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Finde deine Lebensspur: Die Wunden der Kindheit heilen – psychologische und spirituelle Impulse

Finde deine Lebensspur: Die Wunden der Kindheit heilen – psychologische und spirituelle Impulse

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Finde deine Lebensspur: Die Wunden der Kindheit heilen – psychologische und spirituelle Impulse

Länge:
240 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 17, 2020
ISBN:
9783451822308
Format:
Buch

Beschreibung

Ob wir unsere eigene Lebensspur finden oder ob wir uns von unserer Lebensgeschichte bestimmen lassen, hängt von uns selbst ab. Nur wenn wir – als Sohn oder als Tochter – fähig sind, uns auszusöhnen mit unserer eigenen Geschichte, mit der Beziehung zu unseren Eltern, sind wir fähig, unsere tiefsten Möglichkeiten zu entdecken. Anselm Grün zeigt, wie wir die Chancen entdecken können, die in unserer Lebensgeschichte liegen und wie wir unsere psychologischen und spirituellen Ressourcen erschließen können. Ein Klassiker voller befreiender Impulse.
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 17, 2020
ISBN:
9783451822308
Format:
Buch

Über den Autor


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Finde deine Lebensspur - Anselm Grün

1. Mutterwunden

Die Mutter schenkt dem Kind Geborgenheit und Urvertrauen. Sie ist die erste Bezugsperson für das kleine Kind und vermittelt schon dem Neugeborenen, dass es darauf vertrauen darf, dass die Welt gut ist und dass es sich auf das Gutsein der Welt und die Güte der Menschen verlassen darf. Die Mutter lässt ihr Kind erfahren, dass es so sein darf, wie es ist, dass es Bedürfnisse haben darf und dass diese Bedürfnisse gestillt werden. Sie zeigt ihm Nähe und Liebe, gibt ihm das Gefühl, dass es willkommen, bedingungslos angenommen und geliebt ist. Eine solche Grunderfahrung braucht das Kind als festes Fundament, auf dem es sich entfalten kann. Aber wohl keine Mutter kann diese Aufgabe immer und überall vollkommen erfüllen. Es wäre für das Kind auch gar nicht gut, wenn es die perfekte Mutter gäbe. Es kann nämlich nicht nur von der grenzenlosen Liebe der Mutter lernen, sondern auch von ihrer Begrenztheit. Wenn wir im Folgenden einige von Müttern zugefügte Verletzungen erwähnen, so möchten wir damit Müttern kein schlechtes Gewissen machen. Denn wir werden alle verletzt, ob wir wollen oder nicht. Entscheidend ist, wie wir mit unseren Verletzungen umgehen. Wenn wir uns den Mutterwunden stellen, können sie uns sensibel machen – für uns selbst und für andere. Und vor allem schützt uns eine solche Bewusstmachung und Selbstkonfrontation davor, dass wir die eigenen Verletzungen unbewusst weitergeben oder dass wir uns selbst verletzen oder dass wir uns immer wieder Situationen aussuchen, die die Verletzungen der Kindheit wiederholen.

Die Mutterwunden der Töchter

Manchmal entsteht die Mutterwunde schon vor der Geburt. Vielleicht geht es der Mutter mit der Schwangerschaft nicht gut. Sie wehrt sich innerlich dagegen. Sie raucht, weil sie sich nicht damit abfinden kann, dass sie gerade jetzt Mutter wird. Oder aber die Beziehung zum Mann ist unklar. Die seelischen Konflikte zur Zeit der Schwangerschaft färben auf das Kind im Mutterleib ab. Im Mutterschoß ist das heranwachsende Kind den Stimmungen und Launen, den körperlichen und seelischen Verfassungen der Mutter ausgeliefert. Und manchmal bekommt es die innere Ambivalenz der Mutter mit, die sich auf der einen Seite auf das Kind freut und zugleich vor der Geburt Angst hat. Wenn manche Mütter von solchen Problemen lesen, bekommen sie sofort ein schlechtes Gewissen und fragen sich, wie das wohl bei ihren eigenen Schwangerschaften war. Ihnen allen sei gesagt: Glücklicherweise hat das Kind bei allen traumatisierenden Erfahrungen in sich immer auch ein Potential von gesunder Energie, die alle Wunden zu wandeln vermag.

