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Wettbewerb in Deutschland

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Wettbewerb in Deutschland

Länge:
305 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 1, 2021
ISBN:
9783752663570
Format:
Buch

Beschreibung

Deutschlands Ökonomie erfährt eine zunehmende Politisierung. Ihre Leistungen sollen nicht mehr allein wirtschaftlichen, sondern darüber hinaus noch weltanschaulichen Anforderungen genügen. Dies belastet jedoch den Wohlstand der Menschen und erschwert zugleich die Aufgabe der Finanzierung der öffentlichen Haushalte. Teil des Prozesses ist die Verrechtlichung, die die Aufgabe individueller Verantwortung der Wirtschaftssubjekte bedeutet. Politik benutzt diese Entwicklung parteiübergreifend, weil sie ihren kurzfristigen Organisationsinteressen dient. Das Buch stellt viele kleine Teilschritte in diesem grossen Prozess dar, dessen Ende nicht Kongruenz ökonomischer und gesellschaftlicher Entwicklung ist, sondern Bürokratisierung und Wohlstandsverlust.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 1, 2021
ISBN:
9783752663570
Format:
Buch

Über den Autor

Der Autor ist 1983, nach dem Studium von Geschichte und Rechtswissenschaften in Deutschland, in die Schweiz gekommen und schließlich dorthin umgesiedelt. Langjährige Tätigkeiten in Südeuropa und in der grenzüberschreitenden Steuer- und Wirtschaftsberatung haben sein Bild vom Verhältnis zwischen Politik und Ökonomie geprägt. Sein Beitrag ist ein Plädoyer für Dezentralisierung, ökonomische Unabhängigkeit und Selbstverantwortung der Wirtschaftssubjekte gegenüber einem vermeintlich allwissenden Staat oder einer solchen Europäischen Union. Der Autor nimmt einen überbordenden politischen Einfluss als Ursache für Wohlstandsverluste wahr, der am Ende des Tages gerade diejenigen trifft, die der paternalistische Wohlfahrtsstaat zu schützen vorgibt. Sein besonderes Interesse gilt dem Zusammenhang zur Geldpolitik, die das Gleichgewicht der Märkte gefährlich verzerrt und damit Risiken schafft anstelle solche abzubauen.


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Buchvorschau

Wettbewerb in Deutschland - Peter Lüthgen

gestellt.

1. Rahmendaten

Das vorliegende Buch greift wiederkehrend auf die nachfolgenden Rahmendaten zur Entwicklung der deutschen Wirtschaft, des Bundeshaushaltes und dessen Zuschüssen zur gesetzlichen Rentenversicherung zwischen 2000 und 2019 zurück, die deshalb zunächst vorangestellt werden (Quellen: wikipedia, statista, Bundeshaushalt):

2. Steuerwettbewerb

Der weltweite Steuerwettbewerb wird derzeit durch zwei Linien geprägt:

* Einige Staaten versuchen im Rahmen der OECD eine Harmonisierung von Besteuerungsbedingungen, und zwar auf den Ebenen der steuerlichen Bemessungsgrundlagen wie auch der Steuersätze (die steuerliche Bemessungsgrundlage ist der Gewinn, aus dem sich die Steuerschuld errechnet).

* Die bestehenden Doppelbesteuerungsabkommen bauen im Regelfall auf der physischen Präsenz eines Unternehmens im anderen Staat außerhalb seines Sitzstaates auf (Betriebsstätte). Nur soweit eine solche besteht, resultiert daraus eine (Ertrag-)Steuerpflicht im anderen Staat. Nun sind in den vergangenen Jahrzehnten vornehmlich in den USA Unternehmen im Bereich der Digitalwirtschaft entstanden, die Leistungen in anderen Staaten anbieten, ohne dort über Betriebsstätten zu verfügen, und wenn doch, dann bestenfalls in Form von Vertriebsgesellschaften mit bescheidenen steuerlichen Bemessungsgrundlagen. Zahlreiche Staaten wollen deshalb die Steuerpflicht von der physischen Präsenz lösen und an den Vertriebserfolg im Absatzstaat anknüpfen. Gegen eine solche Absicht spricht nicht nur, dass die USA sie verständlicherweise aus fiskalischen Gründen nur wenig goutieren, sondern dass sie gegen die bestehenden Vereinbarungen verstößt und überdies rechtlich und technisch nur schwer umzusetzen ist.

