Erfreu Dich an Millionen von E-Books, Hörbüchern, Magazinen und mehr

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

AM ENDE DIESER LANGEN NACHT: Der Krimi-Klassiker!

AM ENDE DIESER LANGEN NACHT: Der Krimi-Klassiker!

Vorschau lesen

AM ENDE DIESER LANGEN NACHT: Der Krimi-Klassiker!

Länge:
253 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
12. Nov. 2020
ISBN:
9783748764236
Format:
Buch

Beschreibung

Sie haben praktisch keine Chance zu entkommen: Es bleiben ihnen genau vier Stunden für die Flucht. Sie will auf keinen Fall ohne ihn fort. Und er wagt nicht zu fliehen, bevor er nicht jene Person in der riesigen Stadt gefunden hat, die ihn vom Mordverdacht freisprechen kann. Ein abgerissener Knopf, eine Zigarrenkippe, eine Streichholzschachtel - das sind die einzigen Spuren. Die Mordkommission ist ihnen dicht auf den Fersen, unerbittlich verrinnt die Zeit...

Cornell Woolrich (* 4. Dezember 1903 in New York City; † 25. September 1968 ebenda) war ein US-amerikanischer Schriftsteller, der in der Hauptsache durch seine düsteren Kriminalromane und Detektivgeschichten bekannt ist. Er prägte maßgeblich den "Hardboiled-Typus" der Schwarzen Serie und lieferte zahlreiche Vorlagen für (Dreh-)Bücher des Film Noir. Woolrich schrieb auch unter den Pseudonymen George Hopley und William Irish. Die US-amerikanische Literatur-Kritik bezeichnete Cornell Woolrich als "den Edgar Allan Poe der Moderne".
Der Roman Am Ende dieser langen Nacht erschien erstmals im Jahr 1944; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1981.
Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.
Herausgeber:
Freigegeben:
12. Nov. 2020
ISBN:
9783748764236
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie AM ENDE DIESER LANGEN NACHT

Ähnliche Bücher

Ähnliche Artikel

Buchvorschau

AM ENDE DIESER LANGEN NACHT - Cornell Woolrich

sechs

Das Buch

Sie haben praktisch keine Chance zu entkommen: Es bleiben ihnen genau vier Stunden für die Flucht. Sie will auf keinen Fall ohne ihn fort. Und er wagt nicht zu fliehen, bevor er nicht jene Person in der riesigen Stadt gefunden hat, die ihn vom Mordverdacht freisprechen kann. Ein abgerissener Knopf, eine Zigarrenkippe, eine Streichholzschachtel - das sind die einzigen Spuren. Die Mordkommission ist ihnen dicht auf den Fersen, unerbittlich verrinnt die Zeit...

Cornell Woolrich (* 4. Dezember 1903 in New York City; † 25. September 1968 ebenda) war ein US-amerikanischer Schriftsteller, der in der Hauptsache durch seine düsteren Kriminalromane und Detektivgeschichten bekannt ist. Er prägte maßgeblich den »Hardboiled-Typus« der Schwarzen Serie und lieferte zahlreiche Vorlagen für (Dreh-)Bücher des Film Noir. Woolrich schrieb auch unter den Pseudonymen George Hopley und William Irish. Die US-amerikanische Literatur-Kritik bezeichnete Cornell Woolrich als »den Edgar Allan Poe der Moderne«.

Der Roman Am Ende dieser langen Nacht erschien erstmals im Jahr 1944; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1981.

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

AM ENDE DIESER LANGEN NACHT

1. Zehn Minuten vor eins

Für sie war der Mann nichts weiter als ein rosa Ticket, ein abgenutztes, halb entzweigerissenes Tanzticket. Zweieinhalb Cents sprangen dabei heraus. Nichts weiter als zwei Füße, welche die ihren bedrängten, ein Nichts, eine Nummer, von der sie hin und her geschoben wurden, bis die fünf Minuten um waren. Fünf Minuten Zurufe, das Niederprasseln des Zweivierteltakts vom Podest der Band, wie ein Sandsturm, der gegen leere Blechbüchsen trommelt - und dann plötzliche Stille, so als sei alles abgeschaltet worden. Ein paar erleichterte Atemzüge, die Rippen vom Arm des Fremden befreit. Und dann alles wieder von vorne - erneuter Sandsturm, ein weiteres rosa Ticket, wieder ein paar Füße, die hinter den ihren herjagten, ein neuer Gesichtsloser, der sie dorthin lenkte, wohin es ihm passte.

Mehr bedeuteten sie alle nicht für sie. Ja, sie liebte ihren Job, sie liebte das Tanzen. Vor allem, wenn sie dazu angeheuert werden konnte. Manchmal wünschte sie, sie wäre mit einem Hinkefuß geboren worden. Oder taub, dass sie niemals wieder das Geschmetter einer zur Decke gerichteten Zugposaune hören müsste. Dann hätte es all das hier für sie nicht mehr gegeben. Wahrscheinlich hätte sie stattdessen dreckige Hemden gewaschen oder schmutziges Geschirr in einem Restaurant gespült. Was nützen also all die Wünsche? Es kam nichts Besseres nach. Aber was schadete das schon? Man hatte nichts zu verlieren.

In dieser ganzen Stadt hatte sie nur einen einzigen Freund. Er tanzte nicht, er war immer am selben Ort, Nacht um Nacht, und schien zu sagen: »Nur Mut, Kleines, es dauert nur noch eine Stunde, du hältst schon durch, du hast immer durchgehalten.« Und dann eine Weile später: »Nur noch eine halbe Stunde, Kleines - ich arbeite für dich.« Und dann endlich: »Nur noch eine Runde, Kleines, dann bist du für heute Nacht befreit. Wenn du wieder an mir vorbeikommst, stehe ich auf ein Uhr!«

Ja, der einzige Freund, der sie nicht im Stich ließ. Der einzige in New York, der ihr eine Chance gab. Der einzige, der auf ihrer Seite stand, wenn auch nur passiv.

Sie konnte die Uhr nur durch die beiden letzten Fenster links sehen, die zur Seitenstraße lagen, und nur dann, wenn sie dort vorübertanzte. Die übrigen Fenster gaben lediglich den Blick auf andere Gebäude frei; sie standen immer einen Spaltbreit offen, damit Luft hereinkam und der Musiklärm auf die Straße hinausdrang und vielleicht Passanten anlocken würde.

Die Uhr war ziemlich weit entfernt, aber das Mädchen hatte gute Augen. Sanft leuchtend hoben sich die Zeiger gegen den schwarzen Taft der Nacht ab. Ein Kreis aus zwölf glänzenden Kerben und zwei beleuchtete Stäbe, die stetig vorrückten. Strich um Strich, und dafür sorgten, dass sie schließlich von hier wegkam. Es war die Uhr auf dem Turm des Paramount-Gebäudes, es war das Gesicht eines Freundes. Ein seltsamer Freund für ein schlankes, rothaariges Mädchen von zweiundzwanzig Jahren, aber er überbrückte die Spanne zwischen Durchhalten und Verzweiflung.

Und noch etwas - sie konnte die Uhr auch von dem Zimmer ihrer Pension aus sehen, in der sie hauste, obwohl sie dort noch weiter entfernt war und sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste. Dort war sie allerdings nichts weiter als eine unbeteiligte Zuschauerin - nur hier war sie ihr Freund.

Sehnsüchtig blickte das Mädchen jetzt über die anonyme Schulter hinüber. »Noch zehn Minuten«, sagte die Uhr. »Das Schlimmste ist vorbei, Kleines. Beiß die Zähne zusammen!«

»Ziemlich voll hier heute Abend.«

Für einen Augenblick wusste sie gar nicht, woher die Stimme kam, so sehr hatte sie sich in einem Vakuum der Selbstvergessenheit befunden. Dann erkannte sie, dass die Worte von der körperlosen Nummer stammten, die sie vor sich her schob.

Ah so. Er wollte sich also unterhalten? Nun, damit wurde sie fertig. Er hatte ohnehin diesen Punkt wesentlich später erreicht als die anderen. Er hatte sie bereits zum dritten oder vierten Mal hintereinander geholt. Und vor der letzten Pause hatte sie nur vage die gleiche Anzugfarbe wahrgenommen; sie unterzog sich niemals der Mühe, einen Tänzer vom anderen zu unterscheiden.

»Mhm.« Einsilbiger ging es nicht.

Er versuchte es erneut: »Ist es immer so voll wie heute Abend?«

»Nein, wenn geschlossen wird, ist es leer.«

Schon gut, sollte er sie ansehen, wie er Lust hatte. Sie war nicht verpflichtet, zugänglich zu sein, sie musste lediglich mit ihm tanzen. Seine zehn Cents deckten die Fußarbeit, keine verbalen Bemühungen.

Für diesen letzten Tanz war das Lokal verdunkelt worden. Das war immer so. Die direkte Beleuchtung wurde ausgeschaltet, die Gestalten auf dem Tanzboden bewegten sich wie raschelnde Gespenster. Es war dafür gedacht, die Gäste dahinschmelzen zu lassen, so dass sie mit dem Gefühl auf die Straße hinausgingen, dort oben ein privates Tête-à-Tête gehabt zu haben. Und das alles für zehn Cents und einen Pappbecher voll künstlicher Orangeade.

Sie spürte, wie er den Kopf ein wenig zurücklegte und sie schärfer anblickte, so als wolle er herauskriegen, was sie zu ihrem Verhalten bewog. Sie richtete die Augen ausdruckslos auf die silbernen Lichtflecken, die unentwegt über die Wände kreisten.

Warum starrte er sie an? Er würde in ihrem Gesicht keine Begründung für ihr Benehmen finden. Warum blickte er nicht in all die Agenturen hinein, in denen ihr Geist noch herumlungerte - auf dem Stuhl neben der Tür. Warum sah er nicht in die Garderobe dieses schäbigen Bumslokals hinein, in dem sie schließlich einen Job bekommen hatte, in die Garderobe, aus der sie noch vor Beginn der Proben hatte fliehen müssen, nur weil sie einfältig genug gewesen war, auf Vorschlag des Besitzers dort zu warten, nachdem die anderen schon gegangen waren? Oder warum warf er nicht einen Blick in den Geldschlitz des Automaten an der Siebenundvierzigsten Straße, in dem das letzte Fünfcentstück verschwunden war, das sie an jenem unvergesslichen Tag besessen hatte. Oder warum schaute er nicht in den abgenutzten Koffer unter ihrem Bett? Er wog nicht viel, aber er war gefüllt. Gefüllt mit abgestandenen Träumen, die zu nichts mehr taugten.

An all diesen Orten hätte er eine Antwort bekommen, aber nicht in ihrem Gesicht. Was hatte es also für einen Sinn, hineinzustarren? Gesichter waren ohnehin Masken.

Er versuchte erneut sein Glück. »Es ist das erste Mal, dass ich hier bin.«

Sie wandte die Augen nicht von den Silberflecken an den Wänden. »Wir haben Sie sehr vermisst.«

»Ich glaube, Sie haben die Tanzerei satt. Vermutlich geht sie Ihnen jetzt, am Ende des Abends, auf die Nerven.« Er versuchte eine Erklärung für ihr mürrisches Verhalten zu finden, um damit seine Selbstachtung aufrecht erhalten zu können; er wollte sich einreden, dass es nicht an ihm lag. Das wusste sie. Sie wusste genau, wie Männer reagierten.

Diesmal richtete sie die Augen mit vernichtendem Ausdruck auf ihn. »Oh, nein. Ich habe es niemals satt. Ich kann gar nie genug kriegen. Wenn ich nachts in mein Zimmer zurückkehre, übe ich noch Sprünge und Stepptanz.«

Er senkte flüchtig den Blick und hob ihn dann wieder. »Sie sind über irgendetwas verärgert, nicht wahr?« Es klang nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung.

»Ja. Über mich.«

Er gab nicht auf. Begriff er keine Andeutungen, bedurfte es eines Schlages mit dem Hammer? »Gefällt es Ihnen hier nicht?«

Das war nun die Krönung der ganzen Serie alberner Bemerkungen, mit der er sie aus Konversationsgründen bedacht hatte. Sie spürte, wie sich ihre Brust vor Wut zusammenkrampfte. Mit Sicherheit wäre ein explosiver Ausbruch erfolgt, hätte nicht die Band in diesem Augenblick mit einem klirrenden Blechbüchseneffekt das Stück beendet und wäre nicht die direkte Beleuchtung an der Decke wieder auf geflammt. Eine Trompete gab einen letzten gellenden Schrei von sich.

Ihre erzwungene Intimität war zu Ende. Seine zehn Cents hatten ihren Zweck erfüllt. Sie ließ die Hand aus seiner Armbeuge fallen, als sei sie etwas längst Abgestorbenes; gleichzeitig gelang es ihr unauffällig aber wirksam, seinen Arm von ihrer Taille zu schieben.

Sie versuchte den Seufzer der Erleichterung, der sich ihr entrang, gar nicht erst zu unterdrücken. »Gute Nacht«, murmelte sie tonlos. »Wie schließen hier jetzt.« Sie wandte sich um und wollte weggehen.

Aber bevor es so weit war, ließ sie der Ausdruck von Überraschung auf seinem Gesicht innehalten. Halb abgewandt blieb sie stehen. Er fummelte in seinen verschiedenen Taschen herum und förderte schließlich eine Handvoll zusammengerollter Tickets zutage.

»He, ich glaube, die hätte ich wohl nicht alle zu kaufen brauchen«, murmelte er bedrückt, mehr an sich selbst als an sie gerichtet.

»Was hatten Sie denn vor - wollten Sie die ganze Woche über hier kampieren? Wie viele haben Sie da überhaupt?«

»Ich weiß nicht mehr. Ich glaube, so für zehn Dollar.« Er hob den Blick. »Ich wollte einfach hier rein, und ich habe mich gar nicht damit aufgehalten...«, begann er und brach dann ab.

Sie begriff jedoch. »Sie wollten nur einfach hier rein?«, sagte sie, und ihre Stimme hob sich. »Das sind ja hundert Tänze! So viel gibt es an einem Abend gar nicht.« Sie warf einen Blick zum Vorraum hinüber. »Und ich weiß auch nicht, was Sie da tun können. Der Kassier ist schon heimgegangen, und Sie können sich für die Dinger jetzt gar nichts zurückerstatten lassen.«

Er hielt die Tickets noch immer eher hilflos als über den Verlust bestürzt in den Händen. »Ich möchte gar nichts erstattet haben.«

»Dann werden Sie morgen Abend wieder herkommen müssen und den Abend darauf, so lange, bis Sie sie aufgebraucht haben. Sie verlieren ihre Gültigkeit nicht.«

»Ich fürchte, das kann ich nicht«, sagte er ruhig. Er streckte ihr die Tickets zögernd hin. »Hier - wollen Sie sie haben? Sie bekommen doch einen Anteil, oder nicht?«

Ihre Hände zuckten unwillkürlich in Richtung der Zettel, dann brachte sie sie schnell unter Kontrolle. »Nein«, sagte sie trotzig. »Danke nein.«

»Aber mir nützen sie nichts mehr. Ich werde nie mehr hierherkommen. Sie-können sie wirklich nehmen.«

Es wäre leicht verdientes Geld gewesen. Aber sie hatte es sich seit langem zur Regel gemacht - aus bitterer Erfahrung heraus nirgendwo bei irgendetwas nachzugeben, selbst wenn nicht erkennbar war, was für den anderen dabei herausspringen konnte. Wenn man in einer Sache, ganz gleich welcher, nachgab, war die Gefahr zu groß, dass man den nächsten Schritt noch leichter tat.

»Nein«, sagte sie energisch. »Vielleicht bin ich blöde, aber ich möchte keine Provision bekommen, wenn ich nicht dafür getanzt habe. Weder von Ihnen noch von sonst jemand.« Und damit verließ sie ihn wirklich, drehte sich vollends auf dem Absatz um und ging über die verlassene Tanzfläche.

