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Tränenrot: #MitteldeutschlandTHRILLER

Tränenrot: #MitteldeutschlandTHRILLER

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Tränenrot: #MitteldeutschlandTHRILLER

Länge:
297 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 30, 2021
ISBN:
9783958132351
Format:
Buch

Beschreibung

Gleich ihr erster Streifendienst stellt die jungen Polizistinnen Sophie Schellenberg und Nicole Wolff vor gewaltige Probleme. Als sie auf dem Parkplatz eines halleschen Einkaufscenters eine Leiche im Kofferraum eines PKWs finden und auf eigene Faust einem Verdacht folgen, ahnen sie nicht, was es mit dem Italiener Luca Pacano auf sich hat. Sophie hat sich ausgerechnet in ihn verliebt. Schnell geraten sie immer tiefer in die Fänge der Mafia, werden mit Schutzgelderpressung und Drogen konfrontiert. Schließlich erhalten sie ein "Angebot, das sie nicht ablehnen können": Durch Informationen aus der kriminellen Szene würden sie schnell Polizeikarriere machen, wenn sie sich auf die Seite der Familie Pacano stellen. Die beiden Freundinnen bitten um Bedenkzeit, obwohl Nicole zu diesem Zeitpunkt bereits Lucas Freund Rajko verfallen ist. Als sie eine Party besuchen, auf der sie Luca und Rajko treffen, eskaliert die Situation. Das, was dann passiert, übersteigt ihr Vorstellungsvermögen: Im Strudel des Bösen werden sie selbst von Jägerinnen zu Gejagten …
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 30, 2021
ISBN:
9783958132351
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Tränenrot

Titel in dieser Serie (29)

Buchvorschau

Tränenrot - Ralf Gebhardt

anzupassen.

Prolog

»Du sollst Gerechtigkeit haben. Eines Tages, und dieser Tag wird vielleicht niemals kommen, werde ich dich bitten, mir dafür einen Gefallen zu tun.«

(Don Vito Corleone, in »Der Pate« von Mario Puzo)

Sie hörte und fühlte jeden ihrer schnellen Herzschläge. Aber Sophie konnte sich weder beruhigen noch ihre Augen öffnen. Die Kopfschmerzen trafen sie in kurzen Wellen wie das Auf und Ab einer Sirene. Ihre Haut kribbelte unangenehm.

Was für ein fürchterlicher Alptraum!

Sie ballte ihre Fäuste und unterdrückte ihre Tränen.

Dichtung oder Wahrheit?

Erst jetzt bemerkte sie, dass alle Heizkörper-Thermostate voll aufgedreht waren, mitten im Mai: Schweiß hinterließ salzige Spuren auf ihrer Haut.

Zumindest bin ich in meiner eigenen Wohnung. Ich muss auf Arbeit. Und zwar JETZT!

Sophie setzte sich auf. Es gelang erst im dritten Versuch. Ihre Zunge schien auf die doppelte Größe angeschwollen zu sein. Sie vermied es, zu schlucken, denn das schmeckte abartig bitter. Draußen war es bereits hell, unmöglich zu sagen, wie spät es war.

Nachdem sie ihre Beine aus dem Bett geschwungen und auf dem Boden aufgesetzt hatte, schrie sie und riss die Augen auf. Scherben eines dünnen Glases bohrten sich tief in ihre Fußsohlen. Der weiße Fellteppich und das Bettlaken, auf das sie sich instinktiv zurückzog, färbten sich dunkelrot.

Verdammte Scheiße! Sieht aus wie ein kaputtes Weinglas!

Sie zog die Splitter heraus und stand unter Schmerzen auf. Ihre Füße hinterließen blutige Abdrücke.

Wie soll ich da in meine Schuhe kommen? Ich muss mich saubermachen.

Als sie die Taschentücher-Box vom Beistelltisch nehmen wollte, sah sie die offenstehende Balkontür.

Habe ich vergessen, sie abends zu schließen?

Hätte sie nicht aufgepasst, würde jetzt eine Beule ihren Kopf zieren. Sie zitterte, schob die Tür zurück, riss einige Papiertücher heraus und wischte damit über ihre zerschnittenen Füße. Plötzlich hielt sie inne und schrie erneut. Auf dem Tisch stand ein weiteres Glas. Unbeschädigt.

Zwei Weingläser? Bin ich allein?

Sie versuchte, sich zu sammeln.

Das ist doch meine Wohnung! Oder ist da noch jemand?

Im Flurspiegel betrachtete sie sich einen Moment. Einen Pyjama trug sie sonst nicht, wohl aber einen Slip. Sie hielt sich fest und blickte auf eine Zigarettenkippe neben der Tür.

Meine letzte Zigarette hatte ich vor mehr als acht Jahren!

Als sie daran roch, beschleunigte sich ihr Herzschlag.

Süß. Ist das Gras? Mist!

Angeekelt warf sie die Kippe zurück auf den Boden und versuchte, sich zu konzentrieren. Denk nach, verdammt! Du bist Polizistin, also handle auch so!

Sie sah sich prüfend um und lief dann zum Bad, um ihre Füße zu versorgen. Die Badtür stand offen. Sie wusste nun, dass sie allein in der Wohnung war. Zumindest das war beruhigend. Sie ging zurück zum Schlafzimmer und betrachtete das zerwühlte Bett. Als sie die Decke zur Seite schob, erblickte sie verwundert einen schmalen roten Slip.

Aber ich besitze doch nur schwarze Unterwäsche! Was zum Teufel ist hier los?

Sie durchstreifte erneut ihre Wohnung. Schließlich bemerkte sie einen Zettel, unter der Tür durchgeschoben. Ihr Kopf schmerzte, sie hatte Angst, umzufallen. Es brauchte einige Versuche, die Nachricht aufzuheben.

»Bitte keine späten Feten mehr, klar? Bei dem Lärm kann ja kein Mensch schlafen. Es grüßt ein besorgter Nachbar.«

Fete?

Sie knüllte den Zettel zusammen und warf ihn in Richtung der Kippe. Für einen Moment presste sie die Hände vor die Augen. Sie hörte den Puls in ihren Ohren wummern.

Was für eine Fete? Ich verstehe das nicht, habe doch gestern nur wenig getrunken. Sophie sah auf die Uhr.

7:54 Uhr, mein erster Sonntagsdienst und ich komme zu spät. Wo ist mein Handy?

Es lag in der Ladeschale neben dem Bett. Erleichtert griff sie danach und ging ins Bad, klappte den Deckel der Toilette hoch und setzte sich. Sie zitterte.

Tief durchatmen, befahl sie sich.

Ich muss mich beruhigen und zu Kräften kommen!

Lautlos wiederholte sie die Sätze, wie ein Mantra. Dann öffnete sie die Nachrichten-App. Vielleicht sollte ich zum Arzt? Beruhige dich, Kleines. Sag wie ein Profi einfach Bescheid, dass du später kommst, okay?

Sie scrollte durch die Kontakte, bis sie die Nummer des Dienststellenleiters gefunden hatte.

In drei oder vier Stunden müsste ich doch wieder fit sein!

Gerade als sie ihre eigenen Gedanken bestätigt hatte und eine Entschuldigung schreiben wollte, fiel ihr Blick auf die letzte Nachricht im Chat-Verlauf.

Heute früh, 4:17 Uhr: »Tut mir leid, kann heute nicht zum Dienst, bin früh erst mal zum Doc. Melde mich, Sophie.«

Versendet um 4:17 Uhr.

Was? Meine Nachricht? Wer hat das geschrieben? Das Handy ist doch immer gesperrt! Plötzlich flimmerte es vor ihren Augen. Sie ließ sich langsam nach vorn sinken, um sich auf Händen und Füßen abzustützen. Das Zittern wurde heftiger, sie schlug die Zähne aufeinander, hechelte wie ein Hund. Das letzte Stück vom Profi in ihr analysierte die Situation.

Da hat JEMAND meinen Fingerabdruck genutzt. Während ich schlief. Hat das Handy entsperrt. Und Nachrichten geschrieben. JEMAND trägt rote Unterwäsche. JEMAND feiert nachts …

Ihre Arme knickten ein, ihre Beine rutschten hilflos zur Seite, als wären die Fliesen voller Seife.

Noch bevor sie ein Weinkrampf erfasste, erbrach sie sich heftig. Sie schloss die Augen und versuchte, den stechenden Geruch zu ignorieren.

Ich trage keine rote Unterwäsche, ja? Das müsst ihr mir wirklich glauben! Und habe ich euch schon gesagt, dass ich heute nicht zur Arbeit kommen kann?

Sie schluchzte.

Ach ja, das wisst ihr ja schon …

Dann wurde es schwarz um sie.

Eins

Er bemerkte den geparkten Streifenwagen und die wartende Polizistin.

Verdammt! Sitzt er da hinten auf der Rückbank? Komme ich zu spät?

Rajko verlangsamte seine Schritte, blieb stehen und bückte sich. Er genoss das Weiß seiner neuen Nike-Schuhe, band die Schnürsenkel fester und nutzte die Gelegenheit, sich umzusehen.

In dem Moment, als die Polizistin sich abwandte, um die andere Seite der Halleschen Sternstraße im Auge zu behalten, nahm er die kleine Treppe zur Kneipe in einem Schritt und trat ein.

»Guten Tag.« Er nickte in Richtung Theke und setzte sich an einen der runden Tische an der halbhoch dunkel-getäfelten Wand. Die kurze Zeit genügte, um sich einen Überblick zu verschaffen, zumal er der einzige Gast war.

»Bin gleich bei Ihnen«, rief der Wirt aus dem Halbdunkel.

Rajko griff zu der in Leder gebundenen Speisekarte. Kurz nach 14 Uhr, die Mittagszeit ist eigentlich vorbei. Er blätterte.

Geschickt, die eine steht hier drin und befragt den Wirt, die andere bleibt draußen, um ihr den Rücken freizuhalten. Respekt.

Ihm entging nicht, wie hübsch die zweite Polizistin war. Angenehm schlank, selbst die Uniform konnte ihre Maße nicht verbergen. Als sie sich zu ihm drehte und in seine Richtung kam, hatte er Mühe, gleichmütig zu gucken.

»Guten Tag, auch wenn Sie gerade erst gekommen sind, darf ich Sie was fragen?«

Verdammt, ist die jung!

»Guten Tag, gern. Sie dürfen.« Er lächelte und unterdrückte die Geste, ihr einen Platz anzubieten.

»Ist Ihnen etwas aufgefallen, draußen oder beim Betreten des Lokals?«

Du bist mir aufgefallen!

Er zählte still bis sieben.

»Nein, nicht, dass ich wüsste. Was meinen Sie?«

»Danke, das reicht mir schon, wir suchen Zeugen, nichts Konkretes. Schönen Tag noch.«

Sie klappte den Notizblock zu.

»Tja, also wenn Sie keine Anzeige erstatten wollen, dann schönen Tag noch.« Ihre Abschiedsworte galten dem Wirt. »Auf Wiedersehen.«

Und wir sollten uns wiedersehen. Eine Polizistin hatte ich noch nie. Und dann gleich so eine!

»Sorry für die Verwirrung. Was darf’s denn sein?«

»Ein Pils. Was ist passiert?«

»Nichts, kein Grund zur Sorge.«

Nichts? Und der Streifenwagen vor der Tür?

Rajko nutzte die Wartezeit, um sich gründlich umzusehen. Die Einrichtung war alt, aber sauber. Wie die Wandverkleidung war auch der Tresen aus dunklem Holz. Nur jede zweite Deckenlampe brannte und verbreitete ein schummeriges Licht. Die Regale mit den Bierkrügen und gerahmten Fotos von Halle blieben dezent im Hintergrund. Es schien, als wäre die Zeit stehen geblieben.

»Dann zum Wohle.«

Er nickte dankbar, setzte das Glas an.

»Wollen Sie auch was essen?«

Hättest du mich eigentlich gleich fragen können. Ist der Wirt verwirrt?

Die Redewendung gefiel ihm. Er lächelte.

»Hm. Was können Sie empfehlen?«

»Schnitzel mit Blumenkohl. Alles Bio, selbst die Kartoffeln sind hier aus der Region. Unser Montags-Special.«

»Klingt gut, nehme ich.«

Solide Hausmannskost.

Rajko hielt einen Moment die Luft an, als der Wirt mit einem karierten Lappen über den Tisch fuhr. Er hasste feuchte Tücher wie die Pest, denn zumeist hatten sie einen stechenden Geruch. Dieses zum Glück nicht.

Deine Jeans und das weiße Hemd, das sich da über dem Bäuchlein spannt, haben schon bessere Zeiten gesehen, mein Lieber.

Er schätzte den Wirt auf Anfang 50.

»Und, die Polizei?« Seine Finger hatten den Henkel des Bierglases umfasst.

»Ach, nichts Besonderes. Der Streife kam das an die Tür gelehnte Fahrrad seltsam vor. Da sind sie reingekommen. Ein junger Kerl wollte Geld von mir. Ein äußerst unfreundlicher Schwachkopf. Sie haben ihn gleich mitgenommen.« Er winkte ab. »Aber machen Sie sich keine Sorgen.«

Keine Sorgen?

»Ich lasse Sie kurz allein, gebe hinten in der Küche wegen dem Essen Bescheid, okay?«

Verdammter Mist! Und genau dafür hat mich der Chef angesetzt.

Er lehnte sich zurück, verfolgte fast eine Minute den Sekundenzeiger der Wanduhr, bevor er einen weiteren Schluck Bier nahm. Es schmeckte bitterer als in der Heimat, war aber besser als nichts.

Er blätterte in der Tageszeitung, ohne wirklich zu lesen.

Guck, ob er was taugt, ob wir ihn einsetzen können! Das hatte der Chef gesagt.

Die jungen Kerle haben die große Fresse, denken, dass sie die Helden sind. In ihrer Heimat beklauen sie Touristen oder spielen dafür Handlanger. Klar, irgendwann muss man den nächsten Schritt wagen, und das, bevor sie strafmündig werden. Trotzdem ist es schwer, gutes Personal zu finden. Die heutige Prüfung hat er leider nicht bestanden. Ich rede mit ihm, vielleicht kann ich ihm etwas beibringen.

Seine Gedanken wurden unterbrochen, als der Wirt zurückkam und einen Steinkrug mit in Servietten gewickeltem Besteck auf den Tisch stellte.

»Essen kommt gleich, dauert nicht mehr lange. Noch eins?« Er deutete auf das fast leere Glas.

Rajko zögerte.

»Ein kleines. Der Tag ist ja noch jung.« Er trank den letzten Schluck. »Hat er Sie bedroht?«

Der Wirt schien überrascht, senkte den Blick. »Nicht mit einer Waffe, nein. Eher verbal.« Seine Haut verfärbte sich ungesund, wurde fleckig. Unmittelbar darauf fuhr er sich mit der Hand über den Hemdkragen. »Aber lassen Sie uns das Thema wechseln. Sie sind auf der Durchreise?«

»Wie man es nimmt, vielleicht bleibe ich länger.«

»Das ist gut. Halle ist die grünste Stadt Deutschlands. Wird Ihnen gefallen. Bier kommt auch gleich. Tut mir leid, das von eben.«

In Wirklichkeit meinst du wohl eher, wie unangenehm es dir ist, dass ich es mitbekommen habe. Aber weißt du, was mir leidtut? Dass der Junge seinen Job nicht zu Ende geführt hat!

Rajko beobachtete, wie der Wirt mit zitternden Fingern ein Glas aus dem Wandregal nahm, nachpolierte und dann erst das Bier zapfte.

Hm, die beiden Polizistinnen scheinen mir ein gutes Team zu sein, professionell, gefällt mir. Ich hoffe, dass wir nie Stress miteinander bekommen. Aber ich behalte euch im Auge, versprochen. Und nicht nur ihr arbeitet im Team, liebe Bullen, nicht nur ihr! Oder sollte ich sagen: Bullinnen?

»So, dann lassen Sie es sich mal schmecken.«

»Oh, danke Ihnen!« Er hatte nicht bemerkt, dass der Wirt zurückgekommen war. Rajko sah ihm nach, als er zur Theke ging.

Du wirst mich schon bald anflehen, dein verdammtes Geld anzunehmen, glaube mir!

»Haben die Polizistinnen gesagt, was sie mit dem Jungen machen?«

»Nein, der hat ja nur rumgepöbelt, nichts Konkretes. Sie nehmen ihn mit, wollen seine Personalien überprüfen.«

»Na dann.«

Rajko warf einen Blick auf die scharfen Bügelfalten seiner Hose, bevor er zu Messer und Gabel griff.

Das hört sich gut an. Der Junge verdient eine zweite Chance. Wir kommen später zurück, beide. Dann, mein lieber Wirt, sprechen wir in aller Ruhe darüber, was dir dein Schutz wert ist.

Zwei

Es sollte sich besser anfühlen. Doch jetzt lag alles im dumpfen Grauschwarz, zersetzt mit den Lichtern der Straßenlampen. Ein dünner Nieselschleier schluckte viel vom blinkenden Blaulicht.

»Du hattest wohl einen lauschigen Sommerabend erwartet statt einem Ausläufer der Eisheiligen?« Nicole bekam keine Antwort. Sie bohrte weiter. »Auch wenn es ein langer Tag war, ich sehe das doch, dass mit dir was nicht stimmt. Also raus damit, was bedrückt dich, Sophie?«

»Na ja, bedrücken ist vielleicht das falsche Wort, aber ich muss immer noch an den Jungen von heute Mittag denken.«

»Doch nicht etwa an den Schutzgeldeintreiber aus der Kneipe?«

»Ja. Wir hätten ihn nicht gleich mitnehmen sollen.«

»Sag mal, spinnst du?« Das Lächeln von Nicole verschwand.

»Nein, im Ernst. Wer weiß, vielleicht hat man ihn gezwungen. Er ist minderjährig, fast noch ein Kind. Bestimmt hat er nicht nachgedacht.«

»Jetzt mal stopp, Weltretterin, niemand fängt eine Verbrecherkarriere erst mit 18 Jahren an! Schutzgelderpressung ist nun wirklich keine Kleinigkeit, kein Kavaliersdelikt. Der Haftrichter wird entscheiden, was passiert. Wir haben das Richtige getan.«

»Und wenn wir erst mal nur in Ruhe mit ihm geredet und ihn belehrt hätten? Bestimmt steckt viel Gutes in ihm.«

»Nein, das bringt nichts. Wir sorgen für Recht und Ordnung. Das ist unsere Aufgabe.« Nicole schüttelte den Kopf. »Manchmal habe ich das Gefühl, dass du zu weich für diese Welt bist, Sophie. Du musst unbedingt strenger werden, sonst kannst du dich nicht mit der dunklen Seite der Macht anlegen!« Und nach einer kurzen Pause: »Dafür gibt es übrigens das Jugendstrafrecht. Nur so, falls dich das tröstet.«

»Verdammt, du hast ja recht.« Sie zögerte. »Aber ich werde dennoch versuchen, mit ihm zu reden. Wenn wir seine Gründe wissen, können wir ihm vielleicht helfen, ein besserer Mensch zu werden.«

»Tu, was du nicht lassen kannst. Wenn sie dich überhaupt zu ihm lassen. Aber pass auf, dass es nicht zu persönlich wird. Und jetzt«, sie hob die Stimme, »sollten wir uns auf den Einsatz konzentrieren, zu dem wir gerade unterwegs sind. Auch wenn es langweilig wird.«

»Schon gut, aber du brauchst es nicht schönzureden, ich wette nicht mit dir.«

»Langweilig.«

Der Regen nahm zu und die Intervalle des Scheibenwischers wurden kürzer. Das Wasser spritzte bis an die Seitenscheiben, als sie durch eine Pfütze fuhren.

»Wir wollten doch öfter mit großer Kapelle fahren, wenn wir mit der Funkstreife unterwegs sind.«

Sophie war sich nicht sicher, ob der Satz ihrer Freundin eine Frage oder eine Aussage war. Sie sah weiter auf die Fahrbahn und drückte die Taste für die Sirene, um sie kurz darauf wieder auszuschalten.

»Hast ja recht, leerer wird die Straße nicht. Will ja keiner raus, in diese verregnete Hässlichkeit.«

Nicole schob ihre Füße auf das Armaturenbrett. »Hättest du mal bei Dienstbeginn meine Wette angenommen.«

»Pff, wirst sehen, das ist wieder ein stinklangweiliger Einsatz.«

»Also doch noch eine Wette?«

»Vergiss es. Ich bin froh, dass wir überhaupt allein fahren durften, ohne die sonst übliche Begleitung durch die alten Hasen, sind ja erst ein paar Monate dabei. Die Umsetzung der Frauenquote erweist sich hier als Glück für uns. Ohne die hieße es auf unbestimmte Zeit: Willkommen im langweiligen Innendienst! Das Aufregendste, was Sie erleben, meine Herrschaften, ist das Anspitzen Ihrer Bleistifte.«

In der Zwischenzeit überquerten sie den Riebeckplatz und fuhren weiter auf der B 6. Nicole sah kurz aufs Handy. »Noch ungefähr zwei Kilometer, dann links.«

»Und wenn wir einfach weiterfahren, dann sind wir in gut 30 Minuten in Leipzig. Was meinst du?« Sie blickten sich für einen Moment in die Augen und nickten synchron.

»Aber wir haben uns nun mal für diese wunderschöne Stadt entschieden.«

Ja, und man hat uns zum Dank einen Streifenwagen verpasst, der nach all den Dienstjahren wie das Zuhause eines nassen und filzigen Bettvorlegers muffelt!

»So, hm, was ist denn nun hier so schön?« Wieder ein gleichzeitiges Nicken als Zeichen, dass das Ganze nicht so ernst gemeint war.

»Halle ist toll, immerhin nennt sie sich Saale-, Salz- und Händelstadt.«

»Verschon mich damit. Davon habe ich noch nichts gesehen. Oh verdammt …« Sophie bremste hart. Ein Bus vom Schienenersatzverkehr war, links vom Bahnhof kommend, eingebogen. Der Busfahrer setzte umgehend den Blinker und fuhr an den Straßenrand. Er hob entschuldigend die Hände. Nicole streckte den Mittelfinger nach oben.

»Na, du wirst doch nicht …?«

»Was? Doch, die Sirene wieder einschalten.«

Sie beschleunigten und nutzten beide Fahrbahnhälften, um schneller voranzukommen.

»Gleich siehst du links ein Einkaufscenter, dort bitte auf den Parkplatz.«

Sophie erinnerte sich an die Ansage der Leitstelle: aufgebrochener PKW mit eingeschalteter Warnblinkanlage.

»Da vorn muss es sein.« Sie fuhr langsamer und warf dabei einen Blick auf die Uhr. Mitternacht lag seit mehr als drei Stunden hinter ihnen.

