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Killer-Zimmer: Krimi Koffer mit 1300 Seiten

Killer-Zimmer: Krimi Koffer mit 1300 Seiten

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Killer-Zimmer: Krimi Koffer mit 1300 Seiten

Länge:
1,613 Seiten
19 Stunden
Freigegeben:
Jan 17, 2021
ISBN:
9781393575337
Format:
Buch

Beschreibung

Killer-Zimmer: Krimi Koffer mit 1300 Seiten

von Alfred Bekker, Theodor Horschelt, Horst Bieber, W.A.Hary

 

Über dieses Buch:

 

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

 

 

 

Theodor Horschelt: Der Gast von Zimmer 13

Alfred Bekker/W.A.Hary: Treffpunkt Hölle

Alfred Bekker: Kubinke und der verschwundene Flüchtling

Alfred Bekker: Kubinke und der eiskalte Tod

Horst Bieber: Was bleibt, ist das Verbrechen

Horst Bieber: Moosgrundmorde

Horst Bieber: Nachts sind alle Männer grau

Alfred Bekker: In der Tiefe verborgen

 

 

Die beiden BKA-Ermittler Harry Kubinke und Rudi Meier hat es aus der Hauptstadt in die sächsische Provinz verschlagen. Der Mord an einem Kollegen muss aufgeklärt werden. Die Liste der Tatverdächtigen ist lang. Und die örtliche Polizei ist leider keine Hilfe. Hat der verschwundene Flüchtling mit dem Mord zu tun?

Freigegeben:
Jan 17, 2021
ISBN:
9781393575337
Format:
Buch

Über den Autor

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.


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Killer-Zimmer - Alfred Bekker

Killer-Zimmer: Krimi Koffer mit 1300 Seiten

von Alfred Bekker, Theodor Horschelt, Horst Bieber, W.A.Hary

Über dieses Buch:

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

––––––––

Theodor Horschelt: Der Gast von Zimmer 13

Alfred Bekker/W.A.Hary: Treffpunkt Hölle

Alfred Bekker: Kubinke und der verschwundene Flüchtling

Alfred Bekker: Kubinke und der eiskalte Tod

Horst Bieber: Was bleibt, ist das Verbrechen

Horst Bieber: Moosgrundmorde

Horst Bieber: Nachts sind alle Männer grau

Alfred Bekker: In der Tiefe verborgen

––––––––

Die beiden BKA-Ermittler Harry Kubinke und Rudi Meier hat es aus der Hauptstadt in die sächsische Provinz verschlagen. Der Mord an einem Kollegen muss aufgeklärt werden. Die Liste der Tatverdächtigen ist lang. Und die örtliche Polizei ist leider keine Hilfe. Hat der verschwundene Flüchtling mit dem Mord zu tun?

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Alles rund um Belletristik!

Der Gast von Zimmer 13

Der Gast von Zimmer 13

Krimi von Theodor Horschelt

Der Umfang dieses Buchs entspricht 142 Taschenbuchseiten.

Es gehört nicht gerade zu den angenehmsten Dingen, wenn einen das Wetter zwingt, seine Reise irgendwo zu unterbrechen. Aber in England kann einem das bei dem sprichwörtlichen tückischen Nebel schon einmal passieren.

Major Twist macht also aus der Not eine Tugend, fährt von seinem vorgesehenen Weg kurz ab und landet bald vor einem — so will es jedenfalls scheinen — gemütlichen kleinen Hotel.

Und wie sich bald herausstellt, hat sich hier eine interessante Gesellschaft versammelt. Das geht jedenfalls aus dem Gästebuch des Hauses für den ehemaligen Major sehr deutlich hervor. Aber dass sich aus dieser interessanten Gesellschaft auch ebenso interessante „Tatbestände" ergeben würden, das konnte noch niemand ahnen ...

Vor allen Dingen ist es der Gast von Zimmer 13, der hier bald im Mittelpunkt des Geschehens steht, eines turbulenten Geschehens, das es in sich hat, und erheblich weite Kreise zieht.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1. Kapitel

Kurz vor fünf Uhr nachmittags gab Twist endgültig die Hoffnung auf, nach Glasgow weiterfahren zu können. Der Nebel wurde dichter und dichter, von Sicht konnte überhaupt nicht mehr die Rede sein. Seldwyn Twist begann, sich ernsthaft nach einer Bleibe umzusehen.

Das Schild: „Little Soul's Joy — Komfortzimmer — Ia Küche — Bar", kam ihm wie gerufen. Er brauchte nur links abzubiegen und in sanftem Bogen zu einem asphaltierten Parkplatz zu fahren, wo nicht ein einziger Wagen stand. Twist stieg aus, schlug die Tür zu und blieb einen Augenblick stehen, um seine Glieder zu dehnen und zu strecken. Dann schlenderte er langsam zu dem Rasthaus hinüber.

Twist betrat die Halle, die einen völlig verlassenen Eindruck machte. Zögernd ging er zur Anmeldung weiter, wo sich eine üppige junge Frau, die lesend vor dem Klappenschrank gesessen hatte, eben erhob und neugierig an die Barriere trat.

Als sie ihr Gesicht hob und Twist verwundert anstarrte, sah er, dass auf ihrer Haut Sommersprossen kaum mehr Platz fanden. Trotzdem wirkte sie irgendwie hübsch.

„Guten Tag!, sagte Twist. „Ich suche ein Zimmer — Sie haben doch sicherlich etwas frei?

Die junge Frau — Twist schätzte sie auf etwa dreißig — gab den Gruß befangen zurück und erwiderte, gewiss sei etwas frei, er könne Nummer 10, 12 oder Nummer 14 haben, die alle gleich eingerichtet seien.

„Ich bin Berenice Lowell, die Wirtin, fügte sie stolz hinzu. „Wir haben das 'Litte Soul's Joy' erst vor zwei Jahren übernommen und zum Motel umgebaut. Die Zimmer liegen alle in der ersten Etage, und unter jedem Zimmer befindet sich die dazugehörige Garage. Wollen Sie sich vielleicht gleich einschreiben, Sir? Sie schob dem neuen Gast auffordernd das dicke Buch hin, und dieser machte groß und deutlich seine Eintragung: Oliver Seldwyn Twist, Major a. D., geboren am 14.9.1921 in London, London CI, 14 Cleopatra’s Gardens.

Mrs. Lowells Blick glitt bewundernd über Twists hochgewachsene, männlich elegante Erscheinung und blieb an dem aristokratisch schmalen Gesicht haften, über dem sich dunkelblondes, an den Schläfen bereits ergrautes Haar wölbte.

„Sie heißen genau wie der Titelheld des berühmten Dickens-Romans, Sir", sagte sie lächelnd.

„Nicht genauso", korrigierte Twist ärgerlich und dachte, was er schon oft in seinem Leben gedacht hatte: Welcher Teufel mag bloß meinen Vater geritten haben, mir den Vornamen Oliver zu geben?

Mrs. Lowell nahm einen Schlüssel vom Hakenbrett und schlüpfte aus der Anmeldung. „Bitte mir zu folgen, Sir — mein Mann kann nachher Ihr Gepäck besorgen. Personal ist hier leider mehr als knapp."

Damit sagte sie Twist nichts Neues.

Die erste und einzige obere Etage des Motels war nur über die in der Halle mündende teppichbelegte Treppe zu erreichen. Zimmer 14 war der letzte Raum am Ende des Ganges und übertraf Twists Erwartungen bei Weitem. Alles machte einen guten, gediegenen Eindruck. Das große Fenster eröffnete den Ausblick auf einen großen Park mit altem Buchenbestand. Eine sauber gekachelte Duschecke war durch einen Plastikvorhang wasserdicht abgeteilt.

„Schön, ich bin einverstanden, sagte Twist. Er griff in die Tasche und übergab Mrs. Lowell die Wagenschlüssel. „Hier, bitte, Ihr Mann kann den Daimler in die Garage fahren und nachher gleich mein Gepäck mit heraufbringen!

Er begleitete Mrs. Lowell in die Halle hinunter, wo einige Tische und Ledersessel standen, und näherte sich dem zweiten Tisch, weil er auf diesem ein Exemplar der „Times" entdeckt hatte.

Als er sich setzte, fiel sein Blick auf eine junge Dame, die am Nachbartisch saß. Sie las in einem illustrierten Journal und wippte dabei nervös mit ihrem rechten Fuß auf und ab. Ihr blondes Haar reichte fast bis zu den Schultern und hatte die Farbe gesponnenen Goldes.

Twist sah erstaunt auf und meinte: „Die Welt ist doch wirklich und wahrhaftig ein Dorf! Susan — Sie hätte ich hier bestimmt nicht zu treffen erwartet."

„Captain Twist ...? Du meine Güte, ist das eine Überraschung!"

Twist erhob sich rasch, ging zu ihr hinüber und reichte ihr die Hand. „Was hat denn Sie hierher verschlagen?"

Susan deutete mit einem Kopfnicken auf den Sessel ihr gegenüber. „Nehmen Sie doch Platz, Captain!"

Twist gehorchte nur zu gern. „Schon lange Major, stellte er richtig, „aber leider außer Dienst.

„So, hat man Sie also auch entlassen?, meinte Susan erschrocken. „Nun, es mag Sie schwer getroffen haben — aber nicht so schwer wie Tausende Ihrer Standesgenossen, denn Sie sind reich ... Oh — Verzeihung, das ist mir eben so herausgerutscht ...

„Macht nichts, Susan, macht nichts, Twist wehrte lächelnd ab. „Wie geht es Ihrem Vater, meinem verehrten väterlichen Freund?

Eine warme Woge überflutete Twists Herz. Der spätere Colonel Auston war im Zweiten Weltkrieg sein Vorgesetzter gewesen, und eine enge, nur durch den Rangunterschied distanzierte Männerfreundschaft hatte die beiden Offiziere verbunden. Twist hatte Susan Auston als einen entzückenden sechzehnjährigen Backfisch in Erinnerung, für den sein Herz schon immer warm geschlagen hatte — später hatte man einander aus den Augen verloren; umso erstaunlicher war dieses unvermutete Zusammentreffen nach neun Jahren.

Susan zuckte etwas verlegen die Achseln. „Pa ist pensioniert worden, wie Sie vermutlich wissen — Seldwyn ... ich darf Sie doch sicher noch Seldwyn nennen?"

„Welche Frage, Susan!"

„... aber wie es ihm geht, kann ich Ihnen nicht sagen, denn ich habe ihn seit vier Jahren nicht mehr gesehen. Meine Familie will nichts mehr von mir wissen ... nur Mutter schreibt mir ab und zu — aber heimlich ..."

Twist übersah die flammende Röte auf dem Gesicht des hübschen Mädchens diskret und wechselte gewandt das Thema.

„Wie Sie vorhin schon richtig bemerkten, Susan, ich war nie vom Gehalt abhängig, das hat zwar sein Gutes, hat mich aber andererseits daran gehindert, in dem Jahr, das nun seit meiner Entlassung vergangen ist, nach einer vernünftigen Männerbeschäftigung Umschau zu halten. Ich bin ein echter Reiseonkel geworden. Ich war gerade unterwegs nach Glasgow, um meinen Onkel Christopher zu besuchen, als mich der Nebel überraschte und mich dazu zwang, hier Station zu machen. Vorhin noch habe ich mich schrecklich darüber geärgert, aber jetzt segne ich den Zufall, der uns zusammengeführt hat. Sind Sie allein hier?"

Susan zögerte sekundenlang, ehe sie bejahte. „Ich arbeite seit einem knappen Jahr in London als Sekretärin in einer chemischen Fabrik."

Twist war überrascht.

„Sie brauchen sich gar nicht so verwundert zu geben, lieber Seldwyn, als ich vor vier Jahren mein Elternhaus verließ, wurde ich ausgezahlt — das Geld ist inzwischen längst verbraucht. Selbstverständlich würde mich Vater wieder aufnehmen — aber ich denke einfach gar nicht daran, zu Kreuze zu kriechen, wenn ich auch heute einsehe, dass er recht hatte und dass ich alles falsch gemacht habe ..."

Twist nahm behutsam ihre rechte Hand und sah sie fest an. „Sie sind ein erwachsener und selbständiger Mensch, Susan. Ich weiß nicht, was mit Ihnen los ist, und ich habe auch kein Recht, mich in Ihr Vertrauen zu drängen, aber wenn Sie je einen Freund brauchen, der bedingungslos und bis zum letzten für Sie eintritt, dann wissen Sie hoffentlich, wo Sie ihn zu suchen haben. Das ist keine Phrase."

Susan sah ihn voll an. „Ja, ich weiß, dass das keine Phrase ist, Seldwyn ..., sie errötete über und über — und ich freue mich wirklich aufrichtig, Sie hier getroffen zu haben, nein, ich bin sogar glücklich, aber ... Sie verstummte erschrocken.

Eben war ein hochgewachsener Mann in einem eleganten Tweedanzug durch die Drehtür eingetreten und hatte sich angeschickt, zu Susan an den Tisch zu kommen. Als er sah, dass sie nicht allein war, blieb er verblüfft stehen und fixierte sie drohend.

Sekundenlang konnte Twist ein leichtsinniges, dämonisch schönes, brutales Gesicht sehen, ehe sich der Fremde abwandte und pfeifend, die Hände tief in den Taschen vergraben, an der Treppe vorbei zum Speisesaal schritt.

„Einer der Feiertagsgäste", stotterte Susan hilflos.

Das Auftauchen einer weiteren bemerkenswerten Erscheinung erlöste sie aus ihrer Verlegenheit. Ein mittelgroßer, schwarzhaariger Mann, dessen zierliche Figur auch der kostbare Gehpelz nicht entstellen konnte, kam vorsichtig die Treppe herunter. Er mochte etwa fünfundfünfzig Jahre alt sein und hatte ein schmales, kluges Gesicht mit regelmäßigen Zügen, dunklen Augen und einer wahren Habichtsnase. Wie Pergament spannte sich schmutzig graue Haut über die Knochen — er machte einen leidenden Eindruck.

Sich schwer auf einen Stock stützend, wollte er mit knappem Kopfnicken an Susans Tisch vorbeigehen, blieb aber stehen, als er von links angerufen wurde. Er wandte sich langsam um, seine buschigen Augenbrauen zogen sich ärgerlich zusammen.

Eine nicht mehr ganz junge, aber zweifellos bildschöne Frau in langen Flanellhosen und derbem Pullover schritt elastisch auf ihn zu, blieb dicht vor ihm stehen und legte ihm sanft die rechte Hand auf die Schulter.

„Wohin so eilig, lieber Freund?, fragte sie mit blitzenden Augen. „Oder suchen Sie etwa die Einsamkeit?

„Jetzt nicht mehr, Anneclaire, wurde ihr verbindlich erwidert. Es klang wie ein Kompliment, obwohl dem Mann im Pelz die Begegnung nicht angenehm war. „Kommen Sie, begleiten Sie mich — sofern Sie Ihre kostbare Zeit einem alten Mann opfern wollen.

„Interessante Gäste, sagte Twist, nachdem sich die beiden entfernt halten, und Susan griff das Stichwort begierig auf. „Das kann man wohl behaupten, Seldwyn! Siki Bagdasarian — übrigens ein Georgier, der schon ein Menschenalter in London lebt — ist in der Tat eine bemerkenswerte Erscheinung und seine australische Freundin ist es nicht minder.

„Sie ist eine bildschöne Frau und könnte manche zwanzig Jahre Jüngere ausstechen, stimmte Twist zu. Er beugte sich vor. „Die Dame ist Australierin?

„Man sagt so. Susan zuckte die Achseln. „Anneclaire Racklin ist Journalistin und soll drüben, im fünften Kontinent, in ihrem Beruf eine dicke Nummer sein ...

„Ich bitte vielmals um Entschuldigung, wenn ich störe, Miss Auston ...!"

Twist sah erstaunt auf. Eine dicke, aufgedonnerte Person war vor Susan stehen geblieben. Als sie die Hand hob, funkelten kostbare Ringe an ihren kurzen Fingern.

„Haben Sie zufällig Mr. Bagdasarian gesehen?"

„Oh, Mrs. Bendix! Susan lächelte gefroren liebenswürdig. „Mr. Bagdasarian und Miss Racklin sind eben gemeinsam ins Freie gegangen, um etwas Luft zu schnappen ...

„Aber das ist doch ...!" Mrs. Bendix seufzte ärgerlich, wandte sich, ohne sich zu bedanken, ab und stürmte den beiden nach.

Susan erklärte: „Sie stammt von ganz unten — sie ist Amerikanerin — sie ist heute reich — sie ist Witwe — das sagt wohl alles."

„Was ich Sie schon vorhin fragen wollte, fuhr sie etwas gedrückt fort. „Haben Sie die Absicht, lange hier zu bleiben?

„Nein, auf keinen Fall. Wenn sich der Nebel bis morgen früh einigermaßen verzogen hat, fahre ich schnellstens nach Glasgow weiter. Es sei denn ... — Twist zögerte sekundenlang — „Sie würden meine Anwesenheit und meinen Beistand nötig haben. In diesem Fall bleibe ich, so lange Sie wollen, denn ich bin Herr meiner Zeit.

„Ich weiß, dass Ihr Vorschlag ernst gemeint ist, Seldwyn! Unter Umständen nehme ich ihn an — das wird sich bald entscheiden — aber nicht so, dass Sie hier bleiben müssen — ich möchte Sie vielmehr bitten, mich mitzunehmen — irgendwohin ..."

„Sie können ganz über mich verfügen, Susan", sagte Twist weich und haschte nach ihrer rechten Hand, die sie ihm ein paar Herzschläge lang überließ, aber dann — noch mehr errötend — schnell zurückzog.

Mit raschen Bewegungen betrat ein kleiner dicklicher Mann, der etwa in Twists Alter stehen mochte, die Halle. Er rieb sich die Hände und pustete hinein, ehe er freundlich sagte: „Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Ein neuer Gast in 'Little Soul's Joy' — und unsere unnahbare Miss Auston in vertraulichem Gespräch mit ihm!"

„Mr. Twist ist ein alter Freund meiner Familie, erklärte Susan vergnügt. Sie machte eine vorstellende Geste. „Mr. Rocca — Mr. Twist.

Twist hatte sich höflich erhoben und reichte Rocca die Hand.

Dieser verbeugte sich tief, machte noch einige launige Bemerkungen und verschwand dann im Hintergrund.

„Jetzt hab ich's aber satt, hier mit Ihnen gewissermaßen auf dem Präsentierteller zu sitzen!, rief Susan mit blitzenden Augen. Sie sah Twist mit einer wahren Verschwörermiene an. „Ich habe eine Idee. Ich werde Mrs. Lowell bitten, uns den Fünf-Uhr-Tee auf meinem Zimmer zu servieren, und dort können wir nach Herzenslust — und vor allen Dingen völlig ungestört — von alten Zeiten plaudern ...

*

Erst gegen neunzehn Uhr kehrte Twist mit sehr zwiespältigen Gefühlen auf sein Zimmer zurück. Während der gemütlichen Teestunde war Susan wie in alten Zeiten ganz aus sich herausgegangen und hatte lebhaft und temperamentvoll geplaudert, aber mit keinem Wort die Dinge erwähnt, die auf ihr lasteten, und Twist war zu taktvoll gewesen, sie direkt zu fragen. Es sah fast so aus, als gebe es zwischen Susans Schwierigkeiten, denn in solchen steckte sie zweifellos, und dem hübschen jungen Teufel, den Twist kurz in der Halle gesehen hatte, eine Verbindung.

