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Endspiel

Endspiel

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Endspiel

Länge:
191 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 1, 2017
ISBN:
9788711444283
Format:
Buch

Beschreibung

Das Schicksal scheint verrückt zu spielen: Ein junger Mann verhindert den Mord an einer Frau und verliebt sich in sie. Alles könnte so schön sein, wäre da nicht dieses komische Gefühl, dass er nicht wirklich deuten kann. Die Frau hat etwas an sich, was er nicht ausstehen kann, was ihn aber gleichzeitig auch magisch anzieht. Um mehr über seine Gefühle und die Frau an seiner Seite herauszufinden, taucht er tief in die Vergangenheit seiner Auserwählten ein – eine Reise mit verheerenden Folgen, denn die Frau hat einige Leichen im Keller. – Ein hinreißender psychologischer Krimi, der den Leser von der ersten Sekunde in seinen Bann zieht.REZENSION"Nach zehn Büchern in Folge über die Familie Bundin startet der Verfasser mit 'Endspiel' eine Reihe psychologischer Kriminalromane, in denen der Mensch und dessen scheinbar irrationales Denken und Handeln in den Hintergrund gerückt werden und somit eine spannende Handlung entsteht." – www.tomelius.seAUTORENPORTRÄTJean Bolinder ist ein schwedischer Autor und wurde 1935 in Linköping geboren. Er schreibt unter anderem unter den Pseudonymen Elisabeth Schalin und Jesper Borgham. Bolinder studierte Universität von Uppsala und arbeitete viele Jahre beim Theater und Film. Als Schriftsteller ist er vor allem für seine Kriminalromane und Psychothriller bekannt.-
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 1, 2017
ISBN:
9788711444283
Format:
Buch

Über den Autor


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Endspiel - Jean Bolinder

Saga

1

Der linke Scheibenwischer war verbogen und verschmierte das Glas. Die Sicht wurde erschwert, unter den gelben Straßenlaternen wirkte alles wie schwarzes Öl. Der Asphalt war naß, schlüpfrig wie ein Strand nach einem Tankerunglück; schmelzende grauweiße Schneeflocken wirbelten wie niedergeschmetterte Seevögel in der Luft, eisklare Kristalle klebten an der Scheibe.

Das „Swisch-swisch" der Scheibenwischer bildete die Geräuschkulisse.

Schnee. Dunkelheit. Wasser. Dunst, den die Scheinwerfer durchschnitten.

Der Mann, der neben mir im Taxi saß, roch nach Nässe. Er trug eine schwarze Lederjacke über einem grauen Anzug. Blondes Haar und blonde Bartstoppeln. Um Mund und Kinn ein weicher Zug.

Er machte an und für sich keinen erschreckenden Eindruck. Aber er strahlte Verzweiflung aus. Das regte mich auf.

Manchmal sinne ich darüber nach, wodurch ein Mord im Taxi ausgelöst werden mag. Ob es nur davon herrührt, daß ein Kerl Geld braucht und beschließt, einen Taxichauffeur auszurauben, und so das erstbeste Opfer aussucht. Eine Lotterie also, wenn man Taxichauffeur ist. Man nimmt eine Menge Lose aus einer Trommel und wickelt eins nach dem anderen auf, bis man eins mit einem schwarzen Kreuz erwischt. Das bedeutet den Tod. Der Tod wartet auf einen in Gestalt eines Fahrgastes, der Geld braucht. Für Drogen oder Alkohol. Oder für sein Mädchen.

So kann es natürlich sein. Eine Solovorstellung. Der Mörder handelt, und das Opfer ist von Anfang an preisgegeben. Ich bin jedoch nicht sicher, ob es immer so sein muß.

Das nächstemal bin ich es vielleicht. Das nächstemal steht vielleicht das Taxi, das ich fahre, irgendwo auf einem Seitenweg, und ich sitze mit einer Kugel im Kopf über das Steuer gebeugt. Die Suche nach dem Mörder beginnt, und die Leute fragen sich beim Frühstück: „Wie ist denn das passiert?"

Ja, wie ist es passiert? War es eine Solovorstellung oder ein Dialog? Hatte der Kerl, der den Fahrer berauben wollte, gar nicht die Absicht gehabt, ihn zu töten? Trieb der Fahrer den Räuber dazu, ein Mörder zu werden? Wäre es nicht zu dem Mord gekommen, wenn der Fahrer die richtigen Worte gefunden hätte? Ein wenig diplomatisch gewesen wäre?

Manchmal frage ich mich, ob es wohl Menschen gibt, Taxichauffeure und andere, die einfach ermordet werden wollen. Vielleicht treiben sie unbewußt andere zum Mord. Oder soll man es Mithilfe zum Selbstmord nennen?

„Figge redet, wie er es versteht, sagen meine Kollegen, wenn ich meine Gedanken äußere. „Hat dich deine Mutter einmal auf den Kopf fallen lassen, als du klein warst?

Deshalb habe ich es mir abgewöhnt, über das zu reden, was mir durch den Sinn geht. Wie es zu einem Mord im Taxi kommen mag, darüber habe ich noch nie mit einem Menschen gesprochen. Die Kollegen würden sich wahrscheinlich an die Stirn tippen.

Der Blonde neben mir war am Norrmalmstorg zu mir eingestiegen. Er hatte dort gestanden und mit einer Zeitung gewinkt. Um halb zwei Uhr nachts. Er wollte nach Blackeberg gefahren werden: Sigrid Undsetsgata 3.

Er schwieg lange Zeit. Ich überlegte, ob er wohl etwas gegen mich plante. Ich überlegte auch, wie ich ihn behandeln müßte, um so billig wie möglich davonzukommen. Mit Freundlichkeit, dachte ich. Überlaß ihm das Geld und sei freundlich. Gib seinen Aggressionen keinen Sauerstoff, damit sie ja nicht aufflammen.

Ich hatte ein paar Tage mit Darmgrippe im Bett gelegen, und ich fühlte mich noch matt und angeschlagen. Infolgedessen war ich unlustig und ein wenig niedergedrückt. Vielleicht glaubte ich deshalb, er führe etwas gegen mich im Schilde. Bildete mir deshalb etwas ein.

Wir hatten ungefähr den halben Weg zurückgelegt, als er aus der Lederjacke ein großes Messer hervorzog. So einen Hirschfänger, den die Elchjäger benutzen. Er befühlte die Schneide und warf mir einen schrägen Blick zu.

Ich war vollständig eingeschüchtert. Noch nie in meinem fünfundzwanzigjährigen Leben hatte ich mich so gefürchtet. Ich wurde von dem wahnwitzigen Impuls erfaßt, mitten in der Fahrt abzuspringen, mich hinauszuschleudern auf die matschige Fahrbahn, nur weg von dem Kerl mit dem Messer. Was auch kommen mochte, bloß nicht das Messer. Lieber durch den Sturz auf die Straße sterben, als totgestochen zu werden.

Aber ich wollte überhaupt nicht sterben. Darum blieb ich im Auto.

„Damit werde ich ein Weibsbild erstechen, sagte der Mann unvermittelt. „Zu ihr sind wir jetzt unterwegs. Sie wohnt in Blackeberg, Sigrid Undsetsgata 3.

Schlimm, es gestehen zu müssen, aber meine erste Reaktion auf diese schrecklichen Worte war Erleichterung. Eine ungeheure Erleichterung, daß er es nicht auf mich abgesehen hatte. Das Messer sollte sich in einen anderen Menschen bohren, und Figge Höglund durfte weiterleben.

Auf einmal schämte ich mich. Wie selbstsüchtig von mir. Berührte es mich denn gar nicht, daß der Mann die Absicht hatte, eine Frau umzubringen? Und daß ich ihm dabei half, indem ich ihn zu ihr brachte?

„W-w-warum w-w-ollen Sie sie töten?" stammelte ich.

Er kniff die Lippen zusammen, als ob er nicht daran denke, Auskunft zu geben; doch dann redete er schnell und verworren, und ich merkte, daß er nach Alkohol roch.

„Das Weibsbild verdient es nicht anders. Margit Svensson heißt sie. Sie wohnt dort draußen mit ihrem kleinen Sohn. Sie war ... nein, so ist es nicht. Ich bin mit ihr gegangen. Sie war dumm, das merkte ich bald. Ach, was erzähle ich dir das alles ..."

Er holte Luft und schwieg eine Weile. Schließlich fuhr er fort: „Sie verpfiff mich bei der Polizei. Sie fand allerlei heraus. Und ich kam ins Untersuchungsgefängnis. Zuerst hatte ich nichts dagegen, im Knast zu landen, aber dann wurde ich verurteilt. Sie brachte lauter Anklagen vor, und ihr wurde mehr geglaubt als mir. Wenn die Polente einen erst in den Klauen hat, ist nichts mehr zu machen. Auch wenn man unschuldig ist. Also kam ich richtig ins Kittchen. Inzwischen ist sie nach Blackeberg umgezogen. Ich war noch nicht dort, aber ich habe sie angerufen. Was glaubst du, was da geschah? Ein Kerl meldete sich am Telefon. Ließ mich nicht mit ihr reden. Und da beschloß ich, zu ihr zu fahren und sie zu töten. Sie verdient es nicht anders."

Er schaute mich an. Offensichtlich erwartete er eine Antwort.

„Frauen können ... können teuflisch sein", sagte ich.

Er blieb stumm. Ich hatte das Gefühl, daß von mir noch mehr erwartet wurde.

„Ja, wirklich, beteuerte ich, „Frauen können uns das Leben sauer machen.

Die ganze Zeit überlegte ich fieberhaft, wie ich mich aus der Situation ziehen könnte, in die ich unversehens geraten war. Ich konnte ihn doch nicht zu der Frau fahren und zulassen, daß er sie umbrachte, und wenn ich mich weigerte, bekam ich das Messer selbst in den Bauch.

Es war wahrhaftig ein Dilemma. Aber Blackeberg näherte sich, und die Zeit wurde knapp.

„Es gibt unmögliche Weiber, plapperte ich weiter. „Und das schlimmste ist, daß man auf sie angewiesen ist.

„Die wird es abkriegen, knurrte er, „darauf kannst du Gift nehmen.

Mein Nacken war ganz steif, die Muskeln verkrampften sich. Alles kam mir unwirklich vor, es schien in weiter Ferne zu geschehen. Saß ich wirklich im Auto mit einem Mann, der eine Frau töten wollte?

„So meinte ich es nicht, antwortete ich mit unsicherer Stimme. „Es wird damit enden, daß Sie es abkriegen. Menschenskind, die Polizei wird Sie früher oder später schnappen. Ich kenne Fälle, wo man hätte meinen können, es würde ihr nicht gelingen. Die Polizei ist unmenschlich.

Das meiste von dem, was ich sagte, war erfunden, aber ich versuchte einen Ton anzuschlagen, der Verständnis verriet und ihn gleichzeitig zur Besinnung brachte und umstimmte.

„Dummes Zeug, entgegnete er und wandte mir das Gesicht zu. „Die Bullen sind ganz gewöhnliche Menschen. Gute und schlechte wie überall. Sie haben nichts Besonderes. Höchstens die Gefängniswärter. Und das kann ich dir sagen: Mir ist es ganz gleich, was aus mir wird. Ich bin fertig, verstehst du. Für mich gibt’s keine Zukunft. Meine Bauchspeicheldrüse ist hin. Dann muß man ohnehin bald ins Gras beißen. Begreifst du?

Ja, ich hatte begriffen. Er wollte nicht Vernunft annehmen, und ich sollte sein williges Werkzeug sein. Sollte ihn zu seinem Opfer fahren. Sollte ihm die Möglichkeit geben, Margit Svensson zu töten. Vor den Augen ihres kleinen Sohnes.

Wenn ich mich weigerte, bekam ich eben das Messer ab.

Ich hatte die Wahl zwischen ihrem und meinem Leben.

Manchmal hatte ich einen Alptraum. Dann stehe ich in einer langen Reihe vor einem Henker. Er sagt zu mir: Du kannst wählen, Figge. Entweder dein Leben oder das des Kindes dort.

Selbstverständlich wollte ich mich für das Kind opfern. Aber würde ich es auch im wirklichen Leben tun? Hätte ich den Mut, so zu wählen, wie es alle Menschen von mir erwarten würden?

Bisher bin ich nie in eine solche Lage geraten. Läßt mich meine angeborene Feigheit die Wahl so treffen, daß ich mir mein eigenes Leben erhalte, wenn ich wirklich vor die Entscheidung gestellt würde?

Mein Traum endet damit, daß ich mein Leben wähle. Der Henker grinst mich an, und das Kind beginnt zu weinen. Zwei kräftige Schergen ergreifen es und führen es fort. Ich fühle, daß ich zwar mein Leben gerettet habe, daß es aber ein unwürdiges, schmutziges Leben ist. Ein Leben, das nicht lebenswert ist.

Das Auto fuhr weiter über eine blanke Fläche. Die Scheibenwischer bewegten sich hin und her. Die lichtarme, ölige Luft wirkte kompakt. Es war der siebente Januar 1976. Der Morgen war noch weit entfernt, da es erst auf zwei Uhr zuging. Noch über sechs Stunden.

Wie wird mir zumute sein, wenn es hell ist? Was wird bis dahin geschehen sein? Mußte ich dann meine Handlungsweise verantworten? Handlungsweise? Es war ja, als ob ich gar nicht handelte. Ich saß nur da und fuhr. Brachte ihn zu einem Ziel, das immer näher kam.

Am meisten beunruhigte mich der kleine Sohn.

„Sie sagten, sie lebt mit ihrem kleinen Sohn zusammen, hob ich von neuem an. „Wie alt ist er?

„Sieben Jahre. Thomas heißt er."

„An ihn haben Sie wohl nicht gedacht? ich meine, mutterlos und ... Hat er einen Vater?"

„Misch dich nicht ein, sagte er leise. „Du sollst mich nur hinfahren. Keine Sorge, ich werde schon bezahlen, was es kostet. Glaubst du, ich hätte Vater und Mutter gehabt? Glaubst du, ich ..

Er starrte mich an. Sein Gesicht war kreideweiß. Die Hand umklammerte das Messer. Er war kein Mensch, mit dem sich vernünftig reden ließ. Jedenfalls konnte ich nicht die richtigen Worte finden, die ihn umgestimmt hätten.

„Ich mußte mir selbst helfen", murmelte er.

Mitleid, dachte ich, Mitleid wirkt vielleicht.

„Wie schrecklich, antwortete ich so gefühlvoll wie möglich. „Ohne Vater und ohne Mutter. Wahrhaftig, Sie hatten es nicht leicht. Konnten Sie sich denn selbst helfen und sich durchbringen?

Er antwortete nicht.

„Das muß verdammt schwer gewesen sein. Nicht jeder bringt das fertig. Dazu braucht man Kraft. Es muß schrecklich gewesen sein. Aber Sie haben es geschafft! Großartig!"

Ich fand selbst, daß meine Worte wie aus einem amerikanischen Roman klangen. Er konnte sie kaum schlucken.

„Geschafft! Was hab’ ich denn geschafft? Keinen Scheißdreck. Ich weinte, und ich machte ins Bett, als ich klein war. In der Schule und auf der Straße wurde ich von den andern Kindern gehänselt. Ich hab’ am Daumen gelutscht und später gesoffen. Nennst du das es schaffen? Du bist ja nicht bei Trost!"

Vorhin hatte er gesagt, er habe sich selbst helfen müssen, und nun wollte er es nicht gelten lassen, daß es ihm gelungen war. Er geriet von einem Extrem ins andere, und wahrscheinlich übertrieb er.

„Haben Sie bedacht, daß das, was Sie vorhaben, den Jungen in genau die gleiche Lage bringen wird?" fragte ich.

Plötzlich wurde er wütend. Er warf sich auf mich und hielt mir das Messer vors Gesicht. Der Wagen schlingerte, und ich sah kaum, wohin ich fuhr. Während ich mich zurückbeugte, versuchte ich auszukuppeln und zu bremsen. Infolgedessen machte der Wagen einen Ruck, und die Messerspitze traf mich an der rechten Seite der Nase.

„Das geht dich nichts an, hast du verstanden? Weiter!" Er ließ von mir ab, und ich bekam die Steuerung wieder in den Griff. Von meiner Nase rann Blut und kitzelte mich an der Backe.

Wortlos verlangsamte ich die Fahrt und bog ab. Wir befanden uns in Blackeberg, und bald mußte die Sigrid Undsetsgata kommen. Die Straßen waren fast manschenleer, und ich wußte nicht, was ich unternehmen sollte.

Am einfachsten war es wohl, ihn zum gewünschten Ziel zu bringen. Was er dann machte, das war seine Sache. Oder die der Polizei.

Jedenfalls hatte ich mich bemüht, ihn umzustimmen. Leider war es mißglückt.

Mit dem Menschen war eben nicht zu

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