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Nächte in Übersee: Drei exotische Romane

Nächte in Übersee: Drei exotische Romane

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Nächte in Übersee: Drei exotische Romane

Länge:
893 Seiten
10 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 27, 2021
ISBN:
9781393914853
Format:
Buch

Beschreibung

Nächte in Übersee: Drei exotische Romane

von Ernst F. Löhndorff

 

Über diesen Band:

 

Dieser Band enthält folgende Romane

von Ernst F. Löhndorff:

 

Yangtsekiang - Ein China-Roman

Glück in Manila

Ägyptische Nächte

 

 

Zu dem Roman ÄGYPTISCHE NÄCHTE: Die Erzählung berichtet sehr lebhaft und in bildhafter Sprache von den Erlebnissen eines Abenteurers, dessen Reise, irgendwann Anfang des 20. Jahrhunderts, durch den Orient führt. Aus Deutschland stammend, nennt er sich Ernesto, einen Herumtreiber, der den Nil entlang durch Ägypten reist, um zu seiner reinen Lust und Freude in den Tag hineinzuleben und das Land, das er so liebt, zu erkunden. Er kleidet sich traditionell, jedoch mit einem grünen Turban, was eigentlich nur Abkömmlingen der Scherifen und Kalifen vorbehalten ist oder einem Mekkapilger. Sehr überzeugend schlüpft er in die Rolle eines Hadschi, und wird fortan von der einheimischen Bevölkerung mit ehrfurchtsvollem Respekt behandelt. So trifft er eines Tages die reiche Amerikanerin Harriet, Tochter eines Archäologen, die ihn einlädt, bei ihr in Cairo zu bleiben und die Schönheiten des Landes zu zeigen ...

Die Darstellungen in diesem Buch gründen auf wirkliche Erlebnisse des Verfassers.

Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 27, 2021
ISBN:
9781393914853
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Nächte in Übersee

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Nächte in Übersee - Ernst F. Löhndorff

Nächte in Übersee: Drei exotische Romane

von Ernst F. Löhndorff

Über diesen Band:

Dieser Band enthält folgende Romane

von Ernst F. Löhndorff:

Yangtsekiang - Ein China-Roman

Glück in Manila

Ägyptische Nächte

––––––––

Zu dem Roman ÄGYPTISCHE NÄCHTE: Die Erzählung berichtet sehr lebhaft und in bildhafter Sprache von den Erlebnissen eines Abenteurers, dessen Reise, irgendwann Anfang des 20. Jahrhunderts, durch den Orient führt. Aus Deutschland stammend, nennt er sich Ernesto, einen Herumtreiber, der den Nil entlang durch Ägypten reist, um zu seiner reinen Lust und Freude in den Tag hineinzuleben und das Land, das er so liebt, zu erkunden. Er kleidet sich traditionell, jedoch mit einem grünen Turban, was eigentlich nur Abkömmlingen der Scherifen und Kalifen vorbehalten ist oder einem Mekkapilger. Sehr überzeugend schlüpft er in die Rolle eines Hadschi, und wird fortan von der einheimischen Bevölkerung mit ehrfurchtsvollem Respekt behandelt. So trifft er eines Tages die reiche Amerikanerin Harriet, Tochter eines Archäologen, die ihn einlädt, bei ihr in Cairo zu bleiben und die Schönheiten des Landes zu zeigen ...

Die Darstellungen in diesem Buch gründen auf wirkliche Erlebnisse des Verfassers.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author / COVER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Alles rund um Belletristik!

Löhndorff Gesamtausgabe #1: Yanktsekiang - Ein China-Roman

Löhndorff Gesamtausgabe #1: Yanktsekiang - Ein China-Roman

Ernst F. Löhndorff

Published by Casssiopeia-XXX-press, 2017.

Table of Contents

UPDATE ME

ERNST F. LÖHNDORFF

YANGTSEKIANG

EIN CHINA-ROMAN

––––––––

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von pixabay mit Steve Mayer, 2017

Redaktion und Korrektorat:  Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau,  herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

––––––––

EIN JAHR SAß DER DEUTSCHE Hans Wendt unschuldig in einem chinesischen Gefängnis.Jetzt ist er wieder frei, aber völlig mittellos – und er hat nach chinesischem Denken „sein Gesicht verloren". Der Geschäftsmann Tschang Pi bietet ihm einen Job weiter flussaufwärts an. Wendt soll Unregelmäßigkeiten in einer Mine untersuchen. Auch Tschang Pi und seine Tochter Ma Yü reisen auf demselben Dampfer nach Norden – sowie die Deutsche Ursula Kirsten, die ebenfalls in den Diensten des Geschäftsmannes steht und sich um Tschang Pis junge Tochter kümmern soll. Auf dieser Fahrt kommt Wendt mit den beiden Frauen in Kontakt, und er verliebt sich in Ursula. Deren Wege trennen sich jedoch bald wieder – das Schicksal wird aber dafür sorgen, dass sich die beiden Liebenden wenige Wochen später unter dramatischen Umständen wiedertreffen werden.

Es ist die Zeit des blutigen Krieges zwischen China und Japan – und die in China lebenden Europäer werden in die Auswirkungen dieses Krieges mit hineingezogen. Hans Wendt und Ursula Kirsten sind davon betroffen – aber auch die junge Ma Yü ...

Ernst F. Löhndorff stellt mit diesem Roman unter Beweis, dass er ein exzellenter Kenner Chinas und dessen Kultur war. In wortgewaltiger bildhafter Sprache erzählt er von dem ungewissen Schicksal zweier Menschen, die in den Wirren des Krieges zueinander finden.

Vorspiel

––––––––

... WEIT VON HIER, IN einem Land, das den meisten von euch nur aus den purpurnen Schleiern wunschkräftiger Träume auftaucht, wenn die Gedanken auf den windschnellen Zauberrossen eines sehnsüchtigen unstillbaren Fernwehs reiten – dort braust ungestüm oder fließt rauschend und wälzt sich streckenweise fast lautlos, aber geladen mit unheimlicher Macht, ein gelber Strom. Und wunderbarerweise nennen ihn die gelben lächelnden Bewohner jenes Landes den „Blauen Strom". Yangtsekiang!

In der einsamen, großartigen Bergwelt, wo die uralten, geheimnisvollen Klöster der roten Lamas in grauen Felsentälern wachen, wo der zottige Yak die verschneiten Pässe überklettert, wo seltsame, klappernde Gebetsmühlen und flatternde, zerrissene Fahnen auf unzugänglichen Gipfeln das „Reich der Dämonen beherrschen und wo das feierliche eintönige „Om Mani Padme Hum der betenden Mönche gleich gedämpften Gongschlägen hallt, dort sprudelt er in kristallener Bläue aus den schimmernden Brüsten der Eisriesinnen im Lande des ewigen Buddha. Yangtsekiang!

Später, wenn seine Wasser auch manchmal noch mit bläulich seidigem Glanz dahinströmen, wird er gelb. So gelb wie die Haut der rätselhaft lächelnden, geduldigen Menschen, die an seinen Ufern in Städten, Dörfern oder Hütten geboren werden, leben und sterben. Gelb wie die Gegend, die er durchfließt! Gelb wie die Prachtgewänder der alten Mandschukaiser, die diese Farbe zur herrschenden erhoben. So gelb wie die Segel und das Holz der Dschunken, die er trägt, weiterbefördert, verschont oder vernichtet. Gelb wie die unermesslichen Sümpfe und Seen, die er bildet, wenn er grollend seine Dämme durchbricht, die stellenweise achtzig Meter hoch senkrecht ansteigenden Ufer mit einem riesigen Schwall überflutet und die gelbe Erde nebst Hunderttausenden von Menschen und Tieren erbarmungslos verschluckt.

Not und Tod, Zwist und Verzweiflung bedrohen diese gelben Menschen, aber fast immer lächeln sie. Warten sie und lächeln, lächeln ...

Verlorenes Gesicht

Im Büro des Gefängnisdirektors von Hongkong war es sehr heiß. Zwar brummten die elektrischen Ventilatoren unermüdlich, doch brachten sie keine Kühlung, denn durch die offenen Fenster und Türen quoll unablässig, als unsichtbarer Strom, die feuchte, erschlaffende Tropenwärme.

Vom zweiten Hof her ertönte das jammernde Geschrei eines chinesischen Taschendiebes, der von einem als „Hongkongpolizist" im britischen Dienst stehenden Landsmann mit kräftigen Stockhieben zu einem Geständnis ermuntert wurde.

Der weiß uniformierte und wohlbeleibte Gefängnisdirektor zwinkerte vergnügt mit den hellen, fettunterpolsterten Augen. Sein rundes, glattrasiertes Gesicht legte sich in wohlwollende Falten, und mit den kurzen, knubbligen Fingern der Rechten trommelte er einen unhörbaren Marsch auf der tintenbespritzten Tischplatte. Dabei betrachtete er aufmerksam einen ihm gegenüberstehenden Mann. Dieser war groß und breitschultrig und trug das aufreizend rote Haar nach der Gefängnissitte halb-kurz geschoren. Sein sommersprossiges Gesicht war beinahe regelmäßig und hätte gutmütig ausgesehen, wenn nicht das mächtige Kinn und ein zeitweiliger trotziger Zug um den Mund ihm etwas Draufgängerisches verliehen hätten. Erhöht wurde dieser Eindruck noch durch die kühn blickenden, grau-blauen Augen. Er steckte in einem groben, hässlichen Drillichanzug, der um die Hüften viel zu weit und überall in unregelmäßigen Abständen mit plumpen roten Pfeilen bedruckt war.

Wieder zwinkerte der Beamte in schlecht verhehlter Zufriedenheit, wie sie ein gutes zweites Frühstück und eine vortrefflich bezahlte, mit wenig Mühe verbundene Stellung mit sich bringen. Das Geschrei im Hof verstummte. Wie gewaltiges und doch gedämpftes Summen, von einzelnen schrillen oder metallisch klirrenden Lauten ununterbrochen durchgellt, hing der Lärm der menschenvollen Stadt in der Luft. Von der Bai wehte das Tuten eines großen Passagierdampfers herüber und erstickte plötzlich in dem überirdischen, wütenden Aufheulen eines britischen Torpedobootes.

Die Finger des Uniformierten hörten auf zu trommeln. Und mit wunderbarer, von langer Übung zeugender Geschicklichkeit sank er etwas tiefer in seinen Sitz zurück und schwenkte gleichzeitig die kurzen Beine vor sich auf den Tisch, sodass das Tintenfass von den weißbeschuhten Füßen eingerahmt war.

Sorgfältig entnahm er dem Bastetui eine Manila, biss die Spitze mit den kräftigen Zähnen ab und zündete sie genießerisch an. Nun warf er einen raschen, gewohnheitsmäßigen Blick auf das große, an der Wand hängende Bild des englischen Königspaares und sprach dann vorwurfsvoll, wie man mit einem Kind redet, das man nicht gerne bestrafen will, zu dem Rothaarigen: „Aber mein bester Mister Wendt, ich dachte wirklich Wunder, was Sie mir zu eröffnen hätten, als Sie um diese dringende Unterredung nachsuchten! Es ist die achte seit Ihrem Hiersein!"

„Ich habe um diese Unterredung bereits vor sieben Wochen vorschriftsmäßig gebeten, Sir!", erwiderte der Angeredete mit fester Stimme.

Behaglich nickte der Dicke. „Weiß ich, weiß ich, mein lieber Wendt – oder soll ich Sie, wie ich es eigentlich müsste, Gefangener Nummer 638 nennen? Nun, ich will ein Auge zudrücken, da Sie ein weißer Mann sind und eine geachtete Stellung einnahmen, ehe Sie den beklagenswerten Pfad der Sünde und Finsternis beschritten!"

Er machte eine kleine Pause, und es schien, als ob er wohlgefällig dem Echo seiner eigenen Stimme nachlausche, ehe er weitersprach: „Ein Gefängnisdirektor in Seiner Majestät – Gott segne sie! – Kronkolonie Hongkong hat sehr viel zu tun und kann nicht gleich jedem Gesuch nachgeben!"

„Aber ich bin unschuldig, Sir, vollkommen unschuldig, und ich protestiere immer wieder gegen diesen schmachvollen Rechtsspruch, der mich, auf eine abgekartete Sache hin, zu einem Jahr Gefängnis verurteilte!"

„Weiß ich, weiß ich, mein Lieber. Unschuldig sind sie immer alle! Doch das war Sache des Richters, der Sie verdonnert hat. Sogar Ihr eigener Konsul will nichts mehr von Ihnen hören, da er von Ihrer Schuld überzeugt ist! Aber warum denn diese echt deutsche Hast und Überstürzung, lieber Wendt? Nehmen Sie sich doch, da Sie ja schon geraume Zeit im Fernen Osten sind, ein Beispiel an orientalischer Geduld oder, noch besser, an britischer Gelassenheit. Ihr Jahr ist ja fast herum, es fehlen nur noch ein paar Wochen daran. Glauben Sie mir, es hat schon mancher schuldig oder unschuldig im Kittchen gesessen und wurde nachher doch ein angesehener, von Seiner Majestät – Gott segne sie! – geadelter Mann. Aber Sie müssen vernünftig werden. Nur um mir, der ich gar nicht befugt bin, solch dummes Zeug anzuhören, wieder mal Ihre sogenannte Unschuld anzupreisen, haben Sie meine wirklich kostbare Zeit in Anspruch genommen?"

Er schielte nach der Uhr, ob es noch nicht an der Zeit sei, in den Klub zu gehen, und fuhr dann fort: „Ich dachte, heute wirklich etwas anderes, Vernünftigeres von Ihnen zu hören. Sie haben doch die beste Gelegenheit, Ihre Mitgefangenen auszuhorchen! Zum Beispiel könnte man annehmen, dass Sie bei den gemeinsamen Spaziergängen mit dem Gesindel – hehehe, klingt nett, nicht wahr? – also dass Sie bei diesen, der Freude und Erholung gewidmeten Spaziergängen rund um den zementierten Hof unseres Institutes – hehehe! – allerlei zu hören bekommen! Sie sprechen doch ganz leidlich Kantonesisch und auch etwas Mandarin und könnten den Behörden außerordentliche Dienste leisten, wenn Sie herausbrächten, ob Ihr gelber Zellennachbar zu den Piraten der Bias Bai gehörte, die neulich den kleinen Küstendampfer ausgeplündert haben? Unverschämtheit so etwas, dicht vor Hongkong! Und ob das einäugige Halbblut – der Wärter berichtete mir vorhin wahrhaftig, dass der Kerl sich eine Ratte gezähmt hat, die in seiner Zelle aus- und einschlüpft! – ob dieser Bursche bei dem Überfall in der Nathan Road neulich in Kaulun drüben beteiligt war!

Aber stattdessen kommen Sie her und stehlen mir meine kostbare Zeit, um mir zu erzählen, dass Sie unschuldig sind. Goddam, Mann, man hat doch bei Ihnen, dem kontrollierenden Ingenieur der Bahn zwischen Kaulun und Hankau, als Sie in Kanton einstiegen, im Koffer ganz beträchtliche Mengen von Heroin und Kokain gefunden, die Sie in die Kronkolonie Seiner Majestät – Gott segne sie! – einschmuggeln wollten. Es war doch Ihr Koffer! Und zwölf Monate für ein solches Delikt sind eine milde Strafe!"

Angriffslustig schob Wendt sein Kinn vor und protestierte hartnäckig: „Ich bin aber unschuldig, Sir! Irgendein Chinese oder auch ein Weißer, vielleicht war es sogar ein Brite, der neidisch auf meinen schönen Posten war, hat das Rauschgift in meinen Koffer gepackt, als ich im Speisewagen saß!"

„Well, well, möglich ist alles. Aber das geht mich doch nichts an! Tatsache bleibt, dass es eine Ungeheuerlichkeit sondergleichen ist, wenn ein Beamter, wie Sie es waren, Heroin und Koks schmuggelt. Die Herren der Eisenbahndirektion, der, wie Sie wissen, auch einflussreiche Chinesen angehören, waren, wie ich nachträglich hörte, sehr ungehalten über Sie, und einer davon, der sehr ehrenwerte Mister Tschang Pi, hat das Höchstmaß an Strafe für Sie verlangt!"

Wendt stieg das Blut ins Gesicht. „Was, Tschang Pi? Der mich seinerzeit in Schanghai in Dienst stellte? Das ist doch fast unmöglich!"

„Derselbe! Aber, goddam, Mann – hehehe – nehmen Sie die kleine Sache doch nicht so tragisch! Wenn Ihre Zeit herum ist, treten Sie in unseren Polizeidienst oder, wenn Ihnen das nicht passen sollte – nun, China ist groß und steckt voller Möglichkeiten für tüchtige Leute –, gehen Sie doch in die Armee des Marschalls Tschiangkaischek! Vielleicht haben Sie dabei Gelegenheit, dem sehr ehrenwerten Eisenbahnpräsidenten und Millionär, Herrn Tschang Pi, ordentlich eins auszuwischen! Und gleichzeitig, wenn Sie in des Marschalls Hauptquartier sind, können Sie Augen und Ohren aufbehalten. Sie wissen, England liegt viel am Frieden der Welt – und der Secret Service zahlt recht gut, wie ich, Ihnen im Vertrauen zu sagen, von gewisser Stelle aus ermächtigt wurde. Hehehe, trefflich, nicht wahr? Der Ferne Osten bietet, wie ich ja schon sagte und wie Sie auch wissen, ungeahnte Möglichkeiten!"

Die grau-blauen Augen des Deutschen weiteten sich vor Staunen.

„Secret Service?"

„Ja!, nickte der andere und beobachtete verstohlen das Gesicht seines Gegenübers, auf dem sich ein nachdenklicher Zug ausprägte. „Bin ich dann, fragte Wendt langsam, „bin ich dann, wenn ich aus dem Gefängnis komme und in Ihre Dienste trete, wieder ein Gentleman, das heißt, ein Ehrenmann?"

Eine lange Pause entstand. In der Bai tuteten hastende Dampfer. Propellerdröhnen drang vom Flugplatz KaiTak herüber. Pfiffig betrachtete der Brite den Deutschen, ehe er begann: „Da Sie im Kittchen saßen – natürlich nicht! Aber machen Sie sich doch einen Dreck daraus, solange Sie schönes Geld verdienen. Old England zahlt gut, wissen Sie!"

„Es hat immer gut gezahlt für Dinge, die für seine eigenen Landeskinder zu schmutzig waren. Sagen Sie denen, die Sie beauftragt haben, dass sie sich zum Teufel scheren mögen!", stieß der Deutsche schweratmend hervor.

Mit leiser Geringschätzung blickte ihn der Direktor an. Er setzte seine ausgegangene Manila in Brand und blies eine dichte Rauchwolke gegen die Decke des Zimmers. Endlich sprach er in völlig verändertem Ton: „Was faseln Sie da eigentlich von Secret Service und Bezahlung? Die Gefängnisluft hat Ihr Gehirn durcheinandergebracht. Ich werde Ihnen den Anstaltsarzt schicken, Wendt!"

Wie aus den Wolken gefallen, starrte ihn der Deutsche an.

„Sie haben mir doch eben selber angeboten, in den Dienst des Secret Service zu treten, Sir!", schrie er fast.

Eine neue Rauchwolke stieg zur Decke empor, und dazu schnarrten die Worte: „Ihr Hirnkasten scheint ernstlich gelitten zu haben! Oder pflegen Sie lebhaft zu träumen, Nummer 638? Ich habe Sie doch lediglich gefragt, was Sie nach Ihrer Entlassung zu tun gedenken. Ob Sie zum Beispiel in der Kolonie bleiben wollen? Nun?"

Wendt schluckte ein paar Mal, und seine Finger zuckten. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt. Mit bitterem Hohn, eintönig erst, aber von Wort zu Wort in größere Erregung geratend, rief er: „Möge Gott Ihnen diese höhnische Komödie, die Sie hier mit einem Unschuldigen aufführen, vergeben, Sir! Ich wiederhole, dass ich unschuldig bin. Unschuldig! Aber was macht das in diesem Land aus! Sie selber wissen es ja genau, dass der Weiße, der hier draußen einmal im Gefängnis saß, wenn er auch nicht recht ahnte, warum – sein, wie die Chinesen sagen, Gesicht verliert! Das heißt, kein anständiger oder als solcher geltender Mensch will mehr etwas mit ihm zu tun haben, und ehrliche Arbeit findet er nimmer. Es bleibt ihm wirklich nichts anderes übrig, als ein Verbrecher zu werden. Oder – er lachte hell auf – „dem britischen Secret Service schmutzige Handlangerdienste zu leisten. Ehe ich jedoch das tue, schließe ich mich lieber jenen Kreisen an, mit denen ich ja in diesem Gefängnis so vertraut wurde. Und dann mag Tschang Pi sich in Acht nehmen!

Die letzten Worte schrie er und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch, sodass eine Flut grüner Tinte sich über die weißen Hosen des Beamten ergoss.

Ein baumlanger, khakigekleideter Sikhpolizist stand plötzlich auf der Schwelle, aber der Dicke winkte ihm, zu verschwinden. Denn er besaß reichliches Phlegma, war im Grunde genommen kein Unmensch und würde die ruinierten Beinkleider vom Staat vergütet bekommen.

Deshalb blieb er ruhig sitzen und sagte, nachdem der Sikh wieder verschwunden war, wohlwollend: „Nummer 638, Mister Wendt, entweder sind Sie ein Dummkopf oder ein Idealist – aber zwischen beiden ist der Unterschied manchmal sehr gering. Ich glaube jetzt selbst beinahe, dass Sie unschuldig sitzen! Gehen Sie in Ihre Zelle zurück, ich kann Sie nicht länger Ihrer Arbeit, für Seine Majestät – Gott segne sie! – Matten zu flechten, entziehen!"

Er drückte auf den Klingelknopf. Zwei geschmeidige eurasische Wärter kamen herein, und Wendt folgte ihrem stummen Wink. Seufzend nahm der allein gebliebene Direktor die Beine vom Tisch und betrachtete die grünen Flecke an den Hosen. Dann zuckte er die Achseln und rief: „Lantschu!"

Ein britischer Beamter

Die gelbe spanische Wand, die eine Ecke des Zimmers abschloss, wurde zur Seite gerückt. Ein junger Beamter saß in der Ecke auf einem Hocker. In der Hand hielt er Bleistift und Stenogrammheft.

„Alles mitgeschrieben, Lantschu?"

„Gewiss, Sir!"

„Gut! Ehe Nummer 638 entlassen wird, muss der in Schanghai weilende Eisenbahnpräsident gewarnt werden. Ich glaube zwar, dass der hitzköpfige Deutsche seine Drohung nicht ernst gemeint hat, aber darüber zu entscheiden geht mich nichts an."

„Sehr wohl, Sir!"

„Gut, ich ziehe mir jetzt ein paar andere Hosen an und will dann in den Klub. Der Boy soll den Wagen vorfahren. Und wenn meine Frau anruft, so bin ich bei einer wichtigen Sitzung und kann nicht gestört werden!"

„Sehr wohl, Sir!"

Der dicke Gefängnisdirektor ging hinaus. Hinter ihm schnitt Lantschu eine höhnische Grimasse und klatschte sich dann leise, aber unzweideutig, auf die Verlängerung seines Rückens. Das war zwar nicht sehr fein, aber Mr. Lantschu konnte nichts dafür. Denn er trug zwar einen wunderschönen weißen Anzug, Seidenhemd und dazu eine farbenfreudige Krawatte, die aus den geheiligten Gefilden Londons, von Saville Row, stammte, hatte korrekt gescheiteltes, mit Pomade angeklebtes Haar, war im „Majestic in der „Des Voeux Road allabendlich einer der graziösesten befrackten Tangotänzer, der je eine sich langweilende Großkaufmannslady über das Parkett führte – auch war er wohlbestallter Beamter der Gefängnisdirektion in Seiner Majestät – Gott segne sie! – Kronkolonie Hongkong – aber seine zu ihren Ahnen versammelte Mutter war eine wirklich hübsche und zierliche Chinesin aus der Provinz Yünrian gewesen – deren Schönheit leider höher als ihre Moral bewertet wurde.

Und so teilten sich denn in Lantschus Vaterschaft: erstens ein Branntwein liebender Schwarzer von den Antillen, der später im Plafen zu Vera Cruz von Deck eines amerikanischen Öltankers über Bord fiel und an zu viel Wasser starb; zweitens ein verschollener britischer Tommy, der das Licht der Welt in einem obskuren Haus des Londoner Whitechapels erblickt hatte; drittens ein diebischer Mandschure, der nach einem missglückten Tagewerk im Jahre 1938 zu Kanton am lieblichen Ufer des Perlflusses niederkniete, worauf ihm nach guter alter Sitte der hinter ihm stehende Henker den Kopf abschlug, und viertens ein norwegischer Kohlentrimmer, der längst in einem Osloer Trinkerasyl das Zeitliche gesegnet hatte.

Es gab sogar Stimmen in Wan Chai, jener bunten Gegend Hongkongs, wo Lantschu wohnte, die behaupteten, es wären mindestens zehn „fremde Teufel" bei der Erzeugung dieses braven britischen Beamten beteiligt gewesen! Lantschu, wenn er diese Lästerungen hörte, lachte geschmeichelt und befahl seiner Frau – einem vom Leben zerzausten Russenmädel, die eine von den Behörden heimlich gestattete Opiumkneipe führte, den ärgsten Schreiern für eine Zeitlang schlechtes Opium für ihre Pfeifen zu geben.

Wie dem auch sei, Lantschu hatte, wie so viele Mischblütige, nur die schlechten Eigenschaften seiner Eltern geerbt, und deswegen schnitt er jetzt hinter dem Rücken seines hohen Vorgesetzten jene unehrerbietige Grimasse. Und nachher, als die Luft rein war und sein phlegmatischer Gebieter längst andächtig auf der Terrasse des Hongkong Klubs saß, den dritten Whisky-Soda – sechs Finger Whisky und ein Finger Sodawasser – schlürfte und dabei sein mühseliges Dasein beseufzte, erlaubte sich Lantschu, den Gefangenen Nummer 638, aus purer Freude am Übeltun, einen Tag auf Wasser und Brot zu setzen. Irgendein Grund dafür, falls der Direktor fragen sollte, ließ sich ja leicht finden.

Allerlei aus Hongkong

Die Zelle war 2 Meter lang und 1,50 Meter breit. Eine an der Wand befestigte, eiserne Klappbettstelle, auf der eine dünne, schmutzige, graue Regierungsdecke gleichzeitig als Ober- und Unterpfühl diente, und in der Ecke ein zerbeulter angerosteter Eimer bildeten die ganze Einrichtung. Die weiß getünchte Wand wies zahlreiche Kreuz- und Querrisse auf. Oben, unter der Decke, saßen Moskitos klumpenweise und warteten auf die Abendstunden. Tageslicht drang reichlich durch die Gittertür, hinter der ein kurzer, breiter, von großen Fenstern erhellter Korridor unmittelbar in einen viereckigen, von hohen Mauern umgebenen, betonierten Hof mündete.

Gerade waren die Insassen eines anderen Gefängnisteils dabei, ihren vorgeschriebenen Spaziergang zu machen. Die Korridortür, neben der ein eurasischer Beamter saß und die Nuditäten eines Londoner Magazins studierte, war offengeblieben, und Wendt konnte somit von seiner Zelle aus die Spaziergänger beobachten. Es waren meist Chinesen der Kuliklasse, ein paar besser angezogene Mischlinge und einzelne Europäer darunter. Sie saßen wegen Diebstahls, Überfalls, Schmuggels, Mädchenhandels und anderer Delikte, wie sie in Hongkong und dem gegenüberliegenden Kaulun gang und gebe sind.

Vorschriftsmäßig marschierten sie um das Innenviereck des Hofes, wobei der Hintermann dem vor ihm Schreitenden beide Hände auf die Schultern legte. Dadurch bildeten sie eine ununterbrochene Kette. Aufseher, mit glimmenden Zigaretten in den Mundwinkeln, schlenderten umher und passten auf, dass die Sträflinge nicht miteinander sprachen oder flüsterten.

Wendt kannte das. Auch er war zweimal am Tag, seit er hier weilte – ihn dünkte das eine unvorstellbare Zeit! –, Glied einer solchen Menschenkette. An der einen Seite des Hofes befand sich eine durch farbige Striche gekennzeichnete Stelle, wo bei den häufig stattfindenden Exekutionen eine Art Podium mit Falltür und Galgen aufgeschlagen wurde. Wendt hielt es für eine unangebrachte Brutalität, dass man diesen Hof für die Spaziergänge der Gefangenen wählte. Er wunderte sich auch manchmal, warum man die Sträflinge nicht zur heilsamen Erziehung und Abschreckung antreten ließ, wenn jemand aus ihrer Mitte gehängt wurde.

Er zog seine Drillichjacke aus, setzte sich auf sein Bett und dachte an die Freiheit, die ihn binnen wenigen Tagen erwartete. Den Direktor hatte er seit jener denkwürdigen Unterredung nicht mehr gesehen, und seine Beschwerde wegen der üblen Behandlung, die ihm Mr. Lantschu angedeihen ließ, war in den Papierkorb gewandert.

Jeder Gefangene muss Matten aus einer sehr harten Schilfart flechten. Mechanisch flochten Wendts Finger, während er nach dem Hof schaute. Er seufzte. Nur noch einige Tage, und er wurde entlassen! Von seinen weißen Bekannten würden die meisten ihn nicht mehr kennen wollen, und einige andere, sogenannte „gute Kerle", würden ihm, wenn sie niemand beobachtete, einige Dollars in die Hand drücken. Denn wer als weißer Mann einmal im Gefängnis saß, der trägt, noch mehr in den Tropen als sonst wo, eine Art Kainszeichen, und keiner gibt ihm ehrliche Arbeit.

Keiner? Oh, gewisse Chinesen, Eurasier und im verborgenen Hintergrund auch Weiße können solche Schiffbrüchigen immer sehr gut für ihre dunklen Zwecke gebrauchen. Eine Zeitlang wenigstens! Bis sie wieder ins Gefängnis wandern oder in einer Opiumhöhle verkommen oder auch eines Tages mit einem Messerstich im Nacken aus dem Hafenbecken gezogen werden.

Wendt hatte bei den gemeinsamen Spaziergängen im Hof schon mancherlei mehr oder weniger deutliche Angebote erhalten; auch Adressen und Stichworte waren ihm zugeflüstert worden. Vielleicht – dachte er jetzt – wäre es gar nicht so dumm, sich den Piraten in Bias Bai anzuschließen! Für eine Weile wenigstens. Da könnte er sich auch an diesen Engländern, die ihn hier, ohne auf seine Verteidigung zu hören, ein Jahr eingesperrt hatten, irgendwie rächen!

Merkwürdige Leute, diese Briten! Da reden sie ununterbrochen davon, dass sie überall in der Welt Polizei spielen und Ordnung schaffen müssen, während dicht unter ihrer Nase, kaum fünfzig Seemeilen von dem Kriegs- und Handelshafen Hongkong entfernt, in der berüchtigten Bias Bai, einige Zehntausende Chinesen in Dörfern und Dschunken hausen, die das ehrsame Piratenhandwerk ihrer Väter und Vorväter genauso ausüben, wie einst diese. Und die Einkünfte, die sie durch Ausplünderung von Dschunken, Küstendampfern und aus Lösegeldern entführter Kaufleute erzielen, legen sie mit Wissen der Briten, durch Mittelsmänner, die sehr angesehene Leute in Hongkong sind, in den Banken der Stadt mit guten Zinsen an. Mancher Bankier und Großkaufmann in Hongkong gehörte früher der ehrsamen Gilde der Bias Bai-Piraten an und darf jetzt bei den Empfängen des Gouverneurs im Palast rassige Cocktails trinken.

Wendt musste lachen, als er an diese Tatsachen dachte. Die Spaziergänger hatten inzwischen den Hof verlassen. Der Eurasier an der Tür war immer noch in die netten Bade- und Revuenacktheiten seiner Zeitschrift vertieft. Der Blick des Gefangenen wanderte langsam über die Risse und Sprünge seiner Zellenwand. Seit gestern war der von der Hitze ausgetrocknete Brotteig, mit dem er diese Spalten verstopft hatte, herausgefallen. Über seinem Kopf befand sich in der Wand eine Nische von Zigarrenkistengröße, in der sein blechernes Essgeschirr stand. Ein Kanten Brot lag noch dort. Mit Speichel – Wasser hielt nicht, wie Wendt ausprobiert hatte – knetete er emsig die Krume zu einem Teig. Damit füllte und strich er die Mauerritzen aus, denn in ihnen wohnten Legionen blutdürstiger Wanzen, die nur auf den Einbruch der Dunkelheit warteten. Schade, das Material reichte nicht, um alle Ritzen abzudichten. Und unter der Zellendecke saßen die Moskitos! Er zog die schweren Gefängnisschuhe aus und schleuderte sie ein Dutzend Mal nach oben. Das Blutbad unter den geflügelten Quälgeistern war recht ansehnlich, aber vergeblich, denn die Getöteten wurden durch neue, von außen kommende bald ersetzt.

Wer brüllte denn da plötzlich so entsetzlich, durch Mark und Bein schneidend? Wendt hielt sich die Ohren zu. Aus den anderen Zellen protestierten höhnische oder von rauem Mitleid zeugende Stimmen. Einige Chinesen begannen zu miauen. Aber jener brüllte und tobte weiter, und auf einmal fiel es Wendt ein, dass es der Schwarze Billy sein musste. Der hatte seiner Geliebten, einer chinesischen Prostituierten vom Kennedystadtteil, nach vorangegangenem Streit um einige Dollars Hongkongwährung den Hals abgeschnitten. Und dafür sollte er übermorgen im Hof gehängt werden. Und er wollte doch nicht sterben!

Wendt bemühte sich, nicht mehr hinzuhören. Schließlich hatte er in China während der letzten Jahre Dinge erlebt, gegen die die Verzweiflung des Farbigen eigentlich ein Kinderspiel war. Und wenn Billy ein Chinese gewesen wäre, so hätte er nicht gegen sein unabwendbares Schicksal ohnmächtig losgetobt, sondern wäre ganz ruhig geblieben. Denn der Chinese fürchtet den Tod nicht, er ist für ihn ja nur die Brücke zu einem weiteren Dasein.

