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Die Kinderklinik

Die Kinderklinik

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Die Kinderklinik

Länge:
355 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 19, 2021
ISBN:
9788726741261
Format:
Buch

Beschreibung

Spannung pur aus Schweden! Auf dem Weg zur Arbeit wird Kommissarin Hannah Kaufman an eine Stockholmer Kinderklinik gerufen: Maskierte haben sich im Krankenhaus verschanzt und drohen, ein Kind pro Stunde zu töten, sollten ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Hannah und ihre Kollegen finden sich inmitten einer dramatischen Situation und müssen schnell handeln, denn sie wissen, dass für die unschuldigen Kinder jede Minute zählt...-
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 19, 2021
ISBN:
9788726741261
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Die Kinderklinik - Karl Eidem

Jale Poljarevius, Karl Eidem

Die Kinderklinik

Übersetzt aus dem Schwedischen

Alina Becker

Saga

Die Kinderklinik

Übersetzt

Alina Becker

Original

Barnsjukhuset

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 2019, 2021 Jale Poljarevius, Karl Eidem und SAGA Egmont

All rights reserved

ISBN: 9788726741261

1. Ebook-Auflage, 2021

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

„This is the room, the start of it all,

No portrait so fine, only sheets on the wall,

I've seen the nights, filled with bloodsport and pain,

And the bodies obtained, the bodies obtained."

Joy Division, „Day of the Lords"

INHALTSANGABE

Einleitung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Abschluss

Über Die Kinderklinik

Anmerkungen

Einleitung

Die zwei Schwestern

Die beiden Schwestern, die leise miteinander sprachen, wussten nicht, dass sie beobachtet wurden. An verschiedenen Stellen im Krankenhaus waren kleine Kameras angebracht worden, deren Aufnahmen direkt auf einen Laptop in einer ordentlichen Vorstadtwohnung südlich von Stockholm überspielt wurden. Ein junger Mann durchforstete rastlos die Bilderflut. Es war spät in der Nacht.

Die Schwestern hatten Nachtschicht. Wer im Nachtdienst arbeitete, hatte dafür in der Regel seine guten Gründe. Bei den meisten war es der finanzielle Aspekt. Man wurde besser bezahlt, wenn es draußen dunkel war und die meisten Leute schliefen. Für manche war diese Schicht aber auch ein unersetzliches Puzzleteil, durch das sich Familie und Eheleben mit dem Beruf verbinden ließen. Die nächtlichen Arbeitszeiten gestatteten es, zu Hause zu sein, wenn die Kinder von der Schule nach Hause kamen, und darüber hinaus möglichst viel Zeit mit dem Ehepartner zu verbringen. Oder möglichst wenig Zeit. Ismaila al Beda, die soeben in der Kinderklinik der Universität aus dem Fenster der Säuglingsstation schaute, hatte einen ungewöhnlichen aber nachvollziehbaren Grund. Dieser Grund hieß Shirin al Beda. Ihre anderthalb Jahre jüngere Schwester arbeitete auf Station 74, zwei Stockwerke tiefer im selben Gebäude in Stockholm-Södermalm. Dank ihrer übereinstimmenden Arbeitszeiten konnten sich die beiden Schwestern ein paar Mal pro Nacht treffen und sich bei einer Tasse Kaffee unterhalten. In der Zwischenzeit waren sie gedanklich miteinander verbunden. Auch wer nicht an Telepathie oder außersinnliche Wahrnehmung glaubte, kam nicht umhin, festzustellen, dass sich die beiden Schwestern ungewöhnlich nah standen, und dass sie oft die Anwesenheit der jeweils anderen spüren konnten, ohne sich im selben Raum aufzuhalten.

