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Die Zukunft erfinden: Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit
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eBook1.145 Seiten5 Stunden

Die Zukunft erfinden: Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit

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Über dieses E-Book

"Die Zukunft erfinden" ist ein Manifest für das Leben nach dem Kapitalismus. Gegen die Konfusion, die politisch links wie rechts herrscht, wenn es darum geht, unsere High-Tech-Welt zu verstehen, stellt sich das Buch der Aufgabe, das emanzipatorische und zukunftsorientierte Potential der heutigen Gesellschaften zurückzuerobern. Statt einer komplizierten Zukunft auszuweichen, zielen Nick Srnicek und Alex Williams auf eine postkapitalistische Ökonomie, die es erlaubt, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, die Arbeit abzuschaffen und Technologien zu entwickeln, die unsere Freiheiten erweitern. Die Theoretiker des Akzelerationismus haben in "Die Zukunft erfinden" ihre Thesen aus dem "Akzelerationistischen Manifest" begründet und in einen politischen Zusammenhang gestellt.

"Statt die Mühe auf sich zu nehmen, einmal Erreichtes zu konsolidieren und weiter zu entwickeln, zielte die folkloristische Politik darauf ab, sich gegen die Zumutungen des globalen Neoliberalismus Zufluchtsorte einzurichten. So blieb sie eine Politik, die defensiv orientiert und außerstande war, eine neue Welt zu entwerfen oder an ihr zu bauen. Das vorliegende Buch umreißt daher eine andere Art Politik, eine, die darauf abzielt, die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen und dabei eine Welt anzustreben, die moderner ist, als der Kapitalismus es jemals erlauben würde. Die den technologischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts inhärenten utopischen Potentiale dürfen nicht an das unter dem Kapitalismus Vorstellbare gefesselt bleiben; eine anspruchsvolle linke Alternative muss sie befreien. Der Neoliberalismus ist gescheitert, der sozialdemokratische Weg unmöglich, nur mit einer ganz anderen Sicht lassen sich allgemeiner Wohlstand und umfassende Emanzipation gewinnen."
Srnicek & Williams
SpracheDeutsch
HerausgeberFuego
Erscheinungsdatum9. Dez. 2016
ISBN9783862871285
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    Buchvorschau

    Die Zukunft erfinden - Nick Srnicek

    Coverbild

    Nick Srnicek

    Alex Williams

    Die Zukunft erfinden

    Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit

    Aus dem Englischen von

    Thomas Atzert

    FUEGO

    - Über dieses Buch -

    »Die Zukunft erfinden« ist ein Manifest für das Leben nach dem Kapitalismus. Gegen die Konfusion, die politisch links wie rechts herrscht, wenn es darum geht, unsere High-Tech-Welt zu verstehen, stellt sich das Buch der Aufgabe, das emanzipatorische und zukunftsorientierte Potential der heutigen Gesellschaften zurückzuerobern. Statt einer komplizierten Zukunft auszuweichen, zielen Nick Srnicek und Alex Williams auf eine postkapitalistische Ökonomie, die es erlaubt, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, die Arbeit abzuschaffen und Technologien zu entwickeln, die unsere Freiheiten erweitern. Die Theoretiker des Akzelerationismus haben in »Die Zukunft erfinden« ihre Thesen aus dem »Akzelerationistischen Manifest« begründet und in einen politischen Zusammenhang gestellt.

    »Statt die Mühe auf sich zu nehmen, einmal Erreichtes zu konsolidieren und weiter zu entwickeln, zielte die folkloristische Politik darauf ab, sich gegen die Zumutungen des globalen Neoliberalismus Zufluchtsorte einzurichten. So blieb sie eine Politik, die defensiv orientiert und außerstande war, eine neue Welt zu entwerfen oder an ihr zu bauen. Das vorliegende Buch umreißt daher eine andere Art Politik, eine, die darauf abzielt, die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen und dabei eine Welt anzustreben, die moderner ist, als der Kapitalismus es jemals erlauben würde. Die den technologischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts inhärenten utopischen Potentiale dürfen nicht an das unter dem Kapitalismus Vorstellbare gefesselt bleiben; eine anspruchsvolle linke Alternative muss sie befreien. Der Neoliberalismus ist gescheitert, der sozialdemokratische Weg unmöglich, nur mit einer ganz anderen Sicht lassen sich allgemeiner Wohlstand und umfassende Emanzipation gewinnen.«

    Srnicek & Williams

    »›Die Zukunft erfinden‹ kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Wohlüberlegt und sorgfältig entwirft das Buch ein klares und stringentes Bild einer postkapitalistischen Gesellschaft. Und es umreißt, gleichermaßen wichtig, ein überzeugendes Programm, um das endlose kapitalistische Elend hinter uns zu lassen und eine von Arbeit befreite Welt zu schaffen.«

    Mark Fisher,

    Autor von »Kapitalistischer Realismus«

    und »Gespenster meines Lebens«

    Inhalt

    Einleitung

    1. Unser politischer Common Sense: Folk-Politik

    2. Eine Kritik der Linken heute

    3. Die Machart neoliberaler Hegemonie

    4. Linke Moderne

    5. Die Zukunft arbeitet nicht

    6. Nach der Arbeitsgesellschaft

    7. Ein neuer Common Sense

    8. Macht aufbauen

    Schluss

    Danksagung

    Über die Autoren

    Über den Verlag

    Impressum

    Anmerkungen

    Einleitung

    Wo ist die Zukunft geblieben? Beinahe das gesamte 20. Jahrhundert hindurch waren unsere Phantasien von ihr beherrscht: Emanzipatorische Entwürfe aller Art bildeten den politischen Horizont der Linken, und oft verband sich in ihnen die Vorstellung demokratischer politischer Macht mit Visionen vom befreienden Potential der Technologie. Von den Verheißungen einer Welt der Muße bis zum sowjetischen kosmischen Kommunismus, vom afrofuturistischen Zelebrieren des synthetischen und diasporischen Charakters schwarzer Kultur bis zu den Post-Gender-Entwürfen des radikalen Feminismus imaginierten die in der Linken populären Erzählungen gesellschaftliche Verhältnisse, die alles, was wir heute erträumen, in den Schatten stellen.¹

    Eine öffentliche politische Kontrolle neuer Technolo­gien sollte die Welt zum Besseren wenden. Heute nun erscheint die Verwirklichung solcher Träume tatsächlich in greifbare Nähe gerückt. Die technologische Infrastruktur des 21. Jahrhunderts stellt Ressourcen bereit, mit denen sich grundlegend andere politische und ökonomische Verhältnisse realisieren ließen. Maschinen erledigen Aufgaben, deren Automatisierung noch vor einem Jahrzehnt undenkbar erschien. Das Internet und die sozialen Medien geben Milliarden Menschen eine Stimme, die bislang zu schweigen gezwungen waren, und bringen so die Möglichkeit einer globalen partizipatorischen Demokratie näher denn je. Open Source-Design, auf Copyleft bauende Kreativität und neue Technologien wie der 3D-Druck lassen eine Welt erahnen, in der die Knappheit vieler Güter überwindbar würde. Avancierte Methoden der Computersimulation könnten der Wirtschaftsplanung neue Perspektiven eröffnen und uns in die Lage versetzen, ökonomische Prozesse in einem bislang nicht gekannten Maß rational zu lenken. Die neueste Welle der Automation schafft die Möglichkeit, ganze Sparten öder und erniedrigender Arbeiten dauerhaft abzuschaffen. Auf erneuerbaren Energieträgern beruhende Technologien ermöglichen eine praktisch unbegrenzte und ökologisch nachhaltige Energieerzeugung. Und Neuerungen in der Medizin erlauben nicht nur ein längeres und gesünderes Leben, sondern eröffnen auch neue Möglichkeiten, mit Genderkategorien und sexuellen Identitäten zu experimentieren. Viele klassische linke Forderungen – die Forderung nach weniger Arbeit, das Streben danach, dem Mangel ein Ende zu setzen und gesellschaftlich nützliche Güter zu produzieren, und nicht zuletzt das Ziel, die Menschheit zu befreien – sind heute materiell viel eher erfüllbar als je zuvor in der Geschichte.

    Und dennoch umgeben uns, trotz des makellos scheinenden Glanzes unseres Technologiezeitalters, weiterhin überkommene und antiquierte gesellschaftliche Verhältnisse. Noch immer arbeiten wir tagtäglich viele Stunden und pendeln weite Strecken, um Aufgaben zu erledigen, die wir zunehmend als sinnlos empfinden. Unsere Arbeitsplätze sind unsicherer geworden, unser Einkommen stagniert, während die Schulden uns erdrücken. Wir strampeln uns ab, um über die Runden zu kommen, Essen auf dem Tisch und Geld für die Miete oder Hypothek zu haben, und während wir von Job zu Job hetzen und kaum imstande sind, eine erschwingliche Kinderbetreuung aufzutun, denken wir nur noch wehmütig an so etwas wie die Rente. Automatisierung bringt heute Arbeitslosigkeit und stagnierende Einkünfte zerstören die Mittelklasse, während Unternehmensgewinne neue Rekordhöhen erreichen. Der Vorschein einer besseren Zukunft kommt unter dem Druck zunehmend prekärer Verhältnisse und größerer Belastung unter die Räder und gerät in Vergessenheit. Tag für Tag der gleiche Trott: Wir stürzen uns in die Arbeit und sind dabei erschöpft, verunsichert, gestresst, entmutigt.

    Im Weltmaßstab betrachtet, sehen die Dinge noch düs­terer aus. Der globale Klimawandel geht unvermindert weiter, und inmitten der anhaltenden Wirtschaftskrise setzen Regierungen unbeirrt auf die lähmende Abwärtsspirale der Austeritätspolitik. Von kaum greifbaren, abstrakten Mächten bedrängt, fühlen wir uns außerstande, dem Mahlstrom ökonomischer, sozialer oder ökologischer Erschütterungen zu entgehen oder ihn gar zu kontrollieren. Doch wie ließe sich das ändern? Rund um uns scheinen die in den vergangenen hundert Jahren tonangebenden politischen Zusammenhänge, gesellschaftlichen Bewegungen und Strömungen nicht länger in der Lage, Transformationsprozesse und echte Veränderungen in Gang zu setzen. Stattdessen zwingen sie uns ständig zurück ins Hamsterrad unseres Elends. Der Verfall der repräsentativen Demokratie ist frappierend. Mitte-links-Parteien sind ausgelaugt und stehen ohne jegliche breitere Zustimmung aus der Bevölkerung da. Einzig ihre toten Hüllen taumeln weiter und bieten karrieristischen Ambitionen ein Vehikel. Radikale politische Bewegungen blühen vielversprechend auf, doch Erschöpfung und Repression nehmen ihnen alsbald den Atem. Die Gewerkschaften haben erleben müssen, wie ihre Macht systematisch demontiert wurde, und die verbliebenen sklerotischen Strukturen bringen kaum mehr als eine schwache Gegenwehr zustande. Doch ungeachtet dieses ganzen Dilemmas mangelt es politisch heute hartnäckig an neuen Ideen. Seit Jahrzehnten herrscht der Neoliberalismus, und die Sozialdemokratie existiert im Wesentlichen nur noch als Objekt nostalgischer Anwandlungen. Während die Krisen heftiger werden und immer mehr Fahrt aufnehmen, welkt Politik dahin und zieht sich zurück. Die Paralyse der politischen Vorstellungskraft geht einher mit einer Aufkündigung der Zukunft.²

