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Der Geist von Turin: Pavese, Ginzburg, Einaudi und die Wiedergeburt Italiens nach 1943

Der Geist von Turin: Pavese, Ginzburg, Einaudi und die Wiedergeburt Italiens nach 1943

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Der Geist von Turin: Pavese, Ginzburg, Einaudi und die Wiedergeburt Italiens nach 1943

Länge:
222 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
18. Mai 2021
ISBN:
9783949203046
Format:
Buch

Beschreibung

In Mussolinis Italien, im Schatten der Fabriken von Fiat und ­Olivetti, begegneten sich in den dreißiger Jahren in Turin ein paar gebildete ­junge Leute. Sie gründeten Zeitschriften und Verlage, schrieben ­kritische ­Artikel, nahmen Verbannung und ­Gefängnis auf sich und fühlten sich als Avantgarde. Und das waren sie: Aus dem Kreis um Cesare Pavese, Leone und Natalia Ginzburg und dem Einaudi-Verlag kam jener Geist, der nach 1945 das Klima intellektueller Freiheit in Italien wesentlich ­geprägt hat. Maike Albath, die Italien kennt und liebt, beschwört in ­ihrem Buch die Stadt und die einmalige geistige Landschaft, in der diese stolze Episode aus Italiens jüngerer Geschichte ihren Lauf nahm.

"Ein klug komponiertes Buch, das glänzende biographische Miniaturen enthält."
Hans Woller, Neue Zürcher Zeitung

"Ein gewagtes Unternehmen schillert hier verlockend zwischen Hommage, ­biographischer Skizzenfolge, lockeren Apropos und der Präsentation
eines ­faszinierenden Kapitels europäischer Geistesgeschichte."
Joseph Hanimann, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Freigegeben:
18. Mai 2021
ISBN:
9783949203046
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Der Geist von Turin - Maike Albath

Vorbemerkung

Turin? Der Fußballclub mit dem schönen Namen Juventus ist manchen ein Begriff. Richtig, auch die Fiat-Werke sind ein Turiner Unternehmen. Aber sonst? Eine Industriestadt, nicht mit unserem landläufigen Italienbild zu vereinbaren. Als Knotenpunkt der geistesgeschichtlichen Entwicklung des Landes ist Turin nördlich der Alpen eher unbekannt. Dort weiß man höchstens, dass der Philosoph Friedrich Nietzsche am 3. Januar 1889 auf der Via Po seinen geistigen Zusammenbruch erlitt.

In Turin trafen in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Spätausläufer der piemontesischen Aufklärung, die Arbeiterbewegung und die jüdische bürgerliche Kultur aufeinander. Lehrer und Universitätsprofessoren zeigten offen ihre antifaschistische Gesinnung, Piero Gobetti und Antonio Gramsci entwickelten neue Gesellschaftstheorien, und man richtete den Blick nach Frankreich und Amerika. Während Mussolini Italien immer stärker isolierte, experimentierten drei junge Turiner mit Zeitschriften und Büchern und gründeten 1933 den Einaudi-Verlag. Es war die Geburtsstunde einer linken elitären Kultur, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer hegemonialen Macht werden sollte. Die Strahlkraft reichte weit über Italien hinaus. Es ging um die Eroberung neuer Denkräume. Selbstbewusst vertrat das Haus die wissenschaftliche und literarische Avantgarde. Einaudi war viel mehr als die Suhrkamp-Kultur in Deutschland, Einaudi bildete bis weit in die siebziger Jahre hinein den Nukleus des italienischen Geisteslebens. Neben der sagenumwobenen Fiat-Dynastie der Agnellis, die für die Stadt eine größere Bedeutung erlangte als das savoyische Königshaus, entwickelte sich in Turin unter der Hand eine weitere Dynastie: die der Einaudianer, der Kontrapunkt im christdemokratischen Italien. Der Verlag stand für eine bestimmte Kultur der Schrift. Und er stand für eine moralische Haltung.

Der Geist von Turin erzählt von der Stadt, den Gründern des Verlages und ihren wechselhaften Biographien. Es handelte sich um Freunde mit einem gemeinsamen Projekt. Dazu gehörte auch, sich zu streiten, sich zu versöhnen, sich zu verlieben und sich zu trennen. Die Genialität der frühen Phase hing mit der Verschiedenheit der Beteiligten zusammen. Der frühreife, kosmopolitische Leone Ginzburg war die intellektuelle Triebfeder des Unterfangens, Giulio Einaudi mit seinem großbürgerlichen liberalen Elternhaus besaß einen Instinkt für neue Ideen, der Schriftsteller Cesare Pavese, privat katastrophal gebeutelt, war ein pingeliger Philologe und entfaltete eine mitreißende literarische Kraft, in der sich eine ganze Generation wiedererkannte, Leones Frau Natalia Ginzburg, Proust-Übersetzerin und strenge Lektorin, schrieb große Romane wie Stimmen des Abends, Familienlexikon und Caro Michele, und Italo Calvino gab dem Verlag mit seinen eigenen Büchern und mit den »Büchern der anderen« ein unverkennbares ästhetisches Profil. Den Schriftstellern und Intellektuellen von Einaudi ging es nicht darum, Geschäfte zu machen. Sie wollten ihr Land verändern – mit Büchern. Der Geist von Turin ist der Versuch, an ein anderes Italien zu erinnern. An das stille, leise Italien, das im TV-Lärm der populistischen Bewegungen unterzugehen droht. Der Geist verfliegt nicht.

Maike Albath, Berlin im April 2021

Hotel ROMA

Es gibt ein schmales Bett, einen Nachttisch, ein schwarzes Telefon, einen roten Ledersessel im Stil der vierziger Jahre. Sachliche, schlichte Formen. An der Wand steht ein Tisch. Vor dem Tisch ein Stuhl. Das Fenster geht nach hinten hinaus. Es ist ruhig. Die Möbel seien noch dieselben wie damals, erklärt uns die Dame von der Rezeption. Natürlich habe man das Bett ausgetauscht, der Raum sei inzwischen mehrfach renoviert worden, das Badezimmer sei ganz neu. Sonst habe man alles so gelassen. Auch aus Respekt. Aber das Zimmer ist genau wie vorher Teil des Hotelbetriebes.

Das Hotel Roma liegt an der Piazza Carlo Felice direkt an der Porta Nuova, dem Hauptbahnhof von Turin. Hier trifft der Schriftsteller und Verlagslektor Cesare Pavese am 16. August 1950 aus Rom ein. Er geht nicht in die Wohnung seiner Schwester in der Via Lamarmora 35, wo er seit vielen Jahren zu Hause ist. Es gibt praktische Gründe, aber vielleicht passt die provisorische Unterkunft zu seiner Stimmung. Am 17. August schreibt er seiner Schwester einen Brief nach Santo Stefano Belbo, dem Ferienort der Familie: »Liebe Maria, den Schlüssel habe ich. Es ist soweit alles in Ordnung, nur das Licht geht nicht. Ich bin in ein Hotel gezogen, das sehr günstig ist und wo ich wunderbar schlafe. Es ist nicht nötig, dass Du schon am Montag, dem 21. zurückkommst. Bleib’ ruhig bis zum Schluss. Meine Hemden und Anzüge lasse ich hier im Hotel reinigen. Ich bin reich. Allein für eine Novelle hat man mir 30.000 Lire bezahlt. (…) Hier sind 5000 Lire für den Priester von Castellazzo, damit er seine Geschichtchen weiter predigen kann. Hoffen wir, dass wenigstens er daran glaubt. Lasst es Euch gut ergehen. Ich fühle mich so wohl wie ein Fisch im Eis. Grüße an Guglielmo, Cesare«.

Mitte August ist Turin noch wie leergefegt. Die Fiat-Werke sind den ganzen Monat geschlossen, die Schule fängt erst im Oktober wieder an, kaum ein Lebensmittelladen hat geöffnet, keine Bäckerei, nur wenige Cafés. Pavese verbringt die Tage im Hotel, schreibend und arbeitend, ruft ein, zwei Freunde an, kehrt sogar für ein paar Nächte in die Via Lamarmora zurück, schaut im Verlag vorbei, aber nicht einmal die Sekretärinnen sind schon vom Meer zurück. Am 26. August, einem Samstag, trifft er Bekannte, Journalisten einer Lokalzeitung. Der Abend endet in einer Trattoria ein paar Straßen vom Hotel entfernt, es ereignet sich nichts Spektakuläres. Wein, Nudelgerichte, Geplauder unter Bekannten. In der Nacht zum Sonntag legt Pavese eine Ausgabe seines Buches Gespräche mit Leuko auf den kleinen Tisch in seinem Hotelzimmer und schreibt hinein: »Ich verzeihe allen und bitte um Verzeihung. In Ordnung? Tratscht nicht zu viel darüber.« Er rührt achtundzwanzig Tüten Schlafpulver in ein Wasserglas, trinkt das Gemisch und streckt sich auf dem Hotelbett aus. Er muss unter Krämpfen gelitten und sich gewunden haben. Nach einer Weile fällt sein rechter Arm herunter und baumelt auf den Boden. Um neun Uhr abends findet ihn ein Zimmermädchen.

Als Cesare Pavese im Spätsommer 1950 den Freitod wählt, hatte er eigentlich alles erreicht. Mit dem Kurzroman Die einsamen Frauen, dem letzten Band seiner »Turiner Trilogie«, fühlte er sich auf dem Höhepunkt seiner literarischen Möglichkeiten angelangt. Er schaffte es sogar, stolz auf sich zu sein: »Heute entdeckt, dass Tra donne sole ein großer Roman ist«, heißt es im Vorjahr in seinem Tagebuch, und als das Buch im Juni 1950 den renommierten Premio Strega gewann, hatte er den Triumph genossen. Auch das Verlagshaus Einaudi, das er mit Giulio Einaudi führte, war längst eine Institution, mit eleganten Niederlassungen in Mailand und Rom und seinem Hauptsitz in Turin. Pavese hatte die Außenstelle in der Hauptstadt mit begründet und war 1945 Programmleiter des gesamten Hauses geworden. Jetzt, ein paar Jahre nach dem Krieg, scheint das Unternehmen auf dem Zenit angekommen. Die Bücher von Einaudi prägen die öffentlichen Diskussionen. Der Verlag wirkt wie ein Magnet auf junge Intellektuelle; man will mitmachen und dabei sein.

Nach der gerichtsmedizinischen Untersuchung bringt man Paveses Sarg in den Verlag in der Via Biancamano. Der Schriftsteller wird in seinem Arbeitszimmer aufgebahrt. Die Beerdigung findet am Dienstagnachmittag statt, um sechzehn Uhr.

AUTOS und FABRIKEN.

MUSSOLINIS Aufstieg

Der Autobus Richtung Lingotto fährt vom Bahnhof Porta Nuova ab. Vor dem Bahnhofsgebäude mit seinem großen Rundfenster setzen sich die Arkaden der Via Roma fort, und wie an fast jeder Ecke in der Innenstadt staunt man über die architektonische Geschlossenheit der Straßenzüge. Seit 1621 wachte eine Behörde über die Pläne der Architekten und achtete darauf, dass die berühmten Baumeister die Formensprache respektierten. Die savoyischen Könige wollten einen hohen Stil. Schließlich war Turin eine moderne Residenzstadt mit einem großen Verwaltungsapparat, und überall sollte es wie bei einem Fürstenpalast Kolonnaden, Säulenordnungen, Blickachsen und Gliederungen der Fassaden geben. Das konnte nicht einmal Paris bieten. Alles wurde bedacht, auch die Auflockerung der kühlen Linearität durch Kirchen, kleine Parks, Springbrunnen oder Plätze mit Reiterstandbildern. Hundert Jahre dauerte die Bauzeit, und man kann Tage damit verbringen, nach den Abstufungen zwischen der Klarheit im Stil Palladios, den kurvigen Schleifen des Barock und den strengen Proportionen des Klassizismus zu suchen. Selbst vom Bus aus verfängt sich der Blick in geschwungenen Portalen und Kapitellen. Auf der Via Nizza werden die Wohnhäuser nach und nach bescheidener. Hier baute der Ingenieur Giacomo Matté-Trucco, ein Vertreter des Rationalismus, ab 1916 im Auftrag von Giovanni Agnelli nach dem Vorbild der Ford-Niederlassung in Highland Park, Michigan, eine neue Fabrik. Sie bekam den Namen des Viertels, in dem sie lag. 1923 wurde der Lingotto eingeweiht. Das über fünfhundert Meter lange, fünfstöckige Gebäude mit den großen Fensterreihen, zwei Ecktürmen und einer Teststrecke auf dem Dach wurde zu einem Symbol für den technischen Fortschritt. Streng, klar, konzentriert, so wirkt es noch heute. Die Fabrik war für die neue Serienproduktion gedacht und funktionierte nach dem Prinzip der vertikalen Fertigung: auf jeder Etage wurde eine Etappe der Herstellung durchlaufen, vom Erdgeschoss bis zu den Fließbändern im fünften Stock und der Probefahrt ganz oben. Über dem Eingang prangt immer noch der Schriftzug »Fiat«, die Abkürzung für Fabbrica Italiana Automobili Torino, obwohl der Lingotto inzwischen ein Einkaufszentrum und ein Hotel beherbergt.