Beide Initiativen erstaunen.

* Mindeststeuersätze: Die Bestimmungsgewalt über das nationale Steuerrecht gehört zu den Kernkompetenzen eines souveränen Staates. Es erstaunt deshalb, dass die einen den anderen in ihre eigentlich unstreitigen Aufgaben hineinzuregieren versuchen. Im Dezember 2017 haben die Finanzminister der Europäischen Union eine Liste von Steueroasen herausgegeben und die steuerliche Wirksamkeit von Vereinbarungen mit in diesen ansässigen Gesellschaften eingeschränkt, und von dieser Liste inzwischen einige Länder wieder gestrichen, nachdem Steuerdumping erfolgreich eingeschränkt werden konnte. Die betreffenden Staaten verdeutlichen damit selbst, dass es Alternativen zu ihren Forderungen auf eine Mindestbemessungsgrundlage und Mindeststeuersätze gibt.

* Aufteilung des Steueraufkommens: Verkehrsteuern, unter ihnen die Umsatzsteuer als eine der weltweit ergiebigsten Steuerarten überhaupt, knüpfen bereits an den Ort des Verbrauchs an, und dies für den privaten Konsum sowie für den unternehmerischen Verbrauch bei fehlender Umsatzsteuerpflicht. Die beabsichtigte Änderung tritt damit in Innenkonkurrenz zu bereits bestehenden Regelungen.

Es ist absehbar, dass Industriestandorte, so auch Deutschland, unter einer Neuverteilung des Steueraufkommens leiden werden. Die Frage ist deshalb auch, ob die Neuverteilung des Steueraufkommens nur für Digitalunternehmen oder auch für die real economy gelten soll. Allein die Abgrenzung zwischen beiden ist nicht trivial. Schließlich ist die fehlende Wettbewerbsfähigkeit Europas in der Digitalwirtschaft nicht zu übersehen. Notwendigerweise bildet sich diese im Steueraufkommen ab. Die Reaktion darauf kann nur eine Verstärkung der Wettbewerbsfähigkeit sein, nicht aber ein Steuerkartell.

Die EU-Kommission hat mit der Entscheidung des Europäischen Gerichts in Luxembourg vom 15. Juli 2020 eine Niederlage in ihrer Auseinandersetzung mit zwei irischen Tochtergesellschaften eines US-amerikanischen Technologiekonzerns hinnehmen müssen.

Die Richtlinienkompetenz im Ertragsteuerrecht fällt nach dem EU-Vertrag unstreitig in die Kompetenz der Nationalstaaten. Die EU-Kommission versucht, diese über eine extensive Auslegung des Beihilfeverbots nach Art. 107 AEUV an sich zu ziehen. Bewahrheitete sich diese Rechtsauslegung, würde der Standortwettbewerb zwischen den EU-Staaten auf dem Gebiet von Steuern und Abgaben unterbunden. Den kleinen und/oder geographisch in der Peripherie gelegenen Mitgliedsstaaten würden damit die Möglichkeiten zur Industrieansiedlung beschnitten. Dies bedeutete gleichermaßen eine Einschränkung ihrer Wettbewerbsfähigkeit wie ihrer Selbstverantwortung.

Medien berichten von einer Ertragsteuerbelastung der betroffenen Gesellschaften von weit weniger als 1%. Diese wenden dagegen ein, an ihrem Sitz in Irland nur die mit einem geringen Wertschöpfungspotential behafteten Vertriebsleistungen zu erbringen, weswegen die Bemessungsgrundlage für den genannten Prozentsatz fehlerhaft berechnet sei. Die immateriellen Leistungen von Forschung und Entwicklung sowie die Produktion und die mit dieser verbundenen Haftungsrisiken würden von anderen Gesellschaften mit Sitz im Ausland getragen und unterlägen nach dem bestehenden Doppelbesteuerungsabkommen deshalb nicht dem irischen Besteuerungsrecht. Das Gericht ist in seiner Entscheidung dem Vorbringen der betreffenden Gesellschaften gefolgt. Die Revision zum Europäischen Gerichtshof ist angekündigt.