    Dieses Buch handelt davon, wie wir an diesen Punkt gelangten und wohin es demnächst gehen könnte. Betrachten wir, was wir »Folk-Politik« nennen, lässt sich sagen, wie und warum uns die Fähigkeit abhandenkam, uns eine bessere Zukunft zu bauen. Unter der Dominanz eines folkloristisch-politischen Denkens führte der jüngs­te Zyklus von Kämpfen – in der globalisierungskritischen ebenso wie in der Antikriegsbewegung oder bei Occupy Wall Street – zu einer Fetischisierung lokaler Räume, der Unmittelbarkeit und des Ephemeren sowie zu allen möglichen Partikularismen. Statt die Mühe auf sich zu nehmen, einmal Erreichtes zu konsolidieren und weiter zu entwickeln, zielte diese Art der Politik darauf ab, sich gegen die Zumutungen des globalen Neoliberalismus Zufluchtsorte einzurichten.

    So blieb sie eine Politik, die defensiv orientiert und außerstande war, eine neue Welt zu entwerfen oder gar an ihr zu bauen. Für Bewegungen, die darum kämpfen, dem Neoliberalismus zu entkommen und etwas Besseres zu schaffen, ist eine solche Folk-Politik zu wenig. Das vorliegende Buch umreißt daher eine andere Art Politik, eine, der es darum geht, die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen und den Wunsch nach einer Welt zu fördern, die moderner ist, als der Kapitalismus erlaubt. Die den technologischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts inhärenten utopischen Potentiale dürfen nicht an das unter dem Kapitalismus Vorstellbare gefesselt bleiben; eine ambitionierte linke Alternative muss sie befreien. Der Neoliberalismus ist gescheitert, der sozialdemokratische Weg unmöglich, nur mit einer ganz anderen Sicht der Dinge lassen sich allgemeiner Wohlstand und umfassende Emanzipation gewinnen. Eine solche bessere Welt zu entwerfen und zu schaffen, ist die grundlegende Aufgabe der Linken heute.

    Kapitel 1

    Unser politischer Common Sense:

    Folk-Politik

    Nun waren wir am Zug, und wir standen einfach nur da und warteten darauf, dass etwas geschieht, ganz wie aufrechte Kriegsdienstverweigerer, die darauf warten, für einen rein symbolischen Akt bestraft zu werden.

    Dave Mitchell

    Selbst mit größten Anstrengungen lassen sich heute, wie es scheint, nur kleinste Veränderungen erreichen. Millionen demonstrieren gegen den Irakkrieg, doch der geht weiter wie geplant. Hunderttausende vereint der Protest gegen die Austeritätspolitik, doch beispiellose Sparpläne werden unbeirrt umgesetzt. Immer wieder richten sich Streiks, Besetzungen und militante Aktionen an den Unis gegen steigende Studiengebühren, und dennoch werden letztere unerbittlich weiter erhöht. Weltweit kommen Menschen in Protestcamps zusammen und prangern die ökonomische Ungleichheit an, doch die Kluft zwischen Arm und Reich wächst weiter. Es ist ein durchgängiges Muster, und es durchzieht die Kämpfe der globalisierungskritischen Bewegungen der späten 1990er Jahre, die Antikriegsbündnisse und den Umweltaktivismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts oder auch die neuen studentischen Bewegungen und Occupy seit 2008: Der Widerstand wächst schnell an, die Auseinandersetzungen mobilisieren Menschen in großer Zahl, doch schon bald verebben die Kämpfe, und an ihre Stelle tritt ein ums andere Mal ein Gefühl der Bedeutungslosigkeit, der Melancholie und Niedergeschlagenheit. Auch wenn sich Millionen Menschen eine bessere Welt wünschen, bleibt die politische Wirkung dieser Bewegungen gering.

