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Auf der Suche nach Freiheit: Von Nigeria nach Ostholstein

Auf der Suche nach Freiheit: Von Nigeria nach Ostholstein

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Auf der Suche nach Freiheit: Von Nigeria nach Ostholstein

Länge:
1,426 Seiten
16 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 23, 2020
ISBN:
9783752635720
Format:
Buch

Beschreibung

Ein ehemaliger Sklave François gerät 1794 in das Auge des Hurrikans der Französischen Revolution auf Guadeloupe, kämpft in Seekriegen und wird zum englischen Kriegsgefangenen. Nach dem Austausch gelangt er nach Guadeloupe zurück, wo das Bataillon des Antilles im Mai 1802 an der Rebellion gegen die Wiedereinführung der Sklaverei, durch Napoleon befohlen, teilnimmt. Die Einheit wird von der Insel vertrieben. François wird in Mantua eingesetzt, von wo er desertiert und sich im Oktober 1806 mit neuer Identität in Ostholstein niederlässt - ein direkter Vorfahre der Autorin.
Neben dem biographischen Aspekt werden die Bedingungen im Ursprungsland Nigeria, der Dreieckshandel, die Gesellschaft und Kultur auf Guadeloupe analysiert. Welche Faktoren tragen zum Aufstand von 1802 bei und wie geht die Insel damit um? Die Vertreibung der Soldaten ist eine internationale Staatsaffäre. Welche Politik betreibt Napoleon, insbesondere bezogen auf farbige Menschen? Was passiert bei den Pionniers Noirs in Mantua?
François ist auf der Suche nach Freiheit, einem einfachen, menschenwürdigen Leben, frei von Sklaverei - und findet seine Ruhe im dänischen Holstein. Ein Stück Microgeschichte in der Makrogeschichte wird dargestellt.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 23, 2020
ISBN:
9783752635720
Format:
Buch

Über den Autor

Sandra Willendorf, Jahrgang 1967. Kaufmännische Ausbildung, Studium Kunst und Französisch. Seit jeher galt das Interesse Subsahara und Karibik. Sie ist einem Familiengeheimnis auf die Spur gekommen und hat alles aufgedeckt - nun ist klar, warum sie das Thema ihr ganzes Leben lang begleitet hat.


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Buchvorschau

Auf der Suche nach Freiheit - Sandra Willendorf

Inhalt

1. Prolog

2. Was eine Legende mit einem DNA Test zu tun hat

Die Etappen im Leben von François Lacour / Jochim Friedrich Willendorf

3. Zusammenhänge in Nigeria

3.1. Die Igbo

3.2. Die Rolle der Aro

3.3. Der Weg an die Küste

3.4. Die Efik an der Küste

3.5. Beeinflussende Faktoren für den Sklavenhandel

3.6. Die Auswirkungen des Sklavenhandels für die Region von Nigeria

3.7. Einige Zahlen zum transatlantischen Handel

3.8. Überfahrt ohne Rückkehr

3.9. Der Sklavenhandel mit Kindern, Männern und Frauen

4. In der Karibik

4.1. Direkte Verbindung oder umsteigen?

4.2. Nach der Anlandung auf Guadeloupe

4.3. Bevölkerungsstruktur, Organisation und Wirtschaft

4.3.1. Beschreibung der Insel

4.3.2. Der Sklave

4.3.3. Die Bevölkerungspyramide

4.3.4. Die Familie

4.3.5. Kindersterblichkeit

4.3.6. Berufe und Aufstiegsmöglichkeiten

4.3.7. Soziale Kontrolle

4.3.8. Maroons

4.3.9. Aufstieg im System durch Freilassung

4.3.10. Das Land und Struktur

4.3.11. Städtebau

4.3.12. Wirtschaftliche Produktion

4.3.13. Bedingungen der Produktion

4.3.14. Handelsbilanz

4.3.15. Handelskammer

4.3.16. Soziale Kontrolle der Kirche

4.3.17. Die Rolle der Stadt Basse-Terre

4.3.18. Missionare und die Rolle der Schulbildung

4.3.19. Contrebande in Basse-Terre

4.3.20. Die Rolle der Stadt Pointe-à-Pitre

4.4. Politische Verhältnisse als Vorläufer der Rebellion von 1802

4.4.1. Kämpfe in der Karibik

4.4.2. Die erste Amtszeit von Gouverneur Lacrosse

4.4.3. Abschaffung der Sklaverei

4.4.4. Handelsblockade, Korsaren, Emigration und Guillotine

4.4.5. Alle Sklaven, die den Boden betreten, sind frei

4.4.6. Menschenrechte der Farbigen

4.4.7. Freimaurer, Société des Amis des Noirs und Akademie

4.4.8. Die Volkszählung

4.4.9. Keine Durchführungsrichtlinien

4.5. Militärische Strukturen

4.5.1. Organisation der Miliz

4.5.2. Legion von Saint-Georges

4.5.3. Organisation des Militärs - Bataillon des Antilles

4.5.4. Das Bataillon in englischer Kriegsgefangenschaft

4.5.5. Marine-Strukturen

4.6. Zwischen Victor Hugues und Lacrosse

4.6.1. Rückblende: Was hat Victor Hugues erreicht?

4.6.2. Nach der ersten Amtszeit von Victor Hugues

4.6.3. Die Amtszeit von Desfourneaux

4.6.4. Vergleich der Wirtschaft von 1790 und 1799

4.6.5. Psychologie des Dreieckshandels

4.6.6. Unter Napoleon: Neue Kräfte werden aktiv

4.6.7. Zwei Schritte vor und drei zurück

4.6.8. Zweite Amtszeit von Lacrosse als Wegbereiter der Rebellion

4.7. Die nahende Rebellion

4.7.1. Proconsulat von Lacrosse

4.7.2. Provisorische Regierung von Magloire Pélage

4.7.3. Proconsulat von Richepance - die Rebellion von Mai 1802

4.7.4. Rezeption der Rebellion

4.7.5. Deportation nach Frankreich

4.7.6. Die Rebellion im Zivilstandsregister

5. In Europa

5.1. Die Pionniers Noirs

5.2. Aus den französischen Strukturen entflohen

5.3. Rethwischdorf

5.4. Entwicklung in Ostholstein

6. Auswertungen der Funde zu Lacour

6.1. Die Pflanzer- und Händlerfamilie Lacour

6.1.1. Mögliche Verbindung zu religiösen Orden

6.1.2. Auswertung des Lacour Stammbaums

6.1.3. Das Leben in Basse-Terre

6.1.4. Anse-Bertrand und Petit-Canal

6.1.5. Die Volkszählung auf Guadeloupe

6.1.6. Ehemalige Sklaven der Familie Lacour im Zivilstandsregister Basse-Terre

6.1.7. Die notariellen Urkunden

6.1.8. Gazette von Guadeloupe

6.1.9. Almanach von Guadeloupe

6.1.10. Bürgerversammlungen

6.1.11. Die Ereignisse während der Rebellion

6.2. Belege für farbige (François) (Lacour)

6.2.1. Überlegungen zur Namensgebung

6.2.2. Bataillon des Antilles in Brest am 17. November 1794

6.2.3. Das Portrait des ausgehobenen Soldaten

6.2.4. Englischer Kriegsgefangener

6.2.5. François in den Zivilstandsregistern Pointe-à-Pitre 1798-1802

6.2.6. Freilassungs- und Sterbeurkunden

6.2.7. … oder doch Kreole?

6.2.8. Das Plöner Schloss

6.2.9. Die Einbürgerung oder Adoption

6.2.10. Ein möglicher Fernweg Kiel/Plön nach Kopenhagen

6.2.11. Die Schleswig-Holsteinische Armee

6.2.12. Der „Halbbruder" und das Double in der Kieler Volkszählung 1803

6.2.13. Die Volkszählungen im Herzogtum Holstein

7. Mögliche Rekonstruktion für François Lacour

7.1. Der Lebensweg

7.2. Mögliche Gründe für die Desertion

7.3. Beziehung François Lacour zur Pflanzer- und Händlerfamilie Lacour

7.4. Exkurs: Gab es eine „Balkanroute"?

7.5. Ausblick auf den weiteren Stammbaum

7.6. Erfahrungen mit Diskriminierung / Epilog

Anhang

Raumaufteilung unter Aro lineage groups

Hauptsächliche Aro-Siedlungen am Rand des zentralen Igbo Gebietes

Arondizuogu lineage groups vor 1890 und die wahrscheinlich vorherigen Besitzer des Lands

Sequenzen der Nuclei der Arondizuogu lineage-groups

Arochukwu Struktur

Auswahl Igbo Sprichwörter, die in den Kontext passen

Querschnitt von Schiffen 1759-1763 englische Besatzung Guadeloupe

Liste der bisher bekannten Sklavenschiffe Biafra - Dominica 1783-1792

Sklavenschiffe Biafra-Guadeloupe

Bericht von James Arnold, Chirurg auf dem Schiff aus Bristol RUBY 1787

Auszug aus einem Schiffstagebuch, Black Prince nach Antigua

Bataillon des Antilles / Brest 17.11.1794

Erste Abschaffung der Sklaverei am 16 pluviôse An II - 4. Februar 1794 –

Darstellung Mai 1802 in der französischen Presse

Darstellung Mai 1802 und Vertreibung in der amerikanischen Presse

Darstellung Mai 1802 und Vertreibung in der englischen Presse

Wiedereinführung der Sklaverei nach dem Vertrag von Amiens, 30 floréal An X

Gelbfiebererkrankung des Generals Ernouf

Ode an die Freiheit - Ode à la liberté

Truppenkontrolle - Aufstellung der Armee Guadeloupe 1802

Abschrift Truppenzählung Pionniers Noirs

Chronologie der Deportation und Truppenorganisation Pionniers Noirs

Grob geschätzt zurückgelegte km von François Lacour

Portraits einiger Familienmitglieder Willendorf

Urkunden von François Lacour / Jochim Friedrich Willendorf

Volkszählung Herzogtum Holstein 1803 Kiel

Volkszählung Hzgt. Holstein1803 Rethwischdorf

Volkszählung Hrzgt. Holstein 1835, Rethwischdorf

Volkszählung Gut Frauenholz 1835

Auswanderer in Passagierlisten

Stammbaum der Familie Willendorf

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Filme

Archive und Datenbanken

1. Prolog

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit einem Thema auseinander, das den Menschen in Migration, auf der Suche nach einem besseren Leben, schon millionenfach widerfahren ist und das Mitmenschen auch in der Gegenwart erleben.

Äußere gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Bedingungen wirken auf Regionen, einzelne Gruppen und Menschen ein. Diese müssen lernen, damit umzugehen. Sie haben dazu verschiedene Möglichkeiten: sich anzupassen, zu revoltieren, ihren eigenen Weg zu suchen oder zuerst einmal nur zu überleben.