Eine tiefe Mutterwunde entsteht, wenn die Mutter ihre Aufgabe, dem Kind Geborgenheit zu schenken, nicht erfüllen kann, weil sie mit sich selbst beschäftigt oder mit dieser Aufgabe überfordert ist. Da wird ein Mädchen gerade zu der Zeit geboren, als die Partnerschaft der Eltern in einer belastenden Krise steckt. Das kleine Kind spürt unbewusst, dass die Mutter nicht fähig ist, eine Beziehung zu ihm aufzubauen, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Das Kind reagiert auf die Beziehungsunfähigkeit der Mutter, indem es die Beziehung verweigert. Es nimmt keine Nahrung zu sich. Es wehrt sich möglicherweise gegen alle Kontaktversuche der Mutter. Unbewusst bestraft es die Mutter, weil es von ihr nicht bekommt, was es braucht. So entsteht ein kompliziertes Beziehungsgeflecht, an dem beide leiden. Wenn dieses Kind zur Frau reift, muss es sich dieser Wunde stellen. Und es ist immer ein schmerzlicher Weg, zuerst einmal mit sich selbst in Beziehung zu kommen, um dann eine Beziehung zu der hilflosen Mutter aufzubauen.

Eine Frau erzählt, dass die Mutter sie als Kind eigentlich gar nicht gewollt hat. Ihre Mutter wollte aber unbedingt schwanger werden, weil schwangere Frauen am Ende des Krieges von der Arbeit in den Munitionsfabriken befreit waren. Dieses Kind spürte unbewusst, dass es von der Mutter nur benutzt, aber nicht wirklich geliebt wurde. Andere Mütter hoffen, wenn sie ein Kind bekommen, dann würde die Beziehung zu ihrem Partner wieder gut werden. Oder sie werden schwanger, um ihren Freund dadurch an sich zu binden. Ältere Frauen erzählen, dass sie das sechste oder siebte Kind gar nicht mehr wollten, weil sie am Ende ihrer Kraft waren. Manchmal haben sie das Kind dann bewusst vernachlässigt. Es war für sie der einzige Weg, um sich am Mann für das Diktat seiner Wünsche zu rächen. In all diesen Fällen wird das Kind für andere Zwecke benutzt. Die Konsequenz: Es wird sein ganzes Leben lang von dem Gefühl gegeißelt, nicht wirklich selbst geliebt zu werden, sondern von den Menschen für ihre Zwecke benutzt zu werden. Das führt dann dazu, dass es sich vor anderen schützt, indem es auch emotional niemanden an sich heranlässt. Ein benutztes Kind sehnt sich nach einem Menschen, der es endlich einmal bedingungslos liebt. Aber oft genug erfährt es dann nur die Wiederholung der kindlichen Situation. Selbst der Mensch, von dem es bedingungslose Liebe erfahren hat, nutzt es irgendwann aus.

Oft ist die Mutter mit dem Kind überfordert, weil es zu unruhig ist oder nachts nicht schlafen kann. Vielleicht hat die Mutter gerade im Beruf oder im Haushalt großen Stress. Sie kann die Unruhe des Kindes nicht ertragen, wird aggressiv und schlägt das Kind, obwohl sie das eigentlich nie gewollt hat. Sie kann nicht anders. Sie leidet darunter, dass sie dem Kind nicht gerecht wird. So versucht sie, das Kind mit übergroßer Liebe wieder für ihren Wutanfall zu entschädigen. Aber dadurch verwirrt sie das Kind, es kennt sich nicht mehr aus. Viele Mütter waren in der Nachkriegszeit überfordert. Sie waren in Sorge um ihren Mann, der an der Front war, während sie selbst daheim in der Angst vor den Fliegerangriffen leben und mit den Kindern immer wieder in den Bunker gehen mussten. In einer solch sorgenvollen Situation sind die Bedürfnisse vieler Kinder nicht erfüllt worden. Eine Frau, die unter solchen Umständen als Kind aufwuchs, hatte immer das Gefühl: „Alles, was ich mache, ist verkehrt. Ich kann es der Mutter nicht recht machen." Wenn sich solch eine Erfahrung als inneres Muster in uns ausbildet, belastet es uns ein Leben lang.

