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Beautiful Fools: Zelda und F. Scott Fitzgerald. Roman

Beautiful Fools: Zelda und F. Scott Fitzgerald. Roman

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Beautiful Fools: Zelda und F. Scott Fitzgerald. Roman

Länge:
358 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Feb 17, 2021
ISBN:
9783869152431
Format:
Buch

Beschreibung

Eine Hommage an das Jazz-Age-Traumpaar!

Hollywood/Havanna 1939: Wilde Zeiten liegen hinter Zelda und F. Scott Fitzgerald, der Glanz des Weltbestsellers Der große Gatsby scheint längst verblasst, als das einstige Glamourpaar der Roaring Twenties zu einer Reise nach Kuba aufbricht – ein letzter Versuch, die turbulenten Jahre hinter sich zu lassen und neu anzufangen … R. Clifton Spargos lebendiges und einfühlsames Porträt des legendären Jazz Age-Traumpaars bietet einen facettenreichen, authentischen Blick hinter die Kulissen einer außergewöhnlichen Künstlerehe und zugleich eine faszinierende Zeitreise in die wilden Zwanziger- und Dreißigerjahre.
Herausgeber:
Freigegeben:
Feb 17, 2021
ISBN:
9783869152431
Format:
Buch

Über den Autor


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Beautiful Fools - R. Clifton Spargo

wirst.«

1

April 1939

Um aufzustehen, musste er alle Kräfte gegen die drückende Last der Schuldgefühle und der Übelkeit aufbieten; unausgeschlafen wie er war, wurde bereits das Herausschwingen der Füße aus dem Bett zu einer Herausforderung, und er musste den Kopf ganz langsam anheben, um den Schwindel unter Kontrolle zu halten. Was folgte, war eine asketische Routine. An einem guten Morgen war er allein, ging nachlässig mit seinen körperlichen Bedürfnissen um und war meistens in der Lage, eine befriedigende Anzahl von Sätzen zusammenzuklauben, die ihm publikumstauglich erschienen. Er begann jeden Tag mit den Sätzen, über die sein Unterbewusstsein dankenswerterweise bereits im Schlaf nachgegrübelt hatte. Je länger er am Schreibtisch saß, desto länger konnte er seinen tiefen Widerwillen gegenüber dem Essen, der Betriebsamkeit oder dem Optimismus hinauszögern – alles Dinge, die bei ihm sogar in geringen Dosen Brechreiz hervorriefen. Was immer er tat, die Übelkeit war sein ständiger Begleiter, bereits seit Monaten ließ sie nur für kurze Momente nach, in denen er etwas Süßes aß oder sich einen harten Drink genehmigte. Ein Gang in die Küche, die tägliche Dosis Benzedrin und ein Kaffee mit Kakao und viel Zucker regten schließlich seine Lebensgeister wieder an. Zurück am Schreibtisch, hieß es noch ein bis zwei Stunden lang weiterschreiben, das Frühstückstablett der Haushälterin ließ er unberührt, das tägliche Glas Gin, das seine Nerven beruhigte, verschob er bis nach dem Lunch, seltener bis zum Abend. Die leeren und die vollen Flaschen verwahrte er im Schlafzimmerschrank.

Über eine Woche lang hatte er schon hin und her überlegt, wie er Sheilah die Nachricht beibringen sollte. Nächste Woche würde er nach North Carolina fliegen und Zelda im Sanatorium abholen – und nur sie beide, Ehefrau und Ehemann, würden nach Kuba fliegen, würden Urlaub machen, wo es warm war, nicht allzu weit entfernt und dennoch neu für sie. Er hatte ihr seit Langem, seit letztem November, diese Reise versprochen. Zelda freute sich darauf, er konnte seine Pläne jetzt nicht ändern. Natürlich wusste Zelda nichts von der hübschen, jungen Hollywood-Klatschkolumnistin, seiner Geliebten Sheilah Graham, mit der er seit über einem Jahr zusammen war. Im letzten Frühjahr hatte Sheilah ihn aus seinem Apartment im Garden of Allah herausgeholt, einer Hotelanlage, die nur so strotzte vor diversen Versuchungen. Dort wohnten alte Freunde wie Dorothy Parker, Don Ogden Stewart, Robert Benchley, die alle für die Studios schrieben und alle gut im Geschäft waren, die sich ihre Kicks holten, wie er sie auch einmal zur bloßen Stimulanz gebraucht hatte, die stets Bourbon dabei hatten und stets neue Leute mitbrachten für ihre nächtlichen Gelage. Wäre Sheilah nicht gewesen, er wäre wahrscheinlich mit dieser schrillen Truppe versackt; aber sie hatte ihn dort herausgeholt und ihm ein Häuschen außerhalb des gefährlichen Dunstkreises besorgt. Er lebte nun in ruhiger Abgeschiedenheit im San Fernando Valley, nahe der unbedeutenden, kleinen Stadt Encino, auf Belly Acres, dem ›Landgut Bauch‹, dessen Namen er so lächerlich und peinlich fand, dass er den Mietvertrag zuerst nicht hatte unterzeichnen wollen. Im Winter war es zehn Grad wärmer als an der Küste, und auch die trockene Luft war gut gegen seine Tuberkulose, die immer wieder aufflammte. Mitunter stand er auf seiner Veranda, atmete die klare Luft des Tales tief ein, die ein wenig nach Wüste schmeckte, und dachte voller Dankbarkeit an diese Frau, die so oft genau das tat, was das Beste für ihn war, bevor er selbst es auch nur ins Auge zu fassen vermochte.

Sheilah behielt ihre Wohnung in der Stadt, in der Nähe der Studios, und er blieb unter der Woche häufiger bei ihr. Nach den unsteten Jahren, geprägt von der lähmenden Furcht, niemals mehr schreiben zu können, zumindest nicht gut genug, half sie ihm, das Gefühl hinter sich zu lassen, alles sei sinnlos und er längst in Vergessenheit geraten. Sie linderte sogar versiert seine seelischen Blessuren, die irgendein dahergelaufener Produzent, Regisseur oder Hollywood-Nobody hinterließ, dem sein Name nicht gleich etwas sagte – wie der junge Drehbuchschreiber, der ihn für einen Moment verdutzt angesehen und dann gesagt hatte: »Ich dachte, Sie seien längst tot.«

»Niemand, der solche Bücher wie du geschrieben hat, wird jemals sterben«, tröstete Sheilah ihn später in der Nacht.

Auch wenn sie seine größte Stütze war, änderte dies nichts an seiner Ergebenheit für Zelda. Das war seine Realität. Er war ein Mann, der nicht nur in der Lage war, zwei Frauen gleichermaßen zu lieben, sondern der auch beide dringend brauchte, um sein angeschlagenes, fast zerstörtes Ego zu bewahren. Zudem hatte er Sheilah gegenüber die willkommene Ausrede, er dürfe auf keinen Fall Zeldas seelischen Zustand erschüttern. Das Sanatorium hatte ihm versichert, sie sei nicht in der Lage, unerfreuliche Nachrichten zu ertragen. Die Rückkehr in ihr altes Leben war die einzige Zukunft, die sie sich vorstellen konnte. Ihr fester Glaube an Scotts Treue stand im Zentrum ihres fragilen und komplizierten Gleichgewichts, das sie sich aufgebaut hatte. Was die überaus wichtige Frage der Begleichung ihrer Rechnungen betraf, die regelmäßigen Briefe und seine gelegentlichen Besuche, darin war er seinem Versprechen in der Tat immer treu. Und außerdem instruierte er ihre gemeinsame Tochter Scottie, die inzwischen am Vassar College studierte, und die wenigen verbliebenen Freunde, dass sie mit Zelda unter keinen Umständen darüber sprechen durften, was für ein Leben er in Kalifornien führte.

Zelda war seit drei Jahren bei Dr. Robert Carroll im Highland Hospital in Asheville, North Carolina untergebracht, der seelische Erkrankungen wie Schizophrenie sowohl mit fortschrittlicher Schulmedizin als auch mit erprobten Entspannungstechniken behandelte. Er zitierte gern die alte Weisheit Mens sana in corpore sano und bestand darauf, dass der Tagesablauf seiner Patienten dem Wahlspruch genüge tat, dass nur in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohne: Es gab Gymnastik im Freien, Spaziergänge von fünf Meilen, Klettertouren, Tennis, Medizinball- und Volleyballspiele, Mal- und Tanzstunden. Als Zelda im Frühjahr 1936 Sheppard Pratt bei Baltimore verlassen hatte – ihr vierter Klinikaufenthalt innerhalb von sieben Jahren –, war sie eine schwächliche Person von etwas über 40 Kilo gewesen. Unter Carrolls Betreuung gewann sie im ersten Jahr zehn Kilo zurück, erlangte wieder ihre durchtrainierte Ballerinafigur sowie ihr gesundes, gutes Aussehen und vermochte das erste Mal seit Ewigkeiten daran zu glauben, dass nichts sie daran hindern konnte, wieder gesund zu werden.

Das Highland arrangierte Tagesausflüge und mehrmals im Jahr auch Reisen zu meist pittoresken Zielen, allerdings überstiegen die Kosten die reguläre Unterbringung, Verpflegung und medizinische Betreuung um ein Vielfaches. Im letzten Januar hatte Scott dennoch einer Reise für sie nach Kuba zugestimmt, konnte aber dann die hohe Summe nicht aufbringen. Metro-Goldwyn-Mayer hatte sein anspruchsvolles Drehbuch für Fidelity monatelang gefördert und plötzlich fallenlassen – ein weiteres Zeugnis von Hollywoods lähmender Angst vor der Zensur und seiner persönlichen Pechsträhne. Wie die vorangegangenen Rückschläge der letzten zehn Jahre überspielte Zelda auch diesen und sagte zu ihm, sie hätte sowieso keine Freude daran gehabt, so viel Geld mit der Highland-Gruppe und ohne ihn auszugeben. Es wäre außerdem viel preiswerter, wenn sie beide zusammen verreisten, und so schrieb sie ihm einige Wochen später kurzerhand: »Lass uns diese Kubareise einfach selbst machen.«

Er versprach, er werde sie abholen, so bald wie möglich, sicherlich könnten sie noch vor Ende Mai aufbrechen. Nun war bereits Mitte April, und er hatte immer noch keinen endgültigen Reisetermin festgesetzt, geschweige denn mit Sheilah über die Kubareise gesprochen. Er wusste, das Gespräch mit ihr würde nicht sehr viel anders verlaufen als beim letzten Mal, als er mit Zelda nach New York geflogen war.

»Woher weiß ich denn, dass du nicht die ganze Zeit mit ihr herumvögelst?«

»Sheilah, ich habe dir immer die Wahrheit gesagt«, hatte er ihr vor dem Abflug nach New York geschworen.

»Ich kann dir nicht vertrauen, nach all der Zeit rennst du immer wieder zu ihr.«

»Ich habe es ihr versprochen.«

»Wann? Was genau?«, fragte sie, obwohl es schrecklich erniedrigend war, mit einer kranken Frau zu konkurrieren. »Meinst du euer Heiratsgelübde, Scott? Das ist sehr ritterlich von dir, aber selbst die katholische Kirche würde dir vergeben. Schließlich ist deine Frau im …«

»Sag kein Wort gegen sie, du weißt nichts über Zelda!«

»Sie ist das Einzige, was dir heilig ist. Das ist sie. Ich bin es nicht, ich bin nichts wert. Ich löse eine Verlobung für dich, aber was zählt das schon im Vergleich zu Zeldas Martyrium, für die du einen Kampf gegen die Götter und das Schicksal geführt hast. Ihr zwei habt gemeinsam um euren Platz an der Sonne gerungen, und seit er euch nun verschlossen ist, bleibt euch da nichts mehr, als nur noch mit Klauen und Zähnen gegeneinander zu kämpfen? Wer weiß schon, ehrlicherweise, ob nicht all diese Auseinandersetzungen zu ihrem Wahnsinn beigetragen haben!«

»Das reicht, ich gehe!«, brüllte er.

»Dafür brauchst du wohl erst eine Ausrede: Sheilah ist ein Miststück, deshalb gehe ich jetzt! Okay, verschwinde – ich werde hier nicht auf dich warten.«

Das tat sie aber dennoch, wenn vielleicht auch nur, um ihm bei seiner Rückkehr aus New York noch einmal die Leviten zu lesen, bevor sie sich versöhnten.

Seither waren sechs Monate vergangen. Und nun saß er hier, eine Woche vor der Abreise nach Kuba, und hatte Sheilah immer noch nichts davon gesagt. Vielleicht fing ihr Streit so an: Immer wenn er sich dem Alkohol hingab, stieß er sie zurück, aber sie spürte, dass es Zelda war, die ihn beschäftigte, wenn er plötzlich mehr Zeit und Raum und Ungestörtheit für sich beanspruchte. Sheilah war am späten Vormittag vorbeigekommen und hatte gleich nach ein paar Minuten begonnen, das Haus zu durchsuchen.

»Was ist das?«, fragte sie und zog eine leere Ginflasche aus der unteren Schublade seines Schreibtischs.

»Nichts, was dich was angeht«, gab er zurück, »mach bidde die Schublade su.«

»Warum? Meinst du, ich wüsste nicht, was mit dir los ist?«

»Nein, weil du kein Recht has durch meine persölichn …«

»Sprich deutlich, Scott! Streng dich an, was denkst du eigentlich, wie blind ich bin?«

Ja, wie blind war sie eigentlich? Er würde ihr am liebsten die Worte ins Gesicht schleudern. Er hasste ihre Übergriffigkeit ebenso wie ihre Phasen der Gleichgültigkeit. Seine Tuberkulose war wieder aufgeflammt, und er steuerte auf einen Kollaps zu – wie konnte sie diese Anzeichen übersehen?

»Hast du gedacht, ich würde dein Genuschel nicht bemerken? Ich verstehe nicht, wie du diese Scheinexistenz ertragen kannst. Wie viel, meinst du, kannst du vor mir verbergen? Oder vielleicht hoffst du ja sogar, dass ich alles herausfinde? Was genau geht vor in deinem Hirn? Wenn ich meine Grenzen überschreite, als diejenige, die dich liebt, um sicherzustellen, dass du am Leben bleibst – bis, wollen wir mal bescheiden hoffen, Mitte des Sommers? Willst du das? Oder willst du nur um meinetwillen so tun, als sei alles in Ordnung mit dir? Die arme Sheilah, von ihrer Mutter mit sechs in ein Londoner Waisenhaus gesteckt, ohne die leiseste Erinnerung an einen schwindsüchtigen, toten Vater, die früh Armut, Alkohol, Elend, Schmutz, alle Erniedrigungen des East End kennengelernt hat – um ihretwillen muss ich so tun, als würde ich mich nicht selbst zerstören?!«

»Deine Wahrnehmung is erschtaunlich …«

»Glaubst du wirklich, ich müsste diesen Schrank erst öffnen, um zu wissen, was sich darin befindet?«

»Dann lass ihn gottverdammdnochma su!«

Er wankte mit geballter Faust auf sie zu.

»Ach, fahr doch zur Hölle!«, schrie sie und drehte sich abrupt zur Tür. »Ich bin sicher, du findest den Weg dorthin auch ohne mich.«

Das Problem Sheilah hatte sich somit erst einmal gelöst. Er würde nach seiner Rückkehr versuchen, die Scherben zu kitten. Der restliche Tag zog sich mit Trübsal und zu vielen Drinks dahin. Er wechselte zwischen Bier und Gin-Cola, trotzdem war am Nachmittag die halbe Flasche leer und er hatte nichts zu Papier gebracht. Ein paar Mal war er nahe daran, in sein Ford Coupé zu steigen und zum Flughafen zu fahren. Aber er konnte nicht mehr so tun, als habe er das Trinken unter Kontrolle, und es wäre ziemlich unbesonnen von ihm gewesen, in seinem gegenwärtigen Zustand bei Zelda anzukommen. Sie reagierte sehr sensibel, wenn er eine Alkoholfahne hatte. Er musste sich unbedingt ausnüchtern, bevor er losfuhr.

Die Nachtstunden zogen sich endlos hin, er trank wahllos weiter. Kurz nach Mitternacht rief er die Krankenschwester an, die ihm schon einige Male geholfen hatte, und sie sagte zu, gleich am frühen Morgen bei ihm zu sein.

»Mr. Fitzgerald, wie wäre es mit einem Beweis Ihres ernsthaften Willens? Lassen Sie die Flasche den Rest der Nacht in Ruhe«, riet sie ihm, bevor sie auflegte, »vielleicht sind Sie dann einigermaßen nüchtern und klar, wenn ich komme.«

Also brühte er sich eine große Kanne Kaffee auf und kippte eine Tasse nach der anderen hinunter, gesüßt mit Kakao und Zucker, wanderte auf seiner Veranda hin und her, rauchte ohne Unterlass und starrte hinaus in die kühle Wüstennacht. Er versuchte, sich auf den Mond zu konzentrieren, der hinter den Magnolien, Kiefern und Birken träge über den Kronen des weit entfernten Waldes hing. Nach einiger Zeit ging er hinein, um nachzusehen, wie spät es war. Der Countdown der Stunden, damit beginnt die Entwöhnung immer. Nach seinem letzten Uhrencheck war noch nicht einmal eine Stunde verstrichen. Er würde es nie bis zum Morgen schaffen. Er machte sich noch eine Kanne Kaffee, aß ein paar Stückchen Schokolade, eine weitere Stunde durchgehalten.

Er dachte an Sheila, ihr Abgang hatte ihn seiner Doppelrolle enthoben. Sei es zum Besseren oder Schlechteren, jetzt war er wieder ganz Zeldas Ehemann, konnte nach Asheville fliegen und sie aus ihrer Einsamkeit erlösen, die sich im Grunde nicht wesentlich von der seinen unterschied.

Er würde gleich heute losfahren. Er legte einen Koffer auf den Boden und begann zu packen. In Havanna würde wohl ein ähnliches Klima herrschen wie in Südkalifornien, und da er selbst in Hollywoods Wintertagen bei 24 Grad gelegentlich fror, holte er vier Sportjacketts und festere Hosen aus dem Schrank, jede Menge Unterwäsche und Socken, bis der Koffer überquoll und er die Hälfte wieder zurücklegen musste. Dabei fiel ihm sein Revolver in die Hände, er schlug ihn in eine Unterhose ein und vergrub ihn tief unten im Koffer.

Inzwischen zeigte die Uhr auf dem Nachttisch beinahe fünf. Er könnte jetzt zum Flughafen fahren und versuchen, einen Frühflug zu bekommen. Aber dann erinnerte er sich an die Krankenschwester – zu spät, sie war schon unterwegs. Er konnte sie unmöglich vor dem leeren Haus stehen lassen. Er würde erst nach ihrer Ankunft losfahren können. Mit einem Mal spürte er, wie seine Energie ihn verließ, seine Entschlossenheit sank mit jedem Augenblick, ja floss förmlich aus ihm heraus, ihm wurde übel und schwindelig. Er würde den Tag nicht überstehen, ohne noch ein wenig zu schlafen. Er legte sich aufs Bett und schloss die Augen. Die Schwester würde natürlich empfehlen, die Reise zu verschieben, erst den Entzug zu machen, die Reise nicht zu überstürzen. Aber sich dem Reglement der Entwöhnung zu unterwerfen bedeutete wochenlange Hilflosigkeit, und danach würde er als Freelancer alle ihm Gewogenen in der Stadt um einen Auftrag angehen müssen. Und über all die Zeit hinweg würde Zelda jeden einzelnen Abend im Foyer des Highland verbringen, würde still dasitzen und lesen und den ganzen Frühling lang darauf warten, dass er sie abholte, wie er es versprochen hatte.

Das Klopfen an der Tür hatte sich zum Hämmern gesteigert, als es ihn endlich weckte. Er stolperte nach unten und konnte seinen eigenen Alkoholdunst kaum ertragen, wie musste er erst die Krankenschwester anekeln … Er schloss die Tür auf und verschwand mit einem kurzen Gruß rasch in der oberen Etage im Bad, während sie hinter ihm herrief: »Mr. Fitzgerald, alles in Ordnung?« Er drehte den Wasserhahn auf, seifte Brust, Achseln und Unterleib ein, wusch und trocknete sich ab. Er schüttete sich jede Menge Wasser ins Gesicht und Eau de Cologne übers Haar, drückte sich Zahnpasta in den Mund, fand seine Zahnbürste nicht, benutzte die Finger und spuckte schließlich den Schaum aus, bevor er die Badezimmertür öffnete und ihr seine bejahende Antwort gab.

Mrs. Carmichael kämpfte sich durch den Berg von schmutzigem Geschirr, während sie mit ihm schwatzte: »Ich werde Ihnen jetzt ein Frühstück machen. Das gibt richtig Kraft für die kommende, lange Schlacht. Haben Sie geschlafen? Jesus, Maria und Joseph, Sie sind ja ausgegangen, Mr. Fitzgerald!«

Ihre gluckenhaft mütterliche Anwesenheit ging ihm auf die Nerven.

»Mrs. Carmichael«, versuchte er aus dem Schlafzimmer heraus den pfeifenden Wasserkessel zu übertönen, »mein Terminplan hat sich geändert. Ein Meeting heute Morgen, sehr dringend, duldet keinen Aufschub.«

»Entschuldigung, haben Sie etwas gesagt, Mr. Fitzgerald?« Sie stieg die Treppe hinauf und erschien in der Tür.

»Ich habe gesagt, ich muss heute Nachmittag wegfahren. Werde wahrscheinlich etwa in einer Woche zurück sein. Muss nach New York, das kann leider nicht …«

»Mr. Fitzgerald, wollen Sie das wirklich tun? Letzte Nacht klangen Sie wie der verlorene Sohn, dem klar geworden ist, dass er lieber nach Hause zurückkehren und dort anklopfen sollte, anstatt demnächst an die Himmelspforte.«

»Alkohol macht einen sehr melodramatisch.«

»Alkohol macht vieles mit einem und nichts davon ist besonders gut. Ich weiß nicht, wie viele neue Chancen uns das Leben gibt, ich weiß nur, sie hatten schon ein gerüttelt Maß.«

Der Termin könne nicht verschoben werden, wiederholte er, wobei er versuchte, vor ihr zu verbergen, wie schlecht es ihm ging, wie seine Hände im Delirium zitterten, seine Nerven bis zum Zerreißen gespannt waren und nur durch den Drink beruhigt werden konnten, den er sich sofort genehmigen würde, sobald sie außer Sichtweite war.

»Mir geht es viel besser, als ich mich gestern angehört habe, aber ich würde ihre Hilfe gerne wieder beanspruchen wollen, wenn ich zurück bin.«

»Wissen Sie, was ich dachte, als Sie heute Morgen nicht aufgemacht haben? Nachdem ich über zehn Minuten an die Tür gehämmert hatte, wollte ich gerade zur Polizei gehen.«

»Stellen Sie sich vor, ich wäre dann gerade aufgewacht.«

»Stellen Sie sich vor, Sie wären’s nimmer mehr.«

»Möglich wäre es«, sagte er langsam. Wenn sie vorhatte, ihm Angst einzujagen, war ihr das bestens gelungen.

Weniger als eine Stunde später informierte er sie, schon mit dem Koffer in der Hand, dass er sich nun beeilen und erst noch schnell ins Studio fahren müsse.

Auf der Fahrt dachte er an Sheilah, daran, wie sie das Drumherum, aber nicht die faktischen Wahrheiten ihrer Beziehung akzeptierte. Solange Zelda ein tragischer Geist im Hintergrund blieb, konnte Sheilah die Tatsache ertragen, dass er verheiratet war, und ihr Bestes tun, nicht zu intervenieren. Aber bei den leisesten Anzeichen von Zeldas Versuchen, sich wieder in seinem Leben einzunisten oder nur das Geringste zu beanspruchen, was ihr rechtmäßig zustand, gab es sofort Probleme. Letzte Woche erst hatte Sheilah einen Brief von Zelda entdeckt.

»Oh Scott, sie liebt dich doch noch immer so sehr. Was kannst du ihr denn bloß sagen? Sie wartet jeden Tag darauf, dass du kommst und sie rettest. Warum gehst du nicht zu ihr? Sie wird dich zurücknehmen, sie wir dich immer wieder zurücknehmen.«

Als ob das eine Option wäre!

»Ich habe den Brief nicht mit Absicht gelesen«, sagte Sheilah später. »Er lag im Wohnzimmer zwischen einem Bücherstapel. Ihre dramatische Handschrift, ihr ungezähmter Geist, sie hat so viel, was man bewundern muss. Das Wenige, was ich gelesen habe, hat mir schon

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