Ich versuche vorliegend, die Bedingungen nachzuzeichnen, die auf meinen Vorfahren vor etwa 200 Jahren - in Nigeria für seine Eltern -, auf Guadeloupe, in Frankreich, Italien und Deutschland gewirkt haben, und welchen Weg er auf sich genommen hat, um für seine Freiheit, oder ein einfaches Mensch-Sein, zu kämpfen.

Reduziert man das Erlebte und das Kommende auf die Perspektive des Gehirns, so geht es immer darum, aus allen möglichen Inputs der Umgebung Vorhersagen für das Überleben zu treffen, Probleme zu lösen und sein Verhalten danach auszurichten. Dieses betrifft körperliche und seelische Grenzerfahrungen genauso wie Alltagssituationen.

Ein Problem kann beispielsweise sein, sich in verschiedenen Kulturen und Gesellschaften zurecht zu finden, so der afrikanischen Stammeskultur der Igbo, den Bedingungen auf dem Sklavenschiff, der Plantagengesellschaft auf Guadeloupe, im Militär des Bataillon des Antilles in Krieg und Frieden, der Deportation nach Brest, dem Einsatz bei den Pionniers Noirs, der Desertion über die Alpen, dem Orientieren und den Weg für das Überleben suchen als Deserteur mitten durch das Treiben im österreichischen und deutschsprachigen Raum Richtung Ostsee.

Bezogen auf die umgebenden Mitmenschen musste mein Vorfahr mit verschiedenen Erwartungen oder geforderten Verhaltensweisen der ihn umgebenden Mitmenschen interagieren und sich angemessen anpassen.

Seine Eltern waren wahrscheinlich noch in einem Igbo-Clan gewesen. Mit der Versklavung und der Verschleppung an die Küste kamen der schmerzhafte Verlust ihrer Eltern und Geschwister, ihres Clans, der Heimat, der Traditionen und Kultur hinzu. Ab dem Zeitpunkt war fremdbestimmter Gehorsam unter Zwang gefordert, so auf dem Weg an die Küste, während der transatlantischen Passage und in der kolonialen Gesellschaft auf Guadeloupe, für ihn auch später im Militär.

Neben dem grundsätzlichen Überlebensproblem, genug Flüssigkeit und Nahrung zu haben, auf irgendeine Weise gesund und psychisch stark zu bleiben, nicht aufzugeben oder Krankheiten und Verletzungen gut wegzustecken, nicht irgendwelchen Schlachten und Kämpfen ausgeliefert zu sein, ein sicheres Dach über dem Kopf zu haben, waren auch Sprachbarrieren zu überwinden. Neben einem der Igbo-Dialekte – den mein Vorfahr möglicherweise noch auf der Plantage sprechen konnte, wenn er unentdeckt war, und es weitere Igbo-Sklaven auf der Plantage gab, die seinen Dialekt verstanden – waren dies Créole, Französisch, etwas Englisch, vielleicht auch ein bisschen Italienisch, und später mit Sicherheit Plattdütsch. Inwieweit mein Vorfahr Hochdeutsch lernen konnte, konnte ich nicht erschließen.

Diese Überlebens- und Anpassungstaktiken und Erfahrungen waren kolossal und fundamental, sie sollten meinen Vorfahren tiefgreifend geprägt haben. Für diese als Gefahr empfundene Situationen, in denen sich mein Vorfahr einige tausend Mal befunden haben wird, kann gesagt werden, dass das Gehirn um zu überleben – oder der Mensch – bewusst oder unbewusst fortwährend die Frage stellt: Bin ich sicher? Ist die Person mir gegenüber sicher? Ist die Umgebung sicher? Wie schätze ich diese ein?

Die Fähigkeit in solchen Momenten zu bestehen, Lösungen zu entwickeln und zu überleben, bedeutet eine gewaltige Portion Empowerment, dieses auf individueller Ebene wie auch auf Gruppenebene. Kann ich an Grenzerfahrungen und Extremsituationen wachsen oder breche ich darunter zusammen?

Die Eltern meines Vorfahren waren damals – gegen ihren Willen – Flüchtling, als sie sich vom Igbo Hinterland in Richtung nigerianische Küste begaben. Die Sklaven haben sich in den Kolonien in die Sklaverei und ihr Schicksal gefügt, wenn sie nicht dagegen aufbegehrt haben. Gegen seinen Willen wurde mein Vorfahr, Soldat im Bataillon des Antilles, auf Guadeloupe entwaffnet und von der Insel vertrieben. Auf Befehl Napoleons wurden die farbigen Soldaten nach Mantua verlegt um dort Erd- und Befestigungsarbeiten zu verrichten, nicht aber um zu kämpfen. Diese Demütigung wird auch nicht seinem freien Willen entsprochen haben, wo er doch eigentlich schon im Bataillon des Antilles den Diensteid geleistet hatte, für das Vaterland Frankreich zu kämpfen. Auf dem über 1000 km langen Marsch von Mantua in die Ostseeregion war mein Vorfahr Deserteur und wiederum Flüchtling – eigentlich nur auf der Suche nach einem sicheren einfachen Leben, frei von Sklaverei, frei von Kriegshandlungen und den zerstörerischen Kräften, einfach Mensch sein.

In einer gewissen Weise hat seit der Entdeckung der Übersee durch die Seefahrer eine erste Globalisierung stattgefunden. Es gab und gibt Gesellschaften, die über andere herrsch(t)en, unterschiedliche Kulturen und unterschiedliches Prestige.

Auf dem Festland wie zur See und in den Kolonien in Übersee sind in Krieg und Frieden die Lebenswege von vielen Millionen Menschen in grob geschätzt 15-20 Generationen durcheinandergewirbelt worden. Von daher hat es Migration immer gegeben, die sich auch in der DNA der Mehrzahl der Mitmenschen spiegeln sollte, meistens zu ihrer Überraschung.

Interessant ist im vorliegenden Fall, wie Weltgeschichte das Einzelschicksal beeinflusst und wie mit viel Glück, Kombinatorik und Grassroots-Methoden auch der einfache Mann nachgewiesen werden konnte.

Ich hatte das unglaubliche Glück, dass die Heiratsurkunde in Ostholstein, ein Tagebucheintrag eines jungen Adeligen von Witzleben in Plön und die Berichte einer Pflanzer- und Händlerfamilie aus Guadeloupe zusammenpassten.

Es ist nun Zeit für die Unterstützung, Anregung, Ermutigung, Diskussion einzelner Aspekte zu danken:

Zuallererst meiner Familie, ohne die die vorliegende Arbeit nicht zustande gekommen wäre, die

Kirchenkreise in Bad Segeberg, Hamburg, Hamburg-Harburg, Pinneberg, Kiel, Neumünster, Reinbek; dem Team des Landesarchivs Schleswig und Julia Liedtke; Kay Nico Horn Kreisarchiv Plön, dem Team des Stadtarchivs Hansestadt Lübeck, dem Team der Stadt- und Universitätsbibliothek Hamburg; dem Team des Staatsarchivs Hamburg, dem Rahlstedter Kulturverein Carmen Hansch, Werner Jansen, Detlef Kraack von der Schleswig-Holsteinischen Gesellschaft für lokale Geschichte, Peter Dörling, Manfred Bruhn vom AKVZ, Sylvina Zander Stadtarchiv Bad Oldesloe, Dirk Jachomowski aus dem Landesarchiv Schleswig-Holstein, Familie Bauernpräsident Werner Schwarz, Gut Frauenholz in Rethwisch, den Bürgermeistern Eick und Jens Poppinga in Rethwischdorf, der Pastorin der Kirche in Rethwischdorf, dem Gemeinderat Dorf Willendorf, Peter Hennings, der Bayerischen Staatsbibliothek Verena Pres, Martin Krieger Universität Kiel, Gísli Pálsson, Island, für weitere sehr gute Quellen;

dem Team des Archives nationales CARAN in Paris und Pierrefitte-sur-Seine, Bibliothèque nationale François Mitterand, Paris, Service historique de la Défense et des Armées de Terre, Vincennes Paris, ANOM Aix-en-Provence, GHC Généalogie et Histoire de la Caraïbe und Philippe Rossignol (+), Société d’Histoire de la Guadeloupe Gérard Lafleur, ADG Guadeloupe Gourbeyre Laure Tressens und Claude Garnier, Entraide bénévole généalogique Colette Douroux und Annick François-Haugrin, das Team des Rigsarkivet Danish National Archives und Asbjorn Thomsen; Sue Giles Senior Curator British Empire and Commonwealth Collection Bristol Museums; Lorna Hyland Assistant Curator International Slavery Museum Liverpool, Tanja Fittkau Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven, dem Team des Auswanderermuseums Ballinstadt;

den Historikern und Historikerinnen Sylviane A. Diouf, Bernard Gainot, Frédéric Régent, Sainte-Croix Lacour, David Eltis und Nick Radburn von slavevoyages.org, Erick Noël und Flavio Eichmann, der Archivarin der Stadt Ahrensburg Angela Behrens für den Austausch und die Anregungen;

den Freunden und Familie Bénédicte Elting-Delabarre, Heinz-Hermann Elting, Luxemburg, Baaba Yankah-Odeuah und ihrem Ehemann, der Gruppe „Mama Afrika", Köln, Tim Ford, Eric Cobb, Dr. Förster und Dr. Gehrke, Hildegard Krauß, Sven Sauter, Angela Joost und meinen Geschwistern Amara, Yasmina und Ramon Willendorf für ihre Unterstützung.

Tief bewegt hat mich die Vernissage des palästinensisch-amerikanischen Künstlers Nida Sinnokrot. In St. Peter, Köln, zeigte er Anfang Dezember 2019 ein Objet trouvé, einen ehemaligen Schiffscontainer, der in Bethlehem als Büro diente. Entsprechend den Dimensionen eines arabischen Wohnzimmers waren an zwei Wänden des Containers Fenster ausgesägt und die typischen schmiedeeisernen Gitter vorgesetzt worden. Nida hat den Container in etwa zwölf Teile zersägt, so wie er ihn gefunden hatte. Auf dem Boden befand sich - zersägt - einer dieser überdimensionalen Plastikteppiche als Imitat eines orientalischen Teppichs in Brauntönen. Der Container hatte noch die Eisenstange und das Schloss, um ihn zu verschließen. Er stand im Mittelschiff der Kirche und Jesus wachte mit ausgebreiteten Armen über ihm, welch ein Gegenstück zum Thema Migration, Freiheit, Flucht und Vertreibung! In der Rede zur Vernissage hieß es, schon immer seien Waren aus allen fünf Kontinenten in Container verpackt und irgendwo hin geschickt worden und so und sei es auch Menschen ergangen und ergeht es auch, die sich überall auf der Flucht befinden. Da ich zu der Zeit stark mit dieser Arbeit befasst war, zog es mich direkt 200 bis 250 Jahre zurück und ich dachte mit Schmerz an meine Vorfahren. Als dann die Intonation begann wie mit dem Signal eines Dampfers, das in den Hafen einfährt oder ausläuft - konnte der Komponist wissen, dass er solche Zusammenhänge weckt -, fühlte ich mich am Strand in Calabar oder Bonny, ging näher zum Container, fast hinein (er war wegen der Verletzungsgefahr nicht begehbar) und dachte, wenn sich die Türen schließen, verliere ich meinen Verstand auf diesem Sklavenschiff! Ich konnte auch die Emotionen und den Irrsinn, den Equiano in seinem Tagebuch während der Mittelpassage beschreibt, in der Komposition nachempfinden. Nida hat unser Gespräch sehr bewegt und mich seine Ausstellung auch. Ich bin ihm dankbar dafür.

