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Die Sommer Bibliothek der Liebesgeschichten: Alfred Bekker präsentiert 10 Romane und Erzählungen großer Autoren

Die Sommer Bibliothek der Liebesgeschichten: Alfred Bekker präsentiert 10 Romane und Erzählungen großer Autoren

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Die Sommer Bibliothek der Liebesgeschichten: Alfred Bekker präsentiert 10 Romane und Erzählungen großer Autoren

Länge:
1,012 Seiten
13 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 8, 2021
ISBN:
9783745215496
Format:
Buch

Beschreibung

Dieser Band enthält folgende Romane:

Rückschlag für Dr. Burgstein (G.S.Friebel)

Dr. Kayser und das Mädchen Tamara (A.F.Morland)

Die Assistenzärztin (Sandy Palmer)

Nach Paris - der Liebe wegen (Alfred Bekker & W.A.Hary)

Das war unsere Zeit (Ela Bertold)

Traumschloss für eine Waise (Sandy Palmer)

Verführung auf Sylt (Sandy Palmer)

Isabella und der Schatz im Klavier (Konrad Carisi)

Erste Liebe (Alfred Bekker)

Deine Liebe ist mein Paradies (Larry Lash)

Mit ernstem Gesicht sah Dr. Sven Kayser seine Patientin an. "Ich mache mir Sorgen um Sie, Frau Fischer. Eine werdende Mutter sollte froh und glücklich sein, sich sorglos auf die Geburt vorbereiten können. Sie aber ...”

"Mir geht es gut”, fiel Jasmin Fischer dem Arzt ins Wort. "Ehrlich, Herr Doktor. Ich will nur nicht, dass der Vater meines Kindes von meinem Zustand erfährt. Er hat sich in eine andere verliebt. In ein junges, höchst rätselhaftes Mädchen, das mir irgendwie merkwürdig vorkommt.” Als der Arzt sie fragend anschaute, fuhr sie fort: "Diese Tamara spricht nicht über sich und ihre Herkunft, sie ist richtig seltsam, das sagt jeder. Und ihre Augen … in ihnen liegt manchmal unendliche Qual, dann wieder ein Funkeln, das mir Angst einflößt...”
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 8, 2021
ISBN:
9783745215496
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Die Sommer Bibliothek der Liebesgeschichten - Ela Bertold

G.S.Friebel, Sandy Palmer, A.F.Morland, Alfred Bekker, Konrad Carisi, Ela Bertold, Larry Lash

Die Sommer Bibliothek der Liebesgeschichten: Alfred Bekker präsentiert 10 Romane und Erzählungen großer Autoren

UUID: 6640022f-32f6-484d-b07d-893c372f1b5b

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Inhaltsverzeichnis

Die Sommer Bibliothek der Liebesgeschichten: Alfred Bekker präsentiert 10 Romane und Erzählungen großer Autoren

Copyright

Rückschlag für Dr. Burgstein

Dr. Kayser und das Mädchen Tamara

Die Assistenzärztin

Nach Paris – der Liebe wegen

Das war unsere Zeit

Traumschloss für eine Waise

Verführung auf Sylt

Isabella oder der Schatz im Klavier

Erste Liebe

Deine Liebe ist mein Paradies

Die Sommer Bibliothek der Liebesgeschichten: Alfred Bekker präsentiert 10 Romane und Erzählungen großer Autoren

G.S.Friebel, Sandy Palmer, A.F.Morland, Alfred Bekker, Konrad Carisi, Ela Bertold, Larry Lash

Dieser Band enthält folgende Romane:

Rückschlag für Dr. Burgstein (G.S.Friebel)

Dr. Kayser und das Mädchen Tamara (A.F.Morland)

Die Assistenzärztin (Sandy Palmer)

Nach Paris - der Liebe wegen (Alfred Bekker & W.A.Hary)

Das war unsere Zeit (Ela Bertold)

Traumschloss für eine Waise (Sandy Palmer)

Verführung auf Sylt (Sandy Palmer)

Isabella und der Schatz im Klavier (Konrad Carisi)

Erste Liebe (Alfred Bekker)

Deine Liebe ist mein Paradies (Larry Lash)

Mit ernstem Gesicht sah Dr. Sven Kayser seine Patientin an. „Ich mache mir Sorgen um Sie, Frau Fischer. Eine werdende Mutter sollte froh und glücklich sein, sich sorglos auf die Geburt vorbereiten können. Sie aber ..."

Mir geht es gut, fiel Jasmin Fischer dem Arzt ins Wort. „Ehrlich, Herr Doktor. Ich will nur nicht, dass der Vater meines Kindes von meinem Zustand erfährt. Er hat sich in eine andere verliebt. In ein junges, höchst rätselhaftes Mädchen, das mir irgendwie merkwürdig vorkommt. Als der Arzt sie fragend anschaute, fuhr sie fort: „Diese Tamara spricht nicht über sich und ihre Herkunft, sie ist richtig seltsam, das sagt jeder. Und ihre Augen … in ihnen liegt manchmal unendliche Qual, dann wieder ein Funkeln, das mir Angst einflößt..."

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER STEVE MAYER NACH MOTIVEN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

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Alles rund um Belletristik!

Rückschlag für Dr. Burgstein

Arztroman von G. S. Friebel

Der Umfang dieses Buchs entspricht 101 Taschenbuchseiten.

Sabine fasst endlich den schweren Entschluss, Rüdiger aus ihrer Wohnung zu werfen, denn sie ist am Ende mit ihren Nerven. Rüdiger kann ohne Alkohol nicht mehr leben und macht ihr das Leben jeden Tag schwerer.

Auf einer für ihn fremden Landstraße entschließt Rüdiger sich, seinem Leben ein Ende zu setzen. Doch es klappt nicht. Dafür landet er bei Dr. Burgstein ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Sabine Toller stand am Fenster und blickte auf die regennasse Straße. Draußen war niemand zu sehen. Die Straße war wie ausgestorben. Kein Wunder, bei dem Wetter ließ man nicht mal einen Hund hinaus.

Sie zog die Schultern hoch.

Wut stieg in ihrem Herzen empor. Wut und Empörung, und am liebsten hätte sie das Fenster aufgerissen und es hinausgeschrien. Aber was nützte das schon? Neugierige Nachbarn würden sich daran ergötzen, und sonst würde sich nichts ändern. Nervös steckte sie sich eine Zigarette an und rauchte sie in hastigen Zügen. Sie tat das ganz automatisch.

Mit ihren Gedanken war sie weit fort.

Meine Güte, ich halte das nicht mehr aus! Es ist zu viel. Ich bin verrückt. Wirklich, ich bin total verrückt, dass ich mir das noch bieten lasse! Warum eigentlich? Warum mache ich nicht endlich Schluss? Alle wären zufrieden. Ganz besonders seine Familie. Die wartet doch nur sehnsüchtig darauf, dass ich das Handtuch werfe. Triumphieren würden sie, und endlich hätten sie wieder ihre Ruhe.

»Ruhe«, murmelte sie vor sich hin. »Ruhe? Ihr würdet euch wundern«, flüsterte sie halblaut. »Was wisst ihr denn schon von eurem Herrn Sohn? Vielleicht seid ihr die Schuldigen? Vielleicht ich? Ach was!«

Sie drehte sich abrupt um und ging ins Zimmer zurück. Es hatte keinen Zweck mehr zu warten. Die Stunden dehnten sich endlos, und sie vergaß darüber alles andere. So war es schon lange. Sie lebte gar nicht mehr wirklich. Immer diese Angst! Wie lange ging das schon so?

Und alles hatte einmal so zärtlich angefangen, so voller Liebe und Glückseligkeit.

Jetzt zahlte sie für alles!

Alle waren sie gegen diese Verbindung! Alle! Sie ja selbst auch! Aber wenn sie ihn jetzt fallenließ, was dann?

Sie stöhnte auf. An der Wohnungstür klingelte es. Sabine Toller drückte hastig die Zigarette aus und stürzte zur Tür.

»Endlich!«

Mit einem Ruck riss sie die Tür auf.

»Hör mal ...«, dann blieb ihr das Wort im Halse stecken.

»Darf man noch stören?«, fragte, erstaunt wegen des stürmischen Empfanges, nicht etwa Rüdiger, es war Bastian Verden, ein Freund und Kollege.

Ihr Gesicht drückte ihre Enttäuschung aus. Sie ging wortlos ins Wohnzimmer zurück. Der Mann folgte ihr.

»Du wartest mal wieder auf Rüdiger?«, fragte er.

Sie setzte sich.

»Was willst du?«

»Ich sah Licht, und da dachte ich, vielleicht krieg ich bei dir noch einen Kaffee?« Er blickte sie herausfordernd an.

»Von mir aus! Du weißt ja, wo die Küche ist!«

Bastian war nicht böse.

»Was ist denn?«, fragte er.

»Nichts, nichts!«, antwortete Sabine.

»Aber das kannst du mir wirklich nicht vormachen, Sabine! Du bist fertig. Begreif das doch endlich!«

»Was geht es dich an?«, antwortete sie trotzig. Aufsässig klang ihre Stimme.

Bastian sah sie an. Wie konnte man dieser Frau erklären, dass man sie liebt? Dass man alles für sie tun würde? Wie konnte man das, wenn man ganz genau wusste, dass sie nicht mal zuhörte? Dass ihr Herz einem Schuft gehörte, und dass sie es noch immer nicht einsehen wollte, dass er einer war. Wie unsinnig ihre Liebe zu diesem Menschen doch war!

Er blickte in die schönen Augen, sah das blonde schulterlange Haar. Sie war eine schöne Frau! Sie konnte so reizend lachen. Ja, es war eigentlich ihr Lachen, in das er sich gleich zu Anfang verliebt hatte. Er hatte sie schon lange nicht mehr lachen gesehen.

»Sabine«, sagte er behutsam.

»Ach, lass mich doch«, sagte sie müde.

»Ich mache dir auch einen Kaffee!«

»Danke!« Sie lehnte sich zurück und hielt die Augen geschlossen. Sabine hätte weinen können. Alles war so unsinnig, so dumm von ihr. Aber sie war gefangen.

Bastian rumorte in der kleinen Küche herum. Sabine hörte ihn und stellte sich vor, es sei Rüdiger, der da Kaffee machte. Und sie dachte an die Zeiten, wo er ihr das Frühstück ans Bett gebracht hatte, wo sie so unaussprechlich glücklich waren, wo nur Sonnenschein auf ihren Wegen lag.

»Und jetzt?«

Sie hob die Lider.

»Hast du was gesagt?«

»Hier ist der Kaffee, trinke ihn, bevor er kalt wird!«

»Danke!«, sagte sie.

»Ich muss mit dir reden«, bat er.

»Aber ich will nicht!«

»Sabine, aus beruflichen Gründen! Verstehst du mich?«

Sie zog eine Augenbraue hoch.

»Wie soll ich das verstehen?«

»Der Chef hat mich gebeten, versteh doch, Sabine! Deine Arbeit leidet darunter. Das weißt du selber ganz genau. Wie lange soll das denn jetzt noch so weitergehen?«

»Ach, Bastian!«

»Hör mir endlich zu, Sabine! Rüdiger wird sich nie ändern, verstehst du?«

»Und woher willst du das so genau wissen?«

»So sind nun mal alle Säufer. Sie versprechen dir viel, aber wenn dann der Durst kommt, dann fangen sie wieder an zu trinken. Dann sind alle Schwüre vergessen. Daran sind schon ganz andere zerbrochen.«

Die junge Frau stöhnte auf.

