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Drei Großmeister des Horrors: Sammelband 4 Romane

Drei Großmeister des Horrors: Sammelband 4 Romane

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Drei Großmeister des Horrors: Sammelband 4 Romane

Länge:
650 Seiten
7 Stunden
Freigegeben:
May 6, 2021
ISBN:
9798201299576
Format:
Buch

Beschreibung

Alfred Bekker & A. F. Morland & W.A.Hary

Drei Großmeister des Horrors: Sammelband 4 Romane

Dieses Buch enthält folgende Romane:


 

W.A.Hary: Beschwöre keinen Geist zum Scherz

A.F. Morland: Die schwarze Kapelle

Alfred Bekker: Blutige Tränen

Alfred Bekker: Biss zur Unsterblichkeit


 

Grauenhafte Kreaturen der Finsternis, Widergänger aus dem Totenreich und übernatürliche Bedrohungen – darum geht es in den Horror-Geschichten dieses Buches.

Freigegeben:
May 6, 2021
ISBN:
9798201299576
Format:
Buch

Über den Autor

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.


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Buchvorschau

Drei Großmeister des Horrors - Alfred Bekker

Drei Großmeister des Horrors: Sammelband 4 Romane

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2021.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Alfred Bekker & A. F. Morland & W.A.Hary | Drei Großmeister des Horrors: Sammelband 4 Romane

Copyright

Beschwöre keinen Geist zum Scherz

Vorwort

1

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DIE SCHWARZE KAPELLE

Copyright

Sommer 1978

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Alfred Bekker Blutige Tränen

Alfred Bekker: BISS ZUR AUFERSTEHUNG

Further Reading: 11 Gruselromane zum Fest: 1200 Seiten Spannung

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Also By W. A. Hary

About the Author

About the Publisher

Alfred Bekker & A. F. Morland & W.A.Hary

Drei Großmeister des Horrors: Sammelband 4 Romane

Dieses Buch enthält folgende Romane:

W.A.Hary: Beschwöre keinen Geist zum Scherz

A.F. Morland: Die schwarze Kapelle

Alfred Bekker: Blutige Tränen

Alfred Bekker: Biss zur Unsterblichkeit

Grauenhafte Kreaturen der Finsternis, Widergänger aus dem Totenreich und übernatürliche Bedrohungen – darum geht es in den Horror-Geschichten dieses Buches.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors ; Cover Steve Mayer nach Motiven von C.Seybold

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Beschwöre keinen Geist zum Scherz

Von W.A.Hary

Vorwort

Zunächst sieht es eigentlich gar nicht danach aus, als würde es im vorliegenden Band um den Urdämon KELT gehen, aber das wird sich ändern. Versprochen. Und dann ergibt alles auch einen ganz besonderen Sinn. Vor allem, wenn alles vorbereitet ist - zum tödlichen Nachteil von Mark Tate, unserem Lieblings-Teufelsjäger. Wie er da wieder heil heraus kommt - und vielleicht sogar siegreich? Einfach selber lesen...

1

Spätsommer 1976

Trevor Fox stellte fröstelnd den Kragen seines verschlissenen Mantels hoch, bis nur noch sein Haarschopf zu sehen war. Er wagte es kaum, sich die Umgebung genauer anzusehen. Die uralte Ruine flößte ihm Furcht ein. Erzählten sich die Dörfler nicht, daß es hier spuke? Viele behaupteten sogar, sie hätten nachts graue Schatten umherhuschen sehen. In den spärlichen Büschen, die ihre Wurzeln in Mauerreste getrieben hatten, solle es oftmals gespenstisch raunen, als unterhielten sich Dämonen darüber, wie sie den nächsten Menschen in die Falle locken könnten.

Trevors Augen flackerten. Er drückte sich tiefer ins Dunkel, verschmolz mit den Schatten der Nacht. Er hatte Angst, erbärmliche Angst. Es war nicht nur die Umgebung, die ihm Grauen einflößte. Wenn er daran dachte, was ihm diese Nacht noch bringen würde... Vergeblich versuchte er, die Gedanken an das Kommende zu unterdrücken.

Da! War da nicht eben ein Geräusch gewesen?

Er fuhr herum. Die Haare stellten sich ihm schier zu Berg. Der Wind pfiff durch die verfallenen Mauern und wehte in Trevors Gesicht wie der eiskalte Odem des Todes. Trevor Fox zitterte. Enger zog er den Mantel um seinen Körper, was ihm jedoch nicht viel half. Er fror von innen heraus. Die Kälte kam nicht von außen. Seine geweiteten Augen saugten sich an jedem Lichtschimmer förmlich fest.

Eine Bewegung! Es raunte und wisperte. Ein Schatten fiel auf Trevor Fox. Er zuckte zusammen wie unter einem Peitschenhieb und warf den Kopf in den Nacken. Es war nur eine düstere Wolke, die sich vor die volle Scheibe des Mondes geschoben hatte. Rascheln und Rauschen entstanden. Eine wilde Windbö zerrte an Trevors Haaren.

Er wußte, daß er es an diesem gespenstischen Ort nicht mehr lange aushalten würde. Nur mit großer Überwindung war er in der Lage, den Ärmel des Mantels zurückzuschieben, um einen Blick auf das Leuchtzifferblatt der Armbanduhr werfen zu können. Das phosphoreszierende Leuchten kam ihm vor wie das gefährliche Glühen eines dämonischen Auges.

Trevor Fox schlotterte am ganzen Leib, als er sah, wieviel Uhr es war: Kurz vor Mitternacht.

Was würde hier noch alles passieren? »Du bist verrückt, total übergeschnappt«, murmelte er vor sich hin. »So ein abgebrühter Bursche wie du sollte sich nicht so schnell unterkriegen lassen. Reiße dich gefälligst zusammen!«

In diesem Augenblick spürte er im Rücken eine Berührung. Er erstarrte wie zur Salzsäule. Die Augen drohten ihm aus den Höhlen zu quellen. Das Unbekannte in seinem Rücken kroch langsam höher, wanderte auf sein Genick zu. War es nicht ein Ding mit vielen Füßen? Krabbelte es nicht empor, um eine unbedeckte Hautstelle zu finden?

Trevor Fox konnte nicht mehr anders. Er schrie sich alles aus dem Leib, was er an Grauen empfand. Blitzschnell drehte er sich dabei um die eigene Achse.

Was immer auch seinen Rücken hochgekrabbelt war, er hatte es abgeschüttelt. Jedenfalls schien es ihm so. Trevor Fox bückte sich und ergriff einen dicken Stein. Damit wollte er den Angreifer zerschmettern.

Vor ihm erhob sich eine Gestalt. Als er zuschlagen wollte, fiel ihm jemand geschickt und rechtzeitig in den Arm. Atem streifte sein Gesicht. Der Griff war stahlhart. Trevors Hand öffnete sich. Der Stein fiel polternd zu Boden.

»Du Idiot«, zischelte jemand ganz nahe an seinem Ohr.

Irgendwie kam Trevor die Stimme bekannt vor. Aber er war wie von Sinnen, wollte sich aus der eisernen Umklammerung befreien.

Da schlug ihm der andere ein paarmal kräftig rechts und links ins Gesicht. Das brachte Trevor Fox wieder zu sich.

»Mensch, das bist ja du!« keuchte er.

Der andere klopfte ihm auf die Schulter. »Alles klar? Deine Nerven sind auch nicht die besten. So kenne ich dich gar nicht.«

»Du - du hast gut reden.« Trevor Fox war noch immer ganz außer Atem. »Schließlich stehe ich hier schon eine geschlagene Stunde. Weißt du nicht, was man sich über die Ruine erzählt?«

»Blödsinn!« Pete Carmikel, Trevors >Geschäftspartner<, winkte verächtlich ab. »Ich habe mich getäuscht in dir, wie mir scheint. Bist ein rechter Hosenfüller.«

Trevor Fox spürte Zorn in sich aufsteigen, und der Zorn war stärker als Angst und Vernunft. Er packte den wesentlich stärkeren Pete Carmikel am Rockaufschlag und drückte ihn gegen die Wand.

»Verdammt soll ich sein, wenn ich mir in die Hosen mache, ohne daß ein Grund vorhanden ist.«

Er wollte wahrscheinlich noch mehr sagen, aber Pete Carmikel schüttelte ihn ab wie ein lästiges Insekt und strich pedantisch seine Jacke glatt. Ein hoffnungsloses Unterfangen bei dem Zustand, in dem sie sich befand.

»Hör zu, lieber Trevor«, sagte er gefährlich leise, »es gibt gewisse Dinge, die ich absolut nicht leiden mag, kapiert? Du wirst besser daran tun, wenn du dich in Zukunft danach richtest.«

Trevor Fox nickte, was in der Dunkelheit kaum zu sehen war.

Er warf einen raschen Blick in die Runde. Schon bereute er seine Unüberlegtheit, aber dann überwog wieder die Furcht.

»Es - es wäre besser, wir würden diesem düsteren Ort den Rücken kehren und zurück nach London trampen - dorthin, woher wir kommen.«

»Das überhöre ich einfach.«

»Mensch, Pete, was soll das Ganze? Da kommt so ein hergelaufener Fremder und bestellt uns hierher. Drei Tage liegt das nun schon zurück. Vielleicht erscheint er gar nicht, he?«

»Kaum anzunehmen, denn sonst hätte er uns nicht das schöne Scheinchen als Anzahlung überlassen.«

»Paß mal auf, Pete, wir wollen jetzt einmal ganz vernünftig miteinander reden, ja? Kam dir denn der Bursche nicht auch komisch vor? Ich traue ihm jedenfalls nicht über den Weg. Stelle dir vor, wir sollen für ihn eine Arbeit auf dem hiesigen Friedhof erledigen. Ich wußte vorher gar nicht, daß es dieses Kaff Forester überhaupt auf der Landkarte gibt. Der Kerl tickt doch nicht richtig. Ich frage dich, warum er nicht Helfer aus dem Dorf anheuert. Das muß doch einen Grund haben. Und wenn ich daran denke, was wir in den letzten zwei Tagen hier schon alles gehört haben...«

»Jetzt ist es aber genug, Trevor. Halte den Mund! Unser Freund muß jeden Augenblick auftauchen.«

»Sag mal, wo warst du eigentlich so lange? Warum hast du mich solo warten lassen?«

»Nun, im Gegensatz zu dir bin ich nicht untätig geblieben.«

»Und was hast du gemacht?«

»Still!« befahl Pete Carmikel anstelle einer Antwort, langte nach dem Arm seines Freundes und bugsierte ihn neben sich in den Schatten.

Trevor Fox gehorchte, obwohl er am liebsten die Beine in die Hand genommen hätte, um diesem Ort so schnell wie möglich zu entkommen. Doch neben Pete Carmikel, der stets eine unerschütterliche Ruhe zur Schau trug, fühlte er sich sicherer als allein. Also hielt er aus.

*

Seit drei Jahren waren sie zusammen - Stadtstreicher, arbeitsscheu und gewohnt, von der Hand in den Mund zu leben. Bis dann der Fremde eines Abends an sie herangetreten war. Keiner der beiden hatte sein Gesicht gesehen. Plötzlich stand er vor ihnen, hatte sein Angebot offeriert und Versprechungen gemacht.

Pete Carmikel hatte den vorsichtigeren Trevor Fox halbwegs überzeugen können, daß das zu erwartende Geld nicht nur in einem sehr guten Verhältnis zu der geringen Leistung stand, die sie dafür erbringen mußten, sondern daß sie darüber hinaus eine ganze Weile damit glänzend auskommen konnten.

Deshalb waren sie hier.

Trevor inspizierte seine Uhr. Mitternacht war erreicht. Der große Zeiger rückte weiter.

Die Armbanduhr hatte er vor einiger Zeit in der Jackentasche eines total Betrunkenen >gefunden<. Sie leistete ihnen seitdem gute Dienste, obwohl sie nur selten die genaue Zeit brauchten. Sie waren an andere Tagesaufteilungen gewöhnt.

Trevor Fox fröstelte wieder. Überall in der Düsterkeit schienen Wesen zu lauern, die es alle auf ihn abgesehen hatten. Er wollte gerade seinem Unmut Luft machen und seinem Kumpanen erneut den Vorschlag zur Flucht unterbreiten, als es geschah:

Plötzlich drehte sich der Wind. Ein eisiger Wirbel entstand zwischen den Ruinen. Dieser Wirbel schien das Licht des Mondes, der von der Wolke wieder befreit war, förmlich anzuziehen, es zu schlucken und dann wieder zu verstärken.

Der Wirbel, der Staubteile mit sich riß, begann von innen heraus zu glühen. Eine mannshohe Flamme entstand aus dem Nichts, kreiselte ein paarmal wie toll, bis sie abrupt verhielt.

Der Wind brauste, stöhnte und pfiff. Aus dem gespenstischen Licht schälte sich allmählich eine feste Form, bekam mehr und mehr Konturen, bis diese an die Umrisse eines Menschen erinnerten.

Schlagartig hörte der Wind auf.

Den beiden fassungslosen Beobachtern kam es vor, als hätte das Wesen sich aus den aufgewirbelten Staubwolken und dem bleichen Mondlicht materialisiert.

Pete Carmikel rieb sich die Augen. Er war zu sehr Realist, um das Erlebnis ohne weiteres zu akzeptieren.

Trotzdem, was Tatsache war, konnte auch er nicht leugnen.

Handelte es sich nur um einen Trick? Auf jeden Fall war der Auftritt mehr als spektakulär. Nachträglich noch lief es Pete eiskalt über den Rücken, wenn ihm diese Situation einmal wieder einfiel.

Die dunkle Gestalt kam auf sie zu. Sie trug einen flachkronigen Hut, der das Gesicht beschattete. In Augenhöhe waren nur zwei glühende Punkte zu sehen.

Die Stimme des Unbekannten klang sonor und irgendwie einschmeichelnd. Auf die beiden Männer wirkte sie keineswegs unsympathisch. Es gelang ihr sogar, die Stadtstreicher ein wenig zu sich selbst kommen zu lassen, die Furcht abzulegen.

»Da seid ihr ja«, sagte der Fremde.

Eine lapidare Feststellung, mehr nicht.

Ohne ein weiteres Wort wandte er sich zum Gehen.

Pete Carmikel folgte ihm als erster.

Sein Freund Trevor fühlte sich wie betäubt. Er taumelte in Richtung der Stelle, an der der Fremde anscheinend aus dem Nichts entstanden war. Pete bemerkte es und hielt ihn im letzten Moment zurück.

»Narr, reiß' dich endlich zusammen!« zischte er.

Pete verspürte Wut über sich selbst, und diese Wut reagierte er an seinem schwächeren Kompanion ab - wie üblich.

Trevor Fox fühlte sich geknufft und gestoßen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als vor Pete herzulaufen.

Der hohe Schatten des Fremden war nicht zu übersehen. Trevor schaute auf die Füße des Mannes. Dabei lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter. Es schien fast so, als schwebe der Fremde.

Wer war er? Oder, noch besser formuliert: WAS war er?

Inzwischen wußten sie, wo sich der Friedhof befand. Die Richtung war unverkennbar. Der Fremde lenkte seine Schritte dorthin. Daran gab es keinen Zweifel.

In Trevor krampfte sich alles zusammen.

Ihr Führer schritt nicht schneller aus, und doch mußten sich die beiden auf einmal beeilen, um ihm nachzukommen.

Die Angst erzeugte in Trevors Hals einen imaginären Kloß, den er nicht hinunterzuwürgen vermochte. Er warf einen Blick zurück. Die Ruine lag weit hinter ihnen. Nebel wallte darüber.

Es hätten genauso gut Geister sein können, die ihnen nachwinkten.

Trevor zog den Kopf ein und beschleunigte seinen Schritt. Seinem Freund wagte er sich nicht zu widersetzen. Endlich ließ Pete Carmikel von ihm ab.

Sie erreichten den Haupteingang des Friedhofes.

Letzte Nacht waren Trevor und Pete probehalber hier gewesen. Der Friedhof war außerhalb der offiziellen Öffnungszeiten stets abgeschlossen. Wie wollten sie hineinkommen? Sie waren alles andere als geübte Kletterer, und die mit Stacheln aus Eisendraht bestückte Friedhofsmauer würde sich sehr wahrscheinlich als unüberwindliches Hindernis für sie erweisen.

Aber es war unnötig, sich darüber Gedanken zu machen. Der Fremde schritt auf das Portal zu. Er hatte es noch nicht erreicht, als das Schloß schnappte und die beiden schweren Flügel wie von Geisterhand bewegt aufschwangen. Sie bewegten sich völlig lautlos in den verrosteten Scharnieren, und das war für Trevor noch schlimmer, als wenn sie fürchterlich gequietscht hätten.

Von allein schaffte er es nicht, den Friedhof zu betreten. Es bedurfte dazu eines kräftigen Stoßes durch Pete Carmikel.

2

Als Trevor die Trennlinie überschritten hatte, war es für ihn, als befände er sich in einer anderen Welt. Es herrschte absolute Windstille innerhalb des Geländes. Die Natur wirkte wie erfroren. Einzig graue Nebelstreifen trieben über die langen Grabreihen. Sie wickelten sich um Sträucher, ließen sie wieder frei, zogen weiter, ruhelos wie verwunschene Seelen, die nicht die Gnade bekommen hatten, in das Jenseits einzugehen.

Trevor Fox war kaum noch in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Er fühlte sich dem Wahnsinn nahe und tat alles wie in Trance.

Trevor hatte sich nie für übertrieben ängstlich oder gar abergläubisch gehalten, aber seit der ersten Begegnung mit dem unheimlichen Fremden hatte er nicht mehr ruhig schlafen können. Es war, als hätte er etwas von dem geahnt, was noch auf ihn zukommen würde.

Nur Pete Carmikel tat, als ginge ihn das Ganze nichts an. Er dachte an das viele schöne Geld, das ihnen der Fremde versprochen hatte, und er zweifelte nicht daran, daß sie es auch bekommen würden.

Waren sie nicht zwei gegen einen? Was sollte der Mann ausrichten gegen diese Übermacht?

Für Pete Carmikel gab es nichts Unheimliches an der Sache. Er fand sich mit den Gegebenheiten ab, mochten sie noch so seltsam erscheinen. Für ihn war der Fremde ein Blender, der es nötig hatte, eine solche Schau abzuziehen. Möglicherweise hatte er Angst vor ihnen?

Dieser Gedanke hatte auf ihn eine ungemein beruhigende Wirkung.

Im Moment stellte er sich zum wiederholten Male die Frage, was sie denn eigentlich hier tun sollten.

Nun, das würden die nächsten Minuten erweisen.

Sie überquerten den Friedhof und gelangten in eine Ecke, die deutlich vom übrigen Gottesacker abgetrennt war. Ein schulterhoher Weidenzaun grenzte sie ab. Der Platz war genauso ungepflegt wie das gesamte Gelände. Verfaulendes Laub bedeckte den Boden.

Der Fremde durchschritt die einzige Lücke im Zaun, und Pete wunderte sich einen Moment lang, wieso seine Schritte in dem Laub kein Geräusch verursachten. Dann blieb der Dunkle stehen und breitete kurz die Arme aus, als wollte er beten. Gemurmelte Worte wurden hörbar, deren Sinn Pete nicht verstand.

Carmikel wandte sich seinem schlotternden Freund zu und knuffte ihn in die Seite, damit dieser sich endlich beruhigen sollte. Es half allerdings nichts.

Der Fremde ließ die Arme wieder sinken. Die beiden glühenden Punkte in Augenhöhe richteten sich auf die Männer. »Habt ihr Werkzeug zum Graben dabei?«

»Graben?« würgte Trevor hervor. »Sie - Sie wollen doch nicht etwa...?«

Pete unterbrach ihn mit einer Handbewegung. »Es tut mir leid, Sir, aber wir hatten wirklich keine Ahnung, daß wir...«

»Schon gut«, entgegnete der Dunkle leichthin und griff unter seinen Mantel.

Einen Spaten brachte er zum Vorschein. Er warf ihn Pete zu, der ihn geistesgegenwärtig auffing.

Noch einmal faßte der Mann unter seinen Mantel. Diesmal zog er eine Spitzhacke und eine Schaufel heraus.

Trevor Fox war stocksteif vor Entsetzen. Wo nahm der Unheimliche die Geräte her? Die konnten doch unmöglich alle unter dem Mantel verborgen gewesen sein?

Bald waren sie komplett ausgerüstet mit zwei Spitzhacken, zwei Spaten und zwei Schaufeln.

Auch Pete Carmikel wunderte sich. Er tat die Sache jedoch ab, indem er sich grinsend fragte, ob ihr Auftraggeber auch eine Schubkarre unter dem Wundermantel verborgen hielt. Das besserte seine Laune merklich. Er winkte Trevor aufheiternd zu und packte eine der Spitzhacken mit beiden Händen.

Der Fremde trat drei Schritte zurück und deutete zu Boden. Das war Aufforderung genug. Pete holte aus und schlug ein paarmal mit der Spitzhacke zu. Der Boden war nicht so fest, wie er vermutet hatte. Sie würden keine großen Schwierigkeiten haben.

*

Einmal ließ er die Hacke stecken, spuckte in die Hände und schaute in Trevors Richtung. »Na, worauf wartest du denn noch?« fauchte er den Freund an. »Soll ich denn die ganze Arbeit allein machen?«

Zögernd schlurfte Trevor näher. Er nahm eine Schaufel und machte sich ebenfalls an die Arbeit, nachdem er dem Unheimlichen ein paar ängstliche Blicke zugeworfen hatte.

Spätestens jetzt hätte er einen Fluchtversuch unternommen, aber er hegte den nicht unberechtigten Verdacht, daß er keine Chance gehabt hätte. Außerdem hätte er bei einer Flucht allein über den Friedhof laufen müssen. Ohne Pete würde er das in seinem gegenwärtigen Zustand kaum schaffen.

Die beiden arbeiteten wie im Akkord. Langsam wanderte die volle Scheibe des Mondes über den Himmel. Sie beschien die gespenstische Szene.

Bald hatten die Freunde eine Grube von fast drei Fuß Tiefe ausgehoben. Der Boden wurde merklich fester.

Verdammt, dachte Pete, der scheint schon eine geraume Zeit da unten zu liegen. Der Boden hat sich längst gesetzt.

Viel Arbeit war es trotzdem nicht mehr. Als Pete Carmikel wieder einmal mit der Hacke zuschlug, gab es einen dumpfen Widerhall.

»Stopp!« ordnete der Fremde an.

Er stand über ihnen. Die Vollmondscheibe befand sich hinter ihm. Ihr Licht leuchtete mit den glühenden Augen um die Wette.

Der Unheimliche streckte die Rechte aus. Erst jetzt bemerkten die beiden Freunde, daß er schwarze Handschuhe anhatte.

Warum eigentlich?

»Nehmt jetzt besser die Spaten! Der Sarg soll nicht beschädigt werden.«

»Ich - ich kann nicht mehr«, stammelte Trevor. Sein Gesicht war von einer Staubschicht bedeckt. Trotzdem wirkte es jetzt so makellos weiß wie ein gebleichtes Laken. »Ich kann den Sarg nicht öffnen.«

Der Fremde wurde ungehalten. Es war das erste Mal, daß er die Kontrolle über sich verlor. »Stell dich nicht so an! Du brauchst nichts aufzumachen, sondern nur freizuschaufeln.«

Sofort hatte er sich aber wieder in der Gewalt. Er wandte sich an Pete. »Bitte, machen Sie weiter.«

Es hatte wie eine freundliche Aufforderung geklungen.

Pete Carmikel nickte mechanisch. Inzwischen war auch ihm die Sache nicht mehr so ganz geheuer. Ein Teil der Angst von Trevor färbte auf ihn ab. Hier gab es eine Aura des Unheimlichen, der auch er sich nicht entziehen konnte.

Die Kirchturmuhr schlug dreimal.

Pete verstand plötzlich, warum es der Fremde so eilig hatte. Bald war die Nacht vorbei.

Zum erstenmal stellte sich Pete die bange Frage, was der Unheimliche eigentlich mit dem Sarg vorhatte.

Einen Augenblick lang kam ihm der wahnwitzige Gedanke, es befände sich überhaupt kein Toter darin, sondern vielleicht irgendein Schatz. Aber dann verwarf er das wieder.

Es schien vielmehr so zu sein, daß ihr Auftraggeber nicht alle Tassen im Schrank hatte.

Mit Trevor Fox war beim besten Willen nichts mehr anzufangen. Er zeigte sich unfähig, seinen Freund Pete bei der Arbeit auch weiterhin zu unterstützen.

Jedesmal, wenn er mit dem Spaten ansetzte, entglitt ihm das Werkzeug.

Pete spürte Mitleid für seinen Kumpel in sich aufsteigen, was selten genug vorkam, und ließ Trevor in Ruhe. Wenn es nicht anders ging, mußte er sich eben allein bemühen.

Der Schweiß rann ihm in Bächen die Stirn herunter. Die Erde war lehmig und zäh, als wehrte sie sich gegen jeden weiteren Spatenstich, um den Toten vor den Frevlern zu bewahren.

Pete Carmikel gewann den erbitterten Kampf. Endlich war der Sargdeckel frei.

Der Fremde schnalzte mit der Zunge und winkte den beiden Männern aufgeregt zu, daß sie aus dem Loch steigen sollten.

Obwohl es keine große Geschicklichkeit erforderte, herauszusteigen, brauchte Trevor Fox mehrere Anläufe. Am Ende mußte ihm Pete Carmikel helfen.

Der Unheimliche schickte sich an, hinunterzuspringen. Er murmelte dabei etwas, was für die beiden Männer unübersetzbar blieb. Eine solche Sprache hatten sie noch nie gehört.

Und da geschah es: Plötzlich warf der Unheimliche den Kopf in den Nacken. Er hielt ihn leicht schief, als lauschte er gebannt.

Auch Pete horchte auf, konnte jedoch außer dem Flüstern des wieder aufgekommenen Windes nichts vernehmen.

Mit einem einzigen Satz setzte der Unheimliche über das aufgeschaufelte Grab mit dem daneben befindlichen feuchten Erdhügel hinweg und lief auf die Begrenzung zu.

Pete bewunderte noch die Sportlichkeit seines Auftraggebers, als dieser plötzlich stoppte, als wäre er gegen eine Wand gelaufen.

Er gab einen Laut von sich, der an das Knurren eines Raubtieres erinnerte. Jedenfalls bildete sich Pete das ein. Das Geräusch wandelte sich schnell zu einem unterdrückten Winseln. Dann wich der Unheimliche langsam zurück.

Das geöffnete Grab schien er vergessen zu haben. Er erreichte den Erdhügel, stolperte und fiel der Länge nach auf den hölzernen Sarg. Das morsch gewordene Holz knirschte und brach teilweise ein.

Mit entsetzten Schreien richtete sich der Unheimliche auf. Er stürmte an den beiden Männern vorbei und flüchtete bis zur Mauer.

Dort blieb er stehen und wandte sich um. Pete Carmikel zog verblüfft die Augenbrauen hoch. Was hatte ihren Auftraggeber so erschreckt? Er konnte sich keinen Reim darauf machen.

Da durchzuckte es ihn: Die Polizei ist uns auf der Spur!

Sein Herz schlug um einige Takte schneller. Dennoch wandte er sich nicht etwa zur Flucht, weil das erfahrungsgemäß ohnehin nicht mehr viel nutzen würde.

Aber war Polizei wirklich die Erklärung für das eigenartige Benehmen des Fremden, der ihnen demonstriert hatte, über welche unerklärlichen Mittel er verfügte? Pete Carmikel bezweifelte das plötzlich. Und dann rieselte es ihm heiß und kalt den Rücken hinunter.

Trevor an seiner Seite schien unter den gleichen Eindrücken zu leiden. Er stieß einen erstickten Schrei aus, war jedoch unfähig, sich zu rühren.

Der Fremde stand noch immer an der Mauer und tat, als wäre es ihm unmöglich, näher zu kommen. Seine glühenden Augen richteten sich auf die Lücke im Weidenzaun.

Und dorthin sahen die beiden Freunde jetzt auch.

Sie wußten nicht, was sich jenseits des Zaunes abspielte. Sie starrten nur.

Und dann hörten sie schleichende Schritte. Sie wurden begleitet von asthmatischem Atmen. Irres Kichern mischte sich hinein.

Das Grauen bewegte sich auf sie zu. Daran zweifelte keiner der beiden mehr - auch Pete Carmikel nicht.

Näher und näher kam es. Die schon lange nicht mehr geschnittenen und wildwuchernden Sträucher fingen an, sich zu bewegen.

Die Männer blickten darüber hinweg, konnten seltsamerweise niemanden sehen.

Und dann schob es sich durch die Lücke.

Der Unheimliche in ihrem Rücken gab Grauenslaute von sich. Sie klangen, wie von einem Wesen produziert, das nicht von dieser Welt stammte.

Pete Carmikel und Trevor Fox waren im Moment zu gar nichts fähig, weder zum Denken noch zum handeln. Sie stierten nur auf die seltsame Gestalt, die auf sie zukam.

Trevor Fox brüllte wie am Spieß. Er wandte sich um und hetzte mit Sprüngen, die er sich selbst kaum zugetraut hätte, zur Mauer.

Daran sprang er hoch, erwischte mit den Händen den oberen Rand und wagte einen Klimmzug.

Normalerweise hätte er es nie geschafft, doch die Panik verlieh ihm übermenschliche Kräfte. Seine Füße scharrten über die Wand, um ihn beim Aufstieg zu unterstützen; er hatte alle Reserven mobilisiert.

Trevor Fox schaffte es und wollte über den niedrigen Mauerzaun, um der gespenstischen Szene und vor allem seiner eigenen Angst zu entfliehen. Dabei verlor er den Halt. Viel schneller als der Aufstieg erfolgte sein Abstieg. Trevor Fox stürzte herunter, blieb liegen, als könnte er es nicht fassen, daß er gescheitert war.

Wie ein Betrunkener rappelte er sich schließlich auf und taumelte gegen das Hindernis.

Das war der Zeitpunkt, an dem auch Pete Carmikel so weit war, die Flucht zu versuchen. Dabei ahnte er instinktiv, daß er sich dazu zu spät entschlossen hatte.

*

Al Capone schlenkerte seine überlangen Arme. Das tat er immer, wenn er sich aufregte. Die Hände reichten fast bis zum Boden, als er sich etwas duckte, damit er nicht gesehen werden konnte.

Er war von grotesker Erscheinung, bucklig und abgrundtief häßlich wie der Glöckner von Notre Dame. Al Capones Aussehen konnte einen Unvorbereiteten durchaus in Angst und Schrecken versetzen - auch am hellichten Tag, obwohl jeder, der ihn kannte, auch wußte, daß der Schwachsinnige harmlos war.

Vielleicht besaß er gerade deshalb - gewissermaßen ironisierend - diesen etwas eigenartigen Spitznamen Al Capone?

Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und atmete asthmatisch. Al Capone starrte gebannt zu der gespenstischen Ruine hinüber, die sich in einer Entfernung von vielleicht hundert Yards befand.

Hätte ein Neuankömmling im Dorf gefragt, wem das Grundstück gehörte und warum man nicht längst die Trümmer beiseite geräumt hatte, wäre keiner auf die Idee gekommen, ihm darauf zu antworten. Forester war ein kleines, verschlafenes Nest mit verschlossenen Einwohnern, die sich anscheinend um nichts kümmerten außer um sich selbst und ansonsten eine Weltanschauung besaßen, die sich nicht unbedingt mit der eines modernen Menschen deckte.

Dazu gehörte auch, daß man einen großen Bogen um die Ruine machte und dies nicht nur bei Nacht. Sogar Kinder, die im allgemeinen solche Tabus nicht unbedingt beachteten, zeigten deutliche Scheu.

Und Al Capone schien es nicht anders zu gehen. Er machte um das verfallene Gemäuer stets einen großen Bogen. Ein Narr, wer sich anders verhielt.

Obwohl Capones momentane Aufregung augenscheinlich Gründe hatte, die im Realen zu finden waren und nicht direkt etwas mit dem Wirken der okkulten Kräfte zu tun hatte, die angeblich drüben ihr Unwesen trieben! Denn in der Ruine befanden sich im Augenblick ausnahmsweise einmal Menschen.

Al Capone zwang sich gewaltsam zur Ruhe und drückte sich in den Schatten einer Einfahrt. Eine eigenartige Leuchterscheinung entstand in dem Gemäuer. Dort ging etwas vor.

Dem Buckligen schauderte es. Er wimmerte leise vor sich hin, obzwar es dafür keinen offensichtlichen Grund gab. Was interessierte ihn so an dem Ereignis?

Bald darauf wurde die Ruine von drei Schatten verlassen. Al Capone erkannte zwei Männer in abgerissener Kleidung. Sie folgten einem dritten, dessen Gestalt mit der Finsternis verwandt zu sein schien. Jedenfalls waren keine Einzelheiten an ihm zu erkennen - und das war nicht nur auf die Entfernung zurückzuführen. Der Verwachsene hatte gute Augen, und man sagte ihm nicht umsonst nach, daß er sogar bei absoluter Dunkelheit nicht die Orientierung verlor. Doch hier mußten auch seine Sinne versagen.

Er holte tief Luft. Es klang wie der Blasebalg eines Schmiedes. Noch eine Weile wartete er, dann begann er einen verrückten Tanz. Er hüpfte umher und verrenkte auf groteske Weise seine Glieder.

Der Schwachsinn hatte in ihm die Oberhand gewonnen.

Erst als die drei seinen Blicken entschwunden waren, beruhigte er sich wieder. Er starrte die Straße hinunter. Die anderen hatten sich von ihm weg bewegt. Wenn er ihnen folgte, würde ihm nichts anderes übrigbleiben, als den Weg, der an der Ruine vorbeiführte, zu wählen.

Etwas ließ ihn zögern. Es kostete ihn große Überwindung, sich in Bewegung zusetzen. Endlich gelang es ihm. Er jagte den drei nach, die offensichtlich den Friedhof zum Ziel hatten.

Kurz vor der Ruine schlug der Bucklige einen Haken und überquerte die Straße. Gottlob gab es zu dieser nächtlichen Stunde und in dieser dunklen Ecke keinen Beobachter. Es wäre ihm aufgefallen, daß sich der Gnom heute nacht recht eigentümlich benahm. Es mußte etwas passiert sein, was ihn stark erregte und in ihm große Aktivität erzeugte. Normalerweise war er ein passiver Schwachsinniger, der nicht in der Lage war, eine gezielte Handlung durchzuführen.

Als er den Verfolgten schon gefährlich nahe gekommen war, warf sich Al Capone in Deckung. Abermals wimmerte er leise und ohne ersichtlichen Grund. Dann sprang er auf, drehte sich ein paarmal im Kreis, als müßte er sich damit Mut machen, um die Verfolgung fortsetzen zu können.

Die drei unbekannten Gestalten nahmen tatsächlich Richtung auf den Friedhof. Al Capone schien das nicht zu gefallen. Er schaute zu, wie sich das Tor ganz von allein hinter ihnen schloß. Dichte Nebelstreifen konzentrierten sich sichtbar auf das Friedhofsgelände. Sie reichten bis zur Höhe der Mauer, und bald wurden die Verfolgten von ihnen verschlungen. Capone vernahm nur noch knirschende Schritte auf dem Kiesweg - ein Geräusch, das überlaut klang und somit etwas Gespenstisches an sich hatte.

Al Capone hetzte weiter und erreichte das Tor. Probehalber rüttelte er daran. Nein, es war fest verschlossen. Sein Gehirn war nicht in der Lage, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie der unheimliche Führer der drei es geschafft hatte, es zu öffnen. Dem Schwachsinnigen jedenfalls blieb nichts anderes übrig, als darüber zu klettern, und das tat er auch mit erstaunlicher Geschicklichkeit.

Der brüchige Stacheldraht schreckte ihn nicht zurück, auch nicht die Verletzungen, die er sich zuzog; sie waren aber auch kaum nennenswert.

Zwanzig Yards vor der Hecke hielt er an. Er kauerte zwischen zwei Grabsteine. Auch auf dem Wege hierher war er stets bemüht gewesen, den dreien nicht aufzufallen.

Obwohl durch die kleine Lücke im Weidenzaun kaum etwas zu sehen war, wußte der Bucklige ganz genau, was dort geschah. Nicht nur die Geräusche verrieten es ihm. Etwas war in ihm erwacht, etwas Unbeschreibliches, etwas, das zwanzig Jahre in ihm geschlummert hatte.

Al Capone harrte bewegungslos aus. Das war für ihn eine Seltenheit. Sonst befand er sich in ständiger Bewegung, konnte nicht eine Sekunde still sitzen.

Wie eine Spinne auf ihre Beute, so lauerte er in seinem Versteck.

3

Irgendwann hielt er es nicht mehr aus. Ein tiefes Grollen entrang sich seiner Brust. Er verließ die Grabsteine und schlich auf den Heckenzaun zu.

Fast hatte er ihn erreicht, als etwas auf ihn zugerast kam. Er spürte es deutlich, doch es war Bestandteil einer magischen Falle, also selber magischer Natur, und das konnte dem Buckligen nichts anhaben. Er war immun dagegen, und es prallte einfach von ihm ab.

Al Capone kicherte irr. Ja, das war seine Hauptwaffe gegen das Okkulte: der Wahnsinn!

Unbeirrt ging er weiter, teilte mit seinen Affenarmen die Hecken und schob sich durch die Lücke.

Die Szenerie, die sich ihm bot, wirkte erstarrt - bis einer der beiden Männer, die am geöffneten Grab standen, die Nerven verlor und mit wildem Gekreische davonrannte.

Al Capone sah seine vergeblichen Versuche, die Mauer zu überwinden, und kicherte abermals.

Er wußte, welchen Schrecken er mit seinem Aussehen verursachen konnte, und irgendwie erfüllte ihn das jetzt mit Stolz, obwohl er sonst darüber eher traurig gewesen war.

Mit schlenkernden Armen kam er näher. Er schnitt Grimassen, was die Furcht der Männer nur noch vergrößerte. Aber auch der Unheimliche zeigte Reaktion.

Nun drehte der zweite Mann durch. Für ihn gab es kein Halten mehr. Er sprang ebenfalls an der Mauer empor, zerkratzte sich am Stacheldraht die Hände und zog sich hoch. Da zerriß der morsche Draht. Rückwärts plumpste der Ungeschickte zu Boden.

Al Capone amüsierte sich, doch dann schien ihm bewußt zu werden, daß das im Grunde genommen schäbig von ihm war.

Seine Augen suchten die Umgebung ab. Dann richteten sie sich auf das Grab. Langsam schlurfte er näher. Er erblickte den freigelegten Sarg und schrie auf.

Hin und her huschte sein Blick und blieb schließlich an dem schwarzen Schatten des Unheimlichen hängen, der regungslos an der Mauer klebte.

Trevor und Pete stöhnten vor Grauen laut auf. Sie konnten einfach nicht fassen, was hier geschah. Ihre Gedanken hatten sich verwirrt. Sie drückten sich mit aller Kraft gegen die Mauer, als wollten sie diese umwerfen.

Für sie hatte der Bucklige jedoch kein Interesse mehr. Er konzentrierte sich auf den dritten. Seine rechte Hand erfaßte einen kleinen Steinbrocken. Wie von einem Katapult geschleudert raste er auf den Unheimlichen zu, der sich auch jetzt nicht von der Stelle rührte. Es schien, als ginge das Wurfgeschoß glatt durch ihn hindurch. Deutlich hörbar klatschte es gegen die Wand hinter ihm und fiel auf den Boden zurück.

Mit einem mächtigen Sprung setzte Al Capone über das namenlose Grab hinweg - direkt in Richtung des Unheimlichen.

Die beiden Leuchtpunkte in Augenhöhe glühten stärker. Ein Blitz zuckte daraus hervor, auf den Verwachsenen zu, teilte sich kurz vor ihm und umzüngelte seinen Kopf. Eine beabsichtigte Wirkung blieb aber aus. Al Capone lachte nur triumphierend auf.

Der Unheimliche stieß einen langgezogenen Klagelaut aus. Er verließ seinen Platz und taumelte auf Al Capone zu. Nur zwei Schritte gelangen ihm. Er stoppte, als wäre er gegen eine Wand gerannt. Sekundenlang blieb er aufrecht stehen. Dann neigte er sich ganz langsam nach vorn. Diese Langsamkeit hatte etwas Majestätisches. Je tiefer er kam, desto mehr verringerte sich die Fallgeschwindigkeit, bis er nur noch schwebte.

Eisiger Wind wehte auf, rauschte in den Hecken und wirbelte Staub hoch, der in kleinen Strudeln umhertanzte.

Der Wind erfaßte auch die dunkle Gestalt. Sie schien auf einmal leicht zu sein wie ein Ballon, driftete empor, kreiselte um die eigene Achse.

Ein letztes Stöhnen, das aus jenseitigen Gefilden zu kommen schien. Um den Unheimlichen irrlichterte es. Ein Vorgang, der an sein Erscheinen in der Ruine erinnerte. Und dann löste er sich einfach in Nichts auf!

Damit war sein Abtreten auf ebenso spektakuläre Art und Weise vonstatten gegangen wie sein Auftritt.

»Blender, Blender«, schimpfte Al Capone mit gutturaler Stimme. »Blender, bist nicht selbst gekommen, nicht selbst gekommen, hast nur dein Trugbild geschickt, geschickt!«

Immer wieder diese Worte ausrufend, huschte er wie ein Irrwisch um das namenlose Grab herum. Dabei schien er überhaupt nicht müde zu werden.

Die beiden Tippelbrüder standen dem Ganzen mit Fassungslosigkeit gegenüber und wagten sich nicht zu rühren.

Ein paarmal machte er halt, griff wahllos in die aufgeschüttete Erde und warf einige Hände voll in die Grube zurück.

Bis ein abgrundtiefer Seufzer aufklang. Das ließ ihn einhalten. Er wandte sich den beiden angstschlotternden Männern zu.

*

Pete Carmikel hätte jeden Eid geschworen, daß dieser abgrundtiefe Seufzer direkt aus dem Grab gekommen war, und das trieb ihm die Haare schier zu Berge. Er war ein abgebrühter Bursche, den wirklich so schnell nichts erschüttern konnte, aber was hier geschah, ging über seine Kräfte. Und als der Gnom auch noch stehenblieb und sie anstarrte, war er nahe daran, überzuschnappen. Er sprang auf und warf sich gegen die Mauer, die Sinnlosigkeit seines Tuns nicht einsehend. Immer wieder tat er es.

Einmal schaute er über die Schulter zurück. Der Gnom schlich auf ihn zu.

Jemand brabbelte vor sich hin wie ein Kleinkind. Es war Trevor Fox.

Und dann hatte sie der Verwachsene erreicht.

Pete wußte nicht, was er befürchtet hatte - jedenfalls das Schlimmste. Nichts davon trat ein! Das Wesen blieb stehen und rührte sich nicht mehr von der Stelle, glotzte sie nur unverwandt an.

Das machte Pete Carmikel wieder Mut. Er drängte sich an Trevor heran, stieß ihn mit dem Fuß an. Aber mit dem Freund war kein Staat mehr zu machen. Der hatte offensichtlich endgültig den Verstand verloren.

Mitleid und Bedauern verspürte Pete Carmikel nicht. Dafür hatte er zu viel Angst um seine eigene Haut.

Al Capone hob die rechte Hand. Es war eine gefährlich anmutende Geste. Die Hand war schwer.

Pete Carmikel schloß die Augen und erwartete einen Angriff. Aber auch diesmal hatte er zu schwarz gesehen. Das Wesen betastete ihn nur, als wäre es neugierig.

Nach einer kleinen, aber unerträglichen Weile schien es mit dem Ergebnis halbwegs zufrieden zu sein, denn es brummte vor sich hin und fing an, Trevor Fox seine Aufmerksamkeit zu schenken.

Dieser begann plötzlich schallend zu lachen. Al Capone streichelte ihm fast liebevoll über den Kopf. Dann machte er ein paar groteske Purzelbäume rückwärts, daß er fast in das offene Grab plumpste.

»Ihr seid jetzt sicher!« rief er aus, und dann hatte er an den Männern anscheinend wieder das Interesse verloren, denn flink wie ein Wiesel kam er auf die Beine und huschte durch die Lücke im Weidenzaun davon.

Pete hörte noch seltsame Geräusche, die von Al Capone stammen mußten. Sie verloren sich allmählich.

Trevor und Pete waren allein!

Pete Carmikel wollte nicht glauben, daß er überhaupt noch am Leben war. Hatte er diesen Alptraum wirklich mitgemacht?

Jetzt erwachte seine Sorge um den Freund. Er bückte sich zu Trevor Fox hinunter und redete auf ihn ein. Trevor erhob sich mit seiner Hilfe.

»Nur ruhig Blut, mein Alter, wir werden jetzt schleunigst von hier abhauen und uns eine Bleibe für den Rest der Nacht suchen.«

Das schien Trevor Fox zu beruhigen. Pete Carmikel führte ihn zum Ausgang aus dem Geviert.

Dabei mußte er an dem Grab, das sie ausgeschaufelt hatten, vorbei. Er bemühte sich verzweifelt, keinen Blick hineinzuwerfen.

Endlich hatten sie es hinter sich liegen. Doch noch war kein Grund zum Aufatmen. Vor ihnen erstreckte sich ein endlos erscheinender Weg über den Friedhof bis zum Haupttor. - Und das Tor war fest verschlossen, wie sie endlich feststellen mußten.

»Na los, Trevor, es bleibt uns nichts anderes übrig, als darüberzuklettern. Oder willst du den Rest der Nacht hier verbringen?«

Trevor Fox schüttelte apathisch den Kopf.

Es gelang ihnen tatsächlich mit gegenseitiger Hilfe, das Hindernis unbeschadet zu überwinden.

Pete Carmikel warf einen letzten Blick zurück. Dabei glaubte er, am Weidenzaun eine Bewegung zu sehen. Stand da nicht ein Schatten, der zu ihnen herüberstarrte?

Eiskalte Schauer jagten Pete über den Rücken. Er machte, daß er gemeinsam mit Trevor endlich größeren Abstand zwischen sich und den Friedhof des Dorfes Forester gewann.

*

Die Sonne stand bereits hoch im Zenit, als Pete Carmikel mit einem Brummschädel erwachte. Er kratzte sich am Kopf und merkte dabei, daß er die Haare voller Heu hatte. Jetzt wußte er auch, was das für ein Geruch war, der ihm in die Nase stieg.

Mit einem Ruck richtete er sich auf. Sie hatten diese verlassene Scheune hier gefunden und sich gleich darin häuslich niedergelassen. Das war schon bei ihrer Ankunft in Forester geschehen. In der Nähe gab es sogar einen klaren Bach, mit dessen Wasser man sich waschen konnte - falls man darauf Wert legte. Pete Carmikel und Trevor Fox waren in dieser Hinsicht nicht so anspruchsvoll.

Pete blickte sich suchend um und entdeckte seinen Freund schließlich in einer Ecke. Es gab kein Fenster in dem Schober. Dennoch fiel genügend Licht durch Ritze, durch die allerdings auch der Wind pfiff.

Trevor Fox hockte im Schneidersitz am Boden und brütete dumpf vor sich hin.

Pete erinnerte sich an den Rest der Nacht. Es war eine Heidenarbeit gewesen, Trevor hierher zu bringen. Nicht ein einziges vernünftiges Wort hatte er aus dem Freund herauskriegen können. Pete war ehrlich in Sorge um Trevors Geisteszustand. Hatte es den alten Kämpen erwischt?

»He, Alter, wie hast du geschlafen?« rief er hinüber.

Trevor reagierte nicht.

»He, Trevor, ich habe etwas gefragt. Verdammt scheußliche Nacht, was? Hatte schlimme Alpträume von Friedhöfen und so.« Pete fügte noch ein gekünsteltes Lachen hinzu.

In der Tat, wenn er die ganze Sache von letzter Nacht bei Licht besah, kam es ihm eher so vor, als hätte er sich alles nur eingebildet. War es denn wirklich geschehen? War es mehr als nur ein Traum?

Bei der Erwähnung des Friedhofs zuckte Trevor Fox merklich zusammen. Er schaute auf. Sein unsteter Blick fuhr hin und her, blieb schließlich an Pete hängen.

»Gute,n Morgen, Trevor.«

Pete tat ganz unbeteiligt und hielt das für eine gute Taktik. Er stand auf und reckte und streckte sich ausgiebig. Dabei gähnte er herzhaft. Anschließend kratzte er sich mit den Fingern die Spuren der Nacht aus den Haaren und klopfte sich das Heu auch aus den Kleidern. Damit war sein Beitrag zur morgendlichen Körperhygiene erschöpft.

»Ein Alptraum?« fragte Trevor krächzend.

»Ja, wie denn, hast du etwa auch schlecht geträumt?« wunderte Pete sich.

»Warum machst du mir denn etwas vor?« beschwerte sich Trevor Fox weinerlich. Er hielt Pete die Hände entgegen. »Was glaubst du, woher ich die Kratzer habe, he? Meinst wohl, die sind entstanden, als ich beim Träumen wild um mich schlug, wie?«

»Kann ich mir auch nicht erklären.« Pete schüttelte den Kopf und trat näher.

Kaum war er in Reichweite seines Freundes, als der ihm einen Stoß versetzte, daß er rückwärts taumelte. Erstaunlich behende kam Trevor auf die Beine.

»Willst mich wohl auf den Arm nehmen, was?« rief er wutschäumend.

Pete grinste bis zu den Ohren. »Na also, Bruderherz, dann bin ich ja beruhigt. Scheinst wieder einigermaßen auf dem Dampfer zu sein.«

Trevor schlug die Hände vor das Gesicht.

»Jetzt fang nicht wieder an zu flennen!« begehrte Pete auf. »Ich kann das einfach nicht leiden.« Er ging zu Trevor und hieb ihm ein paarmal kräftig auf die Schulter, daß es nur so krachte und der Schwächere alle Mühe hatte, auf den Beinen zu bleiben. »Kopf hoch, alter Freund! Es wird schon werden.«

Trevor

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