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Red Rising - Das Dunkle Zeitalter Teil 2

Red Rising - Das Dunkle Zeitalter Teil 2

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Red Rising - Das Dunkle Zeitalter Teil 2

Länge:
666 Seiten
9 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 17, 2020
ISBN:
9783966580380
Format:
Buch

Beschreibung

Teil zwei des aufregenden, neuen Red-Rising-Abenteuers von Bestsellerautor Pierce Brown.

Zehn Jahre lang war Darrow das Gesicht der Revolution gegen die farbenbasierte Weltengesellschaft. Nun ist er von der Republik, die er selbst gegründet hat, zum Gesetzlosen erklärt worden und führt auf eigene Faust Krieg auf dem Merkur, um Eos Traum doch noch zu verwirklichen. Doch ist er, der überall Tod und Verwüstung hinterlässt, wirklich noch der Held, der einst die Ketten sprengte? Oder wird sich eine neue Legende erheben und seinen Platz einnehmen?
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 17, 2020
ISBN:
9783966580380
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Red Rising - Das Dunkle Zeitalter Teil 2

Buchvorschau

Red Rising - Das Dunkle Zeitalter Teil 2 - Pierce Brown

getötet

TEIL III

Verrat

Im Krieg schweigen die Gesetze.

QUINTUS TULLIUS CICERO

Ich verbrauche das Wasser, das ich Ajax’ Attentätern abgenommen habe, in zwei Tagen. Aufgrund meiner Physiologie ist ein Hitzschlag unwahrscheinlich, aber die Dehydrierung belastet mich und sorgt selbst bei einfachen Denkaufgaben oder motorischen Funktionen für Verwirrung.

Mein Auge ist zwar durch den Feuerbrand nicht erblindet, da es dem eigentlichen Blitz nicht ausgesetzt war, doch mein Sehvermögen ist extrem eingeschränkt.

Dreimal verlaufe ich mich fast, als die Eigenheiten der Wüste mich in die Irre führen und ich die Berge nicht mehr erkennen kann. Aber ich bewege mich so gerade wie möglich in Richtung Norden, weil ich weiß, dass ich irgendwann, wenn ich am Gebirge entlanggehe, auf Erebos stoßen werde.

Ich konnte Apollonius’ Angebot nicht annehmen, aber vielleicht wird man mir in Erebos helfen, ohne Bedingungen zu stellen. Wenn ich mich erholt habe, werde ich darüber nachdenken, wie ich Atalantia kontaktieren kann, ohne dass Ajax sich einmischt.

Ich esse Kaktusfleisch und sauge Wasser aus den Wüstenlotussen, spüre aber, dass ich schwächer werde. Ich wünschte, ich wäre wieder auf der Archi und würde lesend in meiner Koje liegen, während Cassius und Pytha sich streiten. Ich wünschte, Kalindora wäre bei mir, und dass sie nicht glauben würde, ich sei tot.

Ich wünschte, Seraphina hätte einfach nur einen Schritt nach rechts gemacht.

Nur noch meine Wut auf die Wüste treibt mich voran. Alles wirkt nun wie eine verblichene Fata Morgana. Die Sonne ist ein boshafter fetter Troll, der über der Wüste hockt, unbedeckte Haut innerhalb von fünfzehn Minuten verbrennt und mich bestraft, wenn ich es wage, bei Tag unterwegs zu sein. Ich schwitze und schlafe, wenn ich Schatten finde, und gehe auch morgens noch weiter, wenn die Playa mir keinen Schutz spenden will. Am vierten Tag finde ich den verwesenden Kadaver eines Glaskolosses, der vom Sturm irgendwie aus dem Meer hierher gebracht worden ist. Im durchsichtigen Fleisch der Kreatur wimmelt es vor Blutfliegen, und über ihr kreisen so viele Bussarde, dass sie die Sonne verdunkeln. Ich mache einen großen Bogen um den Kadaver.

Als der Sturm aus dem Norden die Wüste mit Regen überschüttet, lege ich mich erfreut hin und lasse das Wasser mein entstelltes Gesicht und die Razorschnitte, die mir Seneca und seine Leute an den Oberschenkeln und der Hüfte zugefügt haben, kühlen.

Der Merkur ist ein wunderschöner Planet mit gemäßigtem Klima an den Küsten, Berghotels, kühlen Tälern und Korallenriffen, aber um all das zu bekommen, musste man die Ladon-Hölle rund um den Äquator erschaffen.

Ich verfluche die Bastarde, die diesen Planeten terraformt haben. Ich verfluche die Felsen. Ich verfluche die Sonne, den Sand und mich selbst, weil ich so drecksverdammt viel Wasser benötige. Und ich verfluche Ajax. Doch noch mehr verfluche ich die Kultur, durch die er so boshaft geworden ist.

Silenius führte die Einzigartige Narbe ein, um einen Goldenen zu kennzeichnen, den man respektieren, aber nicht anbeten sollte. Unsere strengen Institute wurden ins Leben gerufen, um uns zu Hirten auszubilden, nicht zu Kannibalen. Die Welt schenkte uns Darrow, um uns zu zeigen, wie weit wir vom Weg abgekommen waren. Wir kehrten jedoch nicht auf diesen Weg zurück, um ihn zu bekämpfen, sondern entfernten uns noch weiter davon, weil wir konstant die falschen Schlussfolgerungen zogen.

Nach und nach, als ich nördlichere Breitengrade erreiche, wird das Wüstenklima durch ein halb trockenes ersetzt. Der Übergang ist schleichend und fällt anfangs kaum auf. Doch selbst die kleinsten Hinweise auf Leben geben mir Hoffnung. Sintflutartige Regenfälle haben für eine Erosion der Hügel gesorgt, aber auch Gräser und Blumen aus dem steinigen Boden hervorgelockt. Die Sehkraft meines rechten Auges hat sich so weit gebessert, dass ich grüne Punkte in der braunen Landschaft erkennen kann. Der Boden ist immer noch erbarmungslos und spartanisch, aber die größte Gefahr ist vorüber. Mit genügend Wasser kann jeder überleben. Rehlinge mit einem spiralförmigen schwarzen Geweih und Vögel, die wie Kobolde aussehen, ernähren sich von den orangen Beeren knorriger Geranbüsche und kehren dann in ihre Nestburgen zwischen hausgroßen Kakteen zurück. Mir fehlt zwar die Kraft, um sie mit meinem Razor zu jagen, aber ich esse all die Beeren, die ich zwischen den Dornen finde, und ignoriere die Magenkrämpfe, die von diesem Übermaß an Ballaststoffen verursacht werden. Ich esse Maden, die ich unter Felsen entdecke, und schlürfe Vogeleier aus, die ich im Gestrüpp finde. Wurzeln und Knollen bilden den Hauptbestandteil meiner Ernährung, was zu weiteren Krämpfen führt, doch dann entdecke ich eine Schwefelotter, die sich unter einem toten Olivenbaum sonnt. Ich zermalme ihren Schädel mit einem Stein und trinke ihr Blut in der Gewissheit, dass mein Immunsystem wahrscheinlich alle Erreger abtöten wird. Die wertvollen Vitamine sind die leichte Übelkeit wert. Als ich die Schlange leer getrunken habe, grille ich sie über einem Feuer. Das Fleisch ist zäh und elastisch wie das eines Langsats, aber die Kalorien wecken meinen Optimismus, und ich stoße weiter nach Erebos vor.

Als ich auf einem Hügelkamm raste, der in ein fruchtbares Tal führt, drehe ich mich ein letztes Mal zur Wüste um. Sie liegt wartend hinter mir, geduldig, die Ewigkeiten überdauernd, das Grab von Armeen. Aber nicht meines.