    Bei den Protesten passiert etwas Merkwürdiges

    Scheitern zieht sich durch die Zyklen sozialer Kämpfe, und entsprechend wirken viele linke Taktiken heute wie Rituale, die eine ordentliche Portion Fatalismus mit sich tragen. Die vorherrschenden Aktionsformen – Protestkundgebungen, Demonstrationen, Besetzungen und verschiedene Arten direkter Konfrontation – sind Teil eines etablierten Narrativs geworden, in dem Protestierende und Ordnungskräfte jeweils vorgegebene Rollen spielen. Die Grenzen eines solchen Agierens werden besonders in jenen kurzen Momenten sichtbar, in denen vom Drehbuch abgewichen wird. Ein Aktivist der Proteste gegen den Amerikagipfel in Québec im Jahr 2001 beschreibt es so:

    Am 20. April, dem ersten Tag der Demonstrationen, waren wir zu Tausenden auf der Straße und näherten uns dem Zaun, in dessen Schutz sich 34 Regierungschefs versammelt hatten, um ein Handelsabkommen für die gesamte Hemisphäre festzuklopfen. Während ein Katapult Teddybären über die Absperrungen schleuderte, durchtrennten schwarz gekleidete Aktivistinnen und Aktivisten die Halterungen des Zauns kurzerhand mit Bolzenschneidern und rissen ihn, von den Umstehenden angefeuert, mit Enterhaken nieder. Für einen kurzen Augenblick lag das Tagungszentrum unmittelbar vor uns. Wir kletterten oben auf die eingerissenen Absperrungen, doch für die meisten war es das dann auch, als hätten wir die ganze Zeit nichts anderes im Sinn gehabt, als das vom Staat aus Maschendraht und Beton errichtete Hindernis durch ein von uns selbst geschaffenes aus menschlichen Körpern zu ersetzen.³

    Deutlich in dieser Beschreibung wird der gleichermaßen symbolische und ritualisierte Charakter der Aktionen, ebenso die spürbare Erregung, überhaupt etwas getan zu haben – doch zugleich die schwere Verunsicherung, die sofort entsteht, sobald das erwartete Narrativ gestört ist. Die auf die Rolle aufrechter Protestierender fixierten Aktivisten hatten keine Ahnung, was sie tun sollten, als die Absperrungen fielen. Spektakuläre Massenproteste wie die Demonstrationen der Stop the War Coalition, die inzwischen wohlbekannten Zusammenstöße bei Gipfeltreffen der G20 oder der World Trade Organization und auch die mitreißenden Demokratie­inszenierungen von Occupy Wall Street erwecken den Anschein größter Wichtigkeit, als ginge es tatsächlich um etwas.⁴ Doch verändert hat sich nichts, und statt langfris­tige Ziele zu verfolgen wird lediglich die eigene Unzufriedenheit zum Ausdruck gebracht.

    Für Außenstehende ist häufig nicht recht klar, was die Bewegungen eigentlich antreibt, abgesehen von einem pauschalen Unmut über den Zustand der Welt. In den Protesten heute findet sich eine wüste Melange vielfältiger Anliegen. So reichte die Spanne der Themen bei den Demonstrationen und Aktionen gegen den G20-Gipfel in London im Jahr 2009 von vollmundigen antikapitalistischen Ankündigungen bis zu eher moderaten, auf lokaler Ebene angesiedelten Dingen. Lassen sich Forderungen ausmachen, findet sich darin in der Regel kaum wirklich Substantielles formuliert. Häufig sind es nichts weiter als hohle Slogans – so aussagekräftig wie ein Aufruf zum Weltfrieden. In jüngster Zeit wurde sogar in Zweifel gezogen, ob überhaupt Forderungen gestellt werden sollten. Bekannt sind die unrühmlichen Auseinandersetzungen innerhalb der Occupy-Bewegung um die Formulierung eindeutiger Ziele, denn man befürchtete, allzu konkrete Anliegen würden die Bewegung spalten.⁵ Und auch eine ganze Reihe studentischer Proteste in vielen westlichen Ländern griff das Mantra »Keine Forderungen« auf, in dem Irrglauben, nichts zu fordern sei ein radikaler Akt.⁶

    Danach gefragt, wohin derartige Aktionen denn letzten Endes führten, reichen die Antworten bei den Beteiligten vom Eingeständnis eines allgemeinen Gefühls der Sinnlosigkeit bis zum Verweis auf die eigene Radikalisierung. Doch auch wenn wir die verschiedenen Proteste heute als Akte öffentlicher Bewusstseinsbildung ansehen, scheint ihr Erfolg bestenfalls mittelprächtig. Die Botschaften werden von verständnislosen Medien entstellt, die sich an Bildern des Vandalismus ergötzen – vorausgesetzt, die Medien zeigen überhaupt Interesse an Konflikten, die in ihren immer gleichen Formen zunehmend langweilig geworden sind. Bisweilen lautet ein Vorwurf, solchen Bewegungen, Protesten und Besetzungen ginge es gar nicht um bestimmte Ziele, sondern sie existierten tatsächlich vor allem um ihrer selbst willen.⁷ Demzufolge wären die Beteiligten in erster Linie darauf aus, sich selbst zu verändern und sich Räume jenseits der überkommenen Machtverhältnisse zu schaffen. Dies mag zutreffen, doch wichtiger scheint, dass Aktionsformen wie beispielsweise Protestcamps im Großen und Ganzen nur Strohfeuer mit geringer Reichweite bleiben und letztlich nicht imstande sind, grundlegende Strukturen der neoliberalen Ökonomie infrage zu stellen. Politik verwandelt sich hier zum Zeitvertreib – Politik als Drogenerfahrung – und ist jedenfalls ungeeignet, die Gesellschaft insgesamt zu verändern. Solche Proteste bleiben lediglich den Beteiligten in Erinnerung, der Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse misslingt ihnen. Gewiss, bis zu einem gewissen Grad sind Radikalisierung und Bewusstseinsbildung wichtig, doch bleibt die Frage, wann sich solche Arbeit denn endlich auszahlt. Gibt es den Punkt, an dem die Bewusstwerdung eine kritische Masse erreicht, die zum Handeln bereit ist? Protest schafft Verbindungen, bestärkt die Hoffnung und erinnert Menschen daran, wozu sie imstande sind. Doch jenseits solch vergänglicher Regungen verlangt Politik, die eigene Macht auch auszuüben, damit die affektiven Bindungen sich nicht verzehren. Und wenn wir jetzt, angesichts einer der größten Krisen des Kapitalismus, nicht handeln, wann dann?