Schließlich gerät bei dem genannten Prozentsatz zunehmend in den Hintergrund, dass wirtschaftlich nicht nur die Ertragsteuerbelastungen der Gesellschaften mit Sitz in Irland zu berücksichtigen sind, sondern auch das Lohnsteuer- und Abgabensubstrat aus der Beschäftigung von deren dortigen Mitarbeitern. Dies ist ja auch der offensichtliche Grund, warum die Republik Irland dem Antrag der Europäischen Kommission widerspricht und selbst kein eigenes Besteuerungsrecht erkennen will. Schon eine solche Argumentationslinie ist ein einmaliges Ereignis in der Finanzgerichtsbarkeit.

Zwar ist es richtig, dass – in der Terminologie des deutschen Rechts gesprochen – die Gesellschaften mit Sitz in Irland nicht Steuer- bzw. Abgabenschuldner sind, sondern Steuer- bzw. Abgabenpflichtige, sie also den Abzug und die Abführung der Steuern bzw. Abgaben auf Rechnung Dritter schulden. Auch dies ändert aber nichts daran, dass das Steuer- und Abgabensubstrat wirtschaftlich auf die betreffenden Arbeitgebergesellschaften zurückgeht. Damit haftet der Rechtsauslegung der Europäischen Kommission ein Zug der Aneignung an. Sie möchte ein Steuersubstrat für sich requirieren, ohne dass der Entwicklungs- und Produktionsprozess durch einen Steuerpflichtigen mit Sitz in einem ihrer Mitgliedsstaaten und unter dessen Abnahme- und Gewährleistungsrisiko verwirklicht worden wäre.

Deutschland sollte sich nicht der Illusion hingeben, eine andere US-Regierung werde den Widerstand gegen die Anknüpfung der Besteuerung an den Ort des Verbrauchs und Mindeststeuersätze aufgeben. Menschen gründen und betreiben Unternehmen, um Einkünfte zu erzielen und Kapital zu akkumulieren. Nur im Raumschiff Berlin glaubt man, sie täten dies, um möglichst hohe Steuern und Abgaben zu zahlen. Die Regierungen anderer Staaten sind hingegen nicht so naiv, ihre Wohlstandsmotoren aufzugeben oder ihnen auch nur das Leben schwerzumachen.

Die Initiative auf Anknüpfung der Besteuerung an den Ort des Verbrauchs verfehlt denn auch ihre Wirkung auf die Digitalwirtschaft nicht. Die Karnickel kommen nicht aus dem Bau, wenn der Fuchs schon vor der Tür wartet. Die betroffenen Unternehmen wissen, warum sie ihre Standorte in den USA oder in Asien haben, und kein newcomer wird so dumm sein, unter europäischen Besteuerungsbedingungen in den Markt einzutreten, abgesehen vom fehlenden Finanzierungspotential der Kapitalmärkte.

Es ist deshalb nur folgerichtig, dass die Digitalwirtschaft in Europa über eine Nischenexistenz nicht hinauskommt. Europäische Steuerpolitik verkennt systematisch die spezifischen Bedingungen der Digitalwirtschaft: Sie ist weder auf Rohstoffe und die mit diesen verbundenen Transportwegen und Lagerhaltungen angewiesen, noch auf die geographische Nähe zu Absatzmärkten. Sie kann den Einsatz ihrer Produkte in kleinen Markteinheiten testen, die sich nötigenfalls über Nacht verlagern lassen. Sie ist deshalb ein Paradebeispiel für den Einfluss steuerlicher Rahmenbedingungen, und für ihre häufig jungen und mobilen Mitarbeiter gilt nichts anderes. Sie ist zudem ein Ausgleichselement im Wettbewerb, wie der ökonomische Aufstieg Irlands von der grünen Wiese zeigt. Solange die Steuerpolitik einzelner Länder sich aber wettbewerbsfähigen Rahmenbedingungen verweigert, werden diese abgehängt sein und bleiben, und die Reduzierung ihrer Initiativen auf die Besteuerung am Ort des Verbrauchs zeigt den Realitätsverlust der betroffenen Regierungen, die den Wettbewerb um Innovation und Ideen bereits aufgegeben und innerlich in technologischen Rückstand und ökonomische Abhängigkeit ihrer Völker eingewilligt haben.

Die Weltwirtschaft befindet sich in einem permanenten Anpassungsprozess. Nicht nur Unternehmen kommen und gehen, sondern ganze Branchen und Wertschöpfungsketten. Die aktuelle Entwicklung in den USA verdeutlicht die Bedeutungszunahme der Digitalwirtschaft gegenüber anderen Branchen.¹ Die Digitalwirtschaft arbeitet unter der oben angesprochenen Transparenz der Rahmenbedingungen. Staaten, die sich diesen verweigern, schließen sich selbst aus. Das ist der ökonomische Grund, warum die Initiative der Besteuerung am Ort des Verbrauchs so gefährlich ist: Sie wiegt die betroffenen Staaten und ihre Gesellschaften in dem Irrtum, sie könnten ein Steuersubstrat und damit ein Sozialniveau erhalten oder erreichen, ohne dafür eigene Leistungen erbracht zu haben. Die Folge dieser Scheinblüte wird die Vergrößerung des ökonomischen Rückstands und der Abhängigkeit sein, nicht aber ein Aufholen im Wettbewerb.


¹ Krim Delko in der NZZ vom 29.12.2020

3. Altersversorgung

3.1. Grundrente

Das deutsche Rentenversicherungsrecht beruht auf dem Äquivalenzprinzip: Rentenversicherungsbeiträge führen zu Versorgungsansprüchen. Durchbrechungen dieses Prinzips sind aus verfassungsrechtlichen Gründen nur unter engen Voraussetzungen zulässig, so zum Beispiel bei Erziehungszeiten.

Die Bundesregierung hat im Jahr 2020 die Einführung einer Grundrente für eine verbesserte Versorgung von Beziehern niedriger Renten beschlossen. Sie gilt für Versicherte, die mindestens 33 Jahre Beiträge eingezahlt oder Kindererziehungs- bzw. Pflegezeiten aufzuweisen, aber nur zwischen 30 und 80% des Durchschnittslohns verdient haben und deshalb eine Rente unterhalb der Grundsicherung im Alter erhalten.

Das moralische Argument für die Grundrente ist, dass Bezieher mit dieser Ausgangsposition andernfalls zu Bittstellern degradiert würden. Die ökonomische Position der Betroffenen ist in der Tat unzureichend. Trotzdem begegnet die Reform zahlreichen Bedenken.

Sie erstaunt zunächst wegen ihrer ungesicherten Finanzierung über die noch nicht einmal beschlossene Finanztransaktionssteuer. Die Abgrenzung von 33 Beitragsjahren scheint willkürlich, da Altersarmut auch bereits bei 30 oder weniger Beitragsjahren gegeben sein kann. Die Kritik begründet sich weiter damit, die Leistung werde ohne Vermögensprüfung und ohne Berücksichtigung der Einkünfte des Ehe- oder Lebenspartners gewährt, wie dies beim Arbeitslosengeld II gegeben ist, was zugleich Zweifel an der Zielgerichtetheit der Maßnahme begründet.

Kritiker bemängeln weitergehend, dass das Rentenrecht im Hinblick auf das Äquivalenzprinzip grundsätzlich der falsche Hebel für die Berücksichtigung sozialer Komponenten sei.² Plausible Gründe für diese systematischen Verirrungen sind nicht bekannt. So entsteht der Eindruck, dass einer Gruppe von Rentenbeziehern in publizitätswirksamer Weise ein Versorgungsangebot gemacht wird, um diese zu politischer Dankbarkeit zu verpflichten.

Es ist schon heute überdeutlich, dass die im Umlageverfahren (Generationenvertrag) finanzierte Altersversorgung im Hinblick auf die demografische Veränderung ab 2030 in ernsthafte Finanzierungsschwierigkeiten kommen wird. Vor diesem Hintergrund das Beitragsaufkommen mit erweiterten Leistungen zu belasten erscheint kühn.

3.2. Umlage- und Kapitaldeckungsverfahren

Die gesetzliche Rentenversicherung ist in Deutschland einseitig auf das Umlageverfahren (Generationenvertrag) fixiert. Rentenleistungen werden, abgesehen von einer Schwankungsreserve, nicht aus einem Kapitalstamm gedeckt, sondern aus den laufenden Beitragseinnahmen der Erwerbstätigen.

Die wirtschaftlichen Ergebnisse des Generationenvertrages unterliegen dem demografischen Risiko, das sich aus gesellschaftlichen und medizinischen Gründen erheblich verschärft hat. Adenauers alter Satz Kinder kriegen die Leute immer ist nicht mehr zutreffend. Die geänderten Lebensperspektiven von Frauen und Familien haben die Fertilität maßgeblich verändert, die ihrerseits auf den Generationenvertrag einwirkt. Einwanderung ist eine notwendige Maßnahme zur Stabilisierung geworden, mit allen damit verbundenen Unwägbarkeiten und Risiken. Aber nicht einmal die Zuwanderung ab 2015 mag die konservative Partei Deutschlands zu dem Anerkenntnis bewegen, dass die Bundesrepublik zum Einwanderungsland geworden ist.

Seine gesellschaftliche Akzeptanz hingegen wird von dem Paradoxon beherrscht, dass jeder für höhere Renten und eine breite Berücksichtigung ergänzender Ansprüche wie der Anrechnung von Ausbildungs- und Erziehungszeiten eintritt, aber niemand höhere Beiträge leisten will. Altersarmut ist eine der wesentlichen Ängste der Deutschen.

Die vorliegenden Prognosen aus verschiedenen Quellen begründen die Annahme, dass der Generationenvertrag ab 2030 wegen der veränderten Relation zwischen Beitragszahlern und Leistungsempfängern die Rentenleistungen nicht mehr in dem bisherigen Umfang wird finanzieren können. Entweder werden die Rentenversicherungsbeiträge eine für die Erwerbswirtschaft und die Versicherten wirtschaftlich nicht mehr tragfähige Belastung einnehmen, oder die Rentenleistungen werden zumindest teilweise unter das Existenzminimum absinken, oder die Zuschüsse des Bundes an die Rentenversicherung werden zur Schieflage des Bundeshaushaltes führen.

Der Gedanke der doppelten Leitlinie, wie er sich aus dem Koalitionsvertrag 2018 ergibt, ist ein bloßes Schlagwort, das der tatsächlichen Entwicklung nicht Stand hält. In diesem Falle wird die Politik die rechtzeitige Bildung eines Gegengewichts zum Generationenvertrag durch eine kapitalgedeckte Zusatzversicherung versäumt haben, das Versäumnis kurzfristig aber nicht mehr aufholen können.

Die Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung nahmen von 2000 bis 2019 um 52 % zu und die Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt um 70 %, der Bundeshaushalt selbst hingegen nur um 46 % (s. o. Kapitel 1), Schon aus den Zahlenverhältnissen wird klar, dass dieser Prozess nicht unendlich weitergehen kann. Das Wort von der doppelten Haltelinie der Sozialversicherungsbeiträge entlarvt sich als bloße Sprachakrobatik.

Hätte der Gesetzgeber hingegen die Beitragsbemessungsgrenze zur gesetzlichen Rentenversicherung angehoben, würden sich nicht nur die Beiträge, sondern auch die Versorgungsansprüche erhöhen. Dies ist bei den Zuschüssen aus dem Bundeshaushalt nicht der Fall. Das System der Zuschüsse ist also darauf ausgerichtet, der Rentenversicherung mittels des Umwegs über die Steuererhebung Finanzmittel zuzuführen, denen keine Leistungsverpflichtungen gegenüberstehen. Wie wenig die Altersvorsorge in der deutschen Politik den Anforderungen der Nachhaltigkeit genügt, zeigt sich auch an der fehlenden Passivierung der Beamtenpensionen.

Für die Schlussfolgerung einer Dynamisierung des Renteneintrittsalters durch Anbindung an die durchschnittliche Lebenserwartung hat die Politik nicht den Mut und will bei dem Teilschritt der Rente mit 67 Jahren bleiben, obwohl eine offensichtliche Bereitschaft zur Erwerbstätigkeit im Rentenalter besteht, die vielleicht zum Teil, aber sicher nicht nur auf Altersarmut zurückgeht.³ Es ist absehbar, dass diese Haltung keine Lösung in der Sache ist, sondern nur die Angst vor dem Wähler widerspiegelt.

Berechnungen belegen die wirtschaftliche Nachteiligkeit des Generationenvertrages. In einer Vielzahl von Fällen weist die Summe der Rentenleistungen im Verhältnis zur Summe der Beiträge eine negative Rendite auf. Die langfristige Entwicklung des DAX verdeutlicht, dass, würde im Hinblick auf die Risiken der Kapitalmarktentwicklung nur mindestens ein Teil der Rentenversicherungsbeiträge im Kapitaldeckungsverfahren angelegt, eine höhere Rentenleistung erreicht würde als im Umlageverfahren. Die kapitalgedeckte Altersversorgung nutzt die Kraft des Wettbewerbs. Die Schweiz, die Niederlande und Norwegen beweisen in Europa die ökonomische Richtigkeit dieses Ansatzes im Interesse der Versicherten. Sie organisieren diese in Ergänzung zum Umlageverfahren und gleichen damit die systematischen Risiken beider Ansätze aus.

Der Einwand des wirtschaftlichen Risikos gegen die kapitalgedeckte Altersrente ist nicht hinreichend. Naturgemäß ist eine Vermögensanlage mit dem Risiko des Erhalts des Kapitalstocks belastet. Die langfristige Entwicklung des DAX zeigt, dass es sich hierbei um eine Chance und nicht ein Risiko handelt. Der Grundsatz der Kollektivität im schweizerischen Gesetz über die Berufliche Vorsorge schränkt die Mitwirkung des Versicherten an der Anlageentscheidung auf Ausnahmen ein. Kein vermeintlicher Börsenstar kann seine Altersversorgung durch unbedachte Anlageentscheidungen aufs Spiel setzen. Die Streuung der Vermögenswerte auf Emittenten aus mehreren Ländern, Anlageklassen und Titeln verringert eine einseitige ökonomische Abhängigkeit. Im Übrigen ist die gesamte wirtschaftliche und soziale Entwicklung Deutschlands von seiner ökonomischen abhängig. Eine Beschränkung auf die Rentenversorgung ist ohnehin eine bloße Fiktion.

Der Einwand der Abhängigkeit von der Kapitalmarktentwicklung offenbart zudem einen Wertungswiderspruch insoweit, als der Steuergesetzgeber nicht nur auf die Besteuerung von laufenden Finanzerträgen, sondern darüber hinaus auch nicht auf diejenige von Veräußerungsgewinnen von Wertpapieren verzichten möchte. Was hier richtig ist, kann nicht dort falsch sein.

Schließlich überzeugt auch nicht der Einwand, die Verwaltungskosten der Leistungsanbieter zehrten die Rentenansprüche auf. Zunächst ist von gewinnorientierten Unternehmen keine Leistung ohne Vergütung zu erwarten. Der Blick in die kapitalgedeckte zweite Säule der schweizerischen Altersvorsorge lehrt, dass die Summe der mittleren Depotwerte die Masse der Kosten deckt und damit die Verwaltungskosten der geringen Depotwerte mitfinanziert. Wenn die Politik aus ideologischen Gründen den Aufbau kapitalgedeckter Ansprüche verhindert, ist es eine logische Folge, dass der geringe kapitalgedeckte Bestand überproportional hohe Verwaltungskosten aufwirft.