2. Was eine Legende mit einem DNA Test zu tun hat

In unserer Familie väterlicherseits wurde von Generation zu Generation die Anekdote überliefert, Anfang des 19. Jahrhunderts habe es mit einem Soldaten aus der französischen Armee Napoleons ein Stelldichein mit einem jungen deutschen Mädchen in der Lübecker Bucht gegeben. Daraus sei ein Kind südeuropäischen Temperaments und Aussehen entstanden.

Ich habe als Erstgeborene drei jüngere Geschwister und hatte von diesem südeuropäischen Temperament und Aussehen viel mitbekommen, genauso wie mein Vater und seine Schwester und deren Vorfahren - und in Abstufungen auch meine Geschwister.

Anfang der 1970er Jahre - mitten in der Biafra-Krise - hätten meine Eltern fast ein Kind aus Biafra adoptiert. Ich war noch im Kindergartenalter und konnte mich daran erinnern mit ihnen auf einem Filmabend oder Diavortrag gewesen zu sein. Der administrative Aufwand ist ihnen zu hoch gewesen. Unbewusst hatte mein Vater also quasi Claims im Gebiet seiner Vorfahren gegraben!

Ab Mitte der 80er Jahre, meiner Pubertät, faszinierte mich alles, was mit afroamerikanischer und afrikanischer Musik zusammenhing. Mein Vater hatte als Kind und Jugendlicher Klavierunterricht. Sehr zum Verdruss seiner damaligen Musiklehrerin ließ er sich für Klassik nicht begeistern. Stattdessen wollte er in Richtung Jazz, Swing, Samba, Bossa-Nova, Cuba. In den Sechziger bis Achtziger Jahren machte er so manche Musikhandlung verrückt, weil sie erst einmal nach seinen Noten und Sängern bibliografieren musste und er die Noten einige Wochen später abholen konnte. Auch die Tänze und die Bongos faszinierten ihn. Meine Tante war ebenso von Musik begeistert und spielte Klavier und Akkordeon. Mein Onkel und seine Frau unternahmen, wann immer es möglich war, Kreuzfahrten in die Karibik, nach Skandinavien, auf die Malediven und was man sich so vorstellen kann. Meine Tante hatte an der Ostsee - wie so viele Leute dort - eine sehr starke Bindung zum Meer und zu Schiffen. In ihrer Freizeit trug sie gern bunte tropische Stoffe und als Ohrringe Kreolen, was sie mit einem Grinsen besonders betonte, zu erwähnen. Wir waren zu Besuch bei ihr Ende der Neunziger Jahre, als sie mich in das Schlafzimmer rief um dann für einen kurzen Augenblick ihre braune Perücke mit großen Locken vom Kopf zu nehmen. Darunter erschien pechschwarzes kurzes krauses Haar afrikanischer Struktur. Ich war zutiefst erschrocken und verließ das Schlafzimmer, ohne weiter nachzufragen. Sie hatte immer vorgegeben, wegen einer Hormontherapie in den Siebziger Jahren seien ihre Haare ausgefallen, nicht nachgewachsen und sie müsse fortan eine Perücke tragen. Vielmehr hat sie versucht, ihre afrikanischen Anteile zu kaschieren, die sie sehr belastet hatten. Mein Vater erwähnte einmal, dass sie beide als Kinder und Jugendliche „Neger und „Zigeuner gerufen wurden, was sie sehr belastet hat. Damit war für ihn angesichts der erlebten Hitler- und Nachkriegszeit das Thema beendet. Meine Freunde von den Antillen meinten in den Achtziger Jahren zu mir, „tu n’es pas tellement blanche - und Dein Vater auch nicht, auch, was Witz und Charme anbelangte. Das war schon immer so gewesen. Die ältere Verwandtschaft raunte, wenn wir zu Besuch waren: „Sandra, du bist eine echte Willendorf. Ich verstand die Zusammenhänge einfach nicht, und das über 50 Jahre.

Immer, wenn uns jemand auf unser Aussehen und Temperament ansprach, wiederholten wir das Mantra der Lübecker Bucht. Diese Sache ließ mir seit dreißig Jahren keine Ruhe, ich befasste mich mit Literatur, Musik und afroamerikanischer Kultur - mein Leben lang.¹ Die erste Clique, mit der ich

durch die Gegend zog, kam aus Guadeloupe, nicht sehr häufig in Deutschland. Ich hatte sie auf einer Vernissage in Speyer kennen gelernt, auf der eine Band aus Ghana westafrikanische Rhythmen spielte. Einer der Bandmitglieder war mit mir zusammen in der Fahrschule, und ich half ihm dabei, die Theoriebögen ins Englische zu übersetzen und dem Unterricht zu folgen. So kam ich an den Termin für den Auftritt mit der Vernissage. An die ausgestellte Kunst kann ich mich kaum erinnern, an die Musik sehr wohl.

Ich erinnere mich an einen lauen Sommerabend Anfang der Neunziger Jahre. Ich war aus dem Studentendorf zu meinen Eltern gefahren und hatte eine neue Kassette mitgebracht, wie es so damals üblich war, von einer LP mitgeschnitten. Ich wusste, ich würde genau den Geschmack meines Vaters treffen, und spielte ihm die Aufnahmen von Machito - 1982 and his Salsa Big Band - vor. Wir lauschten beide tief ergriffen der Musik, weinten fast und wollten noch mehr davon. Wir beide hatten eine tiefe Verbundenheit in den Moment über die Musik füreinander, mit dem Künstler, dem, was er ausdrückte und seiner Region.

Meine Reisen, die ich noch vor dem Studium unternahm, führten mich nach Neapel (wo die Pionniers Noirs später im Einsatz waren), nach Korsika (wo ich geboren wurde) und nach Guadeloupe und Martinique. Ich erinnere mich an einen Abend, der an Kitsch kaum zu überbieten war. Ich stand auf dem Place de la Victoire in Pointe-à-Pitre, Guadeloupe. Es war ein warmer Abend, der Mond im Zenit. Meine Knie schlotterten - eigentlich sogar mein ganzer Körper. Ich fühlte, dass ich eine ganz starke innere Reaktion auf diesen Ort und diesen Moment hatte, und wusste nicht warum. Meine innere Stimme sagte mir, dass sie am liebsten diesen Ort nie verlassen würde. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass etwa 180 Jahre vorher mein Vorfahr über diesen Platz lief oder im Fort war und am 06. Mai 1802 an dieser Stelle entwaffnet worden war.

Kaum angekommen im Studentendorf, lernte ich den Mann meines Lebens kennen, der aus Marokko stammt. Wir sind glücklich verheiratet und haben zwei heranwachsende Töchter. Es zog mich also durchgehend „Richtung Süden".

Während des Studiums am Romanischen Seminar musste ich einen Professor für Sprachwissenschaft beinahe überzeugen, eine Hausarbeit über Kreolsprachen schreiben zu dürfen. Noch nie war ein Student freiwillig mit dieser Idee an ihn herangetreten. Während der knappen und durchgeplanten Zeit ließ ich es mir nicht nehmen, mich Hals über Kopf in Maryse Condé „Ségou" zu stürzen, ohne bewusst zu wissen, dass ich mich hierüber mit meinen Vorfahren auseinander setzen würde.

Während einer Radfernfahrt Flensburg-Garmisch-Partenkirchen 2010 war ich etwa ab dem Gebiet Kiel Richtung Lübeck und Hamburg emotional völlig außer Rand und Band, auch im Gebiet Ostholstein. Ich wusste damals nur, dass ich väterlicherseits Vorfahren in Rahlstedt und Lübeck hatte und mütterlicherseits in Hamburg Vierlande. Wir kamen über Wilhelmsburg nach Hoopte mit dem Blick auf das Fährhaus Zollenspieker, wo meine Eltern 1966 geheiratet hatten. Sehr wahrscheinlich hat mein Vorfahre im August 1805 hier übergesetzt.

Ende 2017 bekam ich über eine Werbung mit, dass es die Möglichkeit gab, DNA-Analysen machen zu lassen. Ich informierte mich eingehend und entschied mich, das Abenteuer einzugehen. Ja, ich wollte wirklich wissen, was hinter der Legende steckt! Ich fühlte, es musste etwas anderes sein als dieses geheimnisvolle Südeuropa – noch etwas Südlicheres, aber es war nicht in Begriffe zu fassen.

Als dann Ende Januar 2018 die Nachricht des Ergebnisses per Mail kam, war ich sehr aufgeregt. Die Schwägerin und eine unserer Töchter wurden auch getestet und die Ergebnisse kamen am gleichen Tag. Von nun an sollte alles einen tieferen Sinn bekommen.

Ich öffnete das kleine Filmchen, das der Mail hinterlegt war. Passend zur jeweiligen Ethnizität wurden in absteigender Form die Prozentzahlen der herausgefundenen Ethnie, grafisch und mit einem jeweiligen Folklorestück untermalt, herausgegeben. Etwas mehr als 75% waren Westeuropa zuzuordnen. Banal und logisch. Dann kamen in absteigender Form Skandinavien und Finnland, was mich zuerst wunderte, weil darüber natürlich in der Familie nichts bekannt war. Aber auch das Ergebnis war plausibel, denn in Norddeutschland gab es viele Kontakte über den Handel und Migration nach Nordeuropa. Ein kleiner Prozentsatz führte nach Osteuropa - das sollte Schlesien sein, die Heimat meiner Großmutter mütterlicherseits. Ich scrollte weiter durch die Karte - das Gebiet rund um das Mittelmeer blieb leer. Ich konnte mir keinen Reim daraus machen, was das denn nun heißen sollte. Das „südeuropäische Temperament und Aussehen" waren offensichtlich, doch wo liegt seine Quelle? Also fasste ich meinen Mut zusammen und scrollte eine Seite weiter, auf die nun folgende Überraschung wartend. Die Weltkugel drehte sich und kam über Nigeria zum Stillstand. Der Prozentsatz war sogar grösser als der aus Osteuropa! Ich war erst einmal baff.

