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VorSchule zur Philosophie der Praxis

VorSchule zur Philosophie der Praxis

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VorSchule zur Philosophie der Praxis

Länge:
740 Seiten
7 Stunden
Freigegeben:
Apr 1, 2021
ISBN:
9783867548342
Format:
Buch

Beschreibung

Wann immer wir uns zur Geschichte des Marxismus verhalten »wie jemand, der sich an nichts erinnert« (Lenin), läuft es
falsch mit dem »Marxistsein / Marxistinsein« (→ www). Da tradierte Geschichte oft ein Jesuit ist, der als wahr tradiert, was eine etablierte Macht entschied, muss sedimentiertes Geschichtsbewusstsein historisch-kritisch aufgesprengt werden. Eben darum geht es in dieser Vorschule, die sich an alle richtet, deren Interesse am Marxismus geweckt ist und
die ihr Wissen über ihn vertiefen wollen. Aufgebaut ist sie als nachvollziehbarer, jeweils in Krisenepochen und kontroversen
vollzogener Lernprozess auf vier Zeit-Ebenen, beginnend mit – und immer wieder zurückkehrend zu – der Zeit von Marx’ 23
Jahre jüngerem Zeitgenossen und postumem Schüler Labriola, der den Quellcode des marxschen Geschichtsmaterialismus
als Philosophie der Praxis begriffen und damit marxistisches Philosophieren begründet hat. Von den Kautskyanern nach
Engels’ Tod zugunsten des vormarxschen philosophischen Materialismus verdrängt, wurde Labriolas Auffassung eine
Generation später von Gramsci, in faschistischer Haft, wieder aufgegriffen. Aber nicht nur das: er hinterließ die Weisung, sie zur im Marxismus »herrschenden« zu machen.
Fürs geschichtliche Selbstverständnis des Marxismus nach der ›Wende‹ von 1989 und im Hightech-Kapitalismus am
Kipppunkt des Erdklimas ist Haug zufolge die Aufnahme von Labriolas Fundierung marxistischen Denkens in seiner
unauflöslichen Verknüpfung der beiden »Urbildner des Reichtums, Arbeitskraft und Erde« (Marx) unabdingbar für
Zukunfts-, ja Gegenwarts-Fähigkeit des Marxismus. Das macht sein Buch zu einer Diskussionsgrundlage für alle, die
in der Nachfolge von Marx Gesellschaft in ihren Natur- und Klassenverhältnissen erkennen, weil verändern wollen.
Freigegeben:
Apr 1, 2021
ISBN:
9783867548342
Format:
Buch

Über den Autor


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VorSchule zur Philosophie der Praxis - Wolfgang Fritz Haug

Wolfgang Fritz Haug

VorSchule zur Philosophie der Praxis

Argument

Berliner Beiträge zur kritischen Theorie

Band 22

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Deutsche Originalausgabe

© Argument Verlag 2021

Glashüttenstraße 28, 20357 Hamburg

Telefon 040/4018000 – Fax 040/40180020

www.argument.de

ISBN 978-3-86754-507-5 [Buch]

ISBN 978-3-86754-834-2 [EPub]

ISBN 978-3-86754-835-9 [Mobi]

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

An den Früchten können wir sie erkennen

1. Eingänge auf vier historischen Ebenen

1.1 Mit der Tür ins Haus

1.2 »Erst jetzt«?

1.3 »VorSchule«?

2. Zur Sache

2.1 Labriolas »Philosophie der Praxis«

2.2 Antwort worauf?

2.3 »Methode«

2.4 Kontexte von Konzeption und Rezeption

2.5 Das philosophische Moment

2.6 Fragmente zum 20. Jahrhundert

2.7 Das Schweigen bricht der zum Schweigen gebrachte Gramsci

3. Die Texte in ihrer Zeit

3.1 Stichworte zum geschichtlichen Entstehungskontext

3.2 Die Diskussionsfronten

3.3 Die Kontroverse erreicht die Kritische Psychologie

3.4 Die VorSchule trägt Früchte

4. Der Autor im historischen Doppel

4.1 In den Widersprüchen eines »weltgewordenen Denkens«

4.2 Subjekt im Prozess, nicht des Prozesses

4.3 Warum erhält so jemand überhaupt das Wort?

5. Ausgang ins Jetzt

Zu Textgestalt und Zitierweise

Danksagung

Teil I

Freilegungen

Erstes Kapitel

Was soll materialistische Erkenntnistheorie?

Vorbemerkung

1. Materialismus versus Idealismus

2. Anschauender (metaphysischer) versus praktischer (dialektischer) Materialismus

3. »Selbstbewegung des Objekts« und andere Kategorien materialistischer Dialektik

4. »Erscheinungsform« und »objektive Gedankenform« als Begriffe für Erkenntnisbarrieren

5. Zur Dialektik subjektiver und objektiver Momente in Arbeit und Erkenntnis

6. Menschenmögliche Wahrheit des Denkens, das seine Abhängigkeit erkennt und zu erkennen gibt

7. Für eine materialistische Dialektik vom Standpunkt des Lebens, der Praxis

8. Exkurs: Über den Umgang mit Marx

Zweites Kapitel

Wider den bloß verbalen Materialismus

Vorweg

1. Die Philosophie-Kritik von Marx und Engels

2. Leists Szientismus-Vorwurf und die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Weltanschauung

3. Dialektik der Natur

4. Erkenntnistheoretische Bedeutung der Praxis (I): Zimmermann

5. Erkenntnistheoretische Bedeutung der Praxis (II): Rotermundt und Sandkühler

6. Verdeutlichung dreier »unterlassener Stellungnahmen« zum Widerspiegelungsbegriff

7. Notiz zum wissenschaftlichen Status materialistischer Erkenntnistheorie

8. Sandkühlers Problem der »Anerkennung der Materie«

9. Gesichtspunkt des Lebens – oder der Lebenskategorie?

10. Gegen den bloß verbalen Materialismus

Drittes Kapitel

Für die materialistisch-dialektische Begründung des dialektischen Materialismus

1. Vorbemerkung

2. Die transitorische Notwendigkeit der gegensätzlichen Darstellung materialistischer Dialektik

3. Eichhorns Kritik an »Praxis« und »Subjekt-Objekt« als Ausgangspunkt marxistischer Begriffsbildung

4. Die »Grundfrage der Philosophie« als »Ausgangspunkt aller philosophischen Gedankenentwicklung« bei Eichhorn

5. Geschlossen, aber nie abgeschlossen – Wissenschaftliche Erkenntnis als Prozess im Widerspruch

Viertes Kapitel

Das sozialistische Kollektiv braucht denkende Individuen und durch Einsicht vermittelte Verbindlichkeit

Antwort auf Tomberg

1. Das Problem: Uneinsehbare Theorie hemmt die Praxis, der Anspruch individueller Einsicht droht die Verbindlichkeit aufzulösen

