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Die Liebe hofft alles

Die Liebe hofft alles

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Die Liebe hofft alles

Länge:
491 Seiten
6 Stunden
Freigegeben:
Jul 2, 2020
ISBN:
9783765575723
Format:
Buch

Beschreibung

Neue Wege beschreiten, Entscheidungen treffen, auf Gott vertrauen – das sind die Themen der preisgekrönten Autorin Susan Anne Mason in diesem neuen historischen Liebes-Roman.
1919: Emmaline Moores Leben steht Kopf! Nach dem Tod ihres geliebten Großvaters erfährt sie, dass ihr tot geglaubter Vater noch lebt – in Kanada. Voller Hoffnung macht sich Emmaline auf die Reise zu ihm. Jonathan, ihr Freund aus Jugendtagen, begleitet sie – auch weil für ihn aus der einstigen Freundschaft so viel mehr geworden ist. Als Emmaline in Toronto ankommt, muss sie feststellen: Die Wiedersehensfreude ihres Vaters und seiner neuen Familie hält sich in Grenzen, auch weil Emmalines Vater gerade mitten in einer wichtigen Bürgermeister-Wahl steckt. Emmaline lässt sich nicht entmutigen, sie ist bereit für ihren Traum zu kämpfen. Doch dieser Kampf um Anerkennung hat seinen Preis …
Freigegeben:
Jul 2, 2020
ISBN:
9783765575723
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Die Liebe hofft alles - Susan Anne Mason

fühlen.

Kapitel 1

JUNI 1919

Jetzt gab es kein Zurück mehr!

Der schrille Pfiff der Lokomotive läutete die Abfahrt ein. Nun brachen sie auf zum Zielbahnhof Toronto. Nervös klammerte sich Emma an die hölzernen Armlehnen, bis ihr die Finger wehtaten. Doch das half wenig bis gar nicht, um die innere Anspannung loszuwerden. Vielleicht lag es nur an dem Stress und der Erschöpfung der letzten Tage, doch auf der letzten Etappe dieser langen Reise nagte der Zweifel an ihr.

War es vielleicht der schlimmste Fehler ihres Lebens gewesen, alles, was sie je besessen hatte, verkauft zu haben und mit dem Erlös um die halbe Welt gereist zu sein? Zum ersten Mal, seit sie England verlassen hatte, fühlte Emma sich unwohl mit dieser Entscheidung.

Eine Rauchwolke zog an den Passagierfenstern vorüber und verbarg für einen kurzen Augenblick die Sicht auf einen glänzend blauen See inmitten der vorbeiziehenden Landschaft – nicht ganz so idyllisch wie in Wheatley, aber dennoch viel schöner, als Emma es sich vorgestellt hatte. Mit einer Hand fuhr sie sich vorsichtig über den Magen, der teils aus Vorfreude, teils aus Angst rumorte. Sie wusste überhaupt nicht, was sie in Toronto erwartete. Ob sie sich womöglich zu viel von dieser Reise erhoffte?

Außerdem machte ihr das ungute Gefühl zu schaffen, diese impulsive Entscheidung ganz allein getroffen zu haben, ganz ohne Gottes Rat. Was, wenn Jonathan nun recht hatte? Vielleicht wäre es besser gewesen, ihren Vater vorzuwarnen, statt einfach bei ihm vor der Tür aufzutauchen? Was, wenn er vielleicht gar nichts mit ihr zu tun haben wollte?

Emma holte tief Luft und ließ sich in ihren Sitz zurückfallen. Diese lästigen Sorgen brachten sie nicht weiter. Nur die Zeit würde zeigen, ob es sich gelohnt hatte, alles für diese Reise zurückzulassen.

Im Sitz neben ihr schlief Jonathan mit dem Kopf an die Fensterscheibe gelehnt. Er sah immer noch blass aus – seine natürliche Farbe hatte er seit der Überfahrt auf dem Schiff noch nicht zurückgewonnen. Aber wer hätte denn ahnen können, dass er solch einen miserablen Seefahrer abgab? Wenngleich der Arzt bestätigt hatte, ihm würde sonst nichts fehlen, hatte der sechstägige Aufenthalt in Halifax nur wenig geholfen, seinen Gleichgewichtssinn zu beruhigen. Und das starke Rütteln des Zuges in den letzten zwei Tagen hatte die Situation nur noch erschwert. Aufgrund der andauernden Übelkeit hatte Jonathan kaum mehr als ein paar Salzkräcker und ein wenig Tee zu sich genommen – die meiste Zeit über schlief er.

Dann öffnete sich an einem Ende des Wagens eine Tür und ein Mann in Schaffneruniform kam herein. Wie bei jedem bisherigen Halt ließ er sich die Fahrkarten aller Passagiere zeigen.

Einige Reihen vor Emma und Jonathan entwischte ein kleines Mädchen seiner Mutter und huschte durch den Gang. Trotz der ruckartigen Bewegungen des Zugs schaffte sie es, ans andere Ende bis zu Emma zu laufen. Auf ihrem Gesicht lag ein triumphierendes Grinsen. Neben Emma machte sie Halt, schaute sie mit großen Augen an und sagte: „Hallo. Ich bin Sarah. Du hast einen schönen Hut an."

Noch bevor Emma in irgendeiner Weise darauf reagieren konnte, kam ein Mann mit Bart auf sie zu. „Sarah, bleib bitte unbedingt dort, wo deine Mutter und ich dich sehen können, mahnte er das Mädchen. Doch sogleich nahm er sie auf den Arm und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Nun komm. Du darfst dem Schaffner unsere Fahrkarten zeigen. Lächelnd schlang Sarah die Arme um seinen Hals.

„Kann ich dann etwas Süßes haben, Papa?", fragte die Kleine.

Der Mann lachte und schaute das Kind mit einem so liebevollen Blick an, dass Emma beinahe die Luft wegblieb. „Wenn du versprichst, dass du auf deinem Platz sitzen bleibst, bekommst du ein Pfefferminzbonbon."

Emma beobachtete die beiden, bis sie aus ihrer Sichtweite verschwanden. Doch das Bild der kleinen Tochter in den Armen ihres Vaters brannte sich in ihr Herz und ließ neue Hoffnung in ihr keimen. Genau dieser Blick war es, für den sie die viertausend Meilen auf sich nahm.

Als der Schaffner bei ihr ankam, gab sie ihm die Fahrkarten. „Wie lange ist es noch bis Toronto, Sir?"

Bei dieser Bemerkung machte sich ein Lächeln auf seinen Lippen breit. Wenngleich er nur ein klein wenig älter aussah als Jonathan, verlieh die Uniform ihm einen Hauch von Autorität. „Noch etwa drei Stunden, Miss."

„Danke", erwiderte Emma und biss sich leicht auf die Unterlippe. Nur noch drei Stunden – dann würde sie in der Stadt ankommen, in der Randall Moore die letzten zweiundzwanzig Jahre gelebt hatte. Zweiundzwanzig Jahre, in denen Emma ihn tot geglaubt hatte. War es verrückt, solch eine weite Strecke auf sich zu nehmen und nach ihm zu suchen, ohne vorher Kontakt zu ihm aufgenommen zu haben?

Zumindest Jonathan hielt es für verrückt. Mehrmals hatte er versucht, die Reise aufzuschieben, bis Emma mit Randall Kontakt aufgenommen hatte. Doch die Angst, dass ihr Vater sie womöglich zurückwies, bevor sie ihn je gesehen hatte, trieb sie zu diesem radikalen Entschluss. Einen Brief konnte man leicht ignorieren, doch sie wegzuschicken, wenn sie persönlich vor ihm stünde, war viel schwieriger.

„Ist alles in Ordnung, Miss?, erkundigte sich der Schaffner mit einem besorgten Runzeln auf der Stirn. „Ihnen ist hoffentlich nicht übel, ergänzte er und warf einen Blick auf Emmas Sitznachbarn.

„Mir geht es gut, danke. Ich bin nur ein wenig nervös", erwiderte Emma mit einem Lächeln.

„Sie können wohl mehr ab als Ihr Mann." Der Schaffner grinste, während er ihre Fahrkarten stempelte.

„Oh, er ist nicht mein Mann, korrigierte Emma ihn schnell. „Nur ein guter Freund, der mich dankbarerweise auf dieser Reise begleitet.

Dieser Kommentar machte den Schaffner neugierig. „Sind Sie zum ersten Mal in Kanada?"

„Ja, antwortete Emma und legte die Hände in den Schoß. „Ich bin hier, um … Verwandte zu besuchen, die ich noch nie zuvor gesehen habe.

Der Zug ruckelte, als er um eine Kurve fuhr, und der Schaffner hielt sich am Sitz fest. „Mit Sicherheit sind Ihre Verwandten genauso gespannt wie Sie. Ich zumindest wäre es, wenn ich einen so liebevollen Gast erwarten würde, erwiderte er lächelnd. „So gern ich mich auch weiter mit Ihnen unterhalten würde, ich fürchte, ich muss wieder an die Arbeit. Einen schönen Aufenthalt in Toronto, Miss, verabschiedete er sich, und kaum dass er die Worte ausgesprochen hatte, tippte er sich an die Schaffnermütze und zog weiter.

„Noch nicht richtig angekommen und schon verdrehst du allen Männern hier den Kopf", bemerkte Jonathan ironisch, die Augen noch immer geschlossen.

Emma errötete. „Ach, so ein Humbug. Er war doch nur nett. Genau wie alle Kanadier, die wir bisher getroffen haben."

Jonathan öffnete ein Auge und warf ihr einen ungläubigen Blick zu. „Ich bezweifle stark, dass sie so nett wären, wenn ich allein reisen würde."

„Schlaf lieber weiter, du Miesepeter. Noch drei Stunden, dann bist du von dieser Tortur befreit."

Jonathan setzte sich aufrechter, um die Landschaft vor dem Fenster zu sehen. „So schlimm ist es nicht mehr. Viel besser als auf dem Schiff zumindest, sagte er und drehte sich zu Emma. „Wenn wir angekommen sind, sollten wir als Erstes nach einer Unterkunft suchen.

Sie nickte. Und mit einem Mal flogen ihre Gedanken zurück zu ihrem sicheren Zuhause über dem Uhrenladen ihres Großvaters. Heimweh überkam sie. Was, wenn alle Stricke rissen? Nun gab es kein gemütliches Heim mehr, in das sie zurückkehren konnte. Und keinen Verlobten mehr, der auf sie wartete. Das hatte sie mit ihrem letzten Brief an Lord Terrence klargestellt.

„Sollten wir es vielleicht bei der Pension versuchen, von der Grace uns erzählt hat?, fragte Jonathan und holte Emma damit aus ihren Gedanken zurück. „Vermutlich ist das angemessener als ein Hotel.

„Es wäre auf jeden Fall ein Anfang", erwiderte sie. Auch wenn sie aus Ungeduld am liebsten sofort damit beginnen würde, ihren Vater ausfindig zu machen, mussten sie pragmatisch vorgehen.

„Und wenn keine Zimmer mehr frei sein sollten, kann man uns dort vielleicht etwas anderes empfehlen", schob Jonathan nach. Nachdem er den Kopf den ganzen Morgen über an die Fensterscheibe gelehnt hatte, stand sein braunes Haar nun in alle Richtungen und auf seinem Kinn zeichnete sich ein leichter Schatten ab. Wie ungewöhnlich für den jungen Mann, der sonst viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres legte.

„Doch davor solltest du dich besser frisch machen gehen – sonst verschreckst du die Inhaberin noch. Im Moment siehst du aus wie ein Obdachloser", scherzte Emma und zeigte dabei auf seine eigensinnigen Bartstoppeln.

Mit einem finsteren Blick schaute Jonathan sie an, während er sich über das Kinn fuhr. „Versuch du doch mal, dich in einem Raum zu rasieren, der kleiner ist als ein Abort. Und dann auch noch bei diesem ständigen Geruckel. Dabei würde ich mir wahrscheinlich die Kehle aufschneiden."

Emma lachte. „Bestimmt gibt es am Bahnhof einen öffentlichen Waschraum. Soviel wie ich gehört habe, ist es ein sehr stattliches Gebäude."

„Das ist es in der Tat, erwiderte ein Mann gegenüber, während er die Zeitung sinken ließ. „Frisch renoviert und überhaupt. Auch zum Schuheputzen sehr zu empfehlen, sagte er in Jonathans Richtung.

„Das klingt, als würden Sie den Ort gut kennen."

„Aus beruflichen Gründen bin ich sehr viel unterwegs, wissen Sie. Ich habe dort schon sehr viele Stunden auf Züge gewartet, erklärte er und lächelte. „Mein Name ist Stan Olsen. Geboren und groß geworden in Toronto. Wenn ich Ihnen irgendwie weiterhelfen kann, sagen Sie gern Bescheid.

Nur mit Mühe konnte Emma sich zurückhalten, den armen Mann direkt mit Fragen zu löchern. In einer Stadt von der Größe Torontos war es ohnehin äußerst unwahrscheinlich, dass er ihren Vater kannte.

Kurz warf Jonathan Emma einen fragenden Blick zu und lehnte sich dann vor. „Nun, tatsächlich hätten wir eine Frage, begann er. „Wir sind auf der Suche nach jemandem. Aber Sie kennen nicht ganz zufällig einen Mann namens Randall Moore?

Mr Olsen zog seine Augenbrauen hoch. „Nun, nicht persönlich, aber nahezu jeder in Toronto weiß, wer er ist, sagte er, blätterte die Zeitung auf die erste Seite zurück und hielt sie ihnen hin. „Gerade eben habe ich wieder etwas über ihn gelesen. Schauen Sie, unten rechts.

Emmas Puls schlug schneller. „Doch nicht bei den Todesanzeigen, hoffe ich?"

„Nein, nein. Er lebt und tritt ganz ordentlich", erwiderte Mr Olsen amüsiert.

„Ich traue mich fast nicht zu fragen, was das zu bedeuten hat", sagte Emma. Dann nahm Jonathan die Zeitung entgegen und hielt sie so, dass beide darin lesen konnten.

Die Überschrift lautete: Bürgermeisterkandidat Randall Moore startet seine Wahlkampagne.

Nach einem kurzen Blickaustausch mit Jonathan beugte sich Emma tiefer über die Zeitung und las den kurzen Artikel.

Trotz der Niederlage bei der letzten Bürgermeisterwahl hat Professor Randall Moore den Wahlkampf mit einem lauten Knall wieder aufgenommen. Die knappen Ergebnisse im Januar haben gezeigt, dass Moore beliebter ist denn je. „Tommy Church kann nicht immer gewinnen, erklärt Moore. „Und ich plane, derjenige zu sein, der ihn aus dem Amt hebt.

Diese kühne Ansage des Universitätsprofessors von Toronto ist eine klare Herausforderung an den amtierenden Bürgermeister. Und wenn Moores öffentlicher Rückhalt weiter zunimmt, könnte er Mr Church bei der nächsten Wahl tatsächlich um sein Amt bringen.

Nun saß Emma mit vor Erstaunen geöffnetem Mund da. „Randall Moore möchte Bürgermeister werden? Ist das nicht eine wahre Mammutaufgabe?"

Mr Olsen nickte. „In solch einen Wahlkampf muss sehr viel Zeit und Geld gesteckt werden – besonders wenn es darum geht, gegen den amtierenden Bürgermeister anzutreten, der bereits dreimal hintereinander wiedergewählt wurde, erklärte er. Dann verschränkte er die Arme vor der Brust und fragte: „Und was genau wollen Sie von Randall Moore?

Vorsichtig legte Emma die Zeitung ab. Es wäre nicht fair, wenn jemand anderes aus Toronto vor ihrem Vater von den Gründen ihrer Reise erfuhr. „Er ist … ein entfernter Verwandter. Und ich hatte versprochen, bei ihm vorbeizusehen, wenn ich je nach Toronto komme", sagte sie und wollte dem Herrn die Zeitung zurückgeben. Doch der schüttelte den Kopf.

„Behalten Sie sie nur. Vielleicht wollen Sie den Artikel ja für Ihre Familie aufheben."

„Danke", erwiderte Emma, faltete die Zeitung zusammen und steckte sie in ihre Handtasche. Mr Olsen konnte schließlich nicht ahnen, dass sie keine Familie mehr hatte. Dass ihr Großvater gestorben war und sie mit nichts als Lügen und Enttäuschung zurückgelassen hatte.

Den aufkommenden Schmerz schluckte Emma hinunter und betete, dass sie, sobald sie ihren Vater traf, Antworten auf all die Fragen bekäme, die sie verfolgten. Sonst wäre diese mühselige Reise völlig umsonst gewesen.

Mit einer Hand an der Wand abgestützt, ging Jonathan in den Speisewagen des Zuges. Gemurmel und leises Geklimper erfüllten den Raum. Passagiere saßen an mit Stoffdecken überzogenen Tischen und unterhielten sich beim Essen, dazu klirrte das Silberbesteck.

Bei der Vielzahl an Gerüchen, die ihn hier überkamen, rebellierte Jonathans Magen sofort wieder. Speck, Rindfleisch und ein Hauch von Graupensuppe. Sosehr er sich wünschte, etwas Richtiges zu sich nehmen zu können, schien Tee das Einzige zu sein, was sein Magen vertrug, seit sie die Ufer Englands verlassen hatten.

Also ging er zur Theke, wo ein großer, fast kahlköpfiger Mann in Schürze den Tresen abwischte. Jonathan setzte sich auf einen der Hocker. „Eine Tasse Earl Grey, bitte."

„Wie wäre ein Orange Pekoe?", fragte der Kellner mit einem Zwinkern.

„Auch in Ordnung. Danke."

Sogleich drehte sich der Kellner zur Seite, schenkte Jonathan eine Tasse Tee ein und sah ihn dabei aus dem Augenwinkel an. „Habe ich Sie heute Morgen nicht mit Ihrer Frau hier gesehen? Sie ist mir direkt aufgefallen", sagte er mit einem Grinsen.

Es stimmte, Jonathan und Emma waren morgens im Speisewagen gewesen, um zu frühstücken, aber Jonathan hatte bloß ein paar Schluck Tee herunterbekommen. „Sie ist nicht meine Frau, korrigierte er den Kellner. „Nur eine gute Freundin.

„Oh, ach so. Ich verstehe", erwiderte dieser und zog dabei die Augenbrauen hoch.

Nur mit Mühe konnte Jonathan einen Seufzer unterdrücken. Er hatte Emma auf diese Reise begleitet, um sie zu beschützen, nicht um ein schlechtes Licht auf sie zu werfen. „Nein, Sir. Ich glaube nicht, dass Sie es verstehen. Für Emma bin ich wie ein Bruder, erklärte Jonathan und gab ein wenig Milch in seinen Tee, bevor er einen Schluck nahm. „Obwohl ich nichts dagegen hätte, das zu ändern, fügte er leiser hinzu.

„Ein Bruder, hm? Dann müssen Sie sich ja schon eine ganze Weile kennen."

„Ja, genau. Seit ich zehn war. Da bin ich ins Haus nebenan gezogen. Emma und ich sind beide Waisenkinder – oder zumindest dachten wir das, fuhr Jonathan fort und stellte seine Tasse wieder ab. „Sie hat mir damals sehr geholfen, über den Verlust meiner Familie hinwegzukommen. Und seither sind wir beste Freunde.

Ungläubig schaute der Mann Jonathan an. „Aber im Laufe der Jahre haben sich Ihre Gefühle füreinander verändert, nehme ich an?"

„Meine schon, aber Emmas nicht. Doch ich bin schon dabei herauszufinden, was ich dagegen tun kann", gestand Jonathan und wandte seinen Blick ab. Warum um alles in der Welt gab er diesem fremden Mann mit Kaffeeflecken auf dem Hemd Einsicht in seine geheimsten Gedanken?

„Ah, jetzt verstehe ich. Unerwiderte Liebe, sagte der Mann, der sich nun mit seinem großen Bauch halb über den Tresen beugte, als wollte er Jonathan in ein Geheimnis einweihen. „So ein Mädchen gab es auch in meiner Heimatstadt. Doch ich habe es nicht geschafft, sie je auf mich aufmerksam zu machen. Hoffentlich haben Sie mehr Glück, Junge.

„Auf mehr Glück für uns beide", sagte Jonathan und hob seine Tasse, trank sie dann mit einem Mal leer und ging wieder zurück zu seinem Waggon.

Derweil hatte Emma den Platz am Fenster eingenommen und döste. Ihre langen dunklen Wimpern hoben sich deutlich von ihrer hellen Haut ab. Jonathan atmete tief durch und setzte sich neben sie. Die stickige Luft in diesem Waggon half nicht gerade, seinen Magen zu beruhigen oder die Sorgen beiseite zu schieben.

Seine beste Freundin stand kurz davor, eine große Enttäuschung zu erleben, und er wusste einfach nicht, wie er das verhindern sollte. Doch Emma schien blind dafür zu sein, dass ihr Vater sie womöglich nicht in seinem Leben haben wollte. Wenn es anders gewesen wäre, hätte er sich doch mehr bemüht, mit ihr in Kontakt zu treten. Hätte mehr als bloß eine Handvoll Briefe geschickt, die Emma erst nach dem Tod ihres Großvaters zu Gesicht bekommen hatte.

Und doch konnte Jonathan sie nicht dafür verurteilen, diesen Mann, ihren Vater, kennenlernen zu wollen. Er hätte sich nur gewünscht, dass sie sich zuerst per Brief mit ihm in Kontakt gesetzt hätte. Um besser einschätzen zu können, ob man sie hier gut aufnehmen würde. Emma hingegen behauptete, dass sie so den Überraschungseffekt auf ihrer Seite hätte. Doch Jonathans Erfahrung nach nahmen Überraschungen dieser Art selten ein gutes Ende.

Ein Rat, den er sich auch selbst hinter die Ohren schreiben konnte.

Bei diesem Gedanken tastete er nach dem Brief in seiner Brusttasche, in dem seine Zukunft ruhte. Ein starkes Schuldgefühl lastete auf seinen Schultern – es war nicht richtig, dass er diese Information vor Emma zurückhielt. Doch wenn er Emma den Brief vor ihrer Abfahrt gezeigt hätte, hätte sie ihn sicherlich nicht mitkommen lassen. Es war ohnehin schon schwer genug gewesen, Emma davon zu überzeugen, dass Tante Trudy den Sommer über gut allein zurechtkäme. Tatsächlich war es ihm selbst schwergefallen, seine Tante mit dem kleinen Laden, in dem sie selbst geschneiderte Kleider verkaufte, allein zurückzulassen – vor allem, wo er doch gerade erst aus den vier Jahren Krieg zurückgekehrt war. Doch letzten Endes hatte er keine Wahl. Unter keinen Umständen hätte er Emma allein um die halbe Welt reisen lassen.

Also mussten seine Neuigkeiten noch ein wenig warten. Wenn sich alles so entwickelte, wie er es erwartete, würden sie in wenigen Wochen ohnehin schon wieder auf einem Schiff zurück nach England unterwegs sein. Schon bei dem Gedanken daran legte er eine Hand auf seinen Magen. Das war keine Reise, auf die er sich freute. Doch die Seekrankheit nähme er gern in Kauf, wenn er Emma dafür wieder zurück nach England brachte. Dorthin, wo sie hingehörte.

Wo sie beide hingehörten.

Unauffällig warf er einen Blick auf Emmas Profil, während sie schlief. Dunkle Locken umschmeichelten ihr herzförmiges Gesicht und ihre Stupsnase war mit zarten Sommersprossen besprenkelt. Doch am beeindruckendsten fand Jonathan ihre strahlend blauen Augen. Von jetzt auf gleich verwandelte sich ihr Blick von neckisch zu wütend und untermalte jeden Gedanken und jedes Gefühl, das über ihr feines Gesicht huschte. Es war schier unverständlich, wie das kleine Mädchen, mit dem er aufgewachsen war und das er die meiste Zeit seines Lebens als Schwester betrachtet hatte, sich in die Frau verwandeln konnte, für die nun sein Herz schlug.

Und doch stand da noch eine viel größere ungeklärte Frage im Raum: Wie konnte es Jonathan gelingen, dass auch Emma mehr in ihm sah als bloß ihren engsten Freund oder Bruderersatz?

Nachdenklich strich er sich mit einer Hand über den stoppeligen Bart. Er gab sicherlich kein schönes Bild ab, nachdem es ihm die ganze Fahrt über so schlecht ergangen war. Dabei hatte er die Schifffahrt eigentlich dazu nutzen wollen, Emma wieder näherzukommen und ihre alte Verbundenheit neu aufleben zu lassen, die durch den Krieg ein wenig geschwächt worden war.

Und dann war da noch dieser Baron, den Emma kurz vor Ende der Schlacht kennengelernt hatte, während Jonathan sich in einem Lazarett in Frankreich erholte. Gott sei Dank war sie noch rechtzeitig zur Vernunft gekommen und hatte die Verbindung zu Lord Terrence den Schrecklichen – wie Jonathan ihn heimlich nannte – wieder aufgelöst und seinen Heiratsantrag abgelehnt. Immerhin ein Hindernis weniger für Jonathan.

Nichtsdestotrotz musste er nun die verlorene Zeit wieder aufholen und schnellstens damit beginnen, um die Frau zu werben, die er zu seiner Ehefrau machen wollte.

Wenn er sich doch nur sicher sein könnte, dass Emma seine Gefühle eines Tages erwidern würde.

Kapitel 2

„Es tut mir schrecklich leid, aber ich nehme nur Frauen auf, erklärte Mrs Chamberlain, die grauhaarige Inhaberin, an der Tür zur Pension. Sie lächelte Emma freundlich an und sagte dann zu Jonathan: „Probieren Sie es doch mal beim CVJM auf der College Street. Die haben dort ein wirklich schönes Gästehaus.

Emma verließ der Mut. Schon auf dem Schiff hatte sie Jonathan kaum gesehen und nun konnte er nicht mal ein Zimmer in derselben Pension anmieten? Verärgert schnaufte sie und griff entschieden nach ihrer Tasche. „Könnten Sie uns denn eine andere Pension empfehlen, die uns beide aufnimmt?"

Mrs Chamberlain kniff die Augen ein wenig zusammen und studierte die Gesichter der beiden. „Sind Sie miteinander verwandt?"

„Nicht blutsverwandt, aber wir sind zusammen aufgewachsen. Jonathan ist wie ein Bruder für mich. Für seinen tadellosen Charakter lege ich meine Hand ins Feuer", antwortete Emma mit Nachdruck. Die Frau hatte keinen Grund, Jonathan zu misstrauen. Frisch rasiert und in seinem neuen Hemd sah er durch und durch anständig aus.

„Ich habe keinen Zweifel daran, dass Sie ein ehrlicher junger Mann sind, Mr Rowe, sagte Mrs Chamberlain mit einem Lächeln. „Aber alle meine Gäste sind Frauen und sie würden sich unwohl fühlen, die Unterkunft mit einem Mann zu teilen.

„Ich verstehe, gab Jonathan kurz zurück und legte eine Hand auf Emmas Schulter. „Du beziehst hier jetzt ein Zimmer, Em, und ich finde etwas anderes.

„Nein, erwiderte Emma entschlossen und umklammerte den Griff ihrer Tasche noch fester. „Wir finden schon etwas, wo wir beide unterkommen.

Jonathan schüttelte den Kopf. „Es wird schon spät, außerdem bist du erschöpft. Du bleibst hier; ich schaue, ob ich im CVJM Glück habe, und komme morgen früh wieder."

Wenngleich sie nach außen hin mutig und stark wirkte – in diesem Moment wurde Emma von der ganzen Anstrengung der letzten zwei Wochen übermannt und Tränen stiegen ihr in die Augen. Mit aller Mühe versuchte sie, ihre bebende Unterlippe im Zaum zu halten.

Mrs Chamberlain wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und machte einen Schritt auf Jonathan zu. „Sagen Sie, Mr Rowe, kennen Sie sich mit Gartenarbeit aus?"

„Einigermaßen. Warum fragen Sie?"

„Mein Gärtner hat vor Kurzem gekündigt – wie Sie an der Höhe des Rasens erkennen können – und es ist gerade äußerst schwierig, einen Ersatz zu finden, erklärte sie. „Wenn es Ihnen nichts ausmachen würde, diese Arbeit vorübergehend zu übernehmen, bis ich einen neuen Gärtner gefunden habe, könnten Sie so lange in der kleinen Stube oberhalb der Garage unterkommen.

In Emma kam neue Hoffnung auf und sie drehte sich mit einem flehenden Blick zu Jonathan.

„Das klingt nach einem guten Angebot, erwiderte dieser langsam. „Aber … wie viel Arbeit bedeutet das in etwa?

„Nicht mehr als ein paar Stunden pro Tag", versicherte ihm Mrs Chamberlain.

„Sehr gut. Dann nehme ich Ihr Angebot gern an."

Erleichtert atmete Emma auf. Sie musste doch nicht allein bleiben. Jonathan würde gleich nebenan sein. „Vielen lieben Dank, Mrs Chamberlain. Das ist sehr freundlich von Ihnen."

„Es freut mich, dass ich helfen konnte, erwiderte die ältere Dame mit einem Lächeln. „Sie können Ihre Tasche gern in den zweiten Stock bringen, Miss Moore. Die zweite Tür auf der rechten Seite. Und ich begleite Mr Rowe derweil zu seinen Räumlichkeiten.

Emma nickte und trat ein. „Oh, eins noch. Können Sie mir sagen, ob Grace Abernathy noch hier wohnt? Wir haben uns auf der Überfahrt von England kennengelernt. Sie war es, die uns Ihre Pension empfohlen hat."

Ein Schatten legte sich über Mrs Chamberlains Gesicht. „Leider haben Sie sich gerade verpasst. Grace hat eine Stelle als Kindermädchen angenommen und ist ausgezogen."

„Wie schade. Ich hatte gehofft, hier ein wenig mehr Zeit mit ihr verbringen zu können."

„Das hatte ich auch gehofft, gestand die Vermieterin. „Aber Grace hat versprochen, uns sonntags besuchen zu kommen, wenn sie kann. Vielleicht können wir dann alle zusammen in die Kirche gehen.

„Das wäre schön."

Der Gedanke daran, Grace wiederzusehen, heiterte Emma wieder etwas auf, während sie die Treppen zum zweiten Stock nahm. Oben angekommen, entdeckte sie das Zimmer, das in zarten Pink- und Rosatönen gehalten war und eine gemütliche Fensterbank hatte, von wo aus man auf die Straße vor dem Haus sehen konnte.

Sehnsüchtig blickte Emma auf das Bett. Vielleicht würde sie heute Nacht endlich mal wieder durchschlafen. Es wäre das erste Mal, seit sie die Briefe ihres Vaters unter den Habseligkeiten ihres Großvaters entdeckt und davon erfahren hatte, dass sie in Wahrheit gar kein Waisenkind war. Sie war immer noch wütend und zutiefst verletzt, dass ihr Großvater sie all die Jahre betrogen hatte. Wie konnten die beiden Menschen, die sie aufgezogen hatten, sie so belügen? Und von ihrem eigenen Vater fernhalten?

Gleichzeitig fand Emma es schrecklich, dass sie wütend auf sie war. Und dass die beiden nicht mehr lebten und ihr keine Erklärung dafür geben konnten, warum sie ihr die Wahrheit verschwiegen hatten. Irgendwie musste sie herausfinden, was nach dem Tod ihrer Mutter geschehen war und warum ihre Großeltern es für richtig gehalten hatten, Emma so zu täuschen.

Mit neuer Entschlossenheit begann die junge Frau, ihre Tasche auszupacken. Dann machte sie sich kurz mit etwas Wasser aus einer Waschschüssel frisch und suchte nach ihrer Vermieterin.

Da Randall Moore für das Bürgermeisteramt in Toronto kandidierte, war es nicht unwahrscheinlich, dass Mrs Chamberlain etwas mehr über ihn wusste. Und Emma war dankbar über jedes noch so kleine Detail, das sie erfahren konnte.

Letztlich bedeutete Wissen doch immer auch Macht, oder nicht?

Jonathan ging die krächzende Holztreppe hinauf in die Stube über der Garage, wie Mrs Chamberlain dieses Gebäude genannt hatte. Er war sich sicher, dass das eine irrtümliche Bezeichnung war, da es nicht so aussah, als ob hier jemals ein Wagen beherbergt worden wäre. Zurzeit diente das Gebäude als großer Abstellraum für allerlei Werkzeug. Sicherlich wusste der vorherige Gärtner genau, wie mit alledem umzugehen war. Jonathan blieb nur zu hoffen, dass er seine Fähigkeiten nicht überschätzt hatte und die anfallenden Aufgaben gut bewerkstelligen konnte, um sich seine Unterkunft auch zu verdienen.

Kurz fingerte er mit dem eisernen Schlüssel am Schloss herum, bis die Tür aufging. Beim Hineingehen schlug ihm eine Welle muffiger Luft entgegen. Sofort lief er auf das kleine Fenster zu und öffnete es. Dann erst sah er sich das Zimmer genauer an.

Es war eher spärlich eingerichtet: ein runder Tisch mit zwei Holzstühlen, ein Klappbett an der langen Wand, ein Sessel, ein Tischchen und eine Lampe. Da es kein Bad und keine Küche gab, war die Unterkunft nicht gerade ideal. Aber um in Emmas Nähe zu bleiben, nahm Jonathan eine außenliegende Waschmöglichkeit und die Mahlzeiten bei der Köchin in Kauf.

Dann fiel sein Blick auf einen schwarzen Holzofen in der Ecke. Direkt daneben stand ein Korb mit Holzresten. Offenbar gab es wegen der harten Winter in Kanada eine Möglichkeit, diesen Raum zu heizen. Mit etwas Glück würde er den Ofen aber vorerst gar nicht brauchen.

Ein paar Schweißperlen bildeten sich auf Jonathans Stirn. Trotz seines Unwohlseins griff er nach dem Eisenhenkel und öffnete den Ofen. Das Innere war sauber, keine Spur von Schmutz oder Ascheresten, doch der beißende Geruch von verbranntem Holz bewirkte, dass sich seine Lungen zusammenzogen. Schnell schlug er die Tür wieder zu, stand auf und bemühte sich, die aufkommende Flut von Erinnerungen zu unterdrücken. Jetzt würde er keine Angstattacke bekommen. Jonathan holte durch die Nase tief Luft und atmete durch den Mund aus. Normalerweise hatten Öfen und andere Feuerstellen ihm nichts ausgemacht – doch seit dem Krieg überfiel ihn auch in eigentlich harmlosen Situationen die Angst. Das war das Schlimmste daran: nie zu wissen, wann die nächste Attacke einsetzte.

Als sich sein Puls beruhigt hatte, ging Jonathan Richtung Bett und stellte seine Tasche davor ab. Da er im Moment sonst nicht viel tun konnte, wollte er sich erkundigen, was genau für Aufgaben ihn erwarteten. Also verließ er sein Zimmer wieder und steuerte den Nebeneingang der Pension an. Beim Betreten der Küche ohne vorherige Erlaubnis hoffte er, nicht irgendwelche Regeln der Etikette gebrochen zu haben.

Vor dem großen Ofen stand eine kräftige Frau und rührte in einem Topf. In der Luft hing der köstliche Geruch von Kochfleisch und frisch gebackenen Brötchen. Zum ersten Mal, seit er das fürchterliche Schiff verlassen hatte, verspürte Jonathan wieder Appetit. So wie sich seine Rippen inzwischen abzeichneten, hatte er auf der Reise sicher Gewicht verloren. Dagegen musste er so schnell wie möglich angehen.

„Guten Tag", grüßte er vernehmlich.

Sogleich drehte die Köchin ihren Kopf und sah über die Schulter zu Jonathan, ohne das gleichmäßige Rühren zu unterbrechen. Unter der weißen Kochmütze, an dessen Rändern einzelne graue Haare wie Stacheln hervortraten, runzelte sie die Stirn. „Wer sind Sie? Und was wollen Sie hier in meiner Küche?"

„Mein Name ist Jonathan Rowe. Mrs Chamberlain hat mich vorübergehend als Gärtner angestellt."

„Verstehe, erwiderte sie und die Runzeln auf ihrer Stirn verschwanden. Dann betrachtete sie Jonathan von oben bis unten und wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Ich bin Mrs Teeter, die Köchin. Ich nehme an, Sie sind auf der Suche nach etwas zu essen?, fragte sie und warf zugleich einen kurzen Blick auf die Uhr. „Das Abendessen ist bereits vorüber, aber ich kann Ihnen ein Brot und Käse anbieten und vielleicht ein bisschen Fleisch."

„Das wäre sehr nett. Vielen Dank, sagte Jonathan mit einer kleinen Verbeugung. „Es fühlt sich an, als seien wir seit einer Ewigkeit unterwegs.

„Wir?", fragte die Frau zurück, als sie eine mit Eis gekühlte Truhe öffnete und eine runde Platte mit Käse hervorholte.

„Meine Freundin und ich. Emma hat hier oben ein Zimmer bezogen."

Bei dem unzufriedenen Gesichtsausdruck, den die Köchin machte, eilte Jonathan ihr entgegen und nahm ihr das Essen ab. „Emma und ich sind zusammen aufgewachsen. Ich bin wie ein Bruder für sie", fügte er erklärend hinzu. So langsam war er es leid, sich immer wieder erklären zu müssen. Doch bisher hatte es geholfen – schließlich war es sehr ungewöhnlich für einen Mann und eine Frau, gemeinsam zu verreisen, ohne verwandt oder verheiratet zu sein.

„Und was führt Sie auf die andere Seite der Welt?", fragte Mrs Teeter, während sie einen Laib Brot und ein großes Messer hervorholte.

„Emma möchte hier … entfernte Verwandte besuchen", erwiderte Jonathan zögerlich.

„Und Sie?", wollte sie wissen und schielte zu ihm herüber.

„Ich begleite sie nur, um dafür zu sorgen, dass ihr nichts zustößt", antwortete er und schenkte der Frau sein schönstes Lächeln. Er freute sich, dass ihre Lippen sich endlich ein wenig nach oben bogen.

„Wie es sich für einen großen Bruder gehört." Die Köchin richtete das Brot und den Käse auf einem Teller an und ging mit einem leisen Stöhnen noch einmal zum Herd, um ein wenig vom Fleisch zu schöpfen. Dann reichte sie Jonathan den Teller und eine Tasse schwarzen Kaffee.

Jonathan traute sich nicht zu sagen, dass er Tee bevorzugen würde. Also unterhielt er sich einfach weiter mit ihr. „Ansonsten habe ich noch geplant, einen alten Freund zu besuchen. Wir haben uns im Lazarett in Frankreich kennengelernt, wo wir uns beide von unseren Verletzungen erholt haben. Dort musste ich ihm versprechen vorbeizukommen, sollte es mich jemals nach Toronto verschlagen." Jonathan hoffte sehr, dass es Reggie gut ging. Er war im Krieg viel schwerer verletzt worden als Jonathan, wurde dann für kampfuntauglich befunden und nach Kanada zurückgeschickt.

Kurz hielt Mrs Teeter inne und sah Jonathan genau an. „Sie haben im Krieg gekämpft?"

„Ja, Madam, erwiderte er, brach ein Stück vom Brot ab und kaute an der hart gewordenen Kruste. „Und gegen Ende hat es mich erwischt. Deshalb habe ich dann die letzten Kriegsmonate im Lazarett verbracht.

„Dann waren Sie also einer der Glücklichen. Die es noch lebend nach Hause geschafft haben, meine ich. Während sie sprach, füllten sich ihre Augen mit Tränen. „Mein armer Neffe hat es nicht geschafft, ergänzte sie und wischte sich mit der Hand Tränen von der Wange.

Jonathan seufzte. „Ihr Verlust tut mir schrecklich leid, Mrs Teeter." Wie oft hatte er diesen Satz nun schon sagen müssen? Und warum fühlte er sich jedes Mal schuldig, dass er noch lebte, andere aber nicht? Das Stück Brot lag ihm schwer in der Kehle und so nahm Jonathan einen Schluck Kaffee, um es herunterzubekommen. Doch jetzt musste er sich sehr zusammenreißen, um sein Gesicht nicht zu verziehen. Wie konnten Menschen nur so etwas trinken?

„Philip war ein guter Junge. Das Goldstück meiner lieben Schwester. Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, wie sie ohne ihn weiterleben soll", erklärte die Köchin mit einem schweren Seufzen.

Jonathan nickte. „Auch ich habe Menschen an den Krieg verloren. Danny, einen guten Freund, und viele Kameraden. Ich kann also ein wenig nachempfinden, wie Sie sich fühlen. Als ich zurück nach Hause kam, musste ich Dannys verwitwete Mutter aufsuchen, um ihr die wenigen persönlichen Gegenstände ihres gefallenen Sohnes zu übergeben. Das war die bisher härteste Aufgabe meines Lebens", gestand er. Und vor seinem inneren Auge sah er erneut die Bilder von Dannys Leichnam, der in ein weißes Tuch gewickelt war. Da nahm er noch einen Schluck dieser schwarzen Flüssigkeit und versuchte, den immer noch vorhandenen Kloß im Hals hinunterzuspülen.

Mrs Teeter ging noch einmal zur Kühltruhe und holte eine andere Platte heraus. Dann schnitt sie ein großes Stück Kuchen ab und brachte es Jonathan. „Jeder Mann, der im Krieg für sein Land gekämpft hat, ist in meinen Augen ein Ehrenmann."

„Danke. Apfelkuchen ist ein Luxus, auf den ich die letzten vier Jahre verzichten musste."

Die Köchin ging an den Herd zurück und rührte weiter im Fleischtopf. „Sagen Sie, bringen Sie viel gärtnerische Erfahrung mit?"

„Ein wenig", antwortete Jonathan vorsichtig.

„Wenn Sie mit dem Essen fertig sind, würde ich Ihnen gern den Gemüsegarten zeigen. Die meisten Samen habe ich schon gesät, aber es wäre mir eine Freude, wenn Sie sich von nun an darum kümmern könnten."

„Natürlich", entgegnete er und spürte, wie er sich endlich wieder entspannte, fast als hätte er eine Art Prüfung bestanden. Wenn das Pflegen des Gemüsebeets ihn zum Freund der Köchin machte und ihn mit gutem Essen versorgte, war er gern bereit, alles Nötige dafür zu lernen.

Vor allem, wenn er dadurch in Emmas Nähe sein konnte.

Kapitel 3

Als Emma ihre Vermieterin über Professor Moore ausgefragt und ihr seine Adresse von einem der Briefe gezeigt hatte, konnte Mrs Chamberlain ihr genau sagen, in welcher Gegend er wohnte und wie man dorthin gelangte.

„Es ist eine sehr wohlhabende Gegend. Dort wohnen vorwiegend Anwälte und Ärzte, hatte sie gesagt. „Ist der Professor ein Verwandter von Ihnen?

„Das ist er, gab Emma mit einem breiten Lächeln zurück, verstaute die Briefe wieder in ihrer Tasche und hoffte, dass Mrs Chamberlain sie nicht weiter ausfragte. „Ich hoffe nur, dass er immer noch in derselben Adresse lebt. Aber das werde ich bald herausfinden.

„Keine Sorge. Eine so bekannte Person wie Randall Moore ist sicherlich nicht schwer ausfindig zu machen."

Nun, als Emma mit Jonathan zusammen auf dem Weg zu dem Haus ihres Vaters

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