»Ich kann ihn nicht fallenlassen. Er würde noch tiefer sinken. Versteh das doch bitte!«

»Du kannst ihm nicht helfen«, beschwor Bastian sie.

»Aber er ist doch durch mich so geworden!«

Der Freund schwieg eine Weile.

»Wirklich?«

»Versteh mich doch!«, stieß sie hervor. »Er war vorher kein Trinker. Man hat ihn zerbrochen. Warum wollt ihr das nicht begreifen? Warum denn nicht? Jetzt ist er zerstört. Ich kann ihn doch nicht fallenlassen, ich kann einfach nicht.«

»Er braucht Hilfe!«

»Das weiß ich ja alles. Ärztliche Hilfe braucht er. Aber ich kann ihn nicht davon überzeugen. Das ist es ja. Wenn ich ihn dazu bringen könnte, dann wäre ja alles viel leichter zu ertragen. Und dann könnte ich ihn auch verlassen.«

Bastian blickte sie groß an. »Wirklich?«

»Ja, denn dann würde ich mir keine Vorwürfe machen, verstehst du das denn nicht?«

Der junge Mann dachte nach.

»Eigentlich verstehe ich gar nicht, warum du dir Vorwürfe machst, Sabine.«

»Nicht?«

Sie lachte rau auf.

»Man hat ihn zerbrochen, man hat ihn ausgelacht, beschimpft. Man hat ihm seinen Stolz genommen, ihn unmöglich gemacht. Alle haben auf ihm herumgehackt, ihn fast wie einen Verbrecher hingestellt. Und da fragst du noch, warum ich mir keine Vorwürfe mache? Nur weil er auch jetzt noch zu mir hält? Er liebt mich nämlich, Bastian!«

Bastian lachte hart auf.

»Er liebt nur noch die vollen Flaschen. Sei doch nicht kindisch! Und so schlimm war es nun auch wieder nicht. Das bildest du dir nur alles ein. Komm doch wieder auf den Teppich zurück!«

Sie hätte aufschreien mögen.

»Was weißt du denn schon von uns?«

»Was ich weiß? Eine ganze Menge. Zum Beispiel, dass es von Anfang an Unsinn war, dass ihr zusammengezogen seid. Wir haben alle gedacht, das sei nur eine kleine Episode. Dagegen hätte doch keiner etwas gehabt.«

Jetzt schluchzte sie auf.

»Warum habt ihr uns nicht in Ruhe gelassen? Warum ist den Menschen nicht mal die Liebe heilig?«

Bastian blickte sie lächelnd an.

»Liebe! Ist das nicht ein wenig zu hoch gegriffen?«

Jetzt war es um ihre Beherrschung geschehen.

»Ja, Liebe«, schrie sie ihn an. »Ja, wir lieben uns, du wirst das nie verstehen! Aber wir lieben uns.«

»Wie kann man nur so einen grünen Jungen lieben«, sagte er spöttisch.

Sie starrte ihn ärgerlich an.

»Grüner Junge?«

»Meine Güte, Sabine, er ist fünfundzwanzig, und du bist dreißig.«

Ihre Unterlippe zitterte.

»Bedenke doch, das konnte einfach nicht gutgehen! Ihr habt euch beide lächerlich gemacht. Versteh das doch endlich! Gib ihn doch frei!«

»Lächerlich? Wir haben uns lächerlich gemacht? Aber warum machen sich denn all die vielen Männer nicht lächerlich, die ein viel jüngeres Mädchen lieben? Die oft sogar der Vater des Mädchens sein könnten. Warum zum Teufel machen die sich nicht lächerlich?«

»Das ist etwas ganz anderes!«

»So, das ist also was anderes? Bloß weil es ein Mann tut?«

»Es ist nun mal so. Rüdiger ist ein grüner Junge. Ich verstehe gar nicht, was du an ihm finden kannst.«

Sie hätte ihn schlagen können!

