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Feuer und Blut

Feuer und Blut

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Feuer und Blut

Länge:
503 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 1, 2017
ISBN:
9788711448885
Format:
Buch

Beschreibung

`Ich hatte eine Farm in Afrika´ , ließ uns Tania Blixen wissen. Ihr Vater Wilhelm Dinesen (1845 - 1895), Offizier, Politiker, Landbesitzer und Schriftsteller, hatte ihr den Ausbruch aus der Enge der großbürgerlichen dänischen Welt vorgemacht: Er war in ganz Europa und Amerika zu Hause. Aufgewachsen auf einem dänischen Herrenhof und erzogen in der Aristokratie Kopenhagens, zieht Dinesen 1864 im Deutsch-Dänischen Krieg mit achtzehn Jahren als jüngster dänischer Offizier in die Schlacht von Düppel. Wenige Jahre später meldet er sich im Deutsch-Französischen Krieg zur französischen Armee und erlebt 1870/71 die Niederlage des französischen Heeres und dessen spektakuläre Flucht in die Schweiz. Nur wenige Wochen später wird Dinesen Augenzeuge des Aufstiegs und blutigen Falls der Pariser Kommune. `Feuer und Blut´ ist der erste Teil der zweibändigen Dinesen-Biografie, geschrieben von Dänemarks aktuell angesagtestem Sachbuchautor.-
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 1, 2017
ISBN:
9788711448885
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Über den Autor


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Feuer und Blut - Tom Buk-Swienty

wirklich?

Teil 1

Der Patriarch und sein Sohn

1

Knapp zehn Kilometer südlich des Provinzstädtchens Grenaa in Norddjursland erhebt sich in der Nähe des tosenden Kattegats ein altes, rostrotes, dreiflügeliges Renaissancegebäude mit Kellergewölben, Türmen, geschwungenen Giebeln und hohen Dachfirsten. Es liegt zwischen üppigen Buchenwäldern auf einer Insel mitten im See. Man gelangt zu dem Ort über einen schmalen Hohlweg. Gekrümmte Buchen säumen den Weg, schmiegen sich aneinander in verzweigten Umarmungen und bilden so einen dunklen Tunnel, der zu einem der schönsten Herrensitze Dänemarks führt, Katholm Gods.

Erbaut wurde das Herrenhaus und die dazugehörenden Wirtschaftsund Arbeitsgebäude Ende des 16. Jahrhunderts von einem Gutsherrn namens Thomas Fasti, einer gewaltigen Erscheinung, der im Kampf ein Auge verloren hatte. Mit großer Tapferkeit hatte Thomas Fasti an etlichen Kriegen teilgenommen, unter anderen an dem Siebenjährigen Nordischen Krieg von 1563 bis 1570. Aber nach zahlreichen Feldzügen und treuem Dienst unter dem kriegslüsternen Frederik II. hatte er das Gefühl, dass es Zeit wäre, ein Leben als Zivilist zu führen. Thomas Fasti war für seinen Einsatz im Krieg vom König reich belohnt worden, er besaß mehrere große Höfe und Güter in Djursland. Zu ihnen gehörte Katholm, das nahe am Kattegat im äußersten Osten der jütländischen Halbinsel lag.

Das heißt, Katholm Gods war zu dieser Zeit lediglich ein großer, schlichter Hof, den er von seinem Vater, Christian Fasti, geerbt hatte. Nun zu Reichtum und Ehre gelangt, war Thomas Fasti von der Idee besessen, dass dieser Ort die Krönung seines Lebenswerks werden sollte. In einer geradezu unverfrorenen Präsentation dessen, was er vermochte, ließ er auf der Insel im See zwei imposante, sehr moderne, zweistöckige Hauptflügel errichten. Im Jahr 1600 war der Bau vollendet.

Abgesehen davon, dass später noch ein weiterer Flügel gebaut wurde und fortlaufend Verbesserungen durchgeführt wurden, ruhte über Katholm Gods, wie dies für Herrensitze typisch ist, bald eine eigentümliche Aura der Unveränderlichkeit. Generationen kamen und gingen, während der Herrensitz einfach stehen blieb, wie ein alter, stolzer Mann, der seinen Blick in die Ferne richtet. Thomas Fasti selbst konnte nur neun Jahre auf Katholm Gods wohnen, bevor er starb. Aber es folgten neue Generationen. Im Laufe der Jahrhunderte war das Landgut als Wohnsitz in wechselndem Besitz von Gutsherren mit klangvollen aristokratischen Nachnamen wie Skeel, Sehested, Ramme, Trolle und Rosenørn. Einige dieser Gutsherren erwiesen sich als human, andere zeigten sich hart gegenüber ihren Zinsbauern. Manche verstanden sich auf die Verwaltung des Gutes, andere wiederum nicht.

Und es gab einiges zu verwalten. Zu Katholm Gods gehörten fast tausend Morgen Ackerland, Wiesen, Heideflächen, Dünen und Strand und ein ebenso großes Waldgebiet. Hierzu kam die Bodenfläche der Zinsbauern, rund gerechnet 3000 Morgen Land, die sich auf 14 Höfe und 10 Häuser im Dorf Høibjerg, 17 Höfe und 19 Häuser im Nachbardorf Aalsrode und sechs Höfe und vier Häuser in der benachbarten Gemeinde Hoed Sogn verteilten. Zum Umland des Landguts gehörte auch die hübsche Kirche der Gemeinde Aalsø. Wenn die Kirche frisch gekalkt war, schimmerte sie weiß durch die sanften Hügel, die sie umgaben.


Das hoch aufragende, rote Gebäude des Herrensitzes und die kleine Welt aus Agrarflächen, Wäldern, Dörfern und der Kirche, die sich um den Haupthof als Zentrum gruppierten, waren durchaus einer königlichen Familie würdig. So dachte zweifellos auch Wilhelm Dinesens Vater, der einunddreißigjährige Junggeselle und Artillerieoffizier im dänischen Heer, A.W. Dinesen, als er den Ort zum ersten Mal sah und 1839 den Herrensitz mit allem, was an Boden und Dörfern dazugehörte, kaufte.

Der neue Gutsbesitzer erinnerte in vieler Hinsicht erstaunlich an den Erbauer von Katholm, Thomas Fasti. Als Wilhelm Dinesens Vater nach Katholm kam, war er durch und durch Soldat. Hochdekoriert hatte er als Freiwilliger im französischen Heer 1837 im Kolonialkrieg in Algerien gekämpft. Er war zum Artilleriehauptmann befördert und mit der renommierten Tapferkeitsmedaille der Ehrenlegion ausgezeichnet worden. Wenige Jahre zuvor hatte das dänische Königshaus ihm als großzügige Anerkennung seiner Fähigkeiten als Offizier den Orden »Ritter des Dannebrog« verliehen.

Der junge Dannebrog-Ritter war das, was er seinem Äußeren nach zu sein schien: ein furchtloser Offizier. Groß und schlank, mit feurigem Blick aus tiefliegenden Augen, einem scharf geschnittenen Gesicht und einem überschäumenden, ruhelosen Temperament, das sein ganzes Wesen zu verkörpern schien. Aber wie Thomas Fasti knapp dreihundert Jahre früher kam auch er nach Katholm, um das wechselhafte Soldatenleben hinter sich zu lassen.


Wilhelm Dinesens Vater war ein Sohn des Gutsbesitzers Jens Kraft Dinesen und wurde am 27. Dezember 1807 auf einem der größten und wirtschaftlich solidesten Herrensitze des Landes geboren, dem Landgut Kragerup Gods in der Gemeinde Ørslev Sogn im Westen von Seeland. Der Junge wurde auf den Namen Adolph Wilhelm Dinesen getauft, aber in seinem späteren Leben als Erwachsener wurde er in der Regel A.W. Dinesen genannt. Er war das siebte Kind einer achtköpfigen Kinderschar und der drittälteste Sohn.

A.W. Dinesen gehörte einem Bauerngeschlecht an, das seinen Stammbaum bis ins Mittelalter zurückführen konnte, allerdings ließ sich mit den frühesten Ahnen nicht sonderlich prahlen. Sie waren einfache Zinsbauern gewesen. Erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Zinsjoch aufgehoben, als ein Ahne namens Jørgen Dinissøn sowohl Fronvogt als auch Pächter in der Gegend von Sorø werden konnte.

Jørgen Dinissøns ältester Sohn war Anders Dinesen. Mit ihm wurde »Dinesen« zum festen Familiennamen. Er wird als der eigentliche Stammvater des Dinesen-Geschlechts angesehen, und sämtliche Nachkommen, einschließlich A.W. Dinesen und Wilhelm Dinesen, nannten ihn als Ersten, wenn die Rede auf Leben und Taten des ganzen Geschlechts kam.

Anders Dinesen war ein ungewöhnlich heller Kopf, und lokale Wohltäter bezahlten ihm deshalb ein Universitätsstudium. Als Dreiundzwanzigjähriger war Anders Dinesen fertig ausgebildeter Jurist, im Jahr darauf wurde er Richter. Drei Jahre später wurde er Kanzleiassessor (d.h. juristischer Assistent in der öffentlichen Verwaltung).

Mit Geld, das vermögende Freunde ihm liehen, kaufte er in der Gemeinde Kirkerup nördlich von Roskilde das Gut Store Østrupgaard mit dazugehöriger Schule, sechs Bauernhöfen und elf Häusern. Der Einsatz lohnte sich. Er besaß, wie einer seiner Nachkommen es später nüchtern formulierte, »ungewöhnlich gute wirtschaftliche Fähigkeiten«. Anders war versessen auf seinen Erfolg, und die Expansion seiner Unternehmungen war damit noch längst nicht beendet. 1774 konnte er ein gewaltiges Stück Land erwerben, das der Krone gehörte – knapp 6000 Morgen Land, das der König, der in Geldnöten war, ihm zu einem günstigen Preis verkaufte. Zu dem Land gehörten 133 Bauern und 121 Häusler, eine Ziegelei, eine Meierei, Mühlen, mehrere Kirchen, Wälder, 200 Kühe, ein Dutzend Bullen, Pferde, Ochsen, Schafe und Obstplantagen.

Der Boden war fruchtbar, und am Rand der besten Äcker, der sogenannten »Goldäcker«, baute Anders Dinesen einen neuen Haupthof in klassizistischem Stil, der auf den Namen Gyldenholm getauft wurde. Damit war Anders Dinesen in ganz kurzer Zeit einer der reichsten Gutsbesitzer Dänemarks geworden und hatte einen schier unglaublichen sozialen Aufstieg geschafft. Aber trotz seines extremen Aufwärtsstrebens gelang ihm nicht die Erfüllung seines alten Traumes, in den Adelsstand erhoben zu werden. Dies war eigentlich die Absicht des Königs gewesen. Anders Dinesen starb, nur sechsundvierzig Jahre alt, und wurde ohne den ersehnten Titel eines Barons begraben. Nichts davon änderte jedoch etwas daran, dass er dem Dinesen-Geschlecht eine goldene Zukunft gesichert hatte.


A.W. Dinesens Vater, Jens Kraft Dinesen, war erst fünfundzwanzig Jahre alt, als er nach seinem verstorbenen Vater die Bewirtschaftung des Herrensitzes übernahm. Zu diesem Zeitpunkt war die Welt aus den Fugen geraten. Überall in Europa erregte die Französische Revolution die Gemüter. Besonders die brutale Klimax mit Maximilien Robespierres Terrorregime in Paris 1793–94, das nahezu 16 000 Bürger unter der sausenden Klinge der Guillotine das Leben kostete, löste Schockwellen aus. Unter den Hingerichteten befanden sich auch König Ludwig XVI. und Königin Marie Antoinette.

Die Fürsten der übrigen Großmächte in Europa verfolgten die Geschehnisse voller Entsetzen. Es herrschte die Furcht, der französische Volksaufstand würde sich ausbreiten und der Absolutismus könnte vor dem Fall stehen. Österreich, Russland, Preußen, Spanien, Portugal, Holland – selbst das Osmanische Reich – standen bereit, in Frankreich zu intervenieren.

Die neue französische Republik ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Im Gegenteil, sie ging in die Offensive und stürmte über die Schlachtfelder Europas, angeführt von einem jungen militärischen Genie namens Napoleon Bonaparte. Während eine Reihe von Kriegen große Teile Europas in Brand setzte, konzentrierte sich Jens Kraft Dinesen auf sein Leben als Gutsherr in einer bis auf weiteres friedlichen dänischen Monarchie. Als Landwirt und Geschäftsmann erwies er sich als genau so tüchtig wie sein Vater und schuf sich seine ganz eigene herrschaftliche Welt, als er Gyldenholm verkaufte und stattdessen 1801 nördlich von Slagelse das Gut Kragerup erwarb, ein stolzes Anwesen, das eine Atmosphäre dänischer Adelsmacht ausstrahlte. Hier, auf einem Herrensitz, dessen älteste Mauern aus dem 14. Jahrhundert stammten, hatten einst mächtige Männer wie Christian Friis, Kanzler König Christians IV., und Ove Juul, Vizekanzler und Vizestatthalter in Norwegen residiert.

Auch wenn es Jens Kraft Dinesen trotz geringer Erfolgsaussichten in einer von vernichtenden Kriegen geprägten Zeit gelang, sich die Welt eines grundsoliden Herrensitzes zu schaffen, trat er nicht »in die Fußstapfen seines kühnen Vaters, sondern führte das ruhige, behagliche Leben eines Gutsbesitzers«, wie einer seiner Nachfahren schreibt.

Jens Kraft Dinesens größte und gewagteste Eroberung scheint die Offizierstochter Ulrica Birgitte Christine Göring gewesen zu sein, die er 1795 heiratete. Sie kam aus einer bekannten deutschen Offiziersfamilie (war allerdings nicht verwandt mit dem berüchtigten Hermann Göring), die seit dem Ende des 17. Jahrhunderts dem dänischen König gedient hatte. Ihr Großvater war in königlichen Diensten gefallen. Ulrica brachte militärische Traditionen und ohne Zweifel auch Geschichten über kriegerische Taten mit in die Familie Dinesen, die bis dahin nur aus friedlichen Landwirten bestanden hatte. Diese Erzählungen und Geschichten über die mächtigen Männer des dänischen Hochadels, die einst auf Kragerup residiert hatten, wurden den Kindern zweifellos wieder und wieder erzählt. Erzählungen, die der drittälteste Sohn geradezu aufsaugte und von denen er geprägt wurde.

Im Gegensatz zu seinem Vater, Jens Kraft Dinesen, hatte dieser drittälteste Sohn, A.W. Dinesen, alles andere als ein ruhiges Gemüt. Er war, wie sein Großvater Anders Dinesen, nicht zu zähmen, um es mit einem Wort zu sagen.


Das Erbfolgegesetz schrieb vor, dass der älteste Sohn Gut und Boden erbte, und weil A.W. Dinesen nicht der Erbe von Kragerup war, schlug er, wie viele andere jüngere Brüder in aristokratischen Familien, eine militärische Laufbahn ein. Es war ein Weg, der sich anbot, auch weil durch seine Mutter Offiziersblut in die Familie gekommen war. Im Alter von nur zehn Jahren wurde A.W. Dinesen nach Kopenhagen auf einen militärischen Vorbereitungslehrgang geschickt. Er sollte der erste Offizier in der Dinesen-Familie werden.

2

A.W. Dinesens Kindheit und Jugend waren wesentlich von Krieg und Kriegswesen geprägt. Der unersättliche Eroberungsdrang Napoleon Bonapartes – bald Kaiser Napoleon – hatte Europa in diesen Jahren in einen nahezu dauerhaften Kriegszustand versetzt, wodurch sich der Doppel-Monarchie Dänemark-Norwegen mit ihrer relativ mächtigen Flotte keine Möglichkeit bot, neutral zu bleiben. Entweder stand man auf der einen oder auf der anderen Seite der kriegführenden Parteien.

A.W. Dinesens Geburtsjahr wurde für Dänemark zu einem annus horribilis. Im Spätsommer 1807 beschossen die Briten, die eine dänische Neutralität nicht akzeptieren wollten, Kopenhagen und erbeuteten die dänische Flotte. Ohne seine dreißig starken Linienschiffe und Fregatten hatte Dänemark jegliches machtpolitische Potenzial eingebüßt. Die stark geschwächte dänische Monarchie schloss ein Bündnis mit Frankreich. Diese Allianz brachte jedoch nur neues Unheil. Im Jahr 1813 musste die dänische Monarchie den Staatsbankrott erklären, und 1814 wurde sie gezwungen, Norwegen abzutreten. Mit äußerster Kraftanstrengung kämpfte Dänemark darum, diese Katastrophen zu überleben. So war es denn auch ein verwundetes, schwaches und ausgesprochen verarmtes Reich, in dem A.W. Dinesen aufwuchs.

Aber das Land verlor nicht seinen Selbsterhaltungstrieb. Nach dem Wiener Frieden von 1815 waren der dänische König und seine Minister fest entschlossen, dass Dänemark zumindest einen Teil seiner verlorenen Macht wiedergewinnen sollte. Es wurden große Pläne für den Wiederaufbau der Flotte geschmiedet, außerdem wollte der dänische Staat ein taugliches Heer, das im Kriegsfall auf 60 000 Mann verstärkt werden konnte. Man hoffte, mit einer solchen Truppenstärke eine erneute Katastrophe abwenden zu können, falls Dänemark wieder zum Spielball im Streit der Großmächte werden sollte.

Auch wenn die Größe des Heeres in Friedenszeiten bescheiden war, so spielte das wachsende Offizierskorps eine herausragende und sichtbare Rolle im gesellschaftlichen Leben Dänemarks. Außerdem war mit einer militärischen Karriere erhebliches Prestige verbunden.

Als A.W. Dinesen den militärischen Vorbereitungslehrgang abgeschlossen hatte, wurde er an die Artilleriekadetten-Schule aufgenommen, die sich in der alten Kanonengießerei, dem Gjethuset am Kongens Nytorv befand. Hier zeigte sich, dass Dinesen über ein glänzendes Talent für das Kriegshandwerk verfügte. Er wurde schnell befördert. 1823 wurde er Stückjunker (der niedrigste Offiziersgrad in der Artillerie), und 1827 war er bereits Leutnant.

Aber auch wenn A.W. Dinesen der geborene Soldat zu sein schien, hatte er bei Weitem nicht nur Pulver und Blei im Kopf. Er wuchs in einem Staat auf, in dem Kunst und Geistesleben wie in einer Art kollektiver Trotzhaltung gegen alle Zerstörungen durch die Napoleonischen Kriege blühten. Dänemarks Goldenes Zeitalter war angebrochen. Die Romantik, die sich überall in Europa Geltung verschaffte, hatte ihre Blütezeit in der Zeit der Napoleonischen Kriege und in den darauf folgenden Jahrzehnten. Sie durchdrang alle Genres der Kunst und Kultur – von Poesie, Literatur und Malerei bis hin zu Architektur, Philosophie und sogar den Naturwissenschaften.

Die Romantik suchte die Anmut, die Harmonie, das Große, das Schöne, das Vollendete, das Ideal, das Heroische und das Göttliche, die Inspiration und das Himmlische. Somit stand sie in scharfem Kontrast zu der gewaltsamen Zerstörung, Unruhe und Unsicherheit, die das Wüten der Napoleonischen Kriege hinterlassen hatte. Ungeachtet ihrer bescheidenen Größe vermochte die geschrumpfte dänische Monarchie eine lange Reihe glänzender Künstler, Denker und Naturwissenschaftler hervorzubringen: Bertel Thorvaldsen, C.W. Eckersberg, Adam Oehlenschläger, Hans Christian Andersen, Søren Kierkegaard, H.C. Ørsted und M.G. Bindesbøll, um nur einige wenige der bekanntesten zu nennen.

Die Pflege des Großen und Schönen durch die Romantik – und diese Hingabe an Kunst, Kultur, Poesie und Literatur – hinterließ einen tiefen Eindruck auf A.W. Dinesen. Er war nicht nur von dem Gedanken beseelt, ein unvergleichlich tüchtiger Offizier zu werden, sondern auch seinen Hunger nach Wissen und Bildung zu stillen. Und dafür gab es nur eine Möglichkeit: Er musste hinaus in die Welt.


In den folgenden Jahren unternahm der junge Leutnant mit Unterstützung des Heeres unzählige Reisen kreuz und quer durch Europa. Zum Teil waren es militärische Erkundungen, bei anderen handelte es sich um kulturelle Bildungsreisen. Die meisten Reisen unternahm er in Gesellschaft junger Aristokraten, besonders oft zusammen mit dem gleichaltrigen Offizier, Adligen und Kammerjunker Laurentius Neergaard.

Der junge A.W. Dinesen besuchte Preußen, Österreich, die Schweiz, das Rheinland, Holland, Belgien, Tirol und Sizilien; er unternahm etliche längere Rundreisen durch Frankreich und Italien, wo er sich besonders von Paris und Rom angezogen fühlte.

Für A.W. Dinesen war und blieb Paris die wunderbarste Stadt der Welt. Aber die denkwürdigste seiner vielen Jugendreisen war die Reise, die er zusammen mit Neergaard und dem jungen Schriftsteller Hans Christian Andersen im Spätsommer 1833 von Mailand nach Rom unternahm. A.W. Dinesen und Neergaard hatten in diesem Sommer zufällig in einem Hotel in Paris neben Andersen gewohnt und beschlossen, die Reise gemeinsam fortzusetzen. Mit Andersens Worten bildeten sie »ein nordisches Kleeblatt«.

An seine Schwester Augusta schrieb A.W. Dinesen zu Beginn der Reise, er und Neergaard wären »mit dem Poeten Andersen zusammengetroffen, der sich vermutlich glücklich preist, durch dieses für Banditen so berüchtigte Italien in Begleitung von zwei Militärs weiterzureisen, er ist nämlich ein großer Poet, aber ein sehr kleiner Held«.


A.W. Dinesen hatte vollkommen recht. Der Dichter bewunderte den männlichen Dinesen, und als sich ihre Wege einige Monate später in Rom trennten, schrieb Andersen in sein Tagebuch: »Wie viel habe ich doch von diesem jungen, entschlossenen Menschen gelernt, der mich in meiner Hingabe an ihn so oft verletzt hat – hätte ich doch seinen Charakter, auch mit dessen Fehlern! Lebwohl D!«


Auch im dänischen Heer war man auf A.W. Dinesen aufmerksam geworden. Bei seiner Rückkehr nach Dänemark wurde er zum Oberleutnant befördert und kurze Zeit später, erst siebenundzwanzig Jahre alt, zum Ritter des Dannebrog geschlagen. Im Frühjahr 1835 schickte man ihn nach Schweden, wo man ihn mit der Stellung eines Kontrolloffiziers in einer Kanonengießerei betraute. A.W. Dinesen hatte die Qualität der Kanonen zu kontrollieren, welche die dänische Artillerie hier kaufte. Außerdem sollte er bei etlichen Zeremonien in Stockholm Dänemark repräsentieren und schloss bei dieser Gelegenheit Freundschaft mit dem schwedischen Kronprinzen.

Aber A.W. Dinesens Hunger nach Erlebnissen und Wissen war noch längst nicht gestillt. Er sehnte sich danach, sich selbst bis an seine Grenzen zu erproben. Seinem Verständnis nach war dies gleichbedeutend mit großen Abenteuern. Und gab es für einen jungen, ehrgeizigen Offizier ein größeres Abenteuer, als in den Krieg zu ziehen? Seiner Ansicht nach auf keinen Fall, und so kam es, dass er sich an einem der ersten Apriltage des Jahres 1837 an Bord eines französischen Transport-Dampfschiffes mit Kurs auf Nordafrika befand, oder richtiger, mit Kurs auf die »Barbarei«, wie die Europäer es nannten.

Frankreich hatte sich in dieser Region, die später als Algerien bekannt werden sollte, auf einen Kolonialkrieg eingelassen. Die Araber waren indes nicht so leicht zu unterwerfen, und das französische Heer konnte tüchtige Soldaten und Offiziere aus ganz Europa als Freiwillige gut gebrauchen. In Paris nahm man A.W. Dinesens Angebot mit Freude entgegen, beförderte ihn zum Hauptmann der Artillerie und schickte ihn sofort weiter in einen brutalen Krieg, der in einer glühend heißen Landschaft am Rand der großen Wüste Sahara stattfand.

Trotz der schmählichen Niederlage der Franzosen in den Napoleonischen Kriegen rund zwanzig Jahre zuvor galt Frankreich noch immer als stärkste Militärmacht Europas, und die französischen Heere wurden als die besten der Welt angesehen. Gerade infolge der demütigenden Niederlage der vorigen Generation sehnte sich die französische Nation danach, die alte Größe vergangener Zeiten durch neue Eroberungen wiederzuerlangen. Größe durch Kriege zu gewinnen, mutige Taten auf Schlachtfeldern und Eroberungen hatten obendrein in der französischen Sprache eine ganz eigene Bezeichnung: la gloire.

A.W. Dinesen bekam all den Krieg und la gloire, die er suchte, und die vielen Abenteuer, die er unter dem fernen Himmel Nordafrikas erlebte, hatten aufgrund der arabisch geprägten Region einen Anstrich von Tausendundeiner Nacht. Aber weil A.W. Dinesen nicht die Hauptperson dieser Geschichte ist, sei hier lediglich erwähnt, dass er an zwei großen Feldzügen teilnehmen konnte. Auf dem ersten war er in Gesellschaft des legendären französischen Generals aus den Napoleonischen Kriegen, des Guerillaexperten Thomas Bugeaud. Dieser drang mit einem schnellen, beweglichen Heer von 10 000 Mann tief in die Wüste im südwestlichen Algerien ein und machte Jagd auf den arabischen Freiheitskämpfer Abd el-Kader, einen ungewöhnlich tüchtigen Strategen und Militärführer, und seine Tausende von Reiterkriegern. Tatsächlich sollte A.W. Dinesen in einem der gefährlichsten Momente seines Lebens Abd el-Kader von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Aber – wieder zurück nach Katholm.

Nach seiner Teilnahme an der schrecklichen und blutigen Belagerung der Festungsstadt Constantine im Südosten Algeriens – ein Kampf, der zum Fall der Stadt führte und Tausende von Menschenleben kostete, darunter auch das vieler Zivilisten – eilte A.W. Dinesen zurück nach Dänemark. Er kam als hochdekorierter Held nach Hause. Aber kurz nach seiner Ankunft überrumpelte er alle in seiner Umgebung mit dem Kauf von Katholm Gods und dem Vorhaben, künftig als Gutsherr auf dem Lande zu leben, anstatt seine militärische Karriere weiterzuverfolgen.

Die Begegnung mit den Arabern am Rande der Sahara hatte einen unauslöschlichen Eindruck bei A.W. Dinesen hinterlassen, und hierin liegt auch einer der Gründe dafür, dass er seine militärische Karriere nicht fortsetzte. Die Araber, die er als kultivierten, leidenschaftlichen und freien Menschenschlag schätzen gelernt hatte, hatten ihn dazu bewogen, einige der grundlegenden Werte der westlichen Zivilisation zu hinterfragen. Wo auch immer die Franzosen in Nordafrika auftauchten, hatten sie um sich herum Tod und Unheil verbreitet, und mit welchem Recht taten sie dies? Trotz seines Ungestüms und der Sehnsucht nach Kanonendonner, Ehre und Auszeichnungen hatte die Zerstörung, deren Zeuge er in der »Barbarei« geworden war, abstoßend auf ihn gewirkt. Er kam daher für sich persönlich zu dem Schluss, dass das Leben nicht nur aus geschwungenen Säbeln, Uniformen und la gloire bestehen konnte.

Er entdeckte, dass zum Leben auch die Magie gehört, die darin besteht, mit dem geschriebenen Wort zu arbeiten. Und so wurde A.W. Dinesen nicht nur der erste Offizier in seiner Familie, sondern auch ihr erster Schriftsteller. Die Handvoll Familienbriefe aus seiner Feder zeigen ihn als gut formulierenden Autor mit Gespür für malerische Details. So schrieb er zum Beispiel an seine Schwester Augusta von seiner Jugendreise durch Italien mit Hans Christian Andersen: »Als die Sonne unterging, drehten wir in einem kleinen Boot eine Runde auf dem See und genossen dies wie seit der Reise von Genua nicht mehr. Es ist ein seltsamer Anblick, wie der südliche Himmel die Berge dunkelblau färbt, und als die Sonne im See versank, stand alles in Flammen.«

Nach seiner Heimkehr aus Algerien beschloss A.W. Dinesen, über seine Erlebnisse in Nordafrika ein Buch zu schreiben. Es erschien 1840 unter dem Titel Abd el-Kader und die Beziehungen zwischen Franzosen und Arabern im nördlichen Afrika. In dem Buch demonstrierte A.W. Dinesen, dass er die scharfe Beobachtungsgabe eines guten Journalisten und Offiziers besaß. Während des Feldzugs hatte er sich fleißig Notizen gemacht. Außerdem hatte er über die vielen Kämpfe, in welche die französischen Truppen seit Anfang der 1830er Jahre gegen Abd el-Kader verwickelt waren, Dokumente und Zeugenaussagen von herausragenden Offizieren gesammelt.

Das Buch war eine Huldigung an die Araber und insbesondere an den Emir, der versuchte, die Araber im Kampf gegen die Franzosen zu einer gemeinsamen Nation zu vereinen. A.W. Dinesen beschrieb den Emir folgendermaßen: »Er führt seine Waffen und lenkt sein mutiges Streitross meisterhaft. Seine Bewegungen sind frei und leicht.«

Es war das erste Porträt von Abd el-Kader. Das Buch wurde ins Französische und ins Deutsche übersetzt und gilt bis heute als eine der Hauptquellen für den frühen französischen Kolonialkrieg in Algerien. Es ist allerdings schwierig zu entscheiden, ob A.W. Dinesen mit dem Buch noch andere Ambitionen verfolgte, als seine ungewöhnichen Erlebnisse in Algerien weiterzugeben und sich auf diese Weise auch als Zivilisationskritiker hervorzutun. Hatte er Ambitionen, ein Schriftsteller großen Stils zu werden?

Die einzige klare Antwort ist, dass er trotz seines stilistischen Talents kein Vollblutschriftsteller war. Dazu besaß er zu viel rastlose physische Energie und Handlungskraft, und dies ist wohl auch der entscheidende Grund dafür, dass er Gutsbesitzer anstatt General wurde. Ohne Zweifel fühlte er sich seinem Großvater, Anders Dinesen, stark verbunden, dem Gründer des Geschlechts. Denn mit dem Kauf von Katholm Gods gab der Artillerist A.W. Dinesen seinem Leben eine erhebliche Wendung, schließlich lagen Welten zwischen dem Kasernenleben in der Sølvgade in Kopenhagen und dem Leben als Gutsherr auf Katholm Gods.


Man weiß nicht, warum A.W. Dinesen ausgerechnet Katholm kaufte, das im Vergleich zu Seeland, wo er aufgewachsen war, und dem Kopenhagener Machtzentrum an der Peripherie lag. In den 1830er Jahren bis weit in die 1840er Jahre, in denen es in Dänemark noch keine Eisenbahnen gab und man die Belte typischerweise immer noch mit Segelschiffen überquerte, dauerte es viele Tagesreisen, um von der dänischen Hauptstadt in die abseits gelegene Region Djursland zu kommen. Mit Sicherheit allerdings wissen wir, dass er den gesamten prächtigen Herrensitz zum Spottpreis von 100 200 Reichstaler bekam, weil das Anwesen trotz seines charmanten Äußeren aus einer Konkursmasse stammte.

Es waren durchgreifende gesellschaftliche Umwälzungen, die den Preissturz und den wirtschaftlichen Niedergang von Katholm ausgelöst hatten. Durch die Landwirtschaftsreformen Ende des 18. Jahrhunderts sollte der Frondienst langsam abgeschafft werden, aber dieser Prozess kam aufgrund der internationalen Agrarkrise nach den Napoleonischen Kriegen 1804–1815 lange Zeit nicht richtig in Schwung. Für viele dänische Bauern war Fronarbeit bis weit ins 19. Jahrhundert Realität. Sie konnten es sich nicht leisten sich freizukaufen, und der Gutsbesitzer konnte es sich nicht leisten, den Grund und Boden zu günstigen Bedingungen zu veräußern. Überall in Europa, auch in Dänemark, mussten viele der in früheren Zeiten grundsoliden Güter zwangsversteigert werden.

Im Jahr 1813 wurde Katholm von einem Kaufmann aus der Gegend namens Herman Leopold Reiningshaus erworben, aber es gelang ihm nie, einen Kaufvertrag für das Grundstück zu bekommen, denn er war nicht einmal in der Lage, die Steuern für das Gut zu bezahlen. So ging das Gut in den Besitz des Staates über. 1818 kauften zwei Bürgerliche, die Schwäger Niels Jørgensen und Jacob Bergh Secher, Katholm. Fähige Männer, die beide, so wird in einer zeitgenössischen Darstellung hervorgehoben, Studenten waren. Sie machten sich mit Feuereifer an die Sache. Die Schwäger brachten die Bauern dazu, die zahlreichen versumpften Teiche, versandeten Heideflächen und mageren Wiesen in der Umgebung des Gutes urbar zu machen. Aber die Schwäger schwangen nicht nur die Peitsche, sie forderten von ihren Zinsbauern auch hohe Pachtzinsen, die sogenannte Landgilde.

Aus einem zeitgenössischen Bericht des Amtskreises geht hervor, dass »insbesondere auf Katholm Gods der Frondienst äußerst bedrückend ist ... die Bauern sind verarmt und in Mutlosigkeit verfallen, sie vermögen kaum, sich aus der Machtlosigkeit zu erheben, in die sie herabgesunken sind«. Nicht lange, und die Gläubiger klopften ans Tor. Die beiden Schwäger waren hoch verschuldet und konnten ihren Verpflichtungen nicht nachkommen. Katholm war erneut zu einem Konkursobjekt geworden und kam wieder in Besitz des Staates, der darauf wartete, dass eines Tages der richtige Käufer auftauchen würde. Und dieser kam in Gestalt von A.W. Dinesen.

Aber dennoch, 100 200 Reichstaler waren ein kleines Vermögen, und der Kauf eines Konkursobjekts ein etwas riskanter Einsatz, wenn man die immer noch erbärmliche landwirtschaftliche Konjunktur in Betracht zog. A.W. Dinesen, der den größten Teil des Geldes, das er nach dem Tod seines Vaters Jens Kraft Dinesen 1827 geerbt hatte, auf seinen vielen Reisen ausgegeben hatte, musste sich für den Kauf von Katholm obendrein bis über beide Ohren verschulden.


Wenn er sich Hoffnungen machen sollte, dem Landgut wieder auf die Beine helfen zu können, musste er sich ganz und gar darauf konzentrieren. Deshalb nahm er nach dem Kauf des Anwesens seinen Abschied vom Heer. So gesehen war A.W. Dinesen ein Glücksritter, und es erwartete ihn ein Ritt, den er gerade aufgrund der geringen Aussicht auf Erfolg in vollen Zügen und aus seinem ganzen Wesen heraus genießen sollte.

Auch wenn A.W. Dinesen nicht mehr auf der Soldliste des dänischen Militärs stand, sondern, wie man es nannte, à la suite gestellt worden war, schien dennoch mit dem Einzug des neuen, hyperaktiven, jungen Gutsbesitzers auf Katholm Gods tatsächlich so etwas wie ein General in die Gegend gekommen zu sein.

Und er kam nicht allein.

3

Der militärische Berater König Frederiks VI. während der Napoleonischen Kriege, der unverheiratete General und Gutsbesitzer Wolfgang von Haffner aus Egholm war einer der wohlhabendsten Männer des Reiches. Im Alter von einundvierzig Jahren schwängerte er die zwanzig Jahre jüngere Anne Margrethe Kaasbøl, Tochter des trunksüchtigen Sohnes eines Weinhändlers.

Als Fünfzehnjährige hatte die verarmte Anne Margrethe Kaasbøl durch die Hilfe guter Menschen Aufnahme in einem Pfarrhaus in Rønnebæk in der Nähe von Næstved gefunden. Die Frau des Pastors, sie hieß Wilhelmine Magdalena, war eine geborene »von Haffner« und die Schwester des Generals. Bei einem seiner Besuche bei seiner Schwester warf der mächtige General ein Auge auf die junge Anne Margrethe Kaasbøl.

Ihr erstes Kind, das nach dem Vater auf den Namen Wolfgang getauft wurde, wurde 1811 außerehelich geboren. Der Standesunterschied zwischen Anne Margrethe und dem General war so groß, dass eine Heirat der beiden undenkbar schien. Aber Anne Margrethe, eine charismatische Frau mit einem ansteckenden Lächeln, lebhaften Augen und einer auffallenden Willensstärke, bezauberte den General dermaßen, dass er sich zu dem Kind bekannte und sie als Geliebte behielt.

Was natürlich nicht ohne Folgen blieb. Im Jahr 1812 gebar Anne Margrethe einen Sohn, Wentzel, 1815 kam Vibeke Ragnhild zur Welt, im Jahr danach Waldemar und zwei Jahre später Dagmar Alvilde. 1821 gebar Anne Margrethe eine weitere Tochter, Thyra Valborg. Diese jüngste Tochter wurde nicht außerehelich geboren, denn zwei Jahre zuvor hatte der König allergnädigst dem alleruntertänigsten Ersuchen des Generals stattgegeben, dass er trotz seines standesmäßigen Fauxpas die Mutter seiner Kinder heiraten konnte.

Die beiden jüngsten Töchter des Paares, Alvilde und ihre kleinere Schwester Thyra, erregten aufgrund ihrer Schönheit in den Kopenhagener Palais auf den Bällen der Wintersaison großes Aufsehen. Später, als sie in ihren mittleren Jahren waren, faszinierten die beiden Schwestern ihre Umgebung mit ihrem schönen, schwarzen Haar; in ihrer Jugend allerdings hatten sie ein markant unterschiedliches Äußeres: Alvilde hatte Locken und war aschblond, Thyra hatte schon in ihren Jugendjahren glatte, dicke und rabenschwarze Haare.

Selbstverständlich bezauberten die beiden Schwestern auch jedermann, weil sie aufgrund des Reichtums ihres Vaters für jeden ehrgeizigen Freier als eine der besten Partien im Reich galten. Welchen sie letztlich wählen würden, war natürlich eines der großen Gesprächsthemen, wenn die Herrschaften der Stadt in den Ecken tuschelten und wisperten. Der Vater der Mädchen und Mann von Anne Margrethe, der große General Wolfgang von Haffner, starb bereits 1829, allerdings hatte sein ältester Sohn bereits sachkundig die Bewirtschaftung der Güter und Besitzungen des Vaters übernommen, zu denen neben dem Landgut Egholm Gods in Mittelseeland auch das Gut Holmegaard und ein kleineres Palais in Kopenhagen zählten.

Die Schwestern Alvilde und Thyra wählten außergewöhnliche Ehemänner. Thyra heiratete ganz standesgemäß den mit Abstand höchstrangigen Adligen, den etwas korpulenten, gutmütigen Lehnsgrafen Christian Emil Krag-Juel-Vind-Frijs til Frijsenborg, Dänemarks größten Grundbesitzer, allgemein bekannt als Graf C.E. Frijs. Damit wurde sie Lehnsgräfin. Über den Grafen und die Gräfin werden wir in diesem Buch später noch einiges mehr hören.

Alvilde dagegen hielt sich an Romantik und Abenteuer. Sie ließ sich von einem jungen, selbstsicheren, männlichen und etwas arroganten Artillerieoffizier und Charmeur betören, der mit exotischen Berichten von seinen arabischen Feldzügen in Nordafrika aufwarten konnte. Außerdem war er soeben Gutsbesitzer geworden und überzeugt, dass er eines Tages ein vermögender Mann sein würde.

A.W. Dinesen kaufte sich sozusagen gleichzeitig sein kleines Schloss und verliebte sich in die zweiundzwanzigährige Dagmar Alvilde von Haffner. Bis zu diesem Zeitpunkt war er ein rastloser Junggeselle auf ewiger Suche gewesen, und das nicht nur nach militärischen Erfahrungen, Abenteuern und Krieg. Genauso intensiv hatte er Jagd auf schöne Frauen gemacht, allerdings nie mit ernsthaften Absichten. Die Rolle des Verführers betrachtete er als natürliches Element seiner Männlichkeit.


Aber er spürte, dass der Kauf von Katholm eine Verpflichtung bedeutete und sein Leben belasten würde, daher beschloss A.W. Dinesen, sein hektisches Leben als Schürzenjäger aufzugeben. Zu einem Landgut gehörte eine Familie, und er war entschlossen, so schnell wie möglich eine Familie zu gründen.

Das Glück war ihm hold, als er Dagmar Alvilde begegnete. Sie war anmutig, hatte große, ausdrucksvolle Augen und war der berühmten Balletttänzerin Marie Taglioni zum Verwechseln ähnlich, die Dinesen wenige Jahre zuvor während eines Paris-Aufenthalts auf der Bühne der Oper bewundert hatte. In einem Brief nach Hause hatte er die Ballerina damals als Idealbild einer Frau bezeichnet. Jetzt hatte er seine eigene Idealfrau bekommen.


Eine passendere Frau als Dagmar Alvilde von Haffner, die aus einer der bedeutendsten Offiziersfamilien und einem der größten Gutsbesitzer-Geschlechter Dänemarks stammte, hätte sich A.W. Dinesen nicht wünschen können. Durch sein Aufwachsen auf dem Landgut Kragerup Gods kam er selbst, wie bereits erwähnt, von einem der reichsten Herrensitze in Dänemark, aber die Ehe mit der Tochter aus einer Großgrundbesitzer-Familie, die dem Königshaus so nahe stand, bedeutete eine weitere Stufe auf der Rangleiter nach oben. Der Romantiker und Connaisseur entschied sich für sie aus Vernunftgründen, aber auch weil sie einen so liebreizenden Anblick bot.

Dennoch ist Dagmar Alvilde von Haffner, die Mutter Wilhelm Dinesens, in vielerlei Hinsicht eines der Rätsel dieser Geschichte, weil wir so erstaunlich wenig über ihre Gedanken, Träume, Hoffnungen, Sehnsüchte und Lebensanschauungen wissen. Eine der wenigen schriftlichen Quellen, die aus ihrer Feder erhalten sind, ist ein kurzer Brief, den sie im Frühjahr 1840 schrieb. Der Brief zeigt, dass sie eine junge Dame war, die genau wusste, was sie wollte. In Kopenhagen war sie dem jungen, selbstsicheren Gutsbesitzer A.W. Dinesen begegnet, der alles verkörperte, was sich eine junge Frau mit Ambitionen in der damaligen Zeit erträumen konnte.

Er war eindeutig gewohnt, das, was er wollte, auch zu bekommen. Wie ein Soldat ging er vor, um Alvilde zu erobern, er belagerte sie mit seinem Charme und seiner Gesellschaft. Nach kurzer Zeit hielt er um ihre Hand an. Hier Alvildes Antwort auf den schriftlichen Heiratsantrag des jungen Gutsbesitzers A.W. Dinesen:

»Ich habe nicht lange gebraucht, um mich für etwas zu entscheiden, das längst schon klar vor meiner Seele stand, und das ich nun, nachdem ich Ihren Brief erhalten habe, Dinesen! ohne Vorbehalt einzugestehen wage, dass ich in grenzenlosem Vertrauen in Sie! meine Zukunft in Ihre Hände lege, davon überzeugt, dass nur dies mich zu meinem einzig wahren Glück führen kann. Gott gebe, dass ich stets das für Sie bleiben darf, Dinesen, was ich mir wünsche, und dass Sie niemals bereuen mögen, mich näher kennengelernt zu haben ... Sie werden sehnsüchtig erwartet von Ihrer, Ja!, Ihrer A.H.«

Alles schien sich also im Frühjahr 1840 für A.W. Dinesen zu einem positiven Ganzen zu fügen. Er war Gutsbesitzer geworden, würde heiraten, und ehe er sich versah, war das erste Kind unterwegs. Damit schuf sich A.W. Dinesen in kürzester Zeit seinen eigenen Zweig am Stammbaum des Dinesen-Geschlechts, die Katholmer Linie mit eigenem Wappen. Mit Fug und Recht konnte er sich bald als den großen Patriarchen dieses Geschlechts betrachten.

Von den Kindern, die Alvilde dem Paar schenken sollte, schien A. W. Dinesen seine größten Hoffnungen auf seinen Zweitältesten Sohn zu setzen. Dieser Sohn, der am 19. Dezember 1845 geboren wurde, würde nicht das Gut erben, denn dieses Recht stand bekanntlich dem ältesten Sohn zu. Aber dadurch eröffnete sich gerade für den zweiten Sohn die Möglichkeit, sich wie sein Vater mit eigener Hand etwas Großes zu schaffen. A.W. Dinesen erwartete, dass dieser Sohn ein furchtloser und risikofreudiger Eroberer werden würde.

Diesen Sohn benannte der Patriarch nach sich selbst. In seinem späteren Leben wurde er bekannt als Wilhelm Dinesen oder »Hauptmann Dinesen«.

4

Nahe dem Hohlweg, der nach Katholm Gods führt, steht ein Junge mit kastanienbraunem Haar, großen blauen Augen und wildem Blick im Gestrüpp. Man kann ihn vom Weg aus sehen, und Nachbarn, die den Hohlweg entlangfahren, um Katholm Gods zu besuchen, erkennen ihn sofort. Es ist der zweitälteste Sohn des Gutsbesitzers Wilhelm Dinesen. Der Wagen hält an. »Spring auf den Wagen, dann nehmen wir dich mit«, ruft einer der Passagiere ihm zu. Der Junge schüttelt den Kopf und antwortet: »Ich trockne!«

»Was tust du?«, fragt der Passagier.

»Ich trockne, ich trockne«, wiederholt der Junge und dreht sich um.

Erst jetzt sehen die Passagiere das flatternde Hemd und die Hose, die dem Jungen in den Kniekehlen hängt. Er hat sie heruntergezogen, weil er sich eingenässt hat – und jetzt steht er da, um Hose und Hemd im Wind trocknen zu lassen.

Die Geschichte über Wilhelm Dinesen, bei dem oft etwas in die Hose ging, wenn er durch die Wälder rings um das Gut streifte, der aber fremde Hilfe ablehnte und darauf bestand, selbständig zu sein, ist in der Familie Dinesen immer wieder erzählt worden. Diese Geschichte, oder vielleicht besser gesagt, Anekdote, gehört zu den relativ seltenen Berichten aus der Kindheit

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