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Ein Wald des Vertrauens. Essays 25-32: Aufzeichnungen meiner spirituellen Schulzeit, #4
Ein Wald des Vertrauens. Essays 25-32: Aufzeichnungen meiner spirituellen Schulzeit, #4
Ein Wald des Vertrauens. Essays 25-32: Aufzeichnungen meiner spirituellen Schulzeit, #4
eBook325 Seiten4 Stunden

Ein Wald des Vertrauens. Essays 25-32: Aufzeichnungen meiner spirituellen Schulzeit, #4

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Über dieses E-Book

Wenn Spiritualität eine menschliche Kompetenz ist, deren Bewahrung wesentlich mit Hilfe von Traditionen erfolgt, dann wird deutlich, weshalb sich "Religionen" entwickelt haben. Wo das Traditionsverständnis einer Religion aber zur Leblosigkeit gerinnt - was auf Dauer wohl das Schicksal aller Religionen sein dürfte -, dann kommt es darauf an, sich aus der falschen Vorstellung zu befreien, die Vergangenheit stelle ein Diktat für die Gegenwart und die Zukunft dar. An diesem Punkt sieht der Verfasser der vorliegenden Essays, studierter katholischer Theologe, das heutige Christentum. Zum Abschluss seiner vierbändigen Buchreihe, die ihn zu den zentralen Einsichten der frühen Phase seines spirituellen Lernens zurückführt, wendet der Autor sich deshalb verstärkt - wenn auch nicht ausschließlich - der Geschichtlichkeit von Spiritualität zu. Er stellt fest, dass die Befreiung von einem Missverständnis der Geschichte als "Programm" nur über ein geschärftes Geschichtsbewusstsein möglich ist, wie es von vielen spirituellen Traditionen vernachlässigt wird, im Christentum aber, und zwar auch im "spirituellen Christentum", eine zentrale Rolle spielt.

SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum25. Feb. 2021
ISBN9781393335382
Ein Wald des Vertrauens. Essays 25-32: Aufzeichnungen meiner spirituellen Schulzeit, #4
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Autor

Joachim Elschner-Sedivy

Joachim Elschner-Sedivy, Lic. Theol., has a Roman-Catholic biographical background. His hometown is Munich, Germany. He was born in 1975.

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    Buchvorschau

    Ein Wald des Vertrauens. Essays 25-32 - Joachim Elschner-Sedivy

    Fünfundzwanzigster Essay: Intervention. Vom Paradoxon, dem vollkommenen Kosmos etwas „zurückzugeben"

    457

    Ich will meine unvermeidlich nur selektiven vorliegenden essayistischen Reflexionen über das weite Feld menschlichen Handelns im Licht wahrer Spiritualität mit einer Geschichte über das Helfen und Retten beginnen - und zwar mit einer unglücklichen. Es ist die Geschichte von Tjark Evers. Dieser einundzwanzigjährige Schiffersohn von der Nordseeinsel Baltrum, der zur See fuhr und während der Wintermonate eine Navigationsschule auf dem ostfriesischen Festland besuchte, um sich auf die Steuermannsprüfung vorzubereiten, wollte zu Weihnachten 1866 seine Familie besuchen. Er ließ sich am frühen Morgen des 23. Dezember von einem Bootsführer aus Langeoog von Westeraccumersiel nach Baltrum bringen. Nachdem er in dichtem Nebel am vermeintlichen Strand der heimatlichen Insel abgesetzt worden war, bemerkte Tjark Evers erst einige Zeit später - zu spät, denn sein Zubringer hatte längst den Rückweg angetreten -, dass er sich vielmehr auf einer Plat befand, einer Sandbank, die bei Flut im Meer versinkt. Das bis zuletzt mit eindringlichen Eintragungen versehene Notizbuch des auf diese Weise in schrecklicher Langsamkeit Ertrunkenen, ein Heft, das er in der schauderhaft klaren Gewissheit seines bevorstehenden Todes, dem er als frommer Christ entgegenzusehen versuchte, in sein Taschentuch gewickelt und in eine Zigarrenkiste gesteckt hatte, die er als Geschenk hatte mitbringen wollen, wurde am 3. Januar 1867 am Strand von Wangerooge gefunden; der Leichnam von Tjark Evers hingegen wurde nie geborgen. Noch im selben Jahr 1867 begann unter dem Eindruck dieser durch die Zeitungen bekannt gewordenen Tragödie die Aufstellung der ersten Rettungsbaken im Wattenmeer - im Prinzip Körbe auf Pfählen, die sich dort leicht verankern ließen -; diese Entwicklung war einer der ersten Vorboten der „Moderne, deren epochale Veränderungen sich in genau diesen späten 1860er-Jahren anbahnten. Die Geschichte von Tjark Evers ist gewiss vor allem eine menschliche - aber ich sehe in ihr ganz besonders auch eine Metapher über zwei verschiedene Arten von Rettung. Denn auch die institutionelle Seenotrettung mittels an Land stationierter Rettungsboote wurde an der deutschen Küste in den Jahren nach Tjark Evers’ Tod begründet. Die mutigen und starken Ostfriesen, wie sie etwa in der Ballade „Nis Randers besungen werden, die seit damals bei jedem Wetter in Ruderbooten zu den Schiffbrüchigen hinausgelangten, konnten aber denjenigen nicht retten, von dessen Not keiner etwas erfuhr: Um den jungen Tjark Evers noch einmal ins irdische Leben zurückzuholen, was rettungstechnisch nicht kompliziert, sondern ein Leichtes gewesen wäre, ruderte kein Retter los, weil kein Retter alarmiert wurde. Vielleicht hätte Tjark Evers aus eigener Kraft zu einer Rettungsbake hingelangen können, wenn es diese schon gegeben hätte. Die Rettungsbaken wurden zur gleichen Zeit erfunden wie die Seenotrettung mittels Booten von Land aus - aber die ebenso einfache wie geniale Idee der Rettungsbaken ist die vergleichsweise viel unbekanntere und unbesungenere. Will sagen: Nicht immer ist das Spektakulärere auch das tatsächlich Wirksamere. Der hier historisch verankerte Vergleich zwischen Rettungsbooten und Rettungsbaken lässt sich verallgemeinernd und transponierend als ein Vergleich zwischen ‚technischem Retten‘ und ‚spiritueller Rettung‘ meditieren. Mir ist bewusst, dass dieser Vergleich ein wenig hinkt, weil auch Rettungsbaken etwas Technisches sind. Dennoch möchte ich behaupten, dass diejenigen, die sich mit Spiritualität befassen, in gewisser Hinsicht durchaus eine lebensrettende Ergänzung praktizieren zu denjenigen, die sich im Rudern und Schwimmen trainieren, um Ertrinkende aus dem Wasser zu ziehen: In gewisser Weise konstruiert spirituelle Disziplin metaphysische Rettungsbaken für all diejenigen bedrängten Menschen, zu denen kein sicht- und greifbares Rettungsgefährt, das Menschen konstruieren könnten, je hingelangen wird. Wer es sich zur edlen Aufgabe setzt, anderen zu helfen, sollte sich nicht zu viel darauf einbilden - denn auch der beste rein menschliche Helfer hilft immer nur dem, der noch um Hilfe bitten, der noch um Hilfe rufen kann. Der sterbliche Retter hält Wache, er rettet wenige; zu mancher Not wird er zu spät gerufen, von mancher weiß er nicht, vor mancher bleibt er machtlos stehen; das ist ihm bewusst und er harrt dennoch auf seinem Posten aus - er ist ein guter irdischer Retter; bessere Retter bringt die Erde nicht hervor. In dem Maß, in dem wir begriffen haben, dass „unsere Hilfe im Namen des Herrn ist, der Himmel und Erde erschaffen hat (Ps 124,8), erkennen wir auch: Je tiefer die Ebene der Wirklichkeit reicht, auf der wir die Dinge betrachten, umso weniger zutreffend kann man sagen, dass andere Menschen unserer Hilfe bedürfen. Dass wir ihnen trotzdem rückhaltlos und leidenschaftlich unsere Hilfe anbieten, darin besteht spirituell getragenes Handeln. Wo sich die Ablösung vom eigenen Ego in der Hinwendung zum Nächsten ausdrückt, kann freilich, zumindest vom Standpunkt wahrer spiritueller Reife aus betrachtet, in diesem „Anderen schon ganz logischerweise nicht dessen egoische Dimension als eigentlicher Adressat solcher Zuwendung angesehen werden - ein Umstand, der dem echt spirituell motivierten solidarisch-karitativen Helfertum eine gewisse ganz andere typische Qualität verleiht als dem nichtspirituellen. Es kommt deswegen nicht selten vor, dass ein spirituell motivierter Helfer einem nicht spirituell motivierten Helfer befremdlich „emotional kühl vorkommt. Aus der Sicht, die spirituell motivierte Helfer auf sich selbst haben, ist diese vermeintliche „Kühle ihres sozialen Dienens ein „Missverständnis, und zwar einerseits ein für sie nicht völlig unnachvollziehbares, andererseits aber auch ein gegenüber den diese „Kühle als solche Empfindenden nicht argumentativ annehmbar zu machendes oder auch nur erklärbares; in diesem Punkt bleibt es wohl stets bei einem einseitigen Verständnis für die andere Seite. Auf jener anderen Seite wird allerdings auch stets eine wesentlich größere Zahl von nichtspirituellen sozialen Helfern unter „Burnout leiden. Solidarisches Dienen ergibt letztlich keinen Sinn, wenn wir nichts weiter sind als je ein Kosmos in und für uns selbst. Ohne diesen Einwand wäre kontemplatives Mönchtum als spiritueller Weg nicht legitim. - Ein Schüler sagte: „Weltanschauungen, die einen unbedingten Vorrang irdischen Helfens und Rettens vor allem anderen vertreten, werfen der Spiritualität, die das anders sieht und physisches Überleben nicht für das an Wichtigkeit Absoluteste hält, doch gewiss Zynismus vor - wie ist darauf zu antworten? Der Meister antwortete: „Mit aller Energie, die uns noch übrig bleibt, nachdem wir zuerst für die wahre Reife unseres Bewusstseins Sorge getragen haben, sollen wir uns um eine praktisch-konkrete diesseitige Verbesserung der irdischen Weltzustände kümmern. Wir sollen überzeugt sein, dass mit dieser Reihenfolge zwischen den Zielen, mit dieser Hierarchie der Anliegen unser irdischer Einsatz eine bessere Verwendung und Wirkung findet, und dass außerdem auf diese Weise insgesamt sogar mehr sinnvoll nutzbare Handlungsenergie auf Erden zur Verfügung steht. Wer der Meinung ist, das Christentum habe auf der Basis dieser geistigen Grundhaltung historisch Zivilisationen von unterdurchschnittlicher allgemeiner Lebensqualität verursacht, soll diese Ansicht erst einmal sachlich begründen. - Der Meister wusste natürlich, dass ich einige Jahre als Sanitäter gearbeitet und lange gezögert hatte anzuerkennen, dass physisches und psychologisches Hilfeleisten gegenüber dem spirituellen hintanzustellen sei. Er sagte: „Jedes gerettete Erdenleben ist eine große neue Chance für das kosmische Bewusstsein - denn wem einmal das äußerliche Leben gerettet wurde, der wird sich infolgedessen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit tief innerlich verändern; genau darin liegt die weitaus größte Bedeutung jeder irdischen Rettung. „Evangelisation ist die höchste Diakonie, die größte Caritas - wobei ich den Begriff „Evangelisation hier gerade nicht in dem fundamentalistisch-religiösen Sinne verstehe, in dem dieses Wort heute in einer überwiegenden Zahl der Fälle gebraucht wird.

    458

    Der Meister sagte: „Wenn es generell darum geht, dass Menschen in ihrem irdischen Dasein etwas leisten sollen, wird biblisch-theologisch zumeist auf Genesis 3,19 fokussiert, worin Gott dem ersten Menschen seinen Sündenfall, seine Vertreibung aus dem Paradies, mit der berühmten Bemerkung verdeutlicht: ‚Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen‘. Es ist aber gar nicht unproblematisch, dass hiermit Zwangsstrukturen der menschlichen Existenz als Aktivitätsbegründung in den Mittelpunkt gerückt werden, die den sprachgeschichtlich ursprünglichen stark negativen Sinn des Wortes ‚Arbeit‘ ausmachen: Post-paradiesisch wird es von nun an so sein, dass du keine Nahrung hast, wenn du dich nicht mühst und plagst um sie. Solcher Blickverengung kommt schnell die Wahrnehmung abhanden, dass es noch andere Gründe dafür gibt, als Mensch auf Erden nicht nur fromm-passiv - was ja religiös grundsätzlich ebenfalls begründbar wäre -, sondern tätig zu sein. Wichtiger als Genesis 3,19 ist so gesehen Genesis 1,28: ‚Macht euch die Erde untertan‘. Wie immer man das genau verstehen möchte, es bedeutet auf jeden Fall: Tut irgendwas. Dieser Satz wird dem Menschen bereits im Paradies gesagt, als er noch keine Existenzsorgen kennt. Er beschreibt eine ökonomiefreie Handlungsmotivation. Gerade der spätere Vers Gen 3,19 macht als implizite Kontrastfolie klar, dass die Reduzierung von Gen 1,28 auf das negative Verständnis der wirtschaftlichen Ausbeutung des Planeten nicht angemessen ist. Gen 1,28 enthält vielmehr eine absichtsvolle Vieldeutigkeit, die solche Ausbeutung zwar provokativ nicht ausschließt, die sich auf diese problematische Deutung aber keineswegs beschränken lässt. Es geht in Gen 1,28 auch darum, dass wir in einem sehr weiten Sinne die irdische Welt ‚meistern‘, um auf diese Weise gewissermaßen ihre kontinuierlichen ‚Mitschöpfer an der Seite Gottes‘ zu werden. Aus dieser Quelle heraus ist das Christentum sehr grundlegend eine Spiritualität der Aktivität und nicht der Passivität - und wirft folglich sehr wesentlich die Frage nach spirituell stimmigen oder unstimmigen Arten und Formen menschlicher Aktivität auf. - Der theologische Begriff der „guten Werke entstammt zwar dem Evangelium („érga kalá, Mt 5,16: „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen), wurde aber erst durch Martin Luthers Streit mit der römischen Kirche zu einem zentralen Thema aller weiteren Debatten über christliche Spiritualität. In seinem „Sermon von den guten Werken (1520) postulierte Luther, der Glaube sei das einzige gute Werk, und stützte sich dabei auf das Wort des Apostels Paulus in Galater 3,11: „Es ist offenkundig, dass niemand durch das Gesetz gerecht wird vor Gott, sondern der aus Glauben Gerechte wird leben. Moralisch gute Taten gehörten zwar zu den Kennzeichen der Erlösung, bildeten jedoch absolut keine Voraussetzung für diese, da es sich bei ihr um ein göttliches Gnadengeschenk handelt. Luthers Predigt bildete den Auftakt zu mindestens vier Jahrhunderten enormer theologischer Anstrengungen, die Stellung der „Werke im Christsein richtig zu bestimmen. Sobald man jedoch einmal erkannt hat, dass diese Debatte nur eine weitere spezifizierte Spielart der alten, von mir bereits mehrfach thematisierten philosophischen Debatte um den freien Willen darstellt, weiß man auch schon, wie sie unvermeidlich ausgehen muss: nämlich wie das berühmte Hornberger Schießen. Ich habe schon öfters dargelegt, dass die Lebenspraxis erfahrungsgemäß eindeutig erzwingt, hypothetisch von einer menschlichen Willensfreiheit auszugehen, ohne dass diese damit theoretisch bewiesen wäre. Diese prekäre spekulative Grundlage ist es, auf der von einer angenommenen „selbstwirksamen Einmischung des menschlichen Ichs in die irdischen Vorgänge und also von einer menschlichen Verantwortung für individuelles Weltgestaltungshandeln und seine Folgen ausgegangen wird. Die heillose Konfusion beginnt schon bei der präliminarischen Frage, wie unter Annahme eines kosmischen Monismus (in diesem Fall konkret des biblischen Monotheismus) menschliche Taten überhaupt „nicht-gut sein könnten, in dem Sinne, dass der betreffende Mensch durch sie dem kosmischen Plan „nicht-dienen würde? - Die christliche Option für das aktive Leben ist also nicht philosophisch begründet und begründbar, sondern nur spirituell, das heißt gewissermaßen als „Erfahrungsbericht. Wir können nur zur Kenntnis nehmen, dass sich radikal-„quietistische Widersprüche gegen diese Auffassung kirchengeschichtlich im Endeffekt nie und nirgendwo je in nennenswertem Maße durchgesetzt haben. Ich möchte so formulieren: Der Christ ist in erster Linie ein „handelnd-meditierender Mensch, nicht in erster Linie ein „kontemplativ-meditierender. Er ist gewiss immer zuerst ein Meditierender, denn er zieht Gott nichts vor, und das ist es, was jede sinnvolle Auffassung von Meditation bedeuten muss; aber ein Christ versteht sein Handeln zu seiner Meditation zu machen, deswegen setzt er sich für seine Meditation nicht in erster Linie gegen eine weiße Wand (obwohl auch letzteres grundsätzlich eine gute spirituelle Praxis darstellen kann, auch für einen Christen - aber eben immer nur neben anderen, „aktiveren" Praktiken).

    459

    Ein Schüler fragte den Meister: „Auch die Quintessenz der Bhagavad Gita lautet: ‚Entsagung und Durchführung von Taten verhelfen beide zum unübertrefflichen Ziel, von beiden ist die Durchführung von Taten jedoch der Entsagung von Taten vorzuziehen‘ (5,2), und, damit verbunden: ‚Wer die Ergebnisse von Handlungen loslässt, erreicht endgültigen Frieden; wunschgetriebenes Handeln hingegen kettet an Ergebnisse.‘ (5,12) Dem entspricht unsere herkömmliche Redensart: ‚Das Bemühen ist unser - das Gelingen und Gedeihen Gottes.‘ Buddhisten und Daoisten hingegen empfehlen das Prinzip ‚Wu-wei‘, ‚Nicht-Tun, Nicht-Handeln, Nicht-Machen‘. Was von beidem ist zutreffender? Der Meister antwortete: „Jede Entfaltung des wahren Bewusstseins wirkt so mächtig in der Welt, dass sie immer einer Handlung gleichzusetzen ist. Vordergründiger betrachtet, allein auf sozusagen ‚mechanische‘ Tätigkeiten bezogen, werden wir im Nicht-Handeln einander gleich, während wir im Handeln unsere individuellen Unterschiede als irdische Formen bejahen und nicht verleugnen; wahre Spiritualität setzt sich aus beiden Aspekten zusammen. - Das Leiden Jesu, lateinisch seine „Passion, ist für das Christentum so zentral, dass dies wörtlich die Frage aufwirft, inwieweit „Passivität überhaupt einen selbsterklärenden tadelnden Vorwurf an die Adresse eines Christen darstellen kann; denn diese Betrachtung lässt eher vermuten, dass bei aller durchschnittsmenschlichen gesunden Erforderlichkeit von beidem, vita activa und vita contemplativa, der Kontemplation doch immer ein gewisser Primat gebührt im Leben jedes wahren Christen, und dass aus echt christlicher Sicht eher menschlicher Hyperaktivismus kritikwürdig ist. Weil er diesen Denkansatz zum Programm des „Quietismus machte, wurde der Priester Miguel de Molinos 1685 von der römischen Inquisition verurteilt und für den Rest seines Lebens eingekerkert - gut hundert Jahre nach seinem Tod allerdings rehabilitiert, weil zu offensichtlich war, dass seiner Verurteilung reine kirchenpolitische Interessen, nicht echte theologische Argumente zugrunde gelegen hatten (sein Werk freilich blieb bis zur Abschaffung des „Index der verbotenen Bücher indiziert). Eine Ausdeutung des Leidens Jesu als Paradigma „heiliger Passivität sollte man allerdings nicht übertreiben. Wir sollten nicht verkennen, dass die mutmaßlich älteste uns erhalten gebliebene sprachliche Fassung des christlichen Kern-Bekenntnisses in 1Kor 15,3-7 von Tod und Auferstehung Jesu spricht, ohne einen Hinweis auf das Kreuz zu enthalten - und zwar in ihrer Überlieferung durch den Kreuzes-Theologen Paulus. Die Kreuzigung Jesu wird zwar schwerlich frei erfunden worden sein, aber ihr Platz in der Theologie wurde anfangs durchaus noch mit großer Skepsis betrachtet. Bei aller Wertschätzung für die Theologie des Kreuzes lohnt es sich, dieser Skepsis reflektierend nachzugehen. Mir scheint, es liegt für diese Skepsis ein überaus profunder psychologischer Grund vor. Wenn ich ein „Opfer bin, dann übernimmt gleichsam der „Täter mittels seiner Aggression vordergründig-plakativ die Legitimation meiner besonderen Leistung. Das ist bequem, weil die rein intellektuelle Legitimation der Besonderheit einer Leistung immer nur sehr schwer aus der sozialen Zone ihrer depotenzierenden diskursiven Umstrittenheit herausgelangt. Wir beobachten diesen problematischen psychologischen „Mechanismus an der Vorliebe, mit der sich gerade in unserer heutigen Zeit sehr viele Menschen durch Selbstzuschreibung irgendeiner Art von Opferrolle gesellschaftlich herauszuheben, hervorzuheben, abzuheben suchen. Darin drückt sich aber gerade ein Verlust der grundlegenden spirituellen Fähigkeit aus, am eigenen Leiden - dessen Realität damit keineswegs bestritten werden soll, auch nicht in seiner individuellen Besonderheit - zugleich immer auch eine über-persönliche Seite zu sehen; ohne diese über-persönliche Seite des Leidens aber ergibt das Kreuz Christi keinen theologischen Sinn. Der Verdacht lautet also, dass die Kreuzestheologie von Anfang an unter Einschluss eines widersinnigen psychologischen Motivationselementes entstand, auf das es genau acht zu geben und das es aufmerksam „in Schach zu halten gilt: Das Zerrbild von Jesus als dem, „der gerechtfertigt ist, weil er gelitten hat. Ich sehe diesen psychologischen Abweg als erheblich beteiligt an der andernfalls sehr kühnen Entscheidung der frühen Christenheit an, gerade die Kreuzigung Jesu pointiert in den Mittelpunkt ihres Glaubens mit aufzunehmen. Diese Einschätzung hat sehr ernüchternde Konsequenzen, insbesondere dann, wenn die wahre spirituelle Bedeutung des Kreuzes trotzdem erhalten bleiben soll: Ein gewisser „falscher Klang muss dann aus der Kreuzestheologie permanent sehr fein herausgefiltert werden. Das „Opfer muss dezidiert immer bereit sein, zugleich auch „Täter in der Welt zu sein - andernfalls gerät die Theologie in eine Schieflage. Von Jesus sind in unseren kanonischen Evangelien auch einige Handlungen und Worte überliefert, die wir zumindest heute als durchaus problematisch empfinden können. Der authentische Jesus hat diese permanente Möglichkeit der Ambivalenz mit Sicherheit antizipiert und nachdrücklich bejaht. Er war ein in und an der „Welt Handelnder - in vollem Bewusstsein der konstitutiven Mehrseitigkeit allen menschlichen Tätigwerdens.

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    Der tendenziell marxistische Philosoph Theodor W. Adorno beschrieb das Phänomen der „negativen Kontrasterfahrung und deren große anthropologische Bedeutung. Demgegenüber wies der Meister darauf hin, dass die Spiritualität als eine Erfahrungsdimension zu beschreiben sei, in der die negative Kontrasterfahrung ihre ansonsten unleugbare Bedeutung für die menschliche Entwicklung weitgehend ablege. Diese Anschauung bildete unter anderem die Grundlage für seine eher ablehnende Haltung gegenüber den Begriffen (oder jedenfalls den landläufigen Begriffsverwendungen) des „Verzichts und des „Opfers. Diese würden im Grunde „künstliche negative Kontrasterfahrungen bezeichnen; in der nondualistischen spirituellen Weltsicht eines kosmischen Monismus stamme alle Erkenntnis jedoch fundamental aus der Rückbesinnung auf die innerste Verbindung des Individuums mit Dem Einen - demgegenüber erweise sich die lebenspädagogische Funktion der negativen Kontrasterfahrungen als eine vergleichsweise tatsächlich eher nur oberflächliche und keineswegs allzu fundamental bedeutsame. Der Meister sagte: „Die unbewusste Vorstellung, dass Opfertum moralische Überlegenheit konstituiere, gehört zum psychologisch wirksamsten Unsinn unserer Zeit. In unserer Gegenwart entwickeln ausgerechnet die Theologen gegenüber dem Begriff des ‚Opfers‘ zunehmend eine ganz neuartige Scheu - während überall sonst in den ‚westlichen‘ Gesellschaften eigenartigerweise zur gleichen Zeit eine idealisierende ‚Opfer‘-Verherrlichung bizarre Blüten treibt wie noch kaum jemals zuvor, sei es in einer Opferrolle, die man sich selbst zuschreibt, sei es beim freiwilligen Leiden im Fitnessstudio, sei es in den Motiven der Fantasy-Literatur und deren Kinoverfilmungen. Die Bibel erzählt vom Aufkommen der Opfer an Gott und deren Zurücknahme, als sich ein immer tieferes deuteronomistisches Verständnis vom nondualistischen kosmischen Monismus des Einen Gottes ausbreitet - aber genau hinter diesen entscheidenden biblischen Erkenntnisschritt scheint die postmoderne Gegenwart kläglich wieder zurückzufallen. Das nennt man wohl einen Atavismus. Zudem wies der Meister seine Schüler in diesem Zusammenhang nachdrücklich darauf hin, dass eine charakteristische Weiterung dieses „Opfer-Komplexes in der Tendenz besteht, an der wirksamen Opferrolle anderer zu partizipieren, indem man diese „beanwaltet. Er sprach vom „mBbD-Syndrom, der „militanten Beanwaltung benachteiligter Dritter. Ein Schüler fragte: „Plädierst du für den bekannten Rat: