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Sie und Er

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Sie und Er

Länge:
276 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
15. Okt. 2015
ISBN:
9783945386286
Format:
Buch

Beschreibung

George Sands berühmter, autobiographisch geprägter Roman über ihr leidenschaftliches und dramatisches Liebesverhältnis zu Alfred de Musset.

Eines von 12 bisher vergriffenen Meisterwerken aus der ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher.
Herausgeber:
Freigegeben:
15. Okt. 2015
ISBN:
9783945386286
Format:
Buch

Über den Autor

George Sand is the pen name of Amantine Lucile Aurore Dupin, Baroness Dudevant, a 19th century French novelist and memoirist. Sand is best known for her novels Indiana, Lélia, and Consuelo, and for her memoir A Winter in Majorca, in which she reflects on her time on the island with Chopin in 1838-39. A champion of the poor and working classes, Sand was an early socialist who published her own newspaper using a workers’ co-operative and scorned gender conventions by wearing men’s clothing and smoking tobacco in public. George Sand died in France in 1876.


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Sie und Er - George Sand

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George Sand

Sie und Er

Roman

Aus dem Französischen

von Liselotte Ronte

Titel der Originalausgabe: »Elle et lui«

Aus dem Französischen übersetzt von Liselotte Ronte und mit

Zeichnungen von Alfred de Musset und Eugène Lami.

Copyright © dieser Ausgabe bei Eder & Bach GmbH, 2015

Umschlaggestaltung: hilden_design, München

Satz und Repro: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-945386-28-6

An Fräulein Jacques

Meine liebe Thérèse, da Sie mir doch gestatten, Sie nicht mit ›Fräulein‹ anzureden, so vernehmen Sie denn, was es Neues in der Welt der Künste gibt, wie unser Freund Bernard zu sagen beliebt. Sieh an, das reimt sich! Doch auf das, was ich Ihnen jetzt erzählen will, vermag ich mir überhaupt keinen Reim zu machen.

Stellen Sie sich vor, als ich gestern, nachdem ich Sie mit meinem Besuch zur Genüge gelangweilt hatte, nach Hause kam, traf ich hier einen englischen Mylord an … doch zuletzt ist er vielleicht gar kein Mylord; aber mit Sicherheit ist er ein Engländer, der mich in seiner Sprache fragte:

»Sie sind Maler?«

»Yes, Mylord.«

»Malen Sie Bildnisse?«

»Yes, Mylord.«

»Und die Hände?«

»Yes, Mylord; die Füße auch!«

»Gut!«

»Sehr gut!«

»Oh, ganz sicher! – Wohlan, wollen Sie ein Porträt von mir machen?«

»Von Ihnen?«

»Warum denn nicht?«

Dieses ›Warum denn nicht‹ kam so treuherzig heraus, dass ich ihn nicht länger für einen Einfaltspinsel halten konnte, zumal dieser Sohn Albions ein wunderschöner Mann ist. Der Kopf des Antinous sitzt auf den Schultern eines … ja, auf den Schultern eines Engländers, ein griechischer Kopf aus der besten Zeit auf der etwas sonderbar gekleideten und mit einer Halsbinde versehenen Büste eines Musterbeispiels vornehmer britischer Mode.

»Meiner Treu«, habe ich zu ihm gesagt, »Sie sind bestimmt ein schönes Modell, und von Ihnen würde ich gern eine Studie für meine eigenen Zwecke anfertigen, aber Ihr Porträt kann ich leider nicht machen.«

»Und warum nicht?«

»Weil ich kein Porträtmaler bin.«

»Oh! … Müssen Sie in Frankreich denn ein besonderes Patent für jedes Fachgebiet in den bildenden Künsten erwerben?«

»Nein; aber die Öffentlichkeit erlaubt uns kaum, auf mehreren Gebieten gleichzeitig tätig zu sein. Sie will wissen, woran sie mit uns ist, vor allem wenn wir jung sind; und wenn ich, der ich hier mit Ihnen spreche und der ich noch sehr jung bin, das Unglück haben sollte, ein gutes Porträt von Ihnen zu machen, so wäre es für mich auf der nächsten Ausstellung äußerst schwierig, mit anderen Werken als Porträts überhaupt Erfolg zu haben; ebenso würde mir für immer untersagt, mich jemals wieder an anderen Porträts zu versuchen, sollte mir das Ihre nur mäßig gut gelingen; durch Verfügung würde festgestellt, ich hätte nicht die erforderliche Befähigung für eine solche Arbeit, und es sei anmaßend von mir gewesen, mich an so etwas heranzuwagen.«

Ich erzählte meinem Engländer noch viel mehr solches dummes Zeug, mit dem ich Sie verschonen will, worüber er aber nicht schlecht staunte; dann fing er an zu lachen, und ich erkannte deutlich, dass meine Überlegungen ihm tiefste Verachtung für Frankreich einflößten, wenn nicht gar für Ihren ergebenen Diener.

»Sagen Sie es offen heraus«, meinte er zu mir, »Sie mögen eben das Porträt nicht.«

»Wieso! Für was für einen ungebildeten Kerl halten Sie mich? Sagen Sie lieber, ich wagte mich noch nicht daran, Porträts zu malen, und ich wäre dazu auch gar nicht imstande, weil ja nur eines von beiden sein kann: entweder ist das ein Fachgebiet, das keine anderen neben sich duldet, oder es ist höchste Meisterschaft und gewissermaßen die Krönung des Talents. Manche Maler, die unfähig sind, selbst irgendetwas Neues zu schaffen, können sehr gut das lebende Modell getreulich und in ansprechender Weise abbilden. Der Erfolg ist ihnen sicher, wofern sie sich nur darauf verstehen, das Modell von seiner vorteilhaftesten Seite darzustellen, und sie obendrein das Geschick haben, es gefällig und gleichwohl nach der neuesten Mode zu kleiden; doch wenn man nur ein armer Historienmaler ist, dazu noch ein Anfänger und sehr umstritten, wie ich die Ehre habe, es zu sein, dann kann man einfach nicht gegen die Leute vom Fach antreten. Ich muss Ihnen gestehen, ich habe niemals gewissenhaft den Faltenwurf eines schwarzen Gewandes und die besonderen Züge eines bestimmten Gesichtsausdrucks studiert. Ich bin auch schlecht im Erfinden von Gestalten, Haltungen und Ausdrucksweisen. Dies alles muss sich meinem Thema, meiner Vorstellung, wenn Sie so wollen, meinem Traum unterordnen. Wenn Sie mir gestatten würden, Sie nach meinem Geschmack zu kleiden und Sie in eine Umgebung hineinzustellen, die ich nach eigenen Ideen gestalten könnte … Und selbst dann, sehen Sie, würde das alles nichts nützen, denn das wären am Ende gar nicht mehr Sie. Das wäre kein Porträt, das Sie Ihrer Geliebten schenken könnten … und schon gar nicht Ihrer Frau. Weder die eine noch die andere würde Sie wiedererkennen. Also bitten Sie mich heute nicht um etwas, das ich vielleicht eines Tages doch zu vollbringen vermöchte, sollte ich nämlich durch Zufall ein Rubens oder ein Tizian werden, weil ich es dann verstehen würde, Poet und Schöpfer zu bleiben und doch ohne Mühe und ohne Angst die gewaltige und erhabene Wirklichkeit einzufangen. Leider ist es unwahrscheinlich, dass ich jemals mehr als ein Narr oder ein Dummkopf sein werde. Lesen Sie das bei diesen oder jenen Herren nach, die darüber in ihren Feuilletons geschrieben haben.«

Denken Sie nur, Thérèse, ich habe meinem Engländer kein Wort von alledem gesagt, was ich Ihnen hier erzähle: wenn man sich selbst sprechen lässt, legt man sich seine Worte so schön zurecht; doch von allem, was ich zu meiner Entschuldigung dafür anführen konnte, dass ich das Porträt nicht auszuführen vermag, halfen einzig und allein jene wenigen Worte: »Warum zum Teufel wenden Sie sich nicht an Fräulein Jacques?«

Er sagte dreimal »Oh!«. Dann bat er mich um Ihre Anschrift, schon war er auf und davon, ohne die geringste Erklärung abzugeben, und ließ mich höchst verwirrt und recht ärgerlich zurück, weil ich meine Ausführungen über das Porträt nicht beenden konnte; denn schließlich, meine liebe Thérèse, wenn dieser Tölpel von einem schönen Engländer heute zu Ihnen kommt, was ich ihm durchaus zutraue, und er Ihnen alles wiederholt, was ich Ihnen gerade geschrieben habe, das heißt alles, was ich ihm gar nicht gesagt habe, über die guten Handwerker und die großen Meister, was werden Sie dann von Ihrem undankbaren Freund denken? Dass er Sie den Ersteren zurechnet und Sie für unfähig hält, etwas anderes zu vollbringen als recht hübsche Porträts, die jedermann gefallen? Ach! Meine liebe Freundin, wenn Sie gehört hätten, was ich ihm alles über Sie gesagt habe, als er schon weggegangen war! … Sie wissen es, Sie wissen, dass Sie für mich nicht Fräulein Jacques sind, die Porträts malt, die gut getroffen und sehr beliebt sind, sondern ein überragender Mensch, als Frau verkleidet, der, ohne jemals auf der Akademie gewesen zu sein, fähig ist, in einer Porträtbüste den ganzen Körper und die ganze Seele einzufangen, und der es auch versteht, sie beide erkennbar zu machen, so wie die großen Bildhauer der Antike und die großen Maler der Renaissance. Doch ich schweige lieber; Sie mögen es nicht, dass man Ihnen sagt, was man von Ihnen denkt. Sie tun so, als hielten Sie das alles nur für Komplimente. Sie sind doch sehr stolz, Thérèse!

Heute bin ich richtig melancholisch, und ich weiß nicht warum. Am Morgen habe ich so schlecht gefrühstückt … Und überhaupt habe ich noch nie so schlecht gegessen wie jetzt, seitdem ich eine Köchin habe. Und dann bekommt man auch keinen guten Tabak mehr. Die Tabakregie verdirbt alles. Und dann habe ich neue Stiefel bekommen, die gar nicht passen … Und dann regnet es … Und dann, und dann, ich weiß es selbst nicht! Seit einiger Zeit sind die Tage schrecklich eintönig, finden Sie nicht auch? Nein, das finden Sie nicht. Sie kennen dieses Unbehagen nicht, die Freude, die langweilt, und die Langeweile, die trunken macht, das Leid ohne Namen, über das ich neulich Abend mit Ihnen sprach in jenem kleinen lila Salon, wo ich jetzt so gern sein möchte; denn ich habe heute einen schlechten Tag fürs Malen, und da ich nicht malen kann, würde es mir Vergnügen bereiten, Ihnen mit meiner Unterhaltung lästig zu fallen.

Heute werde ich Sie also nicht sehen! Sie haben da eine unausstehliche Familie, die Sie Ihren erlesensten Freunden entzieht! Notgedrungen werde ich also heute Abend irgendeine fürchterliche Dummheit begehen müssen! … Das kommt nun von Ihrer Güte zu mir, meine liebe große Freundin. Da ich mich so töricht und so nichtig fühle, wenn ich Sie nicht sehen darf, muss ich mich unbedingt betäuben, auch auf die Gefahr hin, Sie zu erzürnen. Doch seien Sie ganz beruhigt; ich werde Ihnen nicht erzählen, wie ich meinen Abend verbracht habe.

Ihr Freund und Diener

11. Mai 183…

Laurent.

An Herrn Laurent de Fauvel

Zunächst, mein lieber Laurent, bitte ich Sie, wenn Sie ein wenig Freundschaft für mich empfinden, dass Sie zumindest nicht zu häufig Dummheiten begehen, die Ihrer Gesundheit schaden. Alle anderen seien Ihnen gestattet. Sie werden mich bitten, Ihnen nur eine solche zu nennen, und schon bin ich höchst verlegen; denn in Sachen Dummheiten kenne ich wenige, die nicht schädlich wären. Es fragt sich nur, was Sie als Dummheit bezeichnen. Wenn es sich um diese langen Abendessen handelt, von denen Sie neulich gesprochen haben, so glaube ich, diese werden Sie zugrunde richten, und das betrübt mich nur allzu sehr. Mein Gott, was denken Sie sich dabei, wenn Sie mutwillig ein so kostbares und schönes Leben zerstören? Doch Sie mögen Predigten nicht; ich begnüge mich mit der Bitte.

Und nun zu Ihrem Engländer, der Amerikaner ist und im Übrigen gerade hier war; und da ich Sie zu meinem großen Bedauern weder heute Abend noch vermutlich morgen sehen werde, muss ich Ihnen sagen, dass Sie auf jeden Fall unrecht daran tun, sein Porträt nicht malen zu wollen. Er hätte es sich etwas kosten lassen, und bei einem Amerikaner wie Dick Palmer bedeutet das viele Banknoten, die Sie nötig brauchen, eben um keine Dummheiten mehr zu machen, das heißt um nicht immer wieder dem Kartenspiel zu verfallen in der Hoffnung auf den großen Glückswurf, den Menschen mit Phantasie doch niemals erzielen, denn Menschen mit Phantasie können nicht spielen. Sie verlieren ständig und müssen dann ihre Phantasie befragen, wovon sie ihre Schulden bezahlen sollen, ein Geschäft, auf das sich diese Dame Phantasie nicht versteht und zu dem sie sich nur herablässt, um den armen Körper, den sie bewohnt, in Brand zu stecken.

Sie finden mich sicher sehr nüchtern, nicht wahr? Das ist mir einerlei. Wenn wir übrigens die Frage genauer betrachten, dann sind alle Gründe, die Sie Ihrem Amerikaner und mir gegenüber angeführt haben, keinen roten Heller wert. Sie können das Porträt nicht machen, das ist schon möglich, das ist sogar sicher, wenn es unter den Bedingungen des bürgerlichen Erfolgs geschehen muss; aber Herr Palmer hat in keiner Weise verlangt, dass dies so sein sollte. Sie haben ihn für einen Spießbürger gehalten, und da haben Sie sich getäuscht. Er ist ein Mann mit großem Urteilsvermögen und Geschmack, der etwas von Kunst versteht und begeistert von Ihnen ist. Sie können sich denken, dass ich ihn gut aufgenommen habe! Als er zu mir kam, war ich seine letzte Hoffnung; das habe ich genau gespürt, und dafür war ich ihm sehr dankbar. Übrigens habe ich ihn getröstet und ihm versprochen, ich wolle mein Möglichstes tun und Sie dazu bewegen, ihn doch zu malen. Übermorgen müssen wir diese ganze Angelegenheit noch einmal besprechen, denn ich habe mich mit besagtem Herrn Palmer für den Abend verabredet; er soll mir helfen, Ihnen gegenüber seine Sache zu vertreten, damit er Ihre Zusage mitnehmen kann.

Und nun, mein lieber Laurent, wenn wir uns jetzt zwei Tage nicht sehen, so vertreiben Sie sich die Zeit, so gut Sie können. Das dürfte Ihnen nicht schwerfallen, Sie kennen viele geistreiche Leute, und Sie verkehren in den besten Kreisen. Ich dagegen bin nur eine alte Moralpredigerin, die Sie sehr gern hat, die Sie beschwört, nicht jeden Abend so spät zu Bett zu gehen, und die Ihnen rät, sich weder Exzessen noch irgendwelchen Ausschweifungen hinzugeben. Dazu haben Sie einfach nicht das Recht: Genie verpflichtet!

Ihre Gefährtin

Thérèse Jacques.

An Fräulein Jacques

Meine liebe Thérèse, in zwei Stunden fahre ich mit Graf S*** und Prinz D*** zu einem Fest auf dem Land. Wie man mir versichert, soll viel Jugend und Schönheit dort sein. Ich verspreche und schwöre Ihnen, keine Dummheiten zu machen und keinen Champagner zu trinken …, wenigstens nicht, ohne mir bittere Vorwürfe zu machen! Was wollen Sie! Sicher wäre ich lieber in Ihrem großen Atelier herumspaziert und hätte in Ihrem kleinen lila Salon dummes Zeug geschwätzt; doch da Sie sich mit Ihren zahllosen Vettern aus der Provinz in die Einsamkeit zurückgezogen haben, wird Ihnen meine Abwesenheit morgen bestimmt auch nicht sonderlich auffallen: Sie genießen ja den ganzen Abend lang die liebliche Musik des angloamerikanischen Tonfalls. Ach! Dick heißt er, dieser gute Herr Palmer? Ich dachte immer, Dick sei die Koseform von Richard! Freilich beherrsche ich an Sprachen allerhöchstens Französisch.

Was das Porträt anlangt, so wollen wir nicht mehr davon sprechen. Sie sind viel zu mütterlich, meine liebe Thérèse, wenn Sie an meine Interessen zum Nachteil der Ihren denken. Auch wenn Sie viele gute Auftraggeber haben, so weiß ich doch, dass Ihr Edelmut es Ihnen nicht erlaubt, reich zu sein, und dass einige zusätzliche Banknoten viel besser in Ihren Händen aufgehoben sind als in den meinen. Sie würden sie dazu verwenden, andere glücklich zu machen; ich aber würde sie, wie Sie sagen, im Kartenspiel vergeuden.