    Die affektive Dimension des Protests hervorzuheben verweist auf einen allgemeineren Trend, den Schauplatz wirklicher Politik im Affektiven zu suchen. Der Verweis auf Intuitionen, Emotionen und körperliche Nähe tritt dabei tendenziell an die Stelle einer eher theoretischen und analytischen Betrachtungsweise und erschwert sie, statt sie weiterzudenken und perspektivisch zu ergänzen. In den sogenannten Social Media beispielsweise verdichten sich heute Empörung und Zorn zu einem endlosen Schwall verbitterter Enttäuschung. Angesichts des dort vorherrschenden Individualismus – zu dessen Grundlagen die Konstruktion einer Online-Identität gehört – mag es vielleicht nicht überraschen, dass die im Netz betriebene »Politik« dazu neigt, sich als moralisch überlegen zu präsentieren. Einer solchen Selbstdarstellung ist es wichtiger, im Recht zu erscheinen, als über die Voraussetzungen politischer Veränderungen nachzudenken. Doch vergeht die alltägliche Empörung ebenso schnell, wie sie kommt, und bevor wir uns versehen, befinden wir uns schon auf dem nächsten galligen Feldzug. Auch auf anderen Gebieten ersetzt etwa ein öffentlich zur Schau gestelltes Mitleid mit Menschen in Not die kritische Auseinandersetzung mit den Verhältnissen und führt nicht selten zu überstürzten und bisweilen verfehlten Aktionen – oder auch zu überhaupt nichts. Zweifellos spielen in der Politik Emotionen und Empfindungen – Hoffnung ebenso wie Zorn, Ängste ebenso wie Empörung – immer eine Rolle, doch sobald sich politisches Handeln im Wesentlichen durch solche Antriebe leiten lässt, kommt es mitunter zu äußerst fragwürdigen Resultaten. Ein berühmtes Beispiel hierfür sind die Live Aid-Konzerte im Jahr 1985, bei denen herzzerreißende Bilder aus Äthiopien in Kombination mit emotional hoch aufgeladenen Auftritten international bekannter Pop-Größen dafür sorgten, enorme Geldsummen zur Bekämpfung des Hungers einzuspielen. Angesichts der Notsituation schien es vorrangig, unmittelbar zu handeln, das Nachdenken blieb dabei auf der Strecke. Letzten Endes nämlich dürften die Live Aid-Spenden den Bürgerkrieg, der für die Hungersnot in Äthiopien verantwortlich war, verlängert haben, weil die Rebellenmilizen die Gelder der Nahrungsmittelhilfe in die eigenen Taschen umlenkten.⁸ Während das Publikum zuhause erleichtert glauben wollte, zumindest überhaupt etwas getan zu haben, zeigt sich bei nüchterner Betrachtung, dass die Hilfskampagne Teil des Problems wurde. Solche unbeabsichtigten Folgen häufen sich, je größer und komplexer die anvisierten Ziele werden. Bleibt politisches Agieren ohne Leidenschaft kaltherzig, bürokratisch und technokratisch, so droht unhinterfragtes Vertrauen auf Emotionen zu einem libidinös gesteuerten Surrogat tatsächlichen Handelns zu werden. In einer solchen »Politik« geht es mehr und mehr um persönliche Bestätigung, sie bemäntelt das Ausbleiben strategischer Erfolge.

    Zwar gelingt politischen Bewegungen auch manchmal ein Durchbruch, doch die Niederlagen überwiegen, und das ist das wirklich Deprimierende. In Großbritannien etwa waren lokale Proteste gegen die Schließung kleinerer Krankenhäuser in vielen Fällen erfolgreich. Doch die Erfolge stehen in keinerlei Verhältnis zu den Plänen, die Leistungen des National Health Service zusammenzustreichen und zu privatisieren. Ein anderes Beispiel: In jüngster Zeit gelang es verschiedentlich einzelnen gegen Fracking aktiven Gruppen, Probebohrungen zu verhindern – gleichwohl halten die verantwortlichen staatlichen Stellen daran fest, Schiefergasvorkommen explorieren zu lassen, und unterstützen deshalb die in der Branche tätigen Unternehmen.⁹ In den USA wiederum waren es insbesondere Initiativen gegen eine Welle von Zwangsräumungen im Gefolge der Hypothekenkrise, die in den vergangenen Jahren des Öfteren erfolgreich waren und verhindern konnten, dass Menschen auf die Straße gesetzt wurden.¹⁰

