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Reportagen von links: Vier Jahrzehnte gegen Faschismus und Kolonialismus

Reportagen von links: Vier Jahrzehnte gegen Faschismus und Kolonialismus

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Reportagen von links: Vier Jahrzehnte gegen Faschismus und Kolonialismus

Länge:
351 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
Nov 6, 2020
ISBN:
9783958903357
Format:
Buch

Beschreibung

Das Buch vereinigt Reportagen, Essays und Kommentare des Schweizer Schriftstellers und Publizisten Harry Gmür, die er in den Jahren des Nationalsozialismus unter seinem Namen und während des Kalten Krieges unter verschiedenen Pseudonymen verfasst hat. In den 1930er-Jahren beschrieb er die faschistischen Strömungen in der Schweiz und die hitleraffine und Franco-freundliche Politik der helvetischen Landesregierung, die er mit schonungsloser Schärfe kritisierte, zumeist in Artikeln seiner eigenen Wochenzeitschrift ABC. In den 1950er-Jahren bis zu seinem Tode berichtete er, vor allem in der ostdeutschen Weltbühne und in Büchern, über seine Afrikareisen und analysierte kenntnisreich die Befreiungskämpfe verschiedener afrikanischen Länder vom Joch des Kolonialismus. Ebenfalls mit kritischem Blick bereiste er die damaligen westlichen Diktaturstaaten wie Spanien und Griechenland.
Mit der gleichen stilistischer Eleganz, die man von seinen Romanen kennt, vereinigt Harry Gmür anschauliche Erlebnisschilderungen und brillante Stimmungsbilder mit kenntnisrechen Analysen der politischen Vorgänge – das politische Vermächtnis eines engagierten Antifaschisten und ein wichtiges Dokument der Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Freigegeben:
Nov 6, 2020
ISBN:
9783958903357
Format:
Buch

Über den Autor


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Reportagen von links - Harry Gmür

Unbeirrbare

Vorwort von Jean Ziegler

Im dänischen Exil 1938 verfasste Bertold Brecht das Stück Leben des Galilei. In der 13. Szene sagt der Arbeiter Andrea: »So viel ist gewonnen, wenn nur einer aufsteht und sagt ›nein!‹« … Harry Gmür war ein Dissident. Wie Peter Surava, Konrad Farner, Carl Albert Loosli und einige wenige andere.

Dissidenten zahlen in der Schweiz einen hohen persönlichen Preis: Sie werden verunglimpft, verleumdet, zensuriert und von Regierung und Behörden in jeder möglichen Form belästigt und verfolgt. Harry Gmür hat dieses Schicksal seit den späten 1930er-Jahren bis zu seinem Tod 1979 erduldet. Harry Gmür war ein brillanter Schriftsteller, ein kluger politischer Analytiker und seit den frühen 1940er-Jahren ein prinzipientreuer Kommunist. Die Reportagen von links sind Zeitdokumente von höchster Wichtigkeit und Aktualität. Die Herrschaftsklassen der Schweiz werden mit ihrer historischen Verantwortung konfrontiert. Harry Gmür hat den Kampf für Gerechtigkeit, Transparenz und Wahrheit nie aufgegeben. Eine wahrscheinlich entscheidend wichtige Rolle dabei spielte zeitlebens seine Gattin Gena, die mit kritischer Intelligenz sein Schaffen begleitete und die Familie vor den schlimmsten Verfolgungen schützte.

»Seul est libre qui use de sa liberté« (»Frei ist nur, wer seine Freiheit nutzt«), sagt Voltaire. Harry Gmür war zeit seines Lebens ein freier, radikal unabhängiger Geist.

Nikolai Bucharin, der junge Bolschewik, der Lenin am nächsten stand, schreibt: »Die Demokratie ist die Staatsform des Bürgertums, wenn es nicht Angst hat, die Diktatur, wenn es Angst hat.«

Jahre vor der Machtergreifung wurde Adolf Hitler von der Familie Wille und anderen Großaktionären der Schweizerischen Kreditanstalt (später Crédit Suisse) in Zürich empfangen. Niklaus Meienberg hat die frühzeitige finanzielle Unterstützung der Nazi-Monster durch helvetische Kapitalisten dokumentiert. Die schweizerischen Herrschaftsklassen und der Bundesrat näherten sich im Verlauf der späten 1930er-Jahre immer deutlicher den Achsenmächten an. Ein Gräuel für Harry Gmür! Die faschistischen Sympathien des Bundesrates zeigten sich besonders deutlich in zwei Momenten:

Das erste Moment: Im Spanischen Bürgerkrieg standen die Sympathien des Bundesrates eindeutig aufseiten der aufständischen Faschisten. Über 800 junge Schweizer, meist Angestellte und Arbeiter, kämpften in den internationalen Brigaden für die Verteidigung der Republik. Bei ihrer Rückkehr in die Schweiz wurden viele der Überlebenden zu teils schweren Gefängnisstrafen verurteilt wegen »Dienst in fremden Armeen«. Schweizerische Angehörige der Waffen-SS wurden dagegen kaum belangt. Erst 25 Jahre nach Gmürs Tod wurde dieser Skandal gesühnt. Die parlamentarische Initiative des damaligen Nationalrates (heute Ständerat) Paul Rechsteiner von 2009 zwang den Bundesrat per Gesetz, die Unrechtsurteile aufzuheben.

Das zweite Moment: Außenminister Giuseppe Motta war ein Verehrer von Benito Mussolini. Nach dem italienischen Gasangriff auf Addis Abeba 1936 und den nachfolgenden Massakern in Wollo und Tigrinya weigerte sich die Schweiz, an den in der Charta des Völkerbundes festgelegten Wirtschaftssanktionen gegen den Aggressor teilzunehmen. Gmür schreibt: »Dem Vorwurf, die Schweiz habe durch ihren Abfall von der Kollektiv-Sicherheit die Geschäfte der faschistischen Kriegstreiber besorgt, wird demnach die Berechtigung nicht abzusprechen sein.«

Bereits im Krieg trat Gmür der verbotenen kommunistischen Untergrund-Partei bei und wurde daher aus der Sozialdemokratischen Partei, die er im Gemeinderat Zürich seit Frühjahr 1942 vertrat, im November 1942 ausgeschlossen. 1944 gehörte er zu den Gründern der Schweizerischen Partei der Arbeit, wurde deren Vizepräsident und Chefredaktor des Parteiblattes Vorwärts.

Im zweiten Band seiner »Histoire du mouvement communiste suisse« trennt der Historiker André Rauber das öffentliche Leben Gmürs in zwei Teile: die Kämpfe in der Schweiz vor und während des Zweiten Weltkrieges und das Wirken nach dem Krieg, vor allem in der DDR als Schriftsteller, Journalist und Kommentator (unter verschiedenen Pseudonymen) in der Weltbühne, der dominierenden kulturellen und intellektuellen Zeitschrift der DDR. Viele dieser großen, geistvollen Reportagen in der Weltbühne sind den Befreiungskämpfen in Afrika gewidmet. In den späten 1950er- und 1960er-Jahren befreiten sich die meisten der heute 54 souveränen Staaten des Kontinents vom kolonialen Joch. Von bewaffneten nationalen Befreiungsbewegungen, den sozialen Widerstands- und Massenbewegungen, ihren Führern und ihren Ideologien hatte die damalige europäische Öffentlichkeit kaum eine Ahnung. Die DDR war die große Ausnahme. Sie bildete Hunderte afrikanischer Kader aus, half mit Waffen und diplomatischer Unterstützung den aufständischen Völkern, insbesondere in der Sahelzone und in Zentralafrika. Die Reportagen (Interviews, Porträts) Gmürs spielten dabei eine wichtige Rolle. Insbesondere die Reportagen über Julius Nyerere und den tansanischen Befreiungskampf, über Kenneth Kaunda und den Kampf in Nordrhodesien (heute Sambia), über Sékou Touré in Guinea und Kwame Nkrumah in Ghana, dem 1957 ersten befreiten Staat in Schwarz-Afrika.

In Leipzig, wo Harry Gmür 1933 doktoriert hatte (Thema der Dissertation: »Thomas von Aquino und der Krieg«), existierte damals eine in Europa einzigartige Institution: das Afrika-Institut der Karl-Marx-Universität. Dort entstand die kohärente anti-imperialistische Theorie, die fortan als Basis diente für die aktive Solidaritätspolitik der DDR mit den Befreiungsbewegungen und neu entstandenen afrikanischen Staaten. Der Leiter des Institutes war der bedeutende Historiker Walter Markov. Sein wohl einflussreichstes Werk trägt den Titel: »Zur universalgeschichtlichen Einordnung des Afrikanischen Befreiungskampfes« (Leipzig 1961). Markov beriet die DDR-Regierung in ihrer aktiven solidarischen Afrika-Politik. Sein Oberassistent, mein Freund, der Soziologe Klaus Ernst, wurde Botschafter in Mali. Als Berater von Modibo Keita, Staatschef in Bamako und 1963 Mitbegründer der Organisation der Afrikanischen Einheit, übernahmen Ernst und Markov eine bedeutsame Rolle in der Definition der afrikanischen Souveränitätsstrategie.

Die informativen, klugen, literarisch eleganten Reportagen Gmürs trugen viel zum empirischen Wissen der Forscher des Afrika-Instituts bei. Das weiß ich dank der persönlichen Begegnung mit mehreren der einst in Leipzig tätigen Anthropologen, Historiker und Soziologen jener Zeit (seit der Wiedervereinigung ist das Institut »abgewickelt«, das heißt zerstört, liquidiert).

»Man kennt die Früchte nicht der Bäume, die man pflanzt«, heißt ein Sprichwort des uralten Bauernvolkes der Wolof im Senegal.

Dissidenten sind selten erfolgreich. Oberflächlich gesehen, enden fast alle in der Niederlage. Peter Surava und Carl Albert Loosli haben ein Leben lang gegen das helvetische Kollektiv-Verbrechen der Verdingkinder gekämpft. Zehntausende Kinder aus ärmsten Familien wurden an Bauern «verdingt». Sie wurden ausgebeutet, gequält, missbraucht und misshandelt in katholischen Waisenhäusern und staatlichen Zwangserziehungsanstalten. Die Kinder waren wehrlos. Sie litten oftmals die Hölle. Das staatlich sanktionierte Verbrechen endete erst 1981, viele Jahre nach dem Tod von Loosli und Surava. Eine scheinbare Niederlage erlitt auch Harry Gmür. Die objektive Allianz mit Walter Markov und seinen Kollegen zerbrach, als Markov wegen »Titoismus« verhaftet wurde. Unter den Nazis hatte er zwölf Jahre im Zuchthaus Bautzen gesessen. Jetzt kerkerten ihn die dumpfen Häscher der Stasi ein.

1944 hatte Gmür mit heller Begeisterung in der Schweiz die PDA mitgegründet. Heute ist die PDA – obschon ihr noch einige ehrenwerte Frauen und Männer angehören – eine bedeutungslose Sekte. Keine Spur mehr von der schweizweiten, demokratischen und sozialistischen Massenbewegung, die sich Harry Gmür erträumt hatte. Auch den Vorwärts gibt es noch, dessen erster Chefredaktor und Chefideologe Gmür einst war. Seine politische Bedeutung ist heute gleich null. Der Betonkonsens zwischen Finanzoligarchie, bürgerlichen Partei-Apparaten und residueller Sozialdemokratie hat unser Volk fest im Griff. Jedoch alle diese augenscheinlichen, individuellen Niederlagen der Dissidenten verstellen den Blick auf die wirkliche Wirklichkeit.

Im Talmud von Babylon steht der mysteriöse Satz: »Die Zukunft hat eine lange Vergangenheit.« Ohne ein von Mythen und Lügen befreites Kollektiv-Gedächtnis gibt es keine ertragbare Zukunft, für kein Land. In der Erfassung und Erhaltung dieses Kollektiv-Gedächtnisses erfüllen die Dissidenten eine entscheidende Aufgabe. Sie sind die Ehre der Schweiz, der Atem der Demokratie. Harry Gmür schulden wir tiefe Dankbarkeit und Bewunderung. Dr. Mario Gmür und dem Europa-Verlag gebührt Dank für die Herausgabe dieses eindrucksvollen Buches.

Jean Ziegler

1.Die große Illusion

Vorbemerkung der Redaktion: Der nachstehende Artikel wurde zwei Wochen vor der Abstimmung über das Finanznotrecht geschrieben. Er verliert aber auch nach dem 27. November 1938 nichts von seiner Aktualität.

Am 27. November hat das Schweizervolk über die Gestaltung der Bundesfinanzen während der kommenden drei Jahre zu entscheiden. Die Befürworter der parlamentarischen Vorlage nennen sie einen Kompromiss, bei dem der Linken bedeutende Zugeständnisse gemacht worden seien. Sie verweisen dabei auf die Bestimmung, wonach die Bundesversammlung jährlich die Möglichkeit zu prüfen hat, den Lohnabbau für das eidgenössische Personal zu mildern. Dabei verschweigen sie, dass von den Bürgerblock-Parlamentariern wohl kein halbes Dutzend daran denkt, jene Möglichkeit zu bejahen, solange der Bundeshaushalt das vorgesehene 77-Millionen-Defizit aufweist! Man streicht ferner die 18 Millionen heraus, die künftig bedürftige Witwen, Waisen und Greise erhalten sollen. Man vergisst aber meist hinzuzufügen, dass der Bund nach Recht und Verfassung verpflichtet ist, jährlich rund 43 Millionen in den Fonds für die Alters- und Hinterbliebenen-Versicherung zu legen, sodass er unsere Senioren immer noch um 25 Millionen bringt. Von den übrigen direkten und indirekten Lasten, die nun auch die Ärmsten freiwillig auf sich nehmen sollen, nachdem sie bisher gezwungen unter ihnen gelitten haben, ist natürlich schon gar nicht mehr die Rede: von den 90 Millionen beispielsweise, um die man die Subventionen für Volksschulen, Krankenkassen, die Tuberkulosebekämpfung usw. gekürzt hat; von den seit 1933 erhöhten Steuern und Zöllen auf Tabak, Getränke, Zucker, Benzin, Fette und Öle; von den auf lebenswichtigen Massenartikeln liegenden Zollabgaben überhaupt, die seit Jahren dazu beitragen, die Not so mancher Familie zu erschweren. Die Besinnung auf alle diese Einzelheiten müsste denn doch viele zu der Überlegung führen, der »Kompromiss« enthalte bedenkliche Härten für jenen Volksteil, der infolge seiner wirtschaftlichen Lage ohnehin Gefahr läuft, an unserer Demokratie zu verzweifeln!

Die ganze Ungeheuerlichkeit des »Verständigungswerkes« aber tritt erst zutage, wenn man jene Härten mit den Leistungen vergleicht, vor denen sich das Großkapital zu drücken verstand. Wenn man sich erinnert an die 18 Milliarden, die die Begüterten nicht versteuern, und an den erbitterten und erfolgreichen Widerstand, den ihre politischen Sachwalter dem Versuch entgegensetzten, durch die Erhebung der Kapitalertragssteuer an der Quelle wenigstens einen Teil dieser wirklich großzügigen Unterschlagung zu verhindern. Unser Jahrzehnt stellt gewaltige Anforderungen an jeden Demokraten. Die Hunderttausende, die bereit sind, mit ihrem Leben für die Freiheit einzustehen – sie würden, wenn es sein müsste, auch größere materielle Lasten als die gegenwärtig geforderten zu ertragen wissen. Aber dem Volke zuzumuten, am Nötigsten zu sparen, nur damit eine Handvoll Glücksritter unserer Gesellschaft sich ungestörter ihrer Millionen erfreuen und die Staatskasse um die von ihnen selbst bewilligten Steuern betrügen können – das ist eine Provokation, die kaum geeignet sein dürfte, den Glauben an die in gewissen Regierungsblättern gepredigte Schicksalsverbundenheit sämtlicher Eidgenossen zu stärken. Dass man in den Großbanken von einem noch massiveren Abbau der Löhne und sozialen Ausgaben, von einem Ersatz der Krisensteuer durch eine Kopfsteuer und ähnlichen volkstümlichen Maßnahmen träumt, glauben wir gerne. Doch der Verzicht des Finanzkapitals auf die sofortige Verwirklichung seines Schlaraffenlandes bedeutet noch lange nicht, dass man das unerlässliche Minimum an Rücksicht auf die Lebensansprüche der wirtschaftlich bedrängten Volksschichten genommen hätte. Der dem Volk unterbreitete Finanzartikel stellt im Wesentlichen eine Verlängerung der drei Finanzprogramme von 1933, 1936 und 1937 dar, die von den politischen Organisationen der Linken auch ihres Inhalts wegen heftig bekämpft worden sind. Es liegt auf der Hand, dass die neue Vorlage an und für sich kein besseres Los verdient.

Es ist denn auch nicht Begeisterung für die Missgeburt vom 10. August, die einen Teil der höheren sozialdemokratischen Gewerkschafts- und Angestelltenfunktionäre veranlasst, sich für die Ja-Parole einzusetzen. Der Unabhängigkeit, dem Bestand der Eidgenossenschaft droht schwere Gefahr. Dürfen wir uns da, so fragen die extremen Verständigungsfreunde, den Luxus innerer Partei- und Klassenkämpfe leisten? Tut nicht Einigkeit not, Einigkeit aller Eidgenossen von den Arbeitslosen bis zu den Bank- und Industriebaronen, zur gemeinsamen Verteidigung unserer gemeinsamen Freiheit? Und ist es nicht richtig, der Einigung jedes, auch das größte Opfer zu bringen?

2.Die Schweiz nach der tschechischen Katastrophe

Nach dem von Pierre Bernus im Journal des débats der Öffentlichkeit bekannt gegebenen, von Henri de Kerillis in der Epoque und neuerdings auch von den Neuen Zürcher Nachrichten bestätigten, dabei von keiner französischen oder britischen Amtsstelle dementierten deutschen Plan hätte neben Holland höchstwahrscheinlich auch die Schweiz im März von deutschen Truppen besetzt und als Pfand gegen die Westmächte verwendet werden sollen. Die Reaktion in Paris und London und vor allem die drohende Rede Roosevelts, der von den deutschen Absichten Kenntnis erhalten hatte, scheinen Berlin und Rom zunächst von dem gefährlichen Unternehmen abgeschreckt zu haben. Man erkannte offenbar, wie ungewiss die Aussicht war, die Demokratien auf diese Weise zur Kapitulation zu zwingen. Und um einen bewaffneten Konflikt ins Auge fassen zu können, bei dem mit einem Eingreifen nicht nur der Vereinigten Staaten, sondern auch Polens und der Sowjetunion gerechnet werden musste, reichten weder die militärische Rüstung noch die wirtschaftlichen Kräfte der Achse aus.

Es liegt nahe, den feigen Gewaltstreich gegen die Tschechoslowakei mit dem Bedürfnis der Achsenmächte zu erklären, ihre materielle Basis für die bevorstehende Auseinandersetzung mit dem Westen zu stärken. Dieses Ziel hat Hitler jedenfalls erreicht: Die mit französischem Geld bezahlte hervorragende Ausrüstung der tschechoslowakischen Armee steht heute der deutschen Wehrmacht zur Verfügung, die gewaltigen Skoda-Werke und die übrigen 37 Kriegsmaterial-Fabriken des gestohlenen Landes arbeiten für das Reich. Ein Teil des tschechischen Goldes und der Auslandsguthaben der tschechischen Bürger, die tschechischen Rohstoffvorkommen, die bedeutende tschechoslowakische Agrarproduktion und die brachliegenden Arbeitskräfte Böhmens und Mährens erlauben der ausgepumpten deutschen Kriegswirtschaft, ein paar Monate länger auf Hochtouren zu laufen, und zwischen den im Kriegsfall für Deutschland lebenswichtigen rumänischen Ölfeldern und den deutschen Truppen steht wenigstens vorläufig keine Armee von Bedeutung mehr. Damit sind die Gründe, warum die Achse dem offenen Konflikt mit Frankreich und England aus dem Wege ging, zum guten Teil beseitigt, so weit vielleicht, wie sie überhaupt ohne eine entscheidende Machtprobe mit den großen Gegenspielern zu beseitigen sind. Noch wissen wir nicht, welcher besondere Raubplan der Diktatoren zu der nächsten internationalen Hochspannung führen wird. Aber in jedem Falle müssen wir uns darauf gefasst machen, dass die Schonfrist der Schweiz binnen Kurzem abläuft, dass wir wieder in unmittelbare Nähe der Gefahrenzone geraten sind.

Andererseits dürfte das Verbrechen vom 15. März in einer Hinsicht die Lage unseres Landes verbessert haben. Wir stehen entschieden auf dem Standpunkt, die Schweiz habe sich unter allen Umständen gegen einen feindlichen Überfall zur Wehr zu setzen, selbst dann, wenn sie keine Hilfe von außen erwarten kann. Welch unermesslichen Vorteil diese Hilfe bedeuten würde, müssen wir indessen nicht erwähnen. An sich hat jeder unserer Nachbarstaaten ein beträchtliches strategisches Interesse, die Eidgenossenschaft nicht in die Hand einer anderen Großmacht fallen zu lassen. Wir hielten es deshalb früher für ziemlich selbstverständlich, dass jede Verletzung unserer Neutralität automatisch einen europäischen Krieg auslösen würde. Diese Überzeugung wurde im vergangenen Herbst durch Frankreichs Verrat an dem tschechoslowakischen Bundesgenossen vollkommen erschüttert. Gewiss liegt die Festung Böhmen im Gegensatz zur Schweiz fernab von der französischen Grenze. Aber diese von vierzig Divisionen gehaltene Festung hätte im Kriege einen großen Teil der deutschen Streitkräfte im Osten gebunden und obendrein den Zugang des Reiches zu den wirtschaftlichen Reichtümern des Balkans bedroht. Frankreich besaß kein geringeres militärisches Interesse an dieser Position als an der Unabhängigkeit unseres Landes, und wenn es jene kampflos preisgab, so war nicht einzusehen, weshalb es sich unseretwegen schlagen sollte. Die Nachricht, die französischen Behörden hätten nach dem Bekanntwerden des deutschen Angriffsprojekts von England verlangt, dass es – wie Frankreich selbst – eine Invasion der Schweiz als Casus Belli betrachte, kam daher ziemlich überraschend. An ihrer Echtheit ist jedoch so wenig wie an den übrigen Meldungen Bernus’ und Kerillis’ zu rütteln. Eduard Behrens wusste in der SZ am Sonntag vom 19. März sogar zu berichten, das Bundeshaus sei davon unterrichtet, »dass Frankreich und England der Schweiz gegen jeden Angriff, dem sie selbst mit der letzten Entschlossenheit begegnet, mit ihrer ganzen Kriegsmacht beispringen werden«.

Die Chancen aber, dass dies Versprechen auch gehalten würde, dürften durch die Vergewaltigung der tschechischen Nation noch gestiegen sein. Denn nach der bisherigen Reaktion in Frankreich und vor allem in England zu schließen, scheint die Schandtat der Nazis sogar die Schuldigen von München wenigstens für den Augenblick zu einer energischeren Haltung veranlasst zu haben. Wäre Hitler nach Prag spaziert, als man sich in London und Paris noch schmunzelnd der Illusion erfreute, er rüste direkt zum Feldzug nach der Ukraine, und als man am Quai d‘Orsay die Liquidierung des polnischen Bündnisses und des Russenpakts in Erwägung zog, die Chamberlain und Daladier hätten gerade so weit in Entrüstung gemacht, wie es die Rücksicht auf die Stimmung der eigenen Wähler geboten hätte, und sich selbst und vor allem dem deutschen Diktator bestimmt keine weiteren Sorgen bereitet. Nach der Eröffnung der italienisch deutschen Kolonialkampagne, nach der geflissentlichen Schonung sowohl Polens wie Sowjetrusslands durch die Berliner Machthaber, und nun gar nach dem (provisorischen) Desinteresse des Reichs an der »Karpatho-Ukraine« ist allzu durchsichtig, dass Hitlers Raubzüge, auch wenn er sie im Osten des Reiches unternimmt, eine unmittelbare Bedrohung der Westmächte darstellen. In diesem Zusammenhang gesehen, zerstören natürlich die Brutalität des deutschen Vorgehens, die Schamlosigkeit, mit der Hitler sich über seine feierlichsten Versprechungen hinwegsetzt, und das offene Fallenlassen der Selbstbestimmungsrechtstheorie zugunsten des imperialen, das heißt letzten Endes Weltherrschaftsgedankens die Illusion, die Demokratien könnten mit diesem Partner auf der Grundlage weiterer Eingeständnisse zu der erstrebten ehrlichen und dauerhaften Verständigung gelangen. In London und Paris kann auch der Verstockteste sich nur noch mit Mühe der Einsicht verschließen, dass jede Konzession an das gegenwärtige Reich, selbst wenn sie auf Kosten kleiner Völker erfolgt, nicht etwa einen Hungernden befriedigt, sondern einen Todfeind noch begehrlicher, noch unverschämter und rücksichtsloser macht. Wir dürfen glauben, dass man vor allem in Frankreich nicht geneigt ist, dass sich die Deutschen auf unseren Jurahöhen festsetzen.

Das Gespenst unserer Isolierung scheint also wahrhaftig entschwunden zu sein. Und dass das Land im kritischen Augenblick – nach österreichisch-tschechoslowakischem Muster – von der eigenen Regierung ausgeliefert werden könnte, scheint gar nicht mehr zur Diskussion zu stehen. Bereits vor einigen Wochen wies Bundesrat Minger derartige Verdächtigungen als schwer beleidigend zurück. Und am 16. März tat Bundesrat Obrecht in Basel jenen befreiend scharfen Ausspruch: »Man muss es im Ausland wissen: Dem, der uns angreift und unsere Unabhängigkeit und Unversehrtheit verletzen will, wartet der Krieg. Es wird in der Schweiz nicht vorkommen, dass wir zuerst ins Ausland wallfahrten geh’n.«

Brauchen wir uns da über das Schicksal unserer Heimat noch Sorgen zu machen? Können wir uns nicht hundertprozentig auf die Landesväter und auf die treuen Freunde im Ausland verlassen? Und dürfen wir nicht ruhigen Gewissens auf die Mahnung der Neuen Zürcher Nachrichten hören: »Die das Vertrauen in die oberste Landesbehörde und die Bundesinstanzen untergrabende Politik muss aufhören. Wer sie nicht lassen kann, ist ein Feind des Landes und ein Landesverräter«?

Es wäre zu schön, wenn wir diese Fragen kurzerhand bejahen könnten. Doch ist nüchternes Abwägen auch hier unsere Pflicht, selbst wenn wir dabei zu der Erkenntnis kommen sollten: Die besten Absichten der befreundeten Großmächte wie der eigenen Regierung, so erfreuliche Perspektiven sie eröffnen mögen, bieten keine volle Gewähr für ein entsprechendes Handeln.

Verlass auf Frankreich und Großbritannien? Bedenken wir immerhin: Die Motive, die zur Erfindung des Münchener Abkommens geführt haben, sind keineswegs aus der Welt verschwunden, obwohl die Schattenseiten dieses Verfahrens inzwischen deutlicher geworden sind. Nach wie vor zittert der Großteil der herrschenden Klasse in den kapitalistischen Demokratien vor den Folgen eines Sieges – und gar eines gemeinsam mit der Sowjetunion errungenen Sieges! – über die faschistischen Staaten. Und trotz der beispiellosen Blamage, die sie erlitten haben, sind es unglaublicherweise immer noch die »Munichois«, ein Chamberlain, ein Halifax, ein Daladier und selbst der anrüchige Georges Bonnet, die in London und Paris am Ruder sind. Dabei hat der britische Premierminister nach dem deutschen Einbruch in Böhmen und bevor ihn die öffentliche Meinung Englands zu seiner aggressiven Birminghamer Rede trieb, im Unterhaus eine Erklärung abgegeben, in der er nichts anderes als eine Fortführung seiner glorreichen »Befriedungs«-Bestrebungen in Aussicht stellte. Wenn Hitler morgen diesen Leuten einen Strohhalm hinhält, so dürften sie sich allerdings resigniert dafür bedanken. Aber wenn er es mit einer Bohnenstange versucht, mag sie noch so faul und brüchig sein, werden sie in ihrem peinlichen Dilemma nicht wirklich versuchen, sich daran festzuklammern? Wenn er ihnen noch heiliger als in der Vergangenheit schwört, die Grenze seiner Wünsche liege an diesem Fluss oder auf jenem Gebirgskamm, werden sie nicht – gegen das Äußerste durch die eigenen Rüstungen und bald vielleicht durch die formelle Zusicherung sowjetrussischer Hilfe geschützt – den Diktator ein letztes und nochmals ein letztes und schließlich ein allerletztes Mal auf die Probe stellen? Die Taktik der verschärften Kriegsdrohung, zu der Großbritannien – spät genug – überzugehen gesonnen scheint, um die Angreifer vor weiteren Übergriffen abzuschrecken, bedeutet durchaus nicht notwendigerweise, dass man die Drohung auch wahr machen würde, wenn sie ihren eigentlichen Zweck verfehlte. Dabei dürfen wir vor allem nicht übersehen, dass das britische Beistandsversprechen für die Schweiz nur als Gegenleistung für das französische Beistandsversprechen für Holland gegeben wurde, dessen Besetzung durch die deutsche Armee einer direkten Bedrohung Englands gleichkommen würde. Sollte Deutschland einmal unser Land überfallen und dabei die Niederlande aus dem Spiel lassen, so könnte keine Macht der Welt die Engländer daran hindern, in Paris massiv vor »überstürzten«, »nicht wieder gutzumachenden« Schritten zu warnen und die »Hilfsaktion« auf die bewährten diplomatischen Geleise abzudrängen.

Diese Politik würde zweifellos eines Tages dem britischen Weltreich zum Verhängnis werden; es wird ihren Verfechtern immer schwerer fallen, sie gegen die wachsende Opposition in Frankreich und England selbst durchzusetzen, und es ist uns erlaubt zu hoffen, dass sie ihre Handlungsfreiheit nicht nur in diesen Wochen der ersten Erregung über den neuen deutschen Gewaltstreich, sondern überhaupt verloren haben. Trotzdem wäre es unverantwortlicher Leichtsinn, uns auf die Hilfe notorisch verräterischer Elemente verlassen zu wollen. Eine Nachahmung der Prager Regierung, die ihr Verhalten vom Entscheid der Franzosen abhängig machte, könnte leicht auch für uns den glatten Selbstmord bedeuten. Wir müssen nach wie vor, wenn es nicht anders geht, auch dazu entschlossen sein, allein zu kämpfen.

Wird aber der Bundesrat unter allen Umständen seine Pflicht erfüllen? Nichts liegt uns ferner, als die Ehrlichkeit der Erklärungen Mingers und Obrechts in Zweifel zu ziehen. Aber wir können die Tatsache nicht einfach übersehen, dass auch bei uns die »Munichois« seelenruhig weiterregieren. »Münchener« – das sind die Herren nicht nur deswegen, weil Giuseppe Motta seinerzeit in jener im Lichte des 15. März zehnfach lächerlich gewordenen Luganeser Rede die vier »Friedensengel« anschwärmte und das Münchener Schandwerk mit einem Stern verglich, »der die Schatten der Nacht durchbricht und das nahende (inzwischen so herrlich aufgegangene!) Licht des Morgens verkündet« – wozu immerhin zu sagen wäre, dass dem Prestige des Landes mit einem Außenminister nicht gerade gedient ist, der öffentlich solch ungeheuren Unsinn zum Besten gibt. »Münchener«, so nennen wir sie auch, weil sie sich wie Chamberlain und Bonnet seit Jahren weigern, das Schwarze schwarz, das Giftige giftig zu nennen, und weil auch sie eine Politik der schrittweisen Anpassung an die deutsch-italienischen Wünsche statt einer konsequenten Landesverteidigung betrieben haben. Die schönsten Reden der Bundesräte können uns ihre achsenfromme Haltung in der Abessinien-, der Völkerbunds-, der Spanienfrage nicht vergessen lassen; oder die einschränkenden Maßnahmen gegen die Pressefreiheit, das Vereinsrecht, die Versammlungs- und Redefreiheit usw., die uns aus Rücksicht auf die Empfindlichkeit der Diktatoren aufgezwungen worden sind. Die Langmut, mit der Bern dem Treiben der verschiedenen einheimischen Landesverräter-Gruppen zusah, und die Verbissenheit, mit denen Motta und Baumann sich immer wieder schützend vor das gemeingefährliche Treiben der deutschen Nazis in unserem Lande stellten, haben den Glauben an den Widerstandswillen der Verantwortlichen noch viel weniger gestärkt. Und beängstigter als je erinnert man sich heute, wie die Herren, sobald sich jemand erlaubte, vor den hinterhältigen Absichten Deutschlands zu warnen, beschwichtigend mit den völlig belanglosen Sprüchen herumhausierten, mit denen Adolf Hitler vor etwas mehr als zwei Jahren Altbundesrat Schulthess in Berlin unterhielt, oder mit der noch uninteressanteren Erklärung der Reichsregierung an den Bundesrat vom 21. Juni 1938. Dabei ist nicht einmal in diesen allerletzten Wochen eine sichtbare Wendung eingetreten. Als die ganze Welt nach den Veröffentlichungen des Journal des Debats um die Eidgenossenschaft bangte, wusste der Bundesrat nichts Gescheiteres zu tun, als eiligst hinauszuposaunen, Herr Bernus sei offenbar einer »Mystifikation« zum Opfer gefallen. Und nach der Vernichtung der Tschechoslowakei mussten wir von höchster Stelle sofort vernehmen, dieses Ereignis berühre uns nicht unmittelbar.

Das Volk beurteilt seine politischen Führer nun einmal nach ihren Taten und nicht aufgrund von bloßen Versprechungen. Und da darf man sich in Bern wirklich nicht wundern, wenn man überall im Land immer wieder ängstlich fragen hört: Werden die Leute, die die Gefahren niemals rechtzeitig erkennen wollten, nicht auch im entscheidenden Augenblick die Warner in die Wüste schicken und den Kopf in den Sand stecken, bis es zu spät ist? Werden sie nicht fortfahren, Schritt für Schritt vor der deutschen Begehrlichkeit zurückzuweichen, und dabei nicht nur das Volk demoralisieren, sondern schließlich auch jene Grenze überschreiten, nach der sie selbst nicht mehr in der Lage wären, die Einladung zu einer Berliner Visite auszuschlagen? Werden sie, die sich so oft einem verhältnismäßig sanften Druck gebeugt haben, einer

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