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Peregrina
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eBook237 Seiten3 Stunden

Peregrina

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Über dieses E-Book

Peregrina, so nennt Eduard Mörike die junge Frau, die er 1823 in Ludwigsburg trifft und in seinen Gedichten verewigt. Das junge Mädchen, welches bereits mit 15 Jahren beginnt durch die Welt zu reisen, ist insbesondere für seine Schönheit bekannt. Die faszinierende junge Frau lässt den Dichter sein ganzes Leben lang nicht los. Doch was ist es, das die Peregrina so besonders macht?Utta Keppler (1905-2004) wurde als Tochter eines Pfarrers in Stuttgart geboren und wuchs dort auf. Sie besuchte die Stuttgarter Kunstakademie bis Sie die Meisterreife erreichte. 1929 heiratete sie und hat vier Söhne. Sie arbeitete frei bei Zeitungen und Zeitschriften und schrieb mehrere biographische Romane, meist über weibliche historische Persönlichkeiten, für welche sie ein intensives Quellenstudium betrieb.-
SpracheDeutsch
HerausgeberSAGA Egmont
Erscheinungsdatum26. Sept. 2017
ISBN9788711730515
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    Buchvorschau

    Peregrina - Utta Keppler

    weiter.

    1. Kapitel

    Die Wasserfälle

    In Schaffhausen waren die Häuser eng nebeneinander gebaut, geschachtelt und verfilzt, wenn man das von Häusern sagen könnte; manchmal paßte dieser Ausdruck sogar, wo Moos und Flechtwerk der übergreifenden Äste sich ineinander verfingen, unter denen die braunen Dächer spitz gegeneinander giebelten. Die kleinen gewölbten Scheiben boten sich gegenseitig ihre Geranien- und Petunienstöcke an, man sah herüber und hinüber, sobald man die Vorhänge zurückzog.

    Man sah, ob die sauber gewaschen und gestärkt waren oder etwa staubig vergilbt; man sah die umgestülpten Milchsatten und Krüge auf den Fensterbrettern und merkte, wie oft sie herausgestellt wurden, und man nahm im Herbst die Zwiebeln wichtig, zum Trocknen auf Schnüre gezogen, oder die Dörrbohnen, ordentlich aufgereiht, solang es nicht regnete oder fror.

    Jeder kannte den anderen, man hielt die Augen offen und verzeichnete gewissenhaft, ob die Frau vom Schneider in der Kirche gewesen war oder ob die vom Bäcker aussah, als wäre sie schwanger.

    Hinter den Häusern gab es Winkel mit Hasengittern, mitunter Ziegenverschläge, und ein paar Reichere hatten weiter draußen ihre breiten Höfe mit Kuhställen und Schweinekoben.

    Noch weiter, unter dem zitternden Luftschwall, am Wald zwischen den Baumschatten und -lichtem, brauste es dumpf; über der Flußbreite schwirrten verstörte Vögel, zwischen denen regenbogenfarbig die sprühenden Wirbel sich in Wolken hinaufwarfen über dem Fall, mächtig und unwirklich herunterbrechend, wie Donner und Gebrüll und eine Götterstimme, aus der der Tod schrie.

    Die Bürger hörten sie nicht, wenn sie sonntags mit Stöcken und roten Sonnenschirmchen, umwedelt von ihren Zwergspitzen, mit Schuten und faltigen Röcken die Frauen, mit taillierten Anzügen die Männer, Zylinder hebend, bartzwirbelnd, patriarchalisch und schwitzend heranspazierten. – Auch Kinder waren dabei, die Buben liefen voraus, die Mädchen in langen Röcken gingen an den Händen der Mütter, straff gescheitelt und stramm gezöpft.

    Da wandelte der Metzgermeister Meyer, ein würdiger Mann mit den Abzeichen der Bürgerwehr, deren Adjutant er war, und seine schnaufende Ehefrau mit den gedrehten steifen Locken neben den roten Backen. Sieben Kinder hatte sie, und vier davon liefen und zottelten da am Wasserfall vorbei. Eigentlich waren es elf! gewesen, vier waren klein gestorben, wie man das als unvermeidlich hinnahm.

    »Die Helene macht sich kräftig«, sagte der Papa zufrieden, »mit ihren zehn Jahren.«

    Später, mehr als ein Jahrzehnt danach, 1802, sah er das Mädchen grimmig an, und täglich grimmiger und zorniger, und die dicke Mutter schlich seufzend herum.

    Man beriet, ob man die »Husch« nicht wegtun solle, irgendwohin aus den Augen und weitab von den Mäulern der Verwandten und Nachbarinnen, ehe es soweit sei; aber dann ließ man sie doch da und versteckte die Hochschwangere in der Dachstube, und die Metzgersfrau – (»und ich komm’ aus dem ehrbarsten Geschlecht, und die Ermatinger waren schon um 1600 achtbar«) – holte sogar die Wehmutter, weil sie sich’s allein nicht zutraute, der Stöhnenden das rote schmächtige Kind aus dem Leib zu holen, das die Hebamme dann zutage brachte: Es war ein Mädchen, und als Vater gab Helene einen wandernden Weißgerbergesellen aus Dresden an, mit Namen Jakobus Fried.

    Man wußte nicht recht, wie und wo sie gerade an den geraten sei, und gemeldet habe er sich auch nie mehr, klagte die Alte.

    Die junge Frau nährte das Kind, jammerte viel, schob es in die Wiege, wenn es weinte, und nahm es selten genug liebevoll an sich; und da man es doch taufen mußte – der Pfarrer drängte darauf –, hieß man es Anna Maria nach der Großmutter, im Kirchenbuch als ein Winterkind eingetragen, am 27. Dezember 1802, unter dem Zeichen des Schützen und des Steinbocks, was nur die Großmutter im Gespräch erwähnte und der Pfarrer nicht, denn die Alte hatte von der flammenden spontanen Natur dieses Feuerzeichens Schütze gehört, die man dem pfeilschwingenden Sagittarius und seinen Zugeborenen nachredete, denn sie hatte früher bei einem gelehrten Mann gedient, der auch Astrologie betrieb.

    In den spitzgiebeligen Häusern klatschten und flüsterten die Weiber. Man nahm Helene nicht mehr zur Waschhilfe oder zur Gartenarbeit, man ließ sie nicht mehr zum Tanz in die angesehenen Wirtshäuser, und wenn sich andere als die Zugelaufenen um sie gekümmert hätten, das wäre eine Gnade und ein Wunder und allenfalls ein schnell unterlassenes Probieren gewesen: Die Helene war nun einmal in den Morast geraten und mit dem schmierigen schwarzbraunen Schlamm gezeichnet, der ihr immerfort anhing, nie mehr abzuwaschen …

    Drei Jahre alt war das Kind, dunkel und mit großen schräg geschnittenen Augen, lebhaft und unruhig, als die Mutter wieder niederkam, und zwei Jahre später wurde noch ein Geschwisterchen geboren, und jetzt galt die »Husch« als ganz Verlorene, man zwang sie ins Arbeitshaus, eine Zeitlang sogar ins Frauengefängnis, und ließ die Kinder der Großmutter, und als die starb und die kleine Maria nach der Mutter fragte, hieß es, von der könne man nicht reden, das sei eine Böse … Der Metzgermeister trat aus der Bürgerwehr aus, »sein Stolz sei gebrochen«, sagten die Leute und lächelten ein wenig hämisch dabei.

    Seine Frau traute sich kaum mehr auf die Straße, sie ließ die Magd – die war alt und hörte schlecht – das Nötige besorgen; der Laden verkam, die Kunden kauften beim zweiten Fleischer, manche ließen anschreiben und vergaßen zu bezahlen.

    Die Geschwister – im Dienst, in der Lehre, in der Schulklasse – hörten häßliche Schimpfereien und kamen heulend heim.

    Das Mädchen mit den drei Bastarden blieb in der Fremde, im Spinnhaus, im Gefängnis wegen Herumtreiberei, und ihr Kind, die Maria, inzwischen vierzehnjährig, schlich verstört in den Nachbardörfern herum.

    Sie schluckte den Haß der Mutter, kränkelte an den verbitterten Reden, die sie in kurzen Besuchszeiten im Gefängnis anhörte, haßte bald selbst alles Geordnete, Glänzende, Sichere, und saugte verbissen und wild die verlogenen Schönreden in sich auf, die man »Mitleid« nannte und mit denen ihre Mutter beleidigt und beschmutzt wurde, als sollte sie die abtun und verleugnen, aus der sie entstanden und herausgeboren war.

    Sie lernte, daß man die »regelrechte« Macht hinnehmen müsse und nicht ändern könne, die sie, wie die Mutter, ausschloß; sie lernte verachten und täuschen, hochmütig und unsicher zugleich, und sehnte sich danach, etwas Besonderes zu sein, das außer der Regel stand und Achtung erzwang bei denen, die sie jetzt wegstießen.

    Sie war, was die Burschen »schön« hießen, schlank, hochbusig, dunkelgelockt. Ihre Augen seien wie Kohlen, sagte man, und sie wische, geschmeidig und huschend, wie ein Nachtmahr an den Waldrändern vorbei.

    Dunkel und volltönig war ihre Stimme, sie hatte eine verzweifelte Sicherheit, von deren Ursprung niemand etwas ahnte, weil sie sich außerhalb fühlte und gefährdet und die Ungeborgenheit sie kühn machte wie jemand, der nichts zu verlieren hat.

    Wenn einer der Männer aus den Wirtschaften ihre starke Schönheit lobte, hieß es, sie sei dämonisch, eine Hexerische, und habe dunkle Kräfte. Wenn sie mitleidig und aus Spaß an ihrer Wirkung einem kranken Kind streichelnd Gesundheit ansagte, schrie die Mutter von Zauberei.

    Der Fluß rauschte durch die Morgendämmerung, Maria spürte seinen Geruch. Weit, schwebend wie die Luft, die darüberstand, atmend wie ein lebendes Wesen – ach, lebendig war er, aber das Unbegrenzte hatte doch seinen Rand, sein Ufer, an dem es leckte und im Frühjahr bockig stoßend sich brach, es war eingefaßt und an sein gegrabenes Bett gefesselt.

    Morgens war der Fluß am herrlichsten, als dämmere er drüben am anderen Rand kaum mehr irdisch in die Büsche und die schleifend hingezogenen Sträucher hinein und schwelle in seiner Mitte zusammen mit dem Spiegelbild des Wolkenhimmels, der in Schlitzen schon Blau anzeigte und streifiges rosiges Licht, im Strom als Funken tanzend.

    Himmelsspiegel und Fluß verschwisterten sich, redeten mit schwachen zwitschernden Lauten gegeneinander, mit dem rieselnden Tau von oben und dem aufspritzenden Gesprüh aus dem Wasser; und als die Lichtbündel durchbrachen, in breiten Strahlenbahnen, fing alles an zu funkeln, Luft und Wasser, und wer es sah, hätte singen müssen, schreien vor Freude, daß es dieses Spiel gab: Ineinanderstrahlen und sich auflösen und sich aufgeben und empfangen …

    Schmalere Wasserarme waren dem Strom zugelaufen, der hier schon breiter war; und wie er weiterzog, trug er starke Zuflüsse und vielerlei Spiegelbilder, die er eingetrunken hatte.

    Die Maria Meyer, die an seinem Ufer hinwanderte, sah ihn so – und sah ihn nicht. Sie nahm die frühe Lichtfarbigkeit wie eine Stimme auf, als verwischten sich Töne und Farben in eines.

    Sie hätte gern gesungen, aber man hätte sie vielleicht gehört und ausgelacht, denn sie war die Tochter der Husch und kein eheliches Kind; und war schon einmal im Findel- und im Bewahrhaus gewesen, wo sie von faden grauen, in jeder Regung »festgelegten« Leuten bewacht und eingeengt worden war.

    Sie war dort durchgegangen, suchte unterwegs Arbeit, diente bei Bauern, half in Wirtschaften, bis man von ihrer Schaffhausener Herkunft hörte oder sich aus ihrem Anblick und Gehabe etwas zusammendachte – dann jagte man sie weg.

    Sie ließ sich nichts anmerken, tat hochmütig, als hätte sie nur auf ihre Freiheit gewartet, und ging oft ohne Lohn, weil sie sich nicht demütigen mochte.

    Jetzt hatte sie kein Ziel, und es war ihr recht so. Sie war lang gewandert, hatte nichts gegessen, und die Schuhe schlappten ausgetreten um ihre bloßen Füße; eine Sohle hing weg und rieb bei jedem Schritt am Ballen, sie hatte sie festgebunden, aber die Schnur dann verloren.

    Maria setzte sich ans Ufer und sah der aufsteigenden Sonne zu, die jetzt die lang bekannten Formen und Farben, das Randgras und die Mauer, die Bäume mit den rissigen Stämmen und die dünnfiedrigen Blätterzweige heranholte, die Häuser dahinter und einen Weg, einen festgemachten Kahn, der schaukelnd wippte, und über ihr den blauen, gleichförmig hellen Himmel, kaum mehr bewölkt, ganz eben und alltäglich und ohne etwas Besonderes.

    So kam auch das Wasser jetzt daher, wenn sie sich hinunterbeugte, gewöhnlich, abgenutzt, schleppend, wie es ein paar große Blätter, verbogene Zweige, einen toten Vogel kreiselnd mittrieb.

    Das Gefühl des Gleichförmigen, Monotonen, das erschöpfend Wiederholte ärgerte sie, unwertes Gefolge des frühen Sonnenwagens leuchtend im Wechsel der lichtgelben, rubinenen, türkisfarbenen Strahlen, den sie eben erlebt hatte.

    Da suchte ihre Phantasie das Spiel aus sich selber wieder hervorzuholen, aus eigener Fähigkeit, und das Ebenmäßige, Gewöhnliche damit zu übermalen. Sie legte sich ins besprühte Gras und machte die Augen zu.

    Wolkenschiff, Traumbarke, es schwamm silberviolett, grünbewimpelt auf sie zu und über sie weg, Schatten riesiger weißlicher Vögel, Wolken, getüpfelt und gepunktet von quirlenden. Schmetterlingen, und jetzt eine schmale braune Fasergestalt wie ein Rauch, die aus ihrem Umriß in die Länge strebte, und um die her ein glühgelbes Gewinde und Geschlinge, enger und beengend.

    Maria wälzte sich unbewußt zur Seite und wieder auf den Rücken und stöhnte, sie biß die Zähne aufeinander, krampfte eine Hand ins Haar und die andere unter sich ins Moos, und erst als sie mit dem Gesicht ins nasse Gras kam, fuhr sie zusammen und, kreisend um sich selbst, wand sie sich auf die Knie und stemmte sich hoch.

    Sie war völlig erschöpft, als sie zu sich kam, feucht vom Schweiß hingen ihr die Haare in die Augen, sie hörte sich stöhnen und versuchte aufzustehen; aber dann legte sie sich ausgestreckt, die Hände neben sich, reglos unter einen Baum.

    Später erzählte sie – und wußte selbst nicht, ob sie träumte, schwindelte oder etwas Erlebtes angab –, ein Wirt aus dem Schwäbischen habe sie so gefunden und sei von Mitleid erfaßt worden. Jedenfalls hatte ein grauhaariger Mann, der sein Ruder im Fluß verloren hatte, sich an der Böschung kriechend zu schaffen gemacht und das liegende Weibsbild entdeckt. Vielleicht hatte er sie für eine Zigeunerin gehalten, ihr Schmutz und Armut angesehen und sie vollends aufgeweckt. Wahrscheinlich auch hatte Maria, weil sie einen Alten neben sich erkannte, nichts Blitzendes und Anmutiges darzustellen versucht, sondern auf sein Erbarmen gerechnet: Die Geordneten – und so muß er ausgesehen haben – hatten es ja lieber, wenn sie sich überlegen fühlen durften dem Verworrenen gegenüber, das sie hilflos glaubten. Das hatte sie gelernt.

    Danach war sie auf einem Gefährt, hinter sich das aufgebundene Boot, halbschlafend über die Landstraßen gefahren und hatte dann in einer schrägwandigen Kammer auf einem Strohbett ausgeruht.

    Sie hatte ihre Kleider geputzt und sich gerichtet und in der Gaststube des Wirtes Helm Mergenthaler in Ludwigsburg als Schankmagd geholfen.

    Gäste kamen, mehr als vorher.

    Sie geht gelassen, unnahbar, zwischen den ungedeckten Tischen herum, schenkt ein, bringt Brot, Würste, Butterballen, Käse, sie holt die Weinflaschen aus dem Keller. Wenn einer ihren Arm anfaßt, stößt sie die Hand weg. Sie sieht »glutäugig und ohne Ausdruck« – so sonderbar das zusammenstimmt – auf einen, der sie umschlingt, und er läßt los.

    Aber dann, unerwartet, draußen an der Hausmauer, streift sie einem anderen übers Haar, der wie verzaubert stehen bleibt, und sie greift nach seinem Halstuch, zieht es enger, fährt darunter an den Hals, streicht und reibt die Schultern, das Gesicht, und fällt dem in den Arm, der starr, traumverwandelt, wie ein Fieberkranker nach ihrer Hand faßt, um sie zu küssen.


    Ein paar Jahre zuvor saßen zwei junge Burschen an einem Fall – das war bei Urach im Württembergischen, und es war ein zierlicher Wassersturz, wenn sie ihn verglichen hätten mit dem urweltwilden Fall, an dem Maria geboren war.

    Der Wald lag dicht um sie her, Felsengetrümmer hinter und neben ihnen, grünes sattes Moos, kurzes dunkleres Gras. Und das Sprühen und Spritzen des schmalen steilen Katarakts dröhnte lauter als ihr Gerede, das manchmal nur ein Summen war, oder, wenn sie es bubenhaft wichtig nahmen, jähes Geschrei. Und dazwischen packten sie sich bei den Haaren und Schultern und lachten oder sangen und wiegten sich, als wären sie mit allen Sinnen in das Gebraus des schmalen Falles hineingeraten.

    Es waren junge Kerle, höchstens fünfzehnjährig, aus dem Uracher Seminar, sie hatten dort Theologie zu studieren, das einzig Rechte und Mögliche, da es Eltern und Lehrer empfohlen hatten, und ihre träumerische Empfindsamkeit sah Gottesgedanken und bunte Natur in eines, ob es nun System hatte oder wildwüchsig um sie hertrieb.

    Aus dem wuchernden Laubwerk brach eine helle Lücke auf, Lichtbündel, Sonnenbahnen, in denen Mücken tanzten, und zwischen dem winzig-blitzenden Gewirre schien es blau heraus, sommerlicher Azur, in dem gewölbte Wolkenberge schwammen, sich breit lagerten über den grauen, dunkler schattierten Felsbrocken, als wären’s ihre gemäßen Stühle.

    Die Burschen schwärmten, sangen schließlich, hieben mit Flitzgerten durch die Luft, sprangen den Hang hinunter zwischen kollernden Steinen und redeten Unsinn und dazwischen Lebensweisheiten, die sie aus ihren Schulstunden aufgenommen und hin- und herbedacht hatten, ahnungsvoll und kindlich und mit leuchtenden Augen.

    Man könnte sie jetzt reden lassen und »Mörike« und »Lohbauer« zueinander sagen, und sie beschreiben: Füllig und kräftig den einen mit wilden Haaren, die Lippen voll und rötlich glänzend; und feiner den anderen, mit hellen großen klaren Augen und einem Knabenschimmer um die hohe Stirn und etwas rührend Reinem im Gesicht.

    Vier Jahre sind vergangen seitdem. Aus dem Seminar, das noch viel klösterliche Disziplin und manchmal für die jungen Burschen unverständliche Strenge verlangt hatte, sind sie in den größeren Kreis der Universität umgesiedelt, auch in einen größeren Freundeskreis, in freiere Entfaltungen; aber darüber steht noch immer (und hier noch bewußter) die Stiftszucht im Blick auf die künftigen Pfarrherren, die als Vorbilder und lutherische Nachbilder herangezogen werden. In den Ferien fahren sie heim, die wenigsten leisten sich freilich einen Wagen und selten einer ein Pferd. Mörike ist nach Ludwigsburg gewandert, trifft da Freunde, sieht Mädchen, die ihm neu und wunderbar vorkommen, und Lohbauer nimmt ihn mit in die Wirtschaft des Helm Mergenthaler und zeigt ihm Maria.


    Das Licht über der Tischplatte flackerte im hängenden Leuchter. Alles war da – wie ein nächtlicher Melodienstrom – früheste Erinnerung und reife Ahnung, alle Sinne schlossen sich auf – Augen und Ohr, Gespür und Getaste – obwohl niemand ihn berührte, eine Wolke schien ihm um das Wesen zu schwellen, dunstig und verklärend, alle Töne, alle Gedanken, alle wehenden Bänder und webenden Rhythmen, und so – verzaubert, verschämt, verschreckt – zog er sich zurück, daß niemand seinen Augen ansehe, was er sah, und seiner Stimme anspüre, was sie zittern ließ. Er erstarrte bei ihrer Bewegung, dem stillen gesättigten Ausdruck, einer Wendung des Kopfes, des Halses, noch ehe sie ihr Gesicht preisgab, und in dem Nebel seiner Betroffenheit sprang ein funkelndes Leuchten über, das aus ihren Augen kam, und der Bursche neben ihm sagte:

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