    Und dennoch: Die Verantwortlichen für das Subprime-Debakel machen weiterhin Kasse, Zwangsvollstreckungen sind landauf, landab an der Tagesordnung, und in den Metropolen steigen die Mieten unvermindert. Kleine Erfolge – die ohne Zweifel wichtig sind, nähren sie doch die Hoffnung – verblassen angesichts deprimierender Niederlagen, und ständige Fehlschläge bringen selbst im Grunde unerschütterliche Aktivisten ins Grübeln. Gut gemeinte Projekte wie die »Rolling Jubilee«-Kampagne sind bisweilen darum bemüht, den Bann des neoliberalen Common Sense zu durchbrechen.¹¹ Doch hinter dem vordergründig radikalen Ziel, durch Crowd­sourcing Geld zusammenzubekommen, um verschuldeten Menschen unter die Arme zu greifen, steht letztlich ein Glaube an Wohltätigkeit und Umverteilung, der die Legitimität von Schulden zu keinem Zeitpunkt in Frage stellt. So reiht sich diese Kampagne in eine Vielzahl von Initiativen ein, die nichts weiter sind als Reaktionen auf das Versagen staatlicher Institutionen in der Krise. Als bloße Überlebensstrategien eröffnen sie keine erstrebenswerten Zukunftsperspektiven.

    Welches Fazit lässt sich aus all dem ziehen? Der jüngs­te Zyklus von Kämpfen und Auseinandersetzungen ist im Großen und Ganzen durch Scheitern bestimmt, trotz einer Vielzahl kleinerer Erfolge und auch ungeachtet einzelner Momente groß angelegter Mobilisierung. Die Frage, mit der sich die Analyse linker Politik heute auseinandersetzen muss, lautet daher schlicht: Was ist schief gelaufen? Verschärfte staatliche Repression und die zunehmende Macht großer Konzerne sind zweifellos Momente, die für die Schwächung der Linken nicht unerheblich waren. Doch lässt sich durchaus fragen, ob die behördliche Unterdrückung, die Prekarität der Massen oder die Macht der Kapitalisten wirklich stärker sind als Ende des 19. Jahrhunderts. Damals mussten die Arbeiter noch um grundlegende Rechte kämpfen, und das häufig gegen eine Staatsmacht, die keine Skrupel kannte, Proteste blutig niederzuschlagen.¹² In jenen Jahren kam es häufig zu Massenauseinandersetzungen, Generalstreiks und andere Aktionen militanter Gewerkschaften oder der radikalen Frauenbewegung waren an der Tagesordnung, und sie konnten tatsächlich nachhaltige Erfolge erringen; die Gegenwart hingegen ist gekennzeichnet durch deren Ausbleiben. Die Schwäche der Linken in jüngster Zeit geht nicht einfach aufs Konto zunehmender Repression durch Staat und Kapital: Ehrlicherweise muss man anerkennen, dass die Probleme ebenso in der Linken selbst zu finden sind. Und ein Hauptproblem ist eine weithin akzeptierte und unkritische Vorstellung von Politik, die wir »folkloristisch« nennen.

    Der Alltagsverstand der Politik

    Was heißt Folk-Politik? Wir bezeichnen damit eine in der Linken gegenwärtig anzutreffende Konstellation von Vorstellungen, die geprägt sind durch einen intuitiv geteilten Common Sense darüber, wie Politik zu denken, zu organisieren und praktisch umzusetzen ist. Dazu gehören eine Reihe strategischer Annahmen, die der Linken jegliche Kraft zu nehmen drohen und sie daran hindern, gesellschaftlich auszustrahlen und jenseits von Partikular­interessen dauerhafte Veränderungen herbeizuführen. Linke Bewegungen mit einem solchen folkloristischen Politikverständnis werden vermutlich erfolglos bleiben – jedenfalls sind sie nicht dafür gerüstet, den Kapitalismus umzuwälzen. Der Ausdruck »Folk-Politik« selbst verweist in kritischer Absicht auf zweierlei: zum einen auf die aus der Kritik der Alltagspsychologie resultierende Einsicht, dass unsere intuitiven Vorstellungen der Welt sowohl historisch bedingt als auch häufig irreführend sind; zum anderen auf die »volkstümliche« Verortung im Überschaubaren und Authentischen, Traditionellen und natürlich Gegebenen.¹³ Beide kritisierten Dimensionen finden sich in der Vorstellungswelt folkloristischer Politik wieder.

    In einer ersten Annäherung lässt sich Folk-Politik dementsprechend als ein gemeinsamer, historisch konstruierter politischer Alltagsverstand definieren, der den Blick für die tatsächlichen Mechanismen der Macht verloren hat. Während sich unsere Welt politisch, ökonomisch, sozial und technologisch wandelt, verlieren Taktiken und Strategien an Wirksamkeit, die früher einmal in der Lage waren, kollektive Stärke in emanzipatorische Errungenschaften zu transformieren. Folk-Politik gehört zum Alltagsverstand der heutigen Linken, und häufig agiert sie intuitiv, unkritisch und bewusstlos. Aufgrund seiner his­torischen Bedingtheit ist dieser Common Sense indes auch veränderbar. Heute übliche politische Organisa­tionsformen und Taktiken sind keineswegs naturwüchsig oder vorgegeben, sondern entwickelten sich im Lauf der Zeit, als Antworten auf spezifische politische Problemstellungen. Petitionen, Besetzungen oder Streiks, Avantgardeparteien, aktivistische Kleingruppen oder Gewerkschaften: Alle diese Formen entstanden unter jeweils besonderen historischen Bedingungen.¹⁴ Der Umstand, dass diese oder jene Organisationsform oder Art des politischen Handelns irgendwann einmal angemessen war, garantiert ihr keine fortwährende Relevanz. Viele der in der heutigen Linken anzutreffenden Aktionsformen und organisatorischen Strukturen sind nicht zuletzt Antworten auf historische Erfahrungen: mit dem Staatskommunismus, mit unbeweglichen Gewerkschaften oder auch mit dem Debakel sozialdemokratischer Parteien. Doch was irgendwann einmal sinnvoll war, stellt heute für eine Politik der Veränderung keinen geeigneten Ansatz mehr dar. Unsere Welt hat sich weiter gedreht, wurde komplexer und abstrakter, vielfältiger und globalisierter als je zuvor.

    Gegen einen abstrakten und unmenschlichen Kapitalismus setzt Folk-Politik zeitlich, räumlich und konzeptionell auf Unmittelbarkeit, um in der Politik wieder ein »menschliches Maß« einziehen zu lassen. Im Kern steht hinter einem solchen Ansatz die Intuition, Unmittelbarkeit sei in jedem Fall besser und oft zudem authentischer; entsprechend tief sitzt das Misstrauen, das theoretischer Abstraktion und Vermittlung entgegenschlägt. Zeitlich betrachtet bedeutet Unmittelbarkeit, dass Folk-Politik in der Regel reaktiv bleibt, das heißt, auf das Handeln von Konzernen und staatlichen Stellen reagiert statt selbst die Initiative zu ergreifen; sie vernachlässigt langfristige strategische Überlegungen und konzentriert sich stattdessen auf taktische Ziele, isoliert einzelne Themen oder betont Prozesse; sie bevorzugt oft an sich ephemere Praxisformen wie Besetzungen oder temporäre autonome Zonen; sie gibt dem aus der Vergangenheit Vertrauten den Vorzug vor den Unwägbarkeiten der Zukunft, was sich beispielsweise in wiederkehrenden Träumereien von einer Rückkehr zum »guten« Keynesianismus manifes­tiert; und ihre politischen Artikulationen zeigen, deutlich etwa in der Romantisierung von Riots und Revolten, eine Neigung für das Voluntaristische und Spontane und zugleich eine Gleichgültigkeit Institutionen gegenüber.¹⁵

    Bezogen auf den Raum führt die Privilegierung von Unmittelbarkeit dazu, dass Folk-Politik das Lokale als Ort von Authentizität ansieht – anschaulich wird dies etwa in Kampagnen für Lebensmittel aus der Region oder für die Einführung lokaler Währungen, in der Bevorzugung des Kleinen gegenüber dem Großen wie auch in der Begeisterung für überschaubare Gemeinschaften oder für den Kramladen im Viertel. Eine solche Politik schwört auf politische Formen wie Vollversammlungen und andere Manifestationen direkter Demokratie, die jenseits kleiner Einheiten nicht funktionieren könnten; und nicht selten wendet sie sich gegen jegliche Art von Hegemonie und setzt lieber auf Rückzug und Ausstieg statt ein gegenhegemoniales Projekt zu entwickeln.¹⁶ Ferner sieht Folk-Politik in erster Linie die Beteiligten selbst als politische Akteure – was etwa auch in der Hervorhebung direkter Aktionen deutlich wird – und lehnt Formen der Repräsentation ab, da zu treffende Entscheidungen eine Sache jeder und jedes Einzelnen sein sollen. Aktionsra­dius und Ausweitung politischen Agierens sind Fragen, die im folkpolitischen Denken entweder ignoriert oder heruntergespielt werden.

    Konzeptionell heißt Unmittelbarkeit schließlich, dass der Alltag mehr als strukturelle Zusammenhänge gilt und die persönliche Erfahrung schwerer wiegt als systematische Überlegungen. Folk-Politik stellt das Fühlen über das Denken und hebt individuelles Leid hervor, ebenso den Enthusiasmus oder den Zorn, die sich aus der politischen Aktion speisen. Ferner zählt das Partikulare mehr als das Universelle, zumal Letzteres an sich schon als totalitär gilt, und das Ethische steht über dem Politischen – sinnbildlich in den Bewegungen für ethischen Konsum oder in moralisierenden Kritiken an gierigen Bankern.¹⁷ Organisationen und soziale oder politische Zusammenhänge haben transparent zu sein und immer schon jedwede Art konzeptioneller Vermittlung oder struktureller Komplexität auszuschließen. Die Vorliebe für partikulares Leid und lokale Authentizität verdrängt die traditionellen Bilder universeller Befreiung und globaler Veränderung – und letztendlich jeglichen Ansatz einer universalistischen Politik.

