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Ein Meer der Orientierung. Essays 1-8: Aufzeichnungen meiner spirituellen Schulzeit, #1

Ein Meer der Orientierung. Essays 1-8: Aufzeichnungen meiner spirituellen Schulzeit, #1

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Ein Meer der Orientierung. Essays 1-8: Aufzeichnungen meiner spirituellen Schulzeit, #1

Länge:
281 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Nov 8, 2020
ISBN:
9781393118336
Format:
Buch

Beschreibung

Im Verhältnis der meisten Menschen zu traditioneller Religiosität klafft am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts mehr und mehr eine Schere auf: Die Einen haben immer weniger damit zu tun - die Anderen wenden sich zunehmend fundamentalistischen und traditionalistischen Strömungen zu. Der Autor, katholischer Theologe mit Universitätsabschluss, fühlte sich in dieser Alternative nie wohl. Im Laufe langer Jahre entwickelte sich tief in ihm der existenzielle Imperativ, das, was er als "die innerste spirituelle Substanz" des Christentums bezeichnet und empfindet, in verstärkter Loslösung von aller herkömmlichen "Kirchlichkeit" mittels einer neuen Art von geistlichen Impulsen für unsere heutige Gesellschaft zu bewahren. Er hat diese Impulse hier in die Form von Essays gekleidet, in denen er seinen eigenen spirituellen Lernweg als "Christ zwischen allen institutionellen Stühlen" in einer allerdings mehr thematischen als autobiographischen Gliederung lebensnah reflektiert.

Freigegeben:
Nov 8, 2020
ISBN:
9781393118336
Format:
Buch

Über den Autor

Joachim Elschner-Sedivy, Lic. Theol., hat einen römisch-katholischen biographischen Hintergrund. Er wurde 1975 geboren. Seine Heimatstadt ist München.


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Buchvorschau

Ein Meer der Orientierung. Essays 1-8 - Joachim Elschner-Sedivy

Author

Vorbemerkung

1

„Omnia quae scripsi videntur michi palee - alles, was ich geschrieben habe, scheint mir wie Spreu im Vergleich mit dem, was ich geschaut habe, seufzte der Überlieferung zufolge der große Gedankensortierer Thomas von Aquin nach einem Visionserlebnis am 6. Dezember 1273, wenige Monate vor seinem relativ frühen Tod (der vielleicht damit zusammenhing, dass sein Leib als schwer übergewichtig geschildert wird). Bei dieser Geschichte muss ich immer an die Art denken, wie mein wichtigster akademischer Lehrer, der Theologiehistoriker Ulrich Horst, selbst Dominikaner, in seinem sanften ostpreußischen Tonfall diese berührende Vignette aus dem Leben seines berühmtesten Ordensbruders erzählte. Sie war für mich als einen, den es schon von Jugend an ambivalent, nie ganz harmonisch, zum Schreiben hinzog, stets von einiger Bedeutung gewesen, seit sie mir, ich weiß nicht mehr wann, das erste Mal begegnete. Noch bis in meine späten Dreißiger schrieb ich viele Gedichte, einige Dramen und sogar ein paar Romane. Ich lebte damals in zwei sich abwechselnden konträren Fluchtphasen: der eine Fluchtvektor abenteuerlich vom Schreibtisch wegstrebend, der andere Vergewisserung, Ruhe und Besinnung suchend zum Schreibtisch hindrängend. Mir war dabei völlig klar, dass für mich nur „poetisches Schreiben in Betracht kam - nicht, weil ich nicht gerne noch etwas anderes zu Papier gebracht hätte, sondern weil ich mich für alles andere selbstkritisch zu jung fühlte. Akzeptable Poesie kann man als junger Mensch fabrizieren; alle anderen Sorten von Texten fand ich aus der Feder Unter-Vierzigjähriger einfach nur vollkommen lächerlich. Denn hinter aller Poesie steht gewissermaßen der autonome Genius der Kunst, während hinter allem anderen der Autor als menschliche Person stehen muss, und wie kann man das ohne genügende Lebenserfahrung überzeugend tun? (Von rein „technischen Texten vielleicht einmal abgesehen, aber die interessierten mich sowieso nie.) Ich war also ein unzufriedener und alles in allem entsprechend mittelmäßiger Poet, der eigentlich lieber etwas schreiben wollte, wohinter er persönlich stehen konnte. Ich ließ mich allerdings meine ersten fünfundzwanzig Schreibjahre hindurch zu einem solchen Unterfangen nie ernsthaft hinreißen, weil tief in mir immer die Warnung des Thomas von Aquin wisperte: „Omnia quae scripsi videntur michi palee... Dabei war Thomas noch dadurch abgesichert gewesen, dass er streng wissenschaftliche Schreibstandards befolgte - ich für meinen Teil wusste, dass ich auch eine solche schützende akademische Deckung würde aufgeben müssen, wenn ich mich auf nicht-poetisches Schreibgelände vorwagen sollte. Ich würde gezwungen sein zu bekennen: „Hinter mir steht nichts. Als ich dazu schon den Mut aufgebracht hatte, wusste ich trotzdem für eine weitere Weile immer noch nicht, ob ich auf diese Schreibweise etwas zu sagen hätte, das der Veröffentlichung wirklich wert wäre in einer Zeit, in der buchstäblich alle Welt sich mit geradezu niederschmetternder Dummdreistigkeit berufen fühlt, komplett überflüssige Bücher zu publizieren; zu diesen postmodernen alphabetisierten Heerscharen mit verheerender persönlicher Ökobilanz in Papier- und Tintenverbrauch wollte ich nicht gehören. Ich will es immer noch nicht; und das ist es, was ich am vorliegenden Buch als Wagnis empfinde. Erst als mein Sohn etwa zwei Jahre alt war, spürte ich, dass es an der Zeit sei, mit der Aufzeichnung dessen zu beginnen, wovon ich bei Arbeitsbeginn noch nicht wusste, dass daraus das vorliegende Buch werden würde; denn da kam der Punkt, an dem ich mich berufen fühlte, meinem Sohn eine Dokumentation der meines Erachtens brauchbareren Anteile meines Innenlebens zu hinterlassen. Gleichzeitig dachte ich: Der arme Junge, ich will ihn ja nun wirklich nicht mit der Erwartung konfrontieren, sich irgendwelche klugheitsliterarischen väterlichen Ergüsse zu eigen zu machen - denn genau das hatte ich mit meinem eigenen Vater so erlebt und es bei allem Respekt nicht prinzipiell als ein Muster empfunden, das unbedingt nach Weitergabe an die nächste Generation verlangen würde. Ich betrachtete meinen Sohn also als Teil des Anlasses zum vorliegenden Buch, aber keineswegs notwendig als dessen Adressaten; geschweige denn in Form einer jener ekelhaften traditionellen Widmungen: „Meinem Sohn, und so weiter. Was für eine Bürde aus nichts als gravitätischem Unsinn. Wer dieses Buch ignoriert, sei es mein Sohn oder irgendjemand sonst, hat immerhin die Chance, klüger zu werden als ich. Was ich von mir behaupten kann, ist nur dies: Ich hatte auf allen Stufen meiner Entwicklung unverdient gute Lehrer. Von diesen soll im folgenden die Rede sein.

2

Als mir endlich klar bewusst geworden war, dass das vorliegende Buch durch meine literarische Arbeit in die Welt kommen wollte, und die entsprechende Zusammenstellung meiner schon lange gesammelten entsprechenden Notizen eine konkrete Tätigkeitsform annahm, war ich knapp fünfundvierzig Jahre alt - und die Coronavirus-Pandemie brach gerade aus. Seit meinem Dienstantritt als Ministrant gleich nach der Erstkommunion hatten sich zu diesem Zeitpunkt drei Jahrzwölfte unaufhörlichen, erst religiösen, dann philosophischen und schließlich „spirituellen Suchens erfüllt. Meine systematische religiöse Grundausbildung hatte freilich sogar schon unmittelbar nach der Einschulung begonnen in Form unvergesslicher Stunden, in denen die verehrte Lehrerin aus der Bibel vorlas und wir Kinder während des Zuhörens Bilder dazu malten. Aus dieser frühen Phase meines Schaffens gibt es beispielsweise einen glänzenden David in der Höhle mit pinkelndem König Saul. In der Kirche der katholischen Pfarrei, zu der ich gehörte, fand damals noch tagtäglich eine gutbesuchte Abendmesse statt, und ich war wenig mehr als zehn Jahre alt, da trat ich in eine Phase ein, in der ich mich freiwillig - denn planmäßig zum Altardienst eingeteilt wurden wir, außer natürlich zu Hochfesten, nur an Sonntagen und Samstagabenden - jeden einzelnen gewöhnlichen Werktagsabend pünktlich in der Sakristei einfand und mich dem Priester als Ministrant anbot; so religiös war meine junge Seele. Nach der Glaubenskrise, die sich ebenfalls früh, aber nicht abrupt, sondern sukzessive mit fortschreitender Pubertät bemerkbar machte, tauschte ich - oder tauschten sich - in meiner Persönlichkeit zunächst nach und nach immer mehr religiöse Anteile gegen künstlertümliche Anteile aus. Die Kunst war in meinem Fall das Theater und die Poesie; diese wurden mir für rund zwanzig Jahre zur glühenden Ersatzreligion (wobei das Theater mit der Zeit langsam immer weniger, die Poesie dafür immer stärker glühte). Trotzdem studierte ich katholische Theologie, sogar mit Abschluss, und noch im Jahr nach diesem Abschluss dachte ich ernsthaft darüber nach, als Laientheologe („Pastoralreferent) in den kirchlichen Dienst einzutreten. Glücklicherweise aber gelang es der römisch-katholischen Kirche und mir beiderseits nicht, einen faulen Frieden einzuhalten, und ich wurde daraufhin für eine Weile areligiös und agnostisch, nur mit der Poesie als Stütze. Erst das letzte Jahrzwölft vor Beginn meiner eigentlichen Arbeit am vorliegenden Buch bezeichnete meine „Rückkehr in die Spiritualität, oder vielmehr deren Neuentdeckung - und am Anfang dieses jüngeren Jahrzwölfts standen auch die ersten Notizen, die - oder deren Nachfolger in den unregelmäßigen Zyklen der Überarbeitungen und Überdenkungen - teilweise in das vorliegende Buch mit eingingen. So kamen schließlich das Jahr 2020 und das die Welt so sehr durcheinander bringende Coronavirus heran. Da wusste ich plötzlich, nachdem ich mit der wirklich zielstrebigen Arbeit am vorliegenden Buch erst etwa ein Jahr zuvor begonnen hatte, dass diese einschneidende globale Situation den gesellschaftlichen und historischen Raum bildete, der sozusagen die weittragende rezeptivitätsfördernde geistige Akustik erzeugte, in die hinein die Worte dieses Buches geäußert werden wollten und sollten im Horizont einer größeren Bestimmung, von deren Einzelheiten mein kleines menschliches Ich freilich keine Ahnung hatte und hat. Ab dem Jahr 2008 hatte ich die Spiritualität bewusst zunächst dort wiederaufgenommen, wo ich sie im Herbst 2000 verlassen hatte, nämlich bei Ausflügen in den Zen-Buddhismus (mehrere Ausflüge von unterschiedlicher Qualität). Eckhart Tolle begann ich ab dem Herbst 2011 sehr zu schätzen. Die klare Erkenntnis, dass ich selbst mit einer nunmehr universal und essenziell gewordenen Spiritualität trotzdem nach wie vor ganz deutlich und entschieden auf meinem angestammten christlichen und biblischen Fundament stehe, festigte sich in mir im Herbst 2013. Die Stimme des Meisters aber hat mich seit meiner fortgeschritteneren Oberschulzeit durch alle diese Phasen hindurch und über sie alle hinweg begleitet. Manchmal fuhr sein Geist momentweise in einen außergewöhnlichen Religionslehrer am Münchner Wittelsbacher-Gymnasium. So fingen unsere Begegnungen an. Von da an vermochte ich seine Stimme später zumindest stets treffsicher wiederzuerkennen, auch wenn sie in unterschiedliche Personen schlüpfte; und das musste sie wohl, um mich zu erreichen, der ich seit jeher „Gurus gegenüber höchst skeptisch eingestellt war. Womit konstatiert ist, dass ich auch nicht die Absicht hege, selber einer zu werden.

3

Das Geheimnis der wahren Spiritualität soll hier nicht in aufbauschender Weise literar-strategisch oder gar marketing-strategisch inszeniert werden. Kein Inszenierungsversuch könnte dem wahren Faszinosum echter Spiritualität irgendetwas hinzufügen; ebensowenig könnte er es freilich ernstlich beschädigen - woraus ich persönlich allerdings den Schluss ziehe, dass Inszenierungen in der Spiritualität schlicht sinnlos sind. Entweder findet man Spiritualität interessant oder nicht. Sie lässt sich nicht interessant „machen. Das ist für mich gewiss kein Grund, mich nicht um literarische Qualität meines Buches zu bemühen. Aber ich werde mir beispielsweise ostentativ die krachende Anti-Klimax leisten, alles, was der eilige Praktiker der Spiritualität über das vorliegende Buch wissen möchte, gleich hier im Vorwort zu verraten. Ein weniger lese-affiner Praktiker der Spiritualität wird nämlich vor allem wissen wollen: „Was soll ich tun? Welche spirituellen Praktiken schlägt mir dieser Verfasser vor? Nun, der Verfasser vertritt die Meinung, dass mit einer Auflistung spiritueller Praxisformen das Wesentliche noch nicht gesagt ist. Einem Spirituellen, der nicht literatur-affin ist, bleibt alternativ zu einem Buch wie dem vorliegenden daher offen gesagt nichts anderes übrig, als geduldig über geraume Zeit hinweg einem echten spirituellen Meister zuzuhören - und wenn dieser Meister einmal scheinbar drei Monate lang nichts Neues mehr gesagt hat, dann mit einer nur umso aufmerksameren Stufe des Zuhörens zu beginnen. Genau so ist das vorliegende Buch nämlich über mindestens zwölf Jahre hinweg entstanden. Deshalb kann ich die prägnante Auflistung empfohlener spiritueller Praxisaspekte, die ich aus der Schule heraus weitergebe, die ich selbst genossen habe, ganz entspannt hier im Vorwort schon abliefern - denn umso freier wird dadurch im folgenden der Raum, mich mit den subtilen und changierenden Details hinter dieser holzschnittartigen Verhaltens-Programmatik zu beschäftigen. - Elementare spirituelle Praxis besteht nach der Lehre meines Meisters in sieben Beachtungen: Erstens, beobachte dein Denken und sei dir bewusst, wenn und was du denkst; dadurch wird deine Gedankentätigkeit automatisch weniger und qualitativ besser, weil du dann mit deinen Gedanken nicht mehr identifiziert und „identisch bist. Das Ermöglichen dieser Selbstbeobachtung ist es, wozu eine gewisse regelmäßige Praxis des Schweigens, der Stille, des Alleinseins und des Rückzugs in die Abgeschiedenheit notwendig ist. Beteilige dich an Bestrebungen des Einrichtens, des Gestaltens und der Pflege von besonderen Orten der Stille und der „heiligen Leere, wie etwa „Kapellen oder meditativen Gärten oder Parks. Erinnere dich im Zusammenhang mit der Aufforderung zum Nicht-Denken täglich an die Sterblichkeit deines Ichs, ohne diesem Gewahrwerden als einer ausgemalten gedanklichen Todes-Vorstellung nachzuhängen. Das große biblische Zeichen, das uns in unserem Dasein als biblische Menschen regelmäßig an diese erste Praxis erinnern soll, damit wir nicht Gefahr laufen, sie zu vergessen, ist die Beachtung des Sabbats beziehungsweise des Sonntags, die nicht in Liturgien besteht, sondern in etwas, das so viel größer und umfassender ist als liturgische Handlungen, dass es diese nicht einmal notwendig einschließen muss. - Zweitens, verhalte dich in jeder Hinsicht konsequent gewaltlos, so, wie die Botschaft Jesu es von uns verlangt. Das schließt gedankliche Gewaltlosigkeit und Gewaltlosigkeit gegenüber dir selbst ein. - Drittens, erkenne alle Unannehmlichkeiten, Störungen und Belästigungen des Daseins, die dir begegnen, als für deine Entwicklung notwendige Herausforderungen, an denen du wächst, für die du deshalb zwar nicht auf eine emotionale Weise „dankbar sein musst - das wäre vielleicht etwas affektiert -, aber angesichts deren dir doch eine positive, akzeptierende und bejahende Haltung geziemt; und „von dort, wo das Leben dich hingestellt hat, strebe nicht hastig wieder fort (Antonius der Große, „Verba Seniorum 1,1). - Viertens, werde zunehmend nondualistisch mit Hilfe der äußerlichen Praxis, nicht zu vergleichen, nicht zu klagen, geschweige denn zu jammern, und nicht zu schimpfen, nicht ärgerlich zu sein: „Never complain, never explain. - Fünftens, setze dich dem geistigen Einfluss geeigneter Menschen und geeigneter Medien aus, dem Einfluss spirituell ungeeigneter Menschen und ungeeigneter Medien hingegen entziehe dich, und studiere als Leitlinie dafür kritisch die Bibel unter kompetenter Anleitung. Außerdem ist es sinnvoll, jeden Tag eine Portion im vorliegenden Buch zu lesen oder in einem anderen Buch, das dir eine vergleichbare praktisch-spirituelle Hilfestellung leistet. - Sechstens, praktiziere „evangelische Armut, indem du an materiellen Gütern jeweils nur das besitzt beziehungsweise konsumierst, was du wirklich gerade brauchst. Es empfiehlt sich, mit dieser Praxis beim Essen zu beginnen. Täglich sechzehn Stunden „intermittierendes oder „Intervall-Fasten sind nicht nur sehr gut für deine körperliche Gesundheit und Fitness, sie eignen sich (im Gegensatz zu allen anderen, viel komplizierteren Fasten-Modellen und „Diäten) auch hervorragend als ein ebenso einfaches wie zuverlässiges basales Memorandum, das dich ständig unmittelbar an deine spirituelle Praxis der „evangelischen Armut erinnert. Zur landläufigen Verwechslung von Spiritualität mit Askese trägt diese Art von Fasten nichts bei, denn sie wird sich, zumal du ja in den verbleibenden täglich acht Stunden alles essen darfst, was du möchtest, schon binnen kurzer Übungszeit gar nicht mehr sonderlich „asketisch anfühlen - und dennoch ihren effektiven spirituellen Erinnerungscharakter bewahren. Hinzu könnte beim Thema der Speisen beispielsweise noch der vegane, also tiererzeugnisfreie Ernährungsgrundsatz treten, der ebenfalls in vielen spirituellen Traditionen als fundamentaler spiritueller „Reminder praktiziert wird, und daneben überaus positive gesundheitliche, tierethische und ökologische Effekte aufweist. Außerdem ist es für einen Spirituellen gewiss dringend empfehlenswert, keine Substanzen zu konsumieren, die das Bewusstsein chemisch verändern, angefangen bei Alkohol, Koffein und Nikotin, weil Spiritualität ja darin besteht, zu beobachten, wie das Bewusstsein sich aus rein geistigen Ursachen heraus verändert; bei dieser Regel geht es hier also ebenfalls nicht um „Askese, sondern schlicht um logisches Verhalten im Sinne der eigenen Ziele. - Und siebtens, diene und nütze unaufhörlich anderen Wesen, angefangen bei der einfachsten, unaufwändigsten Gastfreundlichkeit gegenüber jedermann, und fördere das wahrhaft Gute in der ganzen Welt, und sei es auch nur mit den kleinsten und unscheinbarsten Leistungen, ohne irgendeine Gegenleistung dafür zu erwarten - nicht einmal irgendjemandes bloße registrierende Kenntnisnahme deines Beitrags. - Mein vorliegendes Buch will helfen, das spirituelle Erfahrungslernen reflektierend zu „flankieren und dadurch zu vertiefen, das sich auf diesem siebenfachen Weg vollzieht.

Erster Essay: Was ist Spiritualität?

4

Um mit einer einfachsten und direktesten Aufklärung zu beginnen: Was ist der Unterschied zwischen „Religion und „Spiritualität? Zumindest auf einer praktischen Ebene ist die Antwort auf diese Frage für mich sehr klar: Religion verlangt „Glauben - Spiritualität hingegen erfordert diesen nicht. Viele Menschen tun sich heute mit „Glauben sehr schwer. „Glauben ist die Grundlage von „Religion; „Spiritualität hingegen beruht auf Erfahrungen. Niemand sagt: „Ich glaube, ich habe eine Erfahrung gemacht; sondern Erfahrungen sind etwas subjektiv Gewisses. „Da muss nun angehen die Erfahrung, dass ein Christ könne sagen: Bisher hab ich gehört und geglaubt, dass Christus mein Heiland sei, so meine Sünde und Tod überwunden habe. Nun erfahre ich es auch, dass es so ist. Denn ich bin jetzt und oft in Todes Angst und des Teufels Stricken gewesen, aber er hat mir herausgeholfen und offenbaret sich mir so, dass ich nun sehe und weiß, dass er mich lieb habe, und dass es wahr ist, was ich glaube. (Martin Luther, WA 45, 599, 9-15) Mit diesem Luther-Zitat haben typische evangelische Theologen seit jeher gewisse Schwierigkeiten gehabt. Es bringt aber recht genau auf den Punkt, was mit Spiritualität grundlegend gemeint ist. In diesem Sinne soll hier das Christentum als eine Art des spirituellen Weges betrachtet, gewürdigt und bewahrt werden. Dabei soll es nicht gegen andere Religionen ausgespielt werden. Religiös Konservative werden die Möglichkeit eines Unterscheidens zwischen Religion und Spiritualität immer leugnen. Hier wird diese Möglichkeit allerdings postuliert; sie gehört zu den Voraussetzungen des vorliegenden Buches. Ich bin einerseits ein „religiöser Charakter und andererseits ein Skeptiker, der nicht leicht etwas glauben mag und der prinzipiell missmutig wird, wenn er zum „Glauben an etwas, das er nicht empirisch oder rational verifizieren kann, aufgerufen wird. Diese Verbindung an Charaktereigenschaften ist keineswegs paradox, sondern vielmehr genau der Grund dafür, weshalb es neben der Religion noch die Spiritualität gibt. Religion besteht erstens aus intellektuellen Glaubensbekenntnissen auf der Basis jeweils (sub-)kulturspezifischer Bildungskanones aus sprachlichen und jargonhaften, literarischen und historischen sowie metaphysisch-kosmologisch-eschatologisch-spekulativen Wissens- und Meinungsbeständen, die nicht unwesentlich darauf hinauslaufen, ein in der Alltagspraxis durchaus multifunktionales „milieu-soziales Beziehungsnetzwerk zu knüpfen, inklusive dessen Stärkung durch Abgrenzungen, Kontrastfolien und Feindbilder; zweitens aus Moral, beziehungsweise Moralbegründung, einschließlich deren durchaus auch politisch gemeintem besonderem Ausdruck in diakonisch-karitativer organisierter Hilfsbereitschaft, Fürsorge und Wohltätigkeit; und drittens aus Ritualen, das heißt aus Handlungen auf der Basis von Symbolen, bei denen eine bestimmte Ästhetik mit starkem Wiedererkennungswert eine zentrale Rolle spielt, als Vollzügen, die sich auf kommunitärer Ebene als Liturgien und Zeremonien präsentieren, unter denen gewiss neben dem Kultopfer an ein göttliches Wesen die Initiation und die Bestattung des der Religion angehörigen Individuums die ihrem thematischen Inhalt nach am ubiquitärsten vorkommenden Ereignisformen darstellen; sowie viertens als ein Zwischending zwischen Moral und Ritualen vielleicht noch aus verschiedenen Phänomenen von „Askese. Mit nichts von alledem hat Spiritualität eigentlich und wesentlich zu tun. Spiritualität ist eine bestimmte grundsätzliche geistige Strategie, mittels deren konkrete je eigene Lebenserfahrungen in ein größeres Ganzes der Orientierung und der Motivation, der Sinn- und Glücksfähigkeit sich einordnen, sich „bewältigen und sich für das weitere individuelle Dasein möglichst fruchtbar machen lassen. Damit bildet die Spiritualität die Grundlage und den Ausgangspunkt der Entwicklung jeder Religion. Religiöse bestreiten, dass sich „hinter die Religion zur „reinen Spiritualität ohne religiösen Überbau sinnvoll zurückgehen und zurückkehren lässt; Spirituelle hingegen sehen sowohl die Möglichkeit als auch die Notwendigkeit dazu. Eine Fundamental-Formel für die Wesensangabe der Spiritualität könnte lauten: Spiritualität ist kein Inhaltsphänomen des menschlichen Daseins „neben anderen Lebensinhalten, sondern sie ist der integrierende Faktor, der alles, was im Leben vorkommt, zueinander in ein umfassendes Verhältnis setzt und damit jenen „Zusammenhang von allem herstellt, den wir ansonsten so schmerzlich vermissen. Zusätzlich ist für die spezifisch biblischen und christlichen Spiritualitätsentwürfe charakteristisch, dass sie die historische Dimension des menschlichen Daseins bejahen und diese als eine Wirklichkeit hohen Grades anerkennen. Im interkulturellen Vergleich ist diese Sichtweise eine durchaus ungewöhnliche - insbesondere für die Epoche, in der sie entstand. Schon für die vor-christliche Bibel hat die Menschheitsgeschichte eine feste Richtung als Heilsgeschichte; das Datum der Ankunft Jesu als Messias verleiht ihr aus christlicher Sicht zugleich einen Fixpunkt. Als Heilsgeschichte wird die Menschheitsgeschichte zum Kontext des spirituellen Transformationsprozesses des Weltganzen wie auch aller einzelnen menschlichen Individuen in der Welt. Jeder Augenblick ist dabei gleichermaßen wichtig. Diese Sichtweise ist insbesondere heute für viele zu einer Herausforderung geworden. Philip Sheldrake („Spirituality - A Brief History, 2013) beschreibt ein landläufiges Misstrauen oder Missbehagen vieler postmoderner Menschen gegenüber einem Verständnis von Geschichte, in dem diese nicht bloß die Vergangenheit behandelt, sondern in Form eines Stroms der Tradition in die Zukunft hinein weitergeht (S. 11). Geschichte ist jedoch vormodern immer in letzterer Weise verstanden worden. Eine spirituelle Anknüpfung an die christliche Tradition ist ohne ein dynamisches Geschichtsverständnis daher überhaupt nicht möglich. Sheldrake schreibt: „The desire for immediacy encouraged by consumerism also produces a memory-less culture. (S. 11) Der verbreitete „Konsumismus schwächt also indirekt unseren vitalen Geschichtsbezug, weil er uns reaktiv in ein „blindes heftig-kompensatorisches Drängen nach „Unmittelbarkeit der Erfahrung treibt, das im Grunde nicht zulässt, dass eine wirkliche und ernsthafte innerliche Tiefe der Erfahrung sich bildet. Ein geduldig wachstumsbasiertes Gespür für die still-anwesende Qualität von „Heilsgeschichte kann nun einmal nicht die Form einer „Ekstase, eines „mentalen Feuerwerks annehmen. Sheldrake fährt fort: „Perhaps the most powerful factor during the twentieth century has been the death of a belief in history as a progressive force. This evaporated in the face of two world wars, mid-century totalitarianism, and the horrors of the Holocaust and Hiroshima. (S 11-12) Es ist ganz klar, dass es sich bei der „Heilsgeschichte nicht um

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