»Nein, das kann ich dir nicht erklären. Du würdest es nämlich gar nicht begreifen.«

»Würde ich auch nicht. Ich war immer der Meinung, dass reife Frauen mehr von der Liebe erwarten als Tändelei.«

Sie starrte vor sich hin.

»Sie haben ihn zertreten. Nicht nur seine Freunde verachten ihn, auch die Familie. Sie halten mich für eine Art Vampir. Sie glauben, ich sauge ihn aus, halte ihn wie einen Gefangenen. Alle lachen sie über uns.«

»Damit hättest du rechnen müssen.«

»Aber die Zeiten haben sich doch geändert«, flüsterte sie leise. »Wir leben nicht mehr im Mittelalter.«

»In dieser Beziehung wird sich wohl nie etwas ändern. Und wenn du dich nicht bald änderst, dann wird man dich feuern. Lange können wir das nicht mehr durchstehen. Andere arbeiten für dich mit. Du musst auch mal an die Firma denken. Versteh mich doch, Sabine! Ich meine es nur gut mit dir! Er zieht dich immer tiefer und tiefer! Willst du auch zu trinken anfangen und mit ihm durch die Lokale ziehen? Nur wird das bald nicht mehr möglich sein, denn wenn du auch deinen Job verlierst, frage ich mich, wovon ihr leben wollt. Er hat ja keine Arbeit mehr, nicht wahr?«

»Nein!«

»Er hängt also jetzt ganz von dir ab?«

»Ja!«

»Und er schämt sich nicht mal!«

Sie dachte an die vielen verzweifelten Ausbrüche. O ja, er litt schrecklich darunter. Er konnte nur noch betrunken sein Los ertragen. Er weinte oft in ihren Armen und wollte am liebsten sterben.

»Verlass mich nicht, Sabine! Wenn du mich verlässt, dann ist alles aus. Dann will ich nicht mehr leben!«

»Ich danke dir, dass du dir die Mühe gemacht hast!«

Bastian blickte sie ruhig an.

»Du weißt, dass ich alles für dich tun würde, nicht wahr?«

»Ach Bastian!«, seufzte Sabine.

»Du musst sehr schnell einen Weg finden, Sabine. Du hast nicht mehr viel Zeit.«

»Ja«, sagte sie leise. »Ja, daran habe ich auch schon gedacht. So kann es nicht weitergehen. Er macht sich kaputt.«

»Hast du es schon mal seiner Familie gesagt?«

»Nein, Rüdiger will das nicht.«

»Daran siehst du, wie grün er noch ist.«

»Bastian, versteh doch endlich, würdest du deinen Stolz opfern? Das Letzte was dir verblieben ist? Sie würden ihn nur auslachen, aber ihm nicht helfen.«

»Bildest du dir das ein, oder willst du es glauben?«

»Sicher wissen sie, was jetzt mit ihm los ist.«

»Und sie hoffen inständig, dass du ihn fortjagst. Weißt du denn nicht, dass es Trinkern nichts nützt, wenn man ihnen hilft? Man muss ihnen wehtun, muss sie bis ins Mark treffen, nur so kommen sie zur Besinnung!«

»Ach, wirklich?«

»Ja, glaube mir!«

»Und wenn er sich was antut?«

Der Freund lachte hart auf.

»Glaube doch nicht an das Gerede. Das sagen sie alle, um ihre Angehörigen unter Druck zu halten. Die sind sehr clever. Und weil die Angehörigen zittern, deswegen können Säufer ja auch so lange durchhalten.«

»Du bist sehr hart!«

»Ich liebe dich, Sabine! Und ich will dir helfen. Ich sage es dir nochmals!«

»Ich danke dir!«

»Wirst du es endlich tun?«, fragte er hoffnungsvoll.

»Was?«

»Zusehen, dass er in Behandlung kommt?«

»Ja!«

Er erhob sich.