Übrigens war ich noch nie so wenig zum Malen aufgelegt! Dazu bedarf es zweier Dinge, die Sie besitzen: kühle Überlegung und Inspiration; Erstere werde ich niemals besitzen, und die zweite habe ich gehabt. Außerdem ist sie mir restlos verleidet wie eine alte Närrin, die mich kreuzlahm gemacht hat, indem sie mich querfeldein auf dem hageren Rücken ihrer Schindmähre hat reiten lassen. Ich erkenne sehr wohl, was mir fehlt; auch wenn es Ihnen missfallen sollte, ich habe einfach noch zu wenig gelebt, und ich verreise jetzt für drei oder sieben Tage mit der Dame Wirklichkeit in Gestalt einiger Nymphen aus dem Opernballett. Bei meiner Rückkehr hoffe ich der vollendetste Weltmann zu sein, mit anderen Worten der blasierteste und der vernünftigste.

Ihr Freund

Laurent.

1.

Schon auf den ersten Blick verstand Thérèse nur allzu gut, dass Verdruss und Eifersucht diesen Brief diktiert hatten.

»Und doch«, sagte sie sich, »ist er nicht in mich verliebt. O nein! Er wird bestimmt niemals in irgendjemanden verliebt sein, und in mich schon gar nicht.«

Und während sie den Brief noch einmal durchlas und vor sich hin träumte, fürchtete Thérèse, sie könne sich selbst belügen, wenn sie sich einzureden versuchte, Laurent drohe in ihrer Nähe keine Gefahr.

»Ach was! Welche Gefahr denn schon«, sprach sie weiter zu sich selbst: »leiden an einer verliebten Laune? Kann man denn überhaupt an einer verliebten Laune sehr leiden? Ich weiß das einfach nicht. Ich habe nie eine gehabt!«

Doch da schlug die Wanduhr fünf Uhr nachmittags.

Nachdem Thérèse den Brief in ihre Tasche gesteckt hatte, verlangte sie nach ihrem Hut, schickte ihren Diener für vierundzwanzig Stunden auf Urlaub, gab ihrer getreuen Catherine noch einige Anweisungen und bestieg eine Droschke. Zwei Stunden später kam sie mit einer kleinen zarten Frau zurück, die leicht vornübergebeugt und tief verschleiert war, so dass nicht einmal der Kutscher ihr Gesicht zu sehen bekam. Sie schloss sich mit dieser geheimnisvollen Person ein, und Catherine trug ihnen ein kleines, aber sehr schmackhaftes Mahl auf. Thérèse umsorgte und bediente ihre Besucherin, die sie voller Entzücken und mit solcher Begeisterung anschaute, dass sie kaum essen konnte.

Laurent seinerseits bereitete sich auf die angekündigte Lustbarkeit vor; doch als Prinz D*** ihn mit seinem Wagen abholen wollte, sagte ihm Laurent, eine unvorhergesehene Angelegenheit halte ihn leider noch für zwei Stunden in Paris fest, er werde aber im Laufe des Abends in das Landhaus des Prinzen nachkommen.

Laurent hatte jedoch überhaupt nichts zu erledigen. In fieberhafter Eile hatte er sich angekleidet und mit besonderer Sorgfalt frisieren lassen. Dann warf er seinen Rock auf einen Sessel und fuhr mit der Hand durch seine viel zu symmetrisch angeordneten Locken, ohne daran zu denken, wie er nun wohl aussehen mochte. Er ging in seinem Atelier auf und ab, bald schneller, bald langsamer. Als Prinz D*** weggegangen war, nachdem er ihm zehnmal das Versprechen abgenommen hatte, sich mit der Abfahrt zu beeilen, stürzte Laurent auf die Treppe hinaus, um den Prinzen zu bitten, er solle doch auf ihn warten, und um ihm zu sagen, er lasse die Angelegenheit fallen und könne doch gleich mitfahren; aber er rief ihn nicht zurück und begab sich in sein Zimmer, wo er sich auf sein Bett warf.