Natürlich schaute ich mir das Ergebnis meiner Schwägerin an. Auch hier, große Überraschung für sie, zeigte sich ein kleiner Prozentsatz aus Spanien, aus Nigeria, der Rest war aus Nordafrika. Das war sehr interessant, aber auch banal, denn über Sklavenhandel und Warenhandel, Karawanen und Migration gab es zum Beispiel Kontakte der Haussa und Fulani aus Nigeria nach Südmarokko. Vergleichbares hatte ich während meines Studiums in Maryse Condés Saga „Ségou"² gelesen, in dem sich die Autorin intensiv mit den afrikanischen Stämmen des Sahel und der Subsahara, ihren Königreichen, den Fehden, der Kultur und Bevölkerungsstruktur auseinandersetzte. Auch mit den gesellschaftlichen Veränderungen in der Zeit, den Religionskriegen und der Niederlassung der ersten Handelskontore der Europäer, dem Beginn des Sklavenhandels, der sämtliche Strukturen zerstörte.

In der DNA unserer Töchter hatten sich also zwei Nigeria-Anteile zusammengefunden. Die DNA hat bei ihnen also durch Migration und Sklavenhandel durch beide Eltern eine kleine, unterschiedliche Weltreise gemacht, doch welche? Besonders „meine Weltreise" konnte ich mir nicht erklären. Ich sah den Wald vor lauter Bäumen nicht und stellte mir die Frage, was ein einzelner Nigerianer vor zweihundert Jahren an der Ostsee zu suchen hatte. So schrieb ich Mails an die Archive der Stadt Hamburg und Lübeck, auch an ein Schleswig-Holsteinisches Institut für lokale Geschichte. Dort fand ich ein offenes Ohr. Der Forscher dieses Instituts hatte eine historische Quelle parat, in der von der Existenz von Deserteuren aus Napoleons Armee, die aus Guadeloupe, Martinique und Marie-Galante stammen, um 1805 in der Region von Plön berichtet wird. Mich traf der Schlag. Ich besorgte das Buch und versuchte, Zeile um Zeile des Tagebucheintrags von Adam Ernst Rochus von Witzleben (vgl. Schieckel/Koolman 2006: 41-44) genau aufzunehmen. Jedes dort erwähnte Detail könnte nützlich sein.

Gleichzeitig forschte ich unsere Fotoalben durch auf der Suche nach „Afro-Details" - und fand sie auch. Dinge, die uns vorher rätselhaft waren, waren nun erklärbar. Ich bat meine Geschwister, mir alle möglichen Fotos unserer Vorfahren väterlicherseits zu schicken, wenn sie denn welche hätten. Ich hatte auch ein paar. Auch hier zeigten sich die einen oder anderen Merkmale, die natürlich immer wieder durcheinander gewürfelt wurden und mal so, mal so auftraten.

Also brauchte ich Urkunden, Nachweise! Wir hatten kaum welche. Aus der Erinnerung legte ich erst einmal einen Stammbaum an und meldete mich dann in einem Online-Portal für Ahnenforschung an, das den Stammbaum verwaltet, weitere Vorschläge für Verknüpfungen macht und Millionen von Dokumenten anbietet. Innerhalb von vielleicht zehn bis vierzehn Tagen stand unser Stammbaum, mit Dokumenten bespickt. Über Einträge von Trauzeugen und Taufpaten in den Urkunden konnte ich nachweisen, dass einige andere Teilstammbäume - es hatten bereits andere Nachfahren unseres Vorfahren ebenfalls geforscht - mit meinem verwandt waren und wir den gleichen gemeinsamen Vorfahren aus der Region hatten. Die Aufzeichnungen stoppten bei dem bis dato geheimnisvollen „Mister X, der meinen Mädchennamen trug, mit einer errechneten 100%igen Nigeria-DNA. Bald kam ich online nicht mehr weiter. Im Februar oder März 2018 ging es dann für zwei Wochen in die Archive nach Hamburg und Ostholstein. Ich hielt mich immer den ganzen Tag in einem Archiv auf, sammelte Indexe, schaute mir die Microfiches durch und machte Notizen. Schon in meinem Stammbaum online war zu sehen, dass sich die geografischen Gebiete, je weiter ich zurückging, immer enger zusammenzogen. Eines Tages war ich in einem „Ursprungsarchiv und hatte dreißig bis fünfzig Einträge von Urkunden, die in den Stammbaum passen würden. So notierte ich den ganzen Tag lang Indexe, wühlte mich durch Register und Microfiches. Ich musste eine Entscheidung treffen, welche Dokumente ich in Kopie bestellen wollte. Kurz vor Büroschluss zog es mich zu einer Heiratsurkunde, das könnte sogar „Derjenige, welcher gewesen sein – der geheimnisvolle „Mister X. Leider war der Microfiche komplett unleserlich, da die Tinte schon stark verblasst war. Die Angestellte war eigentlich schon mit dem Schließen des Büros beschäftigt. Gott sei Dank merkte auch sie, dass hier etwas sehr Interessantes passieren könnte, gab sich einen Ruck und holte das Original Trauregister aus dem Nebenraum. Mit Herzklopfen waren wir über dem Eintrag, sie las ihn mir laut vor und ich schrieb schnell in einen Collegeblock mit. Was sie mir dann vorlas, zog mir den Boden unter den Füßen weg.

Ich erinnerte mich an die Tagebucheinträge von von Witzleben und fand hier einige Parallelen, die sich sowohl in der Urkunde, als auch in seinen Einträgen befanden und in unserer mündlichen Überlieferung. Im Ergebnis war mit ziemlicher Sicherheit mein Vorfahr einer aus der Deserteurengruppe, welche bei von Witzleben beschrieben worden war! (vgl. Kuhlmann-Smirnov 2013: 235)³

Als Geburtsort war Dorfgarten bei Kiel 1781 angeführt, nicht in der Heiratsurkunde, sondern im alphabetischen Oberregister.⁴ Meine Reaktion war - „So ein Käse, das war der Hafen Kiel Gaarden, von dem aus die Deserteure nach Kopenhagen und dann weiter in die Heimat, Guadeloupe, Martinique und Marie-Galante fahren wollten, wahrscheinlich über die dänischen Jungferninseln und dann umsteigen." Die Sekretärin schaute mich ungläubig an und riet mir, in Kiel vor Ort nach seiner Geburts- und Taufurkunde zu suchen. Da diese damals fortlaufend in ein Buch geschrieben wurden, war es unmöglich, nachträglich etwas einzufügen.

Dann wurden sein Name benannt - Jochim oder Joachim Friedrich Willendorf.⁵ Im Nachgang folgte die Benennung seiner verstorbenen Eltern. Der Name las sich wie Hinrich Wallandorf oder Wallemindorf. Wir beugten und noch tiefer über die Urkunde, um sicher zu sein, wie die Schrift zu entziffern war. Ja, es war Wallandorf oder Wallemindorf. Ich brach in schallendes Gelächter aus: Das war der Versuch, unseren Familiennamen Willendorf Französisch zu prononcieren! Auch des Vaters Hinrichs Ehefrau, eine geborene Frau Busch, war eine reine Erfindung, ebenso wie Vater Hinrich. Wobei ich unter Erfindung verstehe: eine genetische Beziehung herzustellen.

Als nächstes kam die Bemerkung, dass er sich in einem Schleswig-Holsteinischen Infanterieregiment befände, das gerade zu Damsdorp weilte. Selbstverständlich schreibt man so etwas nicht in eine Urkunde und ein einfacher Soldat bekommt frei, um zu heiraten und begibt sich von Damsdorp (Damsdorf gibt es bei Neumünster) nach Rethwischdorf? Ich korrigierte und sagte, dass wohl der Hinweis auf die Pionniers Noirs Napoleons besser wäre, denn bis zu dem Zeitpunkt war er ja Soldat gewesen.

Jochim Friedrichs Ehefrau, eine Margaretha Magdalena Dorothea Meyer - die Vornamen und die Schreibweise können gewürfelt werden und waren zur damaligen Zeit oft nicht so festgelegt - fand ich bei einer Volkszählung 1803 auf dem Vorwerk von Gut Treuholz bei Rethwischdorf mit ihren Eltern und der jüngeren Schwester lebend, hier war der Nachweis sauber.⁶

Der Pfarrer muss über die besondere Heiratsakte so aufgeregt gewesen sein, dass er nachfolgend die drei Trauzeugen, alles Landarbeiter aus alteingesessenen Rethwischdorfer Familien, gleich zwei Mal erwähnte, so dass sich die ganze Urkunde auf anderthalb Seiten erstreckte.

Offensichtlich hat mein Vorfahr also mit der Heiratsurkunde eine neue Identität bekommen. Einen wichtigen Hinweis hierzu liefert Kuhlmann-Smirnov: Ende des 18. Jh. war es notwendig, die Protektion von Adligen um sich zu wissen, um in der Gesellschaft legal Fuß zu fassen. Jochim Friedrich Willendorf musste also erreichen, die Herrschaft von Witzleben an sich zu binden, die sich für seine Interessen – über das übliche Maß hinausgehend – einsetzte. Das war grundlegend wichtig, da er vor Ort weder leibliche Eltern, noch Urkunden beibringen konnte, da die Zustimmung der Eltern Voraussetzung für die Heirat war. Das Procedere zur Vermählung war wohl umständlich und wäre ohne die Protektion eines Herrn nicht sonderlich von Erfolg gekrönt gewesen (vgl. Kuhlmann-Smirnov 2013: 127). An anderer Stelle weist Kuhlmann-Smirnov darauf hin, dass die Farbigen in dem Fall die Heiratserlaubnis des Landesfürsten brauchten. Die Erlaubnis wird in der Regel erteilt, wenn sich der Heiratswillige zuvor für längere Zeit an einem Hof und dessen Netzwerken bewegt hatte (vgl. Kuhlmann-Smirnov 2013: 233). Das ist mit dem Aufenthalt von Jochim Friedrich Willendorf als François Lacour am Hof von Witzleben in Plön im Jahr 1806 der Fall gewesen.

Mithin stellt die Heirat eine Schlüsselposition in der Lebensbiografie von François Lacour/ Jochim Friedrich Willendorf dar, der sich vor seiner Heirat einige Monate am Hofe von Witzleben aufgehalten hatte (vgl. Kuhlmann-Smirnov 2013: 127-128), um dem jungen adligen Tagebuchschreiber Infanterieunterricht zu erteilen.

