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Der König und sein Spiel: Johan Cruyff und der Weltfußball
Der König und sein Spiel: Johan Cruyff und der Weltfußball
Der König und sein Spiel: Johan Cruyff und der Weltfußball
eBook485 Seiten6 Stunden

Der König und sein Spiel: Johan Cruyff und der Weltfußball

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Über dieses E-Book

Johan Cruyff, der europäische "Jahrhundertfußballer", hat die globale Entwicklung des Spiels wohl stärker geprägt als jeder andere Fußballer. Als "König Johan" war er die zentrale Figur einiger legendärer Mannschaften: Ajax Amsterdam und niederländische Nationalmannschaft in den frühen Siebzigern, FC Barcelona zunächst als Spieler, später als Trainer und Architekt des noch heute verehrten "Dreamteams". Bei Barça und der spanischen Nationalmannschaft reicht sein Einfluss bis in die heutige Zeit; auch bei der WM 2010 war er omnipräsent.
Cruyff galt stets als kompromissloser Verfechter des offensiven, kreativen Spiels. Die englische Zeitung Observer bezeichnet ihn auch als "Lenin des Fußballs". All dies macht ihn zu einer der interessantesten Persönlichkeiten der Fußballgeschichte. Es wird Zeit, dass ihm erstmals in Deutschland ein Buch gewidmet wird.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum1. Mai 2012
ISBN9783895338465
Der König und sein Spiel: Johan Cruyff und der Weltfußball
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    Der König und sein Spiel - Dietrich Schulze-Marmeling

    Dietrich Schulze-Marmeling

    Der König und sein Spiel

    Johan Cruyff und der Weltfußball

    verlag die werkstatt

    Impressum

    Copyright © 2012 Verlag Die Werkstatt GmbH

    Lotzestraße 22a, D-37083 Göttingen

    www.werkstatt-verlag.de

    Alle Rechte vorbehalten.

    Satz und Gestaltung: Verlag Die Werkstatt

    Fotos (Umschlag und Innenteil): Imago Sportfotodienst

    ISBN 978-3-89533-846-5

    Inhaltsverzeichnis

    Vorwort

    Kapitel 1: Reden über Cruyff, die Niederlande und Barcelona

    Kapitel 2: Die Niederlande vor Johan

    Kapitel 3: Ajax, Mokum, Israel

    Kapitel 4: Die Entdeckung des „Fußball total"

    Kapitel 5: Der König auf dem Platz

    Kapitel 6: Das große Ajax

    Kapitel 7: Kulturtransfer nach Barcelona

    Kapitel 8: Der bürgerliche Rebell

    Kapitel 9: Ein (fast) perfekter Sommer

    Kapitel 10: Verpasste Chancen mit der Elftal

    Kapitel 11: Rückkehr nach Amsterdam

    Kapitel 12: Schöpfer des modernen Barça

    Kapitel 13: „Estó es fútbol"

    Kapitel 14: Die Drei muss stehen

    Kapitel 15: Mein Ajax, sein Ajax

    Literatur

    Johan Cruyff: Karrieredaten

    Danksagung

    Der Autor

    Bildteil

    Vorwort

    „‚Tempo-Fußball‘ war noch nicht erfunden, als Cruyff ihn schon längst spielte. Und die Eleganz seines Auftritts ver--mittelte eine erste Ahnung davon, wann und warum Arroganz in künstlerischen Berufen gerechtfertigt ist."

    Fritz Eckenga, Kabarettist und Fußballfan

    „Cruyff hat mich sehr beeindruckt. Ich glaube, ich war auch nicht die Einzige in Europa."

    Angela Merkel

    Als der FC Barcelona am 28. Mai 2011 durch einen 3:1-Sieg über Manchester United die Champions League gewann, schwärmte Peter Hess anschließend in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Barça steht nicht auf dem Gipfel, weil es neue Dimensionen in Athletik, Wucht, Schusskraft, Aggressivität oder Laufstärke erschlossen hätte. Diese Tugenden würden Emotionen wie Bewunderung, Respekt oder Ehrfurcht auslösen. Das Team sprengt alle bekannten Grenzen an Inspiration, Antizipation, Körperbeherrschung und Ballfertigkeit. Das miterleben zu dürfen, ist nichts anderes als Glück.

    Es gibt Fußballspiele, und das Champions-League-Finale 2011 steht an der Spitze dieser Begegnungen, die lösen auch beim neutralen Betrachter Glücksgefühle aus.

    Aber auch Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber den „Erfindern" dieses wunderbaren Spiels, das völlig zu Recht zum globalsten und erfolgreichsten aller Spiele avancierte. Dankbarkeit dafür, in einer Zeit zu leben, in der vielleicht der beste Fußball aller Zeiten gespielt wird. Und Dankbarkeit gegenüber denjenigen, die dieses Spiel zu jenem fantastischen Vortrag geformt haben, wie ihn im Mai 2011 87.695 Menschen im Londoner Wembleystadion und Millionen vor den Fernsehschirmen erleben durften.

    Hier kommt nun Johan Cruyff ins Spiel, dessen Werk dieses Buch gewidmet ist.

    Im Vorfeld des Finales zwischen Barcelona und Manchester wurde das Wembleystadion als „Pilgerstätte des modernen ‚Barcelonismus’ bezeichnet. Denn im Wembley hatte der FC Barcelona 1992 zum ersten Mal die prestigeträchtigste Trophäe des europäischen Klubfußballs gewonnen. Und dabei bewiesen, dass sich Schönheit und Erfolg im Fußball nicht widersprechen müssen. Der Trainer jener Mannschaft, die als „Dream-Team in die Fußballannalen einging, hieß Johan Cruyff, der von 1973 bis 1978 selber für Barça gespielt hatte.