Vor der Garderobentür auf der anderen Seite des Tanzsaals warf sie fast automatisch noch einmal einen Blick zu ihm zurück. Seine Hände kneteten das Bündel Tickets noch fester zusammen. Dann warf er das Papierknäuel gleichgültig weg, so dass es am Rand der Tanzfläche niederfiel, drehte sich um und schlenderte auf den Ausgang im Foyer zu.

Insgesamt hatte er ungefähr sechsmal mit ihr getanzt. Und jetzt hatte er Tickets im Wert von über neun Dollar weggeworfen. Und es war nicht geschehen, um sie zu beeindrucken, sie hatte gesehen, dass er gar nicht bemerkt hatte, wie sie ihn beobachtete.

Er ging ziemlich leichtfertig mit seinem Geld um, so als wüsste er nicht, was er damit anfangen sollte, als ob er es nicht schnell genug loswerden könnte. Das bedeutete - wenn überhaupt etwas -, dass er nicht daran gewöhnt war, welches zu haben. Denn sie war intelligent genug, um inzwischen begriffen zu haben, dass diejenigen, die immer über ausreichend Geld verfügten, niemals in Verlegenheit gerieten, wenn es sich darum drehte, was sie damit tun sollten.

Sie zuckte mit einer Schulter, trat in die Garderobe und schloss die Tür hinter sich.

Den nächsten Schritt, das Verlassen des Gebäudes, bezeichnete sie stets als Spießrutenlaufen, aber es verursachte ihr kein wirkliches Entsetzen mehr. Es war, als ob man über eine Pfütze mit Schmutzwasser stieg, die im Weg war - unangenehm, aber schnell überwunden.

Die Beleuchtung war wieder erloschen, diesmal endgültig, als sie aus der Garderobe trat. Nur ganz hinten brannte noch eine Lampe, damit die Putzfrau etwas sehen konnte. Sie ging durch den düsteren, höhlenartigen Saal, ihre Schritte wurden durch den Teppichbelag an der Seite gedämpft. Draußen war es nun heller als in der Tanzhalle. Sie kam an den beiden letzten Fenstern vorbei, und ihr Freund, ihr Verbündeter und Komplize, zeichnete sich wie immer leuchtend gegen den Nachthimmel ab. Falls sie ihm einen Dankesblick zuwarf, blieb es ein Geheimnis zwischen ihr und der Uhr.

Sie teilte die Flügel der Schwingtür und trat in den noch erleuchteten Vorraum hinaus, der zur Treppe führte.

Draußen standen zwei Männer. Jemand war immer da, lungerte herum, und wenn man bis zum Tagesanbruch wartete. Einer hockte auf einer der Rattan-Bänke und wartete offenbar auf jemand anderen, ein Mädchen, das noch im Haus war; er warf ihr nur einen flüchtigen Blick zu. Der andere, der oben an der Treppe stand, war derjenige, der sie für das letzte halbe Dutzend Tänze engagiert hatte.

Er blickte jedoch angestrengt die Treppe hinab in Richtung zur Straße und keineswegs erwartungsvoll auf die Tür, durch die sie soeben gekommen war. So als ob er eher durch seine Unentschlossenheit, wohin er sich wenden sollte, aufgehalten worden sei als durch die Absicht, mit jemand zusammenzutreffen. Tatsächlich verriet ihr sein überraschter Blick, als sie vorüberging, dass er sie gar nicht hatte kommen sehen.

Sie wäre wortlos vorübergegangen, aber seine Hand fuhr zum Hut - er hatte jetzt einen auf und er sagte: »Gehen Sie jetzt nach Hause?«

War sie drin abweisend gewesen, so war sie hier draußen im Vorraum ausgesprochen giftig. Dies hier war feindliches Territorium. Es gab keinen Rausschmeißer, der einen beschützen konnte, man war auf sich selbst angewiesen. »Nein, ich komme gerade herein. Ich steige rückwärts die Treppe hoch, damit niemand mein Gesicht erkennt und weiß, wer ich bin.«

Sie ging die mit Gummimatten belegten Stufen hinab und trat ins Freie. Er blieb oben stehen, so als wisse er nicht, was er tun sollte. Und er wartete auch auf niemand, denn im Haus war nur noch ein einziges Mädchen, und das war bereits mit Beschlag belegt. Erneut zuckte sie leicht mit einer Schulter. Was kümmerte sie das schon? Was kümmerte sie überhaupt irgendein Mensch?

Die frische Luft tat gut. Wie immer holte sie tief Luft, teils aus Erleichterung, teils aus Erschöpfung.

Die eigentliche Gefahrenzone lag auf der Straße. Dort trieben sich zwei undeutlich erkennbare Gestalten herum, in einigem Abstand vom Ausgang, Zigaretten im Mundwinkel. Sie trat vollends hinaus und ging in entgegengesetzter Richtung den Gehsteig entlang. Es standen dort immer irgendwelche Burschen herum, wie Kater, die ein Mauseloch beobachteten. Diejenigen, die sich oben im Vorraum herumtrieben, warteten in der Regel auf ein bestimmtes Mädchen; die anderen hier unten warteten auf irgendein Mädchen.

Sie kannte dieses riskante Spiel auswendig. Sie hätte ein Buch darüber schreiben können, aber sie hätte das gute weiße Papier damit nicht beschmieren mögen. Es gab immer eine Verzögerung, bevor die direkte Herausforderung erfolgte. Nie fand sie in unmittelbarer Nähe des Ausgangs statt, sondern dann, wenn sie sich schon in einiger Entfernung befand. Manchmal dachte sie, das hätte mit Mut zu tun. Lieber als der Maus von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten, warteten die heldenhaften Kater, bis sie ihnen den Rücken zukehrte. Wie dem auch war, es handelte sich um die Pfütze schmutzigen Wassers, die übersprungen werden musste.

Heute Nacht erfolgte die Herausforderung in Form eines Pfiffs. Das war häufig so. Es handelte sich nicht um einen ehrlichen schrillen Pfiff, er war gedämpft und verstohlen. Sie wusste, dass er ihr galt. Dann das verbale Postskriptum: »Warum eilt's denn so?« Sie beschleunigte ihren Schritt nicht einmal; damit hätte sie der Sache mehr Bedeutung zugemessen, als sie wert war. Wenn die Kerle sich einbildeten, sie hätte Angst...

Eine Hand legte sich um ihre Armbeuge. Sie versuchte nicht, sich loszureißen. Sie blieb kurz stehen und blickte auf die Hand. »Nehmen Sie sie weg«, sagte sie kalt.

»Was ist los, kennst du mich nicht? Du hast wohl'n kurzes Gedächtnis, was?«

Ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen. »Hören Sie - ich habe jetzt frei. Es ist schon schlimm genug, dass ich mit Kerlen wie Ihnen reden muss...«

»Ich war aber gut genug für dich, als ich vor zwei Nächten dort oben war, wie?« Er war jetzt vor sie getreten und blockierte den Weg.

Sie wich weder zurück noch tat sie ihm die Ehre an zu versuchen, um ihn herumzugehen. »Der großzügige Spender«, sagte sie gelassen. »In einer Nacht sechzig Cents verpulvert und nun wollen Sie hier auf dem Gehsteig den Bonus kassieren.«

Ein Taxi war langsam vorgefahren, angezogen durch irgendein unauffälliges Zeichen des Burschen, das ihr entgangen war. Die-Tür stand einladend offen.

»Na schön, du bist schwer zu kriegen. Nun hast du deine Schau abgezogen, ich glaub dir ja. Komm, das Taxi wartet!«

»Ich würde noch nicht mal um fünf Cents in einen Straßenbahnwagen mit Ihnen steigen, geschweige denn in ein Taxi.«

Er versuchte, sie seitlich darauf zuzuschieben. Es gelang ihr, die Taxitür

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. , um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über AM ENDE DIESER LANGEN NACHT denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen