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Das bisschen Zeug zur Ewigkeit

Das bisschen Zeug zur Ewigkeit

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Das bisschen Zeug zur Ewigkeit

Länge:
230 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 13, 2015
ISBN:
9788711448472
Format:
Buch

Beschreibung

Eberswalde 1965 – der 14-jährige Franz Florschütz lebt gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder "Keule"und seiner "Rabenmutti" in der beschaulichen Kleinstadt nahe Berlin. Der junge Franz sucht sein Glück bei Mädchen, steigt mit seinem Handlanger Erwin Hagedorn in den Handel mit Dreigroschenheften ein und hat zu allem Überfluss die Stasi am Hals.Im Juni 1969 verschwinden plötzlich Winne und Shattie, die Botenjungen der ehemaligen Schmökerhändler und ein unvorstellbares Drama braut sich zusammen.Der Autor Wilhelm Bartsch wuchs in seiner Jugend mit Erwin Hagedorn auf, der 1972 als mehrfacher Kindermörder hingerichtet wurde.-
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Freigegeben:
Oct 13, 2015
ISBN:
9788711448472
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Das bisschen Zeug zur Ewigkeit

Buchvorschau

Das bisschen Zeug zur Ewigkeit - Wilhelm Bartsch

Twain.

Vorbemerkung

Wer versucht, in dieser Erzählung ein Motiv zu finden, wird gerichtlich verfolgt; wer versucht, eine Moral darin zu finden, wird des Landes verwiesen; wer versucht, eine schlüssige Handlung darin zu finden, wird erschossen.

Auf Befehl des Autors,

durch G. G., Chef der ArtillerieBeatles, Hey Jude

Take a sad song and make it better.

Beatles, Hey Jude

Franz schaut hoch, da lacht der Bär

Go melt back into the night, babe.

Bob Dylan, It Ain’t Me Babe

Bob Dylan sollte im Ostfernsehen in der Sendung »Da lacht der Bär« auftreten. Ich war gleich rot geworden, als ich das hörte, und ich erröte wirklich selten. Das konnte der doch nicht machen! Jörn Hundsalz, das alte Ferkel, hatte aber mit so was oft Recht.

»Wolf Thielmann«, sagte ich zu Jörn Hundsalz, »du meinst den Bassisten Wolf Thielmann von den HO-Spatzen!« Jörn Hundsalz beeimerte sich über die errötete Mürze, die er vor sich sah, und das war ich.

Dennoch saßen wir am 16. Oktober 1965 alle, aber auch alle irgendwo vor der Glotze. Wir wollten auf gar keinen Fall den Nichtauftritt von Bob Dylan bei »Da lacht der Bär« verpassen.

Ich saß zum Beispiel bei Tante Hertha. Das hat an dem Abend dort ausgesehen wie auf einem Foto von Kongo-Müller. Wie so eine Kopfpyramide in Belgisch-Kongo und nicht wie ein Fernsehabend in der DDR. Man muss genau hingucken auf die beiden schlechten winzigen Fotos. Die sind natürlich nicht von Kongo-Müller, sondern von Tante Erna.

Am besten hatte Tante Erna mal ihre HO-Spatzen hingekriegt. Das war’s aber auch schon mit ihrer Fotokunst! Den Abend jedenfalls, an dem Bob Dylan im Ostfernsehen auftreten sollte, hatte Erna auch fotomäßig eindeutig vermasselt. Man sieht da also einen kongolesischen Köpfebrei von ein paar Tanten, einem Kampftrinker, einem privaten Schlosser und von dieser Matrone, die die Mutti ist von der schönsten gefrosteten Brombeere auf Erden. Leider ist kaum was zu sehen von der Brombeere Marion. Rechts unten aus der Ecke grinst auch Erwin Hagedorn hervor – ja, genau der! –, und ganz links oben, zwischen Sandkisten-Evchen und Keule mit dem lächerlichen Hut, da glotzt einer mordsernst, und das bin ich, peinlich, peinlich. Wie ich meinen Hals einschnüre da mit diesem grünen Lederschlips, den ich mir extra umgehakt hatte an dem Abend! Dieses Ding mit Schlüpfergummi und Haken und Öse! Aber all das ist da kaum zu erkennen, wenn man es nicht weiß. Zu sehen sind auch nicht die beiden Einschusslöcher überm Bauchnabel in meinem Nyltesthemd. »Siehst du die Gräber dort im Tal? Das sind die Raucher von Real!« Von diesen Lullen fiel ja immer die Glut runter und brannte sich in das Nyltest.

Ein Glück, dass ich da kaum zu erkennen bin! Dass ich wenigstens nicht mehr diesen unmöglichen graugrünen Filzhut aufhabe! In dessen Hutband links steckte ja immer auch noch so ein lächerliches Sträußchen Wellensittichfedern. Mein kleiner Bruder hatte auch genau so einen Hut gewollt, und ehe gleich zwei Brüder mit so was herumgelaufen wären, hatte er dann den von mir gekriegt. So ein Hut landete übrigens viele Jahre später auf dem Kopf von Robert de Niro in »Es war einmal in Amerika«. Doch nicht deshalb sehe ich so mordsernst aus auf dem Foto. Ich war nicht mordsernst. Ich war, als Tante Erna so schlecht abdrückte, bloß schockgefrostet durch Marion.

Die Glotze von Tante Hertha ist gar nicht zu sehen. Die geballte Ladung der Zuschauer vor der Glotze war der Knipserin Erna damals wohl wichtiger gewesen.

Wie hatten denn bloß so viele Figuren in Tante Herthas Wohndose reingepasst? Und auf Ernas kleines Schwarzweißfoto mit Haifischgebiss ringsum? Hinten auf dem Fotochen steht mit Ernas winziger spitziger Schrift noch geschrieben: »Andrang bei Trude Herr!«

Mit Trude Herr hatte gleich gar keiner von uns gerechnet, bloß Erna. Am 16. Oktober 1965 herrschte noch die gute alte Tante-Erna-Zeit.

Aber noch wegen was anderem sind Tante Ernas Fotochens so wichtig. An diesem Tag, also bevor ich mit dem Großvater und der Großmutter bei Tante Hertha eintraf, war auf einmal meine Kindheit zu Ende gegangen.

Ich war da schon im Gang zum Hof, stand vor der Fassade von Opas Haus im Dunkeln und leckte wieder mal den Putz ab. Opa hatte seinen nagelneuen Kirchenchoranzug an. Ich hörte ihn lange ans Wäschehaus pinkeln. Da waren vermutlich die fünf Flaschen Helles wieder, die er tagsüber in seiner Schusterwerkstatt geleert hatte.

Ich leckte am Gemäuer und es schmeckte nicht mehr. Mir fiel die älteste Dachpappenfabrik der Welt an der Bahnhofsbrücke ein, die mich angezogen hatte, seit ich laufen konnte, nur um ihre wunderbar schädlichen ätherischen Öle und Teere zu schnüffeln, und ich wusste auf einmal, ich würde auch da nicht mehr hingehen.

Ich hörte Großvater auf einmal weit über mir und so sanft wie einen gütigen Gott: »Ja! Mach nur, Fränzchen.«

»Soll ich auch die winzigkleinen Steinchen mit runterschlucken?«

»Aber ja. Da freut er sich.«

»Wer? Etwa dein lieber Gott?«

»Nein«, sagte Großvater. »Aber der Tod.«

»… igittigitt … Opa!«

»Aber in dir wohnt doch ein kleines Skelett, nicht? Das kannst du hin und wieder ruhig mal mit Kalk füttern. Es muss doch auch wachsen.«

»… igitt – das Klappergerüst!«

»Ja. Und das musst du eben füttern. Sonst klettert es für immer aus dir raus. Dann sagen die Leute, guckt mal, das ist doch glatt dem Fränzchen sein Tod.«

So war Großvater Thürk. Es gab kein wunderbareres Fleckchen auf Erden, wo man sich so unsicher geborgen fühlen konnte wie bei ihm.

Großvater war eine Luther-Eiche, aber eine, die Luther wohl selber noch gepflanzt hatte. Er war ein Riese mit einem mächtigen Bauch voller Geheimnisse. Am besten fand ich die Familienlegende über ihn, wo er von Oma 1946 nach Berlin rübergeschickt wurde, um sich einen Anzug für den Vorstand der Handwerkskammer zu kaufen. Großvater kam erst drei Tage später zurück, er hatte keinen Anzug und kam von da an nie mehr auch nur in die Nähe irgendeiner Handwerkskammer. Er hatte kein Geld mehr, dafür aber schon einen Bart und derart jugendlich strahlende Augen, als ob der Zweite Weltkrieg niemals stattgefunden hätte. Und er sagte dazu niemals auch nur ein einziges Wort. Nie. Sowie in den nächsten zwei Jahrzehnten die Rede darauf kam, schwieg Großvater, und sein Lächeln dazu wurde mittlerweile immer breiter.

Manchmal in letzter Zeit sah er mich gleich mit diesem Lächeln an, ohne dass ich ihm die Berliner Frage gestellt hätte. Und mit nachdenklich spielenden Augenbrauen dazu.

Er hatte mich mindestens eine Million Mal mit Zimmermannsbleistift auf blaurotkariertem Kontobuchpapier gezeichnet. Manche dieser Seiten hatte er herausgerissen, Fensterglas zugeschnitten und das Ganze auf Pappe geklebt und gerahmt mit schwarzem Klebeband. Mein insgeheimer Stolz und meine tiefste Freude, nämlich die völlig grundlose, wurden dadurch geprägt, dass ich dutzendmal ringsum an den Werkstattwänden mich selber inmitten von Waldteichen, Schmetterlingen und toten Spatzen in einer chaotischen Schusterwerkstatt sehen konnte.

Da stolperte man über Dreifüße und linke Schuhe oder den Pechwachswürfel, durch den die derben Schuhnähte gezogen wurden. Da war in einer ewigen Wolke aus Azeton andauernd die Gummilösung auf dem Werkstisch umgekippt. Da bildeten Nägel und Täkse und die kupfernen Kinderbelohnungsfünfer schließlich die interessantesten Bernsteineinschlüsse.

Großvater qualmte dazu aus immer ein und derselben schmurgelnden Tabakspfeife seinen billigen »Kolumbus Silber« und schluckte hin und wieder sein Bier. Luther im Himmel hatte es wohl täglich verhindert, dass der ganze Laden einfach in die Luft flog. Auf dem öfters von alleine vor sich hin schollernden Klavier hinten in der Ecke lagen ungefähr zwei Dutzend Bände von Gustav Hempels grün-goldener Goethe-Ausgabe wie frisch gehacktes Holz durcheinander und dazu noch eine verhunzte Prachtausgabe von Dantes »Göttlicher Komödie«, die so was von aus dem Leim gegangen war, dass sie eine Art Grabhügel aus lauter losen Blättern bildete, unter dem nun sämtliche Gebeine von Himmel, Hölle und Fegefeuer ruhten.

An diesem mit lauter Erscheinungen zusammengeballten 16. Oktober 1965 hatte ich nachmittags auf Großvaters Werktisch ein neues, bereits gerahmtes Bildchen liegen sehen. Er hatte lange keines mehr gemacht. Er hatte seine zehntausend Mal gebissene und gewickelte Stummelpfeife gezeichnet, nichts weiter. Beunruhigend war nur, es kam kein Rauch mehr raus. Schlimmer noch, die Piepe lag jetzt dort oben auf dem Dante-Hügel.

Und mir schmeckte auf einmal mein sechster Wandschlitz nicht mehr. Ich hörte da hinten im Dunkeln was, das längst nicht mehr nach der Ausgießung des heiligen Eberswalder Hells klang. Konnte es sein, dass die Dunkelheit ganz leise weinte? Jäh war mir bewusst, dass bald einer von uns sterben würde. Und vermutlich war das nicht ich.

Schnell war ich am Wäschehaus und ertastete mir von der Dunkelheit ein Stückchen, nämlich vom neuen schwarzen Stoff, in dem prall mein Großvater steckte.

»Fränzchen!«, rief Großvater ganz leise und verzweifelt, »ich krieg ihn einfach nicht mehr rein!«

»Opa?«

»Der schitt Reißverschluss. Früher hatten Sängerhosen noch ehrliche Knöppe! Hol ma Oma!«

Aber da war sie schon, ich roch es am winzigen und bei ihr seltenen Wölkchen von Tosca, ich trat beiseite – eben erstmals gealtert und traurig –, weil sich nämlich in der Zukunft, die immer gerade beginnt, wirklich ein Abgrund befindet, in den wir alle, alle nacheinander fallen oder auch gestoßen würden, Großväter, Großmütter, Nymphen, selbst Kinder, die noch gar nicht richtig gelebt haben.

Dann ging es nach der sachkundigen Befreiung des eingeklemmten Dingens von Großvater doch noch los, die drei Häuser weiter zu Tante Hertha, zu »Da lacht der Bär«. Ich weiß nicht, was mich damals noch einmal umkehren ließ zu meinem Leckschlitzen in der Wand.

»Wann bin ich endlich kein Kind mehr, Opa?«

»Wünsch dir das man bloß nicht allzu sehr. Es ist so: Dein Kindheitsengel steigt auf in den Himmel, aber das merkst du gar nicht, Fränzchen. Dann kappt er einen von den beiden Fäden am Lenkdrachen. Auf einmal fühlst du dich schwerer. Und dann solltest du mal ein Bandmaß nehmen und deine Größe messen. Diesen Tag lang bist du, obwohl nun erwachsen, nämlich genau drei Zentimeter kleiner.«

»Quatsch, Opa. Und der andre Faden vom Lenkdrachen? Opa?«

»Den hältste einfach feste, Fränzchen.«

»Wie lange denn?«

»Na, bis deine Nymphe kommt … Wenn se kommt.«

»Ich will aber keene Nümpfe, Opa. Die gehn mir auf ’n Keks!«

»Wirste schon sehn«, hatte Großvater damals, lang lang her, gesagt und mit seinem merkwürdigen Berliner Strahleblick hoch in die Ferne geschaut und dann unverständlich leise was in seine Bartstoppeln gemurmelt.

Ich glaube, es war der Vers von Dante, der aus dem »Paradies«: »Hier unten sind wir Nymphen, oben Sterne.«

Es war meine Nasenspitze, die meinen sechsten, meinen jüngsten Spalt im Mauerputz antippte. Ich musste auf einmal, hätte ich lecken gewollt, meinen Hals recken.

Ich war schwer beeindruckt, sauer und traurig. Ich mochte all diese Spielchen und augenzwinkernden Großvaterwunder nicht mehr sonderlich. Und ich wollte nicht wahrhaben, dass ich an jenem dunklen Oktoberabend längst um Großvater Thürk zu trauern begonnen hatte. Vielleicht ist es ja genau das, was man so »Erwachsenwerden« nennt?

Was sollte ich nun überhaupt noch bei »Da lacht der Bär«? Ich wusste doch hundertprozentig, dass Bob Dylan niemals auftreten würde in einer Sendung, wo der Berliner oder auch der russische Bär so tun, als ob sie lachen würden.

Als ich kurz vor Tante Herthas Haustür als frischester Erwachsener der Welt noch über all das nachdachte, spürte ich drei kleine Piekser in meinem Rücken.

»Hallo, Effeff!«, sagte Erwin Hagedorn, der Klassenkamerad meines Bruders, »Hartmut hat gesagt, ich darf mitkommen zu Popp Tilly!«

Damals war Erwin fast noch ein puttenhafter Knabe mit einem Igel, besser gesagt mit einem Stachelschwein. Er konnte nicht nur gewinnend, sondern manchmal sogar besiegend lächeln. Er griff sich beidhändig unters Hemd und zog aus seinem Hosenbund zwei nagelneue »Jerry Cottons« hervor. Ich staunte, hatte ich doch die vier schon ziemlich zerlesenen Micky-Maus-Hefte vermutet, die ich ihm gestern an unserer Haustür in einem Anfall von Gönnerhaftigkeit geschenkt hatte.

»Ein Sarg hat keinen Notausgang!«, sagte Erwin triumphierend. »Schiffe, Schätze, scharfe Schüsse!« Er streckte mir die Hefte entgegen. »Und obendrauf noch ›Kradschützen im Kosakenland‹!« Das Landser-Heft war schon bleich und lasch und in der Mitte tief eingerissen.

»Das kannste am besten gleich übern Russenzaun schmeißen«, sagte ich. »So ein scheiß Zeug handle ich erst gar nicht.«

Erwin schlug »Kradschützen im Kosakenland« auf und las mit einer plötzlich unvermutet tiefen und überzeugenden Stimme: »Wir stecken bis über die Radnaben fest im fetten schwarzen Dreck, den die hier gern ›Heimaterde‹ nennen. Hier wären aber selbst die berittenen Kosaken zu schiefen Reiterstandbildern erstarrt.«

»Behalte die ›Jerry Cottons‹ auch nach Mitternacht bei dir und zeig sie keinem«, sagte ich. »Her mit dem Landserheft, das wird gleich entsorgt. Wenn du mit mir zusammenarbeiten willst, dann lass dir nie wieder so ein Ding andrehen, verstanden?«

»Du hältst mich wohl auch für blöd«, sagte Erwin, ließ es aber geschehen, dass ich ihm seine »Kradschützen« entriss. Die waren mal was, um Fritze Henke, den Damenfriseur gegenüber meiner Straße, zu ärgern. Der war nämlich Muttis neue kleine blonde bleiche Flamme, und Fritze war angeblich, sagte Mutti, auch Kradschütze im Krieg gewesen.

»Na, mal sehn«, sagte ich. »Klingle in ein paar Tagen bei mir damit, dann unterhalten wir uns weiter. Noch was. Das sind ganz gute Stücke, diese ›Jerry Cottons‹, die knickt man nicht hinterm Hosenbund.«

Kaum jemand ahnte, dass ich der vielleicht größte Schmökerhändler meiner Heimatstadt war, weil mich vor allem meine Großtanten Ursel und Lilo mit dem Zeug so gut versorgten.

»Pass uff, Franzilein!«, hatte Lilo eines Tages auf Besuch zu mir gesagt, »Landser jibt’s nich, Bastei Heimat jibt’s nich, Western jibt’s nich, Butler Parker und John Kling jibt’s nich.«

»Silbern klingend heiter schlug die kleine Uhr – Mitternacht, als …«, hatte ich nämlich den Anfang eines John Klings mit dem Titel »Das Skelett im Wandschrank« zitiert.

»Kofferweise Micky Mäuse – dit ja«, ergänzte Ursel.

»Und ›Jerry Cotton‹ und den ›Kommissar X‹ – wat andres krichste nich«, sagte Lilo.

Die beiden Großtanten konnte man wirklich immer nur zu Boden knutschen. Wenn ich vor dem Mauerbau bei ihnen in Westberlin gewesen war, auch mal einen Tag allein, dann stellten wir immer was an – früh um acht gleich zum Schlammcatchen aufs Tempodrom, danach zu »Kranzler« und ins Kino am Zoo zu Disneys »Schneewittchen«. Einmal hatten wir sogar den Platzwart vom Olympiastadion mit zehn Mark bestochen. Meine Großtanten und Kriegerwitwen hatten ihre Röcke gerafft und mein jubelnder Beifall hatte sie die ganze Zeit begleitet, die sie brauchten auf ihrer Ehrenrunde mit ihren saukomisch trippelnden dürren Beinchen.

Meine Großtantensympathie war an dem Abend jedenfalls auf Erwin übergesprungen. Ich konnte, fand ich, eine rechte Hand beim Geschäft gebrauchen. Jetzt waren wir wohl bereits eine Mini-Mafia.

Der Ritzer und Schlitzer im noch zarten Alter von zwölf Jahren kaute dann ziemlich siegesgewiss Tante Hertha ein Ohr ab. Das sieht man jedenfalls noch auf dem Foto Nummer zwei von Tante Erna.

Gleich würde noch Streusandkisten-Evi auftauchen und sich neben mich auf die Lehne des Sofas und also ganz oben in die Zimmerecke hocken, und zwar ziemlich krumm, denn wir Sofalehnensitzer mussten bereits aufpassen, nicht mit den Köpfen an Tante Herthas Zimmerdecke zu stoßen. Evi ist schon fast so groß wie ich, wenn sie auch erst zwölf ist. An meiner anderen Seite ist wie schon gesagt auf Ernas Foto Nummer eins Keule zu sehen, mein viel mehr als nur anderthalb Jahre jünger als ich wirkender Bruder Hartmut, der aber hinter meinem Rücken schon an der Pulle »Eberbräu« nuckelt, die uns Dreien Heinz Spelinski augenzwinkernd zugesteckt hatte. Mit Keule teilte ich einige unter altersmäßig so nahen Brüdern auch ein bisschen peinliche Erfahrungen mit Streusandkisten-Evi, oft erworben im Reigen mit anderen Teilhabern der kindlichen Doktorspiele aus dem Stadtteil Westend.

Evi hatte dieses Spiel nicht Doktorspiel, sondern immer »Adam und Evi« genannt. Beim ersten Mal – und das glücklicherweise allein mit ihr – hatte Evi ein Kastanienblatt dabeigehabt. Wenn ich mich traute, dieses »feige Blatt«, wie Evi es nannte, am Stiel mit dem Mund wegzunehmen, durfte ich gleich da unten bleiben und ganz schön gucken und rummachen.

Ich hatte allerdings mit elf, als das geschah, noch geglaubt, das Ding, worauf es alle menschlichen Männchen absahen, wäre unter dem Bauchnabel angebracht, schon weil mein großer Bruder Tücki statt »ficken« lieber »nageln« sagte. Das fand ich fast ebenso furchtbar wie das, was sie mit Großvaters Christus gemacht hatten. Ich staunte nicht schlecht, dass Evis »Schlitz mit Katscher«, wie wir Kinder das nannten, erst einmal scharf um die Ecke nach hinten abbog, ehe es bei ihr rein ging. Evis streusandkühles und schräges Sesam erschien mir trotzdem gleich als die lieblichste Missbildung der Natur, die ich bis dahin gesehen hatte, wenn auch nur mit meinem Mittelfinger.

Ganz vorne im Bild haben mein Großvater Thürk und seine Luise natürlich die beiden Fernseh-Ehrensessel bekommen, nachdem wir zusammen mit Erwin als Letzte bei Tante Hertha eingetroffen waren. Meine Tante Hertha

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