Aber Billy, der Jamaikamann, brüllte. Und plötzlich, wie er angefangen, hörte er auf. Nach einer kurzen Pause fing er zu singen an, und er hatte, wie viele seiner Rasse, eine wunderbare klangvolle Stimme. Uralte tief ergreifende Kirchen- und Wiegenlieder, an denen die farbige Bevölkerung der Vereinigten Staaten und der Westindischen Inseln so reich ist, erfüllten das Gefängnis mit ihrer herrlichen klingenden Macht. Wendt stieg etwas Heißes in die Kehle. Nach einer Weile schwieg Billy mit einem tiefen Aufschluchzen.

Hundemann

Schritte nahten. Der Eurasier an der Tür schaute auf, nickte kurz und heftete dann seinen Blick wieder auf das bunte Heft. Ein Wärter kam und brachte einen vor Wochen eingelieferten Chinesen vom Verhör zurück. Dieser stand im Verdacht, ein kleiner Mittelsmann der Bias Bai-Leute zu sein – nur die großen Gauner gehen frei aus! –, und er war Wendts Zellennachbar.

Als der schlanke, in die schwarze Tracht der chinesischen „Meeresleute" gekleidete Südchinese an der Gittertür des Deutschen vorbeigeführt wurde, flog ein winziges Papierknäuel durch die Stäbe auf Wendts Bett. Rasch legte dieser die Hand darauf und wartete, bis sein Nachbar eingeschlossen und der Wärter gegangen war.

Sorgfältig entfaltete er nun das Papierchen. Englische Worte waren darauf gekritzelt. Eine Adresse in Wan Chai, die man ihm schon mehrmals zugeflüstert hatte. Irgendjemand war darauf erpicht, die Bekanntschaft eines weißen, aus dem Gefängnis kommenden Ingenieurs zu machen. Eines Weißen, der „sein Gesicht verloren" hatte!

Wendt dachte an die Worte des Direktors: China ist groß, und es bieten sich mancherlei Möglichkeiten! Ja, das stimmte! Die es darauf abgesehen hatten, mit ihm in Fühlung zu treten, hatten etwas mit ihm vor. Arbeit! Ob aber ehrliche Arbeit?

Er runzelte die Stirn und las nochmals die Unterschrift. Oder handelte es sich um ein Stichwort? Nein, das Stichwort stand ja auch da, es hieß „Tz’urei, also Eile. Aber die Unterschrift war in Englisch. „Dogman. Zu Deutsch „Hundemann". Merkwürdiger Name! Ihm war, als ob er ihn schon einmal gehört hätte. Und plötzlich fiel ihm ein, man hatte ja im Klub darüber gesprochen! Es war eine jener tragischen, furchtbaren Geschichten, wie sie nur im Fernen Osten, und dort nicht etwa selten, vorkommen. Wie Märchen fangen sie an. und als scheußlicher Spuk enden sie!

Es waren einmal zwei chinesische Brüder. Sie wohnten in der Nähe der wegen ihrer Seide und prachtvollen Stickereien berühmten, zwischen Hongkong und Schanghai liegenden Seestadt Swatau. Beide waren Kaufleute, sehr angesehen, wohlhabend und einander in brüderlicher Liebe zugetan. Sung Wah. der ältere der beiden, liebte die schöne Mei Po, und die Hochzeit wurde nach den vorausgegangenen Verhandlungen und Zeremonien auf einen bestimmten Tag festgesetzt.

Am Vorabend dieses Freudentages für Sung Wah verschwand er plötzlich spurlos. Große Aufregung herrschte, und man suchte; suchte wochen- und schließlich monatelang, aber der vermisste Bräutigam wurde nicht aufgefunden und auch keine Spur von ihm entdeckt. Ah Quong der jüngere, setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um seinen geliebten Bruder zu finden. Seine Nachforschungen erstreckten sich natürlich auch bis zu den Piraten der Bias Bai, mit denen er, wie fast jeder tüchtige ehrbare Kaufmann der dortigen Umgegend, heimliche, aber sehr ersprießliche Beziehungen unterhielt.

Aber auch die Piraten wussten nicht, was aus dem verschwundenen Sung Wah geworden war. Endlich nahm man allgemein an, dass Sung Wah aus irgendeinem Grund, vielleicht um ein Verbrechen seiner Ahnen zu sühnen, an verborgener Stelle Selbstmord begangen habe, um die erzürnten Geister zu versöhnen. Solche Dinge sind in China nicht selten!

Der jüngere Bruder übernahm daher die Erbschaft und ließ dem geliebten Sung Wah zum Gedenken eine prächtige Säule errichten, vor der er an jedem Monatsersten viele Räucherstäbchen und das für solche Zwecke in den Begräbnisinstituten erhältliche, falsche Papiergeld verbrannte. Pietätvoll nannte er diese schöne Säule „Die Erinnerung an heimgegangene Güte und Sanftmut".

Nebenbei tröstete er die schöne Mei Po so zärtlich und mit solchem Erfolg, dass sie ihm Herz, Hand und die damit verbundene reiche Mitgift zu Füßen legte. Dann vergingen ungefähr sechzehn Jahre. Ah Quong war sehr reich geworden und lebte mit Mei Po, einer Kinderschar und etlichen diskret in einem anderen Stadtteil untergebrachten Konkubinen herrlich und in Freuden in Hongkong. Die Säule der „Erinnerung an Heimgegangene Güte und Sanftmut" stand auch hier im Garten seiner palastähnlichen Villa.

Auf einmal machte ein neuer Piratenanführer der Bias Bai, namens „Dogman", sehr von sich reden. Und auf Ah Quong, der sich, wie es bald herauskam, eine heimliche Leibwache hielt und dessen gepanzertes Auto keine Revolverkugeln durchließ, wurden mehrere missglückte Entführungsversuche und Attentate gemacht. Bis plötzlich durch den Mund eines – nach Erstattung des Lösegeldes und Abschneiden der Ohren – aus der Piratenhaft entlassenen Macao-Kaufmanns die Wahrheit ruchbar wurde und den unter dem Schutz der Briten lebenden Ah Quong dazu zwang, seine Leibwache um einige tüchtige weiße Abenteurer zu verstärken und nur noch sehr selten seine schöne Villa im Universitätsviertel zu verlassen.

Jener „Hundemann" entpuppte sich nämlich als der verschollene Sung Wah! Ah Quong der jüngere, der damals auf das Geschäfts- und Liebesglück seines Bruders neidisch wurde, hatte den älteren von einigen ergebenen und gut bezahlten Banditen entführen lassen. Aus irgendeinem Grund – wer kennt die Schnörkel der chinesischen Seele? – ließ er ihn, wie es doch eigentlich am bequemsten gewesen wäre, nicht umbringen, sondern in einem verborgenen, abgelegenen Gebirgsdorf in einen Bambuskäfig stecken. Dieser Käfig war derart gebaut, dass der Gefangene nicht darin stehen, aber auch weder sitzen noch liegen, sondern nur tief gebückt kauern konnte. Sechzehn Jahre brachte der unglückliche Mensch, ohne zu sterben oder wahnsinnig zu werden, in dieser schrecklichen Lage zu, bis er durch einen Zufall befreit und nach der Bias Bai geschleppt wurde, wo er Kraft seiner Intelligenz einer der Piratenanführer wurde und durch seine Taten bald in den Ruf entsetzlicher Grausamkeit kam.

Sung Wah, oder wie er sich jetzt nannte, „Dogman", war durch den Bambuskäfig zu einer teuflischen Missgestalt geworden. Sein Körper bildete einen gekrümmten Klumpen, die Beine waren auch krumm, ganz dürr, ohne Spur von Fleisch oder Sehnen, und sie vermochten den Körper, auf dem der normal entwickelte Kopf schlenkerte, nicht zu tragen. Nur die Arme waren nicht verkrüppelt, und mit ihnen klammerte sich Hundemann, da er nicht gehen konnte, am Hals eines Dieners, der ihn Huckepack tragen musste, fest.

Das ist die Geschichte der beiden chinesischen Brüder, die so wahr ist, wie die Sonne im Osten auf und im Westen zur Ruhe geht!

Und dieser Hundemann, über den die furchtbarsten Geschichten im Umlauf waren, hatte ein Auge auf Wendt geworfen!

Nachdenklich starrte der Deutsche vor sich hin. Von der St.John Kathedrale auf dem Flügel läuteten die Abendglocken. Und dazu stimmte Billy einen wundervoll melodischen Choral an.

Die Moskitos begannen zu summen, das elektrische Licht flammte im Korridor auf. Der Eurasier legte jetzt sein Magazin weg, seufzte, gähnte gewaltig und zündete sich dann eine Zigarette an. Im Hof klirrten die Blechgefäße der Essenholer. Und aus den Ritzen, die Wendt nicht mehr verstopfen konnte, krochen die ersten Wanzen zu nächtlichem Tun hervor.

Chinesische Riviera

Wie unbeschreiblich zarter, in pastellfarbenen Tönen schimmernder Duft lag es über der schönen Landschaft, die von Kundigen „Chinas Riviera" genannt wird.

Wendt war mit der Tram auf den Victoria Peak gefahren, hatte den bekannten, nach allen Seiten und auf Schritt und Tritt mit den herrlichsten Fern- und Nahsichten gesegneten Rundgang in diesem bezaubernden Landstrich gemacht und sich dann auf einer versteckten Bank niedergelassen. Hinter ihm ragte das grasbewachsene, pyramidenförmige Bergeshaupt gegen den Himmel. In diesem, der wie das seelenvoll blaue, sanft gewölbte Innere einer Riesenkuppel aus Lapis aussah, schwamm ganz langsam als fantastisches Märchenschiff eine einzige Wolke, deren Ränder perlmutterartig und silbern gleißten. Wendt betrachtete das schöne Gebilde und fragte sich dabei, wie viele Menschen außer ihm wohl noch ihre Gedanken mit diesem himmlischen Flaggschiff in eine unbekannte sehnsüchtige Zukunft segeln ließen ...

Fürwahr, eine von Gott gesegnete Gegend, die Insel Victoria mit dem die unteren Falten des ehrwürdigen Berges erkletternden Hongkong! Von hier oben aus sieht die Landschaft mit den einzelnen, in üppigem, blumenbetupftem Grün ertrinkenden Villen, den braunen, rot und grün gestreiften Bergen überall, dem bunten ruhelosen Gewimmel der unzähligen Dschunken, Barkassen und Dampfer im Hafen zwischen Hongkong und Kaulun, dem blauenden Meer in der Runde und den auf flimmerndem Horizontstrich schwimmenden, geheimnisvoll lockenden Inselchen wie eines der Paradiese der Menschheit aus!

Wendt verzog das Gesicht. Er, der diese Stadt und ihre Menschen seit Jahren kannte, wusste genau, welch ein brodelnder Kessel schlimmster Leidenschaften, welch ein wüster Tummelplatz erbarmungsloser Kämpfe zwischen reich und arm der scheinbare Garten Eden in Wirklichkeit war!

Ein riesiger Tropenschmetterling mit nachtblauen Zackenschwingen umflatterte die großen karminroten Kelchblüten, die über der Bank an ihren Ranken baumelten. Bunte chinesische Elstern schwirrten kreischend den dicht bewachsenen Steilhang hinab und fielen hinter Zwergpalmen und Bananenstauden in einen prächtigen Garten ein. Schimmernde Eidechsen huschten über den zementierten Weg. Und deutlich klang das Echo der begeisterten Menge, die in „Happy Valley" die Pferderennbahn umsäumte, zu dem Einsamen hinauf.

Wendt zündete sich eine Pfeife an und hing seinen Gedanken nach. Er befand sich schon seit über einer Woche in Freiheit. Der Direktor hatte ihn gewarnt, er würde, falls er nicht binnen einem Monat Arbeit fände, nach Schanghai oder Deutschland abgeschoben.

Deutschland? Das kam nicht in Frage! Nach so langer Abwesenheit war es unmöglich für ihn, jetzt, mit dem Stigma eines aus dem Gefängnis Entlassenen, und dazu bettelarm, in die Heimat zurückzukehren. Nein, dann lieber Schanghai!

Schanghai, dessen Internationalität weit größer ist als etwa die New Yorks, hat schon manchem bereits Verzweifelten wieder auf die Beine geholfen. Oder – Wendt runzelte die Stirne und spuckte aus – ihm den Todesstoß versetzt!

Eine Amah, wie die chinesischen weiblichen Hausangestellten heißen, ging langsam mit ihren Schützlingen, zwei blonden kleinen Mädchen, vorüber. Neidisch schaute Wendt ihnen nach. Glückliche kleine Dinger! Die wussten nicht, wie schlimm einem das Leben manchmal mitspielen kann. Die lachten froh in den Tag hinein! Sicher wohnten sie in einer jener prachtvollen Villen, wie sie überall in der Runde standen.

Ein schwitzender Rikschakuli zog sein blankes Wägelchen im Trab den Privatweg zu einem Gebäude hinauf. Tief unten, am Fuß der „Neun Drachenberge" auf dem Festland von Kaulun, löste sich ein grellweißer, italienischer Passagierdampfer vom Kai. Fröhliche Musikklänge mischten sich mit den Echos von der Rennbahn. Das Wasser schillerte in violetten, blauen und sattgrünen Streifen. Rotgelbe Dschunken schaukelten wie Nachtfalter mit zusammengelegten Schwingen auf der wogenden Fläche. Und fern, ganz fern, ragten die Umrisse einzelner Inseln aus purpurnen Dünsten, wie Edelsteine, die jemand wahllos aufs Meer schüttete. Dahinter schimmerte der Horizont gleich dem Innern einer klaffenden Perlmuschel.

Noch weiter, den Blicken des Träumenden unsichtbar, lag Bias Bai, der Schlupfwinkel der chinesischen Piraten. Hundemann, jener schreckliche bedauernswerte Mensch, der die ihm angetane Unbill mit furchtbaren, zum Himmel schreienden Taten an seinen Landsleuten rächte, wohnte dort. Hundemann!

Wendt schmeckte die Pfeife nicht mehr. Wie felsenfest von seiner Schuld überzeugt doch die öffentliche Meinung sein musste, dass es sogar dieser verfemte Piratenhäuptling wagte, ihn in seine Dienste ziehen zu wollen ...

Und was blieb ihm übrig, wenn er nicht nach Schanghai oder gar nach Europa abgeschoben werden mochte? Seine Freunde, die „Billies, Dicks, Toms, Jimmies und wie sie alle hießen, hatten ihn nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis natürlich abgeschüttelt. Keiner wollte ihn mehr kennen! Die meisten Effekten hatte er bereits verkauft, besaß eigentlich fast nichts mehr. Die Trödler gaben so blitzwenig für getragene „Gentlemen Belongings, wenn sie auch fast neu waren! Und der alte Roe, bei dem er früher wohnte, als er noch ein angesehener Mann gewesen war, und der ihn wieder aufgenommen hatte, brauchte das Zimmer. Er sagte zwar nichts, aber Wendt sah es ihm an der Nasenspitze an. Roe war ein Irländer, der in Kaulun, in einer Seitenstraße der Nathan Road, ein Boardinghaus besaß, das den hochtrabenden Namen „Marble Gate" führte. Sein Geschäft ging nicht sehr gut. Wendt konnte ihm nicht länger zur Last fallen. Also blieb nur Schanghai. Und was ihn dort erwartete, ob Pech oder Glück, war zweifelhaft. Oder der Hundemann? ...

Wendt mochte es sich selber nicht eingestehen, dass er innerlich schon längst entschlossen war. Hundemanns Angebot reizte ihn, es schlug eine abenteuerliche Ader in ihm an! Und schließlich, was konnte ihm denn passieren? Wenn er die ihm auf dem zugeworfenen Papierchen angegebene Stelle aufsuchte und sich erkundigte, was man von ihm wolle, so hieß das ja noch lange nicht, eine Verpflichtung einzugehen. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Schmuggelei von Waffen oder Likören. Da könnte man mitmachen, solange es sich nicht um Rauschgift handelte. Obwohl es immer noch reiflicher Überlegung bedurfte, denn auch Schmuggel ist ein Verbrechen, und er hatte noch niemals die Hand zu gesetzeswidrigen Dingen geboten!

Er erhob sich, gähnte, steckte sich dann eine neue Pfeife an und ging langsam nach der Peakstation. Ihn hungerte, denn seine Barschaft war schon so knapp geworden, dass er sich nur noch eine Mahlzeit am Tag gönnte.

Die dünnen opalisierenden Schleier der kurzen tropischen Dämmerung, die nur ein Hinübertaumeln des Tages in die Arme der Nacht ist, woben über See und Land. Hunderte von Dschunken sahen jetzt auf der mattblauen Fläche aus wie in der fernen, deutschen Heimat die Dukatenfalter, wenn sie über Kornblumen tanzen ...

Die Straße der guten Gerüche

Die Millionen Lichter von Kaulun und Hongkong erklommen in funkelnden Kaskaden die dunklen Berge oder breiteten sich in den niederen Stadtteilen gleich gebündelten Diamantrosetten aus. Ihr Widerschein untermalte den Himmel mit hellroten Lasuren. Gelbe Wunderlampen, die sprühten, zuckten und tanzten! Bald groß, bald klein, in der Ferne zartem Goldpuder ähnlich, so bohrten sich die Sterne der Tropenwelt durch die rosigen Dünste und schleuderten schillernde Reflexe auf das ölig glatte Wasser zwischen Insel und Festland.

Der unbeschreibliche, aus dem Geknatter von Pulverfröschen, dem Klappern zehntausender Sandalen und hoher Absätze, dem Quieken mannigfacher Musikinstrumente, dem Gegrunze der lastentragenden Kulis, den Stimmen lachender, plaudernder oder zankender Menschen und noch vielen anderen unbestimmbaren Geräuschen zusammengebraute Lärm Chinas umfing den Deutschen.

Langsam ging er durch das Gedränge der brausenden, seltsamen, mit tausenderlei Gerüchen erfüllten Gassen des Wan Chai-Viertels. Reizend frisierte, bildhübsche Chinesinnen mit zartbemalten Gesichtern steckten die Köpfe aus dunklen Torwegen in das wogende Licht der Straße und hefteten ihre schwarz schillernden Augen in stummer, asiatischer Überlegenheit auf Wendt. Bettler plärrten um Almosen und zeigten ihre schrecklichen Gebrechen.

Ein Rikschakuli trabte eine Weile neben ihm her, ein andermal stellten sich ihm zwei der in Wan Chai nicht seltenen japanischen Töchter der Freude, die weiße Matrosenblusen trugen, mit einladendem Lachen quer in den Weg. Aus düsteren Gewölben, in denen erblindete elektrische Glühbirnen und qualmende Petroleumfunzeln im vergeblichen Wettstreit miteinander rangen, roch es nach Sandel- und Kampferholz. Es knisterte Seide, klappten Pantöffelchen und lockten geheimnisvolle Stimmen. So süß und betörend, wie nie gehörtes Vogeltrillern!

Opiumhöhlen kündeten sich nur durch ihren eigenartigen, unverkennbaren Geruch an. Ein Leichenzug marschierte vorbei, und die weiß uniformierten Musiker, die von weitem wie die Kadetten der amerikanischen Marineakademie Annapolis aussahen, spielten mit todernsten Gesichtern den uralten Schlager „Es war in Schöneberg, im Monat Mai". Englische Matrosen kamen breitspurig daher. Immer enger wurde die Gasse. Die zahlreichen Bogenlampen, Papierlampions, Fackeln und Stalllaternen verbreiteten ein rötliches, rauchdurchsetztes Dämmern.

Zeitweilig glänzten satte karminfarbene Schlaglichter auf den nackten, von Schweißrinnsalen durchzogenen Rücken starkknochiger Kulis und auf den lieblichen, porzellanartigen Gesichtchen der mit jener ihnen eigenen, wiegenden Grazie schreitenden Chinesinnen. Obdachlose hockten zu Hunderten längs der Häuser oder schliefen oder kochten auf offener Straße, mitten im Gewimmel ihrer sich gar nicht um sie kümmernden Landsleute, ihren Reis. Die bunten, mit fantastischen Schriftzeichen bedeckten Schilder hingen von den Dächern bis auf die Köpfe der Menschen hinab, und die heiße Luft ließ das Papier zittern und knistern. Dichter wurde der Qualm, beklemmender die brodelnden Düfte Ostasiens und enger zusammengedrängt die wogende, durcheinander quirlende, gelbe unbekümmerte Menschheit.

Plötzlich fühlte Wendt eine sachte Bewegung in seiner Brusttasche. Er griff blitzschnell zu und packte eine gelbe Hand, deren Besitzer vergeblich die Flucht ergreifen wollte. Wendt sah, dass ihm die Brusttasche von außen mit einer, für solche Zwecke von den chinesischen Taschendieben gerne benutzten Rasiermesserklinge aufgeschnitten worden war. Niemand hatte in dem Gedränge darauf geachtet oder es der Mühe wert gefunden, den fremden weißen Barbarenteufel zu warnen.

Grimmig betrachtete er jetzt den jungen, in rosa Baumwolle gekleideten Chinesen. Er lachte endlich kurz auf und rief dem Erstaunten im Kantondialekt zu: „Umsonst! Weder diese Tasche noch meine anderen enthalten Wertsachen, o ehrenwerter jüngerer Herr Bruder aus der Langfingerzunft. Pack dich, fettih fettih!"

Er versetzte ihm einen gelinden Stoß, und jener verschwand schlangenartig zwischen seinen Landsleuten.

Prüfend schaute ihm Wendt nach, dann sandte er die Blicke nach allen Richtungen. Er war zwar mit Hongkong und dessen Stadtteilen ziemlich vertraut, aber hier verließen ihn die Kenntnisse. Schon mehrmals war er an den dunklen stinkenden Mündungen enger Gässchen vorbeigekommen. Dort, gegenüber, befand sich wieder eine derartige Öffnung. An der Ecke hatte ein Sargmacher Laden und Werkstätte. Beides musste gut gehen, denn trotz der späten Stunde schafften Meister und Gesellen noch, und Berge von Sägespänen breiteten sich aus. Es waren wieder einmal zahlreiche Cholerafälle gemeldet ...

Wendt trat näher. Sein Aufenthalt in China hatte ihn nach bitterem Lehrgeld mit der Tatsache bekannt gemacht, dass man im Verkehr mit gelben Menschen am weitesten kommt, wenn man sich großer Höflichkeit und Geduld auch dem einfachsten Kuli gegenüber befleißigt. Der Kuli ist zwar arm und nimmt gern Geschenke an, aber er fühlt sich durchaus als vollwertiger Mensch und will nicht mit Fußtritten und Verachtung behandelt werden. Die Geduld des Chinesen ist zwar bewundernswert und schier unendlich, aber in gewissen Dingen reißt sie sehr bald. Und die Hast und Grobheit Europas empfindet jeder Chinese schmerzlich und handelt danach, indem er den weißen Teufel einfach lächelnd ignoriert oder ihn lächelnd in die Irre schickt.

Höflich grüßte der Deutsche den arbeitsamen Meister, warf dann ein paar Worte hin, die sich auf den Segen des Fleißes bezogen, und erkundigte sich endlich beiläufig nach seinem Ziel, der „Straße der guten Gerüche".

Der Chinese verbeugte sich anerkennend und sympathisch berührt von der Lebensart des Fremden. Er lobte die guten Zeiten, die zwar für manche Leute schlecht seien – und bedauerte innerlich, dass er diesem weißen Mann wahrscheinlich keinen Sarg verkaufen könne! Denn er sah nicht so aus, als ob ihm jemand gestorben sei. Schade! dachte der biedere Meister und wies mit dem Hobel gegen das dunkle morastige Loch, das den Eingang einer Gasse bildete.

„Wenn der ehrwürdige, ältere Herr Bruder sich bemühen wollte, seinen Schritt auf den ihn gewiss freudig bewillkommnenden Boden jener Gasse dort zu setzen und sie weiter zu verfolgen, so wird Freude und Zufriedenheit sein suchendes Herz erfüllen. Denn diese dort ist die Straße der guten Gerüche, die man in früheren Zeiten ‚Zum Lächeln der gefälligen Frauen‘ nannte. Diese schönen Frauen sind aber leider weggezogen, und wenn der ältere Herr Bruder womöglich ihr Lächeln sucht, so müsste er ein Stück die Straße zurückgehen und erst dort nach links einbiegen, wo der Fleischerladen meines Freundes Ah Tschi durch die zufriedenen Gesichter und Lobsprüche seiner zahlreichen Kunden die Güte seiner Ware sichtlich ankündet!"

Wendt freute sich über die blumenreiche Sprache des Handwerkers und entgegnete mit dankbarem Kopfnicken, dass seine Zeit es zu seiner unbeschreiblichen Betrübnis nicht erlaube, das „Lächeln gefälliger Frauen" zu erproben und auf dem Wege nach diesem Paradies sich von der unzweifelhaft vortrefflichen Ware des ehrenwerten, sicher auf eine lange Reihe ebenso ehrenwerter Ahnen zurückblickenden Herrn Ah Tschi zu überzeugen. Vielmehr suche er ein Speisehaus, das einem gewissen Pio Ling gehören solle.

Der Sargmacher legte die gespreizten Hände auf die Magengrube, schlürfte dazu mit wonnevollem Gesicht hörbar die Luft ein, rülpste mehrmals kräftig und sagte: „Ho Ling, der Besitzer des Restaurants Liebkosung der Eingeweide – der fremde, ältere, unendlich höfliche Herr Bruder möge nur dieser dunklen Gasse folgen und in das Haus eintreten, vor dem eine Papierlaterne hängt, die aussieht wie der Mond, wenn er voll ist. – Heiheia Tschüh, der ältere Herr Bruder ist sichtlich weise und liebt das Land Cathay, denn es geschieht selten, dass ein weißer Teuf ... ein weißer Herr die Garküche Ho Lings aufsucht, trotzdem dieser einer der besten Köche von Wan-Chai ist! Und wenn es nicht aufdringlich aufgenommen wird, so möchte ich meinem alten Herrn Bruder den Appetit eines Haifisches und den Magen eines Elefanten wünschen! Denn köstlich, fürwahr, kocht Ho Ling!"

Er räusperte sich und fuhr dann fort: „Da der ältere Herr Bruder die Speisen und die Sprache der Chinesen liebt, so hat er vielleicht auch noch andere löbliche Gewohnheiten der Bewohner des Landes Cathay angenommen? Ich habe da zum Beispiel einen wundervollen prächtigen Sarg aus edlem Teak, mit wohlriechendem Kampferholz innen verkleidet, wodurch bekanntlich die Würmer ferngehalten werden. Die Außenschnitzereien zeigen die berühmte Pelikaobrücke, dann die Pagodeninsel auf dem Yangtsekiang und daneben eine Tee-Ernte, über der der lächelnde Teegott mit wehendem Bart auf einer von Seidenspinnern getragenen Wolke schwebt. Auch sind Dschunken zu sehen, wie sie die Schnellen des Yangtse überwinden. Deutlich erblickt man am Ufer den Saumpfad und die schwitzenden, angestrengten Männer, wie sie an den wie Saiten tönenden Stricken ziehen. Und auf dem Verdeck opfert man Räucherstäbchen und warmen Wein, um die Flussgeister zu besänftigen. Ein wunderbarer Sarg und wert, das Wohngemach eines reichen Mannes jahrelang zu schmücken, ehe die pietätvolle Hand seiner Söhne ihn hineinbettet. Ich würde auch für meinen älteren, fremden Herrn Bruder, da er China liebt, einen Ausnahmepreis machen. Sagen wir fünfhundert Dollars ‚Hongkong‘, da ist wenigstens meine Arbeit notdürftig bezahlt!"

Geduldig hörte Wendt zu. Jetzt schüttelte er traurig den Kopf und erwiderte: „Ihre Güte ist sprichwörtlich, mein ganz alter Herr Bruder – aber leider muss ich sehr bald das Land Cathay verlassen und heimkehren. Und Sie wissen, dass man in Europa der Sitte, seinen Sarg im Voraus zu kaufen und bei sich aufzustellen, abhold ist!"

Bedauernd nickte der Handwerker. „Ja, so ist es! Der Westen ist noch jung an Weisheit! Ich wünsche Ihnen, mein älterer ehrenwerter Herr Bruder, eine glückliche Heimkehr. Mögen die Meeresgötter und Untiere der Tiefe ihnen günstig gesinnt sein. Und gedenken Sie manchmal Chinas, wenn es auch andere Sitten hat!" Er verbeugte sich tief.

Wendt erwiderte die Verneigung und antwortete: „Nicht nur gute, sondern auch höfliche! – Tsching leao! Auf Wiedersehen!"

Er bog in die dunkle Gasse ein. Verschwommene Gestalten standen unbeweglich in engen Türhöhlen. Manchmal ertönte zischendes Flüstern, und es lachte jemand lang und unheimlich kichernd. Es roch betäubend nach Unrat. Ratten huschten überall vor seinen Schritten davon. Aber da winkte schon der Lampion, der so aussah wie der „Mond, wenn er voll ist".

Dann stolperte der Deutsche in den Eingang, und vor ihm dehnte sich ein kurzer, von Speisedüften erfüllter Korridor. Zwei beschlagene Glühlampen beleuchteten ihn prosaisch. Zur linken Hand hing ein grüner, mit roten Drachen bedruckter Vorhang, der sachte hin und her schwankte. Stimmen, dazu Klappern von Essstäbchen, das Schnarren von Saiteninstrumenten und eines jener chinesischen Lieder, die den Europäer immer wieder an Katzenmiauen erinnern, tönten durcheinander.

Eine Treppe führte in höhere Regionen. In einer Nische saß überlebensgroß, aus Porzellan gebildet, ein feister, sehr gemütlich grinsender Teufel. Zögernd blieb Wendt stehen und holte den Zettel, den er im Gefängnis erhalten hatte, aus der Tasche. Plier musste es doch sein!

Plötzlich, wie herbeigezaubert, stand ein Chinese da.

What you wantchee, Mastel? No white people chowchow, hele in this house! Was Sie wollen? Kein Weißeleuteessen hiel in dies Haus! schnauzte er ziemlich grob.

Wendt sprach nur das auf dem Zettel vermerkte Stichwort „Tz’uei! aus, und sofort wurde das misstrauische Gesicht des Mannes auffallend freundlich. Er begrüßte Wendt mit einem Wortschwall in Kantonesisch und bat ihn dann zu folgen. Der „Bigmaster sei zwar nie da, aber „Littlemaster und verschiedene andere Herren wären anwesend, ehrwürdige ältere Brüder – und eine „sehr schöne, von den rosigen Zehen bis zum schwarz glänzenden Scheitelwirbel mit Liebreiz gefüllte jüngere Schwester!

Nun stieg Wendt hinter dem redseligen Burschen die Treppe empor und fragte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, auf dieses Abenteuer zu verzichten. Sein Begleiter öffnete eine Tür, sagte etwas und ließ Wendt an sich vorbei.

Fünf Personen befanden sich in dem mit Rohrsesseln und Lacktischchen ausstaffierten Raum, und alle schauten ihm forschend entgegen. Vier Männer saßen um einen Tisch, wo sie gerade gepokert hatten. Von diesen waren zwei Eurasier – Abkömmlinge asiatischer Mütter und europäischer Väter, der dritte ein pockennarbiger Chinese, und der vierte schien ein Filipino zu sein. Alle trugen elegante Anzüge, und die Farbe ihrer Krawatten stimmte, wie Wendt durch einen Blick neidisch feststellte, mit der ihrer Socken überein.

Die fünfte Person war eine junge Frau von jener eigenartigen „goldenen" Schönheit, wie sie die Mischung orientalischer und weißer Rassen nicht selten erzeugt. Sie lehnte an einem Blumenständer und heftete ihre großen mandelförmigen Augen auf den Deutschen. Derartige Typen von Frauenschönheit, über die man in Pariser und Londoner Kabaretten in begeisterte Raserei zu fallen pflegt, sind im Fernen Osten sehr häufig, und Wendt war nicht weiter von der unverkennbaren Aufmerksamkeit, die sie ihm schenkte, berührt. Aus Macao, der unfern Hongkong liegenden portugiesischen Spielerkolonie! Mutter Chinesin, Vater oder vielmehr Väter – Portugiesen und Schwarze von der portugiesischen Besatzungstruppe, und vielleicht war auch noch ein Malaie dabei! schätzte er lakonisch.

Langsam führten ihre schlanken Finger mit den knallroten Nägeln einen überlangen Jadehalter, in dem eine brennende Zigarette steckte, an die schön geschwungenen, rot gemalten Lippen. Halb spöttisch, halb erfreut, nickte sie ihm zu. Die Übrigen waren aufgestanden und lachten ihn ebenfalls wie alte Bekannte an.

Und dann sagte der Pockennarbige in einem Englisch, um das mancher Brite ihn beneidet hätte: „Fein, dass Sie endlich kommen, Mister Wendt! Unsere Chiquita hier – er wies auf die sich in den Hüften wiegende Frau – „war schon der Meinung, dass Sie nicht mehr erscheinen würden. Ihr zartes Gewissen würde Sie abhalten! Aber nun sind Sie ja da! Nehmen Sie Platz, und bedienen Sie sich! Hier stehen Whisky und Zigaretten.

Wendt setzte sich, und die anderen gruppierten sich ihm gegenüber, während Chiquita geschmeidig um den Tisch herumglitt. Da alle ihn erwartungsvoll ansahen, fragte Wendt, nachdem er sich bequem zurechtgerückt hatte: „Was wollen Sie eigentlich von mir?"

Langsam glitt die Frau näher. Irgendetwas an ihr stieß ihn ab. Der eine Eurasier, der eine prachtvolle Krawatte trug, gab zur Antwort: „Eigentlich nichts! Wir möchten Ihnen nur eventuell eine Gelegenheit geben, Herrn Tschang Pi, der sich doch, wie Sie wissen, für Ihre Höchststrafe einsetzte, angenehm zu

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