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Sympathy For The Devil: Die Geburt der Rolling Stones und der Tod von Brian Jones

Sympathy For The Devil: Die Geburt der Rolling Stones und der Tod von Brian Jones

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Sympathy For The Devil: Die Geburt der Rolling Stones und der Tod von Brian Jones

Länge:
530 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
15. Okt. 2015
ISBN:
9783854454847
Format:
Buch

Beschreibung

Schon von Anfang an erkannte man etwas teuflisches an Brian Jones. Und wie wir wissen, spielt der Teufel die besten Songs.

"Nimm nur einen, auf keinen Fall beide", riet der Blues-Impresario Alexis Korner dem jungen Brian Jones, als der für seine aufstrebende Band zwei neue Mitglieder rekrutieren wollte. Korner kannte den Sänger und den Gitarristen, um die es ging, und er wüsste, wenn Jones es mit beiden versuchte, dann würde er selbst bald abgemeldet sein. Er sollte recht behalten: Wer heute den Namen Rolling Stones hört, dem fallen sofort Mick Jagger und Keith Richards ein. Von Brian Jones hingegen ist allenfalls noch sein tragisches, frühes Ableben in Erinnerung, um das sich zahllose Verschwörungstheorien ranken.

Dabei war es Jones, der den Sound und das Image der Stones als böse Buben des Rock'n'Roll maßgeblich prägte. Er holte Jagger und Richards 1962 in seine Band, er war der bluesverrückte, geniale Gitarrist, der jede Platte seiner Helden Elmo Lewis und Muddy Waters kannte, er war der Bad Boy, der mit Anfang zwanzig schon drei uneheliche Kinder mit drei verschiedenen Frauen hatte. Er gab bei den Rolling Stones den Ton an - bis Mick und Keith das Ruder übernahmen, die Songs schrieben, Jones aus dem Rampenlicht verdrängten und ihm seine Freundinnen ausspannten.

Der britische Journalist Paul Trynka hat nicht nur die frühen Jahre der Stones gründlich recherchiert, sondern beleuchtet auch die britische Jazz- und Bluesszene Ender der Fünfziger, aus der die Stones hervortraten, und zeichnet ein schillerndes Porträt von Swinging London. Er führte über hundert Interviews mit frühen Wegbegleitern der Band, aber auch mit Schlüsselfiguren wie Keith Richards, Andrew Oldham oder Marianne Faithfull, und er erzählt diese faszinierende Story aus einer vollkommen neuen Perspektive. Die schockierende Rücksichtslosigkeit unter den Musikern kommt dabei ebenso ans Tageslicht wie die internen Kleinkriege und der sexuelle Wettstreit, der hinter den Kulissen der legendären Band tobte. Paul Trynka erforscht Jones' entscheidende Rolle in der Musik der Rolling Stones und analysiert zugleich seine Persönlichkeit, so wie sie von Brians Familie, seinen Freunden und Bandkollegen, Geliebten und Feinden wahrgenommen wurde.

Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben, doch nie gibt es nur eine Wahrheit. Brian Jones' tragische Lebensgeschichte zeigt eine andere Facette der allseits bekannten Stones-Legende und schildert packend den ständigen Kampf zwischen Kreativität und Ehrgeiz, zwischen Selbstsabotage und Verrat.

- die bisher beste Analyse der frühen Stones-Jahre
- faszinierender Einblick in die Psychologie der Stones
- die ultimative Geschichte von Sex, Drugs & Rock'n'Roll
Herausgeber:
Freigegeben:
15. Okt. 2015
ISBN:
9783854454847
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Sympathy For The Devil - Paul Trynka

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Aus dem Englischen übersetzt

von Alan Tepper

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www.hannibal-verlag.de

Widmung

Gewidmet Hubert Sumlin, Pops Staples

und allen mit ihnen befreundeten und für ewig jungen Pionieren.

Impressum

Autor: Der renommierte Musikjournalist Paul Trynka ist bekannt als Herausgeber des MOJO-Magazins und als Autor von Starman und Open Up And Bleed, Biografien über David Bowie und Iggy Pop, die weltweit begeisterte Kritiken erhielten. Portrait Of The Blues, eine Sammlung seiner Gespräche mit über sechzig Bluesmusikern, gilt als Meilenstein. Trynka war zudem Redakteur des Magazins International Musician und zählt zu den Gründern von The Guitar Magazine, für das er unter anderem auch Keith Richards interviewte. Er lebt mit seiner Frau Lucy und seinem Sohn Curtis in Greenwich bei London.

Deutsche Erstausgabe 2015

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel „Sympathy for the Devil – The Birth of the Rolling Stones and the Death of Brian Jones" bei Bantam Press, an imprint of Transworld Publishers, A Random House Group Company, mit der ISBN 9780593071229

© Paul Trynka, 2014

Das Buch ist ein nicht-fiktionales Werk. In wenigen Fällen wurden die Namen von Personen geändert, einzig und allein, um ihre Privatsphäre zu schützen. Der Autor hat gegenüber dem Verlag erklärt, dass bis auf diese klar definierten Fälle, die sich auf den grundlegenden Wahrheitsgehalt nicht auswirken, der Inhalt des Buches der vollen Wahrheit entspricht.

Coverdesign, Layout und Satz: Thomas Auer, www.buchsatz.com

Übersetzung: Alan Tepper

Lektorat: Rainer Schöttle

© 2015 by Hannibal

Hannibal Verlag, ein Imprint der KOCH International GmbH, A-6604 Höfen

www.hannibal-verlag.de

ISBN 978-3-85445-484-7

Auch als Paperback erhältlich mit der ISBN 978-3-85445-483-0

Kein Teil dieses Buchs darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, digitale Kopie oder einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet werden. Alle durch dieses Buch berührten Urheberrechte, sonstigen Schutzrechte und in diesem Buch erwähnten oder in Bezug genommenen Rechte hinsichtlich Eigennamen oder der Bezeichnung von Produkten und handelnden Personen stehen deren jeweiligen Inhabern zu.

Inhalt

Prolog

1. Geheimnisse und Lügen

2. Crossroads

Bildstrecke 1

3. Ein Haufen „Nanker"

4. I Can’t Be Satisfied

5. Wie viele Jahre noch?

6. Der Paranoia-Zähler

7. Paint It Black

8. Butterflies and Wheels

9. Die Sanftmut Fremder

10. Bou Jeloud

Bildstrecke 2

11. „Geh nach Hause."