Der Umstand führt weiter zu der Erkenntnis, dass die Aufteilung der Altersversorgung auf Betriebsrenten und solche nach dem Altersvermögensgesetz mitursächlich für die Fehlfunktion ist. Die Einführung von Betriebsrenten ist nur großen Unternehmen möglich, deren Mitarbeiter damit gegenüber solchen von Klein- und Mittelbetrieben privilegiert werden. Gleichzeitig können Pensionsrückstellungen aus Sicht der Arbeitgeber-Unternehmen schwere und im Verhältnis zum Unternehmenszweck geschäftsfremde Risiken bedeuten.⁴ Die Pensionsrückstellungen in der Bilanz von ThyssenKrupp verdeutlichen dies. Im schweizerischen System der beruflichen Vorsorge ist diese Unterscheidung nicht zwingend. Die allermeisten Unternehmen tragen die bilanziellen Risiken aus der kapitalgedeckten Altersversorgung nicht selbst, sondern lagern sie auf einen Versicherungsträger aus. Diese unterliegen der Aufsicht und sind deshalb zentral kontrollierbar. Die Struktur kommt damit unterschiedslos Mitarbeitern von Groß-, Mittel- und Kleinunternehmen, von privaten wie öffentlichen Arbeitgebern zugute.

Deutschland hat mit der sogenannten Riester-Rente den Versuch einer kapitalgedeckten Zusatzversorgung unternommen, der jedoch aus mehreren Gründen gescheitert ist. Die Vertragsbedingungen erwiesen sich als zu kompliziert. Geringe Beiträge der Versicherten führten zu einem Missverhältnis zu den Verwaltungskosten. Dies war auch auf die geringe steuerliche Berücksichtigung zurückzuführen, die die Führung der Konten bereits von den Grundkosten her unrentabel macht. Die Bundesregierung verfügt über detaillierte Berechnungen verschiedener Szenarien, und Umfragen belehren sie über die Ansichten der Wahlberechtigten zu einzelnen Vorhaben. Man kann sich deshalb des Eindrucks nicht erwehren, der Sozialstaat habe zur Verteidigung seiner Macht in der gesetzlichen Rentenversicherung die Riester-Rente absichtlich so unattraktiv ausgestaltet, dass sie keinen Erfolg haben konnte.

Das Argument, die kapitalgedeckte Zusatzversorgung helfe Geringverdienern nicht weiter, überzeugt nicht. Eine kapitalgedeckte Rentenversicherung ist keine Wundertüte, sondern nicht weniger und nicht mehr als ein Ertrag auf das eingesetzte Kapital. Ist der Kapitaleinsatz niedrig, ist es auch der Ertrag. Die kapitalgedeckte Zusatzversorgung ist deshalb kein geeignetes Instrument zur Behebung sozialer Schieflagen. Sie hilft dem Mittelstand und den Besserverdienenden, die derzeit der Tyrannei der Mehrheit unterliegen. Es entspricht der Einseitigkeit des Denkens in Deutschland, alles und jedes unter sozialen, nicht aber unter Effizienzgesichtspunkten zu betrachten: der Sozialstaat als Gefängnis. Damit ergeben sich sechs Schlussfolgerungen:

* Das Fehlen einer zusätzlichen kapitalgedeckten Altersvorsorge schliesst die Kraft des Wettbewerbs zwischen Anbietern von Altersvorsorgeleistungen aus.

* Rentenversicherungsbeiträge im Umlageverfahren sind im Falle negativer Kapitalrendite bei wirtschaftlicher Betrachtung wirtschaftlich eine Steuer mit einer eigenen Progressionswirkung neben dem eigentlichen Steuersystem. Sein primärer Zweck ist die Umverteilung. Nur auf diesem Wege wird die Versorgung des geringverdienenden Teils der Rentenbezieher erreicht.

* Die Einführung der Grundrente beweist, dass die Politik selbst nicht mehr an die Leistungsfähigkeit des Umlageverfahrens glaubt, da andernfalls diese Maßnahme entbehrlich wäre.

* Der Staat beweist seine kalte Macht durch Teilenteignung

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