Ich wende mich von ihr ab, aber ihre Lektionen nehme ich mit.

Die nächsten Kilometer sind fast schon angenehm. Die Temperatur liegt morgens zwar bei rund fünfzig Grad Celsius, aber aus den wirbelnden Wolken fällt oft Regen, der für Abkühlung sorgt und meiner Verbrennung guttut. Vögel sitzen zwitschernd auf Zitronenbäumen, die ordentliche Reihen bilden und deren Früchte ich häufig esse.

Als ich den Spuren eines stehen gelassenen Mähdreschers folge, stoße ich auf einen Schuppen und ein kleines Farmhaus, das anscheinend überstürzt verlassen wurde. Es ist mindestens einmal geplündert worden, und ich finde keine Medikamente. Doch im Garten entdecke ich eine Aloepflanze, aus der ich eine Paste für meine Verbrennung gewinne. Sie reduziert das Stechen und Jucken, hilft aber nicht gegen die Nervenschäden oder die Schmerzen in meinem Auge, die durch den ganzen Sehnerv pulsieren.

Es gibt keinen Strom auf der Farm, aber es ist schön, einmal ein Rätsel zu lösen, das nicht über Leben und Tod entscheidet. Ich brauche ein paar Stunden, um die Solarzellen des Mähdreschers mit dem Herd zu verbinden. Danach koche ich mir ein getrocknetes Curry aus einer Frischedose. Es gelingt mir auch, die uralte HoloBox im Wohnzimmer anzuschließen. Sie kommt nicht ins Internet, sondern strahlt nur eine Notfallsendung der Weltengesellschaft aus, die alle Bürger auffordert, Erebos und Umgebung zu verlassen und sich nach Naran, hundert Kilometer nordöstlich der Stadt, zu begeben.

Ich denke an die schmalen Duschkabinen auf der Archi, als ich mir ein Bad einlasse. Ich lasse mich ins kühle Wasser gleiten, und ein wohliges Schaudern überkommt mich. Etwas so Angenehmes habe ich nicht mehr erlebt, seit ich mit Cassius im Kaldarium war. Meine Beine sind zu lang für die Wanne, und ich muss sie anwinkeln, sodass ich mit den Knien gegen die zerfaserte Tapete stoße. Erst da fällt mir auf, wie viel Gewicht ich verloren habe. Vielleicht zwanzig Kilo? Mein Körper sieht aus wie der eines Rostlungenopfers. Er ist ausgezehrt, und meine sonnenverbrannte Haut ist angeschwollen und schält sich. Ich döse stundenlang in der Wanne vor mich hin. Dann trinke ich einen Liter Wasser und breche auf dem Formostoffbett zusammen. Ich verschlafe einen kompletten Tag.

Am zweiten Morgen nach meiner Ankunft auf der Farm breche ich wieder auf. Ich habe das zerrissene Futter meiner Impulsrüstung durch die Kleidung eines Farmers ersetzt. Ich sehe albern aus, weil die Hemdsärmel knapp unter meinen Ellenbogen enden und die Hose mir nur bis zu den Waden reicht.

Ich werfe einen Blick zurück auf die Farm, die ich nur ungern verlasse, und frage mich, ob ich nicht einfach bleiben soll. Was erwartet mich denn bei meiner Rückkehr? Eine Zukunft als Atalantias Rivale? Ein Duell mit Ajax, wenn er sich dem stellen muss, was er getan hat? Ein kurzes Leben voller Politik und Verrat? Eine Rache, die ich nicht will, obwohl Darrow mein halbes Gesicht zerstört hat? Will ich zu meinem Volk zurückkehren? Warum? Die Krankheit der Goldenen hat sich während meiner Abwesenheit verschlimmert. Doch trotz allem spüre ich den Drang, zurückzukehren, als würde mein Geist von Schwerkraft angezogen.

Ich muss das Versprechen umsetzen, das ich Dido gab, die Ausrede, die ich für Cassius parat hatte, als ich ihn hinterging. Ich muss Gold vereinen. Und mehr. Ich muss es verändern. Aus diesem Grund lasse ich die Farm zurück. Und weil ich weiß, dass ich Kalindora, Rhone und die Prätorianer aus Heliopolis befreien muss. Es wäre unmoralisch, denen Hilfe zu verweigern, die ihr Leben für mich riskiert haben. Senecas Ausrüstung ist professionell repariert worden, was bedeutet, dass die Legionen des Herrn der Asche nicht vollständig aufgerieben worden sind. Sie werden in Heliopolis einmarschieren. Und ich bezweifle, dass meine Freunde das überleben werden.

Der Weg nach Erebos kommt mir im Vergleich zur Wüste wie ein Spaziergang vor. Ich kürze ihn durch Zypressenhaine ab und Plantagen, die nach Sternherzblüten duften. Gelegentlich sehe ich Hovercrafts am Horizont und Patrouillen der Weltengesellschaft in der unteren Atmosphäre. Im Norden türmen sich zwar schwarze Wolken auf, aber der schlimmste Teil des Sturms scheint vorbei zu sein.

Ich gehe langsam und halte oft an, um mich an den Lebensmitteln, die ich auf der Farm gefunden habe, und den Mandarinen, die ich pflücke, satt zu essen. Mein Weg verläuft parallel zur Via Gloria, der weißen, reibungsfreien Schnellstraße, die die Städte an der Grenze zur Ladon-Einöde über Land miteinander verbindet. Bombardierungen haben sie aufgerissen. Ausgetrocknete Leichen und geschwärzte Kampffahrzeuge der Republik bedecken sie.

Ich schlafe unter einem Grapefruitbaum und begegne am nächsten Morgen einer sonnengebackenen Roten Familie, die auf einer Landstraße unterwegs ist und einen Karren mit ihren Habseligkeiten vor sich herschiebt. Die Roten mustern mich mit Unbehagen, als ich auf sie zugehe. Ich grüße sie höflich und spreche über das Wetter, wie es auf dem Merkur üblich ist. Sie sehen einander an, dann mich und mein geschmolzenes Gesicht, und verbeugen sich schließlich.

»Ja, das Wetter ist komisch, Dominus«, sagt der Mann ruhig.

»Teufelswetter«, ereifert sich die Frau sehr zum Entsetzen ihres Mannes. »Der gierige Marsianer dachte, er könnte unseren Willen brechen. Nicht diesen Willen, Dominus. Dazu braucht man mehr als ein bisschen Wetter.«

»Du meinst Darrow?«

»Gib ihm keinen Namen, Dominus«, sagt sie verbittert. »Seine Soldaten haben die Latifundia unseres Arbeitgebers geplündert. Ihn haben sie mitgenommen, weil er angeblich den Ritter der Furcht aufgenommen hatte – möge das Tal ihn segnen. Haben natürlich die ganze Zeit gelächelt, aber was blieb uns denn, als sie fertig waren? Nur das, was sie uns gelassen hatten. Wir arbeiten für unseren Anteil. Wir brauchen die Almosen der marsianischen Räuber nicht.« Sie spuckt aus. »Die Latifundia ging danach vor die Hunde. Unser Teamsprecher hat sie übernommen, aber um die Arbeit hat sich niemand mehr gekümmert. Sie verrottet. Bist du bei den Legionen?«, fragt sie. »Du siehst aus, als seist du in der Hölle gewesen, Dominus

Ich werfe einen Blick auf die Straße hinter ihr. »Nur am Eingang.«

»Falls du etwas brauchst …« Ihr Blick huscht zu meinem verbrannten Gesicht, dann zeigt sie auf ihren Karren, erneut zum Entsetzen ihres Mannes. Sie haben kaum genug für sich selbst.

»Nur Informationen. Habt ihr Streitkräfte der Weltengesellschaft gesehen?«, frage ich.