Twist fasste den spontanen Entschluss, sich einmal die Gästeliste anzusehen, um zu versuchen, auf diese Weise etwas in Erfahrung zu bringen.

Als er die Tür hinter sich ins Schloss zog, kam eben der eindrucksvolle Georgier über den Gang. Er hatte inzwischen seinen Gehpelz abgelegt und verriet durch seinen meisterhaft geschneiderten, gedeckten Anzug den vermögenden Mann, wirkte aber rührend gebrechlich und hinfällig.

Twist grüßte durch ein höfliches Kopfnicken. Bagdasarian gab den Gruß ebenso höflich zurück und verschwand in Zimmer 13, das offenbar nicht abgesperrt gewesen war.

Twist erreichte über die Treppe das Parterre. In der Halle hörte Twist die Stimmen zweier Männer, die unterdrückt miteinander zu streiten schienen. Im Näherkommen konnte er einzelne Sätze verstehen. Die Stimme des Hotelbesitzers sagte gerade etwas grollend: „Jeder Fremde hat das Recht, hier zu wohnen, sofern er sich nur anständig benimmt und genügend Geld in der Tasche hat, seine Rechnung zu bezahlen."

„Du redest Unsinn, James!, erwiderte ein herrischer Bass mit kaum merklichem Akzent. „Ich dachte, mich rühre der Schlag, als ich vorgestern morgen Shapiro und dieser Bendix begegnete. Was diese beiden hier wollen, ist dir doch so klar wie mir! Wozu sonst, meinst du, habe ich die Besprechungen hierher verlegt, als zu dem Zweck, völlig unbeobachtet zu sein?

„Tut mir schrecklich leid, erklärte Lowell. „Shapiro und Mrs. Bendix kamen am späten Abend knapp nacheinander an; Berenice gab ihnen Zimmer — denn sie hat ja keine Ahnung — und schon war das Unglück geschehen!

„Du hättest sie eben vorgestern Morgen wieder hinauskomplimentieren sollen."

„Wie denn, Otello, du Phantast? Meinst du, ich hätte Lust, besonderen Verdacht zu erwecken?"

„Und ich hätte gute Lust, dir links und rechts ...!"

„Oho! Lowell erhob die Stimme. „So weit sind wir denn doch noch nicht!

Der andere brach die Unterredung ärgerlich ab, als Twist aufkreuzte.

„Was darf es sein, Mister Twist?", fragte der Hotelbesitzer ausgesprochen verlegen. Er mochte sich fragen, wie viel Twist von dem Streit mitbekommen habe.

„Darf ich einen kurzen Blick in das Gästebuch werfen?", fragte Twist höflich.

„Aber selbstverständlich, Sir, bitte, nehmen Sie Platz!"

Twist setzte sich an den Tisch vor dem Klappenschrank und schlug das Buch auf, um sich die Zimmerbelegungsliste anzusehen:

Nummer 1: Otello Zurlini, Großhändler, London.

Das wäre also der aufgeregte Gimpel, überlegte Twist, der gegen die Anwesenheit anderer Gäste etwas einzuwenden hat ...

Nummer 3: Susan Auston, Sekretärin, London.

Nummer 5: Antonio Rocca, Bankbeamter, Liverpool.

Twist erinnerte sich an den gemütlichen dicken Biedermann und schmunzelte leise.

Nummer 7: Marlin Boole, Glasgow.

Nummer 9 und 11 erwiesen sich als unbelegt.

Bei Nummer 13 war Siki Bagdasarian, Großkaufmann, London, angegeben. Twist wandte seufzend seine Aufmerksamkeit den geraden Nummern zu:

Nummer 2: Willie Edgeland, Reiseschriftsteller, Stranraer (Wigtwonshire).

Nummer 4: Anneclaire Racklin, Journalistin, Perth, Australien.

Nummer 6: Joey Sarketh, Pferdetrainer, Edinburgh.

Nummer 8: J. Sturgess Shapiro, Agent, Leeds.

Nummer 10: Louella Bendix, Witwe, New York.

Nummer 12 war wiederum unbelegt, und bei Nummer 14 waren Twists eigene Personalangaben eingetragen. Der Major schob das Buch zurück und erhob sich. Von den Genannten kannte er von Angesicht und mit Namen Zurlini, Susan Auston, Antonio Rocca, Siki Bagdasarian, Anneclaire Racklin und Louella Bendix.

Demnach musste der schöne junge Teufel Martin Boole, Willie Edgeland oder Joey Sarketh heißen.

Während des Abendessens erfuhr Twist, dass Martin Boole der junge Teufel war.

Die elf Personen, die um den Tisch saßen, bildeten alles andere als eine glückliche Familie. Anneclaire Racklin plauderte mit Bagdasarian über ihre letzte Normandiereise. Zurlini und Sarketh flüsterten unablässig miteinander. Einmal ertappte Twist, als er zufällig aufsah, Zurlini dabei, wie er dem Bankbeamten einen mehr als bösen, fast schon gemeinen Blick zu warf.

Nanu, fragte sich Twist, was mag der arme Rocca bloß verbrochen haben? Rocca und Zurlini — vermutlich sind beide italienischer Abstammung.

„... wird mir der letzte Abend in Ivy-sur-Mer unvergesslich bleiben", schwärmte Miss Racklin.

„Sie meinen das Fischerdorf ostwärts der Bucht von Le Havre?", fragte Bagdasarian und beugte sich höflich vor.

„Sicher."

„Kleiner Irrtum, berichtigte der Georgier mit schleppender Stimme, „Ivry-sur-Mer heißt der Ort, mit einem R zwischen V und Y.

„Sie haben vollkommen recht, Sir, der Ort heißt Ivry-sur-Mer", warf Twist höflich ein.

„Sie kennen ihn?"

„Ich wurde dort 1944 zum siebten Male verwundet."

„Sie sind aktiver Offizier, Mr. Twist?"

„Ich war es bis vor einem Jahr, Sir", antwortete der Major a. D. und wunderte sich insgeheim, dass Bagdasarian seinen Namen kannte.

„Es muss auch solche geben", rief Boole ungezogen herüber, dem die freundschaftliche Art, in der Susan Auston mit Twist verkehrte, sichtlich gegen den Strich ging.

Twist ließ das Besteck sinken und richtete sich auf. „Wie soll ich Ihre Bemerkung verstehen?", fragte er stirnrunzelnd.

Boole grinste ihn dreist an, sah das harte Funkeln in Twists Augen und wurde unvermittelt ernst.

„Nun, meinte er verlegen, „war nicht so bös gemeint. Der Herrgott hat einen großen Tiergarten. Die einen lassen sich vom Steuerzahler erhalten, die anderen leisten produktive Arbeit ...

„Und Sie, Mr. Boole, sind der Prototyp des produktiven Arbeiters, so ist es doch?", nahm ihn zu Twists Verwunderung Bagdasarian an.

„Klar, so sieht er auch aus, rief Anneclaire Racklin lachend. „Wissen Sie, Mr. Boole, wie Sie mir immer vorkommen? Wie einer der bewussten Vögel unter dem Himmel, die weder säen noch ernten und trotzdem vom lieben Gott ernährt werden.

Boole bekam einen hochroten Kopf und schien die Beherrschung verlieren zu wollen, nahm sich aber dann doch zusammen.

Bagdasarian schob abrupt den Teller zurück und erhob sich. „Mahlzeit allerseits", sagte er herausfordernd, wandte sich um und verließ den Raum.

Eine komische Gesellschaft, dachte Twist, beugte sich zu Susan hinüber und fragte leise: „Werden Sie mir den Abend schenken?"

„Das ist leider nicht möglich, erwiderte Susan schnell. Dabei vermied sie hartnäckig seinen Blick. „Ich ... ich habe noch etwas zu erledigen; und außerdem will ich packen. Sie warf trotzig den Kopf in den Nacken und sagte es so laut, dass es jeder am Tisch hören konnte: „Ab morgen früh halb neun Uhr bin ich zur Abfahrt bereit. Ich bin Ihnen wirklich dankbar, dass Sie mich mitnehmen wollen, Seldwyn."

Susan Auston entfernte sich so eilig, dass es fast wie eine Flucht aussah.

Twist verließ als letzter den Speisesaal. Zu seiner Verwunderung sah er sich plötzlich von dem Georgier aufs Korn genommen. Dieser sagte unvermittelt:

„Ich liebe diese Abendstunde — wenn ich die Ereignisse des Tages noch einmal Revue passieren und in mir abklingen lasse. Hier gibt es übrigens eine Bar — hätten Sie Lust, mir noch eine Stunde Gesellschaft zu leisten?"

Twist nickte zustimmend. „Gewiss, Mr. Bagdasarian, wenn ich auch nicht weiß, wie ich zu dieser Ehre komme."

„Muss man denn immer alles wissen ...?" Der Georgier lächelte eigen.

James Lowell schien Bagdasarians Gewohnheiten bereits zu kennen und spielte den Mixer.

„Mir wie immer Old Scotch, bat der Georgier. Er wandte sich an Twist. „Und was nehmen Sie?

„Dasselbe!"

Bagdasarian trank einen kleinen Schluck und setzte vorsichtig das Glas ab. Er schwieg einige Minuten verbissen, um sich dann plötzlich mit einem temperamentvollen Ruck zu Twist umzuwenden. „Sie sind also einer der vielen Offiziere, die über die drastische Etatkürzung gestolpert sind?"

Twist, der über diesen Punkt nicht gerne sprach, nickte knapp.

„Und wie haben Sie sich ins Zivilleben eingefügt."

„Gar nicht."

Der Georgier wandte sich auf seinem Hocker noch weiter nach rechts um. Twist bemerkte erstaunt, dass Bagdasarian eine Pistole in einem Achselholster trug.

„Wer mit Leib und Seele Offizier war, der taugt nicht für Büroarbeit — habe ich nicht recht?", setzte der Georgier sein Verhör fort.

„Allerdings!"

„Schade, dass Sie ein reicher Mann sind ..."

„Wie kommen Sie darauf, Sir?", fragte Twist, unangenehm berührt.

„Ich sehe es Ihnen an – in meinem Beruf ist man entweder Menschenkenner oder man geht unter, war die rätselhafte Antwort. „Wirklich schade, dass Sie kein armer Teufel sind! Ich hätte nämlich genau den richtigen Job für Sie gehabt: interessant, und manchmal auch gefährlich ...

„Eine Vertrauensstellung also, sagte Twist mit sanftem Spott. „Woher wollen Sie wissen, dass ich Ihres Vertrauens würdig wäre?

„Ich weiß es eben! Sie sind ein Kavalier der alten Schule, ein absoluter Ehrenmann. Bleiben Sie länger hier?"

„Ich habe die Absicht, morgen früh abzureisen."

„Vielleicht könnten wir doch miteinander ins Geschäft kommen, Mr. Twist? Sie gefallen mir — Sie gefallen mir außerordentlich. Nein, sagen Sie jetzt bitte nichts. Sie waren Major?"

„Stimmt."

„Ich würde Ihnen eine interessante Reisetätigkeit offerieren und Ihnen absolute Selbständigkeit, großzügige Vertrauensspesen und das Gehalt eines Oberst zugestehen — schlafen Sie eine Nacht über meinen Vorschlag und lassen Sie mich morgen früh vor Ihrer Abreise Ihre Entscheidung wissen."

2. Kapitel

Ohnehin an ein Leben in frischer Luft gewöhnt, ließ sich Twist auch durch den immer dichter werdenden Nebel nicht abhalten, noch eine knappe halbe Stunde im Freien spazieren zu gehen. Mittlerweile war es einundzwanzig Uhr geworden. Als er zurückkehrte, fand er die Tür noch nicht versperrt, aber in der Halle sah er keinen Menschen. Leise schritt er die Treppe hinauf und bleib unwillkürlich stehen, weil er Mrs. Bendix' Stimme gehört hatte.

„Aber ich kann doch nicht ...!, sagte die Amerikanerin kichernd. „Nein, nein, lieber Edgeland, das schickt sich nicht!

„Ich meine, dass wir unseren einundzwanzigsten Geburtstag beide schon einige Jahre hinter uns haben, hielt ihr eine amüsierte Männerstimme entgegen. „Ich will doch nichts Unrechtes von Ihnen, Teuerste — glauben Sie mir doch!

„Hm — wenn es so ist, mein Lieber, brauche ich doch gar nicht erst mitzugehen!'' stellte die Amerikanerin verblüffend fest.

Die Stimme Edgelands wurde sanft und überredend. „Sie missverstehen mich, Teuerste, und halten mich für schlechter, als ich bin. Damit stehlen Sie mir die Show! Ich habe eine Flasche Whisky von einer Sorte, die Sie heute nirgends mehr im Handel erhalten — und da Sie Kennerin sind ..."

Mrs. Bendix unterbrach ihn amüsiert: „Ein Mann kann mich nicht reizen — exquisiter Whisky immer. Jetzt bin ich natürlich zu allen Schandtaten bereit!"

Twist sah tanzende, sich an der Wand bewegende Schalten, eine Tür quietschte leise in ihren Angeln. Mrs. Bendix machte eine Bemerkung, die Twist nicht verstand — und dann fiel die Tür mit leisem Knall ins Schloss.

Zweiundzwanzig Uhr zehn.

Als Seldwyn Twist den langen Korridor der Gästeetage eben erreicht hatte, sah er ganz am Ende zwei Gestalten, hörte er einen leisen Aufschrei und das Knallen einer Tür.

Nanu?, überlegte er, das war doch das Zimmer vor dem Mr. Bagdasarians, also Nummer 11; Nummer 11 ist unbelegt — was geht hier vor?

Neugierig eilte er über den Gang und blieb vor Zimmer 11 stehen.

Dass er sich nicht getäuscht hatte, bewies ihm die klaffende Tür, die offenbar nicht richtig ins Schloss gefallen und daher wieder aufgesprungen war.

Noch ehe sich Twist darüber klar werden konnte, wie er sich verhalten sollte, hörte er im Zimmer Susan Austons Stimme:

„Ich habe das ganze Affentheater satt! Mir steht es bis zum Hals! Warum bloß lässt du mich nicht in Ruhe?"

„Warum ich dich nicht in Ruhe lasse, Schätzchen? Boole lachte hässlich. „Das könnte dir dein eigener Verstand sagen! Welcher Mann würde schließlich um eine so reizende kleine Nebenerwerbsquelle einen großen Bogen machen?

Mann ...?, fragte Susan verächtlich. — „Wenn du ein Mann wärest, würdest du dich durch ehrliche Arbeit ernähren und nicht durch ... Erpressungen!

„Was du über mich denkst, Süße, ist mir vollkommen gleichgültig. Hauptsache, du tust, was ich will! Die Stimme wurde drohend, brutal: „Sobald du wieder in London bist, wirst du mir wieder hundert Pfund schicken.

„Oh nein, das werde ich ganz bestimmt nicht tun, widersprach Susan matt. „Nicht einmal deswegen, weil ich nicht will, sondern weil ich ganz einfach die hundert Pfund nicht habe.

„Well, dann wirst du eben deinem Chef ein wenig um den Bart gehen. Du hast eine dicke Nummer bei ihm. Er wird dir einen Vorschuss geben."

„Und anschließend werde ich verhungern — wie?"

Twist erblasste vor Grimm. Da hörte er Susan wimmern: „Lass mich los!"

Er öffnete schnell die Tür. Boole hatte Susan am Handgelenk gepackt und verdrehte ihr den Arm. Seine Lippen hatten einen grausamen Ausdruck. Twist hörte Susan vor Schmerz wimmern. Er trat rasch näher; Boole ließ das aufschluchzende Mädchen los, wandte sich um und ballte die Fäuste.

Obwohl es Twist in den Fingern juckte, dem Lumpen eine handgreifliche Belehrung zu erteilen, nahm er sich zusammen. Er deutete zur Tür und sagte schneidend: „Hinaus!"

Nur das eine Wort.

Boole senkte wie ein geprügelter Hund den Blick, fragte aber trotzdem dreist: „Mit welchem Recht mischen Sie sich in meine Angelegenheiten, he? Das möchte ich einmal wissen!"

Twist ging nicht darauf ein. „Ich fordere Sie zum letzten Male auf, das Zimmer schnellstens zu verlassen!"

Boole blieb regungslos stehen. Twist erkannte, wie sich seine Muskeln plötzlich anspannten, er war auf der Hut. Der Jüngere sprang urplötzlich los und wollte Twist den Kopf in den Leib rammen, aber dieser wich ein klein wenig zur Seite, ließ den Angreifer stolpern und versetzte ihm gleichzeitig mit der steif gemachten Handkante einen kräftigen Schlag in den Nacken.

Boole ging krachend zu Boden, schrie erschrocken auf und blieb, sich vor Schmerzen windend, stöhnend liegen.

„Stehen Sie auf und verschwinden Sie schnellstens!, befahl Twist scharf, aber ohne die Stimme zu erheben. „Und sofern ich noch einmal erfahre, dass Sie Miss Auston belästigen, schlage ich Ihnen alle Knochen im Leib kaputt!

Boole stand schwerfällig auf, musterte die schluchzende Susan aus tückischen Augen, warf Twist einen Blick mörderischer Wut zu und verließ taumelnd den Raum.

Twist trat rasch auf Susan zu und legte ihr kameradschaftlich den Arm um die Schulter. „Nicht weinen, Susan, flüsterte er, „es ist schon alles vorbei. — Wollen Sie mir nicht endlich erklären, was das alles zu bedeuten hat?

Susan schüttelte errötend den Kopf. Sie stammelte:

„Ich ... schäme ... mich so sehr ...!"

„Ist es denn so schlimm?"

Sie nickte heftig.

„Aber Sie dürfen doch Vertrauen zu mir haben, flüsterte Twist. „Ich werde Ihnen jederzeit helfen, selbst dann, wenn Sie ein Verbrechen begangen haben sollten.

„Nein, erwiderte Susan schnell, „ich habe kein Verbrechen begangen, außer dem einen, das das Gesetz nicht unter Strafe stellt: das der Dummheit ...!

Twist verzichtete darauf, sie zu bedrängen. Er fragte lediglich, ob er sie zu ihrem Zimmer begleiten dürfe.

Susan nickte schweigend.

*

Zweiundzwanzig Uhr fünfzehn:

Twist wollte Susan vor ihrem Zimmer gute Nacht sagen, aber sie packte ihn schweigend am Handgelenk und zog ihn mit hinein.

„Danke, Seldwyn!, sagte sie. Sie legte ihm sekundenlang die Arme um den Hals und küsste ihn zart auf den Mund. Es war ein kameradschaftlicher, netter Kuss, fern allen Begehrens; trotzdem durchrieselte er Twist wie ein elektrischer Strom. „Seitdem ich weiß, dass es Sie wieder in meinem Leben gibt, Seldwyn, erscheint mir mit einem Mal alles leicht und einfach. Vielen, vielen Dank! — Sie ahnen ja gar nicht, wie sehr Sie mir helfen.

Twist sah Susan forschend an. „Morgen früh halb neun? Dabei bleibt es?"

Susan nickte. „Ich ändere meine Entschlüsse nicht. Gute Nacht, Seldwyn!"

„Gute Nacht, Susan! — Riegeln Sie sich auf jeden Fall ein."

„Ich tue alles, was Sie von mir wünschen."

Twist zwang sich zu einem optimistischen Lächeln und winkte Susan einen Gruß zu, ehe er sich abwandte.

Beruhigt wollte er die Tür öffnen, als er mitten in dieser Bewegung verharrte. Er glaubte draußen ein Geräusch gehört zu haben, das wie der gedämpfte Laut von Schritten klang, die sich von links — von der Treppe her — nach rechts — zum Ende des Ganges — zu bewegen schienen. Twist wartete noch einige Sekunden lang, dann aber zwang ihn die Neugier, vorsichtig die Tür einen Spalt breit zu öffnen. Er sah gerade noch den Rücken zweier Männer. Der linke war ein hoch gewachsener, schwarzhaariger Bursche, der rechte bedeutend kleiner, mit rührend krummen O-Beinen.

Otello Zurlini und Joey Sarketh also. Was hatten die beiden dort hinten zu suchen?

Das sollte Twist nicht lange verborgen bleiben. Die beiden verhielten erst am Ende des Ganges ihre Schritte. Zurlini klopfte an die Tür von Nummer 13 an. Twist sah deutlich, wie die Tür von innen geöffnet wurde and die beiden schnell ins Zimmer schlüpften. Bagdasarian hatte also ihren Besuch erwartet.

„Stimmt etwas nicht?", fragte Susan leise, die das Zögern Twists ängstlich machte.

„I wo, Susan, murmelte Twist beschwichtigend. „Nichts, was mit Ihnen oder mit mir zu tun hätte.

Vorsichtshalber wartete er noch einige Minuten, ehe er rasch Zimmer 3 verließ und gemächlich zu seinem eigenen Zimmer schlenderte. Als er es erreichte, hörte er im gegenüberliegenden Gemurmel. Er konnte deutlich verschiedene Stimmen unterscheiden, aber nicht hören, was gesprochen wurde.

Das eine stand fest: Der Großhändler Otello Zurlini aus London und der Pferdetrainer Joey Sarketh aus Edinburgh gehörten zusammen und waren gemeinsam an Siki Bagdasarian interessiert. James Lowell, der Motelbesitzer, war mit ihnen im Bunde. Zurlini hatte sich bei Lowell bitter beklagt, weil dieser Sturgess Shapiro und Louella Bendix ebenfalls aufgenommen hatte. Waren die beiden etwa Gegenspieler Zurlinis? Welche Rolle spielte dann Willie Edgeland, der sich inzwischen mit Louella Bendix so weit angefreundet hatte, dass sie ihm willig auf sein Zimmer gefolgt war — angeblich, um eine besonders seltene Whiskysorte zu probieren ...?

*

Zweiundzwanzig Uhr fünfundvierzig:

Twist legte Jackett und Schuhe ab und entledigte sich seiner Krawatte. Da wurde leise an die Tür geklopft. Gleich darauf öffnete sie sich, Siki Bagdasarian trat ein.

Twist erhob sich überrascht.

„Mr. Bagdasarian ...?"

Das hagere Gesicht des Georgiers war dunkel gerötet. Er kam näher und nahm wortlos Twist gegenüber Platz. Jetzt erst sagte er: „Ich bitte wegen des Überfalls vielmals um Entschuldigung, Mr. Twist, aber mein Herz ... Er holte tief und keuchend Atem, dann fuhr er fort: „Es macht mir heute besonders zu schaffen. Das Nebelklima des schottischen Tieflandes ist geradezu Gift für mich. Höchste Zeit, dass ich meine Geschäfte hier abschließe und nach dem Süden fahre — sofern ich das noch schaffe.

Twist musterte den Georgier besorgt.

„Sie sind müde und überreizt, Mr. Bagdasarian. Es wird schon alles gut werden. Führt Sie ein besonderer Wunsch zu mir? Kann ich irgendetwas für Sie tun?"

Bagdasarian lehnte sich erschöpft in seinem Sessel zurück. Ohne auf Twists Fragen direkt einzugehen, murmelte er: „Ich bin an einem Wendepunkt meines Lebens angelangt. Nicht zum ersten Mal übrigens — aber vielleicht zum letzten Mal — so Gott will. Es ist alles in der Schwebe. Wenn das glückt, was ich vorhabe, mache ich das größte Geschäft meines bisherigen Lebens, glückt es nicht — bin ich ruiniert — oder meine Hinterlassenschaft ...

Plötzlich riss er weit die Augen auf, stöhnte schmerzlich und fuhr, sich eisern zusammennehmend, fort:

„Meine augenblickliche Situation wäre selbst für einen kerngesunden Mann schwierig genug, für einen Kranken ist sie äußerst prekär. Dazu kommt, dass ich hier allein bin, so jämmerlich allein — das heißt, jetzt nicht mehr. Der Himmel selbst hat mir die Begegnung mit Ihnen beschert und mir den einzigen Ausweg gewiesen."

Er richtete sich entschlossen auf, sein Tonfall wurde feierlich. „Mr. Twist, meine untrügliche Menschenkenntnis sagt mir, dass ich Ihnen vertrauen darf. Dass Sie nicht nur ein Ehrenmann sind, sondern auch eine mutige, kraftvolle Persönlichkeit. Diese feste Gewissheit und die Überzeugung, dass mir jeden Augenblick etwas zustoßen kann, gibt mir den Mut, Sie zu fragen: Wollen Sie, falls mir heute Nacht etwas zustößt, in einer ganz bestimmten Angelegenheit mein Treuhänder sein?"

Twist beschlich ein mehr als unbehagliches Gefühl. Wie sollte er sich verhalten? Aber für einen Gentleman gab es nur einen Ausweg. Er sagte:

„Unter der, allerdings unabdingbaren, Voraussetzung, dass mir nichts zugemutet wird, was gegen meine Ehre geht, bin ich bereit, Ihren Wunsch nach besten Kräften zu erfüllen."

Ein tiefer, befreiender Atemzug löste sich aus Bagdasarians Brust. „Dank, tausend Dank!, murmelte er. „Ich wusste, dass ich Sie nicht vergebens um Hilfe bitten würde. Versprechen Sie mir ehrenwörtlich, niemand ein Wort von dem zu verraten, was jetzt zur Sprache kommt, auch der Polizei nicht? Ich versichere Ihnen meinerseits auf Ehrenwort, dass auch die Erfüllung dieser letzteren Forderung mit Ihrem Ehrenstandpunkt vereinbar ist, Sie müssen mir das schon glauben. Twist überlegte mit gesenktem Blick, dann reichte er in jähem Entschluss Bagdasarian die Hand, in die dieser einschlug.

„Sie haben mein Ehrenwort, Mr. Bagdasarian."

„Tausend Dank, Mr. Twist! Bagdasarian dämpfte seine Stimme zu einem tonlosen Flüstern. „Falls mir in dieser Nacht etwas zustößt, werden Sie baldigst nach Liverpool fahren und dort die Anglo-Iberian Bank aufsuchen. Bitten Sie den zuständigen Bankbeamten, Ihnen das Stahlfach 91 aufzuschließen und geben Sie dem Beamten das Schlüsselwort: Baudelaire. Bitte, wiederholen Sie!

Twist wiederholte laut und deutlich: „Anglo-Iberian Bank, Liverpool, Stahlfach 91 — Schlüsselwort Baudelaire."

„Jetzt ist mir leichter, atmete Bagdasarian auf. „Sie ahnen nicht, Mr. Twist, welche großherzige Wohltat Sie mir erweisen.

„Was habe ich weiter zu tun, sobald man mir das Stahlfach geöffnet hat?"

„Sie nehmen die Unterlagen heraus, bewahren sie sorgsam auf und nehmen Kenntnis. Nach Kenntnisnahme werden Sie unmissverständlich darüber informiert sein, welche Schritte Sie weiter zu ergreifen haben."

„Nun, das alles kommt mir reichlich mysteriös vor, murmelte Twist, „aber Sie haben mein Ehrenwort und können sich auf mich verlassen.

*

Dreiundzwanzig Uhr fünf:

Nach dem positiv verlaufenen entscheidenden Gespräch besserte sich Bagdasarians Zustand fast augenblicklich — der beste Beweis dafür, dass seine Schwäche nicht nur physische, sondern auch psychische Ursachen hatte. Er begann ruhiger zu atmen, die krankhafte Röte seines Gesichtes begann zu verblassen.

„Allein durch das Bewusstsein, dass ich mich auf Sie, Seldwyn Twist, stützen und verlassen kann, sind achtzig Prozent meiner Lastenden Sorgen beseitigt. Ich verzichte darauf, Ihnen ein viertes Mal zu danken, denn ich hoffe, dass ich Ihnen eines Tages meinen Dank durch die Tat abstatten kann. Und noch etwas — vergessen Sie das eine nicht: Sie wären der ideale Partner für mich. Wenn diese Nacht glücklich vorübergeht und wir einander morgen früh gesund und munter wiedertreffen, wollen wir uns weiter darüber unterhalten. Würden Sie jetzt bitte das Licht verlöschen, niemand braucht zu bemerken, dass ich mich eine knappe halbe Stunde bei Ihnen aufgehalten habe."

Twist knipste das Licht aus und öffnete lautlos die Tür. Als er hinaussah, verschwand in dem neben Nummer 13 gelegenen Zimmer 11 blitzschnell ein Mann, in dem er Martin Boole erkannt zu haben glaubte. Aber auch die Tür des ebenfalls unbelegten Zimmers 9 war mit leisem Knall ins Schloss gefallen, allerdings ohne dass Twist über die Person des zweiten Lauschers eine Wahrnehmung hatte machen können.

Twist wartete noch einige Minuten ab, bis er Bagdasarian einen Wink gab, worauf dieser ohne ein Wort hastig Nummer 14 verließ, über den Korridor huschte und in Nummer 13 verschwand.

Oliver Seldwyn Twist war nicht der Mensch, der auf Aufklärungen verzichtete, die er sich verschaffen konnte. Er öffnete seine eigene Zimmertür weit, sprang zum Schrank, nahm seine große Reisemappe, die dort neben zwei Koffern stand, an sich und hastete wieder zur Schwelle. Ohne dabei die Türen von Nummer 11 und 9 aus den Augen zu lassen, nahm er eine Browning-Pistole, Kaliber 7,65 mm heraus.

Als er sie gesichert hatte, sprang er zu Zimmer 11 hinüber, riss die Tür auf und drang ein. Gedankenschnell ging Twist in die Hocke. Das Zimmer war vollkommen dunkel, aber das Fenster stand offen, was im Licht des zunehmenden Mondes deutlich zu sehen war. Twist trat zum Fenster und beugte sich weit hinaus. Von Martin Boole war nichts zu sehen — dafür aber links neben dem Sims die Feuerleiter. Damit war das Rätsel gelöst.

Twist trat ärgerlich zurück und schloss das Fenster. Zu spät dachte er daran, dass er durch sein Verweilen in Zimmer 11 dem unerkannt gebliebenen zweiten Lauscher in Zimmer 9 die Chance geboten hatte, sich ebenfalls unerkannt abzusetzen. Eilig verließ er den Raum, schloss die Tür leise hinter sich und drang in Nummer 9 ein.

Dort bestätigte sich seine Befürchtung: Zimmer 9 war leer.

Wütend auf sich selbst ging Twist in sein eigenes Zimmer zurück, um endlich zu Bett zu gehen.

*

Dreiundzwanzig Uhr fünfunddreißig:

Seldwyn Twist fühlte sich müde, zerschlagen und unlustig, aber er brachte trotzdem kein Auge zu. Unablässig beschäftigten ihn diese mysteriösen Ereignisse.

Träge verrannen die Minuten. Plötzlich zerriss ein greller Blitz die Finsternis, grollender Donner folgte, und schon war eine jener seltenen, aber in Schottland sehr gefürchteten Wintergewitter im Gange.

Twist wurde von der unerträglichen Vorstellung gefoltert, er habe es unterlassen, das Fenster in Nummer 11 vollkommen zu verriegeln. Rasch sprang er aus dem Bett und machte Licht. Er angelte nach seinen Hausschuhen und schickte sich an, sein Zimmer zu verlassen.

Als er die Tür öffnete, sah er auf halbem Weg zur Treppe eine Gestalt in einem weinroten Morgenrock und fragte sich verblüfft, was das jetzt wieder zu bedeuten habe. Nach der Figur zu schließen, blieb nur der Schluss übrig, dass es sich um Anneclaire Racklin handelte, die australische Journalistin, die freilich auf Zimmer 4 wohnte, also hier am rückwärtigen Ende des Flures auch nicht das Mindeste zu suchen hatte ...!

Ein entsetzlich laut krachender Donnerschlag brachte plötzlich das Haus zum Erzittern, das Licht erlosch — vermutlich hatte irgendwo der Blitz in die Freileitung eingeschlagen und „Little Soul's Joy" stromlos gemacht.

Twist betrat Zimmer 11, spürte aber sofort, dass das Fenster geschlossen war. Trotzdem tastete er sich zur Außenwand vor, überzeugte sich, dass das Fenster zugeriegelt war, und kehrte kopfschüttelnd wieder zum Flur zurück.

*

Null Uhr fünfzehn:

Twist hatte sich wieder zu Bett begeben, aber der Schlaf wollte und wollte sich nicht einstellen. Er beschloss, den Rest der Nacht lesend zu verbringen, richtete sich im Bett auf, tastete mit der Rechten nach dem Druckknopfschalter der Nachttischlampe, drückte auf den Knopf — aber es blieb im Zimmer finster. Jetzt erst erinnerte er sich wieder daran, dass „Little Soul's Joy" stromlos war.

Plötzlich hörte er Geräusche: einen lauten Knall und einen wüsten Fluch.

Du meine Güte, dachte Twist entsetzt, wohin bin ich hier bloß geraten! Schon wieder jemand in Bagdasarians Zimmer? Er sprang verärgert aus dem Bett und tastete sich zum Tisch, wo er am Abend seine Taschenlampe abgelegt hatte. Als er sie gefunden hatte, verließ er sein Zimmer und trat auf den Gang hinaus. Der Lichtstrahl der Taschenlampe erhellte einen menschenleeren Korridor — nichts ...!

Mehr zu seiner eigenen Beruhigung als aus Überzeugung von der Notwendigkeit dieser Maßnahme beschloss Twist, einen Blick zu Bagdasarian hineinzuwerfen.

Twist hatte gehofft, dass sich Bagdasarian eingeschlossen hätte, aber das war nicht der Fall, die Tür ließ sich aufklinken. Twist hörte ein rasselndes Schnarchen. Sekundenbruchteile lang glitt der Lichtkegel der Taschenlampe über das Bett, wo Bagdasarian auf der Seite, mit dem Rücken zur Tür, in tiefem Schlummer lag. Der blitzende Sektor wanderte zum Nachttisch weiter — dort lag seine schwere Repetierpistole in abgeschnalltem Holster, daneben stand ein Glas Wasser und dahinter ein Medizinfläschchen. Twist leuchtete es knapp an und las das Etikett:

Tinctura strophanthi. Bei Bedarf höchstens 20 Tropfen in Wasser zu nehmen! Gift!

Beruhigt wandte er sich zum Gehen.

Twist kehrte unbemerkt in sein eigenes Zimmer zurück, legte sich ins Bett und fand endlich Schlaf.

3. Kapitel

Es war drei Uhr, als Twist plötzlich erwachte. Sein Zimmer war in strahlende Helligkeit getaucht. Deckenbeleuchtung und Nachttischlampe brannten. Twist fuhr verwirrt hoch und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Nanu ...?

Das Rätsel war natürlich gar kein Rätsel: Kurz nach Beginn des Gewitters hatte, wie sich Twist jetzt erinnerte, der Blitz in die Überlandleitung eingeschlagen. Inzwischen hatte man den Schaden beseitigt, und somit hatten die beiden Lichtquellen im Zimmer wieder Strom erhalten, die er während der Dunkelheit auszuschalten vergessen hatte.

Twist wollte eben das Licht wieder ausknipsen, als die Zimmertür unter dem Anprall eines Körpers erdröhnte. Sie sprang auf, in einem gestreiften Pyjama wankte Bagdasarian herein, blieb vor dem Tisch stehen und stützte sich mit der rechten Hand schwer auf die Platte, während er die linke aufs Herz presste.

„Schnell ... einen Arzt ...!", gurgelte er heiser und keuchend.

Zu Tode erschrocken sprang Twist aus dem Bett, um dem schwer Leidenden beizustehen, aber es war bereits zu spät. Bagdasarian stieß ein letztes Gurgeln und Röcheln aus, knickte in der Hüfte ein und polterte zu Boden, wo er in verkrümmter Haltung auf dem Teppich liegen blieb.

Twist kniete neben ihm nieder. Er sah das Profil des Georgiers und das weit geöffnete linke Auge; er rüttelte den Leblosen erregt an der Schulter, aber der erfahrene Kriegssoldat, dem der Tod in keinerlei Gestalt fremd war, wusste schon in diesem Augenblick mit unumstößlicher Gewissheit, dass jede Hilfe zu spät kam: Bagdasarian hatte das Zeitliche gesegnet.

„Armer Teufel!, murmelte Twist, ehrlich erschüttert. „Hat dich deine böse Ahnung also doch nicht getrogen ...! Hm — wärst du bloß in deinem eigenen Zimmer gestorben ...!

Twist schlüpfte in seine Hausschuhe und holte aus dem Schrank den Morgenmantel, um ihn anzuziehen. Er sperrte sein Zimmer von außen sorgsam ab, schob den Schlüssel in die Tasche und ging hinunter in die Hotelhalle.

„Suchen Sie etwas, Sir?", fragte die unwillige Stimme des Hotelbesitzers hinter seinem Rücken.

Twist federte herum. Lowell hatte, von Twist unbemerkt, ebenfalls die Halle betreten. Er trug einen fleckigen Morgenmantel und ganz abgetretene Pantoffel. Twists Gesichtsausdruck brachte ihn zum Verstummen.

„Ich fürchte, wir müssen die Polizei verständigen, Mr. Lowell!, sagte Twist streng. „Mr. Bagdasarian ist soeben gestorben ... — ausgerechnet in meinem Zimmer ...

„Wieso ausgerechnet in Ihrem Zimmer, Sir?"

„Er hat offenbar Hilfe bei mir gesucht, erklärte Twist ungeduldig, „und da ich nicht abgesperrt hatte, konnte er leicht zu mir hereinkommen. Er konnte gerade noch keuchen: 'Schnell einen Arzt ...!', aber dann war es schon zu spät, er brach zusammen und war tot ...

„Das hat mir ja gerade noch gefehlt!, fauchte Lowell wütend. „Machen Sie um Himmels willen leise, Sir. Wir wollen nicht alle Gäste rebellisch machen. Wenn Sie einen Moment hier warten, ich rufe Constable McIvor an.

Twist folgte ihm schweigend in das Büro.

„McIvor und Dr. McDonald werden in einer knappen halben Stunde hier sein. Ich will rasch etwas Kaffee aufbrühen. Haben ihn, schätze ich, nötig ..."

Gegen drei Uhr dreißig hörten sie Kraftwagengeräusche. Wenige Augenblicke später erstarb der Motor.

„Das werden sie sein", murmelte Lowell und ging öffnen. Gleich darauf kam er mit einem vierschrötigen grauhaarigen Mann in Uniform wieder, dahinter ein hochgewachsener, knochiger Rotschopf in einem Lodenmantel.

Lowell übernahm die Vorstellung:

„Major Twist, der den Toten gefunden hat, Constable McIvor, Dr. McDonald."

Der Constable zückte sein Taschenbuch und fragte: „Sie also haben ihn gefunden, Sir ...?"

„Das können Sie oben fragen, Mackie, knurrte der Doktor ungeduldig. „Zuerst will ich mir den Mann ansehen ...

Zu viert stiegen sie in die erste Etage hinauf. Twist schob den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür zu seinem Zimmer.

Lowell wollte mit eintreten, wurde aber von dem Constable zurückgedrängt.

Dr. McDonald kniete neben dem Toten nieder und schob seine Hand unter die Pyjamajacke, um nachzusehen, ob der Körper noch warm sei. Dann versuchte er, ein Bein zu beugen.

„Haben Sie ihn so vorgefunden, Mr. Twist?", fragte der Arzt.

„Er kam zu mir herein, berichtigte Twist erregt. „Aber vielleicht darf ich Ihnen die Geschichte von Anfang an erzählen. Twist gab einen ausführlichen Bericht.

Dann berichtete er auch dem Constable ausführlich von dem Vorfall und den verschiedenen Ereignissen.

„Ich bin kein Kriminalist, Constable, und kann Ihnen nur die Dinge berichten, die mir besonders aufgefallen sind. Schlussfolgerungen müssen Sie selbst ziehen."

„Eine höchst bedenkliche Geschichte, murmelte McIvor besorgt und erhob sich. „Kommen Sie, wollen hören, was der Doktor meint.

„Ich möchte sagen: blinder Alarm, erwiderte McDonald, ohne zu zögern. „Bagdasarian litt ohne Zweifel an einer schweren Herzmuskelerkrankung, darauf deutet auch seine Medizin — Strophanthin — hin ...

Jetzt erst bemerkte Twist, dass das Medizinfläschchen geöffnet auf dem Teppich lag und halb ausgelaufen war.

„Die Sache ist vollkommen klar, kommentierte der Arzt. „Die furchtbare Beklemmung des nahenden Herzanfalls weckte Bagdasarian gegen drei Uhr auf. Er nahm seine griffbereit stehende Medizin, spürte am Ausbleiben der erleichternden Wirkung den Ernst seines Zustandes und schleppte sich voller Todesangst zu Mr. Twist. Ich werde, falls es gewünscht wird, eine Autopsie vornehmen, halte das aber nicht für unbedingt erforderlich.

„Lassen Sie die Leiche abtransportieren, Doktor, schlug der Constable vor. „Ich werde hier noch einige Leute verhören, danach das Kommando der Grafschaftspolizei anrufen und eine Entscheidung herbeiführen.

*

Twist kehrte auf sein Zimmer zurück, kleidete sich an und kämmte achtlos seine Haare zurück, ehe er in die Halle hinunterging. Bei der Anmeldung stand das Ehepaar Lowell in leisem Gespräch. James Lowell warf Twist einen einzigen scharfen Blich zu. Boole stand schweigend und isoliert abseits, und der Major merkte ihm deutlich an, dass er am liebsten die ganze Welt vergiftet hätte. Zurlini und Sarketh saßen in eisigem Schweigen nebeneinander auf einer Bank neben der Treppe; daneben hatte sich Edgeland postiert. An einem runden Tisch saß der elegante Shapiro in temperamentvoll, aber sehr leise geführter Unterhaltung mit Louella Bendix, welche wiederum deutlich zeigte, wie schwer sie ihrer Befangenheit Herr werden konnte. Rocca, der freundliche, biedere Bankbeamte, hatte sich heben Miss Racklin niedergelassen und sprach völlig unbewegt und beruhigend auf sie ein.

Jetzt erschien auch, als Letzte, Susan Auston in Pullover und langer Hose. Sie lief über die Treppe, blieb am Fuße stehen und sah sich schreckensbleich um. Boole sah sie zuerst, ging ein paar Schritte auf sie zu, überlegte es sich aber auf halbem Weg wieder anders und kehrte an seinen vorherigen Platz zurück.

Susan hatte mit einer unbeherrschten Geste den Rücken ihrer Hand auf den Mund gepresst. Sie ließ den Arm wieder sinken, rannte mehr auf Twist zu, als sie ging.

„Seldwyn, stöhnte sie und versuchte vergebens, ihr Schluchzen zu unterdrücken, „ist das nicht entsetzlich?

Twist strich ihr tröstend übers Haar. Er erkannte Susan kaum wieder. Sie hatte völlig die Fassung verloren. Er bemühte sich, ihr etwas von der Ruhe einzuflößen, die ihn selbst, zumindest äußerlich, erfüllte.

Constable McIvor kam in die Halle. Während aller Augen sich auf ihn richteten, nahm er den Hotelbesitzer zu einer knappen Unterredung in dessen Büro mit.

Gegen fünf Uhr tauchte Lowell mit hochrotem Kopf aus seinem Büro auf und warf Twist einen bitterbösen, galligen Blick zu. Hinter ihm kam McIvor und nahm diesmal die Herren Zurlini und Sarketh mit.

Als Letzte wurde Anneclaire Racklin zum Verhör gebeten. Sie begleitete den Constable selbstbewusst, mit hocherhobenem Blick, in das Büro und erschien zehn Minuten später wieder in der Halle.

„Verzeihung, meine Herrschaften, sagte sie laut mit ihrer leicht brüchigen Stimme, „das Auge des Gesetzes hat mich gebeten, Ihnen allen zu eröffnen, dass Sie wieder schlafen gehen können, so Sie es wünschen, dass Sie aber das Motel zunächst nicht verlassen dürfen. Die Aufhebung dieser Quarantänebestimmung sei bis spätestens Mittag zu erwarten, hat er gesagt, der Gute! — Sie, Mr. Twist, fuhr sie herausfordernd fort, „möchte der Constable noch einmal sprechen."

Twist klopfte Susan aufmunternd auf die Schulter. „Keine Sorge, flüsterte er ihr ins Ohr, „ich bin immer für Sie da!

*

Auf der Schreibtischuhr war es fünf Uhr fünfundvierzig, als Twist gegenüber McIvor Platz nahm. McIvor hob den Kopf und blickte den zu Verhörenden ausdruckslos an.

„Also — hm — Mr. Twist, begann er umständlich, ich weiß eigentlich gar nichts über Sie, ich kenne Ihren Leumund nicht, und es wäre mir sehr recht, wenn Sie mir irgendeinen Gewährsmann angeben könnten ...

Oliver Seldwyn Twist erwiderte sachlich nüchtern: „Ich bin der einzige Sohn des 1954 verstorbenen Generals Gordon Twist. Das wird Ihnen wenig sagen, aber vielleicht ist Ihnen der Bruder meiner Mutter, Sir Christopher Tennison in Glasgow, ein Begriff?"

Die Miene des Constable hellte sich rauf. „Das ist selbstverständlich etwas anderes, Sir. Sir Christopher ist wohl für jeden Schotten ein Begriff — möchte ich meinen. Ich habe aufgrund Ihrer Angaben einige Leute verhört, bin aber nicht viel weiter gekommen und habe vor allen Dingen eine gänzlich andere Darstellung zu hören bekommen als vorher von Ihnen."

„Es ist nicht meine Aufgabe, Constable, Sie beraten oder gar beeinflussen zu wollen, Sie können mir durchaus das Wort verbieten, wenn ich sage, was ich denke: Die Aussagen der Vernommenen mögen wahr sein oder auch nicht — fest steht, dass hier im Motel sonderbare Dinge geschehen sind. Ich bin weiß Gott kein Mensch, der sich schnell aus der Ruhe bringen lässt, ich bin aber auch nicht der Mensch, der sich leicht Sand in die Augen streuen lässt. Ich bin indessen fast völlig sicher, dass Bagdasarian ganz natürlich an seinem Herzleiden gestorben ist. Insofern wäre jede Untersuchung völlig überflüssig. Nur: Seine sonderbare Todesahnung ausgerechnet in dieser Nacht ... Vielleicht wäre es das Beste, wenn Sie das Ergebnis der Autopsie abwarten und erst danach Ihre weiteren Entschlüsse fassen würden."

„Das ist auch meine Absicht, Mr. Twist. McIvor erhob sich. „Ich will Sie nicht länger zurückhalten, muss Sie aber ebenfalls wie alle anderen Gäste bitten, zunächst das Motel nicht zu verlassen. Spätestens heute Mittag werden wir etwas klarer sehen.

4. Kapitel

Inzwischen war es sechs Uhr zwanzig geworden. Twist hatte eigentlich den Wunsch, sich sofort niederzulegen, wusste aber gleichzeitig, dass er doch keine Ruhe finden werde. Plötzlich überkam ihn das zwingende Gefühl, sich um Susan kümmern zu müssen. Er blieb sekundenlang unschlüssig stehen, ehe er anklopfte und sofort eintrat.

Susan saß im Sessel neben dem Bett und starrte trübsinnig ins Leere. Von Zeit zu Zeit nahm sie einen nervösen Zug aus ihrer Zigarette.

Sie sah auf und lächelte den Eintretenden verzerrt an. „Ah — Sie sind es, Seldwyn! Bitte, setzen Sie sich zu mir."

„Sind wir noch die alten Freunde von früher, Susan, oder steht etwas zwischen uns?", fragte er spontan.

„Selbstverständlich sind wir die alten Freunde, Seldwyn. Habe ich Ihnen seit gestern Nachmittag nicht schon viele Male versichert, wie sehr froh ich über Ihre Anwesenheit bin?"

„Sie haben es mir zwar versichert, aber Sie sind mir den Beweis schuldig geblieben."

„Das verstehe ich nicht", murmelte sie, wich aber wieder seinem Blick aus.

„Ich dränge mich nicht aus Neugier in Ihre kleinen und großen Geheimnisse, konterte Twist ärgerlich, „sondern lediglich aus dem Bestreben heraus, Ihnen wirkungsvoll helfen zu können. Was ist zwischen Ihnen und diesem Tropf Boole?

Susan richtete sich auf und wandte sich halb zu ihm um. Sie schluchzte trocken auf. „Vermutlich bin ich das dümmste Schaf auf Gottes Erdboden, murmelte sie, „ich war ein Jahr lang mit diesem Lumpen verheiratet.

Sie schlug jäh die Hände vors Gesicht, ließ den Oberkörper auf den Schoß sinken und weinte jämmerlich, während ihr ganzer Körper zuckte.

Wie so viele Männer war Twist weinenden Frauen gegenüber hilflos. Er saß steif und unbehaglich in seinem Sessel und wusste nicht, was er unternehmen sollte.

„Well, sagte sie plötzlich ganz ruhig, aber mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme, „ich will Ihnen alles sagen: Vermutlich wird mich meine Beichte Ihre Freundschaft kosten — aber welche Rolle spielt das noch? Ich lernte Martin knapp vor meinem einundzwanzigsten Geburtstag kennen. Ich verliebte mich in ihn — mit Haut und Haaren, jawohl, das ist der richtige Ausdruck — und Martin nahm seine Chance wahr. Mein Vater hat wohl sofort Martins wahren Charakter erkannt und tat alles, um mich von ihm abzubringen. Ich fürchte, der arme Pa hat es so ungeschickt wie möglich angestellt ... — sie lächelte zärtlich in wehmütiger Erinnerung an ihren Vater — „und mich gerade durch sein Verhalten in einen gewissen Trotz hineingetrieben, in dem ich — längst jeder kühlen Überlegung beraubt — nur noch den einen Wunsch hatte, Pa zu beweisen, dass mich kein Mensch und auch kein Gott daran hindern könne, meinen Kopf durchzusetzen. Zwei Tage nach meinem zweiundzwanzigsten Geburtstag verließ ich für immer mein Elternhaus. Gleichzeitig beanspruchte ich Tante Hetties Hinterlassenschaft — 15000 Pfund — und folgte Martin. Wenig später heirateten wir. Der Rest ist schnell erzählt: Die 15000 Pfund hielten genau fünf Monate vor. Als mein Vermögen vergeudet war, war es auch mit Martins Liebe zu mir zu Ende. Leider merkte ich das zu spät."

Nach einer Pause fuhr Susan fort: „Mein Mann war inzwischen Schmuggler geworden! Ich sagte kein Wort, trennte mich aber sofort von Martin und reichte die Scheidung ein. Inzwischen hatte Martin längst an jedem Finger beider Hände zehn Mädchen; er widersetzte sich der Scheidung nicht. Lassen Sie mich über die Zeit schweigen, die nun folgte. Aber ich setzte mich durch! Nach einem Jahr hatte ich mir eine ordentliche Existenz aufgebaut, deren ich mich nicht zu schämen brauche. Von Martin hörte ich nichts mehr, bis ich am 20. Dezember vergangenen Jahres plötzlich einen Brief erhielt. Er bestellte mich für den 27. Dezember hierher und drohte mir für den Fall meiner Widersetzlichkeit an, eine Artikelserie unter dem Titel 'Colonel Austons Tochter — die Schmugglerbraut' in die Presse zu lancieren. Das durfte ich meinem Vater nicht antun. Ich gehorchte — und wurde meine inzwischen gemachten Ersparnisse — 120 Pfund, die ich mir buchstäblich abgehungert hatte — an Martin los. Und jetzt will er mehr, immer mehr!"

„Da soll doch der Teufel dreinfahren! Dem Burschen werde ich das Handwerk legen! Aber sofort!"

„Nichts dergleichen werden Sie tun!, bat sie flehentlich. „Martin würde seine Drohung wahrmachen — und Pa würde die Schande umbringen. — Er bat mich zwar verstoßen, aber er ist mein Vater, und ich liebe ihn! Susan lächelte bitter. Twist hätte sie am liebsten in seine Arme genommen. — „So, alter Seldwyn, und jetzt gehen Sie besser! Zwischen der gestolperten Susan Boole und dem Major a. D. Seldwyn Twist gibt es keine Verbindung mehr!"

„Im Gegenteil, versicherte Twist mit mühsam bewahrter Ruhe, „meine Gefühle für Sie sind die gleichen wie vor neun Jahren und alle Tage danach!

Susan nahm dieses Bekenntnis ganz einfach nicht zur Kenntnis.

„Ich möchte jetzt schlafen!, jammerte sie. „Bitte, lassen Sie mich jetzt allein!

Taktvoll und feinfühlig spürte Twist, dass er sie jetzt wirklich am besten allein ließ. Er streichelte noch einmal sekundenlang ihren Kopf, ehe er das Zimmer verließ.

*

Nachdem Twist sein eigenes Zimmer betreten hatte, bot sich ihm ein erstaunlicher Anblick: Mrs. Louella Bendix, die unsympathische Amerikanerin, saß auf seinem Bett — in Hose und Jacke — und rauchte gelassen ihre Zigarette.

Bei seinem Erscheinen erhob sie sich rasch.

„Mr. Twist, lispelte Louella, „liebster Mr. Twist, ich habe mich des Hausfriedensbruches schuldig gemacht. Ich weiß, aber vielleicht werden Sie mir vergeben. Ich bin so völlig durcheinander; ich fürchte mich. Das alles hier ...

„Sie sehen mich erstaunt, Mrs. Bendix, versetzte Twist höflich, „denn ich weiß nicht recht, was ich für Sie tun könnte.

„Oh, Sie tun ja schon so unendlich viel!, versicherte Louella und kam gewandt näher. „Allein Ihre Gegenwart, die eines Gentleman, eines echten Kavaliers beruhigt meine aufgepeitschten Nerven ...

Sie hatte plötzlich Tränen in den Augen. „Lachen Sie mich ruhig aus, Twist, aber ich bin nun einmal so — romantisch. Und ich habe hier keinen Menschen ..."

„Wirklich nicht?, fragte Twist augenzwinkernd. „Übrigens schätze ich es gar nicht, verehrte Mrs. Bendix, wenn sich fremde Leute einfach in mein Zimmer einschleichen! Holen Sie sich Trost, Rat und Hilfe, wo Sie wollen — meinetwegen dort, wo Sie in der vergangenen Nacht Whisky getrunken haben ...

Die Amerikanerin blickte Twist verblüfft und ein klein wenig ängstlich an. Und dann wurde sie geradezu menschlich. Sie lachte verhalten. „Oh, Mr. Twist, Sie sind mir über — und ich, ich bin ein guter Verlierer."

Dann fuhr sie schamlos fort: „Der Tod des alten Steppenschleichers hat — hm! — gewisse Geschäfte, mit denen mich ganz am Rande Interessen verknüpfen, aus dem rechten Lot gebracht. Sie, Twist, haben Bagdasarians Sympathie in so hohem Maße erweckt, dass er Ihnen spontan ein lukratives Angebot machte. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie erzählen mir, worum es ging, und ich bin bereit, den Nutzen, der mir aus Ihren Eröffnungen erwächst, mit Ihnen brüderlich zu teilen."

Twist musterte sie verblüfft. Zum ersten Mal wurde ihm bewusst, dass Louella Bendix eine wandlungsfähige, eiskalte Rechnerin war. Eine kluge Geschäftsfrau, die skrupellos ihren Vorteil wahrnahm und sich dabei auch noch den Schein einer ehrlichen Person von entwaffnender Offenheit zu geben wusste.

„Meine liebe Mrs. Bendix, es stimmt, dass der bedauernswerte Bagdasarian gestern spät abends zwanzig Minuten bei mir war, dagegen stimmt es leider nicht, dass er mir Andeutungen über eine Sache gemacht hat, die Ihnen am Herzen liegt. Er machte mir lediglich ein reelles Angebot und gab mir bis heute Morgen Bedenkzeit. Über die Art seiner Geschäfte wollte er mir indessen erst nach Erhalt meiner Zusage reinen Wein einschenken. Ich weiß aus dem Gästebuch lediglich, dass er seinen Beruf mit Großkaufmann angegeben hat; in welcher Branche er arbeitete, ist mir unbekannt."

„Und das soll ich Ihnen glauben?", fragte Mrs. Bendix höflich.

„Das überlasse ich ganz Ihnen, Mrs. Bendix."

„Ich ziehe es vor, Ihnen nicht zu glauben und darf Sie doch wohl darauf aufmerksam machen, dass Ihr Benehmen unklug ist und Sie in eine große Gefahr bringen könnte!"

„Soll das eine Drohung sein?", fragte Twist.

„Nur eine gut gemeinte, freundschaftliche Warnung."

„... für die ich mich ganz ergebenst bedanke!"

„Mehr haben Sie dazu nicht zu sagen?", fragte Louella eisig.

„Nein!"

„Nun, wer nicht hören will, muss fühlen! — Gehaben Sie sich wohl, Mister Neunmalklug, es hat mich gefreut!"

Mrs. Bendix würdigte ihn keines Wortes oder Blickes mehr und rauschte hinaus.

Twist lächelte spöttisch hinter ihr her. Wenig später verging ihm das Lachen, als er nämlich feststellte, dass jemand sein ganzes Gepäck erschöpfend durchsucht hatte. Wer das gewesen war, brauchte er nicht lange zu fragen ...

Twist legte sich halb ausgekleidet aufs Bett, worauf er recht bald einschlief. Als ihn ein Klopfen an der Tür weckte, war es zwanzig vor zwölf. Twist richtete sich schlaftrunken im Bett auf und fragte, wer draußen stünde.

May, das Hausmädchen, wurde ihm erwidert. Constable McIvor wünsche die Gäste Punkt zwölf in der Halle zu sprechen.

Twist machte zwar gemächlich Toilette, war aber dann in der Halle einer der Ersten. Susan gesellte sich zu ihm und drückte ihm heimlich seine Hand.

„Bitte, seien Sie jetzt völlig ehrlich", bat sie verzagt. „Wenn Sie mich

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