Vor dem Fenster raschelten die Bäume. Ein unsteter, düsterer Wind strich durch das Laub. Die beiden Straßenlaternen an der Tantogatan gaben kaum Licht, jetzt, um kurz nach drei, zur dunkelsten Zeit der Nacht. In ein paar Stunden würde das Sonnenlicht sich langsam aber kontinuierlich heranschleichen, von der Ostsee her über den Schärengarten und Nacka bis nach Södermalm, wie ein zaghafter Blitz die Dunkelheit verwässern und allmählich die Umrisse der Stadt sichtbar werden lassen. Ein Hochdruckgebiet hatte für anhaltend gutes Wetter und wundervolle, warme Frühlingstage gesorgt. Ismaila faltete die Dienstkleidung der Krankenschwestern zusammen und legte sie anschließend in das Regal mit der sauberen Kleidung im Lagerraum. Die Säuglingsstation war für Neugeborene bestimmt, die aufgrund gesundheitlicher Probleme das Krankenhaus noch nicht verlassen durften. Die Babys litten an Atembeschwerden, niedrigem Blutzucker, Neugeborenengelbsucht, Infektionen, Geburtstraumata oder Fehlbildungen. Außerdem wurde auf der Station eine Betreuung für extreme Frühchen angeboten, die in der dreiundzwanzigsten bis siebenundzwanzigsten Schwangerschaftswoche geboren wurden. Die Pflegezeit konnte somit von einigen Stunden bis hin zu mehreren Monaten andauern.

Ismaila trat wieder zurück auf den Gang und überflog die Anschläge auf dem Schwarzen Brett. Die Lampen an der Decke waren aus, und es dauerte eine Weile, bis sie die Mutter bemerkte, die ruhig auf einem Sofa saß und ihr Baby stillte. Sie nickte ihr zu, sagte aber nichts. Plötzlich piepte das Telefon in ihrer Tasche. Ismaila musste gar nicht hinsehen. Sie wusste, dass es Shirin war, die jetzt Zeit für ein Treffen hatte. Diskret verließ Ismaila die Station über das Treppenhaus. Die al Beda-Schwestern trafen sich, jede mit einer Tasse Kaffee in der Hand, wie gewohnt in dem leer stehenden Stockwerk zwischen ihren jeweiligen Stationen.

„Und, wie sieht’s aus?"

„Ist eine ruhige Nacht, antwortete Shirin. „Nichts Besonderes. Die Kinder unten schlafen alle. Welcher Wochentag ist heute?

„Es ist gerade Mittwoch geworden."

Shirin nickte bekräftigend. „Wie ist es oben bei euch?"

„Auch ruhig, wie immer. Warst du heute Nacht in der Notaufnahme?"

Shirin schüttelte den Kopf. Nur in der Notaufnahme im Eingangsbereich konnten die Nächte eine dramatische und überraschende Wende nehmen. Manchmal gingen die Schwestern hinunter, um die Lage zu überprüfen, ein wenig mit den dortigen Krankenpflegerinnen zu plaudern und spontan auszuhelfen, wenn der Patientenandrang zu hoch wurde. Das kam allerdings eher selten vor, und meistens blieben die beiden auf ihren Stationen. Der Mann, der die Kameras installiert hatte, wusste das bereits. Er hatte ihre Interaktionen beobachtet und lauschte auch jetzt ihren leisen Stimmen in der Neutralität des Treppenhauses. Die Kameras waren eine Vorsichtsmaßnahme, um zu erfahren, ob sich in dieser Nacht etwas Bedeutsames, etwas Außergewöhnliches ereignete. Bisher sprach nichts dafür. Alles war wie immer, so, wie er es wollte. Er zoomte näher an die Schwestern heran, untersuchte das Bild und analysierte ihr Gespräch, konnte aber nichts erkennen, was mit den gewöhnlichen nächtlichen Mustern brach.

