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Kämpfen im Geiste Buddhas: Wie man anderen (nicht) in den Hintern tritt und durch Kampfkunst die Welt rettet

Kämpfen im Geiste Buddhas: Wie man anderen (nicht) in den Hintern tritt und durch Kampfkunst die Welt rettet

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Kämpfen im Geiste Buddhas: Wie man anderen (nicht) in den Hintern tritt und durch Kampfkunst die Welt rettet

Länge:
266 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 23, 2020
ISBN:
9783954473465
Format:
Buch

Beschreibung

EIN UNERBITTLICHER, RESPEKTLOSER, ERHELLENDER BLICK IN DIE WELTEN VON BUDDHISMUS UND KAMPFKUNST.

Wie bringen wir buddhistische Konzepte wie Gewaltlosigkeit mit einer Kampfpraxis wie Judo, Karate oder Jiu Jitsu in Einklang? Können wir überhaupt gleichzeitig Kampfkunst ausüben und Buddhisten sein? Können sich diese Praktiken in Achtsamkeit ergänzen?

KÄMPFEN IM GEISTE BUDDHAS zeigt den Unterschied zwischen Gewalt und Gewaltanwendung in Bezug auf die Lehre des Buddha, "keinen Schaden anzurichten". Es stellt den Glauben in Frage, dass Kampfkunststile einer meditativen Praxis nicht förderlich sind, und legt offen, dass die wahre Prüfung seiner Fähigkeiten für den Kampfkünstler und Buddhisten in einer Situation erfolgt, für die er nicht ausgebildet ist. Es geht um die Festlegung von Zielen und die richtige Auswahl des Lehrers und darum, dass Erleuchtung und der Schwarze Gürtel, die einen am Ende erwarten, nur der Anfang sind.

JEFF EISENBERG ist Martial-Arts-Experte und Meditationslehrer auf Großmeisterniveau mit über 40 Jahren Ausbildung und 25 Jahren Lehrerfahrung. Er betrieb lange ein eigenes Dojo, in dem er Tausende von Kindern und Erwachsenen in den Kampfkünsten unterrichtete, und arbeitete als Leibwächter, Ermittler und Leiter der Krisenreaktion in der psychiatrischen Abteilung eines großen Krankenhauses. Mit seiner Frau und mehreren Katzen lebt er in Long Branch, New Jersey.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 23, 2020
ISBN:
9783954473465
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Kämpfen im Geiste Buddhas - Jeff Eisenberg

Einführung

Die Welt ist nun mal nicht vollkommen,

doch sie ist auch nicht unvollkommen.

Als ich irgendwann eine Klasse von Zehnjährigen unterrichtete, wies ich darauf hin, dass man beim Lernen der Kampfkunst eines unbedingt begreifen muss: Die Ausbildung ist lediglich eine Vorbereitung auf die Wirklichkeit, nicht die Wirklichkeit selbst. Ich wollte den Schülerinnen und Schülern vermitteln, dass die Szenarien bei den Übungen im Dojo niemals den Szenarien auf der Straße entsprechen. Danach führte ich eine Kampftechnik vor und sagte: »Denkt daran, dass es in einer vollkommenen Welt genau so funktionieren würde. Doch realistischerweise müssen wir darauf vorbereitet sein, diese Technik häufig auf ganz andere Weise anzuwenden, denn wir leben in keiner vollkommenen Welt.«

Während ich die alternative Anwendung dieser Technik zeigte, streckte mein junger Schüler Henry die Hand hoch. »Sir«, sagte er mit der für ihn typischen Ernsthaftigkeit und Unbeirrbarkeit, »realistischerweise hätten wir es in einer vollkommenen Welt ja auch gar nicht nötig, uns selbst zu schützen.«

Er hatte recht. In einer vollkommenen Welt wäre es nicht nötig zu trainieren, nicht nötig, uns selbst zu schützen, nicht nötig, Dharma zu praktizieren, nicht nötig, uns selbst zu befreien. Doch die Welt ist nicht vollkommen, und darin liegt die Wurzel unseres Leids. Unser Problem besteht darin, dass es uns zur Ausbildung in den Kampfkünsten und zur buddhistischen Praxis zieht, weil wir glauben, dadurch unsere eigene vollkommene Welt schaffen zu können. Fälschlicherweise meinen wir, dass unsere Anstrengungen dazu führen werden, Erlebnisse zu verhindern, die uns Kummer und Schmerzen bereiten. Wir müssen jedoch begreifen, dass Training und Praxis uns lehren, neue Fähigkeiten und Strategien gerade für den Fall zu entwickeln, dass wir tatsächlich schmerzhafte Erfahrungen machen.

Schüler der Kampfkünste nehmen an, dass sie irgendwann im Laufe ihrer Ausbildung eine besondere, hohe Stufe erreichen werden, die sie zu unbesiegbaren Kampfmaschinen macht, so dass sie niemals in Gefahr geraten. Neulinge, die den Buddhismus praktizieren möchten, glauben, dass sie irgendwann im Laufe ihrer Ausbildung eine besondere, hohe Stufe erreichen werden, die sie in einen fortwährenden Zustand der Glückseligkeit versetzt.

In Wahrheit kann ein Kampfsportler im besten Fall darauf hoffen, eine bedrohliche Situation richtig einschätzen und sich daraus zurückziehen zu können, und im schlimmsten Fall, eine solche Situation mit möglichst geringfügigen Verletzungen zu überleben. Und derjenige, der Dharma praktiziert, kann im besten Fall darauf hoffen, dass er auf schmerzhafte Erfahrungen mit neuem, nützlichem Verhalten reagiert, ohne sich von solchen Erlebnissen vereinnahmen zu lassen. Und im schlimmsten Fall muss er sich von diesen Erlebnissen völlig lösen, damit sich der Schmerz nicht in Leiden verwandelt.

Ausbildung und Praxis sollten uns das ins Bewusstsein rufen, damit wir uns solchen Erlebnissen stellen und sie akzeptieren können. Wenn Ausbildung und Praxis uns von diesen Erkenntnissen wegführen, verschwenden wir unsere Zeit mit schädlichen Selbsttäuschungen. Ich möchte ja nicht wie ein verrückter Zen-Meister klingen, aber die Welt ist nun mal nicht vollkommen, doch sie ist auch nicht … unvollkommen.

Wir müssen die Dinge einfach so akzeptieren, wie sie sind, und uns mit ihnen auseinandersetzen! Stets wird im Schatten irgendein beängstigender Kerl lauern, der nur darauf wartet, uns in den Hintern zu treten. Und das Leben wird wirklich niemals genauso verlaufen, wie wir es eigentlich für wünschenswert halten! Also müssen wir die Kampfkunst so trainieren, als wäre jeder Tag tatsächlich derjenige, an dem wir uns dem beängstigenden Kerl im Schatten stellen müssen, und uns Tag für Tag so im Dharma üben, als würde wirklich alles schiefgehen, was überhaupt schiefgehen kann!

Der komisch wirkende Dicke

Ich bin kein Gott. Ich bin nur ein Erwachter.

Meinen ersten Kontakt mit Buddha hatte ich als Kind. Er war überall. Es gab Buddha-Statuen im Haus, draußen im Garten, und meine Mutter schien ihn ständig in ihren Gemälden zu verewigen, die in allen Zimmern hingen. Sogar viele Möbel wirkten fernöstlich.

Ehe ihr anfangt, euch das Bild eines kleinen Blumenkindes auszumalen, das in einem buddhistischen Haushalt einer Hippie-Künstlerin nahe bei Woodstock in den wunderschönen Catskill Mountains aufwuchs oder in irgendeiner Kommune im nördlichen Kalifornien, muss ich euch verraten, dass die Wahrheit noch wesentlich verrückter ist. In Wahrheit wuchs ich in Jersey, unmittelbar außerhalb von New York City, auf und, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wir waren nicht einmal Buddhisten!

Trotz aller Darstellungen von Buddha ringsum erinnere ich mich nicht daran, dort auch nur ein einziges Mal etwas über ihn gehört zu haben, und über keine der Darstellungen wurde jemals gesprochen. Mir ist klar, dass ihr jetzt vielleicht sagt: »Also gut, sie waren keine Buddhisten, aber wahrscheinlich haben sie sich einfach mit Meditation befasst.« Falsch! Mit Medikation, ja, aber nicht mit Meditation!

Also kam ich zu dem Schluss, dass alle diese Skulpturen und Bilder von dem komisch wirkenden Dicken nur seltsame Dekorationen waren, und beließ es dabei. Als ich älter wurde, merkte ich, dass dieser komisch wirkende Dicke vielen Leuten ziemlich wichtig war. Ich war mir nicht sicher, ob er ihr Gott war oder nicht. Ich spürte zwar eine sonderbare Verbindung mit ihm, hatte aber das Gefühl, dass er nicht mein Gott war. Was mich wiederum zu der Frage bracht, wer eigentlich mein Gott war. Ich kam zu dem Schluss, es müsse der andere Dicke sein, derjenige, der einen roten Anzug trug und uns jedes Jahr die ganzen Geschenke brachte. So musste es wohl sein! Doch trotz dieser Überzeugung gefiel mir der halbnackte, dicke, chinesische Kerl immer noch besser … Ich wusste nur nicht, warum.

Etwa zu dieser Zeit entdeckte ich die Fernsehsendung Kung Fu. Von dem Moment an, als ich sie zum ersten Mal sah, war ich wie hypnotisiert – völlig gebannt davon. All diese Handlungen, in denen es um Kampfkunst ging, die anschaulichen Bilder des exotischen klösterlichen Schauplatzes mit seinen schönen Tempeln und Gärten, Kerzen und Räucherstäbchen. Die tiefe Stille und Beschaulichkeit, die dort dargestellt wurde! Nie zuvor in meinem Leben hatte ich mich so stark mit irgendetwas identifiziert. Obwohl ich damals nichts über östliche Religionen, östliche Kulturen und klösterliches Leben wusste, fand dies alles tief in meinem Inneren Resonanz, denn es hatte etwas an sich, das ich intuitiv als wohltuend empfand. Viele Menschen berichten, dass sie bei ihrem ersten Aufenthalt in einem Zendo oder Dojo das überwältigende Gefühl einer »Heimkehr« haben. Und genau das empfand ich stets, wenn ich eine Darstellung von Buddha sah, und besonders, als das alles in den Kung-Fu-Filmen zum Leben erwachte.

Zwar liebte ich die Kampfhandlungen der Filme, aber mich berührten auch die Rückblenden sehr, in denen der verwirrte junge Schüler Caine Rat beim großen Meister Po sucht. Caine sitzt dann meistens vor dem Meister und sucht nach Antworten auf seine tiefen philosophischen Fragen. Meister Po reagiert darauf stets mit einem Rätsel des Koan, das den jungen Caine erst recht verwirrt. Immer endet das Gespräch damit, dass Meister Po laut lacht und der Grashüpfer (Meister Pos Spitzname für den jungen Caine) begreift, dass die Antwort auf seine Frage darin besteht, dass er die falsche Frage gestellt hat. Egal, was passierte: Für Caine schien es schon tröstlich zu sein, wenn er sich einfach bei Master Po aufhalten durfte. Und das löste bei mir den Wunsch nach einem Ort aus, wo ich genauso hingehen konnte wie Caine zu Po. Ich wollte meinen eigenen Meister Po! Vielleicht hatte ich mich ja geirrt. Vielleicht war der komisch wirkende Dicke tatsächlich mein Gott oder hätte es zumindest sein sollen! Wie auch immer: Ich würde meinen Meister Po finden!

Ich weiß nicht, ob ich meine Eltern um Erlaubnis bat oder sie einfach mein Interesse an den Kung-Fu-Filmen bemerkten und es deshalb übernahmen, mich zu einer Kampfkunstschule zu bringen, jedenfalls ging ich eines Tages zur eigenen Verblüffung dorthin. Das war schon eine große Sache, denn in den späten 1960er Jahren gab es, anders als heute, eine solche Schule nicht gerade an jeder Straßenecke. Während meine Freunde alle in irgendeiner unteren Liga Baseball spielten, karrte meine Mutter mich durch mehrere Ortschaften zu einem winzigen Dojo. Der Leiter war ein japanischer Judomeister, der kaum Englisch sprach.

Als ich dieses Dojo zum ersten Mal betrat, war das wirklich ein Erlebnis! Die Dekorationen erinnerten mich an Caines Kloster, ich durfte genau wie Caine einen coolen Kampfanzug tragen, und natürlich gab es auch hier einen hauseigenen Meister Po! Alles war genau so, wie ich es mir gewünscht hatte – das heißt, es war so, bis der Meister damit anfing, uns lauter anzubrüllen, als ich jemals einen Menschen hatte brüllen hören. Und was noch schlimmer war: Ich konnte nicht verstehen, was er brüllte! Nachdem ich während einer höchst anstrengenden Trainingsstunde immer wieder auf die Matte geschleudert worden war, wurde mir klar, dass dieser Meister mir die Antworten auf meine Fragen, falls er überhaupt welche hatte, geradezu einhämmern würde.

Als ich etwas älter war und mich schon ein bisschen im Kampfsport auskannte, war ich nicht mehr so daran interessiert, einen Meister Po zu finden, sondern vor allem daran, zu einer Kampfmaschine zu werden. Was diesen Wunsch als Erstes nährte, waren die neu entdeckten Kung-Fu-Kinofilme am Samstagnachmittag. Und wieder war ich wie hypnotisiert! Im Vergleich zu diesen Filmen wirkten die Kung-Fu-Fernsehfilme so, als tänzelten die Schauspieler nur herum und machten »Backe, backe Kuchen«. Die Kerle in den Kinofilmen waren unglaublich! (In Wahrheit war das Meiste albern: Großartige Athleten zeigten dort Gymnastikübungen und führten dabei dank der Special Effects spektakuläre, aber nutzlose Kampfkünste vor. Ich war damals erst zehn Jahre alt, also seht es mir nach!) Einem Kind mussten diese Kerle wie übermenschliche Helden vorkommen – direkt den Comicbüchern entstiegen und zum Leben erwacht. Und natürlich wollte ich genau wie sie sein.

Das heißt … bis ich Bruce Lee sah.

Bruce war derjenige welcher! Er stellte die Typen aus den Samstagnachmittag-Kung-Fu-Filmen so sehr in den Schatten, dass sie nur noch lächerlich wirkten. Während sie maskenhaft geschminkt waren wie Kabuki-Schauspieler, seidene Pyjamas trugen, die Kimonos ähnelten, Gymnastik und routinierte Tanzschritte vollführten, die als »Kämpfe« durchgehen sollten, platzte Bruce mitten in die Szenerie hinein, stellte einen zähen, bis zum letzten Muskel durchtrainierten Körper zur Schau und brillierte in den echtesten Kampfszenen, die je gedreht worden waren. Er machte einen nicht nur glauben, dass man hier realen Kampftechniken zuschaute, sondern dass man sie sich durch harte Arbeit auch selbst aneignen konnte.

Bruce Lee zuzusehen war für mich ein erneutes Erlebnis der »Heimkehr«. Dieses Erlebnis war der Katalysator für eine tief reichende, intuitive Erkenntnis, die mich von der Theatralik der Fantasyfilme mit ein bisschen Kung-Fu-Handlung in eine andere Richtung katapultierte – auf den Weg zu einem realitätsnahen Training und zur Suche nach der wahren Kampfkunst jenseits aller falschen Vorstellungen.

Man muss es Bruce hoch anrechnen, dass er sozusagen im Alleingang und über Nacht einen Riesenaufschwung des Kampfsports bewirkte. Er war hinsichtlich seiner Auffassungen von einem effizienten Training seiner Zeit um Lichtjahre voraus. Lange vor allen anderen hatte er begriffen, dass ein Training in nur einem Kampfstil den Schüler einschränkt und einzig derjenige ein vielseitiger Kampfsportler wird, der sich das aneignet und in sein Arsenal aufnimmt, was funktioniert – egal, zu welchem Kampfstil diese Methode ursprünglich gehört hat. Ebenso war ihm schon frühzeitig klar geworden, wie wichtig allgemeine Fitness ist und welche Rolle sie beim Kämpfen spielt.

Was Bruce dazu brachte, sich vom herkömmlichen Training zu verabschieden, war ein Kampf, zu dem er herausgefordert wurde – jedenfalls ist das die Legende, die gern erzählt wird. Als Bruce von Hongkong aus zum ersten Mal in die USA reiste, um im Umkreis von San Francisco Kampfkunst zu unterrichten, erboste er die örtliche chinesische Vereinigung der Kampfsportler dadurch, dass er auch nicht-chinesische Schüler annahm. Ein ihm feindlich gesinnter Lehrer war darüber so wütend, dass er Bruce zu einem Kampf herausforderte, und Bruce ging darauf ein. Dieser Kampf wurde zum Wendepunkt in seinem Konzept von Kampfkunst.

Nach Berichten von Augenzeugen war dieser »Kampf« letztlich nichts anderes als ein alberner Tanz, bei dem die beiden Gegner einander abwechselnd durch den Raum jagten. Er endete, ohne dass einer von beiden einen erfolgreichen Angriff hatte durchführen können. Nicht ein einziger Schlag wurde ausgetauscht. Bruce führte das darauf zurück, dass sie beide versucht hatten, den traditionellen, roboterhaften, choreografierten Trainingsdrill auf diese Kampfsituation anzuwenden. Dadurch wurde ihm klar, dass sich dieses wirklichkeitsfremde Training in einer kritischen Alltagssituation als nutzlos erweisen musste. Weder sein Kontrahent noch er selbst hatten sich auf »echte« Kampferfahrungen stützen können.

Nach diesem Vorfall veränderte Bruce seine Denkweise und sein Training. Er verabschiedete sich von der überholten Ausschließlichkeit der traditionellen Einstellung »Mein Stil ist der beste« und ging zu einem aufgeschlossenen, wissbegierigen Training über, indem er Techniken aus vielen verschiedenen Kampfstilen übernahm. Dazu zählten auch das westliche Boxen und das europäische Fechten. Ihm wurde klar, dass er das Training fortwährend daraufhin überprüfen musste, ob das, was man früher für effizient gehalten hatte, überhaupt irgendwann effizient gewesen war oder den heutigen Maßstäben noch genügte.

In einer von Bruces berühmtesten Filmszenen sehen wir beispielsweise einen Kampf, bei dem er durch seine praktische Erfahrung einem traditionell kämpfenden Gegner eine Lektion erteilt. Höflich sieht Bruce zu, wie ein Mann mehrere Bretter durchschlägt. Danach wendet sich dieser Mann in aggressiver Körperhaltung Bruce zu. Offensichtlich glaubt er, unseren Helden eingeschüchtert zu haben. Doch Bruce knurrt einfach: »Bretter … schlagen nicht zurück!« Und dann macht er sich daran, den Mann zu Brei zu schlagen.

In Sekundenschnelle begreifen wir alles. Bruce nimmt uns die Ehrfurcht vor raffinierten Kunststücken und ersetzt sie durch das Erfassen einer realen Situation. Das Zertrümmern von Brettern hat seinem Gegner nicht die unmittelbare Erfahrung vermittelt, die er für die Anwendung seiner Fähigkeiten in Situationen des wahren Lebens benötigt. Er weiß nur, wie man Bretter durchschlägt, was allerdings rein gar nichts mit Kämpfen zu tun hat, wie er auf schmerzhafte Weise feststellen muss.

Das war eine wichtige Lektion. Doch obwohl sie so leicht nachzuvollziehen war, verstanden sie nur wenige. Die meisten Schüler des Kampfsports waren immer noch wie besessen von der mystischen Aura des Übernatürlichen, die damals die Kampfkünste umgab. Sie machten sich selbst vor, eine besondere Fähigkeit zur Durchführung übermenschlicher Kunststücke erwerben zu können, und begriffen nicht, dass die Ausbildung in den Kampfkünsten etwas ganz anderes beinhaltet: die Entwicklung einer realistischen, praktischen Anwendung körperlicher Fähigkeiten durch unglaublich harte und sich ständig wiederholende Arbeit an sich selbst. (An dieser Stelle muss ich anmerken, dass es vor allem die Lehrer der Kampfkünste und des buddhistischen Dharma selbst waren, die das Klischee der mystischen Aura aufrechterhielten, doch dazu später.)

Bruce Lees Erkenntnis und die Richtung des Trainings, die er daraufhin einschlug, veränderte den Kampfsport für alle Zeiten. Alle Kampfsportler müssen ihm für seine innovativen Vorstellungen und Theorien, soweit sie das praktische Training betreffen, äußerst dankbar sein. Doch Bruce blieb in diesen Vorstellungen und Theorien stecken, perfektionierte sie in einer kontrollierten Umgebung und setzte sie nie Tests in Alltagssituationen aus. Soweit es das Training betraf, wurde er zu einem Experten, aber nicht in dessen realer Anwendung.

Der Buddhismus weist auf ein solches Problem mit dem Ratschlag hin: »Sobald dein Boot das andere Ufer erreicht, steige aus, gehe an Land und weiter, denn jetzt brauchst du das Boot nicht mehr.« Leider blieb Bruce auf seinem Boot und betrat niemals das andere Ufer. Er revolutionierte das Training, doch verwechselte er das Boot – das Transportmittel zu neuen Ufern – mit dem Ufer selbst.

Auf dieses Dilemma stößt man nach wie vor in zahlreichen Dojos und Zendos. Viele Kampfsportler sind Meister der Trainingsmatte und Opfer der Straßenkämpfe – manchmal in körperlicher Hinsicht Opfer, jedoch stets in geistiger Hinsicht (mehr dazu später). Und viele Menschen, die meditieren, sind Roshis auf dem Sitzkissen, leiden aber sehr im wahren Leben. In beiden Fällen beherrschen sie ihre Übungen meisterhaft, können sie jedoch im Alltag nicht anwenden. Niemals haben sie ihre meisterlichen Fähigkeiten einer wirklichen Härteprobe ausgesetzt. Sehr

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Was die anderen über Kämpfen im Geiste Buddhas denken

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