›Warum verschließt sie mir für zwei Tage ihre Türe? Da steckt etwas dahinter. Und wenn sie mich schließlich für den dritten Tag bestellt, dann nur, damit ich bei ihr einen Engländer oder Amerikaner treffe, den ich gar nicht kenne! Sie dagegen, sie kennt diesen Palmer sehr wohl, den sie bei seinem Kosenamen nennt! Wieso hat er mich dann um ihre Anschrift gebeten? Um mir etwas vorzumachen? Warum sollte Thérèse mir etwas vormachen? Ich bin nicht ihr Geliebter, ich habe keinerlei Anrecht auf sie! Der Geliebte von Thérèse! Das werde ich bestimmt nie sein. Gott bewahre mich davor! Eine Frau, die fünf Jahre älter ist als ich, vielleicht sogar mehr! Wer kennt schon das Alter einer Frau, und noch dazu dieser Frau, von der niemand etwas weiß! Hinter einer so geheimnisvollen Vergangenheit muss sich irgendeine Riesendummheit verbergen, vielleicht eine handfeste Schande. Und zu alledem gibt sie sich spröde oder fromm oder philosophisch, wer weiß das schon? Über alles spricht sie so unvoreingenommen oder so tolerant, so unbefangen … Weiß man denn, was sie wirklich denkt, was sie will, was sie liebt, und ob sie überhaupt fähig ist zu lieben?‹

Da platzte Mercourt herein, ein junger Kritiker, ein Freund von Laurent.

»Ich weiß«, sagte er zu ihm, »Sie wollen nach Montmorency rausfahren. Ich komme auch nur auf einen Sprung, ich mochte Sie lediglich um eine Adresse bitten, und zwar um die von Fräulein Jacques.«

Laurent fuhr zusammen.

»Und was zum Teufel wollen Sie von Fräulein Jacques?«, antwortete er und tat so, als suche er Papier, um sich eine Zigarette zu drehen.

»Ich? Nichts … das heißt, doch! Ich möchte sie gern kennenlernen; ich kenne sie nur vom Sehen und Hörensagen; nach der Anschrift aber frage ich für jemanden, der sich gern malen lassen möchte.«

»Sie kennen Fräulein Jacques vom Sehen?«

»Und ob! Sie ist doch jetzt ganz berühmt, und wem wäre sie wohl nicht aufgefallen? Sie ist wie geschaffen dafür.«

»Finden Sie?«

»Nun ja! Sie etwa nicht?«

»Ich? Ich weiß nicht. Ich habe sie sehr gern, ich bin da nicht ganz unbefangen.«

»Sie haben sie sehr gern?«

»Ja, wie Sie sehen, spreche ich das sogar aus, was wiederum beweist, dass ich ihr nicht den Hof mache.«

»Sehen Sie sie häufig?«

»Ab und an.«

»Dann sind Sie also ihr Freund … ernsthaft?«

»Na schön, ja, ein wenig … Warum lachen Sie?«

»Weil ich kein Wort davon glaube; mit vierundzwanzig ist man nicht der ernsthafte Freund einer Frau, die … jung und schön ist!«

»Unsinn! Weder ist sie so jung noch so schön, wie Sie sagen. Sie ist eine gute Freundin, recht angenehm anzuschauen, weiter nichts. Dennoch gehört sie zu einem Typ, den ich gar nicht schätze; und ich muss mich zwingen, ihr nachzusehen, dass sie blond ist. Blondinen mag ich nur in der Malerei.«

»So blond ist sie nun auch wieder nicht! Sie hat sanfte schwarze Augen, ihr Haar ist weder braun noch blond, und sie versteht sich darauf, es in ganz besonderer Weise zu frisieren. Übrigens steht ihr das, sie sieht aus wie eine gutmütige Sphinx.«

»Das ist ein hübsches Wort; aber … Sie persönlich, mögen Sie denn große Frauen?«

»Sie ist nicht sehr groß, sie hat kleine Füße und kleine Hände. Sie ist eine richtige Frau. Ich habe sie mir genau angeschaut, weil ich in sie verliebt bin.«

»Sieh mal einer an, wie kommen Sie denn dazu?«

»Ihnen macht das doch wohl nichts aus, da sie Ihnen als Frau nicht besonders gefällt?«

»Mein Lieber, und wenn sie mir gefiele, es wäre genau dasselbe. In diesem Fall würde ich es vorziehen, mich mit ihr besser zu stellen als augenblicklich; aber verliebt wäre ich nicht, das ist ein Zustand, von dem ich nichts halte; folglich wäre ich auch nicht eifersüchtig. Führen Sie Ihren Vorsatz unverdrossen aus, wenn es Ihnen denn so beliebt.«

»Ich? Ja, wenn sich die Gelegenheit bietet; aber ich habe keine Zeit, sie zu suchen; und im Grunde bin ich wie Sie, Laurent, und neige durchaus zu Geduld, da ich ja in einem Alter bin und in einer Welt lebe, wo es an Vergnügungen und Freuden nicht mangelt … Doch da wir schon von dieser Frau sprechen und Sie sie kennen … so sagen Sie mir doch … und das ist meinerseits reine

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