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Die Verlobung des Monsieur Hire

Die Verlobung des Monsieur Hire

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Die Verlobung des Monsieur Hire

Länge:
169 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 29, 2020
ISBN:
9783311701187
Format:
Buch

Beschreibung

Monsieur Hire ist ein Einzelgänger. Ein Einzelgänger wider Willen. Niemand im Pariser Vorort Villejuif will etwas zu tun haben mit dem kleinen unförmigen Mann, der seinen Lebensunterhalt mit krummen Geschäften verdient. Als eine Prostituierte ermordet wird, fällt der Verdacht sofort auf ihn. Während Monsieur Hire von der Polizei beschattet wird, beobachtet er selbst weiter seine heimliche Liebe, das hübsche Dienstmädchen Alice im Nachbarhaus. Er kann sein Glück kaum fassen, als Alice eines Tages vor seiner Mansardentür steht und ihn um Hilfe bittet.
Herausgeber:
Freigegeben:
May 29, 2020
ISBN:
9783311701187
Format:
Buch

Über den Autor


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Die Verlobung des Monsieur Hire - Georges Simenon

Kampa

1

Die Concierge hüstelte, ehe sie klopfte und mit einem Blick auf den Katalog von La Belle Jardinière, den sie in der Hand hielt, laut und vernehmlich sagte:

»Da ist ein Brief für Sie, Monsieur Hire.«

Sie raffte ihr Umschlagtuch über der Brust zusammen. Es regte sich etwas hinter der braunen Tür. Bald war es links, bald rechts, bald waren es Schritte, bald ein leichtes Stoffrascheln oder das Klicken von Steingut, und die grauen Augen der Concierge schienen durch die Türfüllung hindurch die Spur der unsichtbaren Geräusche zu verfolgen. Diese kamen schließlich näher. Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Ein Streifen Licht erschien, eine Tapete mit gelben Blumen, der Marmor eines Waschtisches. Ein Mann streckte die Hand aus, aber die Concierge sah ihn nicht, oder sah ihn schlecht, jedenfalls achtete sie nicht auf ihn, denn ihr forschender Blick war an etwas anderem hängen geblieben: einem blutgetränkten Handtuch, dessen dunkles Rot von dem kalten Marmor abstach.

Die Tür schob sie sanft zurück. Der Schlüssel drehte sich erneut, und während die Concierge die vier Stockwerke hinabstieg, blieb sie ein ums andere Mal stehen, um nachzudenken. Sie war mager. Ihre Kleider hingen um sie herum wie um das kreuzförmige Gestell, das einer Vogelscheuche als Gerippe dient, ihre Nase war feucht, die Lider waren gerötet, die Hände rissig von der Kälte.

Hinter dem Türfenster der Loge stand ein kleines Mädchen im Flanellunterrock vor einem Stuhl mit einer Schüssel Wasser. Ihr Bruder, der schon angezogen war, machte sich einen Spaß daraus, sie nass zu spritzen. Der Tisch neben ihnen war nicht abgedeckt.

Ruckartig ging die Tür auf. Der Junge drehte sich um. Das kleine Mädchen zeigte ein tränenüberströmtes Gesicht.

»Na wartet …«

Der Junge kassierte eine Ohrfeige und wurde von seiner Mutter nach draußen geschubst.

»Mach, dass du in die Schule kommst. Und du, wenn du nicht aufhörst zu weinen …«

Sie schüttelte die Kleine und zog ihr ein Kleid über, zerrte an ihren Armen wie an den Gliedern einer Marionette. Dann versteckte sie die Schüssel mit dem Seifenwasser im Schrank, ging zur Tür, machte wieder kehrt.

»Bist du bald fertig mit Schniefen?«

Sie dachte nach. Sie zögerte. Ihre Stirn lag in Falten, die kleinen Augen blickten unruhig. Mechanisch nickend grüßte sie den Mieter aus dem zweiten Stock, der an der Loge vorbeiging, und nachdem sie die Abzugsklappe des Ofens halb geschlossen hatte, stürzte sie, ein zweites Tuch umwerfend, plötzlich nach draußen.

Es fror. Auf der Straße von Fontainebleau, die durch Villejuif hindurchführt, fuhren die Autos langsam, wegen Glatteisgefahr, und die Kühler dampften. Hundert Meter nach links war die Kreuzung mit den Cafés auf beiden Seiten, dem Verkehrspolizisten in der Mitte, belebten Vorortstraßen, die nach Paris hineinführten, mit Trambahnen, Bussen, Autos. Aber rechter Hand, zwei Häuser weiter, gleich hinter der letzten Werkstatt, begann schon die Landstraße, eine ländliche Gegend, Bäume und Felder weiß von Frost.

Die Concierge bibberte, zögerte erneut. Sie winkte einem Mann, der an der Straßenecke stand, aber er sah sie nicht, und so lief sie hin, berührte seinen Arm.

»Kommen Sie einen Augenblick.«

Damit kehrte sie ins Haus zurück, ohne sich weiter um ihn zu kümmern, hob ihre Tochter mit einem Arm hoch und setzte sie auf einen Stuhl in der Ecke, um sie aus dem Weg zu schaffen.

»Kommen Sie rein. Bleiben Sie nicht da, er könnte Sie sehen.«

Sie war außer Atem oder sehr erregt. Ihr Blick wanderte vom Eingang zu dem Mann von etwa dreißig Jahren, der seinen Hut aufbehalten hatte.

»Gestern war ich noch unsicher, aber eben habe ich etwas gesehen, und ich würde meinen Kopf darauf verwetten, dass Monsieur Hire es war.«

»Welcher ist das?«

»Ein Kleiner, etwas dick, mit gezwirbeltem Schnurrbart und immer einer schwarzen Aktentasche unterm Arm.«

»Was macht er?«

»Das weiß man nicht. Er geht morgens weg und kommt abends wieder. Ich habe ihm einen Katalog nach oben gebracht, und als die Tür halb offen stand, habe ich ein Handtuch voller Blut entdeckt …«

Schon seit zwei Wochen verbrachte der Inspektor mit zwei Kollegen seine Tage und manchmal seine Nächte in dem Viertel, darauf abgestellt, alle und jeden zu beobachten, und allmählich kannte er die Leute vom Sehen.

»Und außer diesem Handtuch …«, begann er.

Die Concierge litt Qualen.

»Ich hab doch gleich an ihn gedacht, vom ersten Tag an, dem Sonntag, erinnern Sie sich? Man hatte die Frau gerade auf dem unbebauten Grundstück gefunden. Ihr Kollege hat mich befragt, wie alle anderen Concierges. Und das ist es ja, Monsieur Hire hat das Haus an dem Tag nicht verlassen! Also hat er nicht gegessen, denn sonntags holt er sich immer etwas aus der Metzgerei an der Rue Gambetta. Den ganzen Nachmittag hat er sich nicht gerührt. Achtung …«

Man hörte Schritte auf der Treppe. Im Gang hinter der Türscheibe war es dunkel, aber trotzdem sah man einen Mann von kleiner Statur vorbeigehen, eine Aktentasche unter den linken Arm geklemmt. Die Concierge und der Inspektor beugten sich vor, zogen gleichzeitig die Augenbrauen hoch, dann stürmte der Inspektor hinaus, rannte ein paar Schritte bis ins trübe Tageslicht und kam in aller Ruhe wieder zurück.

»Er hat ein großes Pflaster auf der Wange.«

»Das habe ich gesehen.«

Die harten Augen der Concierge blickten weit in die Ferne, eher nach innen als nach außen.

»Also, dann war’s wohl doch nichts«, folgerte der Mann, schon halb im Gehen.

Doch eine Hand klammerte sich fieberhaft an seinen Arm. Die Concierge litt zunehmend, vielleicht wegen der Anstrengung, mit der sie sich zu erinnern versuchte.

»Warten Sie! Ich will sicher sein … Ich hab ja vor allem auf das Handtuch geachtet, aber …«

Sie schnitt Grimassen wie ein Medium in Trance. Sie sprach langsamer und leiser. Die Kleine ließ sich von ihrem Stuhl rutschen.

»Ich könnte schwören, als ich ihm den Katalog gab, war er unverletzt. Ich hab ihm nicht ins Gesicht geschaut, aber gesehen habe ich ihn trotzdem, und das wäre mir doch aufgefallen.«

Sie kramte noch immer verzweifelt in ihrem Gedächtnis. Der Inspektor runzelte die Stirn.

»Na so was! So was! Da hätte er gesehen, wie Ihr Blick auf das Handtuch fiel, und wäre dann auf die Idee gekommen …«

In der Loge, neben dem mit braunem Wachstuch bedeckten Tisch, beeindruckten sich die beiden gegenseitig. Sie waren keine zweihundert Meter von dem unbebauten Grundstück entfernt, wo man vierzehn Tage zuvor, an einem Sonntagmorgen, die Leiche einer Frau gefunden hatte, dermaßen verstümmelt, dass sie nicht identifiziert werden konnte.

»Wann kommt er nach Hause?«

»Um zehn nach sieben.«

Rechts von der Kreuzung, bei der Endstation der Trambahn, reihten sich kleine Marktkarren aneinander, und Monsieur Hire, der sich, die Aktentasche unterm Arm, schaukelnden Schrittes zwischen den Hausfrauen hindurchschlängelte, sah die Auslage eines Metzgers, dann Gemüse, dann wieder Fleisch, dann einen Karren nur mit Blumenkohl vorbeiziehen. Der Trambahnschaffner pfiff, und Monsieur Hire rannte wie jemand, der es nicht gewohnt ist, zu rennen, und indem er die Beine zur Seite warf, wie eine Frau. Dabei machte er andauernd:

»Pfff! … Pfff! …«

Der Arm des Schaffners packte ihn gerade noch rechtzeitig. Neben dem vordersten Wagen stand ein zweiter Inspektor, der die Leute musterte und sich dabei mit den Händen auf die Seiten schlug, um sich aufzuwärmen. Als er Monsieur Hires Pflaster sah, kniff er die Augen zusammen, riss sie dann weit auf, schickte einen Blick in Richtung Landstraße und sprang, als die Trambahn losfuhr, im letzten Moment aufs Trittbrett.

Man hatte Blut und sogar Hautpartikel unter den Fingernägeln der Toten gefunden und, da jede andere Spur fehlte, in den Bericht geschrieben: »Besonders Männer mit Kratzwunden im Gesicht sind strengstens zu überwachen.«

Monsieur Hire saß auf demselben Platz, den er jeden Tag einnahm, ganz hinten im Wagen, die Aktentasche flach auf den Knien, und las Zeitung. Wie jeden Tag hatte er auch seinen Fahrschein schon in der Hand und streckte ihn dem Schaffner hin, ohne auch nur die Augen zu heben.

Er war nicht dick. Er war fett. Sein Leibesumfang übertraf nicht den eines ganz gewöhnlichen Mannes, aber man erkannte weder Fleisch noch Knochen, nur eine einzige glatte, weiche Masse, so glatt und weich, dass seine Bewegungen zweideutig wurden.

In der Rundung seines Gesichts hoben sich kräftig rote Lippen ab, ein kleiner, mit dem Brenneisen geformter Schnurrbart, wie mit Tusche gezeichnet, und auf den Wangen die gleichmäßig rosigen Bäckchen einer Puppe.

Er schaute nach nichts in seiner Umgebung. Er wusste nicht, dass ein Inspektor ihn beobachtete. An der Porte d’Italie stieg er aus, als hätte ihm sein Instinkt gesagt, das Ziel sei erreicht, und bahnte sich hüpfend, selbstsicher, die Schultern wiegend erneut seinen Weg durch das Gewühl, ging die Treppe zur Metro hinunter und nahm seine Zeitungslektüre an der Bahnsteigkante wieder auf.

Lesend betrat er das Abteil, sobald der Wagen hielt, lesend legte er die Fahrt, in einer Ecke stehend, bis zur Place de la République zurück, stieg noch einmal um und an der Station Voltaire endgültig aus.

Der Inspektor folgte ihm noch immer, nicht gerade überzeugt, aber das hier war auch nicht schlechter als an der Kreuzung von Villejuif.

Monsieur Hire ging die Rue Saint-Maur entlang, bog links ab und begab sich in einen mit Fässern vollgestellten Hof, an dessen Ende er verschwand.

Es war ein alter Hof, ein altes Gebäude. Emailleschilder wiesen auf einen Fassgetränke-Händler, einen Tischler und einen Drucker hin. Man hörte die Geräusche einer Säge und einer Druckerpresse. Der Inspektor sah keine Concierge und verharrte einen Moment lang unschlüssig auf dem Gehsteig. Ein rötlicher Widerschein auf dem Pflaster ließ ihn aufmerken. Als er sich umwandte, bemerkte er dicht über dem Boden vergitterte Fenster, die plötzlich erleuchtet waren, und zugleich erblickte er Monsieur Hire, der gerade Schal und Mantel auszog, beides in einen Schrank hängte und sich einem hellen Holztisch näherte.

Es war weder ein richtiger Keller noch ein richtiges Erdgeschoss. Der Hof lag tiefer, weshalb der Raum, in dem sich Monsieur Hire bewegte, einen Meter unter die Erde reichte. Das hatte den komischen Effekt, dass der Gehsteig den guten Mann auf Bauchhöhe abschnitt. An der Decke hing nur eine schlechte Glühbirne ohne Lampenschirm, die ein gelbliches Licht verbreitete, und man hörte nichts von dem, was drinnen geschah.

Monsieur Hire war die Ruhe selbst. Vor einem Stoß Briefe sitzend, schlitzte er diese einen nach dem anderen sorgfältig mit einem Brieföffner auf. Er las sie nicht, sondern begnügte sich damit, die eigentlichen Briefe zur Rechten und die Zahlungsanweisung, die in jedem Umschlag steckte, zur Linken abzulegen. Er rauchte nicht. Zweimal stand er auf, um einen kleinen Ofen zu versorgen.

Der Inspektor drehte eine Runde im Hof, auf der Suche nach einer Concierge, aber der Drucker sagte ihm, es gebe keine. Als er auf den Gehsteig zurückkehrte, war Monsieur Hire dabei, hinter dem vergitterten Fenster, oder vielmehr genau darunter, mit gezielten Griffen kleine Päckchen zu packen. Die Päckchen freilich waren alle gleich.

Von der einen Seite nahm er ein Kästchen aus hellem Holz, von der anderen ein bedrucktes Blatt Papier, schließlich sechs Postkarten von sechs verschiedenen Stapeln, dann wickelte er das Ganze im Handumdrehen ein und verschnürte es mit rotem Bindfaden, der im Knäuel auf Höhe seines Kopfes hing.

Der Kriminalbeamte ging zwei Rum im Bistro trinken. Als er wiederkam, waren etwa zwanzig Päckchen fertig. Zur Mittagszeit waren es etwa sechzig.

Monsieur Hire zog langsam und bedächtig seinen Mantel an, erschien auf dem Gehsteig und lenkte seine Schritte zu einem Restaurant am Boulevard Voltaire, wo er sich wie ein Stammgast

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