    Spuren einer solchen Folk-Politik lassen sich in vielen heutigen Strömungen und Bewegungen wiederfinden, so unter anderem bei Occupy, im spanischen Movimiento 15-M und bei diversen studentischen Institutsbesetzungen, bei kommunistisch-revolutionären Kollektiven wie Tiqqun oder dem Unsichtbaren Komitee, bei den Zapatis­ten und bei anarchistisch geprägten Gruppen, überhaupt in den meisten Formen horizontal orientierter Politik ebenso wie in einer Reihe weiterer zeitgenössischer politischer Trends: etwa in der politischen Privilegierung des Lokalen, in der Slow-Food-Bewegung oder in Kampagnen für ethischen Konsum. Keine einzelne Position oder Strömung verkörpert indes alle genannten Merkmale, was uns zu einer ersten Präzisierung bringt: Als ein unkritisch und häufig unbewusst geteilter Common Sense bestimmt Folk-Politik in unterschiedlichem Maß konkrete politische Standpunkte und steht so weniger für eine explizite Position als für eine implizite Tendenz. Typische folkpolitische Vorstellungen sind in der heutigen Linken weit verbreitet, und entsprechend sind Haltungen und Denkweisen mal mehr, mal weniger durch jene Tendenz geprägt. Das wiederum führt uns zu einer zweiten wichtigen Präzisierung: Problematisch an Folk-Politik ist nicht, dass sie vom Lokalen ausgeht, denn da beginnt jegliches politische Handeln. Ein Problem entsteht vielmehr dadurch, dass sich das folkpolitische Denken mit dieser Ebene – des Flüchtigen, des »menschlichen Maßes«, des Unmittelbaren und Partikularen – begnügt (oder sie sogar verabsolutiert) und solche Instanzen nicht nur als notwendig, sondern als hinreichend ansieht. Es kann daher nicht darum gehen, Folk-Politik insgesamt zurückzuweisen. Sie ist unverzichtbarer Bestandteil einer jeden erfolgreichen politischen Bewegung, allerdings nur zu Beginn. Und eine dritte Präzisierung schließt sich an: Folkpolische Haltungen erweisen sich vor allem dann als problematisch, wenn es darum geht, den Kapitalismus zu überwinden. Mit anderen politischen Absichten lässt sich folkpolitisches Denken sehr gut vereinbaren, insbesondere wenn Widerstand, lokale Themen und überschaubare Ziele im Vordergrund stehen. Politische Bewegungen, die für den Erhalt eines Krankenhauses oder gegen drohende Zwangsräumungen kämpfen, sind alle großartig, doch gleichzeitig unterscheiden sie sich in entscheidenden Punkten von Bewegungen, die den neoliberalen Kapitalismus grundlegend in Frage zu stellen versuchen.

    Im Übrigen gehört die Vorstellung, es gebe die eine Organisationsform, Taktik oder Strategie, die sich auf jedwede Auseinandersetzung anwenden lasse, zu den gleichermaßen verbreiteten wie ziemlich bedenklichen Überzeugungen in der heutigen Linken. Am Anfang eines jeden politischen Projekts stehen unausweichlich strategische Überlegungen – über Mittel und Ziele, Gegner und Verbündete. Angesichts der Natur des globalen Kapitalismus erfordert eine postkapitalistische Politik ein ambitioniertes, theoretisches, vermitteltes, komplexes und globales Herangehen – etwas, das folkpolitische Ansätze nicht zu bieten haben.

    Alles in allem genommen ist Folk-Politik für ein postkapitalistisches politisches Projekt somit zwar notwendig, doch keineswegs hinreichend. Durch das nachdrückliche Beharren auf der Ebene des Unmittelbaren fehlt Folk-Politik das Instrumentarium, um aus dem Neoliberalismus etwas anderes zu schaffen. In lokalen Kämpfen mag es zwar gelingen, sich nachdrücklich einzumischen, doch machen wir uns etwas vor zu glauben, mit solchen Interventionen ließe sich gegen den globalen Kapitalismus punkten. Im besten Fall gewähren sie uns eine kleine Atempause. Das vorliegende Buch soll eine Alternative skizzieren und damit die Möglichkeiten der Linken, die lokale Perspektive zur globalen zu erweitern, Partikulares und Universelles zu verbinden. Eine solche politische Alternative wird nicht einfach, in einer konservativen Rückkehr ins vergangene Jahrhundert, erneut »die Arbeiterklasse« in den Mittelpunkt stellen können. Stattdessen wird es darum gehen, ein Update politischen Denkens (das sich statt mit dem Unmittelbaren mit strukturellen Zusammenhängen beschäftigt), mit einem Upgrade politischen Handelns zu verbinden (das sich darauf richtet, programmatische Gemeinsamkeiten zu schaffen und Maßstäbe zu erweitern).

    Überfordert

    Warum eigentlich konnte Folk-Politik sich durchsetzen? Wie kommt es, dass solche Positionen, trotz all ihrer offenkundigen Schwächen, aktuellen sozialen Bewegungen so attraktiv und überzeugend erscheinen? Mindestens drei Erklärungen bieten sich an: Folk-Politik antwortet erstens auf das Problem, wie sich eine immer komplexer werdende Welt interpretieren lässt, um darin politisch zu handeln; zugleich reagiert sie, zweitens, auf die historischen Erfahrungen der kommunistischen und sozialdemokratischen Linken; und drittens ist sie auch eine Antwort auf das triste Spektakel heutiger Parteipolitik.

    Mit den Veränderungen einer multipolaren globalen Ordnung, einer instabilen Weltökonomie oder des vom Menschen verursachten Klimawandels Schritt zu halten, gelingt den sinnstiftenden Narrativen, auf die wir üblicherweise bauen, immer seltener. Jedes der genannten Beispiele steht für ein sogenanntes komplexes System mit nichtlinearen Dynamiken, in dem bereits geringfügige Schwankungen der Ausgangsparameter dramatische Folgen zeitigen und verwickelte Kausalzusammenhänge einander auf kaum vorhersehbare Art beeinflussen. Typischerweise funktionieren solche komplexen Systeme in raum-zeitlichen Dimensionen weit jenseits unseres unmittelbaren individuellen Wahrnehmungshorizonts.¹⁸ Globalisierung, internationale Politik, Klimawandel: Jedes dieser Systeme prägt

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