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Via Dänemark in die Freiheit: Die Erinnerungen des Fluchthelfers Dietrich Rohrbeck
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eBook232 Seiten1 Stunde

Via Dänemark in die Freiheit: Die Erinnerungen des Fluchthelfers Dietrich Rohrbeck

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Über dieses E-Book

Mehr als drei Jahre verhalf Dietrich Rohrbeck fluchtwilligen Menschen aus der DDR in die Freiheit. Dank seiner engen Verbindung nach Dänemark eröffnete er ganz besondere "Touren" in eine überraschende Richtung und trickste die Stasi-Kontrolleure aus.

16 Kleinkinder führte er wieder mit ihren Eltern zusammen – eine einzigartige Leistung. Er versteckte
Flüchtlinge in einem umgebauten Mercedes und arbeitete mit in Dänemark gefälschten Ausweisen, Visa und Stempeln.

Jetzt erzählt Rohrbeck zum ersten Mal selbst seine Geschichte. Der Herausgeber Sven Felix Kellerhoff hat diese Erinnerungen für die Publikation historisch kommentiert und um weiterführendes Material ergänzt.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum6. Jan. 2021
ISBN9783957237149
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    Buchvorschau

    Via Dänemark in die Freiheit - Sven Felix Kellerhoff

    Kellerhoff

    DIETRICH ROHRBECK

    ERINNERUNGEN

    1961 BIS 1965

    Familienglück – Vibeke und Dietrich Rohrbeck 1961 mit ihrer ersten Tochter Betina

    EIN HEIM

    Am 25. April 1961 hatte meine Frau Vibeke in Dänemark unser Töchterchen Betina zur Welt gebracht. Ich dachte, an jenem Tag könne es kein Elternpaar auf der ganzen Welt geben, das glücklicher und stolzer war als wir. Mein Ziel war es, meine kleine Familie so rasch wie möglich nach Berlin zu holen. Deswegen gab ich mir schon seit längerem alle erdenkliche Mühe, eine Wohnung für uns zu mieten. Doch das war ein schwieriges Unterfangen.

    In den Osterferien hatte ich in Berlin den Fliesenlegermeister Günther Kurtze kennengelernt, der einen eigenen Handwerksbetrieb führte. Nun fragte er mich, wann ich denn Frau und Kind nachholen würde, und ich erzählte ihm von meinen Schwierigkeiten, eine geeignete Wohnung zu finden. Kurtze antworte mir, er habe in der Neuen Straße 12 in Zehlendorf ein Mehrfamilienhaus gekauft; es bestehe die Möglichkeit, das Dachgeschoss auszubauen; die Treppe sei bereits bis oben hin vorbereitet. Wenn es mir gelinge, als Baustudent ohne Kosten für ihn Zeichnungen zu erstellen und die notwendigen Genehmigungen zu bekommen, dann könne er den Ausbau nach meinen Wünschen machen und die fertige Wohnung günstig an mich vermieten. Ich war begeistert.

    Ich schaute mir das Dachgeschoss an, nahm das Aufmaß und machte mich mit Feuereifer an die Planung. Die Wohnung sollte 85 Quadratmeter groß werden und aus zwei Zimmern, einer Wohnküche und dem Bad bestehen. Dazu sollte eine 28 Quadratmeter große Dachterrasse auf einem angrenzenden Flachdach kommen. Ich füllte den Bauantrag entsprechend aus, und zu meiner großen Freude wurde der Ausbau dem Bauherrn genauso wie geplant genehmigt. Die Bauarbeiten begannen Ende Mai 1961; einziehen sollten wir zum 1. September.

    Aus dem Album der stolzen Eltern – Vibeke Rohrbeck beim Füttern von Betina

    Doch gut zwei Wochen vorher, am Sonntag, dem 13. August 1961, begann die DDR mit dem Bau der Mauer.¹ Von heute auf morgen lebten die Menschen in West-Berlin wie auf einer Insel. Wer sich am 12. August nicht im Westen aufgehalten hatte, saß nun im Osten hinter der rapide ausgebauten Grenze fest. Das bis dahin übliche Berufspendeln von Ost- nach West-Berlin fand ein jähes Ende. Und genauso wäre es beinahe auch mit dem weiteren Ausbau unserer Wohnung geschehen. Denn Franz Schmidt, der zuständige Mitarbeiter von Meister Kurtze, gehörte zu den zehntausenden Pendlern, die bis zum 12. August täglich mit der S-Bahn aus dem Ostteil der Stadt in den Westteil zur Arbeit gefahren waren.² Er spielte beim Ausbau der von mir entworfenen Dachgeschosswohnung eine tragende Rolle. Denn Schmidt war zwar gelernter Maurer, konnte aber einfach jede handwerkliche Tätigkeit verrichten. Als echter Allrounder war er von unschätzbarem Wert für uns.

    Schärfere Gangart – Propagandaplakat gegen Grenzgänger von Anfang August 1961

    Zum Glück hatte er irgendwie wohl gespürt, was die DDR-Regierung vorhatte, und war am Abend vor der Grenzsperrung mit seiner Frau Erika und dem gemeinsamen kleinen Sohn Harry gerade noch rechtzeitig in den Westen herübergekommen.³ Nun brauchte seine Familie ein Dach über dem Kopf. Selbstverständlich boten wir den drei Schmidts erst einmal in unserer künftigen Wohnung Unterschlupf. Abgesehen von wenigen Restarbeiten war sie schon nahezu bezugsfertig. Doch da Franz und Erika weder Möbel noch sonst irgendetwas aus der DDR hatten mitbringen können, mussten sie die erste Nacht auf dem Fußboden schlafen. Schon am nächsten Tag ließ ich unser neues Doppelbett aus Birkenholz einschließlich Matratzen und Keilkissen in die Wohnung bringen. Außerdem sammelte ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis diverse Sachspenden für die Schmidts, sodass sich nach und nach auch für sie wieder ein wenig Normalität einstellen konnte.

    Tagsüber arbeitete Franz Schmidt weiter mit Hochdruck an der Wohnung. Doch auch wenn sie inzwischen bezugsfertig war, konnten Vibeke, Betina und ich sie noch nicht nutzen. Schmidt hatte zwar von Günther Kurtze eine andere Wohnung im selben Haus gemietet, die aber noch umgebaut und modernisiert werden musste. Natürlich wohnte Familie Schmidt bis dahin in »unserem« Dachgeschoss.

    Mitte September war es dann endlich so weit: Wir konnten einziehen. Unsere Wohnung wirkte durch die Dachschrägen deutlich größer als 85 Quadratmeter; große sichtbare Holzstützen und Tragbalken im Wohnbereich machten die Räume urgemütlich. Die große Küche diente zugleich als Esszimmer, das Bad hatte sowohl Badewanne als auch Dusche. Auch das Schlafzimmer war sehr großzügig. Und auf der großen Dachterrasse gab es fließend kaltes und warmes Wasser – so konnten wir im Sommer sogar draußen duschen. Für die Zeit war es eine richtige Luxuswohnung. Entsprechend wohl fühlten wir uns. Und das Beste: Die Warmmiete betrug gerade einmal 180 DM; dazu kamen noch die Stromkosten. Alles in allem ein lächerlicher Betrag für so viel Komfort.

    Meine Schwiegereltern in Dänemark sahen das alles freilich ganz anders: Sie waren sehr beunruhigt, dass die Familie ihrer Tochter in West-Berlin lebte. Sie fanden das einfach nur gefährlich angesichts der Horrornachrichten, die ihnen das dänische Fernsehen präsentierte. Sie riefen fast jeden Tag an und baten uns inständig, dauerhaft nach Dänemark zu ziehen. Doch dafür sahen wir keinen Anlass: Wir wohnten ja weit ab von der Mauer, hatten unseren Alltag und absolut keine Bedenken zu bleiben. Außerdem steckte ich noch mitten im Architekturstudium. Und überhaupt fühlten wir drei uns in West-Berlin pudelwohl.

    1Vgl. Arnold / Kellerhoff: Unterirdisch in die Freiheit, S. 9–23 sowie https://www.welt.de/kultur/history/article13528790/Berlin-Pullach-Air-Force-One-Das-Mauerprotokoll.html u. https://www.welt.de/geschichte/geschichten/article180948244/ Aus-dem-Bundesarchiv-Minute-fuer-Minute-So-entstand-die-Berliner-Mauer.html.

    2Anfang August 1961 arbeiteten schätzungsweise 60.000 Ost-Berliner und Bewohner des unmittelbaren Umlandes West-Berlins in den drei westlichen Sektoren der Stadt; umgekehrt hatten nur etwa 13.000 West-Berliner ihren Arbeitsplatz im Osten, davon jeder zweite bei der Reichsbahn, die alle ehemals nationalen Bahnanlagen einschließlich der S-Bahn in den westlichen Bezirken betrieb, nicht jedoch die U-Bahn, die zum städtischen Eigenbetrieb BVG gehörte. Diese sogenannten Grenzgänger standen seit 1952 unter ständiger Kritik der DDR-Behörden und mussten Schikanen hinnehmen. Auf diese Weise sollten sie gedrängt werden, ihre Arbeitsplätze in West-Berlin »freiwillig« aufzugeben. Im Sommer 1961 verschärfte sich die Gangart gegen die Grenzgänger noch einmal erheblich. SED-Zeitungen beschimpften sie als »Verräter« und »Spekulanten«. Wer im Ostteil der Stadt lebte und im Westen arbeitete, was den ostdeutschen Behörden bei ordnungsgemäßer Anmeldung bekannt war, durfte fortan bestimmte Waren in der DDR nicht mehr kaufen. Außerdem mussten Betroffene und ihre Familien ab dem 1. August 1961 die Miete und alle öffentlichen Gebühren in DM West bezahlen. Das erhöhte den Druck auf Grenzgänger, in den Westen zu flüchten, im Sommer 1961 erheblich. Hatten sich im Juni 1961 noch 19.198 DDR-Bürger im West-Berliner Notaufnahmelager Marienfelde gemeldet, so waren es im Juli bereits 30.444 und allein bis zum Abend des 12. August 1961 erneut etwa 13.500. Vgl. Der Tagesspiegel v. 2. August 1961 u. Roggenbuch: Das Grenzgänger-Problem, S. 298–315 u. S. 336–384.

    3Zwei Tage vor dem Mauerbau hatte die Berliner Morgenpost weitsichtig getitelt: »SED will Fluchtwege versperren. Vor dem Höhepunkt des Terrors?« Obwohl diese Schlagzeile hunderttausendfach gelesen wurde, kam der Vollzug für praktisch alle Deutschen überraschend; man hatte sich so eine Maßnahme einfach nicht vorstellen können. Vgl. Berliner Morgenpost v. 11. August 1961 u. https://www.morgenpost.de/printarchiv/berlin/articlel05063860/Der-BND-gibt-Akten-zum-Mauerbau-1961-frei.html.

    Bekenntnis zu West-Berlin – WELT-Artikel über die Grüne Woche von Anfang Februar 1962

    EIN AUFTRAG

    Im Frühjahr 1962 fand die erste »Grüne Woche« nach dem Mauerbau statt. Sie erhielt erstmals den Namen »Internationale Grüne Woche Berlin« und stand unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Heinrich Lübke. Insgesamt etwa fünfzig ausländische Aussteller aus sieben Ländern Westeuropas sowie den USA, Kanada, Israel, Marokko und Libanon waren dabei.⁴ Über 438.000 Besucher tranken 100.000 Schoppen Wein, aßen 300.000 »Groschenäpfel« und stärkten sich an 65.000 Portionen Joghurt.⁵ Die Messe war ein voller Erfolg. Zum Marketing der »Grünen Woche« gehörten die »Karolinemädchen«: In der dänischen Milch-, Butter- und Käsewerbung gab es Kühe, die in weiß-rot-karierten Schürzen auf einer Weide unterwegs waren. Genauso waren die Kellnerinnen am dänischen Stand ausstaffiert, während sie die Berliner auf der Ausstellung bewirteten.

    Auch unsere kleine Familie kam in jenem Frühjahr 1962 zu ganz besonderen Ehren. Irgendwie hatte ein Reporter erfahren, dass in Zehlendorf eine Dänin mit Kleinkind und ihrem deutschen Mann lebte. Das war für die Redaktion interessant genug, einen Artikel mit Foto zu bringen, der das junge Familienglück in der Großstadt aus der Sicht einer dänischen Mutter schilderte. Wenige Tage nach Erscheinen dieses Artikels klingelten zwei Herren an unserer Wohnungstür und wollten mich sprechen. Einer von ihnen war Amerikaner, wie man an seinem breiten Akzent leicht erkennen konnte. Der andere stellte sich als »Herr Mertens« vor, war Deutscher und – wie ich später erfahren sollte – Mitarbeiter beim Landesamt für Verfassungsschutz.⁶ Sie regten an, ob wir nicht in ein Restaurant in der Potsdamer Chaussee gehen könnten – sie müssten unter sechs Augen mit mir reden. Meine Frau hörte das, bot an, Kaffee zu kochen und dann mit Betina spazieren zu gehen, damit wir ungestört seien. Die beiden Herren nahmen Vibekes Angebot gern an.

    Als wir unter uns waren, erfuhr ich den Grund für den Besuch der beiden Herren: die Weltjugendspiele in Helsinki.⁷ »Mertens« hatte erfahren, dass einige Teilnehmer aus der DDR, die bei dem Treffen vom 29. Juli bis 6. August 1962 mit dabei sein durften, die Gelegenheit zur Flucht nutzen wollten. Nun brauchte man einen Vertrauensmann vor Ort, der die ostdeutschen Jugendgruppen diskret beobachtete und der, falls es zu Zwischenfällen mit Aufpassern oder Bonzen von der SED käme, zum Schutz der jungen Leute resolut einschreiten könne. Dazu hatten sie mich auserkoren.

    Politisches Spektakel – Sondermarken der DDR-Post anlässlich der Weltjugendfestspiele 1962

    In Helsinki sollte ich mit einem Team des NDR unterwegs sein. Unsere Aufgabe: die Musik der verschiedenen Folkloregruppen aufnehmen. Anschließend sollten wir noch einen Abstecher nach Lahti machen, die achtgrößte Stadt Finnlands, rund hundert Kilometer nördlich von Helsinki. Dort würden wir die Folklore-Musik der Samen aufnehmen, auch bekannt als Lappen. Zu Beginn unserer Reise würde ich einige Tage im Hotel Kinski wohnen, um mich mit der Stadt vertraut zu machen. Anschließend sollte ich privat bei einem Radioreporter unterkommen.

    Ein wenig verblüffte mich, dass ich für diesen Job ausgewählt worden war. Die Begründung lautete, ich spräche ja skandinavische Sprachen. Allerdings beherrschte ich außer Deutsch nur ein bisschen Englisch und durch Vibeke konnte ich ein paar Brocken Dänisch. Mit Finnisch jedoch, das zu einer völlig anderen Sprachfamilie gehört, hatte ich noch nie Berührung gehabt. Doch egal – der Auftrag hörte sich spannend an, die Kosten übernahmen die Auftraggeber, und zusätzlich sollte ich zwei volle Monate Lohn erhalten. Und das Allerbeste: Die Rückreise würde über Stockholm führen, und ich dürfte dort eine Woche die Stadt erkunden. Auch das sollte bezahlt werden, einschließlich der Hotelkosten. Für mich könnten das höchst aufregende Semesterferien werden, die mich nicht eine müde Mark kosten sollten.

    Als meine Frau mit Betina zurückkam, wollte ich ihr gleich von dem Anliegen der beiden Besucher erzählen. Wir zogen uns für einen Moment ins Schlafzimmer zurück, und ich berichtete Vibeke flüsternd von dem Angebot der Besucher. Es brauchte keine Überredungskunst, um sie von dem Vorhaben zu überzeugen. Zwar hätte sie die anstehenden Semesterferien lieber mit mir verbracht, doch das Geld, das ich bei dem unverhofften Auftrag verdienen sollte, konnten wir gut gebrauchen. Sie würde dann eben mit Betina zu ihren Eltern nach Dänemark fahren. Und natürlich verstand Vibeke, dass mich die überraschend angebotene Reise nach Finnland und Schweden

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