    Zu den wichtigsten Spielern in Johan Cruyffs „Dream-Team gehörte der „Sechser Josep „Pep Guardiola, den der Trainer aus Barças B-Team geholt hatte und der Cruyffs Ideen aufsog wie kein anderer. Im Sommer 2008 wurde Guardiola selbst Trainer des FC Barcelona – auf Empfehlung von Johan Cruyff. Das Barça, das 2011 im Wembley triumphierte, war noch besser als das von 1992. Aber ohne Cruyffs „Dream-Team 1.0 hätte es Guardiolas „Dream-Team 2.0" nie gegeben.

    Als ich im Februar 2012 den Spanien- und Barcelona-Experten Ronald Reng eher beiläufig nach dem Einfluss von Johan Cruyff auf den Fußball des FC Barcelona fragte, fiel seine Antwort so kurz wie klar aus: „Eine Abhandlung über den Einfluss von Cruyff bei Barcelona bräuchte (…) mindestens ein Buch. Ohne Cruyff gäbe es dieses Barça nicht."

    *****

    Hierzulande wird Johan Cruyff vor allem mit der WM 1974 assoziiert. Auch des Autors Interesse an Cruyff begann mit dem Turnier in Deutschland. Vor einigen Jahren feierte meine Schule, das Städtische Gymnasium Kamen, seinen 150. Geburtstag. Die Schule lud mich ein, einen Beitrag für die Festschrift zu schreiben. Als Titel meiner Erinnerungen wählte ich: „Herr S., Johan Cruyff und ich. „Herr S. war ein rechtsradikaler Lehrer, mit dem ich mich als Schülersprecher heftig rieb. Johan Cruyff war mein fußballerisches Idol – und noch mehr.

    Wir waren eine „ent-nationalisierte Generation, und der Finalsieg von München löste bei uns nicht annähernd die Begeisterung aus wie bei der Generation unserer Eltern das „Wunder von Bern. (Das bei meinen Eltern allerdings auch keine Begeisterung auslöste, weil sie sich nicht für Fußball interessierten. In den Betrachtungen von 1954 bleibt häufig unerwähnt, dass ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung das Turnier in der Schweiz überhaupt nicht wahrnahm.)

    Johan Cruyff und Co. bestritten fünf ihrer sieben WM-Auftritte in meiner westfälischen Heimat – drei in Dortmund und zwei in Gelsenkirchen. Und ihr Hauptquartier war das Waldhotel Krautkrämer in Hiltrup vor den Toren Münsters. 34 Jahre später schrieb Klaus Brinkbäumer im „Spiegel über die damalige Stimmung im Münsterland: „Hiltrup ist nicht so bekannt. Es gibt eine Marktallee dort und das Eiscafé Martini. Hiltrup hat den Dortmund-Ems-Kanal, die Polizeiführungsakademie, das Waldhotel Krautkrämer und den Sportplatz Hiltrup-Ost, der heute erstaunlicherweise Glasurit-Arena heißt. Kein Mensch jenseits des Münsterlandes kennt Hiltrup. Aber Cruyff und die Holländer verbrachten die WM ’74 in Hiltrup. Im Waldhotel Krautkrämer. Cruyff hatte lange Haare und guckte stolz. Siebenjährige Hiltruper Jungs verbrachten jenen verregneten Sommer ’74 vor dem Waldhotel und auf dem Sportplatz Hiltrup-Ost, wo sie die Trainingsbälle aus dem Wäldchen fischten, und auf Wiesen, wo sie Hollands Siege nachspielten. Die Nummer 14 nannten sie ‚König Johan’, und der trug nur zwei Streifen auf dem Trikot und nicht drei, weil er auch ein Rebell war. Johan Cruyff sagte scharfe Sachen: ‚Wenn ich gewollt hätte, dass Sie’s verstehen, hätte ich es besser erklärt’, so redete Johan Cruyff. Er schrieb auf dem Parkplatz Autogramme: raumgreifend, schnell, er schrieb, wie er spielte. Für Hiltruper Jungs war es nicht einfach, im Sommer ’74 für Deutschland zu sein, denn Holland in Hiltrup, das war eine Verheißung. Cruyff, Neeskens, Rep, Rensenbrink waren die Besten der Welt, und leider wussten sie es.

    Im Finale drückte ich den Niederländern die Daumen – mein schlechtes Gewissen hielt sich dabei in Grenzen. Als ich vier Jahre später nach einigen Umwegen und Verlängerungen schließlich mein Abitur baute, stand erneut eine WM auf dem Programm.

    Titelverteidiger Deutschland spielte nach einer peinlichen 2:3-Niederlage gegen Österreich nicht einmal im „kleinen Finale". In der Festschrift meines Gymnasiums schrieb ich nun 30 Jahre später: „Mich berührte das nicht sonderlich, da ich mit ‚unserer’ Nationalmannschaft bereits während der WM 1974 abgeschlossen hatte. Seit der Begegnung Niederlande gegen Brasilien im Dortmunder Westfalenstadion galt meine Liebe der niederländischen Elftal, die mit ihrem totaal voetbal meine damalige Lebensphilosophie ausgiebig bediente. Totaal voetbal basierte auf einer Theorie vom ‚flexiblen Raum’ und hätte auch in unseren Physik- und Kunstunterricht eingehen müssen. Mein Idol war ‚König’ Johan Cruyff, der zum Ende des 20. Jahrhunderts zu Recht zum ‚europäischen Jahrhundertfußballer’ gekürt wurde (vor dem deutschen ‚Kaiser Franz’). Cruyff, den der ‚Times’-Journalist David Miller ‚Pythagoras in Fußballschuhen’ taufte, und seinen Mitspielern war es gelungen, eine Verbindung zwischen Kollektivismus und kreativem Individualismus zu realisieren, womit er unser Programm repräsentierte. Für viele Niederländer (aber auch einige Deutsche) war die schmächtige, kettenrauchende Gestalt aus einem Kleineleute-Viertel des Amsterdamer Ostens mehr als ‚nur’ ein Fußballer, nämlich Repräsentant einer kulturellen, politischen und sozialen Revolution, die unser Nachbarland in den 1960ern von einem eher rückständigen Gebilde zu einer der progressivsten Adressen in Europa transformierte.

