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Vollmondnacht - Der Ruf des Mondes: Fantasyroman
Vollmondnacht - Der Ruf des Mondes: Fantasyroman
Vollmondnacht - Der Ruf des Mondes: Fantasyroman
eBook440 Seiten6 Stunden

Vollmondnacht - Der Ruf des Mondes: Fantasyroman

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Über dieses E-Book

Schon immer fühlte sich Luna zum Mond hingezogen. Eines Nachts, als der Vollmond den dunklen Nachthimmel hell erleuchtet, beschließt sie, einem immer wiederkehrenden Traum zu folgen. Nach einer abenteuerlichen Reise erreicht sie einen mystischen Ort namens Moonhollow. Von der elfenhaften Gestalt, Tusana del Selene, erfährt sie, dass ihr Muttermal in Form eines Halbmondes kein normales ist, sondern ein Mondmal, welches zeigt, dass sie vom Mond auserwählt wurde.
Doch was hat das alles zu bedeuten? Wer entpuppt sich als wahrer Freund, der ihr bei ihrem Abenteuer zur Seite steht? Wem kann sie tatsächlich vertrauen?
Nichts ist, wie es scheint!
SpracheDeutsch
HerausgeberBook King
Erscheinungsdatum18. Mai 2020
ISBN9783740963132
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    Buchvorschau

    Vollmondnacht - Der Ruf des Mondes - Nina Johanna

    Inhalt

    Kapitel 1

    Kapitel 2

    Kapitel 3

    Kapitel 4

    Kapitel 5

    Vollmondnacht

    Der Ruf des Mondes

    Nina Johanna

    Prolog

    Seit Anbeginn der Zeit interessierte sich die Menschheit für die hellleuchtende, mystische Scheibe oder Sichel am Himmelszelt, den Mond, und setzte ihn mit mächtigen Gottheiten gleich. Die alten Ägypter beteten zu Isis, der Mondgöttin, die Griechen zu Selene und die Römer zu Luna und Diana. Sie alle stellten die unfassbare Macht des Mondes über das Leben auf der Erde dar. Astronomen und Entdecker erforschten in jedem Jahrhundert mit Hilfe aller möglichen Methoden die unterschiedlichen Phasen, den Zyklus des Mondes, erstellten auf dieser Basis Kalender und entdeckten die verschiedenen Wirkungen auf Mensch, Tier und Natur. Schnell merkten sie, dass das Leben auf unserer Erde mit der Kraft des Mondes eng verbunden ist, dass sich das Verhalten der Menschen an die Phasen des Mondes anpasste und dass die helle, das Sonnenlicht reflektierende Seite des Mondes stets ein dunkles Gegenstück mit sich bringt.

    Vor vielen hunderten Jahren schoss ein mächtiges, kosmisches Gesteinsstück durch das Weltall, direkt auf jene Seite des Mondes zu, die sich der Erde nie zeigte. Mit starker Wucht und einem lautlosen Aufprall streifte der Meteorit die dunkle Seite und sprengte zwei massive, schwarze Stücke des Mondes weg. Diese bewegten sich nun direkt und mit hoher Geschwindigkeit auf den Blauen Planeten zu. Zuerst schossen die Mondstücke durch das endlose Weltall, doch schon bald passierten sie die Atmosphäre, die wie eine schützende Hand über der Erde lag. Etwas kleiner als zuvor und mit deutlich geringerer Geschwindigkeit landete ein Mondgesteinsstück im südlichen Teil des Planeten, das andere eher im Norden. Ein wenig kleiner als die Handfläche eines erwachsenen Menschen, schwarz und voll von kleinen Kratern lagen die Mondsteine nun auf der Erde. Der eine im kalten, weißen Schnee, der andere am Rande eines warmen, plätschernden Flusses. Unscheinbar und eher hässlich sahen sie aus für jedes Auge, das den Wert des Gesteins nicht erkannte. So geschah es auch, dass jahrhundertelang Menschen und Tiere daran vorbeizogen, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Die Teile des Mondes, nun schon vom Wetter gegerbt und von der Zeit des Herumliegens sichtlich mitgenommen, versanken immer tiefer im Erdboden, bis eines Nachts, als der Vollmond die Dunkelheit erhellte, ein Mädchen einen schmalen Fluss entlang spazierte und der Mondstein seine Kräfte wiederfand.