Auf den französischen Antillen bestand das Gebot, dass alle Sklaven katholisch erzogen werden (vgl. Régent 2007: 179). ⁶ Durch das Verbot der Jesuitenorden 1764 und die zahlenmäßige Explosion der Sklavengesellschaft sind Kirche und Pflanzer mit der religiösen Unterweisung der Sklaven nicht mehr hinterher gekommen. Ende des 18. Jh. wurde nur die Taufe regelmäßig durchgeführt und die anderen Sakramente wurden fast komplett aufgegeben (vgl. Régent 2007: 417). Also muss Jochim Friedrich Willendorf mit der Heirat zum Protestantismus übergewechselt sein. Ansonsten wäre explizit „katholisch" in der Urkunde vermerkt gewesen, wie damals üblich. Das war es aber nicht. Anders formuliert war die protestantische Taufe eine Voraussetzung dafür, die Magd Margaretha Magdalena Dorothea Meyer zu heiraten.

Zur Auswahl eines möglichen neuen Namens mit der Taufe vermerkt Kuhlmann-Smirnov, dass „die Namensgebung [...] in der Regel nach lokaler Diktion erfolgte: „Die Paten suchten die Namen des Täuflings unter ihren eigenen Namen aus. Zugewanderte Menschen verloren dabei oft ihren ursprünglichen Namen oder führten ihn als Familiennamen weiter. (Kuhlmann-Smirnov 2013: 224). Mit der Taufe verbunden war die Einweisung in den Katechismus und in das Lesen und Schreiben. Der Täufling sollte sich der Konversion – hier vom Katholizismus zum Protestantismus- in voller Tragweite bewusst werden (vgl. Kuhlmann-Smirnov 2013: 224-225). Demzufolge sollte Jochim Friedrich eine kleine Unterweisung in der (hoch)deutschen Sprache und Schrift erhalten haben. Leider gibt es bis jetzt in der Überlieferung keine Urkunde, in der er persönlich unterschrieben hat.

Der Vorname war – wie oft auf den Antillen auch, oft konfessionell geprägt, wenn es nicht der Vorname der Paten war (vgl. Kuhlmann-Smirnov 2013: 177).

In der Heiratsurkunde sind die Paten bzw. Trauzeugen mit Hinrich Feddern, Kleininster – Tagelöhner – in Rethwischdorf und Jochen Hinrich Been, Arbeitsmann in Rethwischdorf, vermerkt.

So ist Jochim (andere Form: Jochen, Joachim) „ein biblischer Name hebräischen Ursprungs. Vom hebräischen jehojaqim oder jehojakhin hergeleitet bedeutet Jochim „Gott (Jehova) richtet auf oder „Gott gründet. Die ursprünglichen Namensformen sind Jojakim und Jojakin."⁸

„Der Name Friedrich setzt sich aus den althochdeutschen Wörtern frid „Friede, Schutz, Sicherheit und rîhhi (Adj.) „mächtig, reich bzw. (Subst.) „Herrscher, Herrschaft, Macht, Reich" zusammen. Der Erstbeleg zum Namen findet sich in einem gotischen Kalenderfragment:

·kg· þize ana Gutþiudai managaize marwtre jah Friþareikei[kei]s.

Im 18. und 19. Jahrhundert handelte es sich in Deutschland um einen der beliebtesten Vornamen überhaupt, sicher auch in Anlehnung an die preußischen Könige."⁹

Zur Bedeutung des Namens Willendorf konnte nichts Sinnvolles gefunden werden. Zwar existiert in der Nähe von Rethwischdorf und in der Nähe von Lübeck ein Dorf namens Willendorf, heute zu Rehhorst⁷ gehörend. Es ist aber nicht Ideengeber für den neuen Namen von Jochim Friedrich. Nach Auskunft einer Gemeinderätin im Juli 2018 hieß das Dorf damals noch nicht Willendorf, lautete aber ähnlich. Es hatte sich eine Lautverschiebung ergeben, Grafik und Phonetik waren Anfang des 19. Jh. noch nicht auf Willendorf festgelegt.

Die Heirat war am 17.10.1806. Warum der Pfarrer so aufgeregt gewesen sein könnte, erfahren wir später.

Welche Person aus den Tagebucheinträgen bei von Witzleben kommt nun in Frage? Wer war dieser François Lacour?

Adam Ernst Rochus von Witzleben erwähnt in seinen Tagebucheinträgen einen François Lacour, Anführer der kleinen Deserteurengruppe schon im Schlossgarten im Herbst 1805. Der junge Adlige und die kleine Gruppe konnten sich in einem guten Französisch unterhalten. In seinem Tagebuch erzählt der von Witzleben, dass die Gruppe im Schlossgarten seines Elternhauses in Plön gesichtet wurde. Die Familie des oldenburgischen Kammerherrn und Schlosshauptmanns Rochus Friedrich Otto von Witzleben residierte damals in Eutin und Plön des Herzogtums Holstein, die zu der Zeit dänisch waren. Der junge von Witzleben erfuhr von der Deserteurengruppe, dass sie aus Martinique, und hauptsächlich aus Guadeloupe und Marie-Galante waren, in Mantua gewesen, dort desertiert und nun in Plön angekommen waren. Zwischenzeitlich waren sie in Lübeck den Franzosen quasi am Stadttor in die Arme gelaufen: Da sie ein paar Mal in die Stadt hineingegangen und sie verlassen hatten, hatte das das Aufsehen des französischen Militärs erregt. Von den Franzosen sind sie bis zur Grenze ihrer Hoheit in Schleswig-Holstein – also bis zur „dänischen" Grenze, vermutlich Bad Schwartau oder Stockelsdorf – verfolgt und nicht erreicht worden. Daraufhin wurde ein Auslieferungsbefehl erlassen. Auch diese Begebenheit ereignete sich im Herbst 1805. Der Amtmann des Schlosses August von Hennings, königlich dänischer Kammerherr und Oberbeamter der Ämter Plön und Ahrensbök, ein Philanthrop genau wie die Familie von Witzleben, verhandelte mit den Franzosen in Lübeck, um die Auslieferung zu verhindern. Eventuell wurde er vom Amtsverwalter Franzius, einem Beamten, dabei unterstützt (vgl. Kraack 2018: 129). In Plön waren die französischen Deserteure erst einmal in einem Kerker gefangen. In ihrer Argumentation gegenüber von Hennings und von Witzleben mit der Bitte um Unterstützung und Asyl haben sie mit Sicherheit den Gedanken vorgebracht, dass sie ab der ersten Abschaffung der Sklaverei unter Victor Hugues freie Soldaten im Militärdienst waren und das Schicksal als Gefangene im Kerker akzeptierten, bis über ihr Schicksal entschieden war, aber die Unterstützung der dänischen Hoheit benötigten, um nicht wieder in die Sklaverei zu gelangen (vgl. Morieux 2019: 281).

Von Hennings war Herausgeber des Schleswigschen Journals (vgl. Hatje 2012: 41), aufgeklärt (vgl. Spalding 2012: 12-13), möglicherweise über die Ergebnisse der französischen Revolution und Napoleon enttäuscht und dürfte damit in seiner Gesinnung mit den Deserteuren auf einer Linie gelegen haben (vgl. Auge 2013: 150). August von Hennings besuchte gerade ein befreundetes Familienmitglied der Familie Schimmelmann in Kopenhagen, als etwa vierhundert Sklaven aus verschiedenen Schiffen im Kopenhagener Hafen fliehen konnten und die Stadt unsicher machten. Er notierte diese Begebenheit aus 1802 in sein Tagebuch (vgl. Pálsson 2016: 1010/4493 23%). Schon vorher ging es dort 1801 um Hans Jonathan, geboren in St. Croix, Dänisch-Westindien, der mit seiner Herrin Henrietta Cathrina Schimmelmann und seiner Mutter, einer farbigen Sklavin, Emilia Regina, nach Kopenhagen gekommen war. Er war Mulatte (vgl. Pálsson 2016: 380/4493 9%), sein Vater hatte die Funktion eines Sekretärs und könnte Hans Gram (vgl. Pálsson 2016: 884/4493 20%) oder der Herr der Plantage Ludwig Heinrich Ernst von Schimmelmann (vgl. Pálsson 2016: 488/4493 11%) gewesen sein. Neben von Hennings hatte auch die Familie Schimmelmann (Hamburg Wandsbek und Ahrensburg vgl. Pálsson 2016: 808/4493 19% und 2903/4493 65%) Verbindungen bis zur dänischen Krone. In Kopenhagen kam es über die Eigentumsrechte um Hans Jonathan zu einem Rechtsstreit. Henrietta Cathrina Schimmelmann betrachtete Hans Jonathan nach dänischem Recht der Jungferninseln als ihr Eigentum (vgl. Pálsson 2016: 1333/4493 0%), der Kronprinz Dänemarks hatte ihn schon für frei erklärt (vgl. Pálsson 2016: ebd.), nachdem er erfolgreich beim Militär gedient hatte. Das Urteil, ihn nach Westindien in die Rechtshohheit der Sklaverei zurück zu schicken (vgl. Pálsson 2016: 1481-1489/4493 34%), wurde nicht umgesetzt (vgl. Pálsson 2016: 1526/4493 35%). Hans Jonathan floh nach Island, war dort Handlungsgehilfe und dann Händler in einem Tante-Emma-Laden in Djupivogur (vgl. Pálsson 2016: 1921/4493 41%), später Bauer, starb am 18. Dezember 1827 (vgl. Pálsson 2016: 2263/4493 51%). Er hatte eine Isländerin geheiratet, mit ihr zwei Kinder (vgl. Pálsson 2016: 2278/4493 51%). Ein internationales Team hat zusammen mit den isländischen Nachfahren das Projekt bekannt gemacht. Es gibt heute etwa achthundert nachgewiesene Nachfahren weltweit.⁸ Somit war Kopenhagen vorbereitet, als der Rest der Deserteurengruppe dort ankam, denn die Erinnerung an den Rechtsstreit war noch frisch und blieb lange in Erinnerung. Die Idee, die Deserteurengruppe daher mit einem Schreiben auszustatten, sie würden niemandem etwas zuleide tun, war gut, denn farbige Menschen wurden prinzipiell als suspekt angesehen (vgl. Pálsson 2016: 1529/4493 35%). Hinzu kommt, dass Dänemark den das Land betreffende Sklavenhandel schon 1803 als illegal erklärt hatte (vgl. Jos 2019: 112).

Doch zurück zum Tagebuch: Die Bemühungen, die Auslieferung zu verhindern, waren fast vergebens. Die Kutsche mit der Gruppe machte sich auf den Weg nach Lübeck. Das geschah einen Tag, nachdem sie im Schlossgarten aufgetaucht waren. Ihnen hätte als Deserteure die Liquidation gedroht. Der Plan der Gruppe war, dem zuvorzukommen und sich mit ihren Dienstwaffen auf dem Weg nach Lübeck selbst zu richten. Doch ein Kurier des Schlosses war schneller, fing die Kutsche ab und brachte alle zurück ins Schloss. Dort waren sie in Sicherheit. Sie bekamen karibische Küche, es wurden Kleider gesammelt und Geld (etwa 100 bis 200 Rigsdaler) für die Überfahrt. Außerdem bekam die Gruppe ein Empfehlungsschreiben, dass sie gute Absichten hätten und niemandem etwas zu Leide tun. So konnten sie in Kiel und unterwegs weiter Geld sammeln. Als genug Geld zusammengekommen war, machte sich die Gruppe auf den Weg in Richtung Kiel. Kurze Zeit später erschien der Guide François Lacour allein am Schloss in Plön, übergab die geladenen Dienstwaffen mit der Aussage, die Gruppe bräuchte sie nun nicht mehr, da sie in Sicherheit sei. Außerdem bat er um Rat, wie sie sich verhalten sollten, um aus Kiel heraus zu kommen, denn dort würden sie feststecken und niemand könne ihnen helfen, wie man von Kiel aus nach Westindien kommt. Die Familie von Witzleben versprach freies Geleit bis nach Kopenhagen und machte das auch so. Das Versprechen des Geleits nach Kopenhagen war wohl deshalb so erfolgreich, weil es dänische Kolonien in der Karibik gab und auch, weil das dänische Königshaus aktiv in den Dreieckshandel involviert war (vgl. Kuhlmann-Smirnov 2013: 133) - über Beziehungen zur dänischen Westindischen Kompanie und zur Westindischen-Guinesischen Kompanie (vgl. Kuhlmann-Smirnov 2013: 152). Die Gruppe kam in Kopenhagen an, bedankte sich überschwänglich mit Dankesbriefen; auch, nachdem sie wieder auf die Antillen zurückgekehrt war. Wiederum, zu aller Überraschung, erschien François Lacour einige Zeit später alleine am Schloss und berichtete, das gesammelte Geld hätte für die Überfahrt leider nicht gereicht. Ob er denn dem jungen Adam Ernst Rochus Fechtunterricht erteilen könne. François erhielt die Erlaubnis, blieb einige Monate am Schloss, bis er genug Geld zusammen hatte. Adam Ernst Rochus war von seinen militärischen Künsten sichtlich beeindruckt. Dann schließt Adam Ernst Rochus mit der Episode und berichtet, dass auch François Lacour das Schiff nach Übersee nahm (vgl. Schieckel/Koolman 2006: 41-44 und Kraack 2018: 77-124, 126-132).

Wirklich?

Die Hochzeitsurkunde mit den Parallelen zu Kiel Gaarden (dem Hafen, von dem aus die Deserteure nach Kopenhagen wollten), der französischen Aussprache der neuen Identität Willendorf und der Tätigkeit als leichter Infanterist in einem Regiment der Schleswig-Holsteinischen Armee, das gerade in Damsdorp weilt, und den frei erfundenen Eltern für Jochim Friedrich Willendorf datiert vom 17. Oktober 1806.⁹ Die Tochter der frisch vermählten Eheleute Catharina Sophia Dorothea Willendorf wird drei Tage später in Rethwischdorf geboren.

Es ist wohl viel wahrscheinlicher, dass mein Vorfahr die Einnahmen aus dem Fechtunterricht nicht für eine Überfahrt verwendet hat, sondern als Grundstock seiner Familie, um nicht komplett mit leeren Händen da zu stehen.

Rechnet man zehn Monate zurück, so ist man bei Ende Januar / Anfang Februar 1806. In dem Zeitraum hat sich wohl die gesamte Gruppe oder François Lacour alleine im Winterquartier in Rethwischdorf oder auf dem Gut Treuholz aufgehalten. Das ist der Gutshof, an dem seine zukünftige Ehefrau als Magd mit der jüngeren Schwester und ihren Eltern auf einem Vorwerk gelebt hat. Es ist anzunehmen, dass der Seeweg über Kiel im Winter nicht passierbar war und die Gruppe auf den Frühling warten musste. Es war damals üblich, dass sich Soldaten und Deserteure „aus dem Feld" versorgten (vgl. Kienitz 2013: 106).

Anhand einer Fülle von Sekundärliteratur und logischen Schlussfolgerungen habe ich versucht, das Leben meines Vorfahren zu skizzieren, wie es sich mit Wahrscheinlichkeit zugetragen haben könnte. Dabei gehe ich mit Léo Elisabeth, der sagt (Elisabeth 2003: 69-70):

„Le sort de ceux qui sont arrivés en Europe commençant à être connu - die Rede ist beispielsweise von den Pionniers Noirs -, reste à tenter surtout de mieux cerner les responsabilités et les motivations, les itinéraires, la qualité, l’origine et le nombre des déportés, les conditions du transport et leurs conséquences."

Das Schicksal derjenigen, die in Europa angekommen sind, wird nach und nach bekannt. Es muss noch tiefergehend erfasst werden, wie die Verantwortlichkeiten und die Motivationen liegen. Was sind die Wege, die Qualität, die Herkunft und die Anzahl der Deportierten, die Transportbedingungen und die daraus folgenden Konsequenzen?

Zu einer großen Wahrscheinlichkeit, dass der ursprüngliche Stamm die Igbo in Nigeria waren, kam ich, weil ein großer Teil von Igbo in die Versklavung Ende des 18. Jh. involviert war (vgl. Dubois 2004: 51-52).¹⁰ Zum anderen bescheinigte mir eine Afrikanerin Ähnlichkeit in meiner Physiognomie mit den Igbo. Ich fand sie auch anhand von Fotos: Ich verglich verschiedene Familienfotos mit Fotos von Igbos und konnte Gesichtszüge ausmachen, die Gestalt von Stirn und Kopf oder sogar meine Art, zu lachen. So hatte ich ein Foto einige Zeit vor dem Start eines Laufes auf meinem Handy: Mit einem Sportkollegen lache ich in die Kamera. An dem Tag wusste ich noch nichts von der Afrikanerin, was sie wissen oder erkennen würde, denn ich ließ mir erst einige Tage später Braids flechten. Als ich ihren Laden betrat, sagte sie: „Du bist 100% Igbo, die Form deiner Nase und so. Ich war völlig überrascht. Einige Tage später durchsuchte ich mein Musik-Abonnement nach „Igbo Music und stieß auf eine Playlist mit einigen Sängern, die ich überhaupt nicht kannte. Einige Namen googelte ich und bei einem Musiker traf es mich wie ein Schlag - er hatte eine ähnliche Stirn, eine ähnliche Nase und die gleiche Art zu lachen wie ich! Natürlich sind diese Annahmen, hieraus etwas herzuleiten, vage, bilden aber in der Gesamtschau einen roten Faden.

Gehen wir zurück zur Sekundärliteratur und versuchen wir, den Weg von François Lacour/Jochim Friedrich Willendorf anhand der Tagebucheinträge von Witzleben nachzuzeichnen, wie er gewesen sein könnte. Die Auswahl der dargestellten Aspekte leitet sich von seinem in den Dokumenten skizzierten Lebenslauf ab.


¹ Martin 2018 beschäftigt sich mit der Frage: Was macht ihn aus, warum ist er so, wie er ist? Er fand heraus, dass er von Weißen und Farbigen abstammt. Das Schicksal von Unterdrücker und Unterdrückung aus dem 18. Jh., so meint er, könnte noch Auswirkungen auf das Leben ihrer aktuell lebenden Nachfahren haben. Betrachte ich einzelne Personen aus unserem Stammbaum, scheint mir der Gedanke gar nicht so abwegig. Hier ließe sich auch ein Gedankengang zu den stressresistenten Mäusen ziehen, der später beschrieben wird.

Hantel-Quitmann stellt fest: Tabus verhindern, dass die Diskrepanzen zwischen Wirklichkeit und Mythos thematisiert werden (Familiengeheimnisse). Die Kinder merken emotional, dass es zwei Wahrheiten gibt, dürfen diesen Widerspruch aber nicht ansprechen, so dass besondere Fehlleistungen als unbewusste Hinweise auf die Scham- und Schuldthemen manchmal die Wahrheit ans Tageslicht bringen. (Hantel-Quittmann 2015: 432-433) Dem ist nichts hinzuzufügen. Diese Fehlleistungen sehe ich als eine der Spuren zu François Lacour.

²Condé Maryse: Ségou: Les murailles de terre. Laffont, Paris 1984 et Ségou: La terre en miettes. Laffont, Paris 1985

³Die Praxis einer anderen Adelsfamilie, einen Farbigen zu unterstützen oder mit Reisegeld zum Weggang zu versorgen, ist belegt in Kuhlmann-Smirnov (2013: 235).

⁴Heiratsurkunde 1806/25 vom 17.10.1806 für Bad Oldesloe, Kirchenkreis Bad Segeberg

⁵Willendorf ist mein Geburtsname. Ich stamme also in 6. Generation in direkter Linie von Jochim Friedrich Willendorf (François Lacour) ab. Einige Urkunden und Belege: als Jochim Friedrich Willendorf, in anderen als Joachim Friedrich Willendorf.

⁶www.akvz.de Die Seitenprogrammierung erlaubt keine auslesbaren Links. In der Suchmaske der Datenbank erscheint bei einem Eintrag von „Hinrich Meier" die gesuchte Person mit Familie als 19. Eintrag von 91, Quelle VZ 1803, Boden, Klein-; Dorf mit einem Link auf BDF27. Zugriff am 25.08.2018.

⁶Mit Verweis auf den Code Noir von 1635, Art. 2, S. 1, in: http://fr.wikisource.org/wiki/Code_noir, Zugriff am 31.12.2018

⁸https://www.beliebte-vornamen.de/13317-jochim.htm, Zugriff am 01.11.2018

⁹https://de.m.wikipedia.org/wiki/Friedrich, Zugriff am 01.11.2018

⁷ Vgl. http://m.ln-online.de/Lokales/Stormarn/Will-hin-Dorf-am-Rande-des-Kreises, Zugriff am 01.11.2018. Ende der Siebziger oder Anfang der Achtziger Jahre hat mir mein Vater stolz dieses Dorf gezeigt, als wir in der Gegend waren. Er behauptete, der Name seiner Familie ginge auf dieses Dorf zurück. Wie wir anhand des Stammbaums Willendorf gesehen haben, ergibt sich ab 1806 kein Eintrag für das Dorf Willendorf.

Es gibt eine Willendorf-Linie in der Nähe der dänischen Grenze und nach Dänemark hinein, die mit uns nichts zu tun hat. Für den an meinen Vorfahren vergebenen Nachnamen Willendorf konnte ich fast sämtliche nachfolgenden Familienmitglieder in Ostholstein, Lübeck und Hamburg auf Jochim Friedrich Willendorf/François Lacour zurückführen.