Die al Beda-Schwestern waren schwedische Staatsbürgerinnen, aber im palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon nördlich der israelischen Grenze geboren und aufgewachsen. Sie waren Mitte Vierzig und sprachen nahezu perfektes Schwedisch. Beide lebten in Södermalm unweit des Krankenhauses und waren verheiratet, Ismaila mit dem Schweden Sten und Shirin mit dem Niederländer Donny. Ihre Kinder waren ungefähr im selben Alter. Ein Jahr nach Shirins Geburt war die Familie nach den Massakern in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila geflohen. Über Kontakte ihres Vaters waren sie nach Schweden gekommen, hatten eine schwedische Schule besucht und gemeinsam in Stockholm die Ausbildung zur Krankenpflegerin absolviert. Ihre Gene, ihr Leben, oder vielleicht auch beides zusammen, hatten sie zu zwei unabhängigen, entschlossenen und tatkräftigen Frauen heranwachsen lassen, die vor nichts und niemandem zurückwichen. Als sie ihre Tassen geleert hatten, kehrten sie auf ihre Stationen zurück, ohne sich bewusst zu sein, dass sie gefilmt worden waren. Ismaila ging hinauf zur Säuglingsstation und Shirin hinunter auf Station 74. Mit ihren Kopftüchern stachen sie zwischen ihren Kolleginnen hervor, bei denen sie hohes Ansehen genossen. Noch ein paar Stunden, dann wurde es Zeit für die Übergabe an die Frühschicht und einen gemeinsamen Spaziergang durch den Tantolundenpark, heim zu ihren Mietwohnungen in der Hornsgatan nahe der Högalidskirche. Hätten sie einen Blick aus dem Fenster geworfen, wäre ihnen aufgefallen, dass der Parkplatz voller Schlangen war. Haufenweise Schlangen rund um das Krankenhaus. Fledermäuse kreuzten den Nachthimmel. Das Atmen tat weh.

Kapitel 1

Hannah Kaufmans Meer der Müdigkeit

Plötzlich ertönte ein Geräusch im Dunkeln. Es kam aus dem Nichts und wollte nicht mehr aufhören. Hannah Kaufman brauchte ein paar Sekunden, bis ihr klar wurde, dass es sich um den Alarm ihres Telefons handelte, der irgendwo im stockfinsteren Raum ertönte. Sie hörte genau hin, umhüllt von der Dunkelheit. Widerwillig schlug sie die Augen auf und versuchte, sich zu orientieren. Wo war bloß das verdammte Telefon? Wo hatte sie es am Abend zuvor hingelegt? Und war es wirklich schon Morgen? Kaum zu glauben. Hannah streckte den rechten Arm aus und stellte fest, dass ihr Mann Erik immer noch neben ihr im Bett lag. Sein helles Haar schaute unter der Decke hervor und Hannah hörte sein gleichmäßiges Atmen.

Jetzt, Anfang April, vor den bevorstehenden Hauptversammlungen, hatten sämtliche Wirtschaftsprüfer auf der Welt alle Hände voll zu tun. So war es auch bei BDF, der Agentur, für die Erik seit zwei Jahren arbeitete. Jeden Tag ging er früh aus dem Haus und kam erst spät in der Nacht zurück, selbst am Wochenende. „Im Mai wird es besser, murmelte er jedes Mal. „Spätestens im Juni.

Als Polizistin hatte Hannah selbst harte Arbeitszeiten, im Gegensatz zu ihrem Mann aber über das ganze Jahr hinweg und nicht nur während der Jahresberichtssaison. Polizistin und Wirtschaftsprüfer: Sie waren wirklich ein seltsames Paar. Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnten, ließ Hannah den Blick durch den Raum wandern. Mit der linken Hand tastete sie über den Boden neben dem Bett und bekam schließlich ihr Telefon in die Finger. 05:15 zeigte der Bildschirm an. Hannah schaltete den Wecker aus und ließ sich mit einem Seufzer zurück in die Kissen sinken. Sie fühlte sich wie erschlagen vor Müdigkeit. Schließlich setzte sie sich schwerfällig auf die Bettkante und griff nach dem Kleiderhaufen auf dem Boden. Später würde Hannah erfolglos versuchen, sich zu erinnern, ob sie an diesem Morgen irgendeinen Verdacht gehegt hatte. Es war dunkel und still gewesen, aber inwiefern Hannah daraus etwas über das Kommende hätte ableiten können, konnte sie nicht sagen. Eigentlich hatten sich all ihre Gedanken um Kaffee gedreht, was sie im Nachhinein als unfassbar banal empfand.

Hannah Kaufmans monumentale Müdigkeit an diesem Morgen war nicht das Resultat einer langen Nachtschicht im mobilen Büro im hinteren Teil eines Polizeibusses. Sie hatte auch nichts mit zu vielen Gläsern Rotwein oder zu vielen Episoden einer neuen Netflixserie zu tun. Hannah litt unter Hashimoto, einem Ungleichgewicht der Hormonproduktion ihres Körpers, das auf eine Schilddrüsenunterfunktion zurückzuführen war. Daraus folgte eine ungewöhnlich niedrige Konzentration einiger körpereigener Stoffe und Proteine, die vor allem das Aktivitätsniveau, den Stoffwechsel und die Leistungsfähigkeit des Körpers regulierten. Erik schnarchte leicht. Er war nicht aufgewacht, als Hannah sich aufgesetzt hatte. Ihren Zustand bezeichnete er immer als „Meer der Müdigkeit", aber was wusste er schon? Hannah hätte gut auf Wirtschaftsprüfer mit poetischen Anwandlungen verzichten können. Selbst Polizisten waren die besseren Dichter, und das wollte etwas heißen. Aber eigentlich spielte das keine Rolle. Hannah liebte Erik trotzdem. Und müde war sie wirklich, insofern hatte er recht. Todmüde sogar, was angesichts der Uhrzeit nicht weiter verwunderlich war.

Manchmal, wenn Hannah von der Arbeit nach Hause kam, konnte sie sich kaum noch bewegen. Wie im Nebel legte sie sich dann mit einer Decke über den Beinen auf das Sofa im Wohnzimmer, starrte an die Decke, schlummerte ein und schaffte es nicht einmal, sich etwas zu essen zu machen. Sie konnte sich keinen Zentimeter vom Fleck rühren. Irgendwie war es ihr über all die Jahre hinweg gelungen, ihren gesundheitlichen Zustand bei der Arbeit geheim zu halten. Sie hatte gelernt, den Mund zu halten und ihre Müdigkeit zu kontrollieren, solange ihre Kollegen in der Nähe waren. Umso erschöpfter war sie allerdings, wenn sie nach Hause kam. Inzwischen setzte Hannah ihre Hoffnung darauf, eines Tages schwanger zu werden, was, so hoffte sie, ihren Körper derart aufrütteln würde, dass er seine Hormonproduktion von selbst wieder ins Gleichgewicht brachte. Bestenfalls. Manchmal hoffte sie sogar allen Ernstes, dass ein physischer Schlag, ein richtiger Hieb auf die Schilddrüse, ihre Funktionsfähigkeit wiederherstellen würde. Sie brauchte keine Medizin, sondern einen Schock. Seit Jahren nahm sie täglich brav ihr Levaxin ein, hatte aber nicht das Gefühl, dass es ihr half. So sahen Hannahs Gedanken aus, während sie nachmittags wie betäubt dalag und an die Decke starrte, dankbar, dass ihr noch einige ruhige Stunden blieben, bis Erik nach Hause kam.

Diese Gedanken gingen ihr auch durch den Kopf, als sie sich im Badezimmerspiegel betrachtete und die Haare zu einem Zopf hochband. Alles sah aus wie immer, bis auf die ungewöhnlich dunklen Ringe unter den Augen. Eine lange, gerade Nase zwischen klaren, dunklen Augen, und ausgeprägte Wangenknochen, die ihrem Gesicht scharfe Konturen verliehen. Hannah Kaufman, Polizeikommissarin. Sie liebte ihren Beruf und hätte ihn gegen nichts eingetauscht. Diese Liebe war es auch, was sie wachhielt. Das, und der Wunsch nach einer Zukunft in dem kleinen Haus, den sie mit Erik teilte.

Hannah fielen die Stapel von Lebensmittelkartons vom Thai-Foodtruck und anderem Take-away-Essen sowie die ungespülten Gläser in der Küche ins Auge, als sie die Wohnung verließ. Das Auto stand im Carport vor ihrem eigentümlich grünen Reihenhaus. Erik würde wahrscheinlich auf Firmenkosten mit dem Taxi zur Arbeit fahren. Das durften sich die Angestellten erlauben, wenn sie vor halb sieben morgens in der Agentur eintrafen und nach halb elf abends Feierabend machten. Selbst die Kaffeekanne war ungewaschen und sah nicht gerade einladend aus. Hannah musste wohl oder übel warten, bis sie auf der Arbeit war. Eigentlich brauchte sie den Kaffee, um die unvermeidlichen Kopfschmerzen zu unterdrücken, aber es war auch nicht schlecht, einmal früh loszugehen. Andernfalls bestand die Gefahr, dass sie zu Hause hängen blieb und nicht in der Lage war, den nächsten wichtigen Schritt zu tun.

Hannahs Schicht begann um halb sieben. Sie sollte Maria Svensson, die zu Hannahs besten Freunden in der Einheit gehörte und über Nacht Streife gefahren war, ablösen. Eigentlich war Hannah schon zu spät dran. Sobald sie bei der Arbeit eintraf, würde sie sich einen Kaffee gönnen und den kommenden Tag planen. „Fasst einen Plan, er wird zunichte", lautete ein altes jüdisches Sprichwort, und das beschrieb Hannahs Alltag fast perfekt. Nichts wurde so, wie sie es sich vorstellte.

Der erste Anruf

Hannah startete den blauen Volvo und fuhr los in Richtung Stadt, von ihrem Haus in Nacka zum Polizeirevier in Kungsholmen. Während ihr Arbeitstag immer näher rückte, suchte sie im Autoradio nach Radio Stockholm und rief dann Erik an, um ihn aufzuwecken. Der Anruf ging direkt an seine Mailbox. Knapp zwei Jahre waren sie und Erik jetzt verheiratet, und sie war noch immer nicht schwanger.

„Hallo, hier ist der Anschluss von Erik Kaufman, BDF. Leider kann ich Ihren Anruf gerade nicht annehmen, aber ..."

Nein, Hannah hatte wirklich keine Lust, ihrem eigenen Ehemann eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter zu hinterlassen. Aber ihr gefiel nach wie vor, dass er ihren Nachnamen angenommen hatte. „Kaufman war „Petterson einfach haushoch überlegen! 06:00 zeigte die Digitaluhr auf dem Armaturenbrett. Es war ungewöhnlich wenig Verkehr. Die Pendler aus Nacka waren gewieft und gaben ihr Bestes, den Stau in die Stadt zu vermeiden. Die Sonne schien bereits. Zu dieser Jahreszeit war Stockholm wunderschön. Hannah überlegte, welcher Wochentag war. Mittwoch. In Sickla bog sie direkt in den Tunnel auf dem Södra Länken ein, um nicht im Stau rund um den Verkehrsknotenpunkt Slussen zu landen. Das Verkehrschaos würde noch mindestens drei weitere Jahre anhalten, wahrscheinlich sogar länger. Hannah beschleunigte und überholte einige Fahrzeuge. Auf der Höhe von Gullmarsplan bekam sie einen Anruf von Maria. Das war ihr erstes Warnsignal.

Die gut gelaunte Stimme im Radio verstummte, als der Anruf einging. Hannah hörte schon bei den ersten Worten, dass ihre Kollegin besorgt war.

„Hannah, ich bin’s, Maria. Bist du auf dem Weg?"

„Ich bin schon bei Gullmarsplan, wieso? Und dir auch einen guten Morgen!"

„Sorry, ja, guten Morgen. Bei der RCL ist eine Meldung zu Schüssen in der Nähe des Südkrankenhauses eingegangen. Ich bin gerade dort angekommen. Hier ist irgendetwas im Gange." Die RCL war die regionale Leitstelle, die alle allgemeinen Meldungen über die Nummern 112 und 11414 annahm und an die jeweiligen Zuständigkeitsbereiche weiterleitete. Hannah richtete sich auf dem Fahrersitz auf und spürte, wie ihre Gesichtshaut spannte. Sie wurde schnell nervös und fühlte sich dann, als säße sie in einem Windkanal.

„Ein Schusswechsel, sagst du?, fragte sie. „Wann und wo?

„In der Nähe der Kinderabteilung des Universitätsklinikums. Der neue Standort hinter dem Haupteingang des SÖS, dieses protzige, große Gebäude. Ein paar Rentner haben unabhängig voneinander angerufen. Zuerst stand gar nicht fest, ob es sich um einen Schuss oder nur um ein lautes Geräusch gehandelt hat. Vielleicht eine zugeknallte Autotür. Ich weiß nicht genau."

Die zunehmende Anzahl an Schießereien hatte dazu beigetragen, dass die meisten Bürger das Geräusch von abgefeuerten Schüssen deutlich von anderen Geräuschen unterscheiden konnten. Hannah hatte keine eigenen Kinder und war noch nie in der neuen Kinderklinik auf der Insel Södermalm gewesen. Aber sie hatte schon davon gehört, wusste, wo sie lag, und anstatt zuerst zur Dienststelle zu fahren, nahm sie die nächste passende Ausfahrt aus dem Tunnel.

„Ich bin schon auf dem Weg, Maria, sagte sie. „Komme direkt zu euch. Ob sie Maria auf dem Revier oder anderswo ablöste, spielte keine Rolle.

„Wir haben schon mehrere Mannschaftswagen angefordert. Es ist noch nicht klar, was passiert ist, aber den Berichten zufolge muss es ordentlich geknallt haben. Vielleicht waren die Zeugen aber auch nur überempfindliche Rentner, die aus dem Schlaf gerissen wurden."

„Hört sich trotzdem nicht gut an, sagte Hannah, halb zu sich selbst und halb ins Telefon. „Überhaupt nicht.

„Komm her, so schnell du kannst! Wir machen die Übergabe am Einsatzort", sagte Maria und legte auf.

Am Kinderkrankenhaus der Universitätsklinik

Hannah trat aufs Gaspedal, während sich Radio Stockholm wieder zu Wort meldete. Nachdem sie die Skanstullsbrücke überquert hatte, bog sie verbotenerweise nach links in den Ringvägen ein und fuhr über eine rote Ampel. Ihr Navi sagte ihr, dass sie den Haupteingang des Krankenhauses links liegen lassen musste. Das neuerbaute Krankenhaus hatte einen eigenen Eingang vom Ringvägen aus. In der Ferne hörte sie bereits eine Sirene. Außer ihr waren also noch weitere Kollegen auf dem Weg. Anscheinend hatte es einen Großalarm gegeben, der den Medien allerdings entgangen zu sein schien. Die Radiomoderatoren schwätzten, als wäre nichts Ernstes passiert. Ein weiterer unbeschwerter Frühlingstag in der Großstadt. Gereizt schaltete Hannah das Radio aus. „Zum Teufel damit, murmelte sie. „Was für ein Stuss. Sie bog links in die Tantogatan ein und bremste ab. Ein Polizeiauto parkte zweihundert Meter weiter vor dem Polizeibus des Einsatzleiters, in dem Maria vermutlich nach einer langen Nacht auf das Ende ihrer Schicht wartete. In Hannahs Rückspiegel tauchte ein weiterer Funkstreifenwagen auf. Hannah parkte hinter dem Bus, trat an das Einsatzfahrzeug heran und öffnete nach einem kurzen Klopfen die Tür. Maria Svensson saß am Computertisch. Das helle Haar fiel ihr über die Schultern. Sie hob den Blick vom Bildschirm und schaute zu Hannah.

„Danke, dass du so schnell gekommen bist."

„Kein Ding. Irgendjemand kann mir meine Sachen herbringen. Was ist denn hier los?"

„Das wissen wir noch nicht. Irgendwas ist da im Gange." Sie nickte zum Hintereingang des Krankenhausgebäudes, der weiter hinten zu sehen war.

„Im Gange?"

„Sieht aus, als hätte jemand im Gebäude oder am Eingang Schüsse abgegeben, das ist noch nicht ganz klar. Wir waren zufällig in der Nähe, bei einem häuslichen Streit in Liljeholmen, als der Notruf kam. Ich weiß aber nicht mehr als du. Es fühlt sich alles so durcheinander an."

Hannah nickte und Maria fuhr fort: „Ich würde den Einsatz gerne durchführen, aber ich bin völlig platt. Ich bin ungefähr seit gestern Abend zehn Uhr auf den Beinen, und es war eine unruhige Nacht. Ich bin alles andere als ausgeruht."

„Jetzt bin ich dran, Maria. Ich übernehme ab hier."

Hannah sah sich im Bus um. Die Computer waren eingeschaltet und die Lautsprecher knisterten, aber im Moment war es noch recht still. Die Ruhe vor dem Sturm?

„Kaffee gibt es nicht, oder?", fragte sie.

„Tut mir leid, wir sind direkt hierhergekommen."

Hannah nickte. Der Kaffee konnte warten. Sie musste zunächst den Einsatzort sichern und Kontakt mit den Kollegen in der Polizeidienststelle aufnehmen. Sie stieg aus dem Auto und ging zum Funkstreifenwagen.

„Was ist los?", fragte der Polizist hinter dem Lenkrad. Er kam Hannah vage bekannt vor, schien sie im Gegenzug aber sofort zu erkennen. Hannah war bekannt unter den Stockholmer Polizisten. Nach einigen Jahren als externe Einsatzleiterin war sie vor kurzem zur regionalen Einsatzleiterin und Kommissarin befördert worden.

Nach der Polizeihochschule war sie zuerst fünf Jahre lang in Norrmalm Streife gefahren. Dort hatte sie viel Erfahrung im Einsatz gewonnen, oft zusammen mit Maria Svensson. Dort stach sie vor allem mit ihrem exotischen Äußeren hervor. Mandelförmige, dunkle Augen und lange, dunkle Haare, die sie allerdings aufgrund der Sicherheitsbestimmungen nur selten offen ließ, da sie sich gleich wie ein Mantel um ihre Schultern wickelten.

„Wir wissen leider auch nicht mehr als Sie, antwortete sie ihrem Kollegen. „Vielleicht hat sich dort oben ein Schuss gelöst. Wir haben auch erst vor zwanzig Minuten die Meldung von der RLC bekommen.

Sie zeigte in Richtung des Kinderkrankenhauses, das etwa zweihundertfünfzig Meter entfernt zu ihrer Linken lag. Das Gebäude war imposant, ein großer, würfelförmiger Körper aus Glas und Stahl. Hannah schätzte, dass die Fassade etwa sechzig Meter in der Länge und fünfzehn Meter in der Höhe maß. Aber das war nur die Verpackung. Die wichtigste Frage war doch, was im Inneren unter der beeindruckenden, ordentlichen Oberfläche vor sich ging. Hannah schwante nichts Gutes.

Maria winkte ihr zu und machte sich aus dem Staub. Jetzt trug Hannah die Verantwortung.

Von ihrem Standort aus hatten sie freie Sicht auf die Einfahrt des Krankenhauses und das, was, wie Hannah vermutete, der Eingang der Notaufnahme war. Der Kindernotaufnahme. Hier wurden nicht nur allgemein Menschen behandelt, sondern Kinder. Hannah überlegte, an welcher Stelle die Polizei vordringen konnte, falls es nötig war. Der Vorteil ihres gegenwärtigen Standortes war die freie Sicht auf das Krankenhaus. Dadurch würden sie den Überblick behalten können, wenn es zu einem Einsatz kommen sollte. Der Nachteil war, dass alles so beengt war. Direkt hinter ihnen verlief die Einzäunung der Bahngleise. Der Zinkensdamms-Sportplatz lag nur ein paar Hundert Meter entfernt hinter einem Hügel. Von jeder größeren Fläche aus würden sie das Krankenhaus nicht sehen können. Hannah musste wieder an Kaffee denken. Was hätte sie jetzt für eine Tasse gegeben! Dann schlich sich Erik in ihr Bewusstsein, und sie fragte sich, ob er mittlerweile aufgewacht war.

„Wir bleiben hier, bis wir mehr Informationen haben, sagte sie zu dem Polizisten. „Ich möchte niemanden in die Schusslinie schicken, bevor wir nicht wissen, was dort drinnen vor sich geht. Sie bemerkte zwei dunkle Kastenwagen, die fahrlässig neben dem Eingang der Notfallambulanz parkten.

„Würden Sie damit anfangen, das Gelände abzusperren?"

Die Polizisten leisteten ihren Worten augenblicklich Folge, sprangen aus dem Wagen und begannen, das gestreifte Absperrband abzurollen. Immer mehr Autos näherten sich dem Gelände. Aus Richtung des Ringvägen war die Tantogatan bereits abgesperrt. Hannah ging davon aus, dass auch der Ringvägen gesperrt werden musste, vielleicht sogar der Schienenverkehr. Die Gleise lagen vom Krankenhaus aus gesehen in direkter Schusslinie. Genau in diesem Moment raste ein Zug in südlicher Richtung aus dem Tunnel. Bis jetzt hatte Hannah mehr oder weniger automatisch funktioniert. Jeder Tag brachte seine Herausforderungen mit sich, jeder Morgen seine Unsicherheiten. Während die Absperrung Gestalt annahm, dachte Hannah das erste Mal darüber nach, was an diesem Mittwoch noch passieren könnte. Sie dachte an Maria, die jetzt auf dem Heimweg war, um sich hinzulegen. Ein Schusswechsel in der Nähe eines Kinderkrankenhauses? Was auch immer passiert war, es konnte sich kaum um etwas Gutes handeln. Sie brauchten dringend genauere Informationen. Wie viele Leute hielten sich im Gebäude auf? Und wer? Sie mussten mit dem Krankenhausmanager sprechen, mit Architekten und vielleicht sogar mit Fachleuten, die sich mit dem Belüftungssystem auskannten. Sie mussten möglichst schnell frühere Geiselnahmen und damit verbundene Befreiungsaktionen analysieren.

Aber zuerst musste sie herausfinden, was hinter der Glas- und Stahlfassade des Kinderkrankenhauses vor sich ging.

Der Regionspolizeileiter

Johan Ulfsson, der Leiter der Stockholmer Regionalpolizei, saß in seinem Auto, als er die Nachricht erhielt. So früh am Morgen war Stockholm noch nicht wirklich wach. Selbst die Cafés schliefen noch. Wie Hannah fuhr Ulfsson einen Volvo. Auf dem Bildschirm seines Smartphones, das in einer Halterung am Armaturenbrett steckte, leuchtete eine wichtige Mitteilung auf. Er bremste ab und versuchte, sie zu lesen, während er in Richtung Polizeirevier in der Nähe des Kronobergsparks über die Handverkagatan fuhr.

„Schusswechsel in der Kinderabteilung des Universitätsklinikums. Notruf per SMS durch einen Arzt in der Notaufnahme. Schwerbewaffnete, maskierte Männer sind in das Gebäude eingedrungen und scheinen sich dort zu verbarrikadieren."

„Zum Teufel!, fluchte der Regionspolizeileiter und trat aufs Gaspedal. Er war ein großer Mann mit kahl geschorenem Kopf, der aussah, als hätte er sein Auto auch schultern und zu Fuß zum Revier rennen können, wenn ihm die Wartezeiten im Stau zu lang wurden. Sein Spitzname unter den Kollegen war ‚der Sheriff‘. Hinter vorgehaltener Hand nannte man ihn auch ‚Shrek‘, in Anlehnung an seinen kräftigen Körperbau. Er parkte auf seinem festen Stellplatz in der Garage und rannte dann zum Aufzug. „Was zur Hölle ist heute los?, murmelte er auf dem Weg nach oben. „Das ist doch verdammt noch mal nur ein normaler Aprilmittwoch!"

Als er aus dem Fahrstuhl trat, schaute er direkt in besorgte Gesichter. „Es gibt einen neuen Stand, Chef, sagte einer seiner Mitarbeiter, kaum dass Ulfsson einen Fuß in die Abteilung gesetzt hatte. „Es sieht überhaupt nicht gut aus.

„Am Südkrankenhaus?"

Der Kollege nickte.

„Ist schon jemand vor Ort?, fragte Ulfsson. „Wie sieht es mit Hubschraubern aus? Beobachtet jemand das Gebäude aus der Luft?

„Hannah Kaufman ist direkt zum Tatort gefahren und richtet eine Kräftesammelstelle ein. Außerdem sind

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