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EUROPÄISCHE MALEREI
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eBook770 Seiten4 Stunden

EUROPÄISCHE MALEREI

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Über dieses E-Book

Der Kunsthistoriker und Philosoph, Charles Wentinck, der neben seiner Tätigkeit als Autor und Kunstsachverständiger viele Jahre lang dem Niederländischen Königshaus als Berater in Sachen Kunst und Kultur diente, unternimmt in diesem Werk einen gewagten Streifzug durch die Kunstgeschichte Europas – von der Entdeckung der vorzeitlichen Höhlenmalerei in der Höhle von Altamira bei Santillana del Mar in Spanien bis zur Modernen Kunst heutiger Tage. Aber gerade das war ursprünglich gar nicht beabsichtigt. Freilich sollte dem Bild der Kunst, das nur summarisch und in Umrissen entworfen wurde, mehr entnommen werden können als nur die Entwicklung des künstlerischen Handwerks. Solange von den niederländischen Malereien des 17. Jahrhunderts, den flämischen Primitiven, der italienischen Renaissance, den griechischen Marmorbildern oder römischen Wandmalereien die Rede war, schienen alle sicher zu wissen, was unter Kunst zu verstehen sei. Je mehr wir uns freilich neueren Zeitläufen nähern, desto mehr scheint unsere Sicherheit dahinzuschwinden. Die Vielfalt moderner Erscheinungsformen von Kunst ist und bleibt verwirrend.
Viele zeitgenössische Schöpfungen haben kaum mehr etwas zu tun mit dem Handwerk des Malers oder Bildhauers, mit dem jedenfalls, was man in früheren Zeiten darunter verstand. Und oft erhebt sich die Frage; Haben die Äußerungen der modernen Kunst überhaupt noch einen Sinn? Die Frage selbst ist eigentlich nur sinnvoll, wenn man bereit ist, sie auch mehr oder weniger umzukehren und zu fragen; Hatte die alte Kunst denn einen »Sinn«?
Erleben Sie in diesem reich bebilderten Buch die aufschlussreich wie spannende Auflösung der Frage, die sich der Autor stellt, vor dem Hintergrund der Kunstentwicklung in Europa.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum25. Okt. 2020
ISBN9783945120590
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    Buchvorschau

    EUROPÄISCHE MALEREI - Prof. Charles Wentinck

    IMPRESSUM

    ©Digitale Neuausgabe 2020, by Serges Medien, Solingen

    ©Originalausgabe by Koniglijke Smeets Offset, Weert, NL und Media Serges BV., Weert NL

    ©Für Werke von bildenden Künstlern, angeschlossen bei der CISAC-Organisation ist die Verwertung der Urheberrechte geregelt mit Beeldrecht Amsterdam, Niederlande

    Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Werkes darf in irgendeiner Form und ohne Genehmigung des Verlages kopiert, verwendet oder veröffentlicht werden.

    Die Verwendung des Inhalts oder Teilen davon auf digitalen Plattformen oder in sozialen Medien ist ausdrücklich untersagt.

    Realisierung der Digitalausgabe:

    Zeilenwert GmbH., 07407 Rudolstadt und Ingenieurbüro Müller, 76228 Karlsruhe

    Coverabbildung:

    Wassily Kandinsky, 1903, Der Blaue Reiter, Öl auf Leinwand,, 52.1 x 54.6 cm, Stiftung Sammlung E.G. Bührle, Zürich

    Inhalt

    Cover

    Titel

    Impressum

    Vorgeschichte

    Vorgeschichtliche Malerei

    Baron Sautuola, der 1868 erstmalig die Höhle von Altamira bei Santillana del Mar in Spanien erforscht hatte, unternahm 1879 abermals einen Einstieg, dieses Mal in Begleitung seiner zwölfjährigen Tochter. Und sie war es, die nach oben schaute und dort die farbenprächtigen Malereien entdeckte, die ihrem Vater 11 Jahre zuvor entgangen waren. Zuerst wurde die Echtheit der Malereien angezweifelt, aber 1902 einigte man sich darauf, dass Steinzeitmenschen diese Kunstwerke geschaffen haben mussten. Seither wurden in Nordspanien ebenso wie in Südfrankreich laufend weitere Entdeckungen gemacht, die unvermutet die Kunstgeschichte um ein neues Kapitel bereicherten.