»Da!« Im gleichen Moment stellte ihre Freundin die Sirene wieder aus. Sie rollten auf das blinkende Auto zu.

»Ich bin hinter dir.«

»Toll, so stellt sich wohl jeder Polizeischüler vor Ende des Studiums seinen ersten unbeaufsichtigten Einsatz vor.«

»Genau, wie im Film, Streifenfahrt mit Einlage.«

Sie stiegen zeitgleich aus und legten jeweils die rechte Hand auf ihre Pistolen. Die Warnblinkanlage zauberte ein zuckendes Licht über die Reste der eingeschlagenen Scheiben.

»Uff, hier an der Bundesstraße ist man schnell wieder weg. Ruck zuck in jede Richtung.« Nicoles Blick verweilte kurz an der Tankstelle und auf den Rücklichtern eines wegfahrenden Sportwagens. Jetzt war auch dieses Areal verlassen. Hinter ihr befanden sich einige Messehallen. Das hatte zumindest die Karte auf dem Handy angezeigt. Ausmachen konnte man sie im Nebel aber nicht.

Sie zog eine kleine Kamera aus der Uniformjacke. Viel gab es nicht zu fotografieren, denn erwartungsgemäß war um diese Zeit der restliche Parkplatz komplett leer. »Lass mich erst mal eine Runde um die Karre drehen.«

Sie zog Gummihandschuhe über und umkreiste den BMW. »Der 5er ist optisch echt gut in Schuss, Respekt. Aber noch von der vorletzten Serie, nicht mein Ding.«

»Angeberin!«

Sie ließ die Szene auf sich wirken, versuchte, die Geräusche des nahen Logistikflughafens zu ignorieren. Die Splitter der eingeschlagenen Scheiben passten nicht so richtig zu der Beschreibung, die sie erhalten hatten. Vorsichtig öffnete sie nacheinander alle Türen. Das Innere des PKWs war ebenfalls in einem guten Zustand. »Wer immer auch die Karre hier abgestellt hat: danke dafür, dass er das direkt unter einer Laterne gemacht hat.« Sophie beugte sich über das Lenkrad. Ihr Kopf zuckte zurück. »Stinkt ganz schön nach Alkohol. Und schau mal dort!« Sie zeigte auf die Lederummantelung der Gangschaltung. »Das scheint mir auch kein Kuchenmehl zu sein.« Sie fotografierte das weiße Pulver und rollte dann ein Wattestäbchen nebst einer kleinen Tüte aus ihrer Hosentasche.

»Oh, Frau Kommissarin ermittelt!«

»Quatsch, man darf ja noch Wünsche haben! Wir wollen doch irgendwann mal zur Kripo, oder? Jeder fängt mal klein an. Ohne Streifendienst …« Sie sprach den Satz nicht zu Ende, packte die Tüte ein.

»Hast du vorhin auch den Schatten gesehen?«

»Den was?«

»Na, den Schatten. Mir war so, als wäre jemand weggelaufen, wahrscheinlich ein Mann, in Richtung der Messehallen.«

»Einen Mann? Nein, nichts gesehen. Du und die Kerle. Das ist Wunschdenken! Überleg doch mal, wer soll um die Zeit hier rumlaufen? Deinen Traumprinzen findest du so ganz bestimmt nicht.«

Sophie winkte ab, froh darüber, dass man in der Suppe nicht sah, wie sie rot wurde.

Nicole umfasste ihre Schultern, so als wolle sie sich entschuldigen.

Auch wenn du es ganz bestimmt nicht hören willst: Sei froh, dass du noch eine Jungfrau bist! Doch das ließ sie lieber unausgesprochen. Wir sind total gegensätzlich. Verrückt.

»Ich habe jedenfalls niemanden gesehen.« Sie zeigte auf das Auto. »Du hast heute das Kommando. Also?«

»Hm, also abgesehen von den zerstörten Scheiben kann ich nichts Verdächtiges erkennen.« Schnell hatte Sophie Fahrer- und Beifahrersitz

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