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Die Schwarze Rosa

Die Schwarze Rosa

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Die Schwarze Rosa

Länge:
256 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
23. Jan. 2021
ISBN:
9783946086512
Format:
Buch

Beschreibung

Die Schwarze Reichswehr – illegale Truppen, offiziell geleugnet, aber während der Weimarer Republik heimlich von Teilen der Reichswehr und der Regierung unterstützt.
1923 planen die paramilitärischen Einheiten dann den Marsch auf Berlin. Im Zentrum der Ereignisse findet sich Rosa wieder, deren Verlobter Paul Schulz Organisator der Schwarzen Reichswehr ist und ihren Bruder Erich tief in deren Machenschaften verwickelt.
Wie konnte es dazu kommen? Rabisch schildert einfühlsam, wie aus der lernbegierigen Tochter einer armen Weberfamilie eine junge Frau wird, die den nationalistischen Welterklärungen ihres Verlobten verfällt und die schließlich sogar die Fememorde ihres Bruders rechtfertigt. Ein Roman, der zu einer persönlichen Aufarbeitung wurde, denn die Schwarze Rosa war Birgit Rabischs geliebte Großmutter, von deren Vergangenheit sie erst nach deren Ableben erfuhr:
„Mein familiärer Abgrund liegt im Vorher, in der vermeintlich harmlosen Zeit der Weimarer Republik. Aus diesem Vorher ist das monströse Nachher erwachsen.“

„Rabischs persönliche Aufarbeitung einer unrühmlichen Vergangenheit ist interessant und eindrucksvoll.“
Natascha Olbrich, 3sat

„Rabisch zeigt, dass der Nationalsozialismus nicht als brauner Spuk vom Himmel fiel, sondern seine Wurzeln in der Weimarer Republik hatte.“
Frankfurter Neue Presse
Herausgeber:
Freigegeben:
23. Jan. 2021
ISBN:
9783946086512
Format:
Buch

Über den Autor

Birgit Rabisch studierte Soziologie und Germanistik und lebt als Autorin in Hamburg. Sie hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter den utopischen Roman »Duplik Jonas 7« (als E-Book bei duotincta), der zum Bestseller und Standardwerk für den Schulunterricht zum Thema Gentechnologie avancierte. Bei duotincta sind die Romane »Die vier Liebeszeiten«, »Wir kennen uns nicht«, »Putzfrau bei den Beatles« und »Die Schwarze Rosa« erschienen.


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Buchvorschau

Die Schwarze Rosa - Birgit Rabisch

verlag duotincta

Birgit Rabisch - Die Schwarze Rosa

Über die Autorin

Birgit Rabisch studierte Soziologie und Germanistik und lebt als Autorin in Hamburg. Sie hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter den utopischen Roman »Duplik Jonas 7« (als E-Book bei duotincta), der zum Bestseller und Standardwerk für den Schulunterricht zum Thema Gentechnologie avancierte.

Bei duotincta sind neben »Die Schwarze Rosa« die Romane »Die vier Liebeszeiten«, »Wir kennen uns nicht«, »Putzfrau bei den Beatles« und »Unter Markenmenschen« erschienen.

Eingangszitat

„Wo gehobelt wird, da fallen Späne" ...

Psychologisch ist diese Gesinnung die beste, ja die einzig mögliche Vorbereitung für das Leben unter Verhältnissen, die vom Terror bestimmt sind. Denn in ihr hat man bereits den besten Freund, den beliebtesten Menschen und auch sich selbst als mögliche Späne für das erhaltene Hobeln von Natur und Geschichte erkannt und geopfert.

HannahArendt Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft

Vorwort zur Neuveröffentlichung

Mein Roman „Die Schwarze Rosa" hat schon eine lange Geschichte hinter sich.

Meine Recherchen zum Leben meiner Großmutter Rosa Krause, geb. Klapproth, begannen 1987, also in der Prä-Internet-Ära, als es wesentlich spannender war als heute, an Informationen zu kommen, Dokumente aufzustöbern und seltene Bücher in entlegenen Bibliotheken zu finden. Zuerst habe ich nur aus privatem Interesse geforscht, dann entwickelte sich die Idee zu einem Roman, der in seiner Ursprungsfassung sehr vom hier vorliegenden abweicht. Er handelte unter dem Titel „Hannah Rosa von meinen beiden Müttern: meiner Großmutter Rosa als meiner sozialen Mutter, der Frau, die mich großgezogen hat, und Hannah Arendt als meiner geistigen Mutter, deren Werk und Leben mein Denken stark geprägt hat. Es reizte mich, diese zwei Frauen einer Generation, die man sich unterschiedlicher kaum vorstellen kann und die mit ihrem Leben zwei entgegengesetzte Stränge der deutschen Geschichte verkörpern, ineinander zu spiegeln. Leider fand sich kein Verlag, der sich auf das Wagnis einer so ungewöhnlichen Doppelbiografie einlassen mochte. Die wenigen Lektoren, die sich im Werk Hannah Arendts auskannten (sie ist erst im letzten Jahrzehnt geradezu populär geworden), wollten „ihre Hannah Arendt pur haben, und für das Leben einer Unbekannten, die in die „Schwarze Reichswehr (Was sollte das sein? Nie gehört!) verstrickt war, interessierte sich erst recht niemand. Nachdem ich mich mit anderen Projekten beschäftigt hatte, die dann auch veröffentlicht wurden, habe ich mich viele Jahre später noch einmal mit dem Stoff beschäftigt und diesmal nur das Leben meiner Großmutter zu einem Roman gestaltet. Dieses Manuskript hat der zu Klampen-Verlag 2005 unter dem Titel „Die Schwarze Rosa – Eine Frau in der Weimarer Republik veröffentlicht.

Die Resonanz war für mich sehr erfreulich, die Situation, in der das Buch rezipiert wurde, aber eine deutlich andere als heute. Wenn ich jemandem erzählte, in meinem Roman spiele die „Schwarze Reichswehr eine wichtige Rolle, blickte ich in verständnislose Gesichter. Natürlich war es mir, bevor ich mit meiner Recherche über das Leben meiner Großmutter angefangen hatte, genauso ergangen. Ich hatte viele Bücher über die Zeit des Nationalsozialismus gelesen, aber nur wenige über die Weimarer Republik und selbst in denen fand sich kaum etwas über die „Schwarze Reichswehr.

Wenn ich heute dieses Stichwort fallen lasse, leuchten dagegen bei dem einen oder der anderen die Augen und es fallen Sätze wie:

„Ach ja, darüber hab ich doch was in „Babylon Berlin gesehen!

Auch wenn wir Büchermenschen es nicht gern wahrhaben wollen: Erst wenn sich die Massenmedien eines Themas annehmen, gewinnt es die Aufmerksamkeit vieler Menschen. Das war in Deutschland 1979 mit der im deutschen Fernsehen ausgestrahlten Film-Serie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss so und das ist auch jetzt mit der Serie „Babylon Berlin so, die 2017 auf Sky und 2018 in der ARD lief. Natürlich hatten schon die Bestseller-Krimis von Volker Kutscher um den Kommissar Gereon Rath, der im Berlin der Weimarer Republik ermittelt, diese Zeit für die Leserinnen und Leser seiner Bücher wieder lebendig werden lassen. Aber erst die Verfilmung des ersten Bandes „Der nasse Fisch unter dem Titel „Babylon Berlin, in dem die „Schwarze Reichswehr" eine zentrale Rolle spielt, zerrte dieses illegitime Kind der Reichswehr aus dem Dunkel der Vergessenheit in das Licht einer breiteren Öffentlichkeit.

Das gestiegene Interesse an der Weimarer Republik heute liegt aber natürlich vor allem am Erstarken rechtspopulistischer bis rechtsradikaler Parteien und der Wahl nationalistischer Politiker weltweit. Wir fragen uns erschreckt: „Wie kann das sein? Und trotz der vielen Unterschiede zwischen der ersten und der zweiten Demokratie auf deutschem Boden lohnt sich die Beschäftigung mit den Kräften, die damals die Weimarer Republik erst aushöhlten und sie dann zu Fall brachten. Diesen Kräften spüre ich in meinem Roman nach. Ich folge meiner Hauptperson Rosa von ihrer Geburt an über viele Stationen ihres Lebens, bis sie sich auf einen Pfad begibt, auf dem sie andere Menschen als Späne betrachtet, die beim Hobeln für die vermeintlich gute Sache nun mal anfallen. Insofern ist das am Anfang dieser Neuveröffentlichung abgedruckte Zitat Hannah Arendts nicht nur eine kleine Reminiszenz an mein ursprüngliches Projekt „Hannah Rosa, sondern war tatsächlich mein Leitmotto beim Schreiben von „Die Schwarze Rosa".

Prolog

Ich habe neunzehn Jahre mit der Schwarzen Rosa zusammengelebt, ohne von ihr zu wissen, ohne diesen Namen aus einer früheren Epoche ihres Lebens zu kennen. Ich nannte sie tagaus, tagein, in allen Tonlagen, mal laut, mal leise, zärtlich, fordernd, trotzig, bettelnd: Oma.

Solange ich sie kannte, begegnete sie dem Leben mit ernster Miene. Seltsam, dass dennoch jeder, den ich später nach ihr befragte, seinen Eindruck von ihr mit einem Eigenschaftswort beschrieb, das von Herz abgeleitet war: herzlich, herzensgut, herzenswarm, aber auch beherzt und herzerfrischend. Diese Eigenschaften haben sich anders mitgeteilt als durch Lächeln: durch Taten. In der Nachbarschaft verließ man sich ganz selbstverständlich auf Oma Rosas Hilfsbereitschaft. Sie versorgte die Kinder, wenn eine Mutter krank war, sie besprach Warzen und linderte Krankheiten mit ihren selbstgesammelten Kräutern, sie pflegte den einen Nachbarn nach seinem Schlaganfall, sprach mit dem anderen, der seine Frau im Suff schlug, ein ernstes Wörtchen. Viele Worte machte sie jedoch nicht.

Ich wuchs bei ihr auf, weil meine Eltern beide berufstätig waren. An der Wand in Omas Wohnzimmer hing ein schwarzumrandetes Foto mit einer Hängevase davor. Dieser junge Mann in Uniform, in dessen ernst blickende Augen ich jeden Tag sah, war ihr Sohn Heinrich, der als 19-jähriger im Krieg gefallen war. Er tat mir furchtbar leid, weil er so früh hatte sterben müssen. Oft, wenn ich Löwenzahn oder Wiesenschaumkraut in die Vase quetschte, stand Oma neben mir und seufzte:

„Es sind immer die Besten, die jung sterben müssen."

Ich sah meine Großmutter jeden Tag, ohne sie wirklich sehen zu können. Sie war noch ganz Bestandteil meiner Innenwelt, war das, was seit Anbeginn meiner Wahrnehmung schon immer da war, die unverrückbare Konstante meines Lebens – keine Person, die ich von außen hätte betrachten können. Sie war meine Wärme und meine Sicherheit, mein Essen und Trinken, mein Halt und mein Wegweiser.

Außer mir gab es noch einen Menschen, der sie Oma nannte, - der Mann, den ich Opa nannte. Aus meiner kindlichen Sicht war er ein gutmütiger, alter, abgemusterter Seebär, der mit seinen strahlend blauen Hans Albers-Augen herrlich abenteuerliches Seemannsgarn spinnen konnte, morgens lange schlief und ab dem Nachmittag nie da war. Da ging er mal kurz an die Küste, was so viel hieß wie: in die nächstbeste Kneipe. Dass er ein Säufer und Spieler war, der auch nicht davor zurückscheute, den Ehering seiner Frau und ihren einzigen Mantel zu versetzen, um seine Spielschulden zu bezahlen, wusste ich als Kind nicht. Oma sprach nie darüber. Ich bekam nur mit, dass sie ihr Haushaltsgeld immer versteckte: in Kaffeekannen, Zuckerdosen, leeren Pralinenschachteln.

Meine Erinnerung sieht meine Großmutter nicht als Standbild, sondern als Film, weil sie immer in Bewegung war. Sie trug stets eine Kittelschürze, ihre langen Haare, die alle Abstufungen von Grau präsentierten, hatte sie zu einem Knoten geschlungen, ein Haarnetz darüber gestülpt und ihn mit Haarklammern am Hinterkopf befestigt. Erst als Tote habe ich sie ohne ihren Dutt gesehen. Sie war nicht sehr groß, schlank, ihr Gesicht durchzogen von Fältchen, die hohe Stirn, fast geteilt durch eine senkrechte Falte, wäre bei einem Mann als Denkerstirn beschrieben worden, die Augen schienen immer alles gleichzeitig im Blick zu haben.

Für mich veränderte sie sich nicht, obwohl sie neunzehn Jahre neben mir alterte. Für mich blieb sie von meinem Anfang bis zu ihrem Ende: eine alte Frau, deren Hauptaufgabe darin bestand, für mich zu sorgen. Dass sie auch einmal eine junge Frau gewesen sein musste und ihr Leben sich um etwas anderes als mich gedreht hatte, lag außerhalb meines Vorstellungsvermögens.

Omas beste Freundin war Liesbeth, die ich Tante Liesbeth nannte, obwohl wir nicht verwandt waren. Mit ihr teilte sie ihre kleinen Geheimnisse – und ein großes, wie ich dann sehr viel später herausfand.

Liesbeth lebte ganz in der Vergangenheit, weinte ihrem verlorengegangenen Pommernland nach, sprach immer wieder von den wogenden Weizenfeldern, vom Erntefest und den Osterbräuchen und was für eine fesche Magd sie doch gewesen sei, damals, auf dem Bauernhof von Oma Rosas Eltern.

„Da hausen jetzt die Pollacken", holte Oma sie dann in die Gegenwart zurück und wollte nichts mehr hören.

Für Zärteleien hatte Oma nur Verachtung über, aber sie schlug mich auch nie. Erst nachträglich begriff ich, wie außergewöhnlich dies in der Nachkriegszeit war. Ich war das einzige Kind in der gesamten Nachbarschaft, das nicht geschlagen wurde. „Aber Ohrfeigen kriegst du doch?", fragten die anderen Kinder, und wenn ich verneinte, schauten sie mich verständnislos an.

Ich wurde auch nicht ständig von ihr ermahnt, dies zu tun und das zu lassen. Ich durfte meine eigenen Erfahrungen sammeln. Nur an eine einzige eindringliche Mahnung erinnere ich mich überdeutlich. Am Tag meiner Einschulung gab sie mir ihr Geleitwort fürs Schulleben mit auf den Weg:

„Du gehörst jetzt zu einer Klassengemeinschaft. Du musst alles tun, was die Lehrerin sagt, verstanden? Aber wenn einer von deinen Klassenkameraden was Schlechtes getan hat, egal was, und du sollst sagen, wer das war – das darfst du nicht tun, hörst du, niemals! Einen Kameraden zu verraten, das ist das Schäbigste überhaupt!"

Ich gab leichthin mein großes Ehrenwort, niemals eine Petze zu werden.

Je älter ich wurde, desto mehr rückte Oma für mich in den Hintergrund. Sie war immer da, sie sorgte für mich, aber sie mischte sich kaum in mein Leben ein. Ich beschäftigte mich mit meinen Freundinnen, mit der Schule; sehr früh wurden Bücher für mich wichtig und mit der einsetzenden Pubertät natürlich die Jungs. Während viele Mütter ihre heranwachsenden Töchter eindringlich vor den Gefahren warnten, die von diesen Wesen ausgingen, warnte Oma mich vor etwas anderem:

„Wenn ich dir einen Rat für dein Leben geben darf: Lass die Finger von der Politik! Ich weiß wohl, es sind immer gerade die Weltverbesserer, die es in die Politik zieht, aber die Welt wird es dir nicht danken. Die Welt will nicht verbessert werden, die Welt will betrogen werden. Überlass die Politik den Lauen! Die Lauen schwimmen in dieser morastigen Brühe immer obenauf. Die ehrlichen Seelen saufen ab. Tu mir die einzige Liebe und halte dich von der Politik fern! Die hat genug Unglück in unserer Familie angerichtet."

So viele Worte aus ihrem Mund hatte ich bis dahin noch nie gehört. Verblüfft fragte ich nach:

„In unserer Familie? Wieso das denn?"

Sie bewegte die Lippen, als ob sie etwas sagen wollte, doch dann griff sie zu ihrer abgekauten Zigarettenspitze, zündete sich eine Zigarette an, inhalierte tief und schaute nicht mehr mich an, sondern den Abreißkalender an der Wand.

Als ich elf war, bauten meine Eltern ein Haus in einem kleinen Dorf, in das meine Großeltern und ich mit einzogen. Gleich nach meinem Abitur ging ich zum Studium nach Hamburg und von da an sah ich meine Großmutter nur noch bei meinen Besuchen zu Hause. Im Gegensatz zu meinen Eltern störte es sie überhaupt nicht, dass ich in einer Kommune hauste. „Junge Menschen müssen sich die Hörner abstoßen", war ihr Kommentar.

Am 2.7.1975 blieb sie in ihrem Lehnstuhl sitzen und stand nicht wieder auf. Ich war vollkommen verwirrt, als meine Mutter es mir am Telefon berichtete, und konnte es nicht fassen, dass Oma einfach so aus meinem Leben verschwand. Aber mein Leben ging weiter und ich behielt meine Großmutter in dankbarer Erinnerung.

Erste Kratzer bekam mein Oma-Bild erst zwölf Jahre später, einen Tag nach der Beerdigung meines Großvaters. Ich saß bei meiner Mutter im Wohnzimmer und sie überreichte mir einen Schuhkarton. Als ich den Deckel abhob, sah ich als Erstes in die ernsten, ein wenig traurigen Augen, die über meine Kindheit gewacht hatten. Heinrich sah mich aus dem schwarzgerahmten Foto an, Omas ewiger, in ihrem Herzen unsterblicher Sohn. Ein leises Schuldgefühl regte sich in mir, denn ich hatte ihr leichtfertig versprochen, dieses Bild nach ihrem Tod entweder bei mir aufzuhängen oder es zu vernichten. „Außer mir bedeutet es sowieso niemandem etwas", hatte sie gesagt und ich hatte ihr widersprochen:

„Doch, mir! Du hast mir so viel von ihm erzählt, dass es mir vorkommt, als hätte ich ihn gekannt."

Aber dann fand ich an der Wand in einer meiner Wohngemeinschaften keinen Platz für ihn. Wie hätte ich den jungen Mann mit den Hakenkreuzen auf den Uniformaufschlägen neben Che Guevaras Porträt und Picassos Guernica hängen können? Vernichten mochte ich das Bild aber auch nicht. So überließ ich es erstmal meinem Großvater, er legte es zu den nachgelassenen Dokumenten und es wartete im Dunkel dieses Schuhkartons auf mich.

Ich legte das Foto auf den Tisch und sah die weiteren Unterlagen durch. Viel war es nicht:

Familienstammbuch, Ariernachweis, Vertriebenenausweis, Kondolenzschreiben der NSDAP zum Tode Heinrich Krauses, Lastenausgleichsbescheinigung, einige Postkarten, ein Zeitungsartikel.

Ich blätterte im Familienstammbuch und stellte meiner Mutter verblüfft einige Fragen:

„Wieso ist Oma im Harz geboren? Ich denke, sie stammt aus Pommern?"

„Nein, dahin ist die Familie Klapproth erst viel später übergesiedelt."

„Und hier sind noch Geburtsurkunden von sieben Geschwistern!"

„Ja, ja, die Klapproths waren eine große Familie. Damals hatten die Leute noch viel Kinder."

Ich staunte. Ich hatte von diesen Großtanten und Großonkeln noch nie etwas gehört.

„Leben die noch?"

Meine Mutter schüttelte den Kopf.

„Soweit ich weiß, haben sogar nur zwei den Krieg überlebt. Aber auch nicht lange."

Ich staunte erst recht, als ich ausrechnete, dass die Hochzeit von Rosa Klapproth und Karl Krause am 8.8.1924, sieben Monate vor Heinrichs Geburt am 9.3.1925 stattgefunden hatte. Als ich meine Mutter darauf aufmerksam machte, verrieten ihre flackernden Augen, dass sie mehr wusste, als sie sagte:

„Eine Muss-Ehe. Hat’s zu allen Zeiten gegeben. Wieso schockiert dich das? Sollte doch in deiner Generation kein Thema mehr sein."

„Natürlich nicht. Aber dass Oma …"

Ich musste den Satz nicht zu Ende bringen. Meine Mutter lachte laut auf:

„Ich glaub, du hast sie immer ein bisschen aufs Podest gehoben, oder?"

Eine ungewohnte Bitterkeit in ihrem Tonfall ließ mich aufhorchen. Sie wirkte plötzlich hart und verschlossen. Ohne meine Antwort abzuwarten, schimpfte sie los:

„In meiner Kindheit kannte meine Mutter nur eins: ihren Sohn, ihren Sohn und nochmal ihren Sohn. Mädchen zählten für sie nicht."

Ihre Worte verwirrten mich. Das konnte so nicht stimmen. Ich verteidigte Oma:

„Aber für mich hat sie alles getan, um mich zu fördern! Sie hat immer gesagt Eine Frau muss allein ihren Mann stehen können, sie hat mich ermutigt, aufs Gymnasium zu gehen …"

Meine Mutter schnaubte verächtlich, stieß hervor:

„Natürlich! Du hattest ja auch keinen Bruder! Dann wärst du nur noch gut genug gewesen, ihm die Schuhe zu putzen!"

Ich glaubte nicht, was sie da behauptete. Es war reine Spekulation und widersprach völlig dem, wie ich meine Großmutter erlebt hatte. Aber ich begriff plötzlich, wie angespannt das Verhältnis meiner Mutter zu ihrer Mutter gewesen war. Ich wollte mehr von ihr über ihre Kindheit erfahren, doch sie blockte ab:

„Lange her, Schnee von gestern!"

Zuletzt holte ich einen vergilbten und an den Rändern eingerissenen Zeitungsausschnitt aus dem Schuhkarton, faltete ihn auseinander und las mit zunehmender Verblüffung einen Artikel, den Carl von Ossietzky am 27.12.1927 in der Weltbühne veröffentlicht hatte.

Der Femeprozeß

Paul Schulz hat jetzt die graue Gefängnisfarbe, er gestikuliert nervös und fahrig, aber seine Aussage ist zusammenhängend und konzentriert. Er weiß jetzt seine Vereinsamung, weiß, daß es um den Kopf und, wenn der gerettet, um die Freiheit geht. Auch er gibt niemanden preis, aber er betont immer wieder den „Druck der Verhältnisse", ohne sich über den Druck und die Verhältnisse näher auszulassen. Zögernd gesteht er zu, daß Anno Diaboli 1923 auch die Behörden ungesetzliche Maßnahmen getroffen hätten. Und warum haben die Behörden die geheimen Morde nicht verfolgt, warum ließen sie die Akten liegen? Schulz fragt das immer wieder. Die Urteilsbegründung attestiert Schulz, Großes für den Staat geleistet zu haben. Nein, er hat nichts Großes geleistet, aber er hat ohne Zweifel beträchtliche Gaben und sein krankhafter Ehrgeiz hat ihn in eine höllisch faule Sache verwickelt. Jetzt ist der Firniß der Wichtigtuerei abgeblättert. Jetzt steht da ein Abgehärmter und Verlassener, der am Ende des ersten Verhandlungstages mit verlorenen Augen in das Gewimmel von Leuten sieht, die nach Hause gehen. Jetzt steht nur ein großer Schuljunge da, der nachsitzen muß. Mit verschwimmenden Blicken sieht er die wehenden Schals und wie die Mäntel angezogen werden. Die Offiziere entfernen sich sporenklirrend. Alle gehen nach Haus. Einer bleibt. Der letzte, bei dem die Kette der Verantwortung für die grausig-tragische Kategorie der Fememorde endet. Der letzte, den nach dem braven alten Wort die Hunde beißen.

Ich verstand nicht, worum es in diesem Artikel ging. Und warum, um alles in der Welt, hatte Oma einen Zeitungsartikel über einen Paul Schulz bis zum Ende ihres Lebens aufbewahrt? Ich fragte meine Mutter. Ihre Antwort wurde für mich zum Ausgangspunkt einer Spurensuche, die sich über Jahre hinzog und die mich mit einer Rosa konfrontierte, die ich nicht kannte. Meine Mutter sagte:

„Mit dem war sie mal verlobt."

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