Coda. Nicht belastbare Beweise: Der Tod von Brian Jones

Quellennachweis

Danksagung

Literaturhinweise

Bildnachweise

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Es war nur ein zusammengewürfelter Haufen Musiker, einfach ein paar Kids. Hätte die Geschichte ihren üblichen Verlauf genommen, hätte kein Zeitzeuge bemerkt, dass hier etwas geschah, was die Welt verändern würde. Doch der Leader der Band hatte etwas Besonderes an sich – in der Art, wie er das Publikum mit einem provokanten Grinsen anschaute, direkt in ihre Gesichter starrte, seiner Gitarre schimmernde Glissandi entlockte oder sich eine Mundharmonika schnappte und sie mit einem Mikrofon verstärkte, ein radikal neues Instrument für die meisten Teenager, die ihn und seine Mitmusiker wie gebannt beobachteten. Elmo Lewis, wie er sich selbst nannte, stellte einige der Songs vor und bemühte sich wie eine Glucke rührend um die Bandkollegen. Er achtete darauf, dass Mick den exakten Beat erwischte, und beobachtete aufmerksam das Griffbrett des zweiten Gitarristen. Gelegentlich, wenn die Riffs zu einem aufwühlenden und elektrisierenden Sound verschmolzen, schauten er und der Pianist – der zweite eindeutig erfahrene Musiker – sich an und lächelten zufrieden.

Die Stones standen im Juli 1962 vor einem passablen Publikum gedrängt auf der Bühne des Marquees und traten in den folgenden Wochen in anderen kleineren Londoner Clubs auf. Einige wenige Zuschauer bemerkten, dass hier etwas Einzigartiges geschah. Ein Mädchen spürte, wie der Boden unter ihren Füßen nachgab, während die Band die 20 Stücke abriss, ausgesucht und arrangiert von dem blonden Gitarristen. In ihrer Londoner Grammar School hatte man Cleo Sylvestre gelehrt, dass sich die kulturelle Rolle schwarzer Menschen auf den Status von „Barbaren und Wilden" beschränkte. Nun, da sich die Band die Musik aus der Tiefe der schwarzen Ghettos der Chicagoer Southside und des Mississippi Deltas packte und elektrisch verstärkt anheizte, eröffnete sich eine neue Welt – eine Welt, in der schwarze Menschen wie sie eine Stimme hatten, eine Rolle.

Auch einige Musiker bemerkten den Wandel. Ginger Baker war ein aggressiver junger Schlagzeuger, der die ersten Lehrstunden in den traditionellen Jazz-Clubs hinter sich gebracht hatte und vom Club-Initiator Alexis Korner mit sanfter Stimme in die Blues-Szene gelockt wurde. Er strafte den Sänger der Band mit Geringschätzung, denn für ihn war er ein Emporkömmling. Dennoch fiel ihm der kraftvolle, freche und jugendliche Ansatz auf, mit der die Band die tiefe, widerhallende Musik veränderte und sie zu etwas radikal Neuem verwandelte.

Die Geschäftsleute verstanden es augenblicklich. Harold Pendleton, Manager des Marquee und eine Stütze der Jazz-Szene, zeigte sich von der Musik eher weniger beeindruckt, doch bemerkte eine nach vorne drängende Kraft in der Grundeinstellung der Gruppe – das Herausfordern von Autoritäten und eine Missachtung von Konventionen, die prinzipiell von Brian Jones ausging, dem 21-Jährigen, der sich Elmo Lewis nannte. Pendletons Auffassung nach war Jones ein Visionär, obwohl es etwas an ihm gab, das er nicht mochte. Er benutzte dafür den Begriff „böses Genie".

Brian spürte eine zeitweise Zufriedenheit, als die Band, die er in nahezu allen Bereichen geformt hatte, auf die Bühne ging und ihre eigene Welt veränderte. Die Musik gab seinem Leben einen Sinn, ein Leben, das bislang gebrochen, ruhelos und unglücklich gewesen war. Auch jetzt, nach über 50 Jahren, steht sein Werk noch im Schatten. Brian Jones hat in seinem Leben viele Fehler gemacht, doch das wichtigste Element seiner Existenz mit Bravour umgesetzt, denn diese Musik hat die ganze Welt verändert.

Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben. In den letzten Jahren haben wir die „geschäftsführenden Rolling Stones beim Beschreiben ihrer Entstehungsgeschichte und ihrer Entdeckung des Blues erlebt, wobei sie ihren Gründer nicht einmal erwähnten. Wir haben erlebt, wie Brian Jones als „eine Art verrottendes Anhängsel beschrieben wurde. Der Begriff allein vermittelt einen Eindruck von der Tragweite und dem Ausmaß dieser Geschichte. Die dunkle Kraft der Stones entspringt den internen Kämpfen, einer Sequenz von Verrat, gemeinem Lästern, sexuellem Konkurrenzkampf, Brutalität, Wahnsinn und Manie.

Das Ziel des Buches besteht nicht darin, die vielen Fehler von Brian Jones zu beschönigen, denn wenn jemals ein Mann von seinen Fehlern getrieben wurde, war er es. Seine Widersprüchlichkeit, die Verletzlichkeit und die Traurigkeit, verursacht durch die Entfremdung vom Establishment, wirkten sich letztendlich auf das Wertesystem der Band aus, die eine Gesellschaft provokant herausforderte. Sein Herz umrankten dunkle Adern, die ihn zur Entdeckung der „Teufelsmusik" inspirierten, der Geschichte eines Robert Johnson, der die Geheimnisse des Gitarrenspiels gegen seine unsterbliche Seele eintauschte. Brian ging hinaus, um die Mysterien zu verstehen, und war der erste Mann, der sie einer neuen Generation kommunizierte. Er war es, der die Türen zu einer neuen Welt öffnete und dabei die Geheimnisse für seine Bandkollegen und für uns erschloss.

Während der Arbeit an diesem Buch bin ich weit gereist und habe viele emotionale Tiefpunkte erreicht. Es ist eine traurige Geschichte – voller chaotischer Lebensläufe, ungewollter Kinder, Rücksichtslosigkeit, Frauenfeindlichkeit und Fehden, manche belanglos und andere tief greifend. Doch große Kunst entsteht in chaotischen und verwirrenden Lebensumständen. Wie wir sehen werden, erkannte man schon von Anfang an etwas Teuflisches an Brian Jones. Und wie wir wissen, spielt der Teufel die besten Songs.

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Neue Welten werden oft in den profansten Umgebungen erträumt. Nur wenige Einwohner von Cheltenham, einem vornehmen und gepflegten Kurort mit Heilquelle, hätten sich jemals ihre Stadt als Wiege für ein radikal neues musikalisches Manifest vorstellen können. Doch wie sich herausstellte, herrschte hier eine undurchsichtige Realität, da sich hinter den täuschend makellosen Fassaden unzählige Geheimnisse verbargen. Brian Jones war ein typischer „Cheltonian". Als er sein Umfeld verließ, hatte er mehr musikalische Geheimnisse aufgedeckt, als irgendjemand hätte erahnen können. Zurück blieben auch die geheim gehaltenen Kinder und der von ihm verursachte Liebeskummer, Ereignisse und Begebenheiten, die damalige Vorstellungen weit übertrafen.

Das Wort „beschaulich" scheint mit beinahe schon monotoner Regelmäßigkeit mit Cheltenham in Verbindung gebracht zu werden. Und ja, möglicherweise ist es ein angemessenes Adjektiv, wenn man folgende Begriffe in die Bedeutung integriert: geheimnisvoll, fremdländisch, futuristisch, moralisch verkommen, elegant, dekadent und künstlerisch fruchtbar. Nahezu all diese Wörter erfassen das frühe Leben von Lewis Brian Hopkins Jones, einem Jungen, dessen Bestimmung mehr als bei allen anderen von seinem Umfeld und der Erziehung diktiert wurde. Er war der Sohn eines ehrgeizigen Mannes, der an vorderster Front bei der Entwicklung einer weltverändernden Technologie mitarbeitete. Lewis Blount Jones lässt sich genau wie sein Sohn, der denselben ersten Vornamen trug, als Genie beschreiben. Dennoch bestimmten Geheimnisse, Repressionen und die traditionell britische Steifheit sein Leben. Dieses Erbe sollte das Leben von Lewis Jones Jr. sowohl positiv als auch negativ bestimmen.

Jeder gerade erst eingetroffene Besucher der Stadt wird augenblicklich von der klaren Schönheit der strahlend weißen Gebäude im Stil der Regency-Architektur überwältigt. Eine lange und ausladende Promenade verläuft südlich von der Hauptstraße aus (wo sich Brians Grammar School befindet) bis hin zu einem Komplex von Gebäuden am Lansdown Crescent und Montpellier Walk. Es sind fast ausschließlich graziös anmutende Geschäfte und Cafés, eingerahmt von Karyatiden – Säulen, ähnlich denen der Akropolis, die betörende Frauen darstellen. Über die Straße hinweg erstrecken sich die penibel manikürten Rasenflächen der Imperial Gardens, vor denen das Queens Hotel steht. Ein wenig die Straße hinab liegt der Pump Room, ein weiteres Juwel georgianischer Architektur, inspiriert vom Pantheon. Die Regency-Terrassen, ein beispielloses Modell für ausgewählten Geschmack und Diskretion, verlaufen in alle Richtungen. Doch das alles ist „lediglich eine Fassade", wie Barry Miles, Gründer des Underground-Magazins International Times und der Indica Gallery, erklärt, der Cheltenham 1962 entfloh. Die vermeintlich kunstvollen Steinfassaden vieler Gebäude bestehen tatsächlich aus billig bemaltem Stuck, die Innenräume sind instabil und feucht, schnell von auf Profit ausgerichteten Baufirmen hochgezogen. Mit dem exklusiven Ladies’ College, den Kunst- und Musik-Veranstaltungen, den gut situierten Durchschnittsbewohnern – viele von ihnen erlebten noch die Kolonialzeit – war das Nachkriegs-Cheltenham das Zentrum der Schicklichkeit und des Konservatismus. Doch dahinter verbarg sich eine Brutstätte der Intrigen und Laster.

Diese von Geheimnissen dominierte Grundstimmung intensivierte sich zu Beginn der Fünfziger und erreichte einen landesweiten Bekanntheitsgrad, da Cheltenham von nun an die Zentrale für die Schnüffler vom GCHQ (Government Communications Headquarters) war – ein Mittelpunkt der britischen Geheimdienstbehörde, die von Bletchley umgezogen war und zwei von der Regierung erworbene, große Grundstücke in der Stadt in Beschlag genommen hatte. Man errichtete moderne Apartmenthäuser, in denen sich mysteriöse Gestalten herumtrieben, viele von ihnen Europäer und multilingual. Wenn ein Passant sie beim gelegentlichen Umtrunk in einem der exklusiven Weinhäuser der Stadt entdeckte, fiel ihm beim Vorbeigehen schnell ein Sicherheitsausweis ins Auge.

Die James-Bond-Atmosphäre verstärkte sich zusätzlich durch die Gloster Aircraft Company, Erbauer des ersten strahlengetriebenen Jagdflugzeugs in Großbritannien, der Meteor: Die streng geheimen Prototypen verbargen sich in einem Gebäude an der Cheltenham High Street. Ab Mitte der Fünfziger produzierte Gloster die Javelin, einen glänzenden und futuristisch wirkenden Deltaflügler und Abfangjäger. Gloster und Rotol, eine Firma, an der Rolls Royce Anteile hielt und die als Joint Venture mit der Bristol Aeroplane Company fungierte, waren die führenden Arbeit­geber der Stadt und zogen Wissenschaftler und Ingenieure aus dem ganzen Land an, darunter Brian Jones’ Vater.

Neben dem Status des Zentrums der modernsten Geheimdienste war Cheltenham weltweit zugleich das Zentrum der ältesten Geheimdienste, denn die Stadt beherbergte verschiedene Kasernen der US-Air Force. Die Anwesenheit des amerikanischen und britischen Militärpersonals bedingte einen unaufhaltsamen Zustrom von Prostituierten. Einer Aussage nach verbargen sich hinter den eleganten Regency-Fassaden insgesamt 47 Bordelle. Bis in die Sechziger war die Bayshill Road, nur zwei Straßen von der Promenade entfernt gelegen, das Jagdrevier für die damals sogenannten Bordsteinschwalben, die jeden vorbeischlendernden Mann dreist fragten, ob er „etwas Geschäftliches abwickeln wolle. Das Queens Hotel dominierte die Haupteinkaufsstraße der Stadt und wurde für den Teenager Brian Jones, zu der Zeit noch formal und korrekt im glatt gebügelten Hemd mit Krawatte, zu einem wichtigen Anlaufpunkt und Treffpunkt. Während der Woche des Cheltenham-Pferderennens entledigte man sich kurzfristig der Gäste aus der Kolonialära, um Platz für die besessenen Spieler und einschüchternden irischen Gangster zu schaffen, die bis zum frühen Morgen Karten spielten und sich mit hochkarätigen Callgirls umgaben, für die das Festival einen wichtigen Eckpfeiler im jährlichen Arbeitskalender darstellte. Sogar das politische Establishment präsentierte sich von einer anrüchigen Seite. Charles Irving, der beliebteste Bürgermeister der Stadt, später Liebling der Tory-Ikone Margaret Thatcher, ließ sich von einem malvefarben gekleideten Chauffeur in einem Ford Thunderbird durch die Straßen fahren. Der Anblick war einem Zeitzeugen nach „so tuntig, dass man es gar nicht glauben konnte.

Die möglicherweise besten Beweise für Cheltenhams Jekyll-und-­Hyde-Charakter lassen sich auf den Seiten der kultivierten und würdevollen Tageszeitung Gloucestershire Echo finden. Die Echo fokussierte militärische und religiöse Themen, wobei die grundsätzliche Einstellung voller Stolz die Werte der High Church of England widerspiegelte. Ihre Leser sahen sich oftmals schockierenden Wutpredigten ausgesetzt, die anprangernd auf die lasche Moral der Stadt abzielten. 1956 beklagte sich Reverend Ward über „eine immanente Tendenz, eine besondere Form des Bösen, die in Cheltenham ausgeprägter ist als in den meisten Städten dieses Landes, damit auf die Zahl unehelicher Geburten anspielend, die, abgesehen von London, nirgendwo höher waren. Besorgte Bürger gaben detailliertere Untersuchungen in Auftrag, um zu ergründen, ob denn nun die Amerikaner oder die Iren für die entsetzliche Statistik verantwortlich waren. Die Zahlen belegten, dass die Briten selbst verantwortlich zeichneten! In späteren Jahren wunderten sich Brians Bandkollegen bei den Stones oft darüber, wie ein sexuell so unersättlicher Mann aus einer Stadt wie Cheltenham kommen konnte. Sie hätten schwerlich erahnen können, dass er ein Musterbeispiel für einen „Cheltonian war.

Lewis Blount Jones, ein talentierter Absolvent der Ingenieurwissenschaften der Leeds University, ergatterte 1939 eine Anstellung bei der prestigeträchtigen Firma Rotol und heiratete kurz darauf Louisa Simmonds. Das Paar richtete sich in der Eldorado Road ein, in einem gedämpft düster wirkenden roten Ziegelsteinhaus nahe dem Stadtzentrum. Genau hier wuchs der junge Lewis Brian Hopkins Jones auf, geboren am 28. Februar 1942 im Cheltenham’s Park Nursing Home. Schon bald war er nicht mehr alleine, denn seine Schwester Pamela erblickte am 3. Oktober 1943 das Licht der Welt. Nur zwei Jahre später erschütterte eine Tragödie die Familie, denn Pamela verstarb am 14. Oktober 1945 an den Folgen von Leukämie. Lewis und Louisa redeten niemals über den Tod ihres Kindes. Der Schicksalsschlag wurde zu einem weiteren Geheimnis Cheltenhams. Im darauf folgenden Sommer, am 22. August, kam Brians zweite Schwester auf die Welt – Barbara, die ihm das ganze Leben lang ähnlich sehen sollte.

Circa 1950 zog die Familie in die Hatherley Road, aus heutiger Perspektive die Quintessenz einer charakteristischen Vorstadt. Eine neue Doppelhaushälfte mit Garage und einer modernen Küche, dazu noch in einer idyllischen Umgebung gelegen, wirkte während der Entbehrungen der Nachkriegsjahre wie das Symbol eines hohen Status. „Es war eine angesehene und renommierte Gegend, erinnerte sich Roger Jessop, der direkte Nachbar. „Die Häuser waren als individuelle Einzelgebäude konzipiert und sehr begehrt. Die Anwohner hier gehörten überwiegend zur Mittelschicht.

Lewis Jones sollte später den Generationenkonflikt symbolisieren – die Kluft, die sich zwischen den Generationen öffnete, als Jungen wie Brian Jones die Pubertät erreichten. Brian gestaltete sein Leben in eklatanter Opposition zu den Werten des Vaters, der verklemmt war, dominierend agierte und niemals, niemals das Wort „Liebe benutzte. Doch Lewis war alles andere als ein alter verknöcherter Kauz. Während Brian sich zur Verkörperung einer kulturellen Revolution entwickelte, verkörperte Lewis die technologischen Innovationen. Seine Aufgaben bei Rotol beinhalteten die Arbeit an den fortschrittlichsten Propellern und Düsentriebwerken der Zeit. Nicht nur besaß er ein beneidenswertes Domizil in der Vorstadt, er verfügte zusätzlich über ein Auto und ein Telefon, beides seltene Besitzgüter in den frühen Fünfzigern. Doch das war typisch für eine neue Generation britischer Ingenieure, die weltweit die Entwicklung des Radars bestimmten, des Düsentriebwerks und der Militärelektronik. „Er zeigte sich weitsichtig, besorgt über die Zukunft des britischen Ingenieurwesens und verfasste schlüssig argumentierende Berichte für Zeitungen, in denen er empfahl, diesem Gebiet eine höhere Priorität einzuräumen, erzählt Roger Jessop.

Der junge Keith Richards sah Hurricanes und Spitfires fliegen, welche die wenigen noch vorhandenen Dorniers aus Kent vertrieben. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ihre Propeller von Rotol stammten, wie auch die wichtigsten Motorteile für Großbritanniens richtungweisende Düsenjäger. Vergleichbar mit dem GCHQ und der Firma Dowty (mit der Rotol später fusionierte), bot Rotol für einen „Cheltonian einen angesehenen Arbeitsplatz. Lewis hatte sich großen Respekt erworben und wurde schließlich Abteilungsleiter der wichtigen Abteilung für Flugtüchtigkeit. „Er war ein gut erzogener Gentleman, meint Kollege Robert Almond, „eher formell, so wie sich die Menschen in jenen Tagen eben gaben. Linda Partridge, eine andere Angestellte von Dowty Rotol, beschreibt ihn als „angenehm, ein sehr netter und sanfter Mann. Lindas Brüder kannten Brian gut und wiesen auf die Ähnlichkeiten der beiden hinsichtlich des Aussehens und der Körpergröße hin – kleine Füße, zarte Musikerhände, durchschnittliche Größe – nicht zu vergessen eine gewisse Schüchternheit.

Louisa Simmons war Lewis in Südwales begegnet. Beide verbanden religiöse Erfahrungen, denn sie wurden in der Tradition der walisischen Methodistenkirche erzogen. Die meisten noch verfügbaren Berichte über Brians Mutter stammen von seinen Teenager-Freundinnen, wie zum Beispiel Pat Andrews, die Louisas Haushalt als „Leichenhalle" beschreibt, düster und bedrückend. Doch zu diesem Zeitpunkt verursachte Brians eigenwilliges Verhalten schon schwere Spannungen innerhalb der Jones-Familie.

In den Fünfzigern kannte man Louisa – eine dünne, ordentlich gekleidete Frau mit einer praktischen, mittellangen Frisur – in den Kreisen der Cheltenhamer Mittelschicht. Sie und ihr Ehemann zeichneten sich durch ein ernsthaftes und stets engagiertes Sozialverhalten aus, nahezu vergleichbar mit dem viktorianischen Lebensstil. Das Paar war stolz auf seine walisischen Wurzeln, und sie engagierten sich in der lokalen Cymmrodorion-Gruppe, die Gesprächsrunden und Vorträge über die walisische Geschichte und Kultur organisierte. Laut des Familienfreundes Graham Keen wirkte die walisische Kirche durch eine starke Präsenz in Cheltenham: „Nach dem Zusammenbruch des Kohlebergbaus gab es ab 1917 eine große wirtschaftlich bedingte Abwanderung aus Wales. Grahams Eltern, Marian und Arthur, kannten die Jones’ gut, und zwar aus walisischen und an Musik interessierten Kreisen. Sie teilten dasselbe Ethos der ständigen Weiterentwicklung, jedoch mit einem grundlegenden Unterschied: „Nach Auffassung der Kirche durfte man weder trinken noch rauchen, erklärt Graham. „Doch es bestand eine gewisse Flexibilität, beeinflusst durch den gesunden Menschenverstand. Grahams Vater Arthur genoss seinen gelegentlichen Drink, ohne zu befürchten, dass er sich damit Verdammnis und Höllenfeuer einhandelte. Die Keens beobachteten aber, dass die Haltung der Jones’ „geradezu fundamental war.

Louisa erfreute sich eines unverkennbaren Charakterzuges: der Begeisterung für die Musik. Obwohl sie eine viel beschäftigte Hausfrau war, gab sie Klavierunterricht und mischte sich unter die lokale Kunstszene. In den späten Vierzigern gehörte sie der Cheltenham Townswomen’s Guild an, eine urbane und künstlerisch gewandtere Gruppe als das konservative Women’s Institute. Sie zählte zudem zu den regelmäßig anwesenden Mitgliedern des Guild Choir, geleitet von Marian Keen. Die beiden arbeiteten an Kompositionen von Elgar, Vaughan Williams und Chorarrangements moderner Komponisten im Haus der Keens an der Old Bath Road oder in der Congregational Church an der Priory Terrace. Die kleine Gruppe wurde bei den Veranstaltungen der Gilde oder bei lokalen Künstlerwettbewerben schnell zu einer kleinen Attraktion. Als Louisas Chor einen Pokal beim Cheltenham Festival of Performing Arts gewann – beurteilt von einer professionellen Jury –, war sie noch monatelang sehr stolz auf diesen Triumph.

Die Musik stellte darüber hinaus die Grundlage für eine der innigsten Freundschaften von Louisa dar, nämlich mit Muriel Jessop, Rogers Mutter, die gleich nebenan wohnte: Beide Familien besaßen ein Klavier, und so verbrachten Louisa und Muriel in dem einen oder anderen Haus viele Stunden mit dem Einüben leichter Klassik und diverser Gesangsduette (Debussy, Gilbert and Sullivan). Damit gewappnet traten sie bei Wettbewerben im Rahmen des Cheltenham Music Festivals oder ähnlicher Veranstaltungen auf. „Sie wurden von den Darbietungen der Profis übertroffen. Es gelang ihnen jedoch immer eine ehrenwerte, wohl gebildete Aufführung, wie sie Ladies der Mittelschicht gebührt", erzählt Roger. Louisa besaß ein Grammophon, was in den Fünfzigern eher ungewöhnlich war, wie auch das moderne Haus, der Wagen und das Telefon. Im ganzen Gebäude erklang ständig Musik.

Trotz der Generationenkluft war der junge Brian eindeutig als Sohn seiner Eltern erkennbar – leise sprechend, mit einem unüberhörbaren Akzent der Mittelschicht und schon von frühem Alter an fasziniert von der Musik.

Die Jones’ ließen sich nach Angaben der Nachbarn als ruhig und pedantisch beschreiben. Sie hielten ihre Einfahrt sauber und waren die ersten, die zur Tat schritten, wenn es Probleme mit Lärmbelästigung oder leichten Fällen von Vandalismus in der Gegend gab. „Man konnte sich kaum eine klassischere britische Familie aus der Mittelschicht vorstellen, erinnert sich Roger Jessop. „Das meine ich nicht abfällig. Die Jessops standen den Jones’ nahe und empfanden sie als „reserviert, aber freundlich". Sie pflegten entgegen den heute üblichen Gewohnheiten keine sozialen Kontakte – weder Dinner-Partys noch Pub-Besuche – doch Rogers Vater Frederick, ein Erdkundelehrer an der Grundschule für Jungen, half dem zehnjährigen Brian bei den Hausaufgaben, während Lewis Roger bei Mathematik und den Ingenieurwissenschaften verwandten Problemen unterstützte. Lewis erwies sich als geduldiger und logisch ausgerichteter Lehrer. Er bearbeitete eine Aufgabe methodisch und erfreute sich an der Eleganz einer korrekten mathematischen Lösung.

Dem jungen Brian Jones sah man sicherlich den Sohn eines Wissenschaftsfanatikers an. Er vermochte sich sprachlich adäquat auszudrücken und war selbstsicher. Mit seiner Hornbrille und dem Lächeln, bei dem eine Zahnlücke sichtbar wurde, wirkte er jedoch unbeholfen. Einem Lehrer nach verhielt er sich gewissenhaft und ernst, beinahe „schon übertrieben tugendhaft. „Er war schon ‚nerdy‘, erklärt Roger, der sich daran erinnert, wie Brian sich an einen hohen Aussichtspunkt nahe der Dean-Close-Privatschule zurückzog, die er damals besuchte. Dort verbrachte er die Zeit mit dem sogenannten „Trainspotting", dem Sammeln der Nummern von Lokomotiven und Eisenbahnzügen.

Einige Menschen bemerkten allerdings schon früh die Sensibilität, die ihn von seinen pflichtbewussten und konventionellen Eltern unterschied. Trudy Baldwins Familie besuchte zusammen mit den Jones’ die Gottesdienste in der St. Philips und der St. James Church, wo Brian, gekleidet in eine makellose weiße Robe, ab dem Alter von zehn Jahren im Chor sang. Die beiden Familien entwickelten eine engere Beziehung, und Trudy, einige Jahre älter als Brian, beaufsichtigte die Jones-Kinder regelmäßig als „Babysitter. Sie erinnert sich gut an den jungen Brian, besonders daran, dass er ihr die Geschichte einer verstorbenen Schwester enthüllte, von denen die Baldwins niemals etwas gehört hatten: „Brian erzählte mir von einem anderen Kind der Familie – einer Schwester, die verstorben war, und zeigte mir Fotos von ihr. Mir das mitzuteilen, schien ihm ein dringliches Bedürfnis zu sein, als wäre es ein Thema, über das man bei ihnen nicht redete. Meine Eltern standen ihnen nahe, aber ich glaube nicht, dass sie je etwas davon erfuhren. Es muss schrecklich gewesen sein, so etwas zu verbergen.

Wie viele Cheltenhamer blickt Trudy Baldwin auf ihre Erziehung zurück und wundert sich, wie streng und gefühllos das alles war, bestimmt von Respektbezeugung und emotionaler Unterdrückung. Den Eltern zu gefallen, wurde mit Freude und Anerkennung honoriert. Diesem Reglement war auch Brian Jones unterworfen, zu Hause und auf der Dean Close, wo die großen im gotischen Baustil errichteten Gebäude sich über das Grundstück erstreckten. Ohne sich großartig zu bemühen, zählte er zu den klügsten Schülern seines Jahrgangs, vor allem in den Fächern Englisch und Französisch, aber er konnte auch in der Mathematik mit guten Ergebnissen punkten.

Brians konventionelles und leicht weltfremdes Erscheinungsbild wurde von den zahlreichen Interessen begleitet, die er mit dem Vater teilte, insbesondere der Faszination hinsichtlich des Ingenieurwesens. Im Alter von ungefähr zehn Jahren erhielt er von seinen Eltern eine teure, technisch erstklassige grüne Miniaturdampfmaschine, an der er versunken und konzentriert herumtüftelte und sie mit Methyl-Alkohol antrieb. Die Begeisterung für Maschinen hielt bis zur Pubertät an: Man konnte ihn oft dabei beobachten, wie er die Regale für Spielzeug-Lokomotiven im Modellgeschäft an der High Street durchstöberte oder wie er sich mit seinem Freund Tom Wheeler auf dem Fahrrad davonmachte, um einen Nachmittag mit dem „Trainspotting" zu verbringen. Wenige Jahre später interessierte ihn und seine Freunde John Appleby und Tony Pickering das Straßenbahnnetz in Derbyshire. Sie verbrachten Stunden mit dem Sandstrahlen von Karosserien und dem Schaufeln von Schotter für die Strecke.

Der pflichtbewusste Schüler erwies sich auf der Dean Close auch bei den traditionellen Sportarten als hervorragend. Das traf speziell auf das Kricket zu. Vater Lewis fuhr den dunkel lackierten Wolsely oft aus der Einfahrt, damit Brian und Roger Schläge und Werfen mit dem Ziel Garagentor üben konnten. Brian verbrachte einige Zeit bei den Jessops, besonders als er sich für die „Eleven-Plus vorbereitete, die übliche und für einige Schüler einschüchternde Prüfung, welche über die Eignung für Cheltenhams altehrwürdige Grammar School entschied. Mit Absolventen wie Handley Page, Gründer der berühmten Luftfahrtgesellschaft, war diese zweifellos ein angeseheneres Bildungsinstitut als Dean Close. Brian, aktiv und intelligent, erschien wie die Verkörperung eines Jungen von der Grammar School, der etwas im Leben erreichen würde. Doch Roger erkannte die ersten auftauchenden Probleme hinter der für Angehörige der Mittelschicht symptomatischen Fassade: „Brian war ein guter Werfer. Wir spielten oft Kricket in der Einfahrt. Doch dann begann er zu husten und zu keuchen. Er litt an Asthma, einer extremen Ausprägung der Krankheit. Es reichte immer noch, um im Schulteam zu spielen, da er sich zwei Runden lang hielt, doch er verfügte nicht über die Ausdauer, um ein komplettes Spiel zu überstehen. Ich glaube, das erfüllte ihn mit Verbitterung.

Möglicherweise lag die Entscheidung zum Kauf einer Klarinette in Brians Asthma begründet: Ein Blasinstrument zu spielen, war in den Fünfzigern für an der Krankheit leidende britische Kinder eine Standardtherapie. Andere Behandlungsmethoden waren hingegen primitiv – das Anblasen eines Tischtennisballs, damit er sich in verschiedene Richtungen bewegte, oder die Inhalation von Dampf aus einer Pfanne kochenden Wassers erwiesen sich mehr oder weniger als Placebos. Das Klarinettenspiel war der einzige positive Aspekt der damals selten vorkommenden Erkrankung, die sich beängstigend und darüber hinaus isolierend auswirkte.

Mühelos absolvierte Brian die Prüfung und schrieb sich am 8. September in der Cheltenham Grammar School ein, ein einschüchterndes und bedrohliches Gebäude, dessen viktorianische Turmspitzen und Zinnen die Hauptstraße dominierten. Das Institut nahm Schüler aus Cheltenham und den Vororten auf, und es bestand eine strikte Hackordnung: Ältere Schüler waren wichtiger als jüngere und die „Überflieger" – nachdem man die akademischen Fähigkeiten am Ende des ersten Halbjahres geprüft hatte – erfuhren gegenüber der schwächeren Leistungsgruppe eine Bevorzugung. Den Neuzugängen wurde wiederholt die Tradition der Schule eingepaukt, die bis in elisabethanische Zeiten zurückreichte. Darüber hinaus drückte man die Köpfe der nervösen Ankömmlinge in einem alten Verbindungsritual im zentralen Innenhof unter einen Wasserhahn.

Der elfjährige Brian zählt zu einer kleinen Gruppe von Jungen, die sich von den Schikanen unbeeindruckt zeigten. Er war für sein Alter schon weit entwickelt, einer von nur zwei Jungs, die von der Dean Close kamen und sich leicht in einer solchen Gesellschaft zurechtfanden. Tatsächlich stach er sogar hervor: Er war blond, entspannt, im Hinblick auf seinen Bildungsstand den meisten seiner Altersgruppe weit voraus und sah „wie ein Engel aus, wie Philip ‚Pip‘ Price erzählt, ein Freund aus dem siebten Jahrgang, der an einem angrenzenden Tisch saß. „Das war mein erster Eindruck, ganz einfach wegen der blonden Haare und dem lächelnden Gesicht. Viele Schüler plagten sich mit den neuen Fächern ab, doch für Brian schien es eine lockere „Wochenendkreuzfahrt zu sein. Man hatte schnell den Eindruck, als bereiteten ihm die Unterrichtsstunden Freude. Während Dr. Arthur Bell, der im selben Jahr zur Schule kam, Brian später als einen „grundsätzlich sensiblen und verletzlichen Jungen charakterisierte, teilten Pip und die anderen diese Auffassung nicht. „Ich würde ihn nicht als schüchterne Person beschreiben. Zumindest nicht bezüglich seines Verhaltens in der Stadt und bei Leuten, die er kannte." Verglichen mit den meisten Kindern aus Cheltenham war er selbstbewusst, zeigte oft auf und half anderen Schülern.

In den Nachkriegsjahren nahmen Grammar Schools Jungen aus einem breiten sozialen Hintergrund auf, womit Brian und die Klassenkameraden für eine neue Mobilität zischen den Schichten standen. Doch bevor sie das System definieren oder es unterminieren konnten, mussten sie sich anpassen. Jungen, die aus Cheltenhamer Arbeiterfamilien stammten, krönten ihre Laufbahn in steter Regelmäßigkeit als Doktoren oder Professoren. Mit Nachdruck wies man darauf hin, wie viele Schüler Stipendien in Oxford und Cambridge erhielten. Die Väter eines großen Teils der Schülerschaft arbeiteten bei Dowty oder dem GCHQ – eine Elite, offensichtlich auf den Erfolg hin programmiert, kluge Jungen, denen die Lehrer wohlgesinnt waren.

In jenen Jahren hinterließ auch L. B. Jones einen starken Eindruck bei seinen Lehrern. „Überaus fähig, steht auf einem der internen Bewertungsbögen, „mit eindeutigen Anzeichen von Brillanz. In einer Schule, die eine landesweite und rigorose Auswahl betrieb, stellte so eine Aussage eine signifikante Anerkennung dar. „Er war ein schlauer Kerl, bestätigt Colin Dellar, der sich ungefähr Anfang 1954 mit Brian anfreundete, „und auch selbstbewusst. Daran besteht kein Zweifel. Roger Jessop, dessen Vater an der Grammar nun den Rang eines stellvertretenden Schulleiters bekleidete, rechnete Brian zu einer Gruppe, die „auf eine intellektuelle und rigorose Art lernten. Er stand an oberster Stelle der Einserkandidaten, zu denen sehr, sehr schlaue Menschen gehörten. Ihnen wurde der Zugang bei Oxbridge noch mit einem Sternchen erleichtert. Man konnte Brians Ehrgeiz förmlich sehen. Frederick Jessop schätzte den Jungen, der nur eine Tür entfernt wohnte, gerade weil er sich durch den „kämpferischen Ehrgeiz auszeichnete, den die Schule förderte. Roger zufolge war sein Vater innerhalb der ersten Jahre an der Grammar mit Brian „sehr zufrieden".

Doch das sollte nicht von langer Dauer sein.

Viele Jahre danach sprach Lewis Jones bei der BBC über seinen Sohn. Die Erzählung durchzogen verwirrende Aussagen, denn Lewis ahnte kaum etwas davon, was tatsächlich in Brian vorgegangen war. Die beiden, die sich in vielerlei Hinsicht ähnelten, trennte die Kluft zwischen den Generationen, die in ihrem speziellen Fall einem jähen Abgrund gleichkam. Der öffnete sich 1956, und der Grund lag beim Jazz, oder – um genauer zu sein, bei Jazz und Sex.

Der Rundfunkmoderator Alistair Cooke erinnert sich an den Tag, an dem seine Mutter ihn beim Hören einer Platte von Louis Armstrong ertappte: Sie brach in Tränen aus, beschämt darüber, die Klänge zu hören, die ihre Generation als „verkommene und erniedrigende Negermusik betrachtete. Für Jungen wie Brian und seine Freunde Graham und John Keen stellte die Musik eine „Offenbarung dar. Doch sogar die Keen-Brüder, die verhältnismäßig aufgeklärte Eltern hatten, „mussten darüber schweigen und es damals dabei belassen. Es wurde als ein schlechter Einfluss gesehen".

Doch Brian schwieg nicht. Jazz und andere Genres schwarzer Musik, die in dem Jahr im Bewusstsein der Teenager in Großbritannien nahezu explodierten, sollten ab dieser Zeit der Fokus seines Lebens sein. Letztendlich wirkte sich auch die Art, wie die Eltern mit dem neuen, gefürchteten Phänomen umgingen, maßgeblich auf die Ausprägung seines Lebenswegs aus.

Viele britische Jugendliche entdeckten 1956 Jazz oder Rock ’n’ Roll. Es war das Jahr Null, symbolisiert von der Veröffentlichung des James-Dean-Films … denn sie wissen nicht, was sie tun, der die Ikonografie der jugendlichen Rebellion definierte. Brians zukünftigen Bandkollegen nach spürte man die geradezu seismischen Erschütterungen auch in Dartford, Kent. „Es war der Anfang einer Teenager-Kultur, und von dem Zeitpunkt an teilte sich unsere Klasse in musikalische Fraktionen auf, erzählt Dick Taylor, ein zukünftiger Stone. Dicks Klassenkamerad, der Musterschüler Mick Jagger, war schon längst ein „Yankophiler, allgemein für seine Besessenheit vom Baseball bekannt. Er ließ sich von der neuen Musik vereinnahmen wie auch der Freund Bob Beckwith. Jedoch zeigten sich Dicks und Micks Eltern hinsichtlich der Obsession nachsichtig und waren erfreut, dass ihre Söhne plötzlich mit einer Gitarre im Wohnzimmer auftauchten und Krach machten. Das traf auch auf einen gewissen Keith Richards zu, dem Dick drei Jahre später auf der Sidcup-Kunsthochschule begegnete. Doch in der Beziehung zwischen Brian und seinen Eltern öffnete der Beginn „degenerierter Musik einen Spalt, der sich drei Jahre darauf zu einer unüberbrückbaren Kluft vergrößert hatte. Viele Zeitzeugen haben Berichte über Brians unterkühlte und lieblose Erziehung als Kind gehört. Für die Jahre, in denen er die Pubertät erreichte, liegen direkte Quellen vor. Falls seine Eltern eine gewisse Zuneigung oder gar Liebe zeigten, dann lag die Bedingung dafür im absoluten Befolgen ihrer Regeln. „Das mit psychologischer Genauigkeit festzumachen ist schwierig, kommentiert John Keen, „doch meine Mutter kannte seine recht gut – und ich bin der festen Überzeugung, dass ihn seine Eltern nicht mit der Liebe behandelten, die den meisten anderen Kindern zukommt."

Die Cheltenham Grammar verfolgte die Entwicklung der Schüler Jahr für Jahr. Ihre Beurteilung über die Entfremdung des brillanten, selbstsicheren Kindes, das im Kirchenchor sang, ein Kaninchen hielt, ein strebsamer Pfadfinder und Mitglied des Gloucester Youth Club (Railway Section) war, wirkt erschütternd. Schon im Sommer 1955 bemerkte Brians Klassenlehrer Jim Dodge eine Verhaltensänderung seines Schülers. Ihm fiel auf, dass Brian „unter einem dominierenden Vater leidet und sich zur Kompensation angeberisch verhält. Mr. Dodge war laut den Erinnerungen ehemaliger Schüler ein scharfsinniger und weltoffener Mann. Er hatte mit seiner Aussage ein Schlüsselelement der Psyche des jungen Brian deutlich angesprochen. „In der Familie herrschten ständig Spannungen, erläutert Roger Jessop. „Ich hätte es gehasst, wenn Lewis mein Vater gewesen wäre. Was auch immer [Brian] machte – es war nicht richtig für ihn. Verglichen mit den meist neutral ausfallenden Einschätzungen einiger Berichte ist Dodges Dokumentation von Brians Psyche von großem Wert. Jährlich folgten neue Einschätzungen, dass Brian ein schlauer Schüler sei, aber eine „einfühlsame und vorsichtige Behandlung benötigt. Doch seine Lehrer lernten niemals, wie man mit diesem Jungen hätte umgehen sollen.

Neben der Musik und der Hormonflut eines Teenagers gab es noch einen zusätzlich erschwerenden Faktor: Brians Asthma. Die Krankheit sollte der letzte Nagel zu dem Sarg sein, in dem seine Zukunft als ausgezeichneter Absolvent der Grammar School zu Grabe getragen wurde. In dem ersten und eventuell zweiten Jahr konnte er sich noch beim Sport behaupten. Dann stieg er einfach aus der Sportlerclique aus, wie Roger Jessop zu berichten weiß, der morgens meist mit Brian zur Schule fuhr. „Oft war er nicht fit genug für reguläre Spiele. Ich glaube, er hasste sich dafür und entwickelte einen Komplex. Er hatte nicht die Kraft, um die ihm von der Natur auferlegten Beschränkungen zu überwinden." Sogar Brians Lehrer bemerkten die Gesundheitsprobleme: Im Sommer 1956 gab es 15 krankheitsbedingte Fehltage und darüber hinaus Kommentare, dass er schlecht schlief.

Auf der Cheltenham Grammar School spielten Jungen, die es zu etwas brachten, entweder Kricket oder Rugby – nur sie waren einer Erwähnung in der jährlichen Schulzeitung würdig. Brians gesundheitliche Probleme machten ihn zu einem Außenseiter. Roger Jessop gehört zu den zahlreichen Schülern, die einen engen Kontakt untereinander pflegten und später in angesehenen Berufen ihre Spuren hinterließen. Nach den ersten Jahren der gemeinsamen morgendlichen Fahrten zur Schule schlugen er und Brian unterschiedliche Wege ein. „In den ersten Jahren war er beliebt. Das hing mit seinen schulischen Leistungen zusammen und dem Vermögen, bei den Hausaufgaben zu helfen. Jedoch verlor er bei den meisten sehr schnell seinen Status. Als er abging, war er meiner Meinung nach nicht sonderlich angesehen."

Hätten Brians Eltern jemals das Rauschen im Blätterwald der britischen Zeitschriften wahrgenommen, die ab Mitte der Fünfziger gegen den korrumpierenden Einfluss des Rock ’n’ Roll oder des „Beatnik Horror" wetterten (letzteres schrieb die Sunday Times), wäre ihnen ihr Leben wie eine exemplarische Fallstudie vorgekommen. Ihre mangelnde Flexibilität besiegelte möglicherweise den Niedergang der Familie. Louisa vertraute sich gelegentlich der Chorfreundin Marian Keen an und beklagte sich darüber, dass Brian außer Kontrolle geraten sei. Diese wiederum – nachdem man ihr verraten hatte, dass ihre Söhne von Louis Armstrong geradezu besessen waren – hielt ihr Fähnchen in den Wind und erlaubte ihnen das Jazz-Hören. „Meine Eltern konnten sich anpassen, berichtet John Keen. „Ich hatte das Gefühl, dass Brians Eltern hingegen starrsinnig reagierten und schnell alles ablehnten, was außerhalb des ihnen Angenehmen lag. Als Resultat verwandelte sich Brian Jones innerhalb von zwölf Monaten in ein „wildes Kind, wie man das mit der Cheltenham-Begrifflichkeit kategorisierte. Wenn seine Schulkameraden von dieser Phase erzählen, gebrauchen sie schnell ähnliche Wörter und Beschreibungen, von denen einige häufig in seinem Leben wiederkehrten, wie zum Beispiel „einen Komplex haben oder „rebellisch. Von dem Zeitpunkt an wird er fast ausschließlich als Musiker dargestellt, den man ständig mit einer Klarinette oder einer Gitarre sah. Ein Interviewpartner benutzte einen Terminus, der erst später auftauchte: „The Devil.

Als Brian von der Musik wie von einem Blitzschlag getroffen wurde, schien alles zusammenzukommen. Höchstwahrscheinlich war Bill Haley, dessen „Rock Around The Clock" sich im November 1955 bis an die Spitze der UK-Charts vorarbeitete, der erste Vorbote eines neuen Lebensstils. Unverzüglich versuchte sich Brian

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