    Kein Wunder, dass wir als Schüler die Jugendmetropole Amsterdam gerne am Wochenende aufsuchten. Fußball à la Oranje bedeutete auch lange Haare und das Trikot über der Hose, und Johan Cruyff hätte unsere Lehranstalt sicherlich nicht nur fußballerisch bereichert.

    Seinen politisch bedeutendsten Auftritt zelebrierte Cruyff am 17. Februar 1974 im Estadio Bernabéu zu Madrid, als er den FC Barcelona zu einem furiosen 5:0-Sieg über Real, das ‚Regime-Team’, führte. Für Millionen Spanier und Katalanen war dieser Tag der Anfang vom Ende der Franco-Diktatur. In Barcelona erlangte Cruyff durch dieses Spiel den Status eines Heiligen – bei mir ebenfalls. Cruyff schlug auch Marx, Lenin und Che Guevara um Längen. Libuda mag Gott umdribbelt haben (,Keiner kommt an Gott vorbei – außer Libuda‘), aber Cruyff ließ sogar Marx stehen."

    De facto war natürlich alles anders. Politisch war Cruyff eher konservativ. Ein Revolutionär war er nur auf dem Fußballfeld und wenn es um eine angemessene Bezahlung der zunächst von den Verbänden und Vereinen ausgenutzten Fußballprofis ging.

    *****

    Als ich Freunden und Kollegen über mein Vorhaben eines Buches über Johan Cruyff erzählte, waren die Reaktionen geteilt. Die einen waren begeistert, erinnerten sich an die WM 1974 und an das „Dream-Team des FC Barcelona von 1992. Die anderen, und das waren nicht wenige, sahen Cruyff vor allem als ein „arrogantes, selbstgerechtes und geldgieriges Arschloch und „permanenten Nörgler". Mein wesentliches Motiv für dieses Buch war das Gefühl, dass Johan Cruyff anders ist als die anderen ehemaligen Weltklassefußballer, die mit ihm in einem Atemzug erwähnt werden. Anders als Alfredo Di Stéfano, Franz Beckenbauer, Pelé oder Diego Maradona.

    Denn Johan Cruyff hat mehr als nur großartige und erinnerungswürdige Auftritte hinterlassen. Cruyff hat die Entwicklung des Weltfußballs beeinflusst wie kein anderer der ehemaligen Großen. Er steht für eine bestimmte Idee vom Fußballspiel, eine höchst attraktive noch dazu. Diese hat ihren Ursprung im „Fußball total" des Trainers Rinus Michels, der vielleicht letzten großen taktischen Revolution im Weltfußball. Viele Dinge, die heute im Fußball selbstverständlich sind, wie angreifende Verteidiger, Positionsspiel, Pressing und ein mitspielender Torwart, wurden in den Jahren 1965 bis 1974 eingeführt.

    Michels „Fußball total konnte aber nur funktionieren, faszinieren und zur Nachahmung animieren, weil ihm mit Johan Cruyff ein Spieler zur Verfügung stand, der ein „totaler Fußballer und spielender Trainer war.

    Als Spieler, Trainer und Berater war Johan Cruyff an einigen der faszinierendsten Teams der Fußball-Weltgeschichte beteiligt. Cruyff war die zentrale Figur des großen Teams von Ajax Amsterdam, das 1971 bis 1973 dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister gewann – im Übrigen das erste Mal im Wembley… Bei der WM 1974 in Deutschland war Cruyff Anführer der niederländischen Nationalmannschaft, die die Herzen der Fußballfans im wahrsten Sinne des Wortes im Sturm eroberte, auch wenn sie im Finale an Deutschland scheiterte. Als Trainer formte Johan Cruyff Barcelonas „Dream-Team", als Berater war er nicht unbeteiligt an Barças Champions-League-Triumphen 2006, 2009 und 2011. Und dass Spanien nach über 40 titellosen Jahren 2008 Europameister und 2010 Weltmeister wurde, auch daran war Cruyff beteiligt. Denn Cruyff hatte über den FC Barcelona den spanischen Fußball verändert.

    Wo immer sich die Gelegenheit bietet, fordert Johan Cruyff einen auf exzellenter Technik basierenden Offensivfußball, der sich nicht nach dem Gegner richtet. Und wo immer ein solcher gespielt wird, ist der Name Cruyff nicht weit. Kaum eine Diskussion über offensiven und attraktiven Fußball ohne die Erwähnung von Cruyff.

    Cruyff ist der glaubwürdigste und entschiedenste Verfechter eines angriffslustigen und attraktiven Fußballs – und dies nun bereits seit über 40 Jahren.

    Aber Johan Cruyff ist kein Gott und hat mitnichten immer Recht. Und schon gar nicht ist er in seinen Urteilen immer gerecht. Cruyff ist schroff und geht einem mit seinem Dogmatismus und seiner Nörgelei manchmal gehörig auf die Nerven.

    Aber Cruyff ist wichtig für den Fußball: als Gralshüter und Prophet einer offensiven und unterhaltsamen Spielweise und als Kritiker jeder Form von Negativtaktik. Im Cruyff’schen Fußball will der Spieler immer den Ball haben und ist ein Fußballspieler. Für Cruyff ist guter Fußball ein Fußball, der den Spielern und den Zuschauern Spaß macht.

    *****

    Das vorliegende Buch erhebt nicht den Anspruch einer klassischen Biografie. Ein solches Vorhaben wäre anmaßend gewesen. Es ist ein Buch über einen Fußballfanatiker und eine Idee vom Fußball, in der sich der Autor wiederfindet. Weshalb mir der Leser verzeihen mag, wenn sich Cruyffs und meine Gedanken zuweilen etwas miteinander vermengen – bis hart an die Grenze des Erlaubten.

    Dietrich Schulze-Marmeling, Mai 2012

    Anmerkung zur Schreibweise:

    Johan Cruyff wird eigentlich Johan Cruijff geschrieben. Unter diesem Namen wurde er nach seiner Geburt im Amsterdamer Personenstandsregister registriert. Zu „Cruyff wurde Cruijff erst im Zuge seiner internationalen Karriere. In den Niederlanden wird unverändert die ursprüngliche Schreibweise benutzt – also „Cruijff. Im Ausland hingegen firmiert er, wie auch in diesem Buch, in der Regel als „Cruyff".

    Kapitel 1: Reden über Cruyff, die Niederlande und Barcelona

    „Es war phantastisch! Cruyff war eine faszinierende Persönlichkeit."

    Lucien Favre

    Das „Erweckungserlebnis" des Lucien Favre

    In der ersten Halbserie der Saison 2011/12 ist Borussia Mönchengladbachs Lucien Favre (Jahrgang 1957) der Trainer unter den Trainern der Bundesliga. Und dementsprechend als Interviewpartner begehrt. Zunächst hatte Favre den Gladbachern die Klasse erhalten – auf dem unkonventionellen Weg: Er verbesserte die Spielkultur des Teams. Anschließend absolvierte die Mannschaft ihre beste Hinrunde seit 15 Jahren. Nach einem souveränen 3:0-Sieg im rheinischen Derby beim 1. FC Köln taufte der englische „Guardian Favres Team „Borussia Barcelona. Aber nicht der Blick auf die Bundesligatabelle, wo die Gladbacher nur drei Punkte hinter dem Spitzenreiter rangieren, führt mich zum Mönchengladbacher Borussia Park, sondern die Tatsache, dass Favre in seinen Interviews häufig auf Johan Cruyff zu sprechen kommt.

    Die Schweizer Fußballannalen führen den 24-fachen Nationalspieler Lucien Favre als brillanten Techniker und intelligenten Spielmacher. Für die Medien war er der „Platini der Westschweiz". Und wie Johan Cruyff hatte sich auch der schmalschultrige Favre mit überharten Gegenspielern zu plagen, die sein Spiel zerstören wollten. Seine Trainerkarriere begann er 1991 als Assistenztrainer bei den C-Junioren des FC Echellens. Der Ex-Profi wollte einen Fußballverein von der Basis aus kennenlernen.

    Favre beschritt damit den „niederländischen Weg. Anfang 2012 erklärt Jos Luhukay, der niederländische Trainer des Bundesligisten FC Augsburg, auf die Frage, warum niederländische Trainer so gefragt sind: „Ein Grund ist sicherlich, dass sich viele der sogenannten großen Trainer bereits sehr früh für ihren späteren Beruf interessiert haben. Sie fingen zunächst bei kleinen Vereinen an, waren im Jugendbereich tätig, lernten von der Pike auf. Sie haben dort die notwendigen Erfahrungen gesammelt. Und sich erst später für den nächsten Schritt entschlossen. Der führt dann in den Profifußball. Das ist, so glaube ich, sehr wichtig. Denn der Trainerberuf erfasst doch ein großes Spektrum.

    „Cruyff – das ist interessant, das macht Spaß", eröffnet Lucien Favre das Gespräch. Spaß macht es aber vor allem, Favre zuzuhören. Der Mann lebt und denkt Fußball.

    Ins Zentrum seiner Aussagen rutscht immer wieder der Begriff „Spielintelligenz, wobei einem das berühmte Cruyff-Zitat „Fußball ist ein Spiel für den Kopf in den Sinn kommt. Spielintelligenz sei das erste Kriterium beim Cruyff-Kind FC Barcelona. „Ohne Spielintelligenz hast du keine Chance in Barcelona. Und natürlich Technik – aber Technik in und aus der Bewegung. „In und aus der Bewegung, auch das kommt in Favres Ausführungen immer wieder vor und erinnert an Cruyff. Wer die Dinge „in und aus der Bewegung" macht, der macht das Spiel mit dem Ball schneller, ohne deshalb mehr laufen zu müssen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die aber im Kindertraining häufig nicht beachtet wird. Da passt man sich den Ball gegenseitig zu, und der Beobachter hat den Eindruck, man habe die Beine der kleinen Kicker im Rasen eingepflockt.

    Intelligenz und Bewegungsfähigkeit ermöglichen es, „den richtigen Moment zu finden, um zu beschleunigen. Du musst den Ball zirkulieren lassen und plötzlich nach vorne spielen, um deinen Gegner zu überraschen. Die Schnelligkeit sei „sehr, sehr wichtig. Aber Schnelligkeit meint für mich nicht nur laufen. Das ist auch eine Frage der Ballannahme, die mit der richtigen Bewegung erfolgen muss – die richtige Bewegung ist sehr wichtig.

    Barcelona, das ist Favres Idealbild vom Fußball. „Sie verkörpern eine Philosophie. Bei Barça hat sie Johan Cruyff installiert. Ballzirkulation, ein Wechselspiel von Tempo und Ruhe. Beschleunigen im richtigen Moment, um den Gegner aus seinen Positionen herauszuspielen. Spielintelligenz. Das ist auch meine Philosophie. Aber Barça zu kopieren, „das ist total unmöglich. Keine Mannschaft ist wie sie, sie sind einmalig. (Als Borussia Mönchengladbach am letzten Spieltag der Hinrunde 2011/12 beim FC Augsburg mit 0:1 unterliegt, ist es für Favre ein „kleiner Trost", dass am Abend des selben Tages der FC Barcelona den Clásico gegen Real Madrid gewinnt.)

    Seine erste „Begegnung mit Cruyff war das Ajax-Team der späten 1960er und frühen 1970er Jahre. „Alle Spieler sehr schnell, lange Haare, etwas arrogant. Und mit total viel Selbstvertrauen. Im Herbst 1978 darf der 20-jährige Favre im Trikot von Lausanne Sports selber gegen Ajax spielen. Aus dem großen Team der Amsterdamer, das von 1970/71 bis 1972/73 den Europapokal der Landesmeister dominierte, war nur noch der 28-jährige Ruud Krol dabei. Aber mit Spielern wie den Dänen Sören Lerby, später für den FC Bayern am Ball, und Frank Arnesen, heute Sportdirektor des Hamburger SV, stellte Ajax noch immer ein beeindruckendes Ensemble. Und die Philosophie des „Fußball total war auch noch zu erkennen. In Amsterdam unterlagen die Schweizer nur mit 0:1 – dank einer überragenden Vorstellung ihres Keepers. Favre: „Das Spiel hätte auch mit einem 8:0-Sieg für Ajax enden können. Die haben unglaublich viele Torchancen kreiert. Unsere Verteidiger wurden bis zur Eckfahne gepresst, wo sie den Ball nur noch wegschlagen konnten. Ein Team mit ganz viel Selbstvertrauen. (Im Kontext seiner Ausführungen über „Mut und „Selbstvertrauen erwähnt Favre beiläufig, dass er gerade eine Churchill-Biografie lesen würde. „Darf man das in Deutschland sagen?" Natürlich darf man das.)

    Lucien Favre begegnete Ruud Krol noch ein weiteres Mal. 1981 wechselt er zu Servette Genf, das von dem Niederländer trainiert wird. Krol habe den Spielern einmal erzählt, wie sie früher den Gegner bereits im Tunnel zum Spielfeld eingeschüchtert hätten – durch eine an Arroganz grenzende offensive Körpersprache.

    Den „König selbst traf Favre erst elf Jahre später. 1992 hatte der FC Barcelona mit Johan Cruyff als Trainer den Europapokal der Landesmeister gewonnen. Die Medien sprachen von einem „Dream-Team, Barça und Cruyff waren das Maß aller Dinge.

    In der folgenden Saison durfte Lucien Favre bei Johan Cruyff in Barcelona 15 Tage hospitieren. 15 Tage, die den Trainer Favre prägten, der sich schon als Spieler in die Spielphilosophie von Cruyffs Barça verguckt hatte. „Es war phantastisch! Cruyff war eine faszinierende Persönlichkeit. Der „Spiegel schreibt später, die Tage bei Cruyff seien Favres „Erweckungserlebnis" gewesen.

    Und das Training? Cruyff habe nie Standards geübt und auch nicht das klassische Verteidigen. Stattdessen: „Viel Passspiel. Einfache Übungen, Vier-gegen-Vier plus zwei Neutrale auf der Hälfte des Strafraumes. Er hat intensiv an der Qualität der Pässe gearbeitet: flach, präzise in den Lauf. Für mich ist die Qualität der Pässe sehr wichtig. Wie soll ich schnell spielen, wenn der Ball unsauber gespielt wird? Ronald Koeman konnte kurz und lang spielen. Bei gegnerischem Pressing hat er sofort lange präzise Pässe in die Spitze gespielt."

    Außerdem habe Cruyff intensiv die Ballbehauptung geübt. De facto habe er ohne Innenverteidiger gespielt, denn die, die dort nominell postiert waren, agierten wie Mittelfeldspieler. „Es ging stets um Ballbesitz und um das Herstellen von Überzahl. Er hat nie ein Training vorbereitet, um das Verteidigen zu üben. Auch keine Standards. Daran hatte er kein Interesse."

    Auch die beidfüßige Ausbildung seiner Spieler sei für Cruyff sehr wichtig gewesen. Denn „Beidfüßigkeit beschleunige das Spiel. „Die Spieler konnten schnell spielen und gleichzeitig sehen, was auf dem Feld vorgeht. Es hat weniger interessiert, wo der Ball ist, sondern wo die anderen sich hinbewegen. Spielintelligenz eben.

    Cruyff habe bei Barça das 3-4-3 erfunden. „Barça hat 3-4-3 gespielt, nicht 4-3-3 wie Ajax. Alle Jugendmannschaften spielten das System der Profis. Damals ein 3-4-3, nicht wie heute 4-3-3. Cruyff allein war es, der die Philosophie veränderte. (Cruyff hat häufiger sogar mit nur zwei Verteidigern gespielt, da sich Ronald Koeman im Mittelfeld herumtrieb.) Um so zu spielen, wie es Cruyffs Vorstellungen entsprach, müsse man über „eine unglaubliche Persönlichkeit verfügen: „Cruyff hat stur an seinem System festgehalten. Auch wenn der Gegner mit drei Stürmern antrat und somit außen einer fehlte."

    Pep Guardiola, der aktuelle Barça-Trainer, habe mit Cruyff viel gemeinsam. „Er war sein Spieler, die Nummer sechs vor der Abwehr. Aber er war vor allem ein fantastisch intelligenter Fußballer. Guardiola hat Cruyffs Philosophie perfekt verstanden. Auch Guardiola denke „keine Sekunde, wir müssen verteidigen.

    Ich frage Favre nach Cruyffs Definition eines „großen Klubs. Für Cruyff muss ein „großer Klub über eine einheitliche Spielphilosophie verfügen und offensiv spielen. Der Kern des Teams muss aus im Klub ausgebildeten Spielern bestehen, deren Spielweise sich die „Zugekauften anzupassen haben. Favre: „Die Etablierung einer einheitlichen Spielphilosophie ist extrem schwierig. Dazu bedarf es einer jahrelangen Kontinuität in der Ausbildung. Wer spielt in Europa nach einer einheitlichen Spielphilosophie? Barça, Arsenal und Manchester United – Real Madrid nicht, Ajax nicht mehr.

    Und wo ordnet Lucien Favre Johan Cruyff in der Geschichte des Weltfußballs ein? „Als Spieler war Cruyff einer der Größten – mit Beckenbauer und Pelé. Aber als Trainer hat Cruyff noch mehr gemacht. Er hat eine Philosophie entwickelt, die nicht nur Barça, sondern den gesamten spanischen Fußball beeinflusst hat: flach spielen und zwischen den Linien. Kombinationen, Ballzirkulation – das brachte er aus der Ajax-Schule mit. Wir wissen doch, dass es damals in Spanien richtig rustikal zugehen konnte. Dass Spanien nun Weltmeister geworden ist mit diesem schnellen, technischen Fußball, daran hat auch Johan Cruyff seinen Anteil. Für mich ist Cruyff im Konzert des Fußballs ganz nah an der Nummer eins."

    Ganz nah dran. Favre sagt nicht, wem der Thron gebührt. Vermutlich bleibt er vakant, und dies ist wahrscheinlich eine kluge Entscheidung. An der Nummer eins sind einige „nah dran", aber Cruyff, wenn man sein Gesamtwerk anschaut – sein Wirken als Spieler, sein Wirken als Trainer, vor allem aber seinen Beitrag zur Philosophie des Spiels –, vielleicht am allernächsten.

    *****

    Michel Jansen: Cruyff, van Gaal und das „typisch Niederländische"

    Ein trüber Morgen im November. Ich parke vor dem FBK-Stadion im niederländischen Hengelo. Neben mir stehen einige Kleintransporter der Fußballakademie des FC Twente Enschede, auf denen geschrieben steht: „Voetbal, Ambiance, Solidariteit". Unter der Regie seines visionären Präsidenten Joop Munstermann soll der FC Twente für die Region Twente werden, was der FC Barcelona für Katalonien ist – eben mehr als nur ein Klub. Der FC Twente soll Werte verkörpern.

    Die vereinseigene voetbalacademie ist im FBK-Stadion untergebracht; auf einem Nebenplatz trainiert im Nebel seit acht Uhr morgens die U19 des FC Twente. Derweil lässt sich eine Delegation des AIK Stockholm die Anlage zeigen. Seit einiger Zeit geben sich ausländische Klubs hier die Klinke in die Hand. Sie alle wollen mehr über das erfolgreiche Ausbildungskonzept des FC Twente erfahren, das grenzübergreifend wirkt. 20 bis 25 Prozent der Juniorenspieler kommen aus den deutschen Grenzregionen. Die Fortbildungsveranstaltungen des FC Twente werden auch von vielen deutschen Juniorentrainern besucht.

    Nach dem ersten Training der Jugendmannschaften herrscht in den engen Gängen, Kabinen und Büroräumen der Akademie großes Gedränge. Es riecht nach Arbeit und Kommunikation. Ich treffe mich mit Michel Jansen, dem Kopf der Nachwuchsausbildung des FC Twente. Den Capuccino gibt es im Pappbecher aus einem Automaten. Als Ort für unser Gespräch wählt Jansen einen benachbarten Pavillon.

    In den Tagen vor unserem Treffen gab es in den Niederlanden nur ein Thema: den „kalten Krieg zwischen Johann Cruyff und seinen vier Aufsichtsratskollegen bei Ajax, die im Alleingang Cruyffs Erzkonkurrenten Louis van Gaal zum Generaldirektor gekürt hatten. Michel Jansen spricht aus, was nicht wenige denken: dass Cruyff und van Gaal eigentlich ein Traumduo darstellen könnten. Beide seien großartige Trainer. Natürlich gebe es auch Unterschiede. Cruyff würde stärker das Individuum sehen und die individuelle Ausbildung betonen. Van Gaal richte sein Augenmerk vorrangig auf die Mannschaft und deren Funktionstüchtigkeit. Und wo für van Gaal Organisation und Disziplin von großer Bedeutung seien, räume Cruyff vielleicht der Intuition und Kreativität mehr Raum ein. Nach dem Motto: „Lass es mal laufen. Wird schon.

    Eigentlich könnten sich Cruyff und van Gaal hervorragend ergänzen und eine ideale Mischung bilden. Wenn man sich gegenseitig respektieren würde. „Aber man muss gemeinsam durch eine Tür gehen. Das können sie nicht." Leider würden Cruyff und van Gaal stets lieber über ihre Differenzen als über ihre Gemeinsamkeiten reden.

    Michel Jansen ist ohnehin der Überzeugung, dass die beste Trainerkonstellation folgendermaßen aussehe: Trainer Nr. 1: ein Ex-Profi, der auf höchstem Niveau gespielt hat. Der die Kabine kennt und weiß, wie Profis ticken. Und dessen Arbeit von Erfahrung und Intuition geleitet wird. Trainer Nr. 2: ein mehr wissenschaftlich orientierter und taktisch versierter Arbeiter. Ein solches Duo hätten beim FC Barcelona der ehemalige Weltklassespieler und Europameister Frank Rijkaard und der ehemalige niederländische Amateurnationalspieler Henk ten Cate gebildet. (Zuvor war ten Cate in Deutschland als Cheftrainer von Bayer Uerdingen gescheitert. Und Frank Rijkaard als Cheftrainer von Sparta Rotterdam.)

    Die Auseinandersetzung Cruyff versus van Gaal sei typisch für die Niederlande. „Das war schon früher so, wo sich Wiel Coerver und seine Schule und der KNVB mit Rinus Michels gegenseitig bekämpften, anstatt ein gemeinsames Paket zu schnüren. Coerver betonte die individuelle technische Ausbildung, beim KNVB stand das Vier-gegen-Vier im Zentrum."

    In den Niederlanden wird unverändert konsequent nach dem 4-3-3 ausgebildet. Laut „Voetbal International" spielten am Wochenende vor unserem Gespräch von den 18 Mannschaften der niederländischen Eredivisie 14 im 4-3-3. Wobei zu berücksichtigen ist, dass dieses System unterschiedlich interpretierbar und flexibel zu handhaben ist; beispielsweise könne man mit einer Sturmspitze starten, aus der dann ein Dreier-Angriff werde, indem Mittelfeldspieler als Flügelstürmer agieren. Für die Ausbildung in den Niederlanden bedeutet die 4-3-3-Tradition, dass das Land seit vielen Jahren erstklassige Offensivspieler, vor allem Flügelstürmer produziert.

    Natürlich wird auch beim FC Twente nach dem 4-3-3 ausgebildet. Und wie Cruyff, so erläutert Michel Jansen, legt man zunächst die Betonung auf die individuelle Ausbildung. Bis zum 16. Lebensjahr sei das Ergebnis nebensächlich, erst ab der U17 gehe es auch darum, wie man als Mannschaft den Sieg organisiere.

    Ich frage Michel Jansen, ob die Niederlande vielleicht – auch wegen der Cruyff’schen Philosophie – allzu lange zu wenig Wert auf das Erlernen des Verteidigens gelegt habe? Jansen verneint dies: „Unsere Philosophie hat uns dorthin gebracht, wo wir heute sind. Wir sind ein kleines Land, aber bei fast jeder WM und EM mit dabei. Ohnehin meine „Verteidigen in den Niederlanden etwas anderes als das, was wir damit in Deutschland traditionell verbinden. Denn eigentlich geht es nicht um Verteidigen, sondern um Balleroberung. Der niederländische Spieler, der den Ball verliert, will nicht in erster Linie ein Gegentor verhindern, sondern das Spielgerät zurückhaben. Verteidigen ist eine aktive, auf die Balleroberung gerichtete Aktion, kein einfaches Stellen des Gegners. Mit anderen Worten: Auch beim Verteidigen wird angegriffen.

    Für Michel Jansen können die Niederlande noch besser werden. Aufgrund ihrer Ausbildung wollten sie immer den Ball haben, hörten aber nach Ballverlust häufig auf zu spielen. Wenn sie dieses Manko abstellen würden, dann könnten sie einen weiteren großen Schritt nach vorne machen. Eine Mannschaft, die dies bereits beherrsche, sei der FC Barcelona. Barças Spieler wollten den Ball stets wiederhaben. „Wo der Ball ist, sind sie mit einem Spieler in Überzahl. Das geht natürlich nur, wenn alle mitmachen und man sich gegenseitig hilft. Wenn die Rückeroberung nicht gelingt, haben sie natürlich ein Problem, weil sie an anderer Stelle ein Mann weniger sind. Aber was soll es! Mit diesem Risiko kann man leben."

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    Erik Meijer, Peter Hyballa, Eric van der Luer: Lernen von den Niederlanden?

    Im August 2011 ist die Fußballsaison noch jung. Beim Zweitligisten Alemannia Aachen werden die sportlichen Geschicke von einem niederländisch-deutschen Trio geleitet: Erik Meijer (Manager), Peter Hyballa (Cheftrainer) und Eric van der Luer (Co-Trainer). Alle drei stammen aus dem Grenzgebiet – Hyballa aus dem westfälischen Bocholt, Meijer und van der Luer aus Meerssen bzw. Maastricht in der Provinz Limburg. Und alle drei haben ihre eigene Sicht auf Johan Cruyff.

    Für Peter Hyballa (Jahrgang 1975) ist Alemannia Aachen die erste Station im Profigeschäft. Als Hyballa am Tivoli anheuert, ist er mit 34 Jahren der jüngste Trainer im deutschen Profifußball und verfügt über keine Erfahrungen im Seniorenbereich. Aber er hat sich bereits einen Namen gemacht, als Coach der U19-Teams des VfL Wolfsburg und von Borussia Dortmund. Und seine erste Saison bei Alemannia verlief recht vielversprechend; mit einer jungen Mannschaft erreichte man Platz zehn, und im DFB-Pokal unterlag man erst im Viertelfinale dem von Louis van Gaal trainierten Pokalverteidiger Bayern München.

    Peter Hyballa ist zu jung, um den Spieler Johan Cruyff live erlebt zu haben. Aber einen intensiven Bezug zu Cruyff hat er trotzdem. Hyballas Vater war Seemanns-Pastor in Rotterdam, seine Mutter Deutsche. In Bocholt ist Hyballa zweisprachig aufgewachsen. Schon früh entwickelte er ein Interesse am niederländischen Fußball, reiste als Jugendlicher nach Arnheim und Rotterdam, um Vitesse und Feyenoord zu sehen.

    Die Ajax-Schule war damals auch in Deutschland in aller Munde, aber niemand wusste so richtig, was das ist. Hyballa: „Also fuhr ich hin und schaute es mir an. Er schrieb seine Magisterarbeit über die niederländische Nachwuchsarbeit und veröffentlichte später – gemeinsam mit Hans-Dieter te Poel – ein viel beachtetes Buch zu diesem Thema: „Mythos niederländische Nachwuchsarbeit. Der „Fußball total wurde zu einer „Inspirationsquelle für den jungen Fußballtrainer. Hyballa: „Die Diskussionen gehen immer um Visionen. Ich will Profifußball schmecken, ich will ’ne Show haben."

    Für Peter Hyballa ist Cruyff der „Vater des Offensiv- und Zirkulationsfußballs: „Wovon schwärmt die Fußballwelt seit Jahrzehnten? Antwort: vom Ajax-Modell und nach der WM 2010 vom ‚Ableger’ La Masia in Barcelona. Zwei Fußballschulen, die auf Johan Cruyff zurückgehen. Und zu Cruyffs Persönlichkeit: „Große Trainer und große Schriftsteller sind etwas schwierig. Wenn du ästhetischen Fußball liebst und ein Programm hast, mobilisierst du immer Neider und Kritiker – und dann wehrst du dich."

    Hyballas Co-Trainer Eric van der Luer (Jahrgang 1965) begann seine Karriere als Profispieler 1982 bei MVV Maastricht und wechselte 1987 zu Roda JC Kerkrade, wo er unter anderem unter den Trainern Huub Stevens und Martin de Jol 418 Spiele in der Eredivisie bestritt. Seine Profikarriere ließ er bei Alemannia Aachen ausklingen. 2010 absolvierte van der Luer einen Lehrgang an der berühmten niederländischen Trainerschmiede in Zeist und hospitierte in München bei Landsmann Louis van Gaal.

    Mit Eric van der Luer spreche ich zunächst über den sensationellen Einfluss, den die Niederlande seit den späten 1960ern auf den Weltfußball ausgeübt haben. Wie erklärt sich das? Es hat wohl auch mit einem ausgeprägten Pioniergeist, Abenteuerlust und einem gewissen Hang zum Missionieren zu tun. Van der Luer: „Die Niederlande sind ein kleines Land – und doch wieder nicht. Wir haben nur 200 Kilometer Küste und sind trotzdem ein Volk von Seefahrern. Überall, wo Wasser ist, sind die Niederländer gewesen. Unsere Vorfahren sind auf Holzbooten bis nach Indonesien gereist, Holländer haben New York gegründet, und in Südafrika spricht ein Teil der Bevölkerung noch immer Holländisch. Und überall auf der Welt lehren niederländische Trainer."

    Für Eric van der Luer steht Johan Cruyff für den starken Ausbildungsgedanken im niederländischen Fußball: „Die Jugend ist immer sein Thema gewesen. Auch jetzt wieder in Amsterdam." Van der Luer ist selber in ein Cruyff’sches Ausbildungsprojekt involviert: Die von der Johan Cruyff Foundation geförderten sogenannten Cruyff Courts, kleine Kunstrasenfelder mit kleinen Toren, die inmitten dicht besiedelter Gebiete gebaut werden und auf denen der gute alte, die Technik schulende Straßenfußball zelebriert werden soll. Van der Luer betreut einen solchen Cruyff Court in der Region Maastricht / Kerkrade.

    Für ein kleines Land wie die Niederlande habe eine Figur wie Cruyff „eine riesige Bedeutung. Dass er umstrittener sei als hierzulande der „Kaiser Franz Beckenbauer, führt van der Luer auf zwei Faktoren zurück: die deutsche Boulevardpresse, namentlich die „Bild"-Zeitung, und den Widerspruchsgeist der Niederländer, die stets alles und jeden hinterfragen würden.

    Cruyff, Pelé und Beckenbauer werden häufig in einem Atemzug genannt. Ich frage van der Luer nach den Unterschieden: „Cruyff agiert, Beckenbauer und Pelé reagieren. Cruyff hat eine Idee, und diese setzt er durch. Beckenbauer und Pelé hätten keine eigene Philosophie vom Fußball. Für welchen Fußball der „Kaiser steht, bleibt in der Tat nebulös. Außerdem rede Cruyff „viel mehr über die Sache Fußball als Pelé und Beckenbauer. Cruyff hört man zu. Es ist nicht immer leicht, ihn zu verstehen. Aber dann merkt man doch: Was er sagt, hat Hand und Fuß. Alles, worüber er sich Gedanken gemacht hat und was dann in die Praxis gebracht wurde, verlief positiv."

    Was die Leute häufig vergessen würden: Cruyffs Spielphilosophie starte mit etwas Unattraktivem: dem Organisieren. Am Anfang des Vormarsches stehe „die Organisation des gegnerischen Ballverlustes. De facto stünden in diesem Moment sechs defensive und vier offensive Spieler auf dem Feld. Im Übrigen habe die niederländische Nationalmannschaft von 1974 mit richtigen Verteidigern gespielt: „Hulshoff und Suurbier waren Leuten, denen du nicht mitten in der Nacht in einer dunklen Straße begegnen wolltest.

    Auch bei Barcelonas Coach Pep Guardiola würde oft der defensive Inhalt des Konzepts vergessen. Beim „Fußball total" würde immer nur darüber geredet, dass die Verteidiger auch stürmen. Und nur wenig darüber, dass die Stürmer und Mittelfeldspieler auch verteidigen.

    Cruyffs aktuelle Kritik an der Ausbildung bei Ajax Amsterdam sei völlig korrekt. Früher habe man z. B. gezielt „linke Verteidiger ausgebildet. „Alles war im hauseigenen Arsenal vorhanden. In den letzten Jahren musste man Positionen mit mittelmäßigen, aber teuren Einkäufen besetzen.

    Skeptischer beurteilt Erik Meijer, der Dritte meiner Aachener Gesprächspartner, die Person Cruyff. Meijer (Jahrgang 1969) ist als Spieler viel herumgekommen, spielte beim PSV Eindhoven, beim KFC Uerdingen, bei Bayer Leverkusen, dem FC Liverpool, dem Hamburger SV und zum Schluss bei Alemannia Aachen, wo man ihn dann für die Position des Geschäftsführers Sport verpflichtete.

    Wenngleich er Johan Cruyff nicht den Respekt verweigert, macht Meijer keinen Hehl daraus, dass er kein großer Freund seiner Persönlichkeit ist. Cruyff kritisiere viel, wolle aber nie Verantwortung übernehmen. Er habe viele Jahre immer andere vorgeschickt, „seine Adjutanten: Ronald de Boer, Marco van Basten – Leute, die er groß gemacht hat".

    Für den Jugendlichen Erik Meijer allerdings war Cruyff „ein Trendsetter – einer, der gegen die Strömung schwamm; der nach links marschierte, als alle anderen nach rechts gingen. Auf dem Spielfeld wie in der Gruppe." Fußball sei „ein egoistischer Teamsport. Jeder kämpft um seinen Platz im Team, um seinen Vertrag. Und gleichzeitig muss man gemeinsam

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