»Die Soldaten des Ritters der Furcht sind vor nicht allzu langer Zeit hier vorbeigekommen, Dominus. Aber man weiß nie, wo sie auftauchen. Die sind wie Talgeister. Die restlichen Legionen sind so weit ich weiß im Osten. Dort haben sie eine Bastion errichtet. Die Aschelegionen sollen in Naran sein. In der Stadt wimmelt es nur so von Flüchtlingen aus Tyche und von der Küste. Arme Schweine. Die ganze Stadt ist weg. Wir sind auf dem Weg nach Osten zum Flussland. Wir haben gehört, dass dort Leute für die Aufräumarbeiten angeheuert werden.«

»In Erebos sind keine Legionen?«, frage ich verwirrt.

»Erebos ist ertrunken, Dominus«, sagt der Mann.

Ich runzle die Stirn. So weit können die Wellen doch nicht gekommen sein. »Was meinst du mit ertrunken?«

Am späten Vormittag erklimme ich einen Hügel, von dem aus man das Erebostal überblicken kann, und sehe es mit eigenen Augen.

Erebos war eine stolze Bibliotheksstadt, ein ruhiges, idyllisches Prestigeprojekt, das Meistermacher Glirastes meiner Großmutter zum Geschenk machte. Die hoch liegende Stadt, die sich vor der großen Bibliothek zu verneigen schien, wurde aus einem Berg unterhalb eines gewaltigen Damms geschlagen. Der Damm schützte die Stadt vor den jahreszeittypischen Überflutungen, die durch schmelzenden Schnee in den Bergen ausgelöst wurden. In Merkurs Sonnenlicht geht das schnell. Als ich mir als Kind die Stadt zusammen mit Glirastes ansah, kam sie mir wie eine riesige Schildkröte vor, die eine von Ranken umschlungene Stadt auf dem Rücken trug. Er knurrte, die Schildkröte stünde für Geduld und den unvermeidlichen Triumph des Wissens.

Nun ist sie zu einer schwimmenden Totenstadt geworden.

Der gewaltige Damm ist geborsten. Die Impulsschilde sind wahrscheinlich während des Sturms ausgefallen. Das hereinstürzende Wasser hat eine so umfassende Schneise der Verwüstung durch die Stadt gerissen, dass es ein Wunder wäre, wenn jemand überlebt hätte. Hier herrschen nun Aasvögel. Keine der beiden Seiten hat Sanitäter geschickt, durch das überflutete Tal ziehen nur zigtausend Flüchtlinge langsam in Richtung Norden. Ich setze mich und fühle in meinen Knochen auf einmal die Erschöpfung der letzten Wochen.

Darrow hat den Planeten gebrochen.

Mich überkommt ein Gefühl der Sinnlosigkeit. Was könnte man tun, um das zu beheben?

Ich nehme mir vor, meine Wasservorräte aufzufüllen und mich einem der Flüchtlingszüge anzuschließen, also stolpere ich den Hügel hinunter und gehe durch Wälder, die vom Wind umgestaltet worden sind. Es steht kein Baum mehr. Ich wate durch ein Lavendelfeld, das Bienen immer noch befruchten, und bleibe stehen. Am Ende der Via Gloria bemerke ich seltsame Aufbauten, die sich rund um Octavias Torbogen, der in die Stadt führt, erstrecken. Obwohl ich alles nur verschwommen erkennen kann, weiß ich sofort, worum es sich handelt.

Ich gehe den Hügel hinunter.

Dort, neben dem großen Torbogen, bietet sich mir ein furchtbarer Anblick. In einem See aus Lavendel hängen über vierhundert Leichen von Metallstangen. Abgesehen von den Bussarden, die sie in Umhänge aus gelben und roten Federn hüllen, sind sie nackt und sonnenverbrannt.

Die Stangen, die in den Menschen stecken, sind so breit wie mein Handgelenk und laufen spitz zu. Sie wurden in das Rektum ihrer Opfer getrieben, bis sie an der Brust austraten. Die Beine der Toten sind schlaff, der Rücken hat sich durchgedrückt, die Arme hängen zur Seite und nach unten, der Kopf ruht im Nacken, sodass es aussieht, als seien die Opfer jubelnd gestorben. Von Vögeln geleerte Augenhöhlen starren zum Himmel.

Ein großer Felsbrocken steht am Anfang dieses Gräuels. Die Botschaft auf ihm lautet:

HIER LIEGEN NUR MARSIANER

KNECHTE DES SKLAVENKÖNIGS

DIE SICH MIT HÖHNISCHER FREUDE

DIE SCHÄTZE EURES PLANETEN HOLEN

UND DIE MACHT IHRER HERREN BRECHEN WOLLTEN

SIEHE IHR WERK REISENDER

UND VERZWEIFLE

Die überflutete Stadt ist ihr Werk. Die Gepfählten unseres.

Glaubt die Weltengesellschaft, dass sie die Menschen auf diese Weise davon überzeugen wird, in ihren Schoß zurückzukehren?

Atlas war am Hof meiner Großmutter kein Ungeheuer. Er war merkwürdig. Recht kalt zu mir und verließ immer das Zimmer, wenn ich eintrat. Er hasste Kinder. Er und Aja zeugten zwar gemeinsam Ajax, aber dieser Akt hatte nichts mit einer Beziehung zu tun, soweit ich weiß. Aja konnte Atlas’ Anblick ja kaum ertragen. Doch ich kann mir nicht vorstellen, dass der beste Freund meines Vaters sich in ein solches Monstrum verwandelt hat.

Offiziell war Atlas eine Geisel, aber meine Großmutter vertraute ihm mehr als jedem anderen. Er vermied Galas und Feste und verließ seine Bibliothek nur, wenn meine Großmutter seine einzigartigen Dienste benötigte. Worum es sich dabei handelte, sehe ich erst jetzt.

Ich habe Goldene, die sich auf ihren hohen Rang nichts einbilden, immer respektiert. Atlas schien einer von ihnen zu sein. Doch dadurch, dass er seine Gorgonen so wüten lässt, verwehrt er uns jeglichen Anspruch auf Würde. Deshalb fällt mein Urteil über ihn hart aus.

Ich stolpere an der Reihe entlang, betrachte die Gesichter der Toten und denke, dass jemand sie hier wahrnehmen sollte. All die Familien, für die sie stehen. All die Lebensfäden, die mit ihrem verwoben waren. Grausamkeit wird sich nun über diese Fäden ausbreiten und mehr und mehr Menschen einwickeln.

Niemand nimmt die Leichen ab. Es gibt innerhalb von hundert Metern keine Fußspuren. Jemand flüstert. Ein junger Roter.

Eine der Roten Leichen macht ein Geräusch. Leise Worte.

Der Rote lebt. Er ist noch fast ein Junge, und auf seiner Oberlippe sehe ich dünnen Flaum. Seine aufgesprungenen Lippen öffnen sich, als wolle er etwas sagen. Ich flöße ihm das restliche Wasser aus meinen Behältern ein. Das meiste tropft ihm auf die Brust. Er versucht erneut, etwas zu sagen. Ich beuge mich vor und lausche. »Schicke mich … ins Tal.«

Da fällt mir auf, dass vielleicht ein Dutzend Soldaten immer noch röcheln. Ihre verbrannte Haut hebt und senkt sich bei jedem schrecklichen Atemzug. Es ist mir egal, ob das Feinde sind. Ob Pfählen eine effektive Taktik ist. Es ist mir sogar egal, ob sie diese Strafe verdient haben. Kein Mensch hat das Recht, sie jemandem aufzuerlegen.