    Man sprach von einer »franko-kantabrischen Periode«, aber eine Beschränkung auf diesen Raum ließ sich nicht aufrecht erhalten. 1931 entdeckte man nämlich Höhlenmalereien auch in Skandinavien, und 1936 wurden die in Russland unterdessen gemachten Entdeckungen zum ersten Male wissenschaftlich erforscht. Ungefähr zur selben Zeit fand man auf dem Balkan, in der Tschechoslowakei, Ungarn und Russland kleine figürliche Darstellungen von Menschen. Auch die Kunst der sogenannten Hallstatt-Zeit, die im österreichischen Salzkammergut zuhause war und in die Eisenzeit, teilweise sogar in das Bronze-Zeitalter zurückreichte, wie auch die Kunst der Kelten fanden nun Eingang in das Geschichtsbewusstsein der Menschheit.

    Solche und andere Entdeckungen werden seither laufend getätigt – man denke nur an den »Lepenski-Vir« in Jugoslawien – und jede dieser Entdeckungen wirft ein neues Licht auf Zivilisationen, in deren Beurteilung man sich allgemein einig gewesen war; Geschichte wurde wieder zum Gesprächsstoff, zumal ihre Anfänge immer weiter in die Vergangenheit rückten.

    Die ältesten und bekanntesten Kunstwerke stammen aus der Steinzeit. Es sind weibliche Figuren, die man in den Beschreibungen gewöhnlich als »Venus …« zu bezeichnen pflegt. Sie stellen Erd- und Fruchtbarkeitsgöttinnen dar, und dementsprechend sind in der Darstellung Rumpf und Geschlechtsteile zum Zeichen der Fruchtbarkeit überbetont.

    1. Lascaux, Stier und Herde, Felswandmalerei, 15000-10000 v. Chr.

    2. Lascaux, Verwundeter Bison, Mann und Rhinozeros, Felswandmalerei, 15000-10000 v. Chr.

    3. Altamira Stehender Bison Felswandmalerei ca. 13500 v. Chr.

    4. Lascaux Kuh und kleine Pferde Felswandmalerei 15000-10000 v. Chr.

    5. Die Venus von Willendorf ca. 21000 v. Chr., Kalkstein Naturhistorisches Museum, Wien

    Die jüngste paläolithische Epoche (ungefähr 25000 bis 10000 v. Chr.), da die Venus-Figuren entstanden, nennt man auch nach der Höhle von La Madeleine im Gebiet der Dordogne in Frankreich das »Magdalénien«. Dieses Zeitalter mit seinem kalten und trockenen Klima zwang die Menschen dazu, in Höhlen und Felslöchern Schutz zu suchen, und rief so die Kunst der Malerei ins Leben. Auf den Höhlenwänden erscheinen nun plötzlich Tierdarstellungen, die mit primitiven Pinseln oder mit den Fingern aufgetragen wurden und nicht dekorativen Zwecken dienten, sondern Teil eines magischen Rituals waren, das zwischen dem, was auf der Wand malerisch dargestellt war und den wirklichen Geschehnissen Zusammenhänge stiftete.

    Altamira

    Naturgetreue Ritzzeichnungen und Malereien finden sich besonders häufig in den Höhlen Südwestfrankreichs und Nordspaniens. So sind in der schon erwähnten Höhle von Altamira Tiere wie Bisons, Hirsche und Eber dargestellt, und zwar nicht nur malerisch, sondern zugleich en relief: Natürliche Wölbungen der Höhlenwand, Felsvorsprünge u.a. werden dabei auf ingeniöse Weise genutzt. Die Farbwirkung wird durch Erdfarben erzielt; zur Anwendung gelangen heller und dunkler Ocker, schwarzes Mangan, Erden und Eisenoxyd.

    Der Eindruck ist überwältigend. Diese Malereien lassen die Kluft zwischen der Kunst jenes Zeitalters und der Gegenwartskunst, lassen die Jahrtausende, die sie trennen, fast völlig vergessen, und dies nicht nur der Frische der Farbgebung halber, sondern auch formal ihrer Ausdruckskraft wegen, die sich mit der heutigen Kunst messen kann.

    Lascaux

    Die 1940 entdeckte Höhle von Cascaux ist mit ihren vorgeschichtlichen Tierdarstellungen die reichste, und ihre annähernd 20000 Jahre alten Kunstwerke wirken noch heute so frisch wie eh und je.

    6. Die Venus von Lespugue ca. 20000 v. Chr., Elfenbein Musée de l'Homme. Paris

    7. Kykladen Das Haupt von Amorgos 2600-2100 v. Chr., Marmor Louvre, Paris

    In der Höhle sind Nashörner, Bisons, Rotwild, aber auch Kühe und eine kleine Rasse von Pferden dargestellt. Auf anderen Wänden erscheinen Rentiere und Stiere. Bei aller angestrebten Naturtreue finden sich gewisse Übertreibungen, die zur Steigerung des Ausdrucks und vor allem zur Verherrlichung der Zeugungskraft beitragen sollten.

    Vorgeschichtliche Bildhauerkunst

    Trotz der paar schon erwähnten Idole blieb die Bildhauerkunst des Steinzeitalters, gemessen an der Malerei, relativ unbekannt. Dabei fand man in der Gegend von Lascaux bei Les Eyzies in der französischen Dordogne Reliefs, die, wenn sie auch noch keine freistehenden Skulpturen waren, doch als Bildhauerarbeiten gewertet werden mussten. Den darauf abgebildeten Bison datiert man um 21 000 v. Chr. Das Pferd aus der Montespan-Höhle im Departement Haute-Garonne stammt etwa aus derselben Zeit.

    Konnte man bislang eher von Zeichnungen als von dreidimensionaler Kunst sprechen, so trifft dies auf den Bison von der Tue d'Adoubert-Höhle im französischen Departement Ariege nicht mehr zu, denn er wurde in Ton modelliert, der beim Trocknen zersprang. Dass das Modell trotz seiner Brüchigkeit erhalten blieb, ist ausschließlich seiner Anreicherung mit stalagmitischen Bestandteilen zu danken, jenen Kalksteinniederschlägen also, die Tropfsteine bilden.

    8. Stonehenge Megalithisches Heiligtum (?) I. Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr.

    Urgestalten der Venus

    Die schon erwähnten weiblichen Figuren datieren aus derselben Periode um 21000 v. Chr. wie der stehende Bison aus Les Eyzies. Diese »Venus«-Figuren mit ihrem charakteristisch breiten Gesäß wurden in Stein gehauen, aus Lehm modelliert oder in Elfenbein geschnitzt. Ihre berühmtesten Vertreterinnen sind die Venus von Lespugue und die Venus von Willendorf, deren expressionistisch akzentuierte Formen besonders beeindrucken.

    Von den Pyrenäen bis Sibirien, in Norditalien und Mitteleuropa stößt man plötzlich auf technisch versierte Bildhauer, die deutlich in einer künstlerischen Tradition stehen, begegnet man freistehenden Plastiken, die ungeachtet kleiner Abweichungen in der Regel alle auf eine Urform zurückzuführen sind. Immer sind es korpulente Frauengestalten mit enormen Becken und Genitalien, massigen Brüsten und Hüften. Individuelle Züge sucht man vergebens. Der vorgeschichtliche Bildhauer würdigte das Gesicht keiner Beachtung, sondern konzentrierte sich ganz auf den Rumpf. Auch den Gliedmaßen und ihren Proportionen schenkte er wenig Aufmerksamkeit, Arme und Beine kamen dabei »zu kurz«. Diese Auffassung setzte sich bis ins Neolithikum fort und blieb auch später noch gültig. Ungefähr bis in die Bronzezeit hinein bleibt die Kunst formal derjenigen des vorgeschichtlichen Zeitalters verpflichtet. So entdeckte man in Anatolien Figuren, die um 6000 v. Chr. anzusetzen waren, aber immer noch unverkennbar Fruchtbarkeitssymbole aufwiesen mit den dazugehörigen Übertreibungen gewisser Körperpartien. So ähneln auch die Kykladen-Idole – nackte Frauenfiguren – formal ziemlich einer Violine; die untere Körperpartie ist wohlgerundet, der Kopf zylindrisch; der Frauenkörper wird hier in seiner elementarsten Form evoziert.