⁸ Vgl. https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/genprojekt-in-island-die-wundersame-geschichte-des-hans-jonathan-a-1198637.html, Zugriff am 08.05.2019

⁹ Ein zeitgenössischer statistischer Vergleich der Herzogtümer Schleswig und Holstein stellt fest, dass in der Region bis 1814 eine Heirat auf etwa 125 Menschen geschlossen wurde. Es war üblich, dass der erbende älteste Sohn mit der Heirat wartet, bis beide Elternteile verstorben sind (vgl. Gudme 1819: 23-24). Die Heirat von Jochim Friedrich Willendorf ist die 25. im Jahr 1806, die in das Kirchenbuch eingetragen wird.

¹⁰ Dubois untersucht insbesondere die Situation auf Guadeloupe und stellt fest, dass die französische Antilleninsel im Laufe des 18. Jh. etwa 46.000 Sklaven aufgenommen hat. Knapp 20 % der zu der Zeit importieren Sklaven kommen aus der Bucht von Biafra, und damit hauptsächlich dem Igbo-Hinterland. Er kommt auf etwa 25% aller Sklaven aus Gesamt-Afrika für die „frisch" eingeführte erste Generation. Von den Sklaven Guadeloupes arbeiteten etwa 80 % auf Pflanzungen in der Landwirtschaft. Weniger als die Hälfte der Insel waren landwirtschaftlich bewirtschaftet. Von den 51.279 ha entfielen 22.686 ha auf Zuckerrohr, die restlichen Anteile auf Kaffee, Baumwolle und Subsistenzwirtschaft.

Siehe auch Vanony-Frisch Nicole: Sie führt in ihrer Stichprobe aus notariellen Urkunden für den Zeitraum 1770-1789 für Guadeloupe aus, dass 37 % der Sklaven Igbo waren. (Vgl. Vanony-Frisch 1985: 32)

Die Etappen im Leben von François Lacour / Jochim Friedrich Willendorf

3. Zusammenhänge in Nigeria

Da die geschichtlichen Ereignisse sehr komplex sind, werde ich sie zuerst einmal für die einzelnen Regionen beziehungsweise Etappen im Leben meines Vorfahren darstellen und erst später in der Zusammenfassung die Ereignisse und Erkenntnisse herausfiltern, die für ihn sehr wahrscheinlich oder belegt sind. Die Abläufe in Nigeria betreffen wohl seine Eltern konkreter im Zeitraum von 1750 bis 1780. Selbst, wenn einige beschriebene Inhalte diesen Zeitraum überschreiten, ändert das aber letztlich an den Wirkungszusammenhängen nichts. Der Handel hat sich Ende des 18. Jh. Intensiviert, ist besser belegt. So können die Mechanismen, die hier beschrieben werden, exemplarisch für den Zeitraum davor angenommen werden.

3.1. Die Igbo

Die Igbo sind ein Stamm im Südosten¹¹ Nigerias zwischen dem Niger River im Westen und dem Cross River im Osten mit einer langen Tradition. Die Ausdehnung ihres Siedlungsgebietes um 1625 findet sich in Thornton 1998: 21. In der Bronzezeit hatten sie eine hoch entwickelte Kultur mit Töpferarbeiten (vgl. Ohadike 1958: 21), Schmiede- und Holzarbeiten. In der nachfolgenden Zeit wurde die Qualität der Produkte durch Gilden kontrolliert (vgl. Chuku 2016: 51). Die Landwirtschaft spielte eine zentrale Rolle in der Wirtschaft in den Funktionen, Höfe zu bewirtschaften, Nahrungsmittel zu verarbeiten, in kleinerem Umfang Nutztiere zu halten, in Fischen und Jagen und Herden zu halten. Das Land als Gabe Gottes war hochgeschätzt, da es das Überleben sicherte. Es bestanden ausgebaute Handelsbeziehungen zu Nachbarregionen (vgl. Chuku 2016: 49-52).¹²

Der Bericht über die Schöpfung der Welt ist dem aus dem Alten Testament nicht unähnlich, auch die Ansichten der Igbo über Gott (vgl. Ohadike 1958: 19-20). Daneben hatten sie eine Vielzahl von Naturgöttern (vgl. Chuku 2016: 49). Es war ein Tabu, die Ehe zu brechen, Inzest zu begehen, Ernte zu stehlen, Lebensmittel zu vergiften oder Menschen zu töten und sich umzubringen. Durch diese Taten würde das Gleichgewicht der Familie und der Gesellschaft durcheinandergebracht werden. Der Täter wird mit der Hölle bestraft (vgl. Achebe 2016: 33). Jedoch gab es als äußerstes Mittel als Reaktion auf die neuen zu harten Lebensbedingungen in der Neuen Welt mit Furcht, Depression den Hang zum Selbstmord, wodurch sich die Igbo Reinkarnation ihrer Seelen in der afrikanischen Heimat erhofften (vgl. Nwokeji 2010: 389/830).

Die Grundeinstellung war basisdemokratisch (vgl. Chukwu 2016: 17), unternehmerisch (vgl. Ohadike 1958: 26 und Chukwu 2016: 18), freiheitsliebend mit einem starken Gerechtigkeitssinn - dieser erklärt den Widerstand gegen die Sklaverei und mithin später den Widerstand gegenüber dem Ancien Régime (vgl. Lacour 1857: 2) legendär unter den Igbo (vgl. Chambers 2016: 160-161).¹³

Über Führungspersönlichkeit, rednerische Fähigkeiten und das Ansammeln von Lebenserfahrungen, gepaart mit materiellen Gütern, konnte ein Igbo im Laufe seines Lebens in den geachteten Ältestenrat aufsteigen (vgl. Ohadike 1958: 26). Anders ausgedrückt heißt das: Das Ansehen des einzelnen Gesellschaftsmitglieds in der Gesellschaft wird daran gemessen, welchen Beitrag es zur Gesellschaft leistet, so, dass sie gut funktioniert. Individuelle Selbstverwirklichung über Selbständigkeit wird gefördert; auch harte Arbeit und Wettbewerb, um Geld anzureichern. Persönlich Erreichtes und der soziale Status sind sehr wichtig. Gleichzeitig besteht starker Gemeinschaftssinn auf dem Gebiet der sozialen Verantwortlichkeit und auf das Wohlergehen (vgl. Chuku 2016: 46).

All’ das scheint Joachim Friedrich Willendorf gelebt - vielleicht von seinen Eltern tradiert bekommen - und unserer Familie weiter gegeben zu haben. Denn die nachfolgenden Generationen waren oftmals selbstständig tätig, passten sich Strukturwandel an und zogen in die größeren Städte wie Hamburg oder Lübeck, wo es Arbeit gab. Über Tauf- und Heiratsurkunden lassen sich starke Beziehungen zu Angehörigen nachweisen.

Zurück zu den Igbo: Der Sinn für die Familie war sehr ausgeprägt (vgl. Ohadike 1958: 22). Andererseits war es erlaubt, ungeliebte Subjekte in die Sklaverei zu verkaufen - weiter unten werde ich diesen Aspekt zu den Bedingungen für die Versklavung noch genauer ausführen (vgl. Afigbo 2016: 79). Das war durch ein Orakel gestützt. Niemand konnte sich als säkulare Kraft über den Rat und die Macht der göttlichen Kraft hinwegsetzen (vgl. Ohadike 1958: 28). Beispielsweise wurden Säuglinge, die oben zuerst zahnten, ausgestoßen oder einer der Zwillinge wurde umgebracht nach dem Motto: Zwei Kinder auf einmal sind ein Zuviel an Glück Gottes und übernatürlich, das beschert nur Unheil (vgl. Ohadike 1958: 26).

Die Igbo lebten in Familienclans in Dörfern und die Dörfer waren nebeneinander lockere Verbände (vgl. Ohadike 1958: 22). Sie fassten sich eher als eine Gruppe mit gemeinsamer Kultur und Bräuchen auf (vgl. Korieh 2016: 174): Eine wirkliche Identität, sich als Igbo zu fühlen, ist erst im 20. Jh. entstanden. Demgegenüber stellt die Recherche von Arinze anhand verschiedener Annoncen in Tagblättern ab den 1780er Jahren fest, dass Igbo als solche bezeichnet, verkauft oder gesucht wurden (vgl. Arinze 2019: 51/325 18%).¹⁴ Es wurden Dutzende verschiedene Dialekte in mehr als 200 Gruppen gesprochen - wobei jede Gruppe als Mini-Gesellschaft von 20 bis 30 Dörfern existiert hat (vgl. Ohadike 1958: 19). Ihre Sprache war verschriftlicht.¹⁵ Die Zugehörigkeit zu den Igbo wird daran festgemacht, dass für die Teilnehmer dieser Bevölkerungsgruppe die Yamswurzel und die Kolanüsse eine große Bedeutung haben, sowohl als Grundnahrungsmittel, als auch spirituell (vgl. Nwokeji 2010: 18/830 und 464/830). Pflanz- und Erntezeiten sind bedeutend im Jahreslauf (vgl. Chuku 2016: 50). Die beiden Nahrungsmittel werden auf religiösen Festen verehrt. Ein weiteres Merkmal ist, an die Götter Ani und Chi (vgl. Achebe 2016: 33-34 und Eneze 2016: 17 und Nwokeji 2010: 18/830) zu glauben.¹⁶

Auch Frauen konnten Funktionen übernehmen und einen hohen Rang in der Dorf- oder Stammesgesellschaft haben (vgl. Ohadike 1958: 28). Um die anfallende Arbeit bewerkstelligen zu können, griff der Haushaltsvorstand auf die Arbeitskraft seiner Frau(en) und Kinder zurück, auf andere Verwandte, Freunde und soziale Organisationen wie die Verbände der gleichen Altersgruppen, auch abhängige Sklaven. Polygamie wurde ermutigt, um mehr Arbeitskräfte zu erhalten (vgl. Chuku 2016: 50), die Frauen konnten in Polygamie-Strukturen auch selbst Arbeitskräfte sein. Das im Thornton dargestellte Beispiel betrifft aber eine andere ethnische Gruppe (Vgl. Thornton 1998: 534-535). Die Geschlechterrollen- und Arbeitsverteilung war festgelegt, konnte sich aber den örtlichen oder zeitlichen Bedingungen anpassen (vgl. Chuku 2016: 46-51)¹⁷ und hat sich auch unter dem Dreieckshandel verschoben (Vgl. Thornton 1998: 484-485).