Ich gehe noch näher an den Jungen heran. Mein Mund ist so trocken, dass ich die Worte kaum herausbringe. »Bist du sicher?« Er kann erst antworten, als ich ihm Wasser in den Mund träufle.

»Schicke … mich.«

Ich bin ihm so nahe, dass ich die kupfernen, braunen und sogar goldenen Farbsprenkel in seinen Augen sehen kann. Eine furchtbare Traurigkeit überkommt mich. Ich wünschte, ich wüsste, dass die Augen seines Geists in sein Tal blicken. Dass seine Vorfahren in dem kühlen Gebirgstal auf ihn warten. Aber ich weiß, dass es nicht so ist, denn ich weiß, dass das Tal von der Qualitätskontrollaufsicht als eine wichtige soziologische Voraussetzung für Gehorsam erschaffen und kultiviert wurde. Es ist das Zuckerbrot am Ende eines harten Lebens. Die Hoffnung, die sie unglaubliches Leid in den Bergwerken ertragen ließ, ist nun zu einem militanten Glauben geworden. Er flüstert, als ich meinen Razor ziehe. »Meine Liebe, meine Liebe, gedenke der Tränen, als der Winter starb …«

Andere fallen mit in diese Worte ein, bis sie zu einem krächzenden Chor auf den Pfählen anschwellen.

Der Ledergriff des Bellona-Razor ist von der Sonne aufgewärmt worden. Als die Klinge seine Brust und sein Herz durchbohrt, fühle ich den Druck im ganzen Arm. »Geh zu deinem Volk«, flüstere ich. Er zuckt zusammen und rührt sich nicht mehr.

Entlang der Reihe flehen weitere Männer und Frauen um Gnade. Ich gehe zum nächsten Mann. Es ist ein älterer Roter, dessen dichter Bart von weißen Strähnen durchzogen ist und dessen Gesicht an das einer Bulldogge erinnert. Er fleht um Gnade, aber als ich vor ihm stehen bleibe, fangen er und einige andere an zu lachen. Ich blinzele verwirrt. Ihre Gesichter wabern in der Hitze. Warum lachen sie?

»Brenne mit uns, du goldene Fotze«, stößt der Rote aus seinem blutverkrusteten Mund hervor. »Brenne mit dem Mars.«

Da erkenne ich die List.

Ich bewege mich nicht. Ich sehe nach unten, weiß aber schon, was mich erwartet. Ich biege Lavendel auseinander und blase in den Dreck. Eine dünne Matte aus einem druckempfindlichen Material breitet sich darin aus. Wenn ich meinen Fuß bewege, wird die Mine, die sich darunter verbirgt, mich in einen Regen aus Fleischstücken verwandeln. Ich könnte zur Seite springen, aber nur zwei der weit über hundert Minenarten, die in diesem Krieg verwendet werden, haben einen so geringen Radius, dass ich ihnen entkommen könnte.

»Ich wollte dir helfen«, sage ich. »Ich wollte anständig sein.«

Der Rote lacht durch Zähne, die bis auf den Nerv zerschmettert worden sind.

Da ich nichts besitze, mit dem ich mein Gewicht auf der Matte ausgleichen könnte, grabe ich einen kleinen Tunnel durch den Dreck neben ihr, bis ich die Mine erreiche. Ich taste im Loch nach der Ummantelung. Die achteckige Form verrät mir, dass es sich bei ihr wahrscheinlich um eine Lotus-13 handelt. Wenn es mir gelingt, meinen Razor zwischen die Druckmatte und die Mine zu schieben, sollte ich die Kabelverbindung durchtrennen können. Adrenalin lässt meine Hände zittern, als ich den Razor auf seine geringste Größe umstelle und die Klinge so dünn wie Papier und so breit wie meine Hand wird. Ich schiebe sie seitlich in das Loch und löse eine Gegenmaßnahme aus.

Uuiii. Uuiii.

Dreck und abgerissener Lavendel spritzen mir ins Gesicht. Ich werde nach oben geschossen. Ich verliere meinen Razor. Die Luft wird mir aus der Lunge gedrückt, als ich hart auf dem Rücken lande. Etwas zieht sich um mich zusammen. Ich stemme mich dagegen, schneide mir aber nur die Finger auf. Je mehr ich dagegen ankämpfe, desto fester zieht es sich zusammen. Das ist ein TakNetz, erkenne ich erleichtert, kein Sprengstoff.

Aber die Erleichterung verfliegt rasch, als mir meine Lage klar wird.

Ich liege in der Morgensonne, und nur die Pfähle, die Lavendelstängel und die Bienen spenden Schatten. Die Meter zwischen mir, meinem Razor und dem Wasser könnten auch Meilen sein. Jedes Mal, wenn ich versuche, mich zu drehen oder zu winden, zieht sich das Netz weiter zu, bis es meine Kopfhaut aufschneidet. Nach kurzer Zeit kann ich mich gar nicht mehr bewegen, und mir läuft Blut über das Gesicht. Stundenlang liege ich da, während die Sonne über den Himmel zieht, das Wasser aus meinem Körper saugt und für Blasen auf meiner nackten Haut sorgt. Ich habe die Farbe einer Tomate. Der Lavendel wiegt sich im Wind. Die Bienen summen. Die Bussarde kauen. Ich verliere immer wieder das Bewusstsein und wache erst auf, als sich die Bussarde lautstark um ein besonders saftiges Stück Oberschenkel streiten. Der Rote ist tot. Sie fressen ihn und beobachten mich.

Wenn ich könnte, würde ich lachen.

Der Erbe von Silenius wird zu Füßen eines Roten von Vögeln gefressen, weil er gnädig sein wollte. Lektion gelernt. Ich fühle mich schuldig wegen der Vindabona und der hilflosen Menschen, die ich den Obsidianen überlassen habe. Das hat mich abgelenkt. Ich hätte wissen müssen, dass es hier Minen gibt. Ich sehe die Opfer, die ich im Stich gelassen habe, nun auf dem Hügel in TakNetzen liegen. Sie beobachten mich lächelnd und warten darauf, dass ich zu ihnen ins Jenseits komme.

All diese Leben mussten enden, weil ich Seraphina retten wollte, die anschließend lächelnd in ihr Verderben lief.

»Sieh mal einer an, Frischfleisch«, sagt eines der Opfer zu mir.

»Scheint ein Blutsverräter zu sein«, sagt eine andere Stimme. »Er hat ein paar Köder getötet

»Narbe?«

Schwere Wüstenstiefel bleiben vor mir stehen. Ein Kindergesicht beugt sich aus dem Himmel zu mir herunter und starrt mich an. Etwas stimmt nicht. Es hat die gleiche Farbe wie die Flügel einer Staubmotte. Oh. Das ist eine Maske. Purpur schleicht sich in die Maske, als sich ihr Träger in den Lavendel hockt. »Ihm fehlt das halbe drecksverdammte Gesicht. Der Augapfel ist Brei.« Ein Handschuh dreht meinen Kopf. »Keine Narbe. Das ist ein Pixie, Jungs

Das sind Gorgonen.

»Vom Aufstand?«

»Von was denn sonst? Wir schicken keine unvernarbten Kinder in den Kampf

»Lasst ihn braten. Die Falle hat sich erledigt. Und hat nichts gebracht. Die Streuner sitzen alle in Heliopolis und warten auf den großen Hammer

Einer von ihnen stößt einen Pfiff aus. »Seht euch mal die Details auf seinem großen Eisen an. Das ist eine Scantius, darauf würde ich mein Leben verwetten

»Spinn nicht ’rum. Woher willst du denn wissen, wie eine Scantiusklinge aussieht? Du könntest dir nicht mal den Griff leisten

»Der Minotaurus hatte eine. Hat sie behandelt wie eine durstige Lady. Hat ständig darüber geredet. Siehst du die Blüten?«

»Wo?«

»Auf dem Griff

»Wenn du das sagst. Wie kommt ein Pixie an so eine Waffe?«

»Im Zweifelsfall, weil er ein Heuler ist. Durchsucht ihn nach einem Peilsender, dann hauen wir ab. Furcht soll sich mit dem herumschlagen.« Das Kindergesicht sieht mich an, als ich versuche, etwas zu sagen. »Mach erst mal ein Nickerchen, Verräter.« Das Letzte, was ich sehe, ist ein Stiefel, der auf mich zurast.

Die Gorgonen benutzen Gravbikes. Die Fahrt ist lang und führt uns einige Hundert Kilometer weit in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Zurück in die verdammte Wüste. Am späten Nachmittag rasten sie in einer hoch gelegenen Wüstenstadt nahe einem großen Bergwerk. Ich bin an den Sattel eines Gravbikes gefesselt und sehe zu, wie niedrigfarbige Stadtbewohner die Schlächter wie Helden begrüßen. Kinder laufen neben uns her, als wir aus der Stadt fahren und uns der Schneefallgrenze der Berge nähern.

Wolken ziehen über einen dunkler werdenden Himmel. Die Gravbikes werden langsamer und fahren nun in einer Reihe den Gebirgspfad entlang. Auf einmal halten wir abrupt an. Stiefel knirschen im Schnee, dann schlägt mir wieder jemand auf den Kopf.

Als ich zu mir komme, ist mir kalt, und ich bin nass. Der Boden besteht aus Stein. Ich öffne die Augen nicht. Meine Hände sind über mir an der Wand einer Höhle festgekettet. Bäche fließen rechts und links von mir vorbei. Ich höre Stimmen, die sich leise unterhalten.

»Er stellt uns nie Fragen. Keine einzige. Er nimmt uns nur etwas. Ich habe ihm alles erzählt, was mir eingefallen ist. Ich wollte nur, dass er aufhört.« Der Mann schluchzt.

»Erspare uns die Flennerei, Hadrian. Dass du herumheulst wie eine venusianische Hure, macht alles nur noch schlimmer

»Lass ihn in Ruhe, Ignacius. Jeder hier hat ihm etwas erzählt, Hadrian. Schon gut, Bruder

»Er hat … die Zeit verlangsamt. Er gab mir irgendwas. Ich habe jedes Molekül gespürt, als er … als er mir …« Die Worte gehen im Schluchzen unter.

»Wie viele Wachen hast du gezählt, Drusilla?«

»Er stülpt mir jedes Mal einen Sack über den Kopf

»Spielt es überhaupt eine Rolle, was wir beobachtet haben? Wir wissen doch, dass er uns gerade belauscht. Nur deshalb dürfen wir doch zusammenbleiben. Wie viele Heuler hat er erwischt? Wie viele wurden befreit? Eine – und Orion war so irre, dass sie einen ganzen scheiß Kontinent ruiniert hat. Wir sind tot, meine Besten. Lasst uns wenigstens in Würde abtreten. Schon bald werden wir auf einem Pfahl sitzen

»Klar, würdevoll abtreten mit einer Metallstange im Arsch. Machst du bestimmt jeden Dienstag, Ignacius

Einen Moment herrscht Stille.

»Der Boss wird uns holen«, sagt der Anführer.

»Loyal bis zum Ende, Alex? Dein Roter Gott ist wahrscheinlich schon längst ertrunken oder in Stücke gesprengt worden. Nur die Leere kann uns noch Gnade erweisen. Aber das ist schon gut so. Das ist wenigstens nur das Nichts

»Er ist nicht tot

»Du bist echt voll auf dieses Lupusding eingestiegen. Diese ganze Armee ist wegen der Vox-Senatoren erledigt. Die kleinen Bastarde haben sich unsere Schiffe geholt. Heliopolis wird bei der Belagerung schon gefallen sein, und die Armee sitzt in der Wüste fest und wird von der Asche-Armada beschossen. Wahrscheinlich nageln sie Darrow gerade an den Bug der Annihilo und fliegen als Nächstes nach Luna

»Und warum sind wir dann noch in einer Höhle?«

Ich bin von mindestens fünf umgeben. Alles Goldene. Hauptsächlich marsianische Akzente. Elysianisch mit einem Hauch der Jupitermonde. Ich höre noch ein wenig länger zu. Europa-Dialekt. Heuler, Darrow, Alex, die Akzente. Da kann man zwei und zwei leicht zusammenzählen. Zwei weitere schlafen. Ob da noch andere sind, kann ich wegen des Bachs nicht hören. Aber ich tippe, dass es insgesamt neun sind.

»Narbengesicht ist wach und belauscht uns«, sagt der, den sie Ignacius nennen.

»Bist du wach, mein Bester?«, fragt jemand bestimmter. Der Anführer. Sein Akzent würde fast schon kultiviert klingen, wenn er nicht so nuscheln würde. »Hab keine Angst, wir sind hier alle am Arsch. Ob die Augen offen oder geschlossen sind, spielt keine große Rolle.« Er lacht mit verblichener Selbstsicherheit. Ich öffne theatralisch mein rechtes Auge. Zehn Gefangene sind wie ich an die Wand gekettet. Zwei schlafen. Zwei Gorgonen sitzen dreißig Meter entfernt am Eingang des Tunnels, der den einzigen Ausgang des Raums darstellt.

»Hatte recht, er ist wach«, sagt Ignacius. Er ist riesig, sieht gut aus, wirkt aber auch brutal.

»Ich sehe keine Narbe«, sagt eine Frau. Drusilla.

»Als wären sie nicht schon nach dem ersten Jahr dahintergekommen«, sagt Ignacius.

»Wie heißt du?«, fragt Drusilla. Ihr Gesicht ist dunkler als das der anderen. Gütige Augen sehen mich unter geschwollenen Augenlidern an.

»Ganz ruhig, mein Bester«, sagt Alexandar. »Man hat dich ziemlich übel zugerichtet.« Obwohl ihm beide Ohren fehlen und sein Gesicht grotesk angeschwollen ist, erkenne ich, dass er in meinem Alter ist und früher gut ausgesehen hat. Sehr gut sogar. Seine Schultern sind im Vergleich zum Rest seines Körpers unglaublich breit. Die Beine, auf denen man mühelos viele Kilometer zurücklegen könnte, hat er überkreuzt. Als ich ihn das letzte Mal sah, war ich mit Cassius auf der Archi und betrachtete ein Holo, in dem er hinter Darrow stand, während der eine Rede hielt.

Alexandar au Arcos, Lorns Enkel, mein von mir entfremdeter Cousin und Kalindoras Neffe mütterlicherseits.

»Wie heißt du?«, fragt er. »Lass dir Zeit. Eine Gehirnerschütterung verwirrt jeden.«

Ich halte mich an Octavias Anweisungen und nehme eine langfristig vorteilhafte Identität an, auf die ich beharren kann und die sich nicht widerlegen lässt. Ich kann nicht zum Aufstand gehören. Und nicht zur Weltengesellschaft. Ich habe keine Narbe im Gesicht und kann den merkurianischen Dialekt, der zu dem passt, was in Erebos als Oberschicht durchgeht, gut nachahmen. Diese Identität fällt mir leicht und ist auch noch ein bisschen witzig. Die Dehydrierung hat mir einen Teil meines Verstands geraubt, also stürze ich mich hinein.

»Cato au Vitruvius«, sage ich. Die Identität, die ich aus Sicherheitsgründen annahm, wenn ich Glirastes besuchte, um von ihm zu lernen. Sie gehört dem erfundenen Sohn einer realen örtlichen Familie, die eine lange Geschichte hinter sich und eine mittelmäßige Zukunft vor sich hat.

»Salve, Cato. Ich bin Alexandar. Das sind Drusilla, Ignacius, Crastus, Hadrian.« Er nickt nacheinander der Frau mit den gütigen Augen, dem Riesen, einem hübschen Mann Mitte dreißig und einem bulligen Goldenen zu. »Die Ritter von Elysium stehen dir den Umständen entsprechend zu Diensten.«

»Ach, jetzt bist du also ein Ritter von Elysium«, murmelt Drusilla.

»Arcosianische Ritter«, widerspricht jemand.

»Wer bist du?«, will Ignacius von mir wissen.

»Er meint, wie bist du in diese Hölle geraten?«, fragt Alexandar. Sein Lächeln ist rot. Er hat keine Zähne mehr. Seine Güte überrascht mich. Vor der Kamera wirkt er hochmütiger, und laut Großmutters Securitas-Akte ist er unglaublich arrogant, intelligent, aber nicht sonderlich kreativ, und hat seit dem Tod seines Vaters einen auf diesen gerichteten Minderwertigkeitskomplex. Dass er den Schnitter verteidigt, lässt darauf schließen, dass Darrow nun derjenige ist, den er beeindrucken will.

Ich erzähle ihnen nervös eine Geschichte über den Dammbruch in Erebos. Die Bomben, die vom Himmel fielen, erklären meine Brandwunden. Dass ich versucht habe, Überlebende zu retten, erklärt den Sonnenbrand, und dass ich die gepfählten Opfer abnehmen wollte, erklärt die TakNetzwunden. Drusilla versucht mich mit einer Frage über meine Heimat, die sie anscheinend kennt, hinters Licht zu führen. Doch ich war auch schon in Erebos, und die Erinnerung habe ich in Bernstein eingeschlossen. Ich sehe den Seidenmarkt, die bunten Gürtel der Einheimischen und die goldenen Filigranarbeiten, die alle Straßenschilder schmückten, noch vor mir.

Ich bestehe ihre leichten Prüfungen.

»Ihr seid schon eine Weile hier, oder?«, frage ich.

»Jat«, erwidert Alex und stellt mir damit die nächste Falle.

»Bitte?«, frage ich verwirrt.

»Du bist kein Soldat?«, fragt Alexandar.

Noch eine Annahmenfalle. »Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Schon gut.«

»Ich kenne keinen Kerl, der genug Geld fürs Institut hat«, antworte ich. »Meine Eltern handeln … handelten mit Seide. Damit verdient man keine Reichtümer.«

»Was hast du denn gemacht?«, fragt Drusilla.

»Hauptsächlich getrunken«, entgegne ich. »Mein Vater hat den Magistrat bestochen, sodass ich als Bauingenieur in Erebos bleiben konnte. Krieg ist eine schreckliche Angelegenheit.« Ich erschaudere ein wenig.

»Pflichtverletzung auch, Pixie. Ich glaub kein Wort von diesem Schlangenscheiß«, sagt Ignacius. »Er ist einer von ihnen oder zumindest ein Sklavenhalter.«

»Das sagst du über jeden auf dem Merkur.«

»Weil sie sich so benehmen. Wenn man einen Merkurianer umarmt, stößt der einem ein Messer in den Rücken. Dieses sonnendunkle Pack besteht nur aus Schwindlern und Trinkern.«

»Ich bin dunkler als er«, sagt Drusilla.

»Haarspalterei.«

»Könnt ihr Streithähne mal aufhören?«, fährt Alexandar sie an. »Wieso willst du wissen, wie lange wir schon hier sind, Cato?«

»Weil Heliopolis nicht gefallen ist«, sage ich. »Ihr sagtet, das wäre wahrscheinlich so.« Sogar Ignacius hört aufmerksam zu. »Jemand hat mir erzählt, dass Darrow seine Armee während des Sturms durch die Ladon-Einöde geführt hat. Er hat Ajax au Grimmus angegriffen, während der die Stadt belagerte.«

»Dieser Irrsinn hat funktioniert?«, fragt Alexandar. Er grinst Ignacius mit seinem schrecklich leeren Mund an. »Habe ich es nicht gesagt? Der Boss hat alles unter Kontrolle.«

Oder er hat die Kontrolle komplett verloren.

Xenophon führt mich mit einem gelangweilten Ausdruck auf seinem blassen Gesicht zum Skuggi-Hangar. »Götter, es ist so still«, murmele ich. Nicht in der Stadt unter uns, in der die Bauarbeiter Tag und Nacht daran arbeiten, Olympias ehemalige Pracht wiederherzustellen. Auch nicht in der Umgebung, wo der Lärm der Obsidianen, die auf dem Weg zum Volkland sind, widerhallt. Und auch nicht an der Küste, wo die Ripwings des Allstamms die Republik-Kampfschiffe auf der anderen Seite des Thermischen Meers beobachten, oder in den Minen, wo Rote und Orange Quicksilvers Roboter übernommen haben und den Heliumabbau fortsetzen. Es ist still in Adlersruhe und nur in Adlersruhe, weil Sefi und Valdir die Kinder auf die Jagd mitgenommen haben, meine Skuggi Aufträge erledigen und ich wie ein alter Mann zurückgeblieben bin und durch ein verlassenes Haus schlurfe.

»Gehen Sie bitte schneller, wir dürfen den Todesstoß nicht verpassen«, sagt der Logos.

»Vielleicht sollten wir dann zu den Landeplätzen gehen, Genie.«

»Das tun wir … gewissermaßen.« Wir biegen um eine Ecke, und ich bleibe wie angewurzelt stehen. Eines der schönsten Schiffe, das ich je gesehen habe, steht neben den hässlichen taktischen Schiffen der Skuggi wie eine sechsstellige Pinke in einem Frontbordell. Das jadegrüne Schiff ist sechzig Meter lang, hat einen schlanken Rumpf, ist mit zwei Ionentriebwerken ausgestattet, zwei Railguns und einer sensorabweisenden Hülle. Es sieht aus wie ein zur Seite gedrehter Hammerhai. »Bei Apollos Schwanz, ist das eine Schönheit.«

»Ein Geschenk Ihrer Majestät«, sagt Xenophon und reicht mir die dünne Omnikarte.

»Nee.«

»Das steht so in Ihrem Vertrag. Ein erstklassiges Schiff. Es stammt aus Quicksilvers Anwesen in Nike. Ich wage zu behaupten, dass Sie mehr Verwendung dafür haben werden als er.« Ich habe das in den Vertrag aufgenommen, weil ich dachte, ich würde ein Fluchtfahrzeug benötigen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich das Schiff tatsächlich bekommen würde, vor allem nicht jetzt, denn ich glaube, ich werde doch nicht fliehen müssen. Trotzdem reiße ich dem Logos die Omnikarte aus der Hand und schwebe praktisch zum Schiff. Das ist nicht nur ein Rennschiff, das ist ein Tiefraum-Tiger. Würde vom Mars bis zur Sonne wahrscheinlich keine zwei Wochen brauchen. Na ja, vielleicht doch etwas mehr. »Bitte beachten Sie, dass Peilsender installiert worden sind. Und die Kinder dürfen dem Schiff nicht näher als einen Kilometer kommen.«

»Mhm, mhm.« Ich lasse meine Hand über den Rumpf gleiten. »Wo ist der Haken?«

Xenophon lächelt, als eine Gruppe Würdenträger um die Ecke biegen. »Ich befürchte, dass das Schiff bei seinem Jungfernflug als Taxi fungieren wird. Wie wollen Sie es nennen?«

Ich drehe mich um und grinse den Weißen an. »Schneeball.«

»Es ist grün.«

»Ist trotzdem ein Schneeball.«

Als der Südpol der winterlichen Trübsal entgegenschlurft, heult ein Wind, den die Obsidianen den Atem des Tiefsten Dunkels nennen, durch das Gletschertal. Diese langsame, unermüdliche Strömung friert einem die Wimpern ab und schwärzt die Haut innerhalb von zwanzig Minuten. Sie läutet die dunkle Jahreszeit am Pol ein.

Trotz meiner warmen Thermalkleidung spüre ich auf Zweidrittelhöhe eines jungen Bergs das sanfte Zupfen der Natur, die mir damit vermitteln will, dass ich nicht hierher gehöre. Ich sehe mich um, und die Krieger, die hinter mir hocken, nicken und murmeln: »Kalt, Grarnir?«

»Njr, Grarnir kann njek kalt«, sagt ein anderer. »Fer ragnver en la.« Ich wische Schnee von meiner Schulter.

Kalt, Grauer Fuchs?

Nee, Grauer Fuchs kann nicht kalt sein. Göttliches Feuer brennt in ihm.

Ich bin ein wandelndes Totem der Unverwundbarkeit. Ein Geistkrieger. Der lebende Beweis für die Existenz der Götter. Nur Ozgard weiß, dass ich während des Minenüberfalls unter dem Einfluss starker psychotroper Stoffe stand. Entweder wissen die Obsidianen nicht, dass die Jagdkillerdrohnen wegen meiner Grauen DNA und dem Mopp in meiner Hand nicht auf mich geschossen haben, oder es ist ihnen egal. Die Götter haben nicht ihre schützende Hand über mich gehalten. Die Software der Jagdkiller stufte mich einfach nicht als Bedrohung ein. Die Krieger wissen nur, dass ich zwischen den Feinden stand und wie eine Furie heulte, als Sefi und Valdir zu mir aufschlossen.

Sefi und Valdir schlugen fünf Sekunden nach meiner Landung wie ein göttlicher Hammer zu. Ich sehe immer noch die gepanzerten Obsidianen vor mir, die auf die dreibeinigen Roboter einschlugen. Und ich rieche ihr brennendes Fleisch, denn jeder Laserstrahl der Roboter bohrte sich in gleich fünf Krieger.

Fünfunddreißigtausend erstklassige obsidianische Soldaten mussten sterben, um die Minen von Cimmeria von Jagdkillern zu befreien. Und ich? Nicht einmal ein beschissener Kratzer. Ozgard ließ mich drei Tage lang nicht nüchtern werden. Pax sah amüsiert zu, als die Walküren mich auf ihren Schultern trugen. Electra wäre tatsächlich vor Lachen fast gestorben, als ich den beiden anschließend in meinen Räumlichkeiten in Olympia erzählte, was passiert war. Ich dachte, das würde sie eifersüchtig machen. Doch sie hält das für das Witzigste, was sie jemals gehört hat, obwohl ihre Moppscherze langsam nerven. Wenn sie mich nun ansieht, habe ich nicht mehr den Eindruck, dass sie mir am liebsten die Eier abschneiden würde.

Mehr war dazu nicht nötig?

Freihild und die Skuggi sind trunken vor Tapferkeit wegen dem, was sie zur Eroberung der Minen beigetragen haben. Man hat einigen Frauen sogar die Ehre erwiesen, an der Jagd teilzunehmen. Die Männer, Valdir und die hochrangigen Jarls, die Stammesführer, stehen mit mir auf dem Felsvorsprung. Sie haben ebenso tapfer gekämpft, und das wissen sie. Es ist immer schon so gewesen, was nicht heißt, dass ihnen das passt.

Sefi und Pax stehen in einem großen Rudel Walkürenjäger auf einem zwanzig Meter entfernten Felsvorsprung. Nach der tagelangen Spurensuche sind die Felle, die sie tragen, eisverkrustet. Das Eis knackt bei jeder Bewegung und funkelt, wenn das Licht aus den Schulterlampen der mechanisierten Wachen im Zwielicht auf es trifft.

Seit sechs Tagen verfolgen die Walküren ihre Beute. Electra sucht mit Freihild rund um die Weißen Splitter nach Spuren, Pax begleitet Sefi und versucht mit ihr, Schuppen auf den Zerrissenen Gipfeln zu finden. Der Besserwisser könnte einem die Molekularstruktur einer obsidianischen Pfeilspitze beschreiben, war am Tag des Aufbruchs jedoch teilnahmslos. Der Junge vermisst seine Mutter.

Anscheinend kennt Sefi sich ein wenig mit Kindern aus. Es ist schwer, sich an Trauer zu klammern, wenn man sechs Tage lang gegen Schneeblindheit, Frostbeulen und Sattelwunden kämpft und in Unterständen, die mit Seehundhäuten bedeckt sind, übernachten muss. Pax weiß, dass er sich glücklich schätzen darf, denn er sitzt hinter Sefi im Sattel. Kein obsidianischer Krieger, nicht einmal Valdir, hat je auf einem Greifen an der Jagd teilgenommen. Pax’ Melancholie ist verschwunden, und er konzentriert sich nun völlig auf seine Aufgabe.

Er wirft den Kopf nach hinten, als ein schriller Pfiff durch das Gletschertal hallt und sich gegen das dunklere Heulen des Windes durchsetzt. Xenophon, der bis zur Nase in Thermalkleidung steckt, erklärt den politischen Gästen, die ich mit der Schneeball hierhergebracht habe, dass Freihild sich in Bewegung gesetzt hat. Die Treiber sind unterwegs. Die Bestie wird aus ihrer Berghöhle vertrieben.

Das Tötungskommando wartet. Sefi wartet.

Schnee legt sich auf ihre Schultern und den Knochenhelm. Sie sieht aus wie eine Wintergöttin, ein permanenter, unnachgiebiger Bestandteil des Bergs.

Ein zweiter schriller Pfiff.

Die jüngeren Walküren sehen sie erwartungsvoll an. Die älteren Jägerinnen wissen, wie geduldig ihre Königin ist, und regen sich nicht. Die Gäste tuscheln aufgeregt.

Ein dritter Pfiff ertönt, drängend und ungeduldig. Sefi verweigert sich ihm. Pax wirft ihr einen kurzen Blick zu. Sekunden vergehen. Dann hebt Sefi die zur Faust geballte Hand.

»Sljr«, flüstert sie und springt vom Vorsprung. Ein klagendes Horn ertönt.

»Sljr. Sljr. Sljr«, brüllen die Walküren, und fünfzig Frauen gleiten vom Vorsprung. Pax ist bei ihnen.

»Jagt«, plappert Xenophon nach.

Die Walküren verschwinden, und einen Moment später höre ich Schreie auf der anderen Seite des Bergkamms. Sefis bleicher Greif schwingt sich von dem Vorsprung unter uns empor. Pax sitzt hinter ihr im Sattel des Bogenschützen. Ich hatte geglaubt, er würde sich unwohl fühlen oder Angst bekommen, aber dem ist nicht so.

Ein Luftstoß weht mir Schnee in den Mund, als einige Greife über uns zur Seite fliegen und Schnee aufwirbeln. Zwei verbündete Rote prallen stolpernd gegeneinander und lachen, während sie bewundernd die im Sattel sitzenden Walküren betrachten, die sich todesmutig ins Tal stürzen. Valdir tritt vor und beobachtet sie mit geübtem Blick, in dem reinste Bewunderung, Liebe und Neid liegen. Man sieht ihm an, wie gerne er auf einem der Tiere seines Volks sitzen würde. Ich mag ihn nicht. Er ist verschlossen. Aber ich fühle mit ihm. Er ist zwar kein Sklave der Grimmus mehr, aber auch nicht ganz frei.

»Ihre erste Jagd?«, fragt mich Xenophon, der seine Erklärungen unterbrochen hat, damit die Gäste sich sammeln können.

Ich nicke. »Ihre anscheinend nicht.«

»Meine dritte. Während des Kriegs kehrte Ihre Majestät, wann immer es ihr möglich war, hierher zurück, um den Sonnentod zu feiern. Ich glaube, dass sie dem Eis nicht zu lange fernbleiben wollte, aus Angst, sie könnte vergessen, wer sie ist. Ich habe ihr von dieser Jagd jedoch abgeraten.«

»Ozgard und Valdir schienen ganz wild darauf zu sein.«

»Natürlich. Die Jagd belebt zwar den Geist des Schamanen und erfüllt die Erwartungen, die Valdir an eine Königin richtet, aber ein modernes Staatsoberhaupt sollte sich von solchen Überlegungen nicht zu einem unnötigen Risiko hinreißen lassen. Ganz zu schweigen von all den Staatsgeschäften, die während ihrer Abwesenheit unerledigt bleiben. Ich habe ihre Regierung so konstruiert, dass sie einen Monarchen braucht. Ohne einen ist ihre Effizienz um die Hälfte reduziert, eine Kleinigkeit, die Valdir und den Irren natürlich nicht interessieren.« Xenophon sieht sich um. »Haben Sie den Irren gesehen?«

»Wahrscheinlich liegt er besoffen in irgendeinem Frachtraum«, sage ich genervt. Ich will mir die Jagd ansehen.

»Die Wahrscheinlichkeit ist hoch.« Das geschlechtslose Säugetier sieht nach Westen, als Valdir dorthin zeigt und den anderen etwas zuruft. »Ah, der Drache. Entschuldigen Sie mich.«

Ich richte den Blick nach Westen. Schuppen glitzern im Zwielicht, nahe den Felsbrocken am Talboden. Aus dem Glitzern wird ein verschwommener Umriss, der sich in einen Giganten des Eises verwandelt. Obwohl ich weiß, dass seine Vorfahren von verrückten Violetten Graveuren zusammen mit Gelben Genetikern erschaffen wurden, wirkt der Eisdrache wie ein Relikt der Vergangenheit. Eine Kreatur, die älter ist als wir.

Ich erkenne, dass ich das Atmen vergessen habe.

»Bei diesem Exemplar handelt es sich um einen schwarzen Eisdrachen der Niðhöggr-Gattung – eines der seltensten und am meisten verehrten Wesen in der Obsidianen Mythologie«, erklärt Xenophon den Gästen. »›Er, der mit Arglist zuschlägt‹ ist angeblich der Bote des Winters. An den neun seitlichen Stoßzähnen und den drei Hörnern, die seine Jahrzehnte kennzeichnen, sieht man, dass es sich um einen alten Bullen handelt. Die Weibchen zu jagen, ist natürlich verboten und wird mit dem Blutadler bestraft.«

Die Gäste tuscheln beeindruckt, so als sei das ein magisches Wesen und nicht dreißig Tonnen im Labor hergestellter Tod.

Freihild und ihre Treiber folgen dem Bullen durch das Bergtal. Ich bin zwar weit weg, aber trotzdem läuft mir ein Schauer über den Rücken. Die obsidianischen Wachen sehen anerkennend zu, Valdir liebevoll. Nur wenige haben je einen Drachen fliegen sehen oder haben sich in sein Nest geschlichen, um ein Junges zu töten, dessen Blut zu trinken und so den Weg der Makel zu beginnen.

Der Drache entdeckt Sefis Jäger vor sich und biegt nach rechts ab, um ihnen über die Nordseite des Tals zu entkommen. Auf den Gipfeln donnert es. Obsidiane Jugendliche, die mit Haken und Seilen die Berge bestiegen haben, zünden schwefelbasierte, auf Rosten liegende Geschosse an und schießen sie mit Steinschleudern in die Wolken hinauf. Der Lärm scheucht den Drachen durch das Tal. Er sucht nach einem Ausweg, wird von den kleinen Explosionen über den Berggipfeln jedoch immer wieder zurückgetrieben.

Jemand schreit, als der Drache in unsere Richtung abbiegt. Zwischen den Wachen stehende Skuggi setzen Zündschnüre, die von einem Rost hängen, und werfen die Tonbomben in die Luft. Sie lachen, als die Gefäße über ihnen explodieren. Gudkind wirft mir zwei zu. Ich zünde sie an und werfe sie hoch. Bumm. Bumm.

Der Windstoß, den die Flügel des Drachen verursachen, reißt mich fast von den Beinen. Er fliegt nur einen Steinwurf entfernt an mir vorbei. Schutt und menschenkopfgroße Steine stecken in dem verkrusteten Eis unter seinem Bauch. Gäste stieben auseinander und lachen erleichtert, als der Drache abdreht und sich wieder der Königin nähert. Valdir läuft zum Rand der Klippe, beugt sich vor und sieht zu. Dutzende folgen ihm.

Die Walküren bilden über einem gefrorenen Bergsee ein umgedrehtes V, das den Drachen einschließt. An der Spitze des Vs wartet Sefi auf die Gelegenheit, dem Drachen den Todesstoß zu versetzen. Doch als die ersten Obsidianen an den Flanken ihre Pfeile abschießen, schwingt er sich mithilfe eines Aufwinds empor. Er holt zwei Greife aus der Luft. Die Reiterinnen fallen aus ihrem Sattel, doch ihre Sicherheitsseile ziehen sie zurück auf die trudelnden Reittiere. Eine Reiterin kann sich festhalten. Die andere prallt gegen eine Bergflanke, als ihr Greif von den rasiermesserscharfen Spitzen der Drachenflügel zerrissen wird.

Die Gäste sind entsetzt. Valdir legt sich die Hand auf das Herz. Ein guter Tod. Seine Blicke gleiten an den Treibern entlang, jungen Greifenreiterinnen, deren Enthusiasmus größer als ihre Erfahrung ist. Er sucht Freihild, nehme ich an. Mit meinem Sichtgerät kann ich sie leicht anhand der grünen Federn an ihrem Kopfschmuck erkennen. Electra sitzt im Bogenschützensattel hinter ihr und bereitet Sprengpfeile vor.

Sefi stößt in ein Horn, und das Greifen-V dreht sich, als die Reiterinnen losfliegen. Die Tiere lassen sich über Kopf fallen und schießen hinter dem Drachen her, während Freihild mit ihren Treibern emporsteigt und ihm dort folgt. Explosionen erschüttern das Tal, als sie Pfeile mit mit Sprengstoff gefüllten Spitzen abschießen, um den Drachen zu zwingen, tiefer zu gehen. Der Lärm bringt den verängstigten Drachen tatsächlich von seinem Aufstieg ab. Nun fliegt er wieder auf Sefis Walküren weiter unten zu, die erneut ein V bilden. Die ersten fangen an, den Drachen zu bedrängen, indem sie dicht an ihm vorbeifliegen, ihn mit Speeren traktieren oder ihm Pfeile in die Seiten jagen.

Aber Sefi fliegt als Einzige vor ihm davon, bis ihr Greif zweihundert Meter von den anderen entfernt ist. Dann wendet sie. Ihre Begleiterinnen ziehen an den straff gespannten Seilen, die mit den in den Drachenschuppen steckenden Speeren und Pfeilen verbunden sind. Die ersten Reiterinnen werden durch das Gewicht des Drachen zur Seite gerissen, doch schon bald können die Himmelsjägerinnen den Drachen an zwanzig gespannten Seilen auf ihre Königin zuziehen.

»Die dünnsten Schuppen befinden sich

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