    Und doch war ein Wandel eingetreten, der, wenn man an die vorgeschichtlichen Figuren denkt, die Bildhauerkunst allem Anschein nach aus der Tradition hatte ausbrechen lassen. Charakteristisch für diese Übergangszeit sind nicht nur die Ausgewogenheit und Plastizität der Kykladenskulpturen, in denen ein neuerwachter Sinn für Proportionen spürbar wird; der Neubeginn manifestiert sich vor allem in einer gewissen Vorliebe für Stilisierung und Abstraktion, und in dieser Hinsicht zeichnet sich in der Tat eine neue Ära der Kunstgeschichte ab.

    Nun war der Einzelne nicht mehr den Mächten der Erde wie Fruchtbarkeit und Mutterschaft einfach ausgeliefert. Zwar leugnete er nicht, an sie gebunden zu sein und verlieh dem auch Gestalt – man sieht es an den Kykladen-Idolen –, aber Schaffensdrang und das Bedürfnis nach formaler Idealisierung wurden nun übermächtig.

    Die Mittelmeerländer, vornehmlich diejenigen Gegenden, nach denen man Kunststile zu nennen pflegt, waren Einflüssen vielfältiger Art ausgesetzt. Lange ehe die Griechen und Phönizier sich behaupten konnten, traten Eroberer auf den Plan, die längs der Küsten plündernd und raubend zur allgemeinen kulturellen Entwicklung das Ihre beitrugen. Lange Zeit überwog der Einfluss aus dem Osten, aber von dem Augenblick an, da die Römer Karthago (202 v. Chr.) und in der Folge Spanien eroberten, schwand der griechische Einfluss im westlichen Mittelmeerbecken. Bis dahin hatten östliche Religion und Lebensart das kulturelle Klima bestimmt. Ein Beispiel dafür ist die Stierverehrung, die in vorgeschichtlichen Zeiten ihren Ursprung hatte, auf die Iberische Halbinsel übergriff und noch heute in der Form des Stierkampfes lebendig geblieben ist.

    9. Kykladen Figur, gefunden bei Naxos 2600-2100 v. Chr., Marmor Louvre. Paris

    10. Haupt einer Figur aus Jugoslawien ca. 5. Jahrtausend v. Chr., Terrakotta Muzej Kosova i Metohije, Pristina

    Sardische Bronzen

    Malta besitzt noch Denkmäler aus der Bronzezeit, Bauten, die stilistisch stark von Kreta und Mykenä beeinflusst sind. Sardinien ist besonders reich an archäologischen Fundstätten; die hier entdeckten Bronzen gehen bis in die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends zurück, und sind nach der »cireperdue«-Methode der verlorenen Form hergestellt. Nicht nur der Umstand, dass sich mit dieser Technik nur Einzelstücke herstellen lassen, macht diese Bronzen so wertvoll; eindrucksvoll ist vor allem die Ausdruckskraft, die diesen Figürchen innewohnt. Eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihnen und Figuren, die auf der ja eng benachbarten Iberischen Halbinsel gefunden wurden, ist nicht abzustreiten. Auch die Kunst der Phönizier ähnelt unverkennbar der aus Sardinien, was hauptsächlich auf die Handelsbeziehungen der Phönizier zurückzuführen sein dürfte, die diese mit allen an das Mittelmeer angrenzenden Nationen unterhielten. Man braucht indessen nur die Figur eines sardischen Bogenschützen neben eine iberische Bronze zu stellen, um zu erkennen, dass die Unterschiede doch größer sind als die Ähnlichkeiten, was sich, wenn auch nur zum Teil, damit erklären lässt, dass die iberischen Bronzen keine Einzelanfertigungen waren, sondern Massenprodukte.

    Die Kunst der Jäger

    In der Kunst der Steinzeit begegnet man Tierdarstellungen ebenso wie Darstellungen weiblicher Figuren. Kunst wurde nicht zum ästhetischen Vergnügen, sondern der magischen Kräfte wegen geschaffen, die man ihr zuschrieb. Tieropfer wurden dargebracht, um die übernatürlichen Kräfte zu beschwören, die, nach Meinung der vorgeschichtlichen Jäger, den Tieren innewohnten und sie beschützten.