»Ich vertraue dir, und ich werde es dem Chef sagen.«

Sie lächelte müde.

»Ich muss dich jetzt rausschmeißen. Ich bin sehr müde, weißt du?«

»Ja, du siehst auch sehr müde aus. Gehe gleich schlafen, Sabine!«

Sie küsste ihn leicht auf die Wange. Dann brachte sie ihn zur Tür.

2

Nur kurz dachte sie daran, Rüdiger suchen zu gehen. Aber sie hatte auch darin ihre Erfahrungen. Wenn er noch nicht genug hatte, machte er in der Wirtschaft Schwierigkeiten. Er konnte sehr grob werden. Alle lachten sie dann aus. Er würde nicht mitkommen.

Sie zog sich aus. Die Stunden gingen dahin. Rüdiger tauchte nicht auf.

Verzweifelt fragte Sabine sich, wo er das Geld herhaben mochte. Sie gab ihm doch kaum was. Sie verstand das einfach nicht. Sie passte doch so auf!

Irgendwann, mitten in der Nacht, wurde sie dann wach. Ein Poltern war im Treppenhaus zu vernehmen. Sabine wusste sofort Bescheid und sprang aus dem Bett.

Doch es war schon zu spät. Unten wurden Türen aufgerissen, und man empörte sich.

Ihr Freund kroch auf allen vieren die Treppe hinauf und war sehr laut dabei. Als er dann noch die keifenden Nachbarinnen bemerkte, wurde er böse und schrie sie an. Er benutzte unflätige Worte, worüber die Hausbewohner sich wieder schrecklich aufregten.

Sabine rannte nach unten, half ihm auf.

»Komm endlich, Rüdiger, komm doch! Um Gottes willen, halt deinen Mund und komm endlich!«

»Dies ist ein anständiges Haus. Wir brauchen uns das nicht mehr bieten zu lassen«, hörte sie die Nachbarin aus dem ersten Stock noch sagen. »Das geht einfach zu weit! Wir werden uns beschweren. Sie müssen ausziehen, dafür werden wir Sorge tragen. Das ist einfach unmöglich!«

Sabine wurde leichenblass. Aber mit dem volltrunkenen Rüdiger am Arm ließ sich schwerlich eine Debatte anfangen. So sorgte sie nur dafür, dass er schnell in die Wohnung kam.

Er erbrach sich auf dem Teppich. Wie ein kleines Kind musste sie ihn ins Bett schleppen, und dann musste sie den Flur säubern. Zorn erwachte in ihr. Jetzt war endlich der Punkt erreicht: Sie konnte und wollte nicht mehr!

3

Talmer streckte die Beine von sich und lächelte ihn an.

»Ich muss sagen, ich habe dich unterschätzt mein Lieber. Wirklich! Alle Achtung! Also, wenn du so weitermachst, dann wird alle Welt von dir reden.«

Dr. Burgstein winkte ab.

»Wieso der Honig? Willst du etwa die Miete erhöhen?«

Der junge Arztkollege amüsierte sich.

»Nein, obschon ich ein Dussel war, als ich dir die Praxis meines Vaters so günstig überließ.«

»Ich habe es dir damals schon gesagt. Du bereust es also schon, dass du sie nicht selbst übernommen hast?«

Talmer stand auf und stellte sich ans Fenster.

»Bist du verrückt? In diesem verschlafenen Nest würde ich nur schwermütig. Nein, das ist nichts für mich. Ich brauche den großen Betrieb und alles was damit zusammenhängt, mein Lieber.«

»Und die Verwaltung und den damit verbundenen Ärger auch, Peter?«

»Nun, einiges muss man halt in Kauf nehmen. Aber dafür ist man auch besser angesehen.«

Burgstein lachte.

»Du meinst, es gilt noch immer die Bezeichnung: der Herrgott in Weiß?«

»Etwa nicht?«

»Wenn du dich da nur nicht irrst. Wