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Einsatz über den Wolken: Der Jagdflieger Gerhard Thyben

Einsatz über den Wolken: Der Jagdflieger Gerhard Thyben

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Einsatz über den Wolken: Der Jagdflieger Gerhard Thyben

Länge:
297 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
26. Jan. 2021
ISBN:
9783966000208
Format:
Buch

Beschreibung

Gerhard Thybens Leidenschaft für das Fliegen wurde schon im Kindesalter geweckt, als ihm sein Vater eines Tages einen Bauplan für ein Modellsegelflugzeug schenkte. Die ersten Erfahrungen in der Luft machte er in der Flieger–HJ, bevor er für die Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg eingezogen wurde. Es folgten eine Jagdfliegerausbildung in Paris und eine Versetzung in den Osten. Durch viel Glück und großes Talent schaffte er es, zu den besten Jagdfliegern zu gehören und diese gefährliche Zeit zu überleben.
Herausgeber:
Freigegeben:
26. Jan. 2021
ISBN:
9783966000208
Format:
Buch

Über den Autor


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Einsatz über den Wolken - Jenny Schuckardt

Fliegerei

»Schneller, Pappel, schneller!«

Mein Vater Fritz Thyben stammte aus der Danziger Niederung aus dem Hof eines Domänen-Pächters der Stadt Danzig und war Prokurist bei der Firma Johansen & Schmielau in Kiel. Meine Mutter Lisbeth, geb. Ebelmann, stammte aus Bingen am Rhein und war Hausfrau – eine hübsche junge Frau mit dunklen Haaren und ebenmäßigen Gesichtszügen, die für das Theater schwärmte und nach gesellschaftlichem Aufstieg strebte. Zu gerne hätte sie aus mir, ihrem einzigen Sohn, einen Künstler gemacht. Ich erinnere mich mit Schaudern daran, dass sie mich eines Tages in einen Matrosenanzug steckte und ins Theater schleifte, da man dort auf der Suche nach einem dunkelhaarigen Jungen war, der einen Italiener spielen sollte.

»Gerdchen«, beschwor sie mich vor meinem Auftritt, »zeig ihnen, was du kannst, geh aus dir heraus!«

Genau das tat ich nicht. Es war mir einfach nur peinlich. Möglicherweise standen aber auch meine abstehenden Ohren einer künftigen Bühnenkarriere im Weg. Jedenfalls wurde ich zu meiner großen Erleichterung und ihrer maßlosen Enttäuschung nicht für die Rolle ausgewählt. Bis heute hält sich meine Begeisterung für das Theater in Grenzen.

Meine Kindheit in Kiel in unserem schmucken ockerfarbenen Reihenhäuschen mit etwas Garten und einem kleinen Kräuterbeet in der Graf-Spee-Straße 14 war unbeschwert und glücklich. Unsere Urlaube verbrachten wir abwechselnd auf dem wunderschönen weitläufigen Gut meines Onkels Karl Thyben in Ostpreußen oder in Bingen. Während meine Mutter zum Glück irgendwann ihre Träume von einer Schauspielerlaufbahn ihres Sohn begrub, schwebte meinem Vater, meinem »Pappel«, wie ich ihn nannte, vor, dass ich einen anständigen handwerklichen Beruf erlernen sollte, denn von meiner Mutter hatte ich eine ausgeprägte handwerkliche Begabung geerbt. Sie bastelte selbst noch im hohen Alter mit wenig Mitteln wunderschönen Weihnachtsschmuck.

Im elterlichen Wohnzimmer 1932 mit Mutter Elisabeth, Großmutter Maria geb. Rahn und dem Vater Fritz Thyben

Um dies zu fördern, brachte mir mein Vater eines Tages einen Bauplan für ein Segelflugmodell mit. Er erinnerte an ein Schnittmuster für Bekleidung. »Sieh mal, mein Junge, du musst jedes Teil einzeln mit einer Laubsäge ausschneiden und dann mit etwas Leim verkleben«, erklärte mein Vater und demonstrierte mir dann auch noch, wie man diesen Kleister aus Wasser, Zucker und Mehl anrührte. Unsere gemeinsamen Bastelstunden fanden in der Küche statt, was meiner Mutter ganz und gar nicht gefiel.

Der Bastler mit seinen Segelflugmodellen im Garten des Elternhauses in Kiel

»Kann der Junge nicht einfach Fußball spielen wie alle anderen auch«, seufzte sie so manches Mal, halb im Scherz, halb im Ernst.

Fußball fand ich langweilig. Während die anderen Jungs auf dem Sportplatz miteinander wetteiferten, gefiel es mir, stundenlang bei meiner Mutter in der Küche zu sitzen und an den Segelfliegern zu basteln, während sie die Pellkartoffeln zu den Matjesheringen kochte, meinem Lieblingsessen. Wenn dann mein Vater von der Arbeit heimkam, zogen wir zusammen los, um die selbstgebastelten Modelle fliegen zu lassen. Mit dem Fahrrad, er vorne, ich hinten drauf, manchmal begleitet von einer drolligen Dohle, die beschlossen hatte, bei uns als Haustier zu leben, radelten wir zu einer Wiese in der Nähe und starteten die Segelflieger, die eine Spannweite bis zu 2,5 Meter aufwiesen, mit einem langen Gummiband.

»Schneller Pappel, schneller!« Glucksend vor Glück rannte ich los, um die nach dem Flug sanft in der Wiese landenden Segler wieder zu holen, mein Vater hinterher. »Gemach, mein Junge, ein alter Mann ist kein D-Zug«, kokettierte er, war aber beinahe so schnell wie ich.

Die Zeit mit meinem Vater zu verbringen und meine Flugmodelle majestätisch durch die Luft gleiten zu sehen, war für mich das Schönste, was ich mir vorstellen konnte. Doch diese unbeschwerte Zeit zu zweit wurde bald schon knapp bemessen.

Seit Hitlers Machtübernahme als Reichskanzler am 30. Januar 1933 lief eine gewaltige Werbekampagne, um die Jugendlichen zum Eintritt in die »Hitlerjugend« zu bewegen, eine Jugendorganisation der NSDAP, die ideologische Indoktrinierung mit attraktiven Freizeitangeboten verband. Für jeden Geschmack wurde eine HJ angeboten: Es gab eine Reiter-, Motor-, Flieger-, Marine- oder Nachrichten-HJ für technisch begabte und sportliche Jugendliche, für künstlerisch Begabte gab es Fanfarenzüge und Spielscharen. Feiern, Ausflüge oder Zeltlager sollten für ein Zusammengehörigkeitsgefühl sorgen. Im Grunde aber wurden die Jugendlichen zu Parteisoldaten erzogen, denen beigebracht wurde, Befehlen zu gehorchen, ohne lange nachzudenken. Einmal in der Woche waren Treffen angesetzt, dafür gab es sogar schulfrei. Weigerte man sich, der Hitlerjugend beizutreten, wurde man automatisch zum Außenseiter und konnte sogar Probleme in der Schule mit linientreuen Lehrern bekommen.

Bei den HJ-Treffen hatte man Uniform zu tragen. Diese Verkleidung mochte ich so wenig wie meinen Matrosenanzug. Meistens schmuggelte ich einen weißen Rollkragenpullover unter die Uniformjacke. Der musste später auch unter meine Luftwaffenuniform und blieb bis zum Ende des Krieges und darüber hinaus mein Lieblingskleidungsstück.

So wenig wie die darstellenden Künste begeisterten mich paramilitärische Übungen in der Natur. Geländespiele waren nicht mein Ding. Aber da gab es eben auch diese Flieger-HJ, und irgendwie sagte mir mein Gefühl, dass ich da hingehörte. Dort durften wir Jungs unter der Anleitung eines Flugzeugbau-Schreiners, eines freundlichen Mannes mittleren Alters, richtige Segelflugzeuge bauen. Das Geld dafür kam von irgendwelchen Sponsoren. In Kiel war das damals die Reichsbahn. Je nach Baustunden und Leistung durfte man dafür am Wochenende fliegen. Maßlos aufgeregt fieberte ich daher jedem Wochenende entgegen.

Alle zusammen schleppten wir dann das Segelflugzeug auf eine Anhöhe und stellten es hangabwärts gegen den Wind. Ein Gummiseil in V-Form wurde unter der Nase eingehakt, und an jedem Ende mühten sich bis zu sieben Kameraden, das Seil zu spannen. Eine Haltemannschaft von etwa fünf Leuten hielt den Segler fest. Ein Vorgesetzter übernahm das Kommando: »Ausziehen! … Laufen!« Sobald das Gummiseil genug gespannt war, erfolgte endlich das ersehnte Kommando »Los!«, und jeder von uns wurde einmal, begleitet von den strahlenden Augen aller anderen, in die Luft befördert.

Als Segelflieger bei der Flieger-HJ im Segelflugzeug SG 38 Zögling kurz vor dem Start

Ich erinnere mich noch ganz genau an das überwältigende Gefühl, zum ersten Mal auf den offenen Pilotensitz einer »Grunau 9« klettern zu dürfen. Dabei handelte es sich um einen einfachen Schulgleiter, dem eine vor dem Piloten angebrachte Strebe den Spitznamen »Schädelspalter« eingebracht hatte. Mein Herz klopfte bis zum Hals, meine Hände waren schweißnass. Fliegen! Wie ein Vogel! Großartig! Am liebsten wäre ich nie wieder heruntergekommen! Jede freie Minute verbrachte ich fortan eifrig beim Flugzeugbasteln, um möglichst viele Baustunden zu sammeln.

Bedauerlicherweise gab es da aber nebenbei auch noch die Schule – und Hein Bolle, meinen Mathelehrer, zu dem ich ein äußerst gespanntes Verhältnis hatte, da mein mathematisches Verständnis nicht allzu ausgeprägt war. es mir wieder einmal nicht gelang, eine Aufgabe zu lösen, zitierte mich Hein Bolle höchst erzürnt an die Tafel, erklärte mir den Lösungsweg und fragte nach, ob mir dieser jetzt endlich verständlich wäre.

»Muschja wohl«, nuschelte ich genervt und dachte dabei ans Fliegen. Dies war nicht die Antwort, die Hein Bolle hören wollte, denn er verpasste mir sogleich einen Satz heiße Ohren.

Aber noch etwas anderes blieb mir von diesem Lehrer im Gedächtnis: Er hatte als Soldat den Ersten Weltkrieg miterlebt. Aber anders als viele andere Kriegsteilnehmer erzählte er höchst ungern davon. Wenn die Sprache darauf kam, war er äußerst verschlossen. Nur einen einzigen Satz wiederholte er immer wieder: »Jungs, eines kann ich euch sagen: Wünscht euch keinen Krieg!«

Gegen Ende meiner Schulzeit kam es in meiner Familie zu einer dramatischen Entwicklung. Meine Eltern vermieteten die obere Wohnung unseres Reihenhauses an ein junges Ehepaar. Sie schlossen rasch Freundschaft mit den neuen Mietern, spielten miteinander Karten und lernten sich immer besser kennen. Er war ein mäßig begabter Musiker, doch meine Mutter bewunderte seine Kunst, lauschte hingebungsvoll seinem Spiel und verbrachte immer mehr Zeit mit ihm. Irgendwann kamen sie sich nahe. Zu nahe! Meine Mutter wurde schließlich schwanger. Mein Vater weigerte sich, dieses »Kuckuckskind«, wie er es nannte, als das seine anzunehmen. Meine Mutter tat alles, um die Beziehung zu retten, und gab das Kind, meinen Halbbruder, zur Adoption frei. Doch die Kluft zwischen meinen Eltern war zu tief. Die Ehe wurde geschieden.

Das Unglück meiner Eltern berührte mich nicht sonderlich, denn schicksalhafte Ereignisse warfen ihren Schatten voraus: Der Krieg brach aus, und es folgten Tage voller Unsicherheit, Gerüchten und Tuscheleien. Aus Angst, mit der Masse zur Infanterie eingezogen zu werden und womöglich in einem Schützengraben zu landen, meldete ich mich freiwillig zur Luftwaffe. Die Schule hatte ich mit einem Notabitur beendet, einer Art abgespeckten Reifeprüfung, bei der lediglich der bis dato unterrichtete Stoff abgefragt wurde. Ab September 1939 konnte man mit dem Segen des Regimes diesen Weg wählen, um möglichst rasch an die Front zu kommen. Für mich war das höchst erfreulich, da ich mit der Schule ohnehin nicht so viel am Hut hatte.

So schnell durfte ich dann aber doch nicht die Uniform tragen. Denn nach dem raschen Sieg über Polen dümpelte der Krieg ereignislos vor sich hin. »Drôle de guerre«, komischer Krieg, nannten die Franzosen diese acht Monate Stillstand bis zum Frankreichfeldzug. Also entschied mein Vater, dass ich ein Maschinenbau-Praktikum bei Blohm & Voss beginnen sollte. Es gab dort für mich wenig zu tun. Die meiste Zeit bastelte ich mit großem Vergnügen an einem kleinen Motor für ein Modellflugzeug.

Doch irgendwann ging der Krieg weiter, und ich wurde als »kriegsverwendungsfähig« (KV) eingezogen – zwar, wie es mein Wunsch gewesen war, zur Luftwaffe, aber leider nicht zum fliegenden Personal, sondern zu den Fallschirmjägern. Das sei eine außergewöhnliche Ehre, hieß es in dem Einberufungsschreiben, denn: »Die Fallschirmjägertruppe muss an ihre Männer besondere Anforderungen an Charakter, Willen und Körperbeherrschung stellen. Dies bedeutet, dass lediglich eine kleine Auslese wehrfähiger Deutscher den Mut besitzt, mit dem Fallschirm abzuspringen.«

Mein Traum war es, zu fliegen. Das Abspringen aus einem Flugzeug war nicht mein Ding, ebensowenig die Vorstellung, in einem Schützengraben zu liegen, denn das folgte wohl logischerweise danach, und davor graute mir. Alles, nur das nicht! Ich war ziemlich verzweifelt, lief tagelang kopflos durch die Gegend, bis meinem Pappel eine List einfiel. Er holte eine seiner besten Flaschen Cognac aus seinem geheimen Spirituosenversteck. »Die Buddel gibst du dem Feldwebel, der für die Rekrutierung zuständig ist, und machst ihm klar, dass du mit deinen Hohlfüßen keine gute Verstärkung für die Fallschirmjäger wärst.«

Mehrmals übte er mit mir die Szene vor dem Unteroffizier. Sicherlich war es nicht die Form meiner Füße, sondern mein doch sehr schüchternes Auftreten, das diesen schließlich zu seiner Entscheidung bewog. Er erhob sich von seinem Schreibtisch, lehnte sich gegen das Fenster und blickte hinaus, die Hände auf dem Rücken verschränkt.

»Nun, bedauerlich, Thyben, wirklich äußerst bedauerlich. Sie hätten das Zeug gehabt. Jedoch nur, wer über sich hinauswachsen will durch selbstlosen Einsatz, wer die Erfüllung des Mannestums erstrebt, der kann Fallschirmjäger werden. Und offensichtlich sind Sie dazu nicht bereit.«

Mir fiel ein Stein vom Herzen, dass dieser Kelch an mir vorbeiging.

Endlich Herr der Lüfte!

Mehr und mehr beherrschte der Krieg das Leben der Menschen. Sondermeldung folgte auf Sondermeldung, und die verkündeten Siege rissen die Bevölkerung in einen wahnwitzigen Freudentaumel. Irgendwann lag dann mein Einberufungsbefehl im Briefkasten, und ich hatte mich umgehend beim Flieger-Ausbildungs-Regiment 71 in Wien-Stammersdorf zu melden. Dort verbrachte ich die Zeit von Juli bis Oktober 1940 mit Exerzieren, ausgiebigem Geländedienst, wurde vereidigt und durfte beim Ausgehen das schöne Wien genießen. Aber eigentlich wollte ich nichts anderes als fliegen. Wie groß war meine Freude, als dann endlich mit 18 Jahren meine Versetzung ins Fluganwärter-Bataillon 32 nach Senftenberg angeordnet wurde. Endlich am Ziel meiner Träume! Doch von wegen! Es wurde alles andere als ein Spaziergang. Man meinte dort, uns richtig trietzen zu müssen, und schikanierte uns nach allen Regeln der Kunst: Liegestütze, Putzdienst, Liegestütze, Putzdienst. Bei Wind und Wetter wurde draußen exerziert, der Dienst war hart, die Schulung eher militärisch als fliegerisch. In der Schwimmhalle wurden Mut und Draufgängertum erprobt: Wer stellt sich wie an beim Sprung rückwärts vom Dreimeterbrett oder bei einem Salto vom Sprungbrett. Dazu kamen Geländedienst und der Drill an der Waffe. Wir saßen nach einer Liste geordnet, auf der Name und Bild eines jeden Rekruten vermerkt war, sodass sich die Vorgesetzten jeden einzelnen einprägen konnten. Keiner entging der Dauerbeobachtung. Das ebenso markige wie menschenverachtende Motto lautete: »Versagt dieses Menschenmaterial bei einer Belastungsprobe am Steuerknüppel vorm Feinde, dann hätte die Kriegsschule ihre Aufgabe schlecht erfüllt. Der deutsche Flieger kämpft bis in den Tod für Führer und Volk, für Deutschlands Sein und Zukunft.»

Nach dem Drill der Grundausbildung wurde ich endlich auf die »AB Schule 113« in Otrokovice bei Brünn, das heute Bruno heißt, geschickt, und hier drehte sich endlich alles um die Fliegerei. Man unterrichtete uns in Zellenkunde, Motortechnik und Navigation – und im Fliegen.

Der Winter in Otrokovice war eiskalt, trocken und windig. Geschult wurde ich auf der Heinkel 72, einem offenen Doppeldecker. Der Wind pfiff uns nur so um die Ohren, und wir flogen dick bekleidet wie Teddybären, der Lehrer vorn, der Schüler hinten. Denn aus dem hinteren Cockpit hatte man die bessere Sicht. Es war ein unvergleichlicher Genuss, die Welt von oben zu bestaunen, die Landschaft in der Tschechei war zauberhaft.

Nach endlosem Büffeln der grauen Theorie, Hallendienst, etlichen Flügen mit Feldwebel Kähne und einem Überprüfungsflug mit Oberfeldwebel Reimer kam endlich die ersehnte Erlaubnis zum ersten Alleinflug.

Auf dem Flugplatz türmten sich noch Mengen an Schnee und Eis, obwohl die Schmelze bereits eingesetzt hatte und die Temperatur gute drei Grad Plus betrug. Die Maschine war mit Kufen ausgerüstet, die Landungen auf Schnee erlaubten, und die Einweisung war ausgiebiger als bei einer Atlantiküberquerung – so schien es mir jedenfalls in meiner Aufregung.

Ungeduldig wartete ich im Flugzeug auf die Starterlaubnis. Der Motor blubberte im Leerlauf, während Feldwebel Kähne weiter heftig auf mich einredete. Immer wieder nickte ich bestätigend und hoffte dabei, dass der so lange ersehnte Moment doch endlich kommen möge. Nach einer gefühlten Ewigkeit trat der Feldwebel schließlich zur Seite und gab das Zeichen zum Start.

Ein Doppeldecker-Schulflugzeug Heinkel He 72 in der fliegerischen Grundausbildung im April 1941

Gas rein und los! Die Maschine nahm auf ihren Kufen rasch Fahrt auf, war ohne Fluglehrer leichter und hob deshalb ungewohnt schnell ab. Die kahlen Bäume am Ende des Platzes näherten sich bedenklich, aber die Maschine war schon hoch genug. Ich flog eine 90-Grad-Kurve nach links und stieg weiter. Noch eine Kurve, und unten war mein Feldwebel Kähne zu erkennen, klein und unscheinbar. Oh mein Gott! So gern hätte ich aus diesem Alleinflug einen richtigen Ausflug gemacht. Aber dieser erste Eindruck musste ein guter werden. Dennoch, diese wenigen Sekunden gehörten mir allein. Ich schickte einen Jauchzer aus der Kabine, atmete tief durch und genoss das überwältigende Gefühl der Freiheit und des Glücks, die Welt von oben sehen zu dürfen. Der erste Alleinflug war immer nur eine Platzrunde. Also ging es nach kurzem Schnuppern an der Freiheit über den Wolken gleich wieder hinunter. Den frischen Wind im Gesicht, das schon vertraut gewordene Vibrieren der Struktur meiner Maschine, nochmal einen Blick nach links und den Motor drosseln. Noch eine 90-Grad-Kurve, und dann ging es in den Landeanflug. Dieser gestaltete sich ungleich schwieriger als der Start. Ich hoffte, beim Landen nicht auf schneefreie Stellen zu treffen, denn das hätte mit den Kufen unweigerlich zum Überschlag geführt.

Rollschaden bei einer Heinkel 72 nach Einsacken im Schneematsch

Der Boden kam immer näher, ich nahm das Gas raus, die Maschine schwebte und schwebte, dann setzte sie sanft auf. Gelandet! Allein!

Ein unbeschreibliches Gefühl erfasste mich. Ich hätte schreien mögen vor Glück, riss mich aber zusammen und schlitterte auf den Feldwebel zu. Und welch eine Freude! Der schickte mich sogleich wieder zurück in die Luft. Noch eine Platzrunde und danach noch eine dritte. Start und Landung sollten ja möglichst schnell zur Routine werden. Mit jeder Runde stieg meine Selbstsicherheit. Doch die dritte Runde lehrte mich, vorsichtig zu bleiben. Der Landeanflug war zu tief. Ich gab Gas, setzte aber an einer Stelle auf, die nicht zur Landung präpariert war. Die Maschine zuckte, der Schwanz stieg unvermittelt hoch, und nur mit größter Mühe gelang es mir, die Kontrolle zu behalten. Mein Herz raste, meine Handflächen waren schweißnass wie immer, wenn ich in Panik geriet, doch ich gab mir große Mühe, meinen Schrecken vor Feldwebel Kähne zu verbergen. Aber der Flug war erfolgreich! Was für ein Glück, denn nun gehörte ich zu den Fortgeschrittenen, die allein fliegen durften!

Vor dem Flugbetrieb: Wir ziehen unsere He 72 aus der Halle im Januar 1941

Es folgte die übliche Aufnahmezeremonie in den Klub der Erlauchten: Mit einer eigens dafür bereitgehaltenen Peitsche wurde mir kräftig der Hintern versohlt. Es schmerzte tagelang, Sitzen war mir kaum möglich. So sollte es auch sein, denn es hieß, das fliegerische Gefühl habe man im Hintern.

Mein Traum hatte sich jedenfalls endlich erfüllt. Ich durfte fliegen. Dass mich die Ausbildung auf den Krieg vorbereiten sollte, wusste ich zwar, es beeindruckte mich aber nicht. Krieg war damals nur ein Wort, nicht mehr. Dass wir angesichts der vielen Siege tatsächlich noch zum Einsatz kommen würden, konnten wir uns zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht vorstellen. Wir Flugschüler machten sogenannte Ausmärsche durch Mähren und verbrachten viele gesellige Abende. Wir waren Freunde geworden und genossen unsere gemeinsame Zeit. Es war ein bisschen wie Ferien.

Nach der fliegerischen Grundausbildung war die Typenschulung vorgesehen. Jeder von uns musste in der Lage sein, jedes Flugzeug zu fliegen, egal welchen Typs, einstweilen aber nur Schulflugzeuge: Bücker Jungmann, Bücker Jungmeister, Klemm KL-35, Gotha Go 145, Focke-Wulf 56 Stösser, aber auch die tschechische Letow S 328. Ich hatte viel Spaß daran, jedes dieser Schulflugzeuge zu bewegen – und auch ein gewisses Talent.

Weniger Talent und sehr viel weniger Spaß hatte ich bei dem Teil der Ausbildung, bei dem es darum ging, Verkehrsflugzeuge wie Junkers W33 oder Focke-Wulf Weihe zu fliegen. Denn dazu gehörte der Instrumentenflug. »Wer die ganze Skala der Flugausbildung durchmacht, hat eine Flugmaschine zu meistern gelernt. Vom Kunstflug bis zum Langstreckenflug. Meine Herren, Sie müssen in der Lage sein, bei jedem Dreckswetter zu navigieren.«

Und das bedeutete Kopfrechnen: Kurs –Gegenkurs, Höhe halten, Peilung – alles Dinge, die mir als mathematisch Desinteressierten so gar nicht lagen. Es kostete mich große Anstrengung, das alles durchzuhalten, aber ich biss die Zähne zusammen und quälte mich durch den Stoff, denn mein Traum war es, nach dem Krieg, der ja für uns vielleicht niemals stattfinden würde, Lufthansa-Flugkapitän zu werden und in fremde Länder zu fliegen.

Im Raum meines Flugausbildungsleiters hingen Tafeln mit den Namen der Flugschüler und ihren geleisteten Flügen. Über jeden Flug wurde akribisch Buch geführt, wie sich der Schüler beim Fliegen benommen hatte, woran es ihm fehlte, was er besonders gut konnte. Meine Vorgesetzten erkannten schnell meine Abneigung gegen den Instrumentenflug und teilten mich zu den Tagjägern ein, wo der Blindflug, also

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