    11. Wagen mit Sonnenscheibe aus Trundholm ca. 1400 v. Chr., Bronze, Scheibe vergoldet (?) National Museet, Kopenhagen

    Die lebendigsten Beispiele kleiner Tierdarstellungen stammen aus Südwesteuropa, jener schon erwähnten Gegend der Höhlenmalereien. Sie finden sich auf Waffen und Werkzeugen, nur werden jetzt, anders als in der Höhlenmalerei und

    -bildhauerei

    , mit Vorliebe Wildpferde dargestellt. Das in Les Espélugues aufgefundene Pferd ist ein hervorragendes Beispiel realistischer Darstellung; es vermittelt den Eindruck, als ob es ein fernes Geräusch aufhorchen ließe, als ob es mit gestrecktem Halse abwartete, dass irgend etwas passierte. Dass diese lebendige Kunst ein Beobachterdasein voraussetzt, ist unverkennbar; sie ist eine ausgesprochene Jägerkunst.

    Frühkulturen und Verkehrsverbindungen

    Im Neolithikum, der Jungsteinzeit also, begegnet man unterschiedlichen Kulturstufen. Alle zehren sie vom Erbe der Mittelmeerländer. Für ihre Ausbreitung spielte die Donau eine wichtige Rolle, denn auf ihr wanderten Kunst und Kultur des östlichen Mittelmeerraumes gen Norden, diese Wasserstraße entlang erreichten sie Zentraleuropa. Ein anderer Weg führte auf die Iberische Halbinsel, und von dort aus nordwärts nach Westfrankreich und auf die Britischen Inseln.

    Während der Bronzezeit setzte sich dieser Einfluss auf eben diesem Wege bis nach Skandinavien fort, das sich eben erst aus der Eiszeit löste. Dass dies mit einer gewissen Verzögerung geschah, führte zu steinzeitlichen Formgebungen, die sich in Skandinavien länger hielten als anderswo. Die auf Höhlenwänden in Nordeuropa entdeckten Malereien unterscheiden sich von denen Südwesteuropas in mehr als einer Hinsicht. Es stimmt zwar, dass sie einem späteren Zeitalter, dem Neolithikum, angehören und dass sich die zeitliche Differenz aus der Verzögerung herleiten lässt, mit der die Entwicklung in diesem Teile der Welt vor sich ging, aber mit dieser Erklärung allein ist es nicht getan. Ganz wie in der urtümlichen Malerei der australischen Eingeborenen finden sich in der Jungsteinzeit Skandinaviens Szenen aus dem Alltag von Fischern und Jägern dargestellt.

    Ein gutes Beispiel kultureller Durchdringung auf dem Wege über die Donau sind die Idole, die man in Strelice in Mähren gefunden hat. Der Frauentyp der paläolithischen Venus wird hier von vorklassischen mediterranen Formen überlagert. Die Tschechoslowakei wurde gleichfalls vom Mittelmeer her beeinflusst, und wieder geschah dies auf dem Donauwege, wie man den Funden aus der Gegend von Pristina entnehmen kann. Es sind Figuren von dramatischer Ausdruckskraft. Auffallend an ihnen ist die Überbetonung der Augenpartie.

    Steinblockmonumente

    In Frankreich wurden mehr als 6000 Gräber aus der Jungsteinzeit entdeckt, mehr als die Hälfte davon in der Bretagne. Erhalten sind aufrechtstehende Monolithen aus dem Anfang des dritten vorchristlichen Jahrtausends, wobei Standorte und Grabmäler gleichermaßen als »Menhire« bezeichnet werden. Riesige Felsstücke, die in Hufeisenform angeordnet sind, vermitteln einen Eindruck von der Macht der Götter, die man verehrte.

    12. Hallstatt Krieger 8.-5. Jahrhundert v. Chr., Bronze Naturhistorisches Museum, Wien

    13. Sardinien Bogenschütze 7. -5. Jahrhundert v. Chr., Bronze British Museum. London

    Dreißig und mehr Jahrhunderte, so scheint es, trennen das Jungpaläolithikum mit seinen naturalistischen Wandmalereien von der neolithischen Ära um 7500 v. Chr. Damals traten Völkerschriften auf, die riesige Denkmäler auf ebenem Grunde errichteten wie etwa in Stonehenge (Wiltshire, England) – es ist eines der eindrucksvollsten und ältesten Denkmäler dieser Art – und in der Bretagne. Diese magischen Felszirkel beweisen, dass die Gesellschaft sich stärker organisiert haben musste.

    Höchstwahrscheinlich dienten die dergestalt angeordneten Steinblöcke der Sonnenverehrung – nicht etwa dem Kulte lebender oder toter Wesenheiten – und stellten so einen Tempel oder eine Sonnenuhr enormen Ausmaßes dar.

    Der Trundholm-Wagen

    Während der Bronze- und frühen Eisenzeit (nach 3000 v. Chr.) wurden in verschiedenen Teilen Europas Pferd und Wagen, zuerst in seiner vierräderigen Ausführung, eingeführt. Natürlich hatte der berühmte Wagen von Trundholm Berührungspunkte mit Fahrzeugen anderer Art. Hier aber handelte es sich im kosmogonischen Sinne um einen symbolischen Wagen; er symbolisierte die Erscheinungen des Weltalls. Das Pferd wird als mythologisches Tier gesehen, das den Sonnenaufgang befördert. Die Sonne selbst besteht aus zwei konvexen Teilen, die durch einen Ring zusammengehalten sind. Blattgold überzieht beide Hälften. Dieses Fundstück datiert man ins 14. Jahrhundert v. Chr.

    Die Hallstatt-Kultur

    Im ersten vorchristlichen Jahrtausend drängten die Völkerschaften Zentral- und Nordeuropas unablässig gen Süden. Die Hallstattleute eroberten Griechenland, Norditalien und Nordostspanien. So erfuhren sie den schöpferischen Einfluss Südeuropas; nördlich der Alpen war man kaum je mit etwas Vergleichbarem in Berührung gekommen. Eine bestimmte Form ornamentaler Kunst blühte in Handwerk und Kunstgewerbe. Die Gegend nördlich der Alpen war also ursprünglich weder germanisch noch keltisch, sondern wurde von einem Stamm beherrscht, den man nach der Hauptfundstelle Hallstatt in Österreich benannte; die Macht dieses ursprünglich illyrischen Stammes hielt nicht lange vor. Offensichtlich ist er in anderen Völkerschaften auf- und damit untergegangen.

    Charakteristisch für die Hallstattkultur ist, dass sie als Verbindungsglied zwischen Nord und Süd fungierte. Besonders gegen Ende der Hallstattära bestanden zwischen Nord- und Südeuropa enge Handelsbeziehungen, wobei die griechische Kolonie Massilia, das heutige Marseille, den Handel systematisch organisierte. Die Nachahmung griechischer Vorbilder führte zu einem beträchtlichen Anwachsen des Handels in Nord- und Zentraleuropa. In der Bronzeverarbeitung jedenfalls standen die Hallstattleute dem Süden nicht mehr nach.

    14. Anatolien Grabmal von Antiochus I. bei Nimrud-Dagh 1. Jahrhundert v. Chr.

    Die Geburt Europas

    Die Gehurt des Westens

    Europa wurde in – und zusammen mit – Griechenland geboren. Die neue Zivilisation, die in Athen ihren Ursprung hatte, unterschied sich von all ihren Vorgängerinnen; keine von ihnen nahm sie sich zum Muster und begründete eben deshalb, was allein westliche Zivilisation und Kultur genannt werden darf. Europäischer Geist und westliche Mentalität sind als genuin griechische Entdeckungen anzusehen. Was die griechische Welt – und hoffentlich auch die unsere! – von der Alten Welt unterschied, war die überragende Bedeutung, die bei allen menschlichen Betätigungen nun dem Geistigen beigemessen wurde. Diese Vorrangstellung hat ihren Ursprung in Hellas und schlug dort Wurzeln. In einer Welt der Irrationalität, die überall sonstwo vorherrschte, wurden die Griechen nun zu Vorkämpfern der Ratio. Was wir heute von Menschenwürde und Menschengeist halten, geht zum größten Teil auf die Griechen zurück, wenn man von dem Einfluss des alttestamentarischen Judentums einmal absieht, das die bildliche Wiedergabe der menschlichen Gestalt verbot und so kaum zur Entwicklung einer figürlichen Kunst beigetragen haben kann. Die Welt, in der Griechenland zum Leben erwachte, billigte der Vernunft nur eine Nebenrolle zu. Nur das Unsichtbare war von Belang. Für kurze Zeit begegneten sich in Hellas Ost und West; der vernunftbetonte westliche Charakter traf auf das Erbe östlicher Spiritualität und bezog seine großen schöpferischen Impulse aus der Verbindung klaren Denkens mit Gefühlstiefe. Mit den Griechen entstand die Welt, wie wir sie heute kennen. Natürlich sperrten sich die Griechen nicht gänzlich gegen die Einflüsse der Alten Welt. Kontakte mit Ägypten fanden statt, wenn nicht auf direktem Wege, so doch über Kreta. Man darf ruhig annehmen, dass sich die Griechen der Frühzeit kulturell von ägyptischen Vorbildern haben anregen lassen; wie weit sich dieser Kontakt freilich auswirkte, ist noch sehr die Frage.

    Die aristokratische Welt des archaischen Griechenland hätte gar keinen anderen Stil ausbilden können als einen, der feierlich war und repräsentativ in einem, einen Darstellungsstil »en face« sozusagen: Das Bildwerk tritt dem Beschauer »frontal« gegenüber, es bietet ihm »die Stirn«.

    Mykenischer und minoischer Naturalismus

    In der spät-mykenischen Kunst sind zwei sich widerstreitende Tendenzen zu beobachten: Einerseits bleibt es bei der naturalistischen Anschauungsweise in Fortsetzung kretischer Traditionen, andererseits wird ein neuer Formwille spürbar. Charakteristisch sind nun Sinn für Ordnung und Einfachheit sowie ein gewisser Hang zum Abstrakten.

    Daß die Kreter keine Griechen waren, erhellt schon aus ihrer Kunst. In ihrem Streben nach einer Idealform bewiesen die Griechen ihren starken Ordnungssinn, und so fiel, zumindest zu Beginn ihrer Kultur, Naturstudium weniger ins Gewicht. Die minoischen Künstler schöpften dagegen ihre Anregungen unverkennbar aus der Natur und orientierten sich sehr an der sichtbaren Wirklichkeit, was sie nicht notwendigerweise zu geistloser Nachahmung verleiten musste.

    15. Attika Analatos-Maler Wagen und Reiter frühes 7. Jahrhundert v. Chr., Detail einer Amphore Louvre, Paris

    16. Böotien Weibliche Figur 8. Jahrhundert v. Chr., Terrakotta Louvre, Paris

    Ägyptische Todessehnsucht und griechische Liebe zum Leben

    Zwischen minoischem Naturalismus und griechischer Kunst bestehen beträchtliche Unterschiede, aber noch die hierarchischste archaische, griechische Skulptur weist Züge auf, die es verbieten, sie dem ägyptischen Stile zuzurechnen. Auch aus der archaischen Plastik lassen sich noch menschliche und persönliche Züge herauslesen, wie das Menschenbild der Griechen überhaupt organisch aus ihren Sinneswahrnehmungen erwuchs. Ägyptische Skulptur hingegen war überhaupt nicht organisch, sondern völlig abstrakt konzipiert; Strenge im Ausdruck paarte sich mit zeitlosem Bewusstsein und dem Glauben nicht an das diesseitige Leben, sondern an das Leben »danach«.

    Auch in ihren besten Werken lehnt sich die ägyptische Plastik mit dem Rücken an einen Block an, sie ist streng frontal ausgerichtet und im Aufbau durchaus symmetrisch. Die griechische Statue hat sich hingegen von der Wand abgetrennt und gelangt nun, da sie die Erstarrung überwunden und sozusagen den Rücken frei hat, hin zur Gelöstheit einer organischen, natürlichen Bewegung. Eine leichte, natürliche Körperdrehung, die man ihr zugesteht, führt zu einer ganz neuen Haltung.

    Hinter der unterschiedlichen Formgebung steckt eine unterschiedliche Einstellung zur Gesellschaft, zu Leben und Tod. Die ägyptische Statue repräsentiert eine politische Ordnung, in welcher das Individuum sich völlig einem autoritären Staate zu unterwerfen hat und dazu noch einer Religion mit schreckenerregenden Gottheiten und einer mächtigen Priesterkaste. Die griechische Statue aber entspringt blühender Lebensfreude aus dem Wissen heraus, dass jeder Augenblick kostbar ist. Die Erfahrung, was Freiheit bedeutet und was sie wert ist, findet hier ihren Niederschlag. Griechische Plastik allein an ihrer sinnlichen Schönheit zu messen, heißt sie oberflächlich beurteilen. Im Gegensatz zur ägyptischen Plastik legt sie höchsten Wert auf menschliche Freiheit. Die ägyptische Statue dagegen repräsentiert ein Wesen, das, äußerlicher Gesetzlichkeit unterworfen, einer Macht ausgeliefert ist, die seiner spottet. Dieses Menschenwesen ist zeitlos; sein Blick richtet sich auf Tod und Ewigkeit.

    Paradoxerweise machte es eben diese Vorstellung vom Totenreich als der ausschlaggebenden Bestimmung menschlicher Existenz dem Ägypter möglich, das Leben mit all seinen Widersprüchen dennoch zu akzeptieren. Als die griechische Statue sich in archaischer Zeit aus ägyptischer Starrheit löste, war dies mehr als ein formaler Prozess; es war ein Ausbrechen aus der Gesetzlichkeit und ihren rein äußerlichen Zwängen. An ihre Stelle trat nun eine Ordnung, die von innen kam und der man sich freiwillig fügte. Die Griechen waren es, die zum ersten Male in der Geschichte der Menschlichkeit und der Freiheit eine Gasse bahnten und ihnen die Welt eröffneten.

    Geometrische Stilisierung und archaische Strenge

    Der Niedergang der mykenischen Welt fällt in die Zeit der dorischen Einwanderung, da sich dorische Stämme in den verschiedenen mykenischen Siedlungsräumen niederließen. Die Kunst, die jetzt entstand, vornehmlich die Vasenmalerei, war geometrisch ausgerichtet und zunächst völlig ungegenständlich. Doch im frühen 7. Jahrhundert v. Chr. wird allmählich, so sehr man formal noch dem archaischen Stile verhaftet ist, der Wille zur gegenständlichen Darstellung spürbar; das lässt sich an einer Vase ablesen, auf der Wagen und Pferdelenker zu sehen sind und die dem Analatos-Maler zugeschrieben wird. Aus der frühen dorischen Periode sind uns nur wenige Zeugnisse monumentaler Plastik überkommen,– aus der mykenischen Periode ist wenigstens das Löwentor erhalten –, doch gibt es in Serienproduktion verfertigte kleine Bronze- und Terrakottafigurinen. Ein typisches Beispiel solcher Kleinbronzen ist die »Stute, ihr Fohlen säugend« aus der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts. Die kleinen Pferdebronzen aus dieser Zeit haben kurze zylindrische Leiber, fast zylindrische Köpfe, lange Beine mit sehr ausgeprägter Vorder- und Hinterhand. Die menschlichen Figuren, die in eben dieser Periode aufkommen, wie etwa die kleine Bronzeplastik des »Apollo von Boston«, erkennt man an ihrer strengen, geometrischen Stilisierung. Das Gesicht ist dreieckig, der Hals lang und zylindrisch, der Rumpf eckig, er ruht auf kräftig entwickelten Schenkeln.

    17. Mykenä Das Löwentor ca. 1250 v. Chr.

    18. Geometrisch Stute, ihr Fohlen säugend 750- 700 v. Chr., Bronze Nationalmuseum. Athen

    Im Verlaufe des 7. Jahrhunderts v. Chr. kommt es zur Monumentalplastik. Für sie charakteristisch ist immer noch die geometrische Form, die schon die Kleinbronzen auszeichnete. Trotzdem war das Ende der geometrischen Ära bereits in Sicht. Die griechische Gesellschaft war in Bewegung geraten, neue historische, ökonomische und soziale Perspektiven eröffneten sich. Charakteristisch für diese Zeit sind ihre fieberhafte Aktivität und ihr Schaffensdrang auf den alten und neuen Schauplätzen der griechischen Welt, dessen Progressivität uns heute noch in Staunen versetzt.

    Das griechische Volk stand damals an der Schwelle einer grandiosen Entwicklung und überschritt diese Schwelle definitiv gegen Ende des 6. Jahrhunderts. Es war die Zeit, da die Griechen in einer ganzen Reihe von Tätigkeitsbereichen aktiv wurden, die Zeit, da die Kunst unablässig

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