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T.C. Solaris: Erinnerungen
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eBook145 Seiten1 Stunde

T.C. Solaris: Erinnerungen

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Über dieses E-Book

"Weil ich sehe, bin ich.
Weil ich nicht bin wie sie, bin ich, denn ich sehe.
Weil ich sehe, bin ich."
Ein Junge wird geboren, doch schon im Krankenhaus bemerkt er, dass es mehr gibt, als die Welt, die man sehen kann. Zuhause rauben ihm ein zugemauerter Dachboden, Tote, die im Licht des Mondes in den Ästen eines alten Baumes vor seinem Fenster tanzen und ein Loch in der Decke seines Zimmers den Schlaf.
Schließlich klettert er durch eine nicht verschlossene Dachluke auf den Dachboden und kommt mithilfe eines sprechenden Totenschädels, den er dort in einem Geheimversteck findet und eines Buches, auf dessen Buchdeckel "Theodoris" steht, einem düsteren Geheimnis auf die Spur, welches seine Großmutter, die ihm sonst Schutz und Trost spendet, in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt.
SpracheDeutsch
HerausgeberBook King
Erscheinungsdatum6. Nov. 2020
ISBN9783740973094
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    Buchvorschau

    T.C. Solaris - Thomas Fillinger

    Inhalt

    Widmung

    Zitat

    VORWORT

    THEODORIS

    CARLOS

    SOLARIS

    THEODORIS CARLOS SOLARIS

    NACHWORT

    Autor

    T.C. Solaris

    Erinnerungen

    Thomas Fillinger

    Widmung

    Für Jonas M. Kranz

    Claudia Böhm

    Hannelore und Willi Fillinger

    Thorsten Bitter

    Gewidmet E. B.

    (meine Theodora, wo immer du jetzt bist)

    Zitat

    „Klopf die / Lichtkeile weg: / das schwimmende Wort / hat der Dämmer."

    Paul Celan

    VORWORT

    In der Vorstadt, in der ich aufwuchs, gibt es ein Sumpf- und Waldgebiet.

    Eine Autobahnbrücke führt darüber hinweg und ein kleiner Bach durchteilt dieses Gelände.

    Während meiner Kindheit unternahmen meine Freunde und ich oft Entdeckungsreisen dorthin, und einmal entdeckten wir am Fuße der Autobahnbrücke und am Ende des Bachlaufes eine Gittertür, hinter der der Bach in die Dunkelheit einer unterirdischen Kanalisation führte.

    Das Gitter war nicht verschlossen.

    Ich weiß nicht mehr, wer als erster jene dunkle, übel riechende und feuchte Welt betrat, aber wir verbrachten viele Stunden dort unten, erkundeten mit selbstgebastelten Fackeln (trockene Birkenstöcke, um die wir in Feuerzeugbenzin getränkte Lumpen gewickelt hatten) die unter- irdischen Gänge und bald wurde dieser Ort zu unserem Geheimversteck.

    Später verschlossen sie die Gittertür, weil ein Junge dort gestorben war; er hatte sich in der feuchten Dunkelheit verirrt.

    Irgendwann bin ich zu diesem magischen Ort zurückgekehrt.

    Das Gitter war immer noch verschlossen, das metallene Geräusch meines Bolzenschneiders, mit dem ich die rostige Kette durchtrennte, zerschnitt die totenähnliche Stille, die sich über diesen Ort gelegt hatte, seit ich vor dem Ein- gang in die unterirdische Dunkelheit stand.

    Ich stieg hinab, nach unten, in die dunklen, feuchten Gänge, die mir, als ich noch Kind war, riesig erschienen waren.

    Nicht im Geringsten war ich vorbereitet auf das, was ich dort fand: Zunächst fiel mir der Gestank auf, ein süßlicher, scharfer Geruch, der die Kanalisation nach wenigen Metern erfüllte und mir fast den Atem raubte. So hatte es hier früher nie gerochen.

    Dann entdeckte ich in einer Tunnelnische mehrere ab- genagte, halb verrottete Rattenskelette. Und schließlich er- blickte ich, hinter einer Biegung, eine Art Kathedrale, ein großes Gewölbe, und hier war der Gestank am schlimmsten.

    Aber nicht das erschreckte mich, sondern die Buchstaben, Wörter und Sätze, die ich an den Wänden fand.

    Jemand hatte hier etwas geschrieben, nur konnte ich nicht erkennen, womit. Ich betastete die Schriftzeichen, und sie waren feucht, wie oberflächlich angetrockneter, dick aufgetragener Tapetenkleister.

    Aber es war kein Kleister, denn diese Buchstaben verströmten den Gestank.

    Ich leuchtete mit meiner Taschenlampe auf den Boden, ich suchte eine Spur, einen Pinsel, irgendetwas, das mir dieses Phänomen erklären würde, aber ich fand nichts. Doch, etwas fand ich: Einen großen Fleck, eiförmig, an den Rändern zerfasert, darauf lag etwas Rotes, überzogen von einer schleimigen Substanz. Es war ein Plastikcowboy, und als ich mich bückte, um ihn aufzuheben, da vernahm ich ein leises, zischendes Flüstern, das mein Blut in Eis verwandelte:

    „Solaris!"

    Lange stand ich zitternd in der Dunkelheit, blickte in die feuchte Schwärze, suchte dort den Verursacher des Flüsterns, doch niemand war zu sehen und ich begann zu lesen.

    Thomas Fillinger, 2019

    THEODORIS

    Weil ich sehe, bin ich.

    Weil ich nicht bin wie sie, bin ich, denn ich sehe.

    Weil ich sehe, bin ich.

    hier dieser ort den sie verfluchen er ist schmutzig dunkel feucht aber sie erreichen mich nicht mehr hier unten da gehen sie nicht hin nicht freiwillig zumindest aber ich bin hier denn hier ist mein reich hier bin ich der der ich sein sollte ekel für die da oben die mir ihre ausscheidungen auf meinen kopf schütten aber das ist nahrung für mich und die ratten deren schabende schritte das plätschern des schmutzigen wassers

    untermalen mein schmutziges refugium dieser ort da ich ströme in den verfaulten leib der erde dich tauschte ich gegen eine welt aus lügen blut tränen tod aber mein name hallt durch die klammen tunnelwände und meine name ist wie der strahlende mond wie das weinen der sterne und wie der fluch der sonne das ist mein name

    theodoris carlos solaris

    aber das war nicht immer so.

    Soweit ich mich erinnern kann, hat es in unserem Haus gespukt.

    Dieses Haus: Immer knarrte etwas im Gebälk, immer huschten verhastete Schritte durch die Nacht und ferne Stimmen flüsterten im fahlen Mondlicht.

    Und oben, auf dem Dachboden, der zugemauert war, da hörte ich Geräusche, geheimnisvoll, bedrohlich, unheimlich. Etwas ging dort um, etwas Großes, Schwarzes.

    Mein Zimmer lag im Obergeschoss, direkt unter dem Dachboden und es gab in meinem Zimmer eine Verbindung zu der zugemauerten Welt des Dachbodens: Ein Loch, groß wie ein Tennisball, befand sich in meiner Zimmerdecke, direkt neben der Lampe, und deshalb konnte ich sie sehen und hören, die Dinge, die dort passierten, die Geheimnisse, die dort flüsterten.

    Einmal, als draußen der erste Herbststurm des Jahres fauchte, einmal hörte ich schabende Schritte und scharrende, glucksende Geräusche; ein Meckern, ein Gackern erklang aus dem Loch und ich verkroch mich unter meiner Bettdecke, ich hörte auf, zu atmen und mein ganzer Körper bestand aus einer einzigen Gänsehaut. Erst, als sich der Sturm draußen gelegt hatte, erst, als die Geräusche verstummt waren, da steckte ich meinen Kopf aus der Decke, da blickte ich zitternd zu dem Loch und eine Feder, braun, schmutzig, staubig; eine Feder schwebte langsam von der Zimmerdecke auf den Zimmerboden, wo sie schmatzend verschwand.

    Eine ähnliche Feder hatte ich bereits gesehen, damals, als alles seinen Anfang nahm:

    Weil sie leere Gitterbetten an einer Krankenhauswand stapelten, verleugnete die Welt meine Geburt, denn das waren die Betten der Totgeburten und mein Bett stand ihnen gegenüber.

    Dieser endlose Flur, weiße Wände, grelles Licht und ein Nebel darüber, den ich aus dem Schoß meiner Mutter mit in die Welt gebracht hatte.

    Und von irgendwoher schwebte eine schmutzige, staubige Feder auf mein Gesicht, veranlasste mich, in diesem Flur meine ersten Laute auszustoßen: Ein gequältes, leises Kichern. Meine Augen verfolgten den Weg der Feder, als sie sich wieder erhob, als sie langsam zurück schwebte, und ich sah:

    Etwas Rotes schimmerte in dem Bettenstapel gegenüber, etwas, das war wie ich: Da und nicht da.

    Ich wollte danach greifen, aber es veränderte seine Konsistenz, es wurde durchscheinend, es flimmerte, und jetzt konnte ich es greifen, aber da begann plötzlich die Beleuchtung des Flures zu flackern und ich sah die fleischlosen Körper der Totgeburten in den gestapelten Gitterbetten und ich schrie und schrie und schrie und ich verschluckte das Rote, es verschwand in meinem Mund, in mir.

    Und eine Stimme war da, eine Stimme in meinem Kopf, eine Stimme, die mich dröhnend rief und jetzt schwieg ich.

    Die Welt verschwand.

    Etwas – jemand – kletterte aus einem Loch im Boden und er war schwarz und groß und vertraut.

    Der Schwarze streichelte meinen Kopf und ich hörte seine Stimme, die war wie ein dumpfes Dröhnen, diese Stimme, das war die Stimme der Totgeburten, deren Worte ich nicht verstand.

    Jetzt beugte sich Der Schwarze komplett über mich, streckte beide Arme in die Höhe und ließ sie herabsausen in meinen Mund, er drang in mich ein, er wühlte in mir, er zerrte in mir, dann – endlich – zog er etwas aus mir heraus, etwas, das nicht ganz da war, etwas Rotes, Durchscheinendes.

    Er betrachtete das Rote in seiner Hand, dann nickte er und streichelte mir erneut über den Kopf.

    Ich glaube, er hat auch zu mir gesprochen, nur seine Worte, die konnte ich nicht verstehen, noch nicht.

    Das Verstehen – mein Verstehen – der Dinge, die passierten, kam viel später, eine kleine Ewigkeit musste vergehen und eine tote, flüsternde Kälte drang in meine Welt, mein Leben.

    O, diese Nächte, da ich regungslos lag, eingebettet in den kalten Atem der Angst, da ich nicht wagte, mich zu rühren: Stürme gab es viele und sie zerrten und rissen an dem Haus, als wollten sie es in eine andere Welt reißen, als wollten sie es verschlingen.

    Zu dem Haus gehörte ein Garten und zu dem Garten eine große, knorrige, alte Pappel. Nachts, wenn draußen die Gewitter grollten, griffen die Schatten ihrer Äste im schneidenden Licht der Blitze in mein Zimmer.

    Die Arme der Toten waren das und ich konnte die Toten fliegen sehen.

    Und meistens tanzten sie um den Dachstuhl, bevor sie auf dem Dachboden verschwanden.

    Wenn es jemanden gäbe, der zurückkehren könnte, er würde auf unserem Dachboden wohnen.

    Einmal, im Winter:

    Klar lag der Mond im eisigen Licht des Schnees über den kahlen Ästen der Pappel, die sich nicht bewegte, kein Wind, kein Sturm, nur: Stille.

    Trotzdem ließ diese Stille mich aufschrecken, hochfahren aus den schützenden Armen meiner kindlichen Träume und meine Augen wanderten zu meinem Fenster, ich blickte in die eisige Welt und der Mond war ein Schädel, tot, keine Haut, nur Knochen, ein fahles Grinsen, er hing in dem knorrigen

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