Daneben waren gleichgeschlechtliche Ehen nicht tabuisiert (vgl. Achebe 2016: 35). Einige Verbünde hatten so etwas wie einen regionalen Herrscher, König oder Stammesführer, andere nicht (vgl. Chuku 2016: 47). Auf diese Art und Weise funktionierte die Region über Jahrhunderte.

Da die landwirtschaftlichen Praktiken gut entwickelt waren und die Ernten hoch, konnte sich die Bevölkerung gut ernähren und das Igbo-Gebiet war sehr dicht besiedelt, gesegnet mit einer guten Fruchtbarkeit der Frauen - „gute" Bedingungen für einen ausgiebigen transatlantischen Sklavenhandel von etwa 1650 bis 1850 (vgl. Chuku 2016: 50 und Morgan 2016: 82).

Igbo zu sein, heißt nach Byrd, inhaltlich gemeinsame Ansichten in Philosophie, kosmologischer Weltsicht, und Politik zu haben, auch in der Sprache. Dabei wird die Akkulturation als ein Prozess verstanden (vgl. Byrd 2008: 654/8689 8%).

Die Gruppe der Igbo hatten ursprünglich eine unterschiedliche Sprache und auch differierende Kultur: Sie begriffen sich erst durch die zerstörerischen Kräfte des Sklavenhandels mit Eigendynamik spätestens am Ende der transatlantischen Überfahrt als Igbo Einheit (vgl. Byrd 2008: 658/8689 8 % und O’Malley 2016: 43).

Das Igbo Hinterland war dermaßen von Terror und Hoffnungslosigkeit geprägt, dass die Igbo mit ihrer Identität die Zukunft oder das Schicksal Sklavenschiff gleichsetzten (vgl. Byrd 2008: 662667/8689 8 %).

3.2. Die Rolle der Aro

Die Aro (vgl. Chuku 2016: 52),¹⁸ ein Clan¹⁹ der Igbo, nutzten ihre Vormachtstellung durch das Orakel Ibini Ukpabi (vgl. Lovejoy 2016: 148) und die Kontrolle der spätestens ab 1720 gut ausgebauten Handelsrouten im Igbo Hinterland, um den Sklavenhandel weiter auszubauen (vgl. Morgan 2016: 88). So fiel die Gründung der Siedlung Arochukwu und die Entwicklung der Aro Diaspora im Hinterland mit Basis-Entwicklungstrends im transatlantischen Sklavenhandel zusammen (vgl. Nwokeji 2010: 101/830). Der Aro Clan zog orakelnd durch das Igboland, seine Aktionen waren durch das Orakel geschützt. Die Aro kannten sich daher im gefährlichen Busch geografisch hervorragend aus (vgl. Afigbo 2016: 76). Es konnte nachgewiesen werden, dass etwa ab der Mitte des 18. Jh. sich die Aro stärker an strategischen Punkten im zentralen Igbo Hinterland niederließen (vgl. Nwokeji 2010: 328-330) und Siedlungen mit Gewalt (vgl. Nwokeji 2010: 144, 355)²⁰— Beispiel: Arondizuogu und ein Cluster im Ndieni-Gebiet: Ujari, heute Ajali und Ndikelionwu am Mamu River (vgl. Nwokeji 2010: 144) - gründeten. Von dort aus führten Handelswege in alle Richtungen und auch nach Bonny und Calabar (vgl. Nwokeji 2010: 279 und 284). Nwokeji legt dar, dass die Aro sich an strategisch günstigen Punkten zuerst niedergelassen und dann weiter Sklaven gesammelt haben. Neu gegründete Siedlungen im nordwestlichen Igboland passen geografisch besser zur Handelsroute nach Bonny (vgl. Nwokeji 2010: 269 und 284-285). Diese jeweilige lineage-group definierte also ihre Position über Landbesitz, schafft Ungleichheit, Abhängigkeit, kontrolliert den Raum und die Gesellschaft (Vgl. Thornton 1998: 507-508).

Das ganze Igboland war mit dem Aro Netzwerk durchzogen - es werden ab der Mitte des 18. Jh. mehrere Schwerpunkt-Gebiete genannt: obere Imo-River Region, Nri-Akwa-Region, Nkwere-Region (vgl. Nwokeji 2010: 323-324). Die Aro kontrollierten die Handelsrouten und trugen maßgeblich dazu bei, britische Importe ins Binnenland auf die Märkte zu tragen - im Austausch gegen die Ausfuhr von Sklaven (vgl. Afigbo 2016: 76). Sie vermählten sich mit Igbo Stammesführern (vgl. Afigbo 2016: 75 und Chuku 2016: 52) und hatten so Kontrolle über die Handelsrouten - oder andersherum ausgedrückt hatten die dort Reisenden freies Geleit (vgl. Nwokeji 2010: 485).²¹ Ihr Orakel war, wie schon erwähnt, allgemein akzeptiert. So nahmen sie aus den Dörfern ungeliebte Subjekte mit (vgl. Afigbo 2016: 74). Sie bauten ihre Macht weiter aus, indem sie für den Sklavenhandel mit den Europäern ab dem 17. Jh. aktiv wurden (vgl. Morgan 2016: 88). Nun wurden in stärkerem Maße Sklaven nach Süden geführt. Schätzungen gehen davon aus, dass über das Aro Netzwerk - im Übrigen das einzige Handelsnetzwerk von Nicht-Muslimen (vgl. Nwokeji 2010: 317) - etwa 70 % aller Sklaven aus dem Hinterland von Biafra an die Küste gelangten (vgl. Nwokeji 2010: 85-86). Auch wurde berichtet, gestützt durch Feldforschung, dass neben dem besonderen Interesse der Aro an der Nri-Akwa Region (diese Bezeichnung ist gleichbedeutend mit Anambra) für diese Region eine besondere sozioökonomische Interessenlage galt, die diese Gruppe für Sklaverei und Auswanderung prädestinierte. Um 1770, wenn nicht früher, war der Sklavenhandel bis in diese Region des Anambra-Tals vorgestoßen (vgl. Chambers 2016: 159). So verkauften Eltern ihre Kinder in die Sklaverei, wenn sie sie nicht ernähren konnten (vgl. Nwokeji 2010: 490 und 394). Das Interesse der Sklavenhalter an Kindern könnte daran gelegen haben, dass sie sich gut in Gesellschaften integrieren ließen (vgl. Nwokeji 2010: 836), wobei die Aro auch mehr Frauen als Männer aus der Nri-Akwa Region, dem zentralen Igbo Hinterland, holten. Dissidenten, Kriminelle und Gekidnappte kamen nach Übersee, während lokale Sklaven aus wirtschaftlicher Notwendigkeit in der Region verblieben (vgl. Nwokeji 2010: 1023-1025).

Eigentlich lag die Kriegsführung nicht in den Aro Handelsinteressen. Sie benutzten die Möglichkeit der Kriegsführung eher als Abschreckung und führten gewöhnlich Krieg mit zahlenmäßig niedrig vertretenen Gruppen anstelle der bevölkerungsreicheren Gruppen wie der Onitsha, der Ogidi und der Igbo Ukwu. Die Ansicht, dass es nur Bevölkerungsgruppen in der Region als potentielle Gegner brauchte, macht den Eindruck, dass die Aro Kriegstreiber waren, die mit jeder Gruppe kämpfte außer denen, die sich ihnen mit einem starken Kampf entgegen stellten. So griffen die Aro trotz heftigsten Widerstands in der Nri Region im 18. Jh. auf das Mittel des Krieges zurück. Jedoch führten die Aro mit einigen Gruppen keine Kriege, unabhängig von ihrer Bevölkerungszahl. So waren dies Gemeinschaften, mit denen sie friedliche Beziehungen hatten. Hierbei muss man darauf achten, dass die Betrachtung der heutigen Bevölkerungszahl einer Gruppe nicht automatisch darauf schließen lässt, dass diese Gruppe in der damaligen Zeit in ähnlichen Verhältnissen vertreten war wie heute. So hatten die Kriege – und auch die Verschleppung in die Sklaverei – schwere Auswirkungen auf die spätere demografische Entwicklung dieser Gruppe. Einige Gruppen konnten in die vormals zerstörten Bereiche einwandern, diese besiedeln und für sich Gewinn daraus ziehen, während andere in dem gleichen Prozess verloren (vgl. Nwokeji 2010: 371-373).

So wurde beispielsweise die Siedlung Ora in der Nähe von Arondizuogu während der Gründung der Aro Siedlung völlig zerstört. Auf diese Art und Weise wurden Mitte des 18. Jh. die wichtigsten Aro-Siedlungen in der größeren oberen Imo Nri-Akwa Region gegründet (vgl. Nwokeji 2010: 376). Der Rückgriff auf die Taktik der Kriegsführung war eher eine Folge der strengeren Landbesitzregeln als Folge des hohen Bevölkerungsdrucks in der Region. Der Anthropologe Thurstan Shaw zieht hierin Überlegungen zur Ambiguität und Wirksamkeit des Yams-Anbaus und der Nutzung der Ölpalme mit ein. Der Bevölkerungsdruck und der Raummangel führten zum Zusammenbruch der diplomatischen friedlichen Verhandlungsalternativen zwischen den dort lebenden älteren Gesellschaften. Hierzu kam verstärkend als Faktor hinzu, dass sich die Aro mit Macht in dieser Region festsetzten, weil sich ihnen strategisch gute Voraussetzungen für (Sklaven) Handel boten (vgl. Nwokeji 2010: 374-375).

Die Besiedlung des zentralen Igbolandes diente in erster Linie der Beschaffung von Sklaven, und hier stießen sie auf Widerstand der Nri und der Igbo. Dieser Punkt ist in der Betrachtung wichtig, weil die Aro eigentlich den Frieden dem Krieg vorzogen. Auf diesen Punkt werde ich nachfolgend noch zurückkommen. So wurde Krieg ein Teil ihrer Gesamtstrategie, damit sie den Sklavenhandel dominieren konnten (vgl. Nwokeji 2010: 375-376).

Die Kriege dieser Periode sind in der Geschichtsschreibung der Aro sehr gut dokumentiert. Jedes Mal wurde die wichtigste vorhandene Kraft in der unmittelbaren Nachbarschaft durch die Aro Waffengewalt unterworfen oder zerstört.

Das spektakulärste Beispiel war die Zerstörung der Siedlung Ora durch Izuogu östlich des oberen Imo River, einer der schwersten Gewalttaten während des transatlantischen Sklavenhandels – und hatte keine Parallele in dem Ausmaß in der Region. So wurden die Bewohner von Ikpa-Ora alle massakriert und die gesamte Bevölkerung wurde ausgelöscht. Das Gebiet wurde geplündert und blieb als Geistergegend zurück. Das Gebiet wurde von da an „Land des Blutes" genannt (vgl. Nwokeji 2010: 376-377).

Die komplette Auslöschung der Region wäre

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