Eine andere Mutterwunde entsteht, wenn die Mutter die Tochter als Vertraute benutzt: Eine Frau kommt mit ihrem Mann nicht zurecht – und erzählt der Tochter ihre Partnerschaftsprobleme. Oft malt sie dann ein negatives Bild des Vaters. Das verwirrt die Tochter, die den Vater ganz anders erlebt, ja, die ihn liebt. Jetzt weiß sie plötzlich nicht mehr, wem sie glauben soll, der Mutter oder ihrem eigenen Gefühl. Es entsteht Gefühlsverwirrung.

Manchmal verallgemeinert die Mutter dann und vermittelt der Tochter ein destruktives Männerbild: Männer sind Machos, sie wollen nur die Sexualität, sie sind untreu, egoistisch, gefühlskalt, unbeherrscht usw. Die Konsequenz: Ein solch negatives Männerbild blockiert die Tochter später in ihren Beziehungen zu Männern.

Mit dem negativen Männerbild ist häufig auch ein destruktives Frauenbild verbunden. Die Mutter kann sich selbst als Frau nicht annehmen. Sie hat nie gelernt, ihre Sexualität zu lieben. So verletzt sie die Tochter, indem sie ihr ein negatives Bild der Frau zeichnet. Eine Frau hat etwa als Botschaft ihrer Mutter den Satz mitbekommen: „Als Frau bist du der letzte Dreck, der Fußabstreifer der Männer" Diese Mutter hatte nach dem Krieg erfahren, wie Frauen zum Freiwild für die Besatzungssoldaten geworden waren. Und als der Vermieter, der die beiden Frauen großzügig aufgenommen hatte, die Tochter sexuell missbrauchte, konnte die Mutter ihre Tochter davor nicht schützen. Sie vermittelte ihr in der Folge, dass das eben das Schicksal der Frauen sei. Ihre eigene Not hat sie auf die Tochter projiziert. Kein Wunder, dass in der Folge die Tochter sich nie an ihrem Frausein freuen konnte und eine lange Therapie benötigte, um ihren Wert als Frau zu entdecken.

Andere Mütter vermitteln ihren Töchtern das Gefühl: „Komm mir nicht zu nahe! Sie wollen auf der einen Seite zwar liebevolle Mütter sein. Auf der anderen Seite haben sie aber Angst vor zu viel Nähe. Sie können die Nähe nicht zeigen, weil sie vielleicht selbst in sich gehemmt und unfähig sind, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen, oder weil sie von der eigenen Mutter keine Nähe erfahren haben. Die Tochter wird erst sehr viel später merken, dass sie die gleiche Botschaft Männern und Frauen gegenüber weitergeben wird. Sie sehnt sich nach Nähe. Aber sie ist unfähig, Nähe zu geben oder zuzulassen, weil die unbewusste Botschaft an alle, die ihr nahe kommen, lautet: „Komm mir nicht zu nahe!

Eine Ordensschwester erzählt, dass sie als Kind immer arbeiten musste und nie spielen durfte. Die Mutter sah ihren eigenen Wert anscheinend nur in der Leistung. So hat sie der Tochter vermittelt, dass es Sinnvolleres gibt als zu spielen und die Zeit zu vergeuden. „Erst die Arbeit, dann das Spiel", war das Motto. Die Tochter durfte nicht einmal ein paar Augenblicke für sich genießen. Immer fand die Mutter eine Arbeit, die sie der Tochter auftrug. Das hat sich in der Schwester so tief eingeprägt, dass sie bis heute jeweils genau eine Minute zu spät zum Chorgebet kommt, damit keine Mitschwester von ihr denken möge, dass sie zu wenig Arbeit

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