    Fluchend stolperte Tusana das schmale Flussbett entlang, das sich nicht weit von dem Haus ihrer Familie durch die schlafende Landschaft in der Nähe des Dorfes Garciasantos schlängelte. Wieder stieß sie sich ihre nackten Füße an einem harten Stein und stieß einen lauten Fluch aus. Es kümmerte sie nicht, ob sie jemand hörte. Wer sollte sich schon dafür interessieren, was ein junges, 16-jähriges Mädchen wie sie allein in einer Nacht, die nur durch den großen, runden Vollmond erhellt wurde, am Rande des Flusses verloren hatte? Mit einem leisen Geräusch, das sich wie plopp anhörte, rutschte sie mit einem Fuß ins Wasser ab. Sofort spürte sie, wie die kühle Flüssigkeit ihren Fuß umhüllte und der Saum ihres weißen Nachthemds triefend nass wurde. Genervt von ihrer eigenen Tollpatschigkeit nahm sie ihr Nachthemd in die Hand und zog es bis zu ihren Knien hinauf. Ihre dünnen, braunen Waden kamen zum Vorschein, und sie spritze mit dem bereits nassen Fuß im Wasser herum. „Wie siehst du denn schon wieder aus, Tusana? Ganz nass und schmutzig! Wieso kannst du dich nicht wie ein normaler Mensch benehmen? Kein Wunder, dass dich in der Schule niemand leiden kann!", flüsterte sie mit übertrieben melodischer Stimme vor sich hin und hatte das Bild ihrer Stiefmutter Alba im Kopf. Sie konnte sich bildlich vorstellen, wie sich Albas viel zu schmale Lippen kräuselten, wie sie ihre spitze Nase angeekelt in die Luft hielt und sie mit ihren eisblauen Augen angewidert musterte. Wie sollte sie sich normal verhalten? Nichts an ihr war normal! Ihre Hautfarbe war braun, viel dunkler als die von allen anderen Jugendlichen in der Schule, ihre Augen waren schwarz wie die Nächte, in denen kein Vollmond schien, und ihre Haare waren lang und so blond, dass sie fast schon weiß aussahen. Mit ihren langen, knochigen Fingern strich sie sich eine blonde, wellige Strähne aus dem Gesicht und warf sie mit mehr Schwung als nötig in den Nacken. In Gedanken versunken stieg Tusana nun auch mit dem zweiten Fuß in den Fluss und watete gegen den Strom, immer weiter weg von dem kleinen, von Lichtern erleuchteten Dorf. Ihre Gedanken kreisten um das kleine Haus am anderen Ende des Dorfes, in dem sie mit ihrem Vater, ihrer Stiefmutter und ihren kleinen Halbbrüdern wohnte. Das Haus war aus braunen Ziegeln gebaut und befand sich am Ende eines steinigen Felsweges. Tusanas Vater kaufte es vor sechs Jahren, kurz nach dem Tod seiner Frau, Tusanas Mutter, für sich und seine Tochter. Doch inzwischen, dank ihrer Stiefmutter und den grässlichen Zwillingen, war es für die Anzahl an Personen um einiges zu klein.

    Ihren Vater hatte Tusana schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen, da er in einer entfernten Stadt in einer Bank arbeitete. Nur an wenigen Wochenenden und an bestimmten Feiertagen kam er nach Hause. Jedes Mal, wenn er das Haus betrat, knallte er seinen schweren ledernen Aktenkoffer neben die Haustür, fuhr sich durch seine schwarzen Haare, die immer wild von seinem Kopf abstanden, und verzog sich sogleich in das kleine Arbeitszimmer am Ende des Flurs. Tusana wagte es nur selten, ihren Vater in seinem Arbeitszimmer zu besuchen, weil sie wusste, dass er stets sehr beschäftigt war und sich für nichts und niemanden so sehr begeisterte wie für seine Bankgeschäfte. „Meine Arbeit ist unheimlich wichtig! Ich muss Statistiken berechnen, Verträge aufsetzen und Zukunftspläne schmieden! Glaubst du, ich komme nach Hause, um mir deine Geschichten anzuhören? Kümmere dich selbst um deine Probleme! Und jetzt geh, spiel mit deinen Brüdern! Ich muss noch einen Bericht fertig schreiben. Schließ die Tür hinter dir!"

    Bei dem Gedanken an ihre beiden Halbbrüder verzog Tusana das Gesicht. Gabriel und Rafael, zweieiige Zwillinge. Das Herzstück ihrer Mutter. Garstige kleine Quälgeister mit schwarzen Locken, teuflischen blauen Augen und viel zu viel Fleisch auf den Knochen. Egal, welche Dummheiten ihnen einfielen, Tusana zu ärgern, ihre Stiefmutter kümmerte es nicht! „Meine süßen Engelchen würden so etwas nie tun! Geh und schließ die Tür! Ich will mir deinen Unsinn nicht mehr länger anhören! Diese Worte hatte Tusana auch jetzt noch im Kopf. In ihrem bisherigen, von Schreck und Grausamkeiten geprägten Leben, war ihre Stiefmutter Alba eindeutig das Sahnehäubchen auf dem Kuchen. Tusana wusste, dass Alba sie nicht leiden konnte und sie in „ihrem Haus, wie sie es nur zu gern betitelte, sehr ungern erduldete. Wie sollte sie es auch nicht wissen? Alba ließ sie es bei jeder Gelegenheit spüren. „Du hattest auch Hunger? Das wusste ich nicht! Gabriel und Rafael haben leider schon alles aufgegessen! Köstlich war‘s, nicht wahr, meine Engelchen? Du kannst dir ja ein Butterbrot nehmen!", sagte Alba nicht nur einmal, während sie die dicken Bäuche ihrer Söhne mit Eis, Kuchen und allem Möglichen, was sie begehrten, vollstopfte.

    Tusana hatte es satt! Voller Wut trat sie einen kleinen Stein durchs Wasser. Er flog nicht weit und landete mit einem leisen Geräusch wieder im Fluss. Tusanas Hände, die immer noch das nasse Nachthemd hielten, verkrampften sich bei dem Gedanken an den heutigen Abend. Ihre Stiefmutter saß wie immer mit ihren beiden Lieblingen am Esstisch und servierte alle möglichen Köstlichkeiten. Das ganze Haus roch himmlisch nach Cordero en chilindrón, einem Gericht aus Lammfleisch und einer Zwiebelsauce mit Paprika und Tomaten. Als Tusana aus ihrem Zimmer kam, die kurze Treppe hinunterschlich und das Esszimmer betrat, knurrte ihr Magen vor Hunger. Alba würdigte sie keines Blickes, verzog nur einen Mundwinkel und sagte: „Du bist auch hier? Hast du nichts zu lernen?"

    „O ja, sehr viel sogar. Aber ich brauche deine Hilfe mit diesem Buch, ich verstehe den Zyklus des…, sagte sie kleinlaut, doch weiter kam sie nicht, da wurde sie schon von ihrer Stiefmutter unterbrochen. „Bin ich deine Lehrerin, dass ich dir bei deinen Aufgaben helfen soll? Bestimmt nicht! Ja, Schätzchen, hier ist noch etwas Fleisch für dich, sagte sie liebevoll zu Gabriel, der mit seiner Gabel auf den leer gegessenen Teller schlug. Nachdem Alba ihrem Sohn eine riesige Portion auf den Teller gelegt hatte, fuhr sie fort: „Frag doch deine Freundinnen, ob sie dir bei der Hausübung helfen können! Oh, das habe ich vergessen, du hast ja gar keine Freundinnen!, sagte sie mit einem süffisanten Lächeln. Tusana hörte ihr gar nicht zu. Sie kannte diesen Vortrag bereits. Stattdessen beobachtete sie, wie die Zwillinge ihre Münder mit Fleisch, Gemüse, Reis und zwischendurch sogar mit der süßen Crema Catalana, die eigentlich als Nachspeise gegessen werden sollte, vollstopften und die abstoßende Mischung aus Lebensmitteln anschließend mit ihren Zähnen in weit geöffneten Mündern zermalmten. Aus Rafaels Mund flogen einige Teile des Speisebreis bis ans andere Ende des Tisches. „Wie können so kleine Kinder nur so viel essen?, fragte sich Tusana und betrachtete die fleischigen Oberarme der Zwillinge, die gerade mal vier Jahre alt waren. Mit diesen fleischigen Armen schaufelten sie sich immer mehr Essen in den Mund. „Wenn man immer allein herumgeistert und sich wie du für die skurrilsten Dinge interessiert, ist es keine große Überraschung, dass man keine Freunde hat. Tusana widmete ihre Aufmerksamkeit nun wieder ihrer Stiefmutter. Alba war ganz in ihrem Element und unterstützte ihren Vortrag durch ausladende Gesten. „Also, ich würde nicht wollen, dass meine Tochter eine wie dich als Freundin hätte!, rief sie und stieß einen herzhaften Lacher aus. Die Nasenlöcher ihrer kleinen spitzen Nase bebten, und eine Strähne ihrer kinnlangen braunen Haare fiel ihr ins Gesicht.

    „Kein Wunder, dass deine Mutter gestorben ist!, sagte sie schließlich leise und funkelte Tusana herausfordernd an. „Ich tippe auf Selbstmord! Hat es einfach nicht mehr ausgehalten mit ihrer seltsamen Tochter! Hat sich vermutlich Vorwürfe gemacht, dass sie schuld daran ist, dass du so missraten bist! Tusana konnte nicht fassen, was sie gerade gehört hatte. Sie stand mit aufgerissenen Augen und geöffnetem Mund da, ihre Hände waren zu Fäusten geformt, und ihre dunkle Haut pulsierte. Sie wollte sich wehren, doch kein Ton verließ ihren Mund. Alba war noch lange nicht fertig. „Ich verstehe, warum dein Vater ständig arbeitet. Er möchte dir bestimmt aus dem Weg gehen. Wahrscheinlich gibt auch er dir die Schuld am Tod seiner Frau! Ich glaube, er kann dir nicht einmal in die Augen sehen, ohne ein tiefes Gefühl von Hass zu empfinden. Was für ein Glück, dass er mich getroffen hat.."

    „Stopp!, schrie Tusana nun und knallte beide Fäuste auf den Esstisch. Die Zwillinge hoben erstaunt ihre Blicke, als hätten sie bis jetzt noch nichts von dem Streit mitbekommen. Gabriel ließ die vollbeladene Gabel fallen, Rafael fing an zu weinen. „Wie kannst du es nur wagen, so über meine Familie zu sprechen? Meine Mutter hast du nie gekannt, und mein Vater arbeitet nur so viel, um deinen gefräßigen kleinen Teufeln die Mäuler stopfen zu können!, schrie sie und zeigte mit ihrer vor Wut zitternden Hand auf die immer noch erstaunten und weinenden Zwillinge.

    An den Rest des Streits konnte sich Tusana gar nicht mehr erinnern. Sie wusste nur, dass sie einfach so wie sie war, im Nachthemd und ohne Schuhe, mit ihren unfrisierten weißblonden Haaren, aus der Tür gestürmt und mit Tränen in den Augen durch das ganze Dorf, über den steinigen Weg, vorbei an den kleinen braunen Steinhäusern und über den Marktplatz gelaufen war, bis sie schließlich am Fluss ankam. „Lauf nur schnell weg! Am besten ist es, du kommst nie wieder!", hörte sie ihre Stiefmutter noch rufen, bevor sie außer Hörweite war.

    Nun stand sie hier am Fluss, mit den Füßen im Wasser, mit ihren Haaren, die noch zerzauster als zuvor waren, und Wut in ihrem Herzen. Nie wiederkommen! Als würde sie jemals wieder einen Fuß in dieses Haus setzen. Niemanden wollte sie jemals wiedersehen! Sie hasste sie alle! Aus tiefstem Herzen hasste sie alle! Eine glitzernde Träne rannte über ihre Wange, ihr Kopf war kirschrot vor lauter Zorn. Hasserfüllt stampfte sie weiter durch den Fluss. In ihr kam ein tiefes Verlangen auf, etwas zu treten oder ganz laut zu schreien. Als sie gerade ihren Mund öffnete, um zornig einen bitterbösen Fluch auszustoßen, lief ihr plötzlich ein kalter Schauer über den Rücken. Die Haare an ihrem Körper stellten sich auf, und Gänsehaut bedeckte ihre braune Haut. Schnell schloss sie ihren Mund wieder und blickte irritiert in die Dunkelheit. Ihre geschwungenen, schwarzen Augenbrauen, die die dunklen Augen perfekt einrahmten, aber so gar nicht zu ihren weißblonden Haaren passten, verzogen sich und formten eine leichte Falte in der Mitte ihrer Stirn. Noch nie zuvor hatte sie ein so seltsames Gefühl gehabt. Sie fühlte sich, als würden sie aus der erdrückenden Dunkelheit bedrohliche Augen beobachten. Verwirrt schaute sie sich um, doch weit und breit war nichts zu sehen. Nur der Fluss, die Lichter des Dorfes in der Ferne und der Vollmond, der die umliegenden Bäume und die große Weide erhellte. Verunsichert wollte sie weitergehen, doch da lief ihr ein weiterer Schauer über den Rücken. Wie aus dem Nichts erreichte sie plötzlich ein seltsames Geräusch. Es klang wie ein leises, aber schrilles Summen, doch sie konnte nicht ausmachen, woher es kam. Schnell wurde es lauter, und in kurzer Zeit verwandelte sich Tusanas Zorn von vorher in Unwohlsein und Angst. Hastig stieg Tusana aus dem Wasser, doch gerade, als sie sich auf den Weg zum sicheren Dorf machen wollte, hörte sie eine sanfte Stimme.

    „Wieso bist du so wütend, Tusana? Mit schreckgeweiteten Augen schaute sie sich um, doch sie konnte noch immer niemanden erkennen. „Wer bist du?, schrie sie panisch in die Dunkelheit des umliegenden Waldes. „So ein besonderes Mädchen wie du darf sich doch nicht so aufregen, sagte die Stimme sehr langsam. Da war er wieder, der Schauer auf Tusanas Haut. Dieses Mal kamen auch noch starke Kopfschmerzen dazu. Mit beiden Händen umfasste Tusana ihren schmerzenden Kopf. „Wer bist du? Zeig dich!, rief sie wieder und begann zu zittern. „Ich bin niemand, und doch habe ich die Macht, alles zu verändern. Ich habe die Macht, in deine Gedanken einzudringen. Ich habe die Macht, deine Gedanken zu manipulieren, flüsterte die Stimme geheimnisvoll. Ohne zu wissen, was sie tat, setzte Tusana einen Fuß vor den anderen und ging immer weiter den Fluss entlang. Sie hatte keine Kontrolle über ihre Beine. Angestrengt versuchte sie, stehen zu bleiben, ihre Beine zu stoppen, in eine andere Richtung zu gehen, doch egal, wie sehr sie sich bemühte, sie konnte sich nicht kontrollieren. „Was machst du mit mir?, weinte Tusana laut und umklammerte mit beiden Händen ein Bein, ohne es vom nächsten Schritt abhalten zu können. „Ich habe alle Macht der Welt! Ich kann sie alle kontrollieren und manipulieren. Komm zu mir, und auch du wirst so mächtig sein. Du kannst deine Stiefmutter und deine beiden Halbbrüder steuern, wie du möchtest! Gemeinsam können wir sogar deine Mutter zurückholen. Abrupt hörten Tusanas Beine auf, sich zu bewegen, und sie kam zum Stillstand. Beinahe wäre sie umgefallen, konnte sich aber gerade noch fangen und das Gleichgewicht bewahren. „Wo bist du?, hauchte Tusana stimmlos. „Schau auf den Boden." Langsam und in Erwartung einer bösen Überraschung senkte sich Tusanas Blick, bis sie mit ihren schwarzen Augen etwas sah, das sie noch nie gesehen hatte.

    Vom Vollmond erleuchtet, lag dort ein unscheinbarer, beinahe schon hässlicher Stein, der irgendwie seltsam wirkte. Er sah so gar nicht aus wie ein normaler Stein. Das Gras um ihn herum war vertrocknet, und es ging eine seltsame Energie von ihm aus. Braun, schlammig und vollkommen löchrig lag er da. Verwirrt kniete sich Tusana hin, um den außergewöhnlichen Stein genauer betrachten zu können. „Ich v-verstehe nicht…, stotterte sie. „Ich werde dich alles lehren, was ich weiß. Nie wieder wird dir jemand Unrecht antun. Keiner wird sich mehr trauen, dich falsch zu behandeln. Sie alle werden Angst vor dir haben. Sich vor dir verneigen. Dich um Verzeihung anflehen. Doch du wirst nicht verzeihen! Niemals! Die Stimme klang nun nicht mehr sanft und langsam. Der Zorn, der Hass, die Wut in der Stimme lähmten Tusana. Alles, was sie nun empfand, war Zorn, Hass und Wut. Sie wusste nicht, was sie machen sollte. Noch nie hatte sie sich so gefühlt! Ihr gesamter Körper, von ihren Füßen bis in die Spitzen ihrer Haare, war von negativen Emotionen, von Hass, von Lust auf Rache getrieben. „Berühre mich! Nur eine Berührung reicht, und wir sind eins! Wir werden es sie alle büßen lassen!", sagte die Stimme, nun wieder etwas ruhiger. Tusana wusste nicht, wie ihr geschah. Sie fühlte sich leer und gleichzeitig sehr lebendig, als würden tausend kleine Feuerwerke in ihrem Körper explodieren. Wie ferngesteuert streckte sie ihre Hand nach dem Stein aus. Ihre Augen waren rot vor Anstrengung, und sie zitterte vor Wut. Mit festem Griff nahm sie den mächtigen Stein und beobachtete fasziniert, wie der alte, hässliche Brocken seine braune Schale sprengte, als würde sich eine Schlange aus ihrer Haut schälen. Zum Vorschein kam ein glatter, bläulich leuchtender Stein von solcher Schönheit, die Tusana sich in ihren kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Hastig schnappte sie nach Luft. Sie hatte das Gefühl, als würde sich ihre Kehle zuschnüren, und sie müsste ersticken. Alles um sie herum fing an, sich zu drehen. Der Fluss, die Lichter des Dorfes, der Wald. Sie verlor den Boden unter den Füßen und verspürte gleichzeitig ein mächtiges Gefühl von Freude und Zufriedenheit. An einer Wange lief eine Träne hinunter, doch dieses Mal war es keine Träne der Traurigkeit. Dieses Mal war es ein Gefühl von Sieg, von Überlegenheit und von Macht. Tusana glaubte, dass der Vollmond immer heller und heller wurde, genauso wie der wunderschön strahlende Stein in ihrer Hand. Sie streckte ihre leere Hand Richtung Mond, um ihre zusammengekniffenen Augen vor dem Licht zu schützen, doch es half nicht, es entstand kein Schatten. Um sie herum wurde alles strahlend erleuchtet, bis es plötzlich ganz weiß war. Durch ihren Kopf hallten Stimmen. Schreiende Stimmen, lachende Stimmen, weinende Stimmen. Das Blut schoss durch ihre Adern. Sie spürte sich selbst und ihre Umgebung in einer schmerzhaften Intensität. Überfordert und überwältigt stieß Tusana mit fest zusammengekniffenen Augen einen hellen Schrei aus.

    Und plötzlich war wieder Dunkelheit und Stille. Nichts als Stille, Dunkelheit, ein ruhiger Fluss, ein düsterer Wald, warme Lichter eines Dorfes in der Ferne und ein Vollmond, der die Nacht erhellte. Nichts war da. Kein Mädchen im Nachthemd, kein leuchtender Stein. Nur Dunkelheit, Stille und ein heller Vollmond am schwarzen Nachthimmel.

    Kapitel 1

    16 Jahre später

    Das Mädchen und der Wasserfall

    Ganz allein saß Luna auf dem mit roten Ziegeln bedeckten Dach des Waisenhauses, das sie bereits die letzten zwölf Jahre ihres Lebens ihr Zuhause nannte. Der Vollmond leuchtete hell vom schwarzen Nachthimmel. Ringsherum strahlten Millionen kleine Sterne durch die klare Nacht. Lunas lange braune Haare glänzten im Mondschein, und ihre blauen Augen fixierten den Zeichenblock, der leer und weiß auf ihren Knien lag. In den Räumen unter ihr machten sich die anderen Jugendlichen des Waisenhauses gerade fürs Bett fertig. Immer wieder drangen das Gelächter der Mädchen und das Poltern zugeworfener Türen durch die offenstehenden Fenster zu ihr auf das Dach. Lange Zeit war sie nun schon in diesem Haus, dessen Steine und Ziegel von den kalten Wintern und den heißen Sommern mitgenommen und brüchig wirkten. Auch das Innere des Waisenhauses war alt und abgewohnt, und in den Schlafräumen im zweiten Stock war nur sehr beengt Platz für die sechzehn Jugendlichen, die darin wohnten, acht Buben und acht Mädchen. Dennoch war es durchaus heimelig, und Luna fühlte sich sehr wohl. Sie kannte alle Angestellten: Mrs Morman, die sich um die Erziehung der Jugendlichen kümmerte, Mr Brook, den Koch, seine Küchenhilfe Mrs Newton und den strengen Mr Malvis, der als Hauslehrer arbeitete, schon seit sie ein kleines Mädchen war. Eine warme Brise wehte durch die rauschenden Baumkronen des umliegenden Waldes und durch Lunas Haar. Nachdenklich rollte sie den Kohlestift durch ihre schlanken Finger und legte ihre Stirn in Falten. Schließlich fiel ihr Blick auf ihren linken Unterarm. Dort, direkt unter der Handfläche, betrachtete sie ihr Muttermal. Es war kein normales Muttermal, das man bei jedem anderen Menschen hätte finden können. Es wirkte fast wie aufgezeichnet, als hätte es jemand absichtlich dort platziert. Luna strich mehrmals mit dem rechten Daumen darüber. „Mondsichel, murmelte sie vor sich hin und begann den Kohlestift mit schnellen Schwüngen über das Zeichenpapier zu bewegen. So lange sie denken konnte, trug sie dieses Muttermal, das die Form eines Halbmondes hatte, bereits auf der hellen Haut ihres Unterarms. Erst vor wenigen Monaten hatte sie vom Hauslehrer Mr Malvis gelernt, dass Luna in anderen Sprachen „Mond bedeutete. Oft schon hatte sie darüber nachgedacht, ob dieses Muttermal die Entscheidung ihrer Eltern beeinflusst hatte, sie Luna zu nennen. Angestrengt versuchte sie sich an die Gesichter ihrer Eltern zu erinnern, doch wie sehr sie sich auch bemühte, sie konnte sie nicht ins Gedächtnis rufen. Mit nur vier Jahren verlor Luna ihre Mutter Cassandra und ihren Vater Oliver bei einem tragischen Brand, der ihr Haus mitsamt allen Fotos, Briefen und Büchern vernichtet hatte. Luna seufzte und legte eine braune Locke hinter ihr Ohr. Mit dem Finger, der von der Kohle in kürzester Zeit rabenschwarz gefärbt wurde, strich sie nun über die gekonnt platzierten Linien auf dem Papier, sodass die Striche verwischt wurden. Wie gern hätte sie ihre Eltern kennengelernt, wie gern hätte sie ein normales Leben geführt. Das Leben im Waisenhaus, das sich „In liebenden Händen" nannte, war nicht schlecht: Sie hatte Freunde, die sich um sie sorgten, bekam dreimal am Tag etwas zu essen und durfte sogar die Schule besuchen. Dennoch konnte es nicht die fehlende Liebe der viel zu früh verstorbenen Eltern ersetzen.

    Das Quietschen der alten Feuertreppe, über die sie aufs Dach gekommen war, riss Luna aus ihren Gedanken. „Hallo?, rief sie in die Nacht hinein. Sie hörte, wie jemand Schritt für Schritt die Leiter hinaufstieg, bis schließlich die schwarzen Haare und freundlichen braunen Augen ihres besten Freundes über der Kante des Daches erschienen. „Habe ich mir doch gedacht, dass ich dich hier finde, sagte Joseph mit einem schiefen Lächeln und balancierte über das Dach auf Luna zu. Luna beobachtete ihn mit einem Grinsen im Gesicht. „So früh habe ich dich hier aber nicht erwartet, sagte sie spöttisch und legte ihren Zeichenblock zur Seite. Lachend ließ sich Joseph neben ihr nieder, streckte die Arme in die Luft und verschränkte sie anschließend vor seiner Brust. Luna beobachtete ihn von der Seite. Seine kinnlangen, schwarzen Haare rahmten sein Gesicht perfekt ein, die vertrauten braunen Augen strahlten, und auf seinen geschwungenen Lippen lag ein charmantes, schiefes Lächeln. Sie konnte gut nachvollziehen, warum ihn die anderen Mädchen sehr attraktiv fanden, doch sie selbst empfand nichts anderes als langjährige enge Freundschaft für ihn. „Ich hatte auch nicht vor, so früh hier zu sein, sagte er schließlich. „Doch nachdem Roberta Eggmore nicht allein, nicht mit einer, sondern mit zwei Freundinnen beim ausgemachten Treffpunkt erschien, war mir klar, dass der heutige Abend schnell gelaufen sein wird. Verständnislos, aber belustigt schaute Luna in die braunen Augen ihres besten Freundes. „Agneta Prick und Sandy Johnson.

    „Oh!, seufzte Luna und zog wissend die Augenbrauen hoch. „Dann war dein Rendezvous mit Roberta wohl eine höchst interessante Mischung aus Lästereien, armseligen Versuchen, im Mittelpunkt zu stehen, und schrillem Gelächter! Joseph lachte herzlich. „Als wärst du dabei gewesen! Aber es war kein Rendezvous. Ich habe Roberta versprochen, ihr beim Lernen für die nächste Mathematikprüfung zu helfen. Ein hoffnungsloser Fall, wenn du mich fragst. Aber du weißt, um die Wissenschaft unverstanden zu lassen, liebe ich sie viel zu sehr! Joseph legte sich auf den Rücken und starrte den strahlenden Vollmond über ihnen hypnotisierend an. „Ich verstehe, sagte Luna schnell und legte sich ebenfalls auf den Rücken. Josephs Wissen über physikalische, mathematische und technische Dinge faszinierte sie schon immer. Dennoch versuchte sie, solche Themen zu umgehen, da Joseph wegen seiner unendlichen Hingabe und Begeisterung kaum mehr zu stoppen war, sobald er angefangen hatte, darüber zu sprechen. Luna musste an ein Gespräch im letzten Sommer denken, bei dem Joseph ihr und der Küchenhilfe Mrs Newton stundenlang erklärt hatte, welche neuen Fortschritte in der Quantenphysik gemacht wurden. Die etwas dickliche Mrs Newton war die einzige Angestellte im Waisenhaus, die Luna wirklich leiden konnte. Oft schlich sie sich in die Küche, um ihr beim Schälen von Gemüse und anderen Vorbereitungen zu helfen. Bei dem Gedanken an Mrs Newtons verwirrtes Gesicht, als sie Josephs Erläuterungen angestrengt lauschte, musste Luna leise lachen. „Darf ich auch mitlachen?, fragte Joseph und legte sich auf seine Seite. Mit einer Hand nahm er Lunas Zeichenblock und studierte das Werk eine Zeit lang konzentriert. Ohne den Blick vom Block zu nehmen, sagte er langsam: „Hattest du schon wieder diesen Traum? Luna starrte in die Nacht. Stille. Es war nur der Ruf einer Eule aus den hohen Bäumen des Waldes zu hören. Ruckartig setzte sich Joseph auf. „Hattest du schon wieder diesen Traum?, fragte er wieder, nachdem er beim ersten Mal keine Antwort bekommen hatte. „Ja, sagte Luna langsam und fing an, über ihr Muttermal in der Form eines Halbmonds zu streichen. „Ich habe dir doch gesagt, du sollst es mir sofort sagen, wenn du wieder davon träumst, sagte Joseph ruhig, aber bestimmt. Luna setzte sich auf und starrte Joseph direkt in die braunen Augen. „Muss ich dir jetzt jedes Mal davon erzählen, wenn ich einen Albtraum habe? Vielleicht auch noch, wenn ich mir das nächste Mal die kleine Zehe am Bett anstoße oder mit den Haaren in der Jacke hängen bleibe?, fragte sie forsch, setzte sich auf und drehte sich wieder Richtung Wald, der im Schein des Vollmondes beängstigend lebendig wirkte. Sie hasste es, wenn ihr jemand sagte, was sie tun sollte. Natürlich war ihr klar, dass die meisten ihre Reaktion für übertrieben halten würden, aber sie konnte nicht anders. Auch ihr bester Freund wusste, dass sie nicht anders konnte, als dickköpfig zu sein. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, stand er auf, drückte ihr den Zeichenblock in die Hände und sagte: „Na komm schon, du sturer Esel, ab ins Bett! Bevor die alte Mrs Morman wieder schimpfen muss!"

    Schweigend kletterten die beiden die Feuertreppe hinunter. Luna beobachtete Joseph genau, wie er schwungvoll ein Bein unter das andere setzte. Sie war unheimlich froh, ihn als besten Freund zu haben. Die Jahre, die sie allein im Waisenhaus verbracht hatte, waren unvorstellbar einsam und düster gewesen. Erst als sie neun Jahre alt war, kam der zehnjährige Joseph Morrison ins Waisenhaus. Luna konnte sich noch sehr gut an den Tag erinnern, an dem sie Joseph das erste Mal sah. Schon damals war er sehr gutaussehend, und Luna bewunderte ihn für seine Gelassenheit und seine Vernunft. Nie ließ er sich anmerken, dass sein Grund, im Waisenhaus zu sein, vermutlich noch viel schmerzlicher war als der von allen anderen Kindern, deren Eltern gestorben waren. Josephs Eltern waren beide am Leben und sehr angesehene Größen in der Wissenschaft. Für ihren Sohn hatten sie nie viel Zeit, da sie Tag und Nacht arbeiteten. Als Joseph neun Jahre alt war, ließen sich seine Eltern scheiden und fanden bald darauf neue Partner, um neue Familien zu gründen. Keiner wollte Joseph zu sich nehmen, weswegen er mit zehn Jahren ins Waisenhaus kam. Luna schluckte. Sie war die Einzige, die diese Geschichte kannte. Den anderen Buben hatte Joseph immer erzählt, seine Eltern wären bei einem tragischen Autounfall gestorben. Sie konnte nicht verstehen, wie man Joseph nicht ins Herz schließen konnte. Niemand, den sie kannte, war so vertrauensvoll und liebenswert wie ihr bester Freund. Seit Josephs Ankunft im Waisenhaus waren die beiden unzertrennlich. Fast jeden Tag trafen sie sich in ihrem Versteck auf dem Dach, um über die anderen Jugendlichen, die alte Mrs Morman und alle möglichen anderen Dinge zu reden. Luna wusste, dass Josephs Freundschaft der Grund war, warum sie die letzten sieben Jahre ihres Lebens glücklich gewesen war. Ihre Gedanken an die schöne, gemeinsame Vergangenheit wurden schnell von Zukunftsängsten verdrängt. Joseph war nun 17 Jahre alt, ein Jahr älter als Luna, und würde in nur einem Jahr das Waisenhaus verlassen müssen. Was würde aus ihm werden? Würden sie sich wiedersehen, nachdem Luna ein Jahr ohne ihn im Waisenhaus geblieben wäre? Luna verzog das Gesicht bei dem Gedanken an das bestimmt einsame Jahr. Sie hatten schon oft darüber gesprochen, dass Joseph auf dem Bauernhof im Dorf arbeiten würde, bis Luna und ihre Freundin Daisy auch 18 Jahre alt wären und ebenfalls das Waisenhaus verlassen dürften. Dann würden sie zu dritt in die Großstadt reisen und dort in einer Schule arbeiten. Joseph als Mathematik- oder Physiklehrer, Luna als Zeichenlehrerin und Daisy als Literatur- oder Geschichtslehrerin. Mehrmals hatten sie bei der Vorstellung an ihre Zukunft herzlich gelacht, doch Luna wusste, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es auch tatsächlich so passierte, mehr als gering war.

    Ungesehen schlüpften Joseph und Luna durch das offenstehende Fenster in das kleine Lernzimmer des Waisenhauses, das voller alter, schon zu oft gelesener Büchern war. Joseph schloss das Fenster hinter sich. „Pssst!, zischte Luna und öffnete leise die spröde Holztür, die das Lernzimmer mit dem Flur verband. Sie durften nicht schon wieder dabei erwischt werden, auf dem Dach gewesen zu sein. Schon beim letzten Mal drohte die alte Mrs Morman damit, das Fenster zur Feuertreppe zunageln zu lassen, wenn sie Joseph und Luna nochmal am Dach erwischte. Nachdem die Luft rein war, schlichen die beiden den Flur entlang. Die alten Holzdielen knarrten und krächzten bei jedem Schritt jämmerlich. Erst, als sie bei zwei gegenüberliegenden Türen ankamen, blieben die beiden Freunde stehen. „Gute Nacht, Luna! Träum was Schönes, flüsterte Joseph mit einem vielsagenden Blick. Luna starrte genervt zurück. „Und lass mir Roberta, Agneta und Sandy lieb grüßen!, ergänzte er mit einem Zwinkern. „Sag ihnen, es war ein ganz reizender Abend, und ich kann es kaum erwarten, ihn zu wiederholen! Er beendete die Verabschiedung mit einer übertrieben tiefen Verbeugung. Luna musste lachen und hielt sich schnell die Hand vor den Mund, um Mrs Morman nicht aus ihrer Kammer zu locken. „Wünsch dir das nicht!, sagte sie und kniff ihren besten Freund fest, aber liebevoll in die Wange. „Gute Nacht!, flüsterten beide und betraten die gegenüberliegenden Zimmer. Joseph verschwand im Schlafraum der Buben und Luna im Schlafraum der Mädchen.

    Im Mädchenschlafraum brannte noch Licht, als Luna sich durch die Tür schob. Einige der Mädchen waren in eine hitzige Diskussion über die kulinarischen Tiefpunkte des Waisenhauses vertieft. „Also der Kartoffelbrei gestern war eindeutig das Schlimmste bis jetzt!, jammerte Sandy und machte ein Gesicht, als würde jemand ihre Katze abstechen. „Ich bin froh, wenn wir Kartoffeln bekommen und nicht wieder irgendeinen Fleischersatz!, sagte Margret und verdrehte die Augen so sehr, dass man die Pupillen nicht mehr sehen konnte. „Was meinst du damit?, fragte Roberta. „Na ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass das, was sie uns als Fleisch verkaufen, eine Mischung aus Knochen und anderen Essensresten ist! Schau es dir doch einmal genau an! Ich glaube, dieses sogenannte Fleisch hat mit einem toten Tier so viel zu tun wie ich mit der italienischen Oper!, war die Antwort. Sandy, Roberta und Sophie kicherten laut, während sich Luna an den Mädchen vorbei schlängelte und auf ihr Bett setzte. Es war eines von vier Stockbetten, die in einem viel zu kleinen Raum gedrängt nebeneinander standen. Die Möbel waren alt und abgewohnt, vor den zwei kleinen Fenstern hingen löchrige, wild gemusterte Vorhänge, und jeder Fleck des Zimmers war von Wäsche, Büchern oder anderen Dingen der acht Mädchen besetzt. Luna schlief in dem unteren Bett direkt vor dem Fenster. Dieses Privileg hatte sie, da sie eines der Mädchen war, das schon die längste Zeit im Waisenhaus verbracht

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