Für die Turiner stellte der Lingotto in den zwanziger Jahren die ungeheure Modernität ihrer Stadt unter Beweis. In der Autozeitschrift Motor Italia hieß es: »Am Ende der Vorortstraße, wo die letzten kleinen Fabriken und die Baustellen der neuesten Häuser liegen, erheben sich die Fiat-Werkstätten in ihrer architektonischen Folgerichtigkeit. Ein unvergleichlicher Bau in hellen Farben, der durch die Einfachheit seines Äußeren das Prinzip der Ordnung verkörpert. (…) So wie der Stil einer Kirche: diese Fabrik hat die Suche nach dem Göttlichen in einem bestimmten Moment der Geschichte vollendet. Sie ist beinahe ein Hafen, ein riesiges Arsenal mit zwei quadratischen Türmen.« Mit fast sakraler Andacht betrachtet der Journalist die Anlage. Die Fensterfronten erinnern ihn an die Augen eines riesigen Tieres: »Am Morgen, beherrscht von den Blicken großer Glasaugen, in denen sich der Gleichmut der Gerechtigkeit spiegelt, warten die Arbeiter an den zyklopischen, höhlenartigen Mauern. Sie sprechen nicht, sie bewegen sich nicht, wie es sonst bei jeder Ansammlung von Menschen der Fall ist. Sie warten. Alles wurde bereits befohlen, sie können nichts daran ändern. Sie gehorchen einem Befehl, der nicht dem menschlichen Willen entspricht, sondern einer Weisheit, die schon durch das Gesetz gebeugt wurde.«

Der Lingotto flößte Respekt ein. 18.000 Arbeiter waren in der Anlage beschäftigt. Diese Massen wirkten wie Vorboten einer neuen, moderneren Gesellschaft. Der Sozialist Piero Gobetti, einer der klügsten und interessantesten Köpfe der Turiner Linken, schrieb in seiner Zeitschrift La rivoluzione liberale kurz vor der Einweihung des Gebäudes: »Wegen der emsigen Anstrengungen einer kleinen, intelligenten Gruppe von Industriekapitänen (die Einzigen, die sich – im ökonomischen Sinne des Wortes – bürgerlich nennen dürfen) gab es bei Kriegsausbruch in Turin, zumindest anfänglich, eine tatsächlich moderne Industrie. Der Krieg brachte mehr Arbeit. Durch Giovanni Agnelli, einen einsamen Helden des modernen Kapitalismus, entstand eines der tragfähigsten Unternehmen unseres Landes: Fiat. Die Fabrik regte einen Wandel des städtischen Lebens an. (…) Während der Kriegsjahre wurde Turin zur Industriemetropole par excellence: Es handelte sich um eine aristokratische Industrie, die durch eine hervorragende Auswahl von Geist und Fähigkeiten in den Händen weniger genialer Männer lag, eine hoch spezialisierte Industrie, die zu einer unverzichtbaren Keimzelle des wirtschaftlichen Organismus wurde. Durch die Ausweitung auf das gesamte Land hätte diese Industrie der Nation den Charakter eines modernen Staates geben sollen.« Gobetti, Jahrgang 1901, wollte an das Gedankengut des Risorgimento anknüpfen und mit seinen Zeitschriften eine neue politische Klasse prägen. Immer wieder nahm er die Intellektuellen in die Pflicht, beklagte das Fehlen einer politischen Führungsschicht und stellte sich öffentlich gegen den aufkommenden Faschismus. Ihm schwebte eine liberale Revolution vor. Als Region, von der die italienische Einigung ausgegangen war, trage das Piemont eine besondere historische Verantwortung, meinte Gobetti. Dass Turin 1861 der erste Parlamentssitz und dreieinhalb Jahre lang sogar die Hauptstadt des vereinigten Königreichs Italien gewesen war, hing mit Graf Camillo Benso di Cavour (1810–1861) zusammen, Minister von Sardinien-Piemont, dem großen Architekten der Einheit. Nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 errichtete Cavour auf der piemontesischen Verfassung ein parlamentarisches System, betrieb eine moderne Wirtschaftspolitik und säkularisierte das Königreich. Der pragmatische Piemontese favorisierte eine monarchistische Lösung und setzte sich für einen italienischen Verfassungsstaat unter der Krone der savoyischen Könige ein. Mit dem romantischen Furor der republikanisch-demokratischen Gruppierungen um Giuseppe Mazzini wollte er allerdings nichts zu tun haben. Stattdessen köderte er Napoleon III. und gewann mithilfe der französischen Armee die Doppelschlacht von Solferino und Magenta gegen die Habsburger. Gegen alle Absprachen vereinbarte Napoleon III. mit Österreich einen Vorfrieden, wodurch die geplante Aufteilung Italiens hinfällig wurde. Aber jetzt erhoben sich die Honoratioren in der Toskana, in Modena, Parma und der Emilia Romagna. Nach der Einigung von oben und dem Anschluss Mittelitaliens stach der Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi im Mai 1860 mit seinem Zug der Tausend in See und eroberte Sizilien und den gesamten Süden. Nur in Rom regierte unter dem Schutz französischer Truppen weiterhin der Papst. Im Frühjahr 1861 trat das neue Parlament in Turin zusammen, und Vittorio Emanuele di Savoia nahm den Titel »König von Italien« an. Das piemontesische Statut von 1848 wurde zur Grundlage der Verfassung, Italien war vereinigt, aber es war eine Nation ohne Sprache. Wenn heute über die verspätete Einigung und die eigentümliche Spaltung zwischen Norden und Süden nachgedacht wird, gerät dies meistens vollkommen in Vergessenheit: Nur 2,5 Prozent der Bevölkerung beherrschten das Hochitalienische. Auch in den gebildeten Schichten war Italienisch keine Selbstverständlichkeit, weshalb man sich im Parlament zunächst auf Französisch verständigte. Immerhin gab es mit Dante, Petrarca, Boccaccio und Manzoni eine italienische Literatur. Bei 75 Prozent Analphabeten – im Süden des Landes waren es sogar knapp 90 Prozent, im Piemont und der Lombardei 54 Prozent – änderte das nichts an der dramatischen Lage, und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde in den Grundschulen vorwiegend Dialekt gesprochen. Gerade die piemontesischen Politiker setzten sich für Bildungsoffensiven ein. 1921 war der Analphabetismus im Piemont unter 13 Prozent gesunken, während er in Mittel- und Süditalien immer noch 50 Prozent überschritt.

Als Agnelli das Gebäude an der Via Nizza einweihte, existierte Fiat seit über zwanzig Jahren: 1899 hatte eine Gruppe autoverrückter Aristokraten und Geschäftsleute das Unternehmen gegründet. Nach einer tumulthaften Anfangsphase war der Rechtsanwalt Agnelli alleiniger Besitzer geworden. Der Erste Weltkrieg gab dem Unternehmen einen starken Impuls, den der Unternehmer klug auszunutzen wusste. La Grande Guerra, wie er in Italien genannt wird, ist die Wasserscheide in der politischen Geschichte des Landes und die Voraussetzung für den Aufstieg Mussolinis. In den fünfzehn Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hatte der liberale Piemontese Giovanni Giolitti (1842–1928) mit seinem virtuos praktizierten trasformismo, einer Politik, bei der die oppositionellen Kräfte an der Macht beteiligt wurden, die Linie des jungen Nationalstaates bestimmt. Trotz seiner Neigung zum Klientelismus war Giolittis Innenpolitik relativ aufgeklärt. Der Ministerpräsident befürwortete einen sogenannten »organisierten« Kapitalismus, hatte durch Schulreformen und die Einführung des Wahlrechts für alle volljährigen Männer 1912 eine Demokratisierung Italiens vorangetrieben und sich um die Einbindung der moderaten katholischen und sozialistischen Kräfte bemüht. An den Rändern kam es aber bereits damals zu Radikalisierungen. Agnelli war selbstverständlich ein Anhänger Giolittis und spiegelte damit die Haltung eines Großteils der Turiner Unternehmer: Es handelte sich um eine bürgerliche Klasse mit einem starken Sinn für das Gemeinwohl, wie es sie sonst in Italien kaum gab. Sie war politisch gemäßigt, Neuerungen gegenüber aufgeschlossen, pragmatisch, legte Wert auf funktionierende Institutionen und setzte bei Auseinandersetzungen mit den Arbeitern auf den Dialog. Als die Sozialisten allerdings immer mehr Wahlkreise gewannen, fürchteten sie um ihren politischen Einfluss. Denn inzwischen hatte sich um die Turiner Innenstadt eine Art Manchester-Gürtel aus Zuliefererbetrieben gebildet. Die Bevölkerung war innerhalb von dreißig Jahren um das Vierfache auf 427.000 Einwohner angewachsen.

Mit dem Ersten Weltkrieg geriet dann auch das System des ausgleichenden trasformismo in die Krise. Bis 1915 blieb Italien neutral. Aber am 23. Mai kam es zur Kriegserklärung – gegen eine anti-interventionistische Parlamentsmehrheit. Dahinter steckte machtpolitisches Kalkül: Im Londoner Abkommen vom 26. April waren Italien neue Gebiete auf Kosten Österreichs versprochen worden. Der sonst eher für schwüle Romane bekannte Schriftsteller Gabriele D’Annunzio schwang sich zu schmissigen Reden auf, in denen er »La più grande Italia« beschwor. Ebenso lautstark meldete

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