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Todesengel im Viertel

Todesengel im Viertel

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Todesengel im Viertel

Länge:
296 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 23, 2020
ISBN:
9783958132269
Format:
Buch

Beschreibung

Vierter Fall für Werner Jensen im Hamburger Schanzenviertel und auf St. Pauli: eine vergiftete Frau wird vor einer Pfarrei gefunden, eine verbrannte vor einer Freikirche und eine gesteinigte vor einer Moschee. Die Morde scheinen zusammenzuhängen, aber die Spurenlage ist mehr als dürftig. Im Internet entdeckt Jensens Kollegin Beiträge, welche die Frauenmorde rechtfertigen sollen. Will der Mörder Religionen verunglimpfen? Sind die Frauen Opfer eines Zuhälterkrieges auf St. Pauli? Gibt es persönliche Motive oder Streit in einer Frauengruppe? Oder steckt etwas ganz anderes hinter den Morden? Auch die Journalistin Nele will den Mörder finden. Sie und ihre Freundin bekommen Informationen, die die Polizei nicht hat. Mit ihren Nachforschungen wirbelt sie Staub auf. Sie gerät ins Visier der Zuhälter vom St. Pauli und wird von sogenannten Maskulinisten bedroht. Doch aus welchem dieser Milieus stammt der Täter? Oder muss auch Nele ganz woanders nachforschen? Während Neles Beziehung eine harte Bewährungsprobe bestehen muss, vermischen sich für Jensen Privates und Dienstliches immer mehr.
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 23, 2020
ISBN:
9783958132269
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Todesengel im Viertel - Cord Buch

Inhaltsverzeichnis

Gift der Schlange

Montag, 01:45 Uhr

Die Tür der Großen Freiheit 36 schließt sich. Schlagartig verstummt der musikalische Partylärm, wird abgelöst durch farbenfrohe Leuchtreklame. Rainer legt einen Arm um Eriks Schulter.

»Ein Scheißtag wird das morgen.«

»Wieso?«, lallt Erik.

»Mann, ich muss um neun auf der Arbeit sein.«

»Und ich heute.«

»Stimmt, heute ist schon morgen. Lasst euch doch krankschreiben«, kichert Corinna einen Rat.

»Nicht schon wieder. Der Chef hat mich auf dem Kieker.«

Sie ziehen die Große Freiheit hinauf. Linkerseits erhebt sich die Silhouette der Katholischen Pfarrei Sankt Joseph. Ein zurückliegendes Gebäude, auf das man nach einem durchgefeierten Wochenende nicht achtet. Corinnas Blick huscht trotzdem für einen kurzen Augenblick in Richtung Gotteshaus.

»Da liegt jemand auf den Treppenstufen.«

»Na und? Hier liegt überall jemand rum.« Rainer beeindruckt Corinnas Beobachtung nicht.

»Ich glaube, das ist eine Frau.«

»Dürfen Frauen nicht besoffen oder obdachlos hier liegen?«

»Oder besoffen und obdachlos?«, murmelt Erik.

Corinna löst sich von den Männern. Sie kann nicht vorbeigehen, wenn jemand Hilfe braucht. Auch nicht auf dem Kiez. Sie begibt sich zu der auf den Stufen liegenden Person und beugt sich zu ihr hinunter.

»Kommt mal. Die Frau sieht komisch aus.«

»Lass sie in Ruhe.«

»Und wenn es ihr nicht gut geht?«

»Nun mal langsam, du bist keine Ärztin.« Rainer ist skeptisch. »Lass die Tusse pennen.«

»Ehrlich, die schläft nicht.« Die Euphorie der Nacht ist aus Corinnas Stimme entflohen, und der Alkohol im Blut kann Unsicherheit und aufkommende Angst nicht fortspülen.

»Guckt mal, ihre Haare. Wer läuft denn so rum?«, wird auch Rainer unsicher.

»Sieht aus, als ob jemand ihren Kopf rasiert hat.«

»Mir egal.« Corinna hat genug. »Ich rufe die Bullen.«

Montag 9:30 Uhr

Staatsanwalt Müller am frühen Morgen: So stellt sich Hauptkommissar Werner Jensen nicht den idealen Einstieg in eine neue Arbeitswoche vor. Wie der durch seine altmodische Brille guckt, die seltsam mit seinen dunklen lockigen Haaren kontrastiert, während er redet.

»Der Fundort liegt nahe dem Viertel. Was liegt näher, als dass Sie den Fall übernehmen?«

»Wieso?« Jensens sonore Stimme kann sein Montagmorgentief nicht verbergen.

»Sie kennen sich da aus, sind sozusagen der Experte für das Viertel.«

Die mit einem ironischen Lächeln versehenen staatsanwaltschaftlichen Worte schmeicheln Jensen keineswegs. Aber er freut sich, sich wieder mit einem aktuellen Fall beschäftigen zu können, und über die Aussicht, vom Studium der Ermittlungsakten eines ungelösten abgezogen zu werden. Vielleicht wird er Nele wiedersehen. Seit einem halben Jahr hat er nichts von ihr gehört. Nur manchmal einen ihrer Artikel in der Stadtrundschau gelesen.

»Welcher Kollege war am Fundort?«

»Hauptkommissar Moser vom Staatsschutz. Er hatte letzte Nacht Bereitschaft. Sie kennen sich ja.«

Und wie, denkt Jensen und versichert dem Staatsanwalt die sofortige Übernahme des Falls.

Im Präsidium öffnet er die Tür zu seinem Büro. Kriminaloberkommissarin Wiebke Maurer sitzt auf dem Schreibtisch, die Füße auf den Bürostuhl gestützt, den sie mit rhythmischen Bewegungen von sich wegstößt und wieder zu sich hinzieht. Ihre langen blonden Haare fallen auf ihre Schultern. In der Hand hält sie die ausgegilbte und nicht digitalisierte Akte des ungelösten Falls, der seit Tagen Jensens und ihren Arbeitsalltag bestimmt.

»Moin, Werner«, begrüßt sie ihren Kollegen mit ihrer tiefen Stimme und legt seufzend den auf Papier gebannten Mord aus den Händen.

»Moin. Und pack die Akte ganz weg«, murmelt Jensen in seinen Vollbart. Während sich die Haare auf seinem Kopf nach fünfzig Jahren Lebenszeit immer weiter zurückziehen und blasse Haut zum Vorschein kommt, verhalten sich die Haare in seinem Bart gegensätzlich und vermehren sich.

»Wieso?«

»Wir haben einen neuen Fall. Moser hat ihn heute Nacht aufgenommen.«

Jensen drückt auf den Startknopf seines Computers, gibt ihm Zeit hochzufahren und bereitet sich einen Tee zu. Minuten später dampft der belebende Trank im mit maritimem Blau verzierten Pott und der Computer ist arbeitsbereit. Er ruft die elektronische Ermittlungsdatei auf. Wiebke Maurer setzt sich neben ihn.

»Drei Nachtschwärmer entdeckten gegen zwei Uhr nachts auf der Treppe der Katholischen Pfarrei Sankt Joseph eine hilflose Frau. Die gerufenen Beamten, die kurze Zeit später vor Ort waren, zogen einen Arzt hinzu. Der stellte das Ableben der Frau fest und hegte den Verdacht, dass sie nicht einen natürlichen Tod gestorben ist.«

»Dieser Bericht ist steril wie die Pathologie«, schimpft Jensen. »Geht das nicht ein bisschen flüssiger?«

Statt zu antworten liest Wiebke Maurer laut weiter:

»Die Kollegen informierten die Nachtschicht der Kripo. Kurze Zeit später traf Hauptkommissar Moser ein und dokumentierte die Auffindsituation. Bei der Toten wurden weder Ausweispapiere noch ein Handy gefunden. Daraufhin wurde ein Ermittlungsverfahren eröffnet. Es ist nahezu ausgeschlossen, dass die jungen Leute, die die Frau gefunden haben, mit ihrem Tod zu tun haben.«

Jensen beugt sich vor. »Nun bin ich dran mit Lesen: Das mutmaßliche Opfer ist weiblich, geschätzt zwischen 40 und 50 Jahre und trug Freizeitkleidung. Auffällig sind die grob geschorenen dunklen Haare … «

Zur Illustration seiner Beschreibung hat Moser diverse Fotos aus unterschiedlichen Perspektiven in die Akte geladen.

