Für ihn, einen farblosen, ziemlich unattraktiv aussehenden Mann, der sich mit seinem äußeren Erscheinungsbild wenig Mühe gab.

Da tauchte die Fremde vor ihm wieder auf. Die Schneeflocken umtanzten sie und ließen sie in Grahams Augen noch schöner und faszinierender aussehen.

Dass die geheimnisvolle Frau keine Prostituierte war, verstand sich für Graham von selbst. Ihm kam die Gestalt eher wie ein geisterhaftes Wesen aus einer anderen Welt vor. Ein Wesen, das gekommen war, um ihn glücklich zu machen!

Graham Porter eilte hinter der seltsamen Schönheit her. Gerade noch sah er, wie sie in eine Seitengasse einbog und verschwand.

Mit hastigen Schritten erreichte er den Eingang der Gasse. Das trübe Licht einer Straßenlaterne fiel in den engen Gang, zu dessen beiden Seiten sich die düsteren, abweisenden Mauern zweier Bürohochhäuser erhoben.

Unwillkürlich verlangsamte Graham seine Schritte. Die Gasse endete schon nach wenigen Metern. Die geheimnisvolle Frau stand dort mit dem Rücken zur Wand und schaute ihn mit ihren unheimlich leuchtenden Augen verlangend an.

Wie unter einem fremden Zwang setzte Graham einen Fuß vor den anderen. Und als die Frau ihre Arme ausbreitete, um ihn zu empfangen, ließ er seinen Aktenkoffer einfach in den Schnee fallen und streckte ebenfalls die Arme aus.

Dann hatte er die Frau endlich erreicht. Ihre schlanken Arme schlossen sich um ihn. Sie fühlten sich seltsam kalt an und verströmte einen eigentümlichen Geruch, der Graham entfernt an Meeresbrandung und Muscheln erinnerte. Aber das störte ihn nicht. Seine Blicke hingen an dem feingeschnittenen bleichen Gesicht der Frau - und an ihren sinnlichen Lippen, die sich nun halb zu einem Kuss öffneten.

Graham spürte, wie die Frau ihn zu sich zog. Sie presste ihn fest an sich - und dann berührten ihre Lippen seinen Mund.

Ein nie gekanntes Glücksgefühl durchströmte seinen Körper. So etwas hatte er nicht einmal in den Armen seiner geliebten Joana empfunden.

Doch noch etwas anderes spürte Graham. Der lange leidenschaftliche Kuss der geheimnisvollen Frau schien seine Sinne zu benebeln und seinen Körper auf seltsame Weise zu schwächen. Er spürte plötzlich die Kälte um ihn herum nicht mehr. Seine Arme hingen schlaff um die Hüften der Frau, die er eben noch leidenschaftlich umschlungen hatte. Die Knie gaben unter ihm nach, und er wäre fast gestürzt. Aber die Fremde hielt ihn mit ihren kalten Armen unerbittlich fest und fuhr fort ihn innig und leidenschaftlich zu küssen.

Graham wollte sich von ihr befreien. Aber er hatte nicht mehr die Kraft dazu. Kaum schaffte er es, die Lider zu heben.

Dann verlor er das Bewusstsein, und es wurde schwarz um ihn herum. Graham Porter bekam nicht mehr mit, wie sich die Frau, in deren Armen er jetzt wie eine schlaffe Gliederpuppe hing, langsam veränderte. Ihr farbloses Haar wurde plötzlich brünett, und die blasse Haut bekam eine gesunde, frische Farbe. Auch das geisterhafte Leuchten in ihren Augen erlosch, sodass die braune Iris nun deutlich zu erkennen war.

Schließlich löste sich die Fremde von dem bewusstlosen Mann und ließ ihn zu Boden gleiten. Das nebelhafte Gewand, das ihren Körper umschmeichelte, zerstob und löste sich auf. Die Frau war nun ganz nackt - und sie schien zu frieren.

Rasch zog sie Graham Porter den Mantel und den Anzug aus und streifte sich seine Sachen über. Als sie damit fertig war, klappte sie den Kragen hoch und verließ die Gasse, ohne sich noch einmal zu dem Mann umzublicken, der, nur in Unterzeug gekleidet, reglos im Schnee der Gasse lag.

2

Ungeduldig schaute ich, Brenda Logan, auf die Uhr. Es war bereits eine halbe Stunde nach Mitternacht! Daniel Connors, mein geliebter Ehemann, hätte längst hier sein müssen.

Daniel war ein bekannter Arzt und Neurologe. Er arbeitete im St. Thomas Hospital und galt auf seinem Gebiet als Koryphäe.

Das hatte allerdings auch seine Nachteile, denn Daniel musste oft Überstunden machen und auch nachts arbeiten. Manchmal sahen wir uns tagelang überhaupt nicht. Doch das lag nicht nur an Daniel. Auch mein Job nahm mich sehr in Anspruch. Ich war Archäologin und arbeitete im British Museum. Mein Spezialgebiet war die Amulettforschung. Von Zeit zu Zeit musste ich lange beschwerliche Expeditionen unternehmen, sodass ich wochenlang nicht zu Hause in London war.

Ich seufzte. Es lag mal wieder eine harte, entbehrungsreiche Zeit hinter Daniel und mir. Darum hatten wir uns fest vorgenommen, diesen Abend zusammen zu verbringen.

Aber Daniel war mal wieder etwas dazwischengekommen. Ein Notfall, der ihn in der Klinik festhielt. Er hatte vor ein paar Stunden angerufen und gesagt, dass er erst um Mitternacht kommen würde. Dann musste er auch schon in den OP.

Daraufhin hatte ich das Essen, das bereits auf dem Tisch gestanden hatte, im Ofen warmgestellt und die Kerzen wieder ausgepustet, die ich für uns im Wohnzimmer aufgestellt hatte.

Ein wenig ungehalten sah ich mich nun in dem Wohnzimmer um. Vor einigen Minuten hatte ich die Kerzen wieder angezündet und das Essen aus dem Ofen geholt. Mitternacht war längst vorüber.

Aber Daniel war noch immer nicht erschienen, obwohl er es mir eigentlich fest versprochen hatte.

Das Wohnzimmer unserer Atelierwohnung sah sehr romantisch aus. Die Kerzen tauchten den großen Raum in ein warmes, gedämpftes Licht. Draußen vor den Panoramafenstern herrschte tiefe Dunkelheit, die von schwebenden dicken Schneeflocken durchwoben war. Man konnte das Gefühl kriegen, mit dem Zimmer in den Himmel empor zu steigen, wenn man den herabfallenden Schnee zu lange anstarrte.

»Daniel, wann kommst du endlich«, flüsterte ich und zupfte an meinem roten Kostüm, das ich extra zu diesem Anlass angezogen hatte. Ich wusste, wie sehr ich Daniel in dem Kostüm gefiel - und wie bewundernd und liebevoll seine Blicke waren, wenn er mich dann musterte.

Ich sehnte mich nach Daniel und seinen zärtlichen Umarmungen. Ich liebte ihn sehr, obgleich unsere Berufe unserer Zweisamkeit manchmal im Wege standen.

Da vernahm ich an der Wohnungstür plötzlich ein Geräusch. In freudiger Erwartung drehte ich mich um. Die Tür schwang auf, und ein kräftig gebauter Mann erschien in der Türöffnung. In seinem hellbraunen lockigen Haar schimmerten schmelzende Schneeflocken. Auch auf den Schultern seiner Lederjacke und dem hochgeklappten Kragen hatte sich Schnee gesammelt.

»Hallo, Brenda, mein Schatz«, sagte Daniel und grinste gewinnend. »Ich hoffe, das Warten ist dir nicht zu lang geworden.«

»Wo denkst du hin?«, erwiderte ich ironisch. »Schließlich hatte ich genug damit zu tun, die Kerzen an und wieder auszumachen, das Essen aus dem Ofen zu holen und es wieder hineinzuschieben ...«

Daniel kam mit raschen Schritten auf mich zu und hauchte mir einen Kuss auf den Mund. Seine Lippen fühlten sich kühl und feucht an. Fröstelnd drückte ich Daniel von mir fort.

»Du bist ja vom Schnee ganz nass«, protestierte ich. »Und du wirst mir am Ende noch mein Kostüm ruinieren.«

Daniel holte hinter seinem Rücken einen Strauß roter Rosen hervor, die er mir mit galanter Geste überreichte.

»Vielleicht kann diese kleine Aufmerksamkeit dich wieder versöhnen«, meinte er lächelnd. Dann zog er seine Lederjacke aus und hängte sie auf einen Garderobenhaken.

»Wo hast du um diese Zeit denn Blumen aufgetrieben?«, fragte ich verwundert.

Daniel grinste schräg. »Ich hatte gehofft, dass du das nicht fragen würdest«, erwiderte er. »Du weißt doch, dass die Blumen, die Angehörige und Freunde den Patienten mitbringen, nachts vor die Türen gestellt werden ...«

»Und da hast du kurzerhand einen Strauß Rosen genommen, die eigentlich einem Patienten gehören?«, unterbrach ich ihn empört.

»Natürlich nicht«, erwiderte Daniel. »Die Rosen gehörten der jungen Frau, die ich vorhin operieren musste. Sie wusste, dass ich wegen ihr meine Verabredung mit dir platzen lassen musste. Darum bestand sie darauf, dass ich die Rosen nahm, die ihr Freund ihr mitgebracht hatte. Ich sollte sie dir geben, damit du nicht gar so böse auf mich bist.«

Ich lächelte milde und fuhr Daniel durch sein feuchtes lockiges Haar. »Das ist aber eine sehr nette Geste von der Frau gewesen«, meinte ich bewegt. »Wie ist die Operation denn verlaufen?«

»Die Frau ist glücklicherweise über den Berg«, erwiderte Daniel müde. »Aber ohne die OP hätte sie den morgigen Tag vielleicht nicht erlebt.«

Plötzlich kam ich mir irgendwie kleinlich und ungerecht vor. Während ich zu Hause gesessen und geschmollt hatte, hatte Daniel um das Leben dieser Frau gekämpft ...

Ich nahm Daniel bei der Hand und führte ihn zum Tisch, wo das Essen bereitstand und ein paar Kerzen in einem silbernen Leuchter brannten.

»Das Essen duftet köstlich«, lobte Daniel und schlang einen Arm um meine Hüften. »Und du siehst sehr verführerisch aus, Brenda.«

Langsam näherten sich seine Lippen den meinen, und wir gaben uns einen langen leidenschaftlichen Kuss. Die Welt um mich herum versank in einem Meer aus zärtlichen Gefühlen. Mein Unmut und meine Verärgerung verflogen und lösten sich in nichts auf.

»Oh, Daniel«, hauchte ich, als er meine Lippen wieder frei gab. »Ich liebe dich über alles.«

»Ich liebe dich auch, Brenda«, flüsterte Daniel und sah mich mit seinen blauen Augen warmherzig an.

Da klingelte es plötzlich an der Wohnungstür.

Daniel und ich tauschten einen verwunderten Blick.

»Hast du vielleicht noch jemand anderen zum Essen eingeladen?«, erkundigte sich Daniel scherzend.

Ich schüttelte den Kopf und trat auf die Tür zu. Ich wollte den Knopf betätigen, der unten die Haustür öffnen würde. Aber ein Geräusch draußen vor der Wohnungstür verriet, dass unser unbekannter Besucher bereits oben angekommen war.

Verwundert öffnete ich die Tür. Vor mir stand eine junge Frau. Sie hatte brünettes wallendes Haar und ein feingeschnittenes Gesicht, das vor Kälte gerötet war. Sie trug einen Anzug und einen Mantel, die eher zu einem Mann gepasst hätten. Die Klamotten machten ganz den Anschein, als wären sie der Frau um einige Nummern zu groß.

»Sie wünschen?«, erkundigte ich mich.

»Ich ... ich brauche dringend Hilfe«, stammelte die Frau. Ihre Stimme klang rauchig und lasziv. »Ich muss unbedingt zu Daniel Connors!«

»Wenn Sie ärztliche Hilfe benötigen, wenden Sie sich bitte an das St. Thomas Hospital«, erwiderte ich frostig. »Mein Mann hat Feierabend, und ...«

»Gracia? Gracia Mabel?«, fragte Daniel, der hinter mich getreten war, überrascht.

Das Gesicht der Frau hellte sich auf. »Daniel«, flüsterte sie. »Gott sei Dank, dass ich dich treffe.«

Mit diesen Worten verdrehte sie die Augen und fiel in Ohnmacht.

Daniel schubste mich zur Seite und fing die junge Frau auf, ehe sie auf den harten Boden aufschlagen konnte. Ihr Kopf fiel in seine Armbeuge und das brünette Haar floss seinen Arm herab.

Behutsam nahm Daniel die Frau auf und trug sie in die Wohnung.

Mit vor der Brust verschränkten Armen stand ich neben der Tür und sah Daniel durchdringend an.

»Du kennst diese Frau?«, fragte ich gereizter, als ich es eigentlich vorgehabt hatte.

»Ja«, erwiderte Daniel knapp. Er bettete die Frau sehr sanft auf das Sofa und begann sofort damit, sie zu untersuchen. »Gracia Mabel hat zusammen mit mir Medizin studiert.«

»Warum hast du mir nie von ihr erzählt?«, erkundigte ich mich lauernd.

Daniel hielt in seinem Tun inne und sah mich verdattert an. »Warum sollte ich?«, fragte er verständnislos. »Gracia hat in meinem Leben nie eine große Rolle gespielt ...«

Plötzlich verstummte Daniel. Gracia war wieder zu sich gekommen. Mit einer matten, galanten Bewegung hob sie den Arm und strich Daniel liebevoll durch das dichte Haar. Ihre Lider waren nur halb geöffnet.

»Oh, Daniel«, hauchte sie. »Wir haben uns so lange nicht gesehen. Und trotzdem kommt es mir so vor, als hätten wir uns gestern erst getrennt. Du hast dich kaum verändert ...«

Daniel nahm ihre Hand und sah mich hilflos an.

»So«, meinte ich spitz. »Sie hat in deinem Leben also keine große Rolle gespielt! Gracia scheint das allerdings etwas anders zu sehen.«

»Brenda, es besteht überhaupt kein Grund für dich, eifersüchtig zu sein«, stieß Daniel hervor.

Gracia hustete, was sich in meinen Ohren jedoch sehr gekünstelt anhörte. Überhaupt kam mir ihr spektakulärer Auftritt ziemlich gewollt vor. Aber Daniel schien dies nicht zu bemerken - typisch Mann!

»Wie geht es dir?«, fragte er besorgt an die brünette Frau gewandt, die wie hingegossen auf unserem Sofa lag. »Und was hatten deine merkwürdigen Worte vorhin zu bedeuten?«

»Es geht mir schon wieder besser«, meinte Gracia ausweichend und warf mir einen flüchtigen Blick zu. »Ich hatte nur einen vorübergehenden Schwächeanfall. Du erinnerst dich vielleicht noch, dass ich an einer sonderbaren Krankheit leide ...«

Sie sah Daniel mit einer Mischung aus Unschuld und Hilfsbedürftigkeit an. Eine verheerende Mischung, der Daniel augenblicklich zum Opfer fallen würde - das wusste Gracia Mabel so gut wie ich.

»Natürlich erinnere ich mich an deine Krankheit«, beeilte er zu erwidern. »Hast du inzwischen herausgefunden, woran du leidest?«

»Ich bin noch immer genauso schlau wie zu unserer Studienzeit«, behauptete sie. »Ich weiß nur, dass es etwas Vererbliches ist und mit meinen Genen zu tun hat.«

Gracia setzte sich auf und rieb sich fröstelnd mit den Händen über die Schultern.

»Mir ist furchtbar kalt«, meinte sie. »Das Wetter in London hat mich völlig überrascht. Ich war nicht darauf vorbereitet, in einen Schneesturm zu geraten.«

»Deine Sachen sind ganz nass«, bestätigte Daniel besorgt.

Er sah zu mir auf. »Brenda, hol’ doch bitte ein paar trockene Sachen aus deinem Schrank. Gracia wird sich noch den Tod holen.«

Empört stemmte ich die Hände in die Hüften. Ich wollte protestieren. Doch Daniel ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen.

»Und dann wirst du dich erst einmal stärken«, erklärte er in diesem Moment an Gracia gewandt. »Brenda ist eine vorzügliche Köchin. Und du siehst so aus, als könntest du eine Mahlzeit vertragen. Beim Essen kannst du uns dann erzählen, was dir auf der Seele liegt.«

Ich verdrehte entnervt die Augen. Daniels Beschützerinstinkt war erwacht. Es wäre sinnlos, dagegen anzugehen, denn es entsprach nun einmal seiner Natur als Arzt, hilfsbedürftigen Menschen zu helfen.

Schicksalsergeben wandte ich mich ab, um ein paar Sachen für Gracia Mabel zu holen. Dabei wurde ich das untrügliche Gefühl nicht los, dass der Blick von Daniels ehemaliger Studienkollegin förmlich in meinem Rücken brannte.

3

Gracia rührte das Essen, das vor ihr auf dem Teller lag, kaum an. Sie hatte gewiss keinen Hunger und bestimmt etwas zu sich genommen, bevor sie sich auf den Weg zu uns machte, um ihre Hilfsbedürftigkeitsnummer abzuziehen.

Was sie damit bezweckte, war mir noch unklar. Aber ich war fest entschlossen, es herauszufinden.

»Was hat dich nach London verschlagen?«, fragte Daniel in diesem Augenblick, der dem Essen genau so reichlich zusprach wie ich. Es war ihm deutlich anzusehen, wie erschöpft und übermüdet er war. Doch das schien Gracia Mabel nicht zu kümmern.

»Ich ... ich benötige dringend Hilfe«, antwortete sie und führte einen ihrer affektierten Augenaufschläge auf. »Ich bin völlig ratlos und weiß nicht, an wen ich mich wenden soll. Darum bin ich zu dir gekommen, Daniel. Ich hoffe, ich störe nicht?«

Diese Frage hätte Gracia meiner Meinung nach ruhig etwas früher stellen können. Denn dann hätte ich ihr geantwortet, dass Daniel und ich vorgehabt hatten, eine romantische Nacht miteinander zu verbringen, und dass ihr Auftritt mehr als ungelegen kam. Aber dafür war es nun zu spät. Darum verkniff ich mir die Bemerkung auch lieber.

»Du störst überhaupt nicht, Gracia«, beeilte Daniel sich zu versichern. »Ganz im Gegenteil. Ich freue mich, dich wiederzusehen.«

Ich konnte es einfach nicht fassen. Während Daniel dies sagte, schaute er mich nicht einmal an. Ich kam mir vor, wie das fünfte Rad am Wagen. Seit wir mit Gracia Mabel am Tisch saßen, hatte er mich kaum beachtet. Und das, obwohl ich mein rotes Kostüm trug, das ihm sonst so sehr gefiel.

Ich hatte Gracia ein paar ausgediente Klamotten gegeben. In dem grünen Rollkragenpullover und der verwaschenen Jeans sah sie ziemlich verlottert aus. Trotzdem schenkte Daniel ihr seine ganze Aufmerksamkeit.

»Worum geht es denn?«, erkundigte sich Daniel einfühlsam.

Gracia faltete nervös ihre Hände. »Es geht um einen Mann«, erklärte sie etwas verschämt. »Du erinnerst dich vielleicht noch an ihn. Sein Name ist Jim Curender.«

»Du meinst Jimmy?«, rief Daniel erstaunt. »Unseren leicht verschrobenen Jimmy von der Uni? Ich kann mich noch lebhaft an die hitzigen Diskussionen über die obskuren Heilmethoden erinnern, von denen Jimmy in seinen seltsamen Zeitschriften über Okkultismus und Spiritismus gelesen hatte und die er alle für glaubwürdig und durchführbar hielt.«

Gracia nickte traurig. »Jim hat mich vor einer Woche verlassen«, erklärte sie und drehte gedankenverloren an ihrem Ehering.

»Du und Jimmy habt geheiratet?«, fragte Daniel überrascht.

»Kurz nachdem wir England damals verließen«, bestätigte Gracia. »Jim wurde ein Job in einer Privatklinik auf den Bermudas angeboten. Er sagte zu. Seitdem lebten wir glücklich und zufrieden auf einer paradiesischen Bermuda Insel. Doch vor einer Woche ist Jim spurlos verschwunden ...«

»Ist das nicht eher ein Fall für die Behörden auf den Bermudas?«, hakte ich nach.

Gracia schüttelte betrübt den Kopf, ohne sich jedoch näher zu erklären. Dann ergriff sie Daniels Hände und schaute ihn eindringlich an.

»Ich bin mir sicher, dass Jim sich nicht mehr auf den Bermudas aufhält«, erklärte sie mit schwankender Stimme. »Er muss nach England zurückgekehrt sein.«

»Was macht Sie da so sicher?«, wollte ich wissen.

Gracia ignorierte meine Frage einfach. »Wirst du mir helfen, Jim zu finden?«, fragte sie stattdessen an Daniel gewandt.

»Selbstverständlich«, erwiderte Daniel beflissen, ohne zu zögern. »Brenda und ich haben schon viel schwierigere Aufgaben gelöst. Du kannst dich auf uns verlassen. Wir werden deinen Jimmy wiederfinden.«

Ich glaubte meinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Es fehlte nur noch, dass Daniel seiner Studienfreundin von den vielen übersinnlichen Abenteuern berichtete, die wir gemeinsam bestanden hatten. Vielleicht erzählte er ihr sogar, dass ich Amulettforscherin war und auf rätselhafte Weise immer wieder in den Strudel geheimnisvoller Ereignisse geriet, für die zumeist magische Amulette verantwortlich waren ...

»Du musst wissen, Gracia, dass Brenda eine bekannte Archäologin ist«, fing Daniel in diesem Moment auch schon an zu erzählen. »Ihr Spezialgebiet sind Amulette, und ...«

Ich verpasste Daniel einen schmerzhaften Tritt gegen das Schienbein. Er stöhnte auf und sah mich verstört an. Als er dann jedoch meinen mahnenden Blick bemerkte, schien er zu begreifen, dass ich nicht wollte, dass er unser Geheimnis vor Gracia ausplauderte.

Aber Gracia schien ihm gar nicht richtig zugehört zu haben. »Ich bin ja so glücklich, dass du mir hilfst«, meinte sie. »Ich wusste, dass du mich nicht im Stich lassen würdest.«

Plötzlich gähnte sie herzhaft und streckte die Arme weit von sich.

»Ich bin furchtbar müde«, gestand sie. »Die Reise von den Bermudas nach England war sehr strapaziös. Wenn du nichts dagegen hast, Daniel, würde ich mich gerne etwas hinlegen und schlafen.«

»Moment mal«, rief ich aus. Gracias Unverfrorenheit ging mir entschieden zu weit. »Es gibt hier in der Nähe eine Vielzahl guter Hotels, in denen Sie übernachten können ...«

»Brenda«, fuhr Daniel mir über den Mund und ein strafender Blick traf mich aus seinen blauen Augen. »Wo soll Gracia zu dieser späten Stunde denn noch ein Hotelzimmer finden?«

»Warum haben Sie sich bei Ihrer Ankunft in London nicht sofort um ein Hotel gekümmert?«, fragte ich Gracia gereizt. In meinen Augen war ihr Verhalten berechnend und unverschämt. Sie musste von vornherein vorgehabt haben, sich bei uns einzuquartieren.

Gracia schlug beschämt die Augen nieder. »Ich ... ich habe kein Geld«, eröffnete sie uns. »Die Reise nach London hat meine letzten Ersparnisse aufgebraucht.«

»Soweit ich Ihnen folgen konnte, ist Ihr Mann Arzt und arbeitete zuletzt in einer Privatklinik«, erwiderte ich. »Sie wollen mir doch wohl nicht etwa weismachen, dass Sie kein Geld haben.«

»Jim konnte mit Geld noch nie gut umgehen«, erwiderte Gracia kühl. »Aber wenn Sie mich nicht beherbergen wollen, Mrs. Logan, dann werde ich Sie natürlich nicht länger belästigen. Ich werde schon irgendwo einen Platz zum Schlafen finden.«

Gracia wollte sich erheben. Aber Daniel hielt sie am Arm zurück und zwang sie, sich wieder hinzusetzen.

»Ihr beide verhaltet euch ziemlich albern«, meinte er tadelnd und sah uns nacheinander streng an. »Natürlich kannst du bei uns übernachten«, erklärte er dann an Gracia gewandt. »Und du, Brenda, solltest Gracia endlich verzeihen, dass sie unseren romantischen Abend zunichte gemacht hat.«

Gracia und ich schwiegen verbissen. Wir sahen uns nicht an. Mir schwirrten noch unzählige Fragen durch den Kopf, die ich Gracia gern gestellt hätte, denn ihre Geschichte kam mir mehr als seltsam vor. Doch ich war eingeschnappt und hatte keine Lust, mich mit Gracia zu unterhalten. Darum zog ich es vor zu schweigen.

»Ich möchte mich jetzt bitte ein wenig frisch machen«, meinte Gracia plötzlich.

»Du findest im Badezimmer alles Nötige«, bot Daniel freizügig an. »Brenda und ich werden inzwischen das Sofa für dich herrichten.«

Gracia schenkte Daniel ein charmantes Lächeln. Dann erhob sie sich und verschwand im Badezimmer.

Daniel sah mich nachdenklich an. »Was ist bloß mit dir los, Brenda?«, fragte er mit gedämpfter Stimme. »Sonst bist du doch auch nicht so kühl und abweisend, wenn es darum geht, einem Menschen zu helfen.«

Ich seufzte und vollführte eine hilflose Geste mit der Hand. »Ich weiß auch nicht«, erwiderte ich gereizt. »Ich habe das Gefühl, dass Gracia dir etwas vormacht. Ihr ganzer Auftritt war viel zu theatralisch und aufgesetzt. Und das Schlimmste ist, dass du auch noch darauf reinfällst.«

Daniel grinste und sah mich liebevoll an. »So einfältig, wie du glaubst, bin ich gar nicht«, meinte er amüsiert. »Mir ist nämlich durchaus aufgefallen, dass Gracia uns irgendetwas verheimlicht. Trotzdem bin ich mir sicher, dass sie unsere Hilfe braucht.«

»Wahrscheinlich hast du recht«, lenkte ich ein. »Allerdings behagt es mir nicht, dass Gracia sich derart unverfroren in unser Privatleben schleicht. Ist dir überhaupt aufgefallen, dass sie nicht einmal einen Koffer oder eine Reisetasche bei sich hat? Und erst die Klamotten, die sie anhatte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei den Frauen auf den Bermudas in ist, einen zu weiten Männeranzug zu tragen.«

»Wir werden schon noch herausfinden, was es mit all diesen Dingen auf sich hat«, meinte Daniel zuversichtlich. »Aber nun sollten wir für Gracia das Bett herrichten. Ich bin nämlich auch ziemlich müde und freue mich schon darauf, mit dir zu kuscheln und in deinen Armen einzuschlafen.«

Ich lächelte glücklich. Meine Eifersucht war plötzlich wie weggeblasen. Rasch hauchte ich Daniel einen Kuss auf die Lippen. Dann machten wir uns eilig daran, das Sofa zu einem Bett umzubauen.

4

Langsam tauchte ich aus tiefem Schlaf empor. Ich lag in Daniels Armen und mein Kopf war auf seiner nackten Brust gebettet, die sich im Rhythmus seines Atems langsam hob und senkte.

Es herrschte stockdunkle Nacht. Mattes, kaum wahrnehmbares Licht drang durch die Gardinen vor den Fenstern unseres Schlafzimmers. Schemenhaft zeichneten sich die vertrauten Konturen der Möbel darin ab.

Doch ich sah noch etwas anderes. Ein graues unförmiges Etwas, das über den Boden kroch und an den Möbeln emporglitt. In der Luft lag der Geruch von Meer und Algen.

Verwundert setzte ich mich im Bett auf und starrte in die Dunkelheit. Da gewahrte ich, dass es Nebel war, der da durch unser Schlafzimmer kroch, und dass er es war, der diesen seltsamen Geruch verströmte.

Instinktiv tastete ich nach Daniel und rüttelte ihn sanft an der Schulter.

»Daniel, wach auf!«, rief ich verhalten. »Es ist etwas in unserem Zimmer!«

Daniel stöhnte im Schlaf. Dann endlich öffnete er die Augen und richtete sich benommen auf.

Im selben Moment zog sich der Nebel zurück. Als würde er förmlich von den Ritzen der Tür aufgesogen, verschwand er und war im nächsten Moment wie vom Erdboden verschluckt.

»Was ist denn, Brenda?«, fragte Daniel verschlafen.

»Da ... da war eben so ein komischer Nebel«, erklärte ich verstört. »Aber jetzt ist er wieder fort.«

»Deine Sinne haben dir wahrscheinlich einen üblen Streich gespielt«, meinte Daniel lahm und ließ sich wieder in das Kissen zurück sinken. »Schlaf wieder ein, mein Schatz. Wir beide haben morgen einen anstrengenden Tag.«

Kurz darauf waren Daniels regelmäßigen Atemzüge zu vernehmen, die verrieten, dass er wieder eingeschlafen war.

Meine Müdigkeit war jedoch auf einmal wie weggeblasen. Noch immer hing der kaum wahrnehmbare Geruch nach Meer und Brandung in der Luft. Dieser Geruch war mir schon am Abend aufgefallen, als ich mich im Badezimmer fürs Bett zurecht gemacht hatte. Gracia war vor mir in dem Badezimmer gewesen, und ich vermutete, dass der eigentümliche Duft von ihr stammte.

Behutsam, um Daniel nicht erneut zu wecken, verließ ich das Bett. Ich glaubte nicht, dass der geheimnisvolle Nebel eine Sinnestäuschung gewesen war. Ich wollte der Sache auf den Grund gehen.

Nur in mein dünnes Nachthemd gekleidet, schlich ich zur Tür und trat auf den Flur hinaus. Hier war der Meeresgeruch wieder deutlicher spürbar. Leise schlich ich bis zum Wohnzimmer. Die Tür war nur angelehnt. Ich drückte sie auf - und erstarrte.

Durch die großen Panoramafenster drang das fahle Licht der nächtlichen Großstadt. Schneeflocken tanzten vor den Scheiben und zauberten schwebende, geisterhafte Schatten an die Wände und Möbel. Auf dem Sofa lag Gracia. Sie hatte einen meiner Pyjamas an und wälzte sich unruhig hin und her. Über ihr schwebte der geheimnisvolle Nebel. Er wirkte sehr filigran und schimmerte im matten Schein des hereinfallenden Lichts.

Fasziniert und schockiert zugleich beobachtete ich, wie der Nebel lange, tentakelförmige Arme ausbildete, die wie im Takt einer unhörbaren Sphärenmusik um Gracia herumtanzten und sie einhüllten. Schließlich sah das ganze Gebilde so aus wie ein riesiger Kokon aus hauchdünnem Nebelgespinst. In der Mitte dieses Kokons lag Gracia. Sie stöhnte und warf den Kopf unruhig hin und her: Schweißperlen traten auf ihre Stirn, und ihre Lider flatterten, als würde sie von einem heftigen Alptraum geplagt.

Wie unter einem fremden Zwang trat ich näher. Als ich Gracia betrachtete, kam es mir so vor, als wäre ihr Teint um einige Nuancen blasser als zuvor. Auch ihr brünettes Haar wirkte farblos und grau.

Fieberhaft überlegte ich, was ich tun sollte. Irgendetwas Geheimnisvolles, Mysteriöses ging mit Gracia vor sich. Doch warum der Nebel sie umgab und was er mit der Frau machte, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Unschlüssig streckte ich meine Hand aus. Als meine Finger das Nebelgespinst berührten, fühlte ich etwas Kaltes, Feuchtes.

Im nächsten Augenblick stob der geheimnisvolle Nebel auseinander und löste sich auf. Gracia riss die Augen auf. Sie fuhr hoch und setzte sich senkrecht auf. Ihre Augen blickten wirr in dem Zimmer umher. In ihnen lag ein seltsames kaltes Leuchten, das jedoch sofort wieder verschwand.

»Brenda?«, fragte sie mit rauer Stimme, als sie mich vor dem Sofa stehen sah. »Was machen Sie da?«

»Ich ... ich konnte nicht ein schlafen«, meinte ich verlegen. Plötzlich kam ich mir wie ein kleines Kind vor, das beim Spionieren ertappt worden war.

»Und warum haben Sie mich geweckt?«, fragte Gracia gereizt. »Ich bin nicht aufgelegt, Ihnen die Zeit zu vertreiben.«

Demonstrativ legte sie sich wieder hin und schlüpfte unter die Decke.

»Ich habe einen seltsame Nebel gesehen«, begann ich. »Er schien sie eingehüllt zu haben.«

»So ein Unsinn«, erwiderte Gracia abweisend. »Sie müssen reichlich wirr geträumt haben. Oder die Schatten der tanzenden Schneeflocken haben Sie genarrt.«

Ich schnupperte. Noch immer schwebte ein Hauch von Meeresgeruch im Zimmer.

»Riechen Sie es denn nicht?«, fragte ich leise. »Man könnte meinen, dass Meer wäre ganz in der Nähe.«

»Das ist mein Parfüm«, behauptete Gracia unbeteiligt. »Diese Duftnote ist auf den Bermudas der letzte Schrei.«

Gracia drehte sich von mir weg und zog sich die Decke über die Ohren. »Und nun wäre ich Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie mich wieder schlafen ließen«, brummte sie unhöflich.

Ich zuckte ratlos mit den Schultern und wandte mich ab. Auf leisen Sohlen kehrte ich ins Schlafzimmer zurück.

Daniel schlief noch immer friedlich und fest. Fröstelnd kuschelte ich mich an seine Seite. Ich versuchte, wieder einzuschlafen. Aber ich fuhr immer wieder aus leichtem Schlummer hoch und sah mich ebenso aufmerksam wie verstört im Zimmer um.

Doch der geisterhafte Nebel erschien kein zweites Mal.

5

Am nächsten Morgen weckte mich Daniel mit zärtlichen Küssen. Seufzend öffnete ich die Augen und sah meinen geliebten Mann verliebt an, der sich über mich gebeugt hatte und schmunzelnd auf mich herabsah.

»Willst du denn heute gar nicht aus den Federn?«, fragte er grinsend. »Ich muss in einer Stunde in der Klinik sein. Und wenn du noch im Museum eintreffen willst, bevor die Tore für die Besucher öffnen, würde ich dir raten, aufzustehen.«

Benommen richtete ich mich im Bett auf. Daniel war bereits angezogen, wie ich erst jetzt bemerkte.

»Wo ist Gracia?«, fragte ich unwillkürlich.

»Sie deckt für uns den Frühstückstisch«, antwortete Daniel gut gelaunt. »Riechst du nicht den frisch gebrauten Kaffee?«

Daniel schloss die Augen und schnupperte. Dann brummte er genießerisch, so als freute er sich schon darauf, den aromatisch riechenden Kaffee endlich zu trinken.

Ohne es zu wollen, musste ich plötzlich an den mysteriösen Meeresgeruch und den geisterhaften Nebel denken. Hatte ich mir diese Dinge wirklich nur eingebildet? Und stimmte es, dass der eigentümliche Geruch von einem Parfüm stammte, das Gracia benutzte?

Die Beantwortung dieser Fragen musste ich vorerst zurückstellen. Ich musste mich vielmehr beeilen, wenn ich nicht zu spät ins Museum kommen wollte. Professor Salomon Sloane, der Museumsdirektor, konnte sehr ungehalten reagieren, wenn er den Eindruck hatte, dass seine Mitarbeiter ihre Arbeit vernachlässigten.

Rasch stand ich auf, schlüpfte an Daniel vorbei und eilte ins Badezimmer, um mich frisch zu machen.

Leicht verärgert stellte ich fest, dass sich Gracia an meinen Schminksachen zu schaffen gemacht hatte. Sogar vor dem teuren Parfüm, das Daniel mir zum Geburtstag geschenkt hatte, war sie nicht zurückgeschreckt.

»Sie hätte mich doch wenigstens fragen können«, murmelte ich wütend. »Aber wenn ich mich jetzt bei ihr beschwere, wird sie es natürlich so hindrehen, als ob ich eine dumme Kuh wäre, die sich mit ihren Sachen reichlich biestig anstellt.«

Verstimmt stieg ich unter die Dusche. Der Tag fing ja gut an! Aber es sollte noch viel schlimmer kommen. Denn als ich zwanzig Minuten später erfrischt und neu eingekleidet im Wohnzimmer erschien, waren Daniel und Gracia schon ohne mich mit dem Frühstück angefangen. Sie unterhielten sich ausgelassen und lachten über irgendwelche Anekdoten aus ihrer gemeinsamen Studienzeit.

Gracia grüßte mich knapp und fuhr dann sogleich in ihrem Gespräch mit Daniel fort.

»Erinnerst du dich noch, als Jim versuchte, den Professor für Virologie davon zu überzeugen, dass der Mensch auch für die modernen Erkrankungen Heilmittel besitzt, und dass man, um diese Mittel einzusetzen, sich nur der uralten Methoden unserer Urahnen erinnern müsse?«

Daniel nickte und schmunzelte. »Jimmy hatte schon immer recht sonderbare Vorstellungen von der Medizin«, erwiderte er. »Er glaubte wirklich, dass für jede Krankheit ein Kraut gewachsen sei. Es wäre schön, wenn es sich wirklich so verhielte. Wie viele Menschenleben hätte ich retten können, wenn Jimmys Theorien stimmten. Auch deine Krankheit ließe sich dann heilen, Gracia.«

Gracias Lächeln gefror auf ihren Lippen. Rasch nahm sie den Kaffeebecher und nahm einen tiefen Schluck. Ich hatte das Gefühl, dass sie es nur tat, um sich zu verstecken, damit wir ihr ihre Gefühlsregungen nicht vom Gesicht ablesen konnten.

Unwillkürlich musste ich an das mysteriöse Nebelgespinst denken, das Gracias Körper wie ein Kokon eingehüllt hatte.

»Wenn wir deinen Mann finden sollen, musst du uns ein paar Anhaltspunkte geben«, meinte Daniel in diesem Augenblick und lenkte meine Aufmerksamkeit von meinen düsteren Gedanken ab. »Vielleicht hilft es uns weiter, wenn wir wissen, warum Jimmy dich verlassen hat.«

Gracia setzte ihren Becher ab und blickte Daniel ernst an. »Ich spreche nicht gerne über diese Dinge«, sagte sie ausweichend. »Jim hat die Bermudas verlassen, und er ist nach England zurück gekehrt«, fuhr sie bestimmend fort. »Er liebt seine Arbeit. Darum vermute ich, dass er versucht, in einer Klinik oder einem Sanatorium eine Einstellung zu bekommen. Dir als Arzt dürfte es nicht schwerfallen, herauszubekommen, wo Jim jetzt arbeitet.«

Daniel machte ein zweifelndes Gesicht. »Ich werde mein Bestes versuchen«, versprach er. »Aber mach’ dir nicht zu große Hoffnungen, Gracia. Wenn Jimmy Wert darauf legt, unentdeckt zu bleiben, wird es äußerst schwierig werden, ihn ausfindig zu machen. Es gibt eine Unzahl von Kliniken und Sanatorien in England.«

»Auf welches Gebiet hat sich Ihr Mann denn spezialisiert?«, schaltete ich mich in das Gespräch ein. »Sicher lassen sich die in Frage kommenden Kliniken leichter bestimmen, wenn wir wissen, auf welchem Gebiet Jim Curender auf den Bermudas tätig war.«

»Jim befasste sich mit alternativen Heilmethoden«, erwiderte Gracia knapp. »Von chemischen Medikamenten hielt er so gut wie gar nichts. Er war fest davon überzeugt, dass die Natur alle Stoffe enthält, die man zur Heilung von Krankheiten benötigt.«

Daniel sah auf seine Armbanduhr. »Brenda und ich müssen jetzt zur Arbeit«, erklärte er. »Sobald ich etwas herausfinde, gebe ich dir Bescheid, Gracia. Ich schlage vor, dass du so lange bei uns in der Atelierwohnung bleibst.«

Daniel warf mir einen fragenden Blick zu. Ich nickte etwas missmutig und signalisierte ihm, dass ich von seinem Vorschlag zwar nicht begeistert, aber trotzdem damit einverstanden war. Der Gedanke, Gracia allein in der Wohnung zu lassen, behagte mir zwar überhaupt nicht. Aber momentan sah ich keine Möglichkeit, dies zu verhindern.

Daniel und ich erhoben uns. Ich reichte Gracia zum Abschied die Hand. Sie fühlte sich seltsam kalt und feucht an.

Daniel begnügte sich nicht mit einem Händedruck. Er neigte sich zu Gracia hinab und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.

»Mach’ dir keine Sorgen«, sagte er in einem Tonfall, der Zuversicht ausdrücken sollte. »Wir werden deinen Jimmy schon finden.«

Gracia lächelte dünn. »Danke, Daniel. Ich wusste, dass du mich nicht im Stich lassen würdest.«

Daniel und ich nahmen unsere Jacken vom Haken und verließen kurz darauf die Wohnung. Als wir im Fahrstuhl nach unten fuhren, sah ich Daniel kopfschüttelnd an.

»Sonst bin ich es doch immer, die uns in seltsame Situationen manövriert«, merkte ich in einem Anflug von Sarkasmus an. »Doch diesmal scheinst du diesen Part übernehmen zu wollen.«

Daniel machte ein nachdenkliches Gesicht. »Gracia verheimlicht uns etwas«, bestätigte er. »Aber ich glaube kaum, dass dieses Geheimnis mit dem zu vergleichen ist, was die magischen Amulette uns bisher beschert haben. Ich glaube eher, dass es um sehr weltliche Dinge geht. Gracia und Jim haben sich verkracht. Irgendetwas muss zwischen ihnen vorgefallen sein. Und nun versucht Gracia, ihre Ehe wieder zu kitten. Doch dafür muss sie Jimmy erst einmal finden. Wir können ihr dabei behilflich sein. Doch das ist alles, was wir für die beiden tun können. Ihre Eheprobleme müssen sie schon selbst lösen.«

Der Lift erreichte die Eingangshalle des Hauses. Wir verließen die Kabine und schritten auf den Ausgang zu. Draußen schneite es noch immer. Der Hausmeister hatte inzwischen den Weg freigeschaufelt, sodass nun ein weißer Wall aus Schnee den Gehweg von der Fahrbahn trennte.

Ich hätte Daniel am liebsten von meinem unheimlichen nächtlichen Erlebnis erzählt. Aber ich befürchtete, dass er mir nicht glaubte und meine Beobachtungen auf meine Eifersucht zurückführte. Daher zog ich es vor, zu schweigen.

Doch als Daniel mich nun fest in seine Arme schloss und mir zum Abschied einen langen, leidenschaftlichen Kuss gab, wusste ich, dass es eigentlich gar keinen Grund gab, Daniel mein nächtliches Erlebnis vorzuenthalten. Doch nun war es zu spät. Daniel und ich mussten uns beeilen, damit wir nicht zu spät zur Arbeit kamen. Wir lösten uns voneinander und strebten auf unsere Wagen zu, die in verschiedenen Richtungen am Straßenrand parkten.

»Vielleicht schaffst du es, in der Mittagspause bei mir vorbeizukommen!«, rief Daniel mir zu. »Bis dahin habe ich sicher etwas über Jim Curender herausgefunden. Bestimmt kannst du mir mit deinen besonderen Fähigkeiten als Archäologin dabei helfen, seinen Aufenthaltsort herauszufinden.«

»Ich werde kommen!«, versprach ich und winkte glücklich.

6

»Sie sind heute wohl nicht so recht bei der Sache, Brenda«, ertönte neben mir eine tiefe Stimme.

Ich schreckte hoch und sah den Mann an meiner Seite verwirrt an. Er war ein stämmiger, raubeiniger Kerl, der in seinem schmuddeligen Overall und mit seinem kurzen Bürstenhaarschnitt aussah wie ein Schmied. Sein Name war Philipp Mariot, und er arbeitete im British Museum als Restaurateur. Professor Salomon Sloane hatte mich diese Woche dazu verdammt, in den Werkstätten des Museums zu arbeiten und Philipp beim Restaurieren einiger in Mitleidenschaft gezogenen Ausstellungsstücke zu helfen.

»Entschuldigen Sie, Philipp«, sagte ich verlegen und versuchte das Bild des gespenstischen Nebels, der einen Kokon um die schlafende Gracia Mabel gesponnen hatte, aus meinem Gehirn zu verbannen. Aber es gelang mir nicht vollständig. Das unheimliche Erlebnis ging mir einfach nicht mehr aus dem Sinn.

»Ich bin mit meinen Gedanken ganz woanders«, erklärte ich Philipp schulterzuckend. »Ich fürchte, ich bin Ihnen heute keine große Hilfe.«

Philipp schmunzelte gutmütig und tätschelte mit seiner schwieligen Hand meine Schulter.

»Ich kenne das«, meinte er versöhnlich. »Ich starre auch immer Löcher in die Wand, wenn ich überarbeitet bin. Sie sollten vielleicht mal wieder Urlaub machen, Brenda.«

»Ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal Ferien gemacht habe«, erwiderte ich und grinste säuerlich. »Und wie es aussieht, wird es in naher Zukunft auch nicht möglich sein, einmal auszuspannen.«

Ich musste dabei an Gracia denken. Irgendwie wurde ich das unbestimmte Gefühl nicht los, dass ihr Problem mit der Auffindung ihres verschollenen Mannes nicht erledigt war. Gracia trug ein düsteres Geheimnis mit sich.

Philipp drohte mir scherzhaft mit dem Zeigefinger, der so dick war wie eine Currywurst.

»Passen Sie auf, Brenda, dass es Ihnen nicht so ergeht wie meiner Frau«, meinte er dann ernst. »Sie ist Kinderkrankenschwester und opferte sich für ihren Job so sehr auf, dass sie vor wenigen Tagen einen Nervenzusammenbruch erlitt. Es ist ernster, als wir anfangs dachten. Jetzt schmachtet sie in einem Sanatorium in der Nähe von London, damit sie wieder zu Kräften kommt. Sie sehen daran, dass man diese Dinge nicht auf die leichte Schulter nehmen soll.«

»Ich werde mir Ihren Rat zu Herzen nehmen«, erwiderte ich. »Hoffentlich ist Ihre Frau bald wieder über den Berg.«

»In dem Sanatorium ist sie bestimmt in guten Händen«, meinte Philipp vergnügt. »Ich telefoniere jeden Abend mit ihr. Es macht mich richtig glücklich zu hören, welche Fortschritte sie macht. Bald wird sie bestimmt wieder ganz die Alte sein.«

Philipp schaute auf seine Armbanduhr. »Wir machen jetzt Mittagspause«, bestimmte er. »In zwei Stunden fahren wir mit der Arbeit fort.«

Er warf der alten Säule, die in der Mitte der Werkstatt stand, einen grimmigen Blick zu. Jugendliche hatten sich einen Spaß daraus gemacht, ihre Initialen in den alten Stein der römischen Säule zu ritzen. Diese »Verewigungen« mussten wir nun mit viel Mühe und Aufwand wieder entfernen.

»Kommen Sie mit in die Kantine?«, erkundigte sich Philipp.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe vor, meinem Mann in der Klinik einen Besuch abzustatten«, erwiderte ich.

Philipp nickte verständnisvoll. »Tun Sie das«, ermunterte er mich. »Manchmal wünschte ich, ich hätte mir für meine Frau auch mehr Zeit genommen und sie ab und zu auf ihrer Arbeit besucht. Vielleicht wäre es mir dann noch rechtzeitig aufgefallen, wie überarbeitet und müde sie war.«

Er winkte mir zu und verließ die Werkstatt.

Einen Moment lang starrte ich die Tür, durch die Philipp verschwunden war, gedankenverloren an. Philipp war schon ein Prachtkerl, der trotz seines einfachen Gemüts ein feines Gespür für Menschen hatte. Ich sehnte mich tatsächlich nach Ruhe und Abgeschiedenheit - und nach ungestörter Zweisamkeit mit Daniel.

Doch genau das war momentan völlig unmöglich. Gracia Mabel hatte sich, wie ein Kuckuck in einem fremden Nest, in unserer Wohnung eingenistet. Daniel würde nicht eher ruhen, bis er Jim Curender, ihren Ehemann, für sie gefunden hatte. So lange musste ich die Anwesenheit seiner ehemaligen Studienkollegin wohl oder übel ertragen. Ich konnte nur hoffen, dass Daniel schnell fündig wurde. Denn dann würde Gracia mitsamt ihrem düsteren Geheimnis endlich aus meinem Leben verschwinden!

Ich wusch mir die Hände am Waschbecken der Werkstatt und machte mich dann auf den Weg zum Parkplatz. Ich war gespannt, was Daniel inzwischen über Jim Curender herausgefunden hatte.

7

Daniel erwartete mich bereits in seinem Büro in der Klinik. Wegen der Schneeverwehungen auf den Straßen hatte ich für die Fahrt vom Museum zum St. Thomas Hospital länger gebraucht, als sonst. Jetzt war ich froh, in Daniels warmem kleinen Büro angekommen zu sein. Bis auf einen Schreibtisch, eine Pritsche, auf der Daniel während seiner Nachtschichten schlief, wenn nichts zu tun war, und einem Regal, das vollgestellt war mit medizinischen Büchern, war der Raum leer. Durch das Fenster viel trübes Tageslicht, das den Raum in diffuses Zwielicht tauchte.

Daniel kam auf mich zu und half mir aus der Jacke. Sein Gesicht sah ernst und ein wenig besorgt aus.

Zärtlich fuhr ich ihm mit den Fingern durch sein hellbraunes, lockiges Haar.

»Was betrübt dich?«, fragte ich.

»Es ist wegen Gracia«, erwiderte Daniel. »Sie hat mir viel mehr verschwiegen, als ich angenommen hatte. Ich bin ein wenig enttäuscht, denn ich hatte mir gewünscht, dass Gracia mir vertrauen und offen mit mir reden würde, wenn sie schon unsere Hilfe in Anspruch nehmen möchte.«

Ich hakte mich bei Daniel unter. Gemeinsam gingen wir zu seinem Schreibtisch und nahmen Platz.

»Ich hatte sofort den Eindruck, dass mit Gracia etwas nicht stimmt«, meinte ich und hoffte, dass Daniel nicht bemerkte, wie erleichtert ich über seine Ernüchterung war. Für meinen Geschmack war er Gracia gegenüber eine Spur zu blauäugig und hilfsbereit gewesen. Was immer zwischen ihm und Gracia während der Studienzeit gewesen war, war mit Sicherheit über eine rein freundschaftliche Beziehung hinaus gegangen.

»Ich fürchte, ich war wirklich ein wenig zu gutgläubig«, gab Daniel zu. »Trotzdem verstehe ich nicht, warum Gracia mir wesentliche Fakten über ihren Mann verschwieg.«

»Willst du mir nicht endlich erzählen, was du herausgefunden hast?«, fragte ich ungeduldig.

»Ich habe mit dem Gesundheitsministerium der Bermudas telefoniert«, erklärte Daniel. »Die Telefonzentrale des St. Thomas Hospital wird bestimmt Ärger machen, wegen der hohen Telefonkosten. Aber die Sache war es wert. Ich habe von einem Ministeriummitarbeiter erfahren, dass Dr. Jim Curender wegen eines schweren Vergehens in Haft saß. Vor einer Woche gelang ihm die Flucht. Seitdem wird nach ihm gefahndet. Bisher jedoch erfolglos.«

»Damit hat sich deine Theorie über einen Ehekrach der beiden wohl erledigt«, meinte ich rau.

Daniel nickte düster. »Jimmy scheint Gracia allerdings nicht in seine Fluchtpläne eingeweiht zu haben. Sonst würde sie jetzt bestimmt nicht nach ihm suchen.«

Seine Miene wurde noch eine Spur nachdenklicher, als er fortfuhr: »Was ich jedoch nicht so recht glauben kann, ist die Aussage, die Gracia bei der Verhandlung vor Gericht gemacht hatte. Sie gab an, von Jimmys Machenschaften überhaupt nichts gewusst zu haben.«

»Was hat er denn verbrochen?«

»Jimmy führte in dem Sanatorium, in dem er arbeitete, heimlich Experimente durch. Dabei kam ein Patient ums Leben.«

»Oh, Gott«, flüsterte ich schockiert.

Daniel schlug mit der Faust auf den Tisch. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gracia von diesen Dingen nichts wusste. Schließlich ist sie selbst Ärztin und lebte die ganze Zeit mit Jim zusammen.«

»Das ist ja schrecklich«, schüttelte ich fassungslos den Kopf. »Um was für Experimente handelte es sich denn?«

»Das wollte mir der Beamte nicht sagen. Er deutete lediglich an, dass es sich um eine äußerst fragwürdige alternative Heilmethode handelte.«

»Das heißt also, dass wir Jim, falls wir ihn finden, sofort der Polizei ausliefern müssen. Das wird Gracia aber gar nicht gefallen.«

»Ich schätze, dass sie auch aus diesem Grund Jimmys Verfehlungen vor mir verheimlichen wollte. Aber sie selbst ist auch kein unbeschriebenes Blatt.«

»Hast du etwa auch etwas über Gracia in Erfahrung gebracht?«

Daniel nickte. »Gracia hat in den Jahren, die sie zusammen mit Jim auf den Bermudas verbrachte, auffallend oft den Arbeitsplatz gewechselt. Sie war nur Assistenzärztin. Trotzdem ist es sehr ungewöhnlich, dass sie sich in keinem der Ärzteteams, in denen sie arbeitete, heimisch gefühlt hat. Das lässt nur darauf schließen, dass sie bei ihren Kollegen nicht gerade beliebt war und es immer wieder zu Unstimmigkeiten kam, die Gracia zwangen, das Krankenhaus zu wechseln.«

»Es wird langsam Zeit, dass Gracia uns reinen Wein einschenkt«, meinte ich düster.

Daniel schüttelte betrübt den Kopf. »Gracia war eine aufgeweckte, intelligente Frau«, meinte er leise. »Ich habe immer geglaubt, dass ihr eine steile Karriere bevorstehen würde. Es ist ein Jammer, was aus ihr geworden ist. Daran ist bestimmt Jim mit seinen verschrobenen Vorstellungen über alternative Heilmethoden schuld.«

Ich legte Daniel eine Hand auf den Unterarm und sah ihn zärtlich an.

»Du hast damals viel für Gracia empfunden, stimmt’s?«

Daniel schaute mich an und lächelte dünn. »Ja«, erwiderte er ehrlich. »Ich war sogar in sie verliebt. Aber dann verloren wir uns aus den Augen. Gracia verließ die Uni. Dass sie mit Jim Curender zu den Bermudas aufbrechen würde, hätte ich niemals gedacht. Meine Liebe für Gracia war wohl nicht tief und intensiv genug. Sonst hätte ich es nie zugelassen, dass wir uns aus den Augen verloren.«

Er schmunzelte, nahm meine Hand und küsste sie. »Mit dir würde mir so etwas nicht passieren«, flüsterte er und sah mir dabei tief in die Augen. »So wie dich, habe ich zuvor noch nie eine Frau geliebt. Und es wird auch in Zukunft keine andere Frau geben, für die ich Ähnliches empfinden könnte, wie für dich, Brenda. Zwischen mir und Gracia ist nichts Ernsthaftes vorgefallen. Es gibt also keinen Grund für dich, auf sie eifersüchtig zu sein.«

Ich seufzte. »Es tut gut, das aus deinem Mund zu hören«, meinte ich erleichtert. »Ich muss gestehen, dass ich Gracia ziemlich unsympathisch fand. Ihr Versuch, dich um ihren Finger zu wickeln, war so offensichtlich, dass ich richtig wütend auf dich wurde, weil du Gracias Trick nicht durchschaut hast. Aber jetzt verstehe ich langsam, warum du nicht anders handeln konntest. Es ist bestimmt nicht einfach, plötzlich mit einem Stück unerledigter Vergangenheit konfrontiert zu werden.«

Daniel lächelte glücklich. »Ich bin unheimlich froh, dass du mich verstehst«, gestand er. »Und ich bin erleichtert, dass ich dir über Gracia und mir die Wahrheit gesagt habe. Zwischen Menschen, die sich wirklich lieben, braucht es keine Geheimnisse zu geben. Im Gegenteil. Unehrlichkeit zerstört nur die Gefühle, die man füreinander empfindet.«

Daniel beugte sich vor und hauchte mir einen Kuss auf die Stirn.

Ich fand, dass es nun endlich an der Zeit war, Daniel von meinem mysteriösen nächtlichen Erlebnis zu berichten. In knappen Worten schilderte ich ihm den unheimlichen Nebel und Gracias Reaktion, als sie erwachte.

»Langsam habe ich den Eindruck, dass sich diese Sache in eine Richtung entwickelt, die mir überhaupt nicht behagt«, erklärte Daniel gedehnt, nachdem ich geendet hatte. »Jetzt fehlt eigentlich noch, dass wir erfahren, dass ein magisches Amulett im Spiel ist ...«

Daniel ließ seine Andeutung im Raum stehen. Aber er brauchte auch gar nicht weiterzusprechen. Ich wusste auch so, was er zum Ausdruck bringen wollte. Es sah ganz danach aus, als wären wir wieder in den Bann von übersinnlichen Ereignissen geraten. Nur wussten wir noch nicht, welche Rolle Gracia und ihr Mann dabei spielten.

»Wir müssen Gracia endlich dazu bringen, uns alles zu erzählen, was sie weiß«, meinte ich bestimmend. »Ich möchte nämlich nicht noch mehr böse Überraschungen erleben.«

»Ich habe bereits versucht, Gracia in der Atelierwohnung zu erreichen«, sagte Daniel. »Aber es nimmt niemand ab. Entweder hat Gracia die Wohnung verlassen, oder sie schläft so tief und fest, dass sie das Telefon nicht hört.«

Plötzlich setzte draußen vor der Bürotür ein richtiger Tumult ein. Laute hektische Rufe und polternde Schritte waren zu vernehmen.

»Lasst mich gehen!«, dröhnte eine Männerstimme durch den Korridor. »Ich muss zu der Nebelfrau. Sie braucht mich!«

8

Daniel schnellte von seinem Stuhl hoch und eilte zur Tür. Als er sie öffnete, befand ich mich bereits hinter ihm. Auf dem Korridor, der von Neonröhren hell erleuchtet war, waren mehrere Krankenschwestern damit beschäftigt, einen Patienten zu bändigen. Es handelte sich um einen Mann mittleren Alters. Er hatte schütteres Haar und ein aufgedunsenes Gesicht. Er trug nur einen Klinik-Pyjama und versuchte, die Krankenschwestern, die ihn festhielten, abzuschütteln.

»Lassen Sie mich gehen!«, rief der Mann verzweifelt. »Ich muss zu ihr. Sie braucht mich dringend. Das spüre ich ganz deutlich!«

Daniel trat mit wenigen Schritten vor den Mann hin und bedeutete den Schwestern, den Patienten loszulassen.

»Was geht hier vor?«, erkundigte sich Daniel mit strengem Unterton in der Stimme.

»Ich muss auf der Stelle zu der Nebelfrau«, erklärte, der Mann hektisch und zupfte seinen in Unordnung geratenen Pyjama wieder glatt.

»Sie sind Mr. Graham Porter, habe ich recht?«, erwiderte Daniel, ohne auf die Worte des Mannes einzugehen.

Der Mann nickte fahrig und wollte sich an Daniel vorbeischieben. Aber Daniel verstellte ihm den Weg.

»Mr. Porter«, sagte er streng. »Sie können die Klinik in dieser Aufmachung nicht verlassen. Draußen herrscht bittere Kälte. Es schneit. Ein Pyjama scheint mir für diese rauen Witterungsverhältnisse nicht gerade geeignet zu sein. Mal abgesehen davon, dass Sie mit diesem Aufzug gegen die herrschenden Modevorstellungen der gesamten Londoner Bevölkerung verstoßen.«

Die Krankenschwestern kicherten. Aber Graham Porter hatte nichts für Daniels ironische Sprüche übrig.

»Sie verstehen nicht!«, schrie er außer sich und packte Daniel an den Aufschlagen seines Arztkittels. »Die Nebelfrau braucht mich. Ich muss sofort zu ihr.«

»Beruhigen Sie sich doch, Mr. Porter«, redete Daniel sanft auf den Mann ein, während er den Krankenschwestern ein Zeichen gab, Hilfe zu holen. »Sie sind noch viel zu geschwächt, um die Klinik verlassen zu können. Außerdem haben wir gestern Nacht, als sie bewusstlos in die Klinik eingeliefert wurden, versucht, Ihre Frau zu verständigen. Aber sie wollte nichts von Ihnen wissen.«

»Ich spreche nicht von meiner Frau«, erwiderte Graham Porter hitzig. »In ihren Armen habe ich nie etwas Vergleichbares erlebt wie gestern Nacht in den Armen der Nebelfrau. Joana ist mir gleichgültig. Sie braucht mich nicht. Aber die Nebelfrau braucht mich. Ich muss zu ihr. Das spüre ich mit jeder Faser meines Körpers!«

Graham Porter stieß Daniel unsanft beiseite und rannte an ihm vorbei.

Daniel ließ den Mann gewähren. Kurz darauf begriff ich auch, warum. Drei Männer des Sicherheitsdienstes näherten sich bereits vom anderen Ende des Korridors. Graham Porter lief ihnen direkt in die Arme.

Die Männer packten zu und zerrten den sich sträubenden Graham Porter auf ein Rollbett, das sie mitgebracht hatten. Dann schnallten sie den tobenden Mann mit Riemen auf dem Bett fest.

»Bringen Sie Mr. Porter auf die Intensivstation«, wies Daniel die Wachmänner an. »Man soll ihm eine Beruhigungsspritze verabreichen. Er ist sehr geschwächt und scheint ziemlich durcheinander zu sein.«

Die Männer nickten und schoben das Rollbett den Korridor hinunter, wo sie kurz darauf hinter einer Gangbiegung verschwanden. Graham Porters verzweifelte Schreie hallten unheimlich in den Korridoren wider.

Fröstelnd rieb ich mir mit den Händen über die Oberarme.

»Der Mann kann einem ja leid tun«, sagte ich mit belegter Stimme.

Daniel nickte. »Ein seltsamer Fall«, erwiderte er gedankenverloren. »Graham Porter wurde gestern Nacht von einer Polizeistreife in einer kleinen Seitenstraße, nicht weit von dem Büro, gefunden, in dem er arbeitet. Er war bewusstlos und trug außer seiner Unterwäsche nichts auf dem Leib. Aber nicht weit von dem Mann entfernt lag ein Aktenkoffer, der ihm gehörte. Graham Porter war stark unterkühlt. Wahrscheinlich lag er schon einige Stunden bewusstlos in der Gasse.«

Daniel hakte sich bei mir unter und geleitete mich zurück in sein Büro.

»Hier in der Klinik stellte man dann fest, dass Graham Porter wegen Entkräftung das Bewusstsein verlor«, fuhr Daniel währenddessen fort. »Der Grund dafür konnte allerdings nicht festgestellt werden. Zwar bestätigte sein Chef, dass Graham Porter bis spät in die Nacht über Akten gebrütet hatte. Aber das erklärt nicht, warum Graham Porter so sehr geschwächt war, dass wir ihn künstlich ernähren mussten. Auch die Theorie der Polizei, dass Graham Porter Opfer eines Raubüberfalls geworden war, ließ sich nicht bestätigen. Er wies keinerlei Wunden oder Verletzungen auf. Da er bewusstlos war, konnten wir ihn auch nicht fragen, was vorgefallen war. Es blieb nichts anderes übrig, als zu warten, bis er wieder zu sich kommt. Nun ist es endlich so weit. Doch seiner geistigen Verfassung nach zu urteilen, wird er zu der Aufklärung der Umstände, die zu seiner Entkräftung führten, wohl nicht allzu viel beisteuern können.«

In diesem Moment trat eine Krankenschwester auf Daniel zu. Ich erkannte in ihr eine der Frauen wieder, die versucht hatten, Graham Porter am Verlassen der Klinik zu hindern.

»Dr. Connors«, sagte sie an Daniel gewandt. »Mr. Porter schläft jetzt wieder. Nachdem wir ihm die Beruhigungsspritze gaben, ist er sofort eingeschlafen.«

»Wie lange ist es her, seit er erwachte?«, erkundigte sich Daniel.

»Ein paar Minuten«, erwiderte die Krankenschwester. »Er schlug die Augen auf und stand sofort auf. Als wir ihn fragten, was er vorhätte, erklärte er uns, dass er sofort zu der Frau müsse, die er gestern Nacht getroffen hatte. Wir versuchten ihn davon abzuhalten. Das Resultat davon haben Sie ja soeben selbst miterleben können.«

»Wen er wohl mit der Nebelfrau gemeint hat?«, überlegte ich angestrengt.

Daniel sah auf seine Armbanduhr. »Ich muss jetzt wieder an die Arbeit, Brenda«, erklärte er bedauernd. »Ich werde im Laufe

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