2. Verbindlichkeit durch materialistische Entscheidung der »Grundfrage der Philosophie«?

3. Idealistische Züge in Tombergs Intellektuellen-Selbstkritik

4. Gesichtspunkte materialistischer Intellektuellen-Selbstkritik

5. Gegen die Verkirchlichung des Sozialismus – für seine konkrete Wissenschaftlichkeit

6. Perspektiven der sozialistischen Bewegung und der marxistischen Intellektuellen in der BRD

7. Loser Verbund von Privatleuten statt verbindliches sozialistisches Kollektiv?

8. Metaphysischer oder praktisch-dialektischer Materialismus? Prinzipien oder Leitfaden?

Fünftes Kapitel

»Ideologische Verhältnisse« in der DDR-Philosophie

1. Gegenstandsbestimmung

2. Ideologische Verhältnisse als komplementäres Gegenstück zu den Produktionsverhältnissen

3. Eine Diskussion in den Widersprüchen des Dualismus von Materie und Idee

Sechstes Kapitel

Der Entwurf einer neuen Einheit in der Unterschiedenheit bei Otto Bauer

1. Der Versuch, »Lebendiges und Totes« zu unterscheiden

2. Unterscheidung statt Spaltung – gegen das Übertragen

3. Gegen die Desintegration des Sozialismus

4. Mitschuld der »Vulgärdemokratie« am Zurmachtkommen des Nazismus

5. Die Konzeption des Integralen Sozialismus

6. Eine neue Doppelfront: Gegen Stalinismus und Ex-Kommunismus

7. Historische Erinnerung als Vermittlerin zwischen Kontinuität und Diskontinuität

8. Vom integralen Sozialismus zum integralen Marxismus

9. Integraler Marxismus und politische Kultur des Sozialismus

Teil II

Impulse der Kritischen Psychologie – und für sie

Siebtes Kapitel

Impulse aus der Gründerzeit der Kritischen Psychologie

1. Absicht

2. Vorgeschichte

3. Holzkamps Sinnliche Erkenntnis von 1973 wiedergelesen

4. Naturgeschichtliche Voraussetzungen der Philosophie der Praxis

5. Genetische Rekonstruktion der Humanspezifik

6. Auf dem Weg zu einer Psychologie der Praxis

Achtes Kapitel

Privatform des Individuums – Umweltform der Gesellschaft

1. Die Frage nach dem Blick auf ein Selbstverständnis, das in der Entfremdung stehen bleibt

2. Der Zugang über die Kritik der politischen Ökonomie

3. Unmittelbarkeit und Vermittlung – kanalisierende Stimulation

4. Privatheit als Gesellschaftlichkeitsform

5. Genetische Rekonstruktion und Logik der Praxis

Neuntes Kapitel

Kritische Psychologie und Theorie des Ideologischen

Vorbemerkung

1. Der Grundgedanke der historisch-materialistischen Psychologie

2. Der Grundgedanke historisch-materialistischer Ideologietheorie

3. Das Ideologische und die Struktur der Persönlichkeit

Zusammenfassung

Zehntes Kapitel

Hält das ideologische Subjekt Einzug in die Kritische Psychologie?

Vorbemerkung

Erste These: Psychologische und ideologietheoretische Begriffe müssen unterschieden werden

Zweite These: Beide fußen auf gemeinsamen Grundlagen

Dritte These: Das Ideologische ist eine phraseologisch besetzte Leerstelle in der Kritischen Psychologie

Vierte These: In den Gründungstexten der Kritischen Psychologie läuft eine Bruchlinie durch den Begriff des Subjekts

Fünfte These: Der Angelpunkt der Kontroverse liegt in der Politik

Sechste These: In der Frage der Determination durchs Ökonomische schwankt UHO zwischen Milieutheorie und Funktionalismus

Siebte These: Politische Motive müssen als solche diskutiert werden

Elftes Kapitel

Über den Doppelcharakter von Handlungsfähigkeit

1. Handlungsfähigkeit als Element der Praxis

2. Ideologische Subjektion und Handlungsfähigkeit am Beispiel der Faschisierung der Subjekte

3. Beobachtungen an Gorbatschows Erneuerung politischer Handlungsfähigkeit

Nachtrag (2020)

Zwölftes Kapitel

Der Staatssozialismus als Blockade von Subjektivität

Theoretische Impulse der Perestrojka

Vorgefechte zum Überdenken marxistischer Marktkritik

Ansätze zur Metakritik des Marktes

Teil III

Neubeginn

Dreizehntes Kapitel

Zur Gesamtausgabe von Gramscis Gefängnisheften

Vierzehntes Kapitel

Ist »Philosophie der Praxis« ein Tarnwort Gramscis?

Zum Status der »Philosophie der Praxis« in Gramscis »philosophischen Heften« 10 und 11 (1994)80

1. Zum Auftauchen des Ausdrucks »Philosophie der Praxis« und seiner Verwandlung in einen Begriff

2. Die Tarnwort-These

3. Das Zeugnis der Briefe

4. Die operative Bedeutung der »Philosophie der Praxis«

Fünfzehntes Kapitel

Philologisches zur deutschen Ausgabe der Gefängnishefte

I. Veränderungen im Vergleich zu Gerratanas Ausgabe

II. Der Beginn der Themenhefte

III. Fragen der Übersetzung

1. Lexikalisch-semantische Verdoppelungen, denen in der jeweils anderen Sprache ein einfacher Term entspricht

2. »Praxis«, »pratica«, »prassi«

3. Das Problem der zusammengesetzten Adjektive (aggettivi composti)

4. Latente Äquivokationen

Sechzehntes Kapitel

Zur Aktualisierung der Philologie und des Historisch-Kritischen bei Gramsci und Benjamin

Siebzehntes Kapitel

Axiome eines Neuanfangs.

1. Philosophieren im Anschluss an Marx?

2. Exkurs über den Sinn der marxschen Philosophiekritik

3. Philosophische Aktualität

4. Zum Begriff des axiomatischen Feldes

5. Das axiomatische Feld des marxschen Denkens

6. Sind die Axiome Normen?

7. Marx’ drei Kritiken143

8. Die Aktualität verlangt, noch nicht Dagewesenes zu schaffen

Achtzehntes Kapitel

Für praktische Dialektik

Anmerkungen »An den Früchten können wir sie erkennen«

Anmerkungen: Teil I, II und III

Drucknachweise

Siglen

Bibliographie

Sachregister

Namensregister

Vorwort

Dieses Buch ist keine Vorschule zum Marxismus. Es richtet sich an alle, denen die Schule des Lebens das praktisch-theoretische Interesse am Marxismus bereits beigebracht hat und die ihr Wissen über ihn vertiefen wollen. Eine Vorschule zur geschichtsmaterialistischen Philosophie der Praxis bietet es dagegen tatsächlich, und das auf vier Zeit-Ebenen.

Die jüngste Ebene ist die der 20er Jahre des 21. Jahrhunderts. Auf ihr bewegen sich außer diesem Vorwort, die Einleitung und die zu dieser Ausgabe hinzugefügten Fußnoten.

Die älteste Ebene ist die des italienischen Philosophen Antonio Labriola, der in den 1880er Jahren des 19. Jahrhunderts, noch vor Gründung der II. Internationale zum sich bildenden Marxismus hinzugestoßen ist und alsbald Kontakt zu Friedrich Engels gesucht und gefunden hat. Er hat die marx-engelsche Verbannung des Philosophierens gebrochen, der ihr Selbstverständnis bestimmte. Er vermochte dies dadurch, dass er den Springpunkt ihres Herangehens an die Wirklichkeit, dem sich die materialistische Geschichtsauffassung verdankt, in der kopernikanischen Wende der Erkenntnistheorie explizierte, als strukturell neuartiges, allem richtig verstandenen historischen Materialismus immanentes Denken.

Die mittlere Zeit-Ebene ist die der Gründung der Dritten, Kommunistischen Internationale im Gefolge der Spaltung der internationalen Arbeiterbewegung an der Frage des Verhältnisses zum Ersten Weltkrieg und der aus diesem Krieg hervorgegangenen Oktoberrevolution in Russland. In der Phase der Staatswerdung der Sowjetmacht werden Ideen zu materieller Gewalt und theoretische Differenzen zum Ernstfall.

Die der Gegenwart nächste Zeitschicht ist die der rund fünfundzwanzig Jahre zwischen der Studentenbewegung und dem Zusammenbruch des europäischen Staatssozialismus. Ihr entstammen meine naiv gutgläubig anhebenden und zunehmend kämpferischen ›neomarxistischen‹ Beiträge in Konfrontation mit neokantianischen Marx-Interpretationen am Rande der Frankfurter Schule der Kritischen Theorie und schließlich vor allem dem über die DDR hereinwirkenden und vom Institut für marxistische Studien und Forschungen (IMSF) der DKP oft differenzierter als dort argumentativ vertretenen Marxismus-Leninismus sowjetstaatlicher Prägung innerhalb des bundesdeutschen und westberliner Marxismus. Diese Kämpfe wurden zu meiner Schule, aus der ich mit der Überzeugung hervorging, dass der von Gramsci in seinen Gefängnisheften eingeschlagene Weg im Prinzip richtig und für Sozialisten im Anschluss an Marx wohl einzig zukunftsfähig sei. In diesem Geist gründete sich fast unmittelbar nach der Öffnung der ›Mauer‹ das Deutsche Gramsci-Projekt.

Warum die alten Kämpfe nicht ruhen lassen? Warum sie den Nachgeborenen zumuten? – Die Antwort hat an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Labriola gegeben: Definitionen sind leer, erst der Nachvollzug ihrer Genese füllt sie. Er ist es auch, der in engem Anschluss zumal an Marx und diesen zugleich für den jungen Marxismus überschreitend, den Quellcode des Geschichtsmaterialismus herausarbeitete und beim Namen nannte: Philosophie der Praxis.

Um wirklich zu begreifen, worum es bei der Philosophie der Praxis geht und was davon abhängt, muss die Frage selbst wenigstens im Ansatz geschichtsmaterialistisch gestellt werden. Dem hierfür verlangten Blick auf die drei Teile der hier nachvollziehbaren VorSchule widmen sich die den Band eröffnenden Eingänge. Sie führen ins komplexe Geflecht der Bedingungen und Kämpfe auf den vier Zeitebenen unter dem Dach-Titel, der das Motto der Philosophie der Praxis insgesamt sein könnte: An den Früchten können wir sie erkennen.

Wolfgang Fritz Haug, Los Quemados, 23. Februar 2021

An den Früchten können wir sie erkennen

1. Eingänge auf vier historischen Ebenen

1.1 Mit der Tür ins Haus

Für den historischen Materialismus ist das Werden […]

wirklich, ja es ist die Wirklichkeit selbst, ebenso wirklich

wie die Arbeit, durch die sich der Mensch produziert

Labriola, Drei Versuche, 223

Ja, um die Wirklichkeit des Werdens geht es auch in dieser VorSchule zur Philosophie der Praxis. Aber wo anfangen? Jeder Anfang ist bereits Resultat, nichts ent-wickelt sich linear wie der Faden von einer Rolle. Viele Fäden sind ineinander verschlungen. Wie sie entwirren? – Doch wenn unsere Geschichte auch keinen Anfang und kein Ende hat, obgleich sie immer wieder Trümmer hinterlassen hat, so hat sie doch Früchte getragen. Mit diesen setzen wir ein, um dann einen Faden nach dem anderen aufzunehmen.

Unmittelbare Frucht war die Initiierung der deutschen Gesamtausgabe von Gramscis Gefängnisheften (1991-2002). Eine indirekte Spätfrucht derselben ist die Neuausgabe von Antonio Labriolas Drei Versuchen zur materialistischen Geschichtsauffassung (2018).¹ Die begleitenden Forschungen überraschten den Autor mit dem lange verschütteten Faktum, dass Labriola, der 23 Jahre jüngere Zeitgenosse von Marx, durch seine Explikation der bei diesem impliziten Philosophie der Praxis zum Begründer marxistischen Philosophierens geworden ist. Er hat Status und ›Grammatik‹ dieser Denkweise auf eine Weise umrissen, die 25 Jahre später dem Gefangenen Antonio Gramsci in seiner Isolation als Kompass für seine marxistisch-theoretische Neugründungsarbeit gedient hat. Um zu sagen, was spätestens nach dem letzten Akt der Tragödie des europäischen Staatssozialismus für uns, die wir in der Marx-Nachfolge denkend zu handeln versuchen, gelten musste, bog ich 2000 eine aufs Bürgertum zielende Bemerkung des Kommunistischen Manifests auf unsereins zurück: »Wir ›sind endlich gezwungen‹, wie Ent-Täuschte unsere ›Lebensstellung‹ und ›gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen‹.« (2000, 32; zit. Marx 4/456). Auch Labriolas in der Marx-Nachfolge unhintergehbare Leitlinien und damit zugleich ein unverkürztes Verständnis von Gramscis bahnbrechenden Umsetzungsversuchen in seinen Gefängnisheften können sich erst jetzt diesem ernüchterten marxistischen Welt- und Selbstverständnis oder, mit Marx gesprochen, general intellect in einiger Breite und Tiefe erschließen. Noch allerdings hapert es mit der Aufnahme von Labriolas Grundriss der Philosophie der Praxis ins marxistische Eigen-Geschichts-Bewusstsein. In diesem kulturellen Rückstand wirkt die Verdrängung des Gründungsbeitrags dieses »letzten orthodoxen Marxisten« (Karl Korsch) seitens der nach-engelsschen Pseudo-Orthodoxie als ideologisches Sedimentgestein weiter. Wir werden also im Folgenden unter wechselnden, aber allesamt zur Konkretisierung von Philosophie der Praxis beitragenden Gesichtspunkten immer wieder auf Labriola zurückkommen, um zum Aufsprengen dieses Sediments beizutragen.

Zuletzt aber und nicht zum wenigsten ist es das transnationale Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus (HKWM), dessen Konzept von den Lehren dieser »VorSchule« ebenso zehrt wie nun auch von Dutzenden seiner Einträge diese Einleitung. Gegründet wurde es in Schüben – begonnen im hundertsten Todesjahr von Marx, 1983, dreimal getauft in den Akten des Dramas, das sich als die Endkrise des europäischen Staatssozialismus erwies.

1.2 »Erst jetzt«?

Scholastik treibt man bereits im Namen von Marx

Labriola (262)

Die Orthodoxieverwalter² nach Friedrich Engels’ Tod hatten für den Springpunkt von Labriolas Begründung marxistischen Philosophierens keinen Sinn. »Marxistische Philosophie« kam gut an, aber ohne die geschichtsmaterialistische Wendung in Gestalt der »praktischen Umstülpung der Erkenntnistheorie«, wie Labriola sie aus Marx’ Schriften herauslas (Drei Versuche, 204). In dieser ums Marxspezifikum verstümmelten Gestalt wurde das Philosophieren dem vermeintlich ›orthodoxen‹ Marxismus inkorporiert. Dadurch wurde dessen »Stellung des Gedankens zur Objektivität« (Hegel, Enz, I, W 8, 93) zurückgeworfen – und dies mit weltgeschichtlichen Folgen.

Legitimiert wurde dieser Rückfall mit Engels’ Erklärung der Frage nach dem »Verhältnis des Denkens zum Sein, des Geistes zur Natur« zur »höchsten Frage der gesamten Philosophie« bzw. zur »großen Grundfrage aller, speziell neueren Philosophie«. Von ihr sagt Engels, sie habe je nachdem, welcher der beiden Pole als der »ursprüngliche« angenommen worden sei, »die Philosophen in zwei große Lager« gespalten, »das Lager des Idealismus« und das des Materialismus (274f).³

So griff Lenin es auf, zusammen mit dem von Plechanow, der als sein philosophischer Lehrer gilt, zum Oberbegriff erhobenen Dialektischen Materialismus. Virulent wurde diese Version in der Zeit der zaristischen Verfolgung der revolutionären Sozialdemokratie in Russland und ihrer dadurch bewirkten existenziellen Diaspora in Gefängnis, Verbannung, Untergrund und Exil. Als in dieser Situation eine am Rande des Marxismus entstandene kritisch-erfahrungswissenschaftliche Richtung, der sog. Empiriokritizismus, auf die Partei-Intellektuellen Einfluss gewinnt, nutzt Lenin Engels’ Zwei-Lager-These zur ideologischen Konformierung der getrennten Elemente der Partei: Entweder Materialismus oder Idealismus, ein Drittes gibt es nicht. Er ›überschreibt‹ damit Marxens Fundamentalkritik an der objektivistischen Verdinglichung der Wirklichkeit seitens »allen bisherigen Materialismus« und verdrängt so den marxschen Gründungsgedanken des praktisch-dialektischen und eben hierdurch historischen Materialismus in der ersten Feuerbach-These. Er tilgt damit den dort bekundeten Respekt vor dem Idealismus, der laut Marx zwar »die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt«, aber wenigstens »die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus […] entwickelt« (3/5). Wenige Jahre später wird Lenin diesen marxschen Kerngedanken der Hereinholung der Praxis in die Stellung des Denkens zur Wirklichkeit emphatisch in seinen Philosophischen Heften vertreten (LW 38).

Nach dem Sieg der Oktoberrevolution und nach den anschließenden Siegen der Roten Armee gegen russische Konterrevolution und ausländische Interventionen, vollends nach Lenins Tod verschob sich die Lösung der immer neu aufbrechenden Frage postrevolutionärer Staatswerdung sukzessive in Richtung des diktatorisch-zentralistischen Staatsabsolutismus. Getrieben wurde dieser Prozess von politisch-ökonomischen Existenzkrisen und Linienkämpfen zwischen den Parteiflügeln. Betrieben wurde er unterm Banner des von Stalin als Partei- und Staatsdogma fixierten »Leninismus« und schließlich mit staatsterroristischen Mitteln. Lenins taktisch motivierter erkenntnistheoretischer Rückzug auf vormarxschen Materialismus von 1908 im Namen der materialistischen Beantwortung der von Engels gestellten Frage wurde zum Grundstein der Marxismus-Ideologisierung. Gebaut wurde auf einer Ungereimtheit: Wenn laut Engels die allgemeine Theorie des Marxismus »überhaupt keine Philosophie mehr« war (20/129), wie konnte dann die (laut Engels) »Grundfrage aller, speziell neueren Philosophie« zur Grundfrage marxistischen Philosophierens erhoben und in dieser Form zusammen mit ihrer katechetisch vorgeschriebenen metaphysisch-materialistischen Beantwortung dogmatisiert werden?

Die Eliminierung des von Labriola völlig richtig als entscheidend für die Gründung der materialistischen Geschichtsauffassung begriffenen marxschen Bruchs mit der Bewusstseinsphilosophie des bürgerlichen Rationalismus, speziell aber auch des gesamten »bisherigen Materialismus« (3/5), machte die Philosophietradition im Offizial-Marxismus der ersten hundert Jahre brauchbar für einen absolutistischen »Staatssozialismus«, vor dem Labriola bereits in seinem ersten, von Engels für gut befundenen Versuch im Namen »demokratischer Vergesellschaftung« (Übers. korr.) gewarnt hat (Drei Versuche, 45, Fn. 3; 56; 80, Fn. 17).

1.3 »VorSchule«?

In ihrer rationellen Gestalt fasst die Dialektik

jede gewordne Form im Flusse der Bewegung auf

Marx

Schule rechtfertigt sich seit alters mit Seneca: Wir lernen nicht für die Schule, sondern fürs Leben. Der Satz ist nicht falsch, doch hält er damit hinterm Berg, dass die informelle Schule nach der Schule, die man, das Ganze zum Namen des Teilaspekts machend, die ›Schule des Lebens‹ nennt, Prüfungen bereithält, die über den Horizont jedes Lehrplans hinausgehen. Innerhalb dieser faktischen, aber informellen Schule spielt, was der sprachliche Stolperstein »VorSchule« signalisieren will. Die aus Kämpfen erwachsenden Lehren der VorSchule bahnten den Weg zu Einsichten wie der, dass Gramsci Recht hatte, als er »die Notwendigkeit« erklärte, »Antonio Labriola wieder in Umlauf zu setzen und seine philosophische Problemstellung zur [unter Marxisten] vorherrschenden zu machen« (H. 11, §70, 1493). Zu diesem im Gegensatz zur Kommunistischen Internationale und allen anderen machtmäßig relevanten Strömungen im Marxismus seiner Zeit gezogenen Schluss gelangte der auf Befehl Mussolinis ins Gefängnis und damit ›aus der Welt‹ weggesperrte Gramsci 1933, im Zuge der Wiederaufnahme seiner im Frühjahr 1930 in den Notizen zur Philosophie I begonnenen Überlegungen zu Sinn und Unsinn von Orthodoxie im Marxismus (H. 4, §14). Es war der geschichtliche Moment der durch die Spaltung der Arbeiterbewegung und speziell die Politik der Kommunisten ermöglichten⁴ Machteinsetzung Hitlers durch die ökonomischen, militärischen und politischen Macht-Eliten in Deutschland, Kipp-Punkt hin zur Katastrophe des Zweiten Weltkriegs.

Im Vergleich dazu präsentiert sich der Kontext der in den ersten zwölf Kapiteln der VorSchule sich entfaltenden Prozess-Dynamik zunächst harmlos. Unmittelbar sind es die politisch-theoretischen Auseinandersetzungen nicht nur in der westdeutschen und westberliner, sondern in der vielgestaltigen weltweiten Linken⁵ in der Epoche der Koexistenzpolitik zweier großmachtgeführter Machtblöcke, deren Verhältnis eines der politisch-ökonomischen Systemkonkurrenz war. Doch unterhalb des politischen Blickfangs ereignet sich in den 1970er und 80er Jahren jene tektonische Verschiebung in Produktionsweise und Produktionsverhältnissen, die sich als Krise des Fordismus und des Übergangs zur EDV-basierten Epoche vollzieht. Es ist dies die Schwelle, an welcher der befehlsadministrativ regierende parteistaatliche Generalunternehmer des sowjetischen Staatssozialismus scheitert.

Der hier nachzuvollziehende Lernprozess lässt sich in dem Schluss zusammenfassen, Gramscis Insistieren auf Labriolas »philosophischer Problemstellung« (s.o.) als nunmehr auf geschichtlich völlig neue Weise aktuelle Aufgabe zu begreifen und einer praktisch-theoretischen Wirklichkeitsprobe auszusetzen. Einsatz ist die Zukunftsfähigkeit historisch-kritischer Theorie und sozialistischer Praxis. Als polemisches Laboratorium der vorbereitenden Bearbeitung solcher Aufgaben der Wegsuche in widersprüchlichen Verhältnissen möchten die Texte dieses Bandes gelesen werden. Sie entstammen einer Zeit, deren Verhältnisse für die Mehrheit der heute Lebenden in historische Ferne gerückt sind. Die kontrovers herangereiften politisch-theoretischen Auffassungen aber, die in den Kapiteln des dritten Teils als Werkproben entfaltet werden, gehören zu den Ausgangspunkten eines marxistischen Sich-auf-den-Tag-Bringens. Die dem Buch den Titel gebende philosophische Aufgabe zielt auf die Vergegenwärtigung des praktisch-dialektischen Quellcodes der materialistischen Geschichtsauffassung, dem Labriola den Namen Philosophie der Praxis gegeben hat. Die Probleme der Gegenwart kulminieren in der menschheitlichen Existenzfrage am Kreuzungspunkt der ›sozialen‹ und ›ökologischen‹ Fragen auf hightech-kapitalistischer Basis. In den historisch gewordenen Formen der Philosophie der Praxis ist sie in allen drei Aspekten mehr oder weniger unterentwickelt geblieben. Auf theoretischer Ebene vor allem die Kritik der politischen Ökonomie und die gesellschaftlichen Mensch-Natur-Beziehungen, deren Behandlung neben der unmittelbar praktisch notwendig erscheinenden politisch-kulturellen Hegemoniekonzeption ein Schattendasein gefristet hat und für die vom Hörensagen zehrende Rezeption inexistent war. Nun aber lässt sich entdecken, dass die Schnittstelle dieser beiden Dimensionen für Labriolas Begründung der Philosophie der Praxis konstitutiv ist. Sie gründet im »asymmetrischen Ineinander« von Mensch und Natur (Haug 2020, 98, 110f u.ö.), dem in seiner global herrschenden kapitalistischen Form die Menschheitskrisen entspringen, die das 21. Jahrhundert im Griff haben.

Insgesamt geht es in der VorSchule um die Genese einer erneuten und zugleich erneuernden, historisch-kritisch reflektierten Wiederaufnahme des genuin, nämlich von den marxschen Feuerbach-Thesen her und operativ im Kapital – in überraschendem Sinn – urmarxistischen Projekts der Philosophie der Praxis »im Flusse der Bewegung«.

2. Zur Sache

2.1 Labriolas »Philosophie der Praxis«

Wenn man mit seinem Denken die ausgefahrenen Geleise verlässt,

kann man immer gewiss sein, zunächst »boykottiert« zu werden

Marx, 1881

Die Entdeckung der Philosophie der Praxis in der Weise, wie die beiden Gründer der materialistischen dialektischen Geschichtsauffassung an vergangene und gegenwärtige Wirklichkeiten herangingen, fällt ins erste Jahrzehnt der Zweiten Internationale. Bei deren Gründung am hundertsten Jahrestag des »Sturms auf die Bastille« in Paris, am 14. Juli 1889, hatten die Arbeiterparteien durch ihre Vertreter den Marxismus als ihre theoretisch-politische Leitlinie anerkannt. Bis zu besagter Ent-Deckung hatte der manifeste Bruch mit ›der Philosophie‹ seitens der beiden Gründer – Engels bezeichnete sich und Marx als »Ex-Philosophen« (22/248) – eine sich als philosophisch verstehende Reflexion ihrer revolutionären Denkweise blockiert. Der bereits mit teils phrasenhaften, teils dogmatisierenden Rezeptionsweisen in der Arbeiterbewegung konfrontierte Labriola sah darin und im Einströmen bürgerlicher Philosophien ins Vakuum, das durch jene Blockierung erzeugt worden war, eine Mischung aus Vulgarisierung und philosophischer Entfremdung am Werk. Als er nach Engels’ Tod mit den ersten beiden Versuchen – also noch vor dem zu unserem Thema explizit sprechenden dritten Versuch – das Eis in Sachen ›darf man Philosophie treiben im Marxismus?‹ gebrochen hatte, hörte der eher »journalistisch« ans Problem herangehende Georgi Plechanow⁶ die Worte »Philosophie« und »Dialektik«, ohne darin deren geschichtsmaterialistischen Ort, die Praxis, und damit den Geist der Revolution zu vernehmen. Die Oberhirten der Theorie der Internationale gaben ihm in einer Verquickung von Engstirnigkeit, Halbkompetenz und Erbhofverteidigung, gepaart mit der »pseudowissenschaftlichen Pedanterie der deutschen Intellektuellengruppe, die so viel Einfluss in Russland gehabt hat« (Gramsci, Gef 6, H. 11, §70), den Segen und hinfort in Sachen Materialismus das Wort, von dem sie Labriola abschnitten. So begann die geschichtliche Karriere des Dialektischen Materialismus in Gestalt der Institutionalisierung einer selbständigen und allem anderen vorgeordneten Philosophie im Rahmen der theoretischen Architektur des Marxismus – in just jener Form des »philosophischen Materialismus«⁷ also, die Labriola vom jungen Marxismus abzuwenden versucht hatte durch seine Explikation der marxschen Denkweise als einem ans kritische Reflektieren der Praxis gebundenen Philosophieren, das »den geschlossenen Raum des Bewusstseins verlassen« muss (Drei Versuche, 93).⁸

Geschichtlich wirksam wurde dieser Rückfall in vormarxschen philosophischen Materialismus mit einer unter dem Namen »Dialektik« allem geschichtlichen Prozess vorgeordneten Metaphysik ewiger Gesetze. Ihrer bediente sich als Legitimation die stalinistische Verbindung von mobilisierender Ideologie und Entwicklungsdiktatur mit staatsterroristischer Unterwerfung. Dass sie nicht unproduktiv war, zeigt sich daran, dass es diese Verbindung war, in der die Sowjetunion unter Stalin zur Weltmacht aufgestiegen ist. Als »Befehlswirtschaft« und »befehlsadministratives System« überlebte die so geschaffene Herrschaftsstruktur, bewaffnet mit der Ideologie des »Marxismus-Leninismus«, die »Entstalinisierung« unter Chruschtschow um den Preis, dass die originär gesellschaftlichen Quellen des Sozialismus zusammen mit den Quellen der konkreten Analyse der konkreten Situation, überhaupt der theoretischen Fruchtbarkeit des Marxismus versiegt waren. Die Geschichte präsentierte dem »befehlsadministrativen System« (s. HKWM 2) die tödliche Rechnung, als ein geschichtliches Zeitfenster zur Vergesellschaftung des Staatssozialismus unter Gorbatschow ›real-rhetorisch‹ aufgestoßen wurde und der proklamierte Umbau zum Zusammenbruch geriet.

2.2 Antwort worauf?

Politisch-theoretische Innovationen haben ihre Vorgeschichte. Sie antworten zumeist auf Konflikte, Widersprüche und Aufgaben. So auch jener »geniale Geistesblitz« (Labica 1985/1988, 167), der den zur Arbeiterbewegung gestoßenen italienischen Philosophen Labriola 81 Jahre nach seinem Tod für die innermarxistische historisch-kritische Selbsterforschung als »Mitgründer der Theorie« des Marxismus (111) auftauchen ließ – eine Erkenntnis, die, wie gesagt, die große Mehrheit der in irgendeiner Form in der Nachfolge von Marx sich Verstehenden auch weitere dreieinhalb Jahrzehnte später noch vor sich hat.

Die Bezeichnung »Philosophie der Praxis« springt bei Labriola überraschend und wie von selbst in seinen Text, nachdem er, der in der Philosophie (nicht zuletzt der klassisch-deutschen) Gebildete, bei seinen Klärungs- und Erklärungsversuchen zur materialistischen Geschichtsauffassung auf die »praktische Umstülpung der Erkenntnistheorie« gestoßen ist (Drei Versuche, 205). Der Sache, nicht dem Namen nach hatte er diese Revolutionierung der Stellung des Denkens zur Wirklichkeit in den Feuerbach-Thesen von Marx gefunden. Mehr noch: Methodisch realisiert fand er sie in dessen Hauptwerk, Das Kapital, dessen drei Bände er studiert hatte. Kurz: Die explizit neu zu gründende, wenngleich bisher schon an sich, im operativen Modus, aber noch nicht für marxistische Bewusstheit existierende Philosophie der Praxis erkannte er in der Art, wie Marx die Postulate der Feuerbach-Thesen vermöge seiner dialektischen Methode im Kapital eingelöst hat (23/27f). Sie ist es, die er zum »Mark [midollo] des historischen Materialismus« erklärte (Drei Versuche, 206). Ihr Grundgedanke ist die Umkehrung der erkenntnistheoretischen Blickrichtung der Philosophie von der Beziehung des Denkens (alias des Subjekts) zu in die ›Außenwelt‹ verbannten Gegenständen hin zum asymmetrischen Mensch-Welt-Ineinander der die Welt-Tatbestände (einschließlich der Menschen selbst) verändernden Praxis denkender gesellschaftlicher Individuen. Damit stellt sich die alte Methodenfrage neu.

2.3 »Methode«

Das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum

innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es

das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Marx, 6. Feuerbach-These

Spontan fällt das Verständnis der Kategorie ›Methode‹ ins Schema des in einer transzendentalen Hinterwelt sitzenden ›Subjekts‹, das in seiner ›Innenwelt‹ die Welt außer sich hat. Klassisch-bürgerlich wird in ihr seit Descartes darüber gerätselt, wie sich Gedachtes zur Außenwelt verhält. Die Lösung des Rätsels wird vom Methodendiskurs erwartet. Aber das wird er nicht leisten können, solange er die Welt dualistisch zerschneidet. Er muss seinen gegenständlichen Boden in der Welt suchen. Dieser Boden ist das Gelände, dessen Erkenntnisbarrieren methodologische Geländer nötig machen. An den Wegstationen unserer VorSchule lässt es sich ablesen. Bereits die in den Teilen I und II zusammengestellten Beiträge sind ja nicht Kapitel einer systematischen Darstellung, sondern konkret situierte und aufs Jahr datierte Stationen innerlinker Auseinandersetzung, argumentierend und in der Perspektive eines möglichen Zusammenwirkens ausgetragen zwischen der Theoriearbeit eines ›westlichen‹ Neomarxismus und einem über KPen vermittelten Hereinwirkens des ›östlichen‹ Marxismus-Leninismus. Achtet man dabei auf aus Polemiken geborene begriffliche Klärungsansätze und thematische Verschiebungen, lässt sich erfahren, dass ›Methode‹ weit mehr ist als eine ›subjektiv‹ gewählte Herangehensweise. Man kann sie als eine Möglichkeit begreifen, die real gegeben sein muss, um wirklich zu werden, und die sich nur in dem Maße verwirklicht, wie sie sich wirklich als not-wendend erweist.

Die wörtliche Bedeutung der dem Griechischen entlehnten Kategorie »Methode« deutet darauf hin: he méthodos besagt wörtlich etwa »der Weg nach …« (Menge dolmetscht in Schulsprache: »Weg der Untersuchung«; 1910/1953, 281). Es sind jeweils die Sachen selbst, autà ta prágmata, in denen er zu suchen ist, wie im philosophischen Deutsch dieses seit alters Gesagte wiedergegeben zu werden pflegt. Dabei hält das Wörterbuch die Überraschung parat, dass prâgma synonym mit prâxis gebraucht wurde. Der Ausdruck ›Tatsache‹ signalisiert Gleiches: Sache der Tat, des Handelns in der Welt.⁹ Ganz im Sinne des Satzes, den Goethe dem alten Faust in den Mund legt: »Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.« (II, 11446) Gemeint ist das in dieser Welt verändernde und experimentierende Tun. Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis des ersten der elf »Hammerschläge« (Korsch, GA 3, 177f) »ad Feuerbach« (MEGA IV.3, 19) des 27-jährigen Marx, der ohne ihn paradox erscheinen müsste: »Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet)« bestehe darin, »dass der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefasst wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv« (3/5).

Vier Jahre vor seinen Feuerbach-Thesen, mit dreiundzwanzig, war Marx mit einer Arbeit über antiken Materialismus zum »Doktor der Philosophie« promoviert worden. In ihr würdigt er Epikurs Bruch mit dem mechanischen Determinismus seines Vorgängers Demokrit durch Einführung der Abweichungspotenz der Atome. Der junge Doktorand tritt damit, nicht gerade bescheiden, gegen das »bis auf die heutige Stunde nachgeschwatzte« Verdikt auf, das Cicero und Plutarch über den in ihren Augen stümperhaften Epikur »geschwatzt« hatten (40/261).

Wir können die »Sachen selbst«, von denen in der zitierten Philosophenformel die Rede ist, dank der Bedeutungsgleichheit von prâgma mit práxis als ›Sachen, um die es praktisch geht‹, begreifen, darunter zumal Angelegenheiten höchst politischer Relevanz, wie es die altrömische Übersetzung der griechischen politeîa mit res pūblica – wörtlich ursprünglich »Sache des Volkes« – signalisiert. Die Republik lässt sich gewiss nicht »unter der Form des Objekts oder der Anschauung« begreifen, sondern mit Nikos Poulantzas zumindest als »Verdichtung von Kräfteverhältnissen« (vgl. Wissel 2010, 1948-53). Allerdings trägt Verdichtung als bloßer Aggregatzustand allein nicht. Wir müssen die zeitliche Dimension eines Geschehens hinzunehmen. Die Wirksamkeit nicht nur in Staats- und Politikfragen, die es dabei zu denken gilt, lässt sich nur begreifen, wenn die Kräfteverhältnisse mitsamt ihrer Verdichtung im Flusse der Bewegung aufgefasst werden. Sie zeigt sich dann als Wirkungszusammenhang, und dies als nie abschließend gewordener. Marxens sechste These gibt einen Hinweis, indem sie Feuerbachs »menschliches Wesen« aus der ungeschichtlichen und (privat-)individuell zentrierten Abstraktheit in seine konkrete »Wirklichkeit« eines historischen »ensembles der gesellschaftlichen Verhältnisse« versetzt (3/6). Analoges gilt für jedwede Praxis, allerdings nur, wenn mit dem Marx der Pariser Manuskripte (1844) und letztlich vor allem des Kapital (1867) die nicht weniger historische Dimension der Beziehung zur ›Natur‹ und speziell des arbeitsvermittelten Stoffwechsels mit der ›äußeren‹ Natur als konstitutiv einbezogen wird. Menschliche Tätigkeiten in ihrer konkreten Wirklichkeit können nie etwas anderes sein als ein auf bestimmte Ziele gerichtetes Mitwirken im komplexen Wirkungszusammenhang, den wir »Welt« nennen. Dieser Zusammenhang umfasst Gesellschaft in all ihren Sphären, doch vor allem anderen – und das vermittelnde ›Subjektive‹ mit-umfassend – die ›Natur‹ als »Durchsichselbstsein«, wobei »Sein« Wirken heißt (vgl. Ms 44, 40/545).

Um zum Methoden-Bild zurückzukehren, können wir sagen, dass der Weg sich in der Landschaft findet, nicht untätig zwar, aber in Vorfindlichem. Was auf den ersten Blick als Unschärferelation erscheint, das die ›Wirklichkeit‹ mitkonstituierende ›subjektive‹ Moment der Praxis, zeigt sich als Erschließungs- und Schärfungsrelation in der Erkenntnis des wirklichen Vermittlungszusammenhangs. Jede Wegbahnung, nicht nur die der humanen Wirkungsform, gründet einen Zugang zur Wirklichkeit, indem sie diese verändert. Labriola hat diese marxsche Einsicht auf den Begriff gebracht, dass unser Denken erst hierbei »konkret wird, weil es mit den Dingen wächst« (Drei Versuche, 209)¹⁰. Diesem Konkretwerden, un venir crescendo – im Italienischen über das Verb concrescere (mitwachsen) unmittelbar mit dem Adjektiv concreto verbunden – gewinnt Labriola die praxisphilosophisch »allereinfachste [semplicissima] Wahrheit« ab, »dass noch bevor die Wissenschaft entsteht, und bei all den Menschen, die nicht zur Wissenschaft gelangen, die inneren Aktivitäten, einschließlich des üblichen Nachdenkens, wie ein von den Bedürfnissen stimuliertes Wachsen von uns in uns selbst und folglich ein Generieren neuer und sukzessive ausgearbeiteter Bedingungen sind« (ebd.; Übers. korr.). Dabei wächst das historische »ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse« mit, Naturverhältnisse eingeschlossen, das Marx in der 6. Feuerbach-These als Wirklichkeitsbedingung des »menschlichen Wesens« begreift. Die materialistische Geschichtsauffassung bringt damit, wie Labriola sagt, das wissenschaftliche Wissen »qualitativ in Einklang und quantitativ in Entsprechung zur Fähigkeit der Arbeit, indem sie es auf die Bedürfnisse« bezieht (209; Übers. korr.). Wir können in dem, was hier aufscheint, die gattungsspezifische Elementarform jenes »Zusammenfallens des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung« sehen, von dem Marx in der dritten Feuerbach-These sagt, dass es »nur als revolutionäre Praxis gefasst und rationell verstanden werden [kann]«.

2.4 Kontexte von Konzeption und Rezeption

Datiert auf den 14. Mai 1897, bringt Labriola den anti-ideologischen Umsturz der dualistischen Grammatik der cartesianisch geprägten Erkenntnistheorie als Grundlegung geschichtsmaterialistischer Philosophie der Praxis auf den Begriff. An die Stelle des bewusstseinsphilosophischen ›Subjekts‹ treten die ›in der Welt‹, das heißt im Medium ihrer historisch gewordenen Verhältnisse, Wissensarchive und Gebrauchswertvergegenständlichungen bewusst tätigen, Wirklichkeit in ihrer ›materiellen‹ Praxis entdeckenden sowie sich im selben Zuge selbstverändernden gesellschaftlichen Individuen. Mit diesem Vorstoß zur Schärfung marxistischer Selbstreflexion antwortet Labriola auf das Eindringen bürgerlicher Philosophien, neben dem Neokantianismus die »epidemische Verbreitung des Positivismus« (203). Zu bestätigen drohe sich »Engels’ Furcht, dass der Marxismus allzu bald zur wohlfeilen Lehre würde« (204; Übers.korr.).

Engels war seit dem Tode von Marx die unbestrittene politisch-theoretische Autorität des Marxismus gewesen oder, wie Labriola sagt, ihr »Professor ohne Lehrstuhl, der pausenlos mit Fragen von vielen Leuten behelligt wurde, die sich als freie Studenten an der wandernden und nicht dem Gesetz unterstehenden Universität des Sozialismus spontan einschrieben« (Drei Versuche, 204; Übers.korr.). In seinen letzten Jahren war Labriola zu Engels’ intensivem Korrespondenzpartner geworden. Nun aber, nach dessen Tod, registriert er im »Diskussionslärm« das Auseinanderstreben der theoretisch-revolutionären Rhetorik der Partei-Bekundungen und des praktischen Reformismus des gewerkschaftlichen Flügels, erstere zunehmend abgehoben von der konkreten kapitalistischen Entwicklung, der zweite fürs Proletariat Verbesserungen herausholend. Überdies hat letzterer in Labriolas respektiertem Korrespondenzpartner Eduard Bernstein seinen theoretischen Sprecher gefunden. Labriola wird Zeuge, wie auch sein einstiger Schüler Croce und sein französischer Förderer Georges Sorel, wie viele andere ihre intellektuellen Mäntelchen in den Wind der »ersten Krise des Marxismus« hängen (vgl. HKWM 7/II, 2164-68), den der bürgerliche und sogar katholische Blätterwald entfacht, um jenes Auseinanderdriften der beiden ›Seelen‹ des organisierten Marxismus zu fördern. Die parteioffizielle rhetorische Abfertigung des Reformismus erkennt Labriola als hilflos, da blind für die Notwendigkeit, auf die gesellschaftlichen Veränderungen im dynamisch wachsenden Kapitalismus mit politisch-theoretischen und strategischen Veränderungen zu antworten und vor allem zunächst die tatsächliche Praxis der internationalen Arbeiterbewegung zu analysieren. Vergebens beschwört Labriola Kautsky, er möge doch seine Antwort auf die Krise, die praktisch-theoretischen Neuraum erschließe, ins Deutsche, die wichtigste Sprache der internationalen Arbeiterbewegung, übersetzen lassen.

Dass Labriola kein Gehör fand, war seine persönliche Tragödie. Doch zwanzig Jahre nach seinem Tod wirkte sie sich weltgeschichtlich aus, indem sie die mit der Staatsideologisierung des Marxismus-Leninismus einhergehende »Marxismus-Enteignung« (Helmut Steiner, s. HKWM 8/II) mit dem Schein marxistischer Legitimität versah, während Labriola, der in engem Anschluss an Marx’ und Engels’ »kritischen Kommunismus« (Drei Versuche, 43) an dem Postulat festhielt, dass »unsere Lehre den Blickwinkel der Ideologie ein für alle Mal überwunden [hat]« (102), der Verdrängung anheimfiel.

Ehe man Labriolas Postulat innermarxistischer Überwindung aller Ideologie für utopistisch erklärt, sollte man sich klar machen, was Marx mit seinem vielzitierten Satz meint, dass »nicht das Bewusstsein der Menschen […] ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein […] ihr Bewusstsein [bestimmt]« (13/9). Wird der Satz zitiert, ohne der Frage nachzugehen, wie das ›Sein‹ dies ›macht‹, verwandelt man ihn in eine Phrase. Denn wenn wir »unter ›gesellschaftlichem Sein‹ die kapitalistischen Verhältnisse und unter ›Bewusstsein‹ das Gesamt der praktisch-geistigen Subjektivität [verstehen]«, muss geklärt werden, »wie jene Verhältnisse bewirken, dass sie das Praktisch-Subjektive bestimmen« (KV III, 2013, 210). Entsprechend hat »Praxeologie im geschichtsmaterialistischen Sinn das Verhalten in Verhältnissen, die es bestimmen, einschließlich der praktisch-verändernden Rückwirkung auf diese« zu analysieren (212).

Geschichtswissenschaft materialistisch und den Materialismus historisch zu betreiben, verlangt genau die Explikation dieses praktisch vermittelten Wirkungszusammenhangs. Ein Blick ins Kapital mit dieser Suchfrage¹¹ zeigt Marx von vornherein auf diesem Weg: Seine Zirkulations-Formanalyse führt ihn dazu, den Kapitalismus als eine Produktionsweise zu charakterisieren, »worin sich die Regel nur als blindwirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit durchsetzen kann« (23/117). Damit sind wir bereits an dem Punkt, wo das Wertgesetz sich ›im Flusse seiner Bewegung‹ zeigt. Es wirkt insgesamt »im Innern der Gesellschaft nur a posteriori«, nimmt Marx im Manufakturkapitel diesen Faden wieder auf, nämlich »als innre, stumme, im Barometerwechsel der Marktpreise wahrnehmbare, die regellose Willkür der Warenproduzenten überwältigende Naturnotwendigkeit« (377). Angesichts von »Naturnotwendigkeit« und »Überwältigung« scheinen wir bei einem unmittelbaren systemischen Determinismus zu landen, der jede Praxis neutralisiert. Doch der Schein des Resultats trügt, weil er dessen Genesis auslöscht. Denn »regellose Willkür« meint ja gerade, dass jeder individuelle Warenproduzent über seine Handlungsweise entscheidet, während der Markt mit einem Durchschnitt aller derartigen Praktiken im Verhältnis zur aggregierten Nachfrage reagiert, die sich ihrerseits aus willkürlichen Akten ohne allgemeine, apriori wirkende Regel speist. Das Gesetz kommt nachträglich heraus. Nun geht es in Gestalt erfahrener Vorwegnahme, als Apriori, in die folgende Generation individueller Handlungen ein. Im selben Moment jedoch, in dem die Produzenten ihr Handeln diesem Apriori anzupassen versuchen, haben sie es bereits verändert. Die Schlange beißt sich in den Schwanz und ist schon nicht mehr dieselbe Schlange. Der Ausgangspunkt ist Resultat. Somit können wir von einem »regulierenden Resultat« oder einem »resultierenden Gesetz« sprechen (Haug 1972/2005, 243).

Diese Lösung führt über »die Unterscheidung des Handlungsfeldes von den Handelnden«, die es ermöglicht, »analog zur modernen Physik die Determination vom Einzelfall in eine Feldeigenschaft zu überführen und dadurch der Determinationsthese einen statistisch beschreibbaren Gehalt zu sichern« (KV III, 220), was dazu anhält, die (inter-)individuelle Ebene gesellschaftlicher Praxis von ihrer gesamtgesellschaftlichen Vermittlungsebene zu unterscheiden. Diese realistische Beobachtung führt Marx dazu, das »als unabhängig von den Subjekten« ›objektiv‹ und apriori erscheinende Gesetz als »das per Rückwirkung den Prozess ›regulierende Resultat‹ ihrer insgesamt durch die Systemmechanismen aggregierten und ›verarbeiteten‹ Handlungen« zu begreifen (221). Die Wirkung auf die Individuen vermittelt sich dadurch, dass auf dem Feld der privat-konkurrenziellen kapitalistischen Warenproduktion »aus divergenten Handlungsweisen konvergente Erfahrungen folgen« (KV II, 243f).¹² Dem oberflächlichen Blick aufs Resultat stellt Menschenwerk sich als Sachzwang dar. Solcher ohne Rekonstruktion des praktischen Vermittlungszusammenhangs notwendig sich einstellende objektiver Schein bildet für Labriola wie zuvor für Marx und Engels das paradigmatische Material ideologischer Naturalisierung der herrschenden Verhältnisse. Daher die fundamentale Bedeutung kritischer Theorie der Gesellschaft und ihrer Ökonomie für den Marxismus, um dem Interesse an der Veränderung der Verhältnisse einen klaren Kopf zu verschaffen.

So holt etwa die Analyse der Wirkungsweise des Wertgesetzes im Kapitalismus dessen Kern als Mehrwertgesetz ans Licht, wohingegen Marx bei den Aneignern des durch Mehrarbeit der Lohnabhängigen gebildeten Mehrwerts realistisch diagnostiziert, dass sie das »bestimmte Verhältnis dieses Überschusses zu, und sein innerer Zusammenhang mit den besondren Bestandteilen des Kapitals nicht nur nicht interessiert, sondern es [ihr] Interesse ist, sich blauen Dunst über dies bestimmte Verhältnis und diesen innern Zusammenhang vorzublasen« (25/53). Was Labriola angesichts beginnender Ideologisierung des Marxismus den Parteien und Bewegungen der Zweiten Internationale als eine Art Rütlischwur im marx-engelsschen Sinn einzuschärfen versuchte, zielte darauf, den ideologischen Bann zu brechen, in den die Ideologen des Kapitals im Einklang mit den spontan-ideologischen Effekten der Verhältnisse gesellschaftliches Handeln immer neu schlagen. Sollte denn die Fortdauer der Klassenherrschaft den von Labriola wie vor ihm von Marx und Engels für den wissenschaftlichen Sozialismus angenommenen Ausschluss aller Ideologie zur Utopie verurteilen, dann doch zu einer realen Utopie im Sinne von Ernst Bloch. Sie unterstellt die objektive Möglichkeit, dass die konkrete Analyse des inneren Zusammenhangs des gesellschaftlichen Seinsprozesses, der einer der Praxis in widersprüchlichen, jedoch nicht notwendig antagonistischen Verhältnissen ist, die suggestiv ›subjektivierende Macht‹ der Ideologie brechen kann. Auf diese Probe findet geschichtsmaterialistisches Herangehen an die Wirklichkeit sich gestellt. Fürs gesellschaftliche Zum-Zuge-Kommen gibt es keine Garantie. Auch mag geschichtsmaterialistische Analyse im einzelnen Resultat irren. Aber der Irrtum lässt sich für die gesellschaftliche Menschheit nicht anders als auf diesem Weg beseitigen. Die je wirkliche Praxis, auch und besonders die der Arbeiterbewegung, im Ernst zu denken als Variable in bestimmten Kräfteverhältnissen und in Wechselwirkung mit dem Wandel der Verhältnisse, verhindert die erfahrungsblinde Verselbständigung zu einer Dogmatik. Sie fußt ihrerseits auf der konkreten Analyse der je konkreten Verhältnisse, die gesellschaftlichen Naturverhältnisse eingeschlossen.

2.5 Das philosophische Moment

Beim Kapital-Studium gewinnt Labriola den Eindruck, »als sei das Philosophieren nichts anderes als die Funktion des wissenschaftlichen Vorgehens selbst« (Drei Versuche, 216). Den Geist dieses Herangehens an die Wirklichkeit, dem die materialistische Geschichtsauffassung entspringt, begreift er als eine besondere Form des »sokratischen Moments in jeder Form des Wissens« (263, Fn. 108). Bereits Marx selbst hat eine Wirkung dieses Moments auf die innere Ausrichtung der Individuen ins Bild der »dialektischen Falle« gebracht, in welche die sokratische Ironie den »gemeinen Menschenverstand« führt und durch die er »nicht in Wohlbehäbiges Besserwissen, sondern in die ihm selbst immanente Wahrheit aus seiner buntscheckigen Verknöchrung hineingestürzt wird« (MEGA IV.1, 102). Gramscis Katharsis des hinterrücks »auf bizarre Weise zusammengesetzten« Alltagsverstands klingt hier an, die kritische Aufsprengung der »verfestigten Schichtungen in der Popularphilosophie« (H. 11, §12, Anm. 1, Gef 6, 1371) durch Stärkung der praktischen Erfahrungen gegen die ideologischen ›Überfremdungen‹. Labriola bringt dieses Sokratische auf den Begriff der Philosophie der Praxis. Es ist eine Philosophie des Konkreten im geschichtlichen Prozess. Die »Kriterien« der geschichtsmaterialistischen Gesellschaftstheorie »müssen zunächst einmal die Leitprinzipien jeder historischen Forschung sein: doch diese bleibt immer gebunden an die unhintergehbaren empirischen Ansprüche der Tatsachendarstellung und muss sich jeglichem Vorschieben apriorischer Imperative verweigern« (Secolo, 368). Wir sind damit nah an der »konkreten Analyse der konkreten Situation« (LW 25, 421), die Lenin eine Epoche später als »das innerste Wesen, die lebendige Seele« des Marxismus begreifen wird.¹³ Bei Labriola ist sie philosophisch reflektiert im Sinne einer »Verschmelzung […] des kritisch-bewussten Denkens mit dem Stoff des Gewussten [la perfecta immedesimazione della filosofia, ossia del pensiero criticamente consapevole, con la materia del saputo]« (vgl. Drei Versuche, 215; Übers. korr.). Derart strebt er tendenziell zur Aufhebung der überkommenen Trennung von Philosophie und Wissenschaft, dies jedoch im vollen Bewusstsein, dass der »Gegensatz zwischen Philosophie und Wissenschaft als stets provisorisches Moment« sich reproduzieren wird, weil »die Wissenschaft ständig im Werden begriffen ist und in diesem Werden die Selbstkritik [also das philosophische Moment] eine große Rolle spielt« (216). Hier ist die Schnittstelle zu Gramscis fundamentaler Geschichtsimmanenz und zugleich das Kriterium, die »lebendige Seele« des Marxismus von jeder dogmatischen Erstarrung zu bewahren.

2.6 Fragmente zum 20. Jahrhundert

Der Biedermann Kautsky kann sich einbilden,

den Hüter des Heiligen Schreins zu machen.

Die Wirklichkeit erfasst man nicht

mit Argumentationen, sondern

durch ihre Wahrnehmung.

Labriola 1900 an Croce (Br 1213, 983)

Zu Beginn des

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