»Die sieht recht gut aus«, kommentiert Wiebke Maurer. »Ich meine, sie würde das, wenn sie noch ihre Haare hätte. Und leben würde.«

»Komm, wir müssen uns selbst den Tatort anschauen.«

»Fundort, Werner, Fundort«, korrigiert ihn seine Kollegin.

»Wie kommst du darauf?«

»Einfach mal zu Ende lesen. Das hilft. Und bildet.«

»Nächstes Mal.«

Werner Jensen mag die Art, wie Wiebke Maurer ihn korrigiert, wenn ihm seine logische Stringenz verloren geht. Er schaut durch das Fenster in den Himmel, in dem sich tiefes Blau mit dem Schwarz mächtiger Schauerwolken paart.

»Hol deine Jacke, wir fahren los.«

Montag, 9:30 Uhr

Nele zwängt sich in ihre Lederjacke. Irgendwie wird sie von Jahr zu Jahr enger. Aber sich von ihr trennen? Niemals.

Sie versorgt die schwarze Katze Berta mit Wasser und einer Handvoll Trockenfutter und lässt sie zusammen mit der ewig gegen die Trockenheit in ihrem Topf ankämpfenden Geranie allein zu Hause.

Wie gut, dass ihre Freundin Birte gestern Abend mit dem Vorschlag herauskam, gemeinsam im Morgenstern zu frühstücken. Alle Alternativen wären schlechter gewesen. Frühstück mit ihrem Lebenspartner Tjark hätte bedeutet, um sechs Uhr aufzustehen: unmenschlich. Zu einer späteren Zeit allein zu frühstücken: langweilig. Frühstück vor dem Computer in der Redaktion inmitten der dort üblichen Hektik: ungesund. Nur Birtes Vorschlag garantiert einen menschlichen Beginn der neuen Arbeitswoche.

Im Morgenstern angekommen registriert Nele nur am Rande, dass sich nicht viele den montäglichen Luxus eines auswärtigen Frühstücks leisten können. Ihre volle Aufmerksamkeit gilt ihrer Freundin, die wie in jedem Jahr zu Beginn des kalendarischen Frühlings ihre Winterschuhe gegen Sandalen getauscht hat. Ob sie nie kalte Füße bekommt?

»Hallo, meine Liebe«, begrüßen sie sich wort- und zeitgleich und fallen sich in die Arme. Birte verwuschelt Neles kastanienrot getöntes Haar. Ihre Haare sind zu kurz, als dass Nele sie durcheinanderbringen könnte.

»Ich habe großen Hunger«, informiert Birte und stellt sich an der Kasse an, um für das Frühstücksbuffet zu bezahlen. Nele folgt ihr. Mit ihrer Statur verdeckt sie ihre kleinere und schlankere Freundin.

Am Tisch, die Teller mit Brötchen, Spiegelei, Wurst und Müsli befüllt, schwatzen sie über Tjark und Birtes Freund Jan, über Erlebnisse, über Pläne und über alltägliche Banalitäten, bis Birte ein anderes Thema anschlägt.

»Wie läuft es in der Stadtrundschau?«, erinnert sie Nele daran, dass Montag ein Arbeitstag ist. »An welchen Themen bist du dran?«

»Na ja, der G20-Gipfel ist nicht aufgearbeitet. Es gibt immer noch Verhaftungen und Prozesse. Verkehr ist zu einem beherrschenden Thema mutiert. Ewige Staus, Ausbau der Radwege, öffentlicher Nahverkehr, Dieselskandal, Fahrverbote, Klima. Und die Folgen der Corona-Epidemie, na klar.«

»Was ich dich immer fragen wollte«, Birte runzelt die Stirn. »Warum schreibst du nie über Frauenthemen?«

»Das macht bei uns Nina.«

»Kann sie es besser als du?«

»Klar. Sie ist jung und kommt frisch von der Uni. Somit ist sie näher an den aktuellen Diskussionen dran als wir mit unserem uralten Feminismus.«

»Du bist diejenige, die die Fünfzig überschritten hat. Ich man gerade die Vierzig.«

»Du weißt, was ich meine.«

»Aber kann Nina die richtig schweren Themen? Die, die viel Theorie und Erfahrung brauchen?«

»Meinst du, junge Frauen sind nicht klug?«, wundert sich Nele über die Vorbehalte ihrer Freundin.

»Doch, schon. Aber sie sehen die Welt oft ahistorisch, so als ob wir die verstehen könnten, ohne unsere Geschichte zu kennen. Das ist mir gerade letztens bewusst geworden, als ich in unserer Gruppe eine tolle Frau kennengelernt habe. Kennst du Frauke Perlen?«

»Nie gehört, den Namen.«

»Sie ist eine feministische Professorin und hält einige Vorträge in der Vorlesungsreihe Gender Lectures an der Uni. Und sie sieht toll aus.«

»Besser als Jan?«, lacht Nele.

»Mein Freund ist ja keine Frau.« Birte zeigt ihr übliches breites Grinsen. »Im Ernst: Ich will mich gleich mit ihr treffen. Wir wollen überlegen, wie wir als Feministinnen wieder offensiver werden können. Ich behaupte schon lange, dass wir die Verbindung zu den sozialen Auseinandersetzungen verloren haben. Wir planen eine Veranstaltung im Viertel. Wird Zeit, dass wir sie vorbereiten.«

Neles Blick erheischt das Ziffernblatt der Kneipenuhr. Seine Botschaft ist eindeutig: Es ist Zeit, dass sie ihre Arbeitswoche beginnt.

»Ich glaube, ich muss los«, teilt sie ihre Erkenntnis mit ihrer Freundin. Seufzend stimmt diese ihr zu.

»Was ist«, gibt sie Nele eine Idee mit auf den Weg, »wollen wir an einem der nächsten Wochenenden etwas zusammen machen? Wir beide mit Tjark und Jan?«

Montag, 10:00 Uhr

Jensen und Wiebke Maurer kommen auf ihrer Fahrt nach Sankt Pauli zügig durch. Erstaunlich, denn es ist Montagmorgen und es herrscht Berufsverkehr. In der Schmuckstraße, bis in die 1930er Jahre Kern des Chinesenviertels, findet Jensen einen Parkplatz für seinen klapperigen Golf. Die Straße führt direkt auf die Große Freiheit und sie sehen bereits beim Aussteigen das Portal der Katholischen Pfarrei Sankt Joseph.

Die turmlose barocke Kirche aus rotem Backstein und das Portal des Saalbaus mit seiner verzierten Fassade beeindrucken Jensen. Die mächtige Heiligenfigur des Sankt Joseph thront zwischen zwei hohen Fenstern.

»Das Gebäude kenne ich irgendwoher. Aber ich habe nicht gewusst, dass das eine Kirche ist. So ganz ohne Turm«, gesteht Wiebke Maurer ihre Unwissenheit.

»Außendienst bildet«, bemerkt ihr Kollege und verrät nicht, ob er wusste, dass inmitten des Vergnügungsviertels eine katholische Pfarrei residiert.

Die Tür im Stahlgitter vor der Kirche ist mit Absperrband versehen. Auf dem Vorplatz und auf der Treppe, die zu einer mächtigen Eingangstür führt, suchen Kriminaltechniker nach Spuren. Die Leiche ist längst abtransportiert. Der in der letzten Nacht diensthabende Staatsanwalt ordnete wegen der unklaren Sachlage eine Obduktion an und ließ die tote Frau dem Bereitschaftsdienst der Rechtsmedizin übergeben. Die Große Freiheit wird sie nie wiedersehen.

Jensen bleibt auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen. Wie immer muss er die Atmosphäre des Tatortes in sich aufsaugen. Obwohl, Wiebke Maurer hat recht, hier ist nur der Fundort.

Wer legt eine tote Frau auf den Stufen einer Kirche ab? Hat die Frau hier auf dem Kiez gearbeitet? Ist sie ermordet worden? Ist ihr Tod das Ergebnis von Verteilungskämpfen zwischen Zuhältern?

»Werner, du spekulierst zu viel.«

»Sankt Pauli, Kirche, tote Frau, da drängen sich solche Gedanken auf.«

»Und sind deswegen bestimmt falsch.« Wiebke Maurer lacht.

Sie schlüpfen unter dem Absperrband hindurch und begrüßen die Spurensucher. Jede Zigarettenkippe, jeder Kronkorken und jeder Ansatz eines Fußabdrucks werden unter die Lupe genommen.

»Schon irgendetwas Interessantes?«, fragt Jensen wenig hoffnungsfroh.

»Nichts, was dir zum jetzigen Zeitpunkt weiterhelfen würde«, informiert eine Kriminaltechnikerin im weißen Ganzkörperkondom.

Jensen hat genug gesehen. Er ruft seine Kollegin zu sich, zückt sein Handy und wählt die Nummer der Rechtsmedizin im Universitätskrankenhaus. Er stellt den Lautsprecher laut und Wiebke Maurer rückt eng an ihn heran.

»Moin, Herr Jensen, Sie haben also den Fall der toten Frau von Sankt Pauli bekommen?«, meldet sich Doktor Weiß.

»Genau. Und ich hoffe, Sie sagen mir, sie ist eines natürlichen Todes gestorben und ich kann wieder gemütlich im Büro Tee trinken.«

»Auf den ersten Blick sieht es so aus. Herzversagen, kann immer mal passieren. Einige frische Hämatome, aber keine starken. Die Frau ist gefesselt worden, wenn auch nur für kurze Zeit.«

»Hört sich nicht gut an.«

»Könnte noch alles gut sein: Sadomaso-Sex und vor Aufregung Herzversagen.«

»Aber?« Jensen weiß, das Spannendste kommt immer am Schluss. Da macht Doktor Weiß keine Ausnahme.

»Die Frage ist: warum Herzversagen? Und nun kommt es: Wir haben eine frische Einstichstelle in der Armbeuge gefunden. Wenn unsere Sadomaso-Frau nicht auch noch Fixerin war, wonach es aber nicht aussieht, dann hat ihr jemand etwas verabreicht, das zu dem Herzversagen geführt hat.«

»Und was?«

Doktor Weiß lacht. »Das, Herr Jensen, das herauszubekommen, das kann dauern. Klassische Gifte, künstliche Nervengifte, Medikamente, radioaktive Stoffe, chemische Kampfstoffe, alles möglich.«

»Wie lange brauchen Sie?«

»Keine Ahnung. Vielleicht dauert es lange, ganz lange, aber vielleicht geht es auch schnell. Gift ist nicht gleich Gift, wie gesagt.«

Jensen brummelt Ungeduld in seinen krausen Vollbart und in das Handy.

»Ich melde mich, sobald ich Genaueres weiß.«

Jensen beendet das Gespräch, blickt Wiebke Maurer an und wartet auf deren Kommentar.

»Immerhin haben wir schon etwas.«

»Und was?«

»Werner, willst du wieder die Oberkommissarin für den Hauptkommissar denken lassen?«

»Jo.« Jensen grinst seine Kollegin an, die zu einer gemeinsamen Schlussfolgerung ansetzt.

»Der Verdacht, dass es sich um ein Tötungsdelikt handelt, hat sich erhärtet. Gut möglich, dass die Frau vergiftet wurde.«

»Na siehst du«, behält Jensen sein Grinsen bei, »bald wirst du zur Hauptkommissarin befördert.«

Wiebke Maurer ist sich nicht so sicher. Aber einig mit Jensen, dass sie genug gesehen haben.

»Fahren wir zurück. Wir müssen herausbekommen, wer die Frau ist. Oder besser, war.«

Montag, 11:00 Uhr

Birte verzichtet auf den öffentlichen Nahverkehr. Sie hält dessen Tickets für überteuert. Sechs Euro fünfzig für eine Tageskarte! Also geht sie vom Morgenstern aus den gut einen Kilometer langen Weg zum Zentrum GenderWissen der Hamburger Universität zu Fuß. Tief atmet sie den Hauch des Frühlings ein, der sich in die abgasgeschwängerte Luft der Stadt gemischt hat. Sie spürt, wie ihre Füße kalt werden.

Nach einer Viertelstunde erreicht sie ihr Ziel: ein zweistöckiges Haus, dessen Fassade aus schmutzig grauem Backstein besteht. Vielleicht war das Mauerwerk einst weiß, vielleicht auch gelb. Birte kann es nicht erkennen. Vor dem Eingang mit einer neu eingebauten weißen Flügeltür stehen unordentlich abgestellte Fahrräder. Daneben prahlen Büsche mit ihrem zarten Grün.

Auf Anhieb findet Birte das Zimmer im zweiten Stock, in dem Frauke Perlens Arbeitsplatz beheimatet ist und sie sich treffen wollen. Es ist verschlossen. Birte schaut auf ihr Handydisplay: elf Uhr und zwei Minuten. Zwei Minuten zu spät, das zählt nicht. Sie ist auch nicht immer pünktlich. Warum sollte Frauke es sein?

Sie geht hinunter zum Eingang, dreht eine kleine Runde vor der Tür, raucht eine Zigarette, kehrt zurück in das Gebäude. Vielleicht hat Frauke es inzwischen durch einen Hintereingang betreten, oder ihr Zimmer war verschlossen, weil sie vor ihrem Gespräch noch auf die Toilette gegangen ist. Doch Frauke ist nach wie vor nicht an ihrem Arbeitsplatz.

Birte fragt die Frauen in den Nachbarzimmern. Keine von ihnen weiß, wo die Gesuchte sich befindet oder warum sie nicht anwesend ist.

»So kenne ich Frauke nicht. Die hält immer ihre Termine ein. Und wenn die Welt untergeht.«

Die Aussage hilft Birte nicht weiter.

Sie ruft Frauke an. Deren Handy ist vorübergehend nicht erreichbar, teilt ihr eine künstlich klingende Stimme mit. Von einer Mitarbeiterin des Zentrums, der Fraukes Abwesenheit auch nicht erklärlich ist, erhält sie ihre Festnetznummer.

»Berger«, verrät eine leise Stimme einen Namen, mit dem Birte nichts anfangen kann.

»Ich möchte gerne mit Frauke Perlen sprechen.«

Frau Berger lacht lustlos.

»Möchte ich auch. Aber Frauke ist nicht zu Hause. Genauer gesagt, ist sie seit gestern Mittag nicht mehr zu Hause gewesen. Das ist manchmal so. Ach was, warum erzähle ich Ihnen das? Frauke ist nicht da. Auf Wiederhören.«

Die Verbindung wird unterbrochen. Birte ist verwirrt und schaut ratlos auf ihr Handy. Warum war Frau Berger so knapp angebunden? Stimmt was nicht?

Montag, 13:00 Uhr

Jensen lässt sich auf seinen neuen Bürostuhl plumpsen, den er vor Wochen bekommen hat. Tagelang trauerte er seinen alten nach und Wiebke Maurer bezichtigte ihn mehrmals des Quengelns. Inzwischen hat er die Vorteile ergonomischer Stuhlgestaltung schätzen gelernt.

Sein gefüllter Teepott dampft vor sich hin und verbreitet Gemütlichkeit.

»Dann man los: Wir haben eine tote Frau. Die Todesursache ist unklar, und wir wissen nicht, wer sie ist.«

»Wie teilen wir uns auf?« Wiebke Maurer schaltet ihren sachlichen Modus ein.

»Also, du nimmst dir die als vermisst gemeldeten Personen vor und schaust, ob du unsere Frau unter ihnen findest.«

»Welchen Zeitraum soll ich zurückgehen?«

»Die letzten vier Wochen. Und nicht nur Hamburg, bundesweit. Es kommen auch im Frühling viele Besucher in die Stadt.«

»Und du? Tust du auch was oder grübelst du bei einem Tee über mögliche Mordmotive?«

»Ich werde mir die Aufzeichnungen der Überwachungskameras aus der Nähe des Fundortes besorgen. Vielleicht sehen wir, wie die Frau dorthin gebracht wurde.«

»Gibt es denn dort welche? Meinst du, katholische Kirchgänger werden gefilmt?«

»Wiebke, der ganze Kiez ist videoüberwacht. Du kannst da keinen Schritt machen, ohne erfasst zu werden. Das ist wie in der Innenstadt.«

»Na, denn viel Spaß beim Filme gucken.«

»Wer? Ich? Ich habe nur gesagt, ich beschaffe die Filme. Die angucken, das machen die Jungs und Deerns von der Ermittlungsunterstützung.«

Montag, 14:00 Uhr

Birte beschließt, bei Frauke Perlen vorbeizuschauen. Immerhin muss die Veranstaltung der Frauengruppe in der nächsten Woche vorbereitet werden. Wäre peinlich, öffentlich großspurig einzuladen, um als Feministinnen wieder sichtbarer zu sein, aber nichts Durchdachtes vortragen zu können und die Besucher zu enttäuschen.

Doch zunächst muss sie eine der Jugendwohnungen aufsuchen, in denen sie Heranwachsende betreut. Diese Arbeit gibt ihr viel zeitliche Flexibilität, doch ihre Termine muss sie einhalten. Wie sollen sonst die Jugendlichen Pünktlichkeit lernen?

In der Wohnung ist es ruhig, die Bewohner sind ausgeflogen, drücken die Schulbank oder befinden sich in einer Ausbildung. Nur Timo sitzt in der Gemeinschaftsküche am Tisch und daddelt ein Spiel auf seinem Handy.

»Moin, Timo.«

»Tach«, antwortet er leise mit einem süddeutschen Einschlag in der Aussprache.

Timo hat das dritte Mal einen Ausbildungsplatz aufgegeben. Dieses Mal als Fensterputzer. Birte mag auch keine Fenster putzen und sie reinigt selten die ihrer Wohnung, sehr selten sogar, aber irgendetwas muss Timo machen, muss irgendwann auf eigenen Beinen stehen.

Er ist vor einigen Monaten achtzehn geworden und laut Gesetz volljährig. Und Birte will nicht über seinen Kopf bestimmen, aber ihm helfen, seinen Weg zu finden. Wenn er denn will.

»War also nichts mit Fenster putzen.«

»Nö«.

»Und warum nicht?«

»Die waren voll blöd da.«

»Wer, die?«

»Die Chefin. Ich habe nichts gegen Frauen, aber als Chef von Fensterputzern? Das geht nicht.« Timo verzieht sein noch kindliches, längliches Gesicht unter seiner dunklen Kurzhaarfrisur zu einer Grimasse.

Birte hat oft mit ihm gesprochen und sie weiß, dass sie besser nicht jedes seiner Worte auf die Goldwaage legen darf. Sonst werden sie sich in Rage reden und das Thema Ausbildung nicht erfolgreich besprechen können.

Sie entnimmt ihrem Rucksack einige Papiere und breitet sie auf dem Tisch aus. »Schau mal hier.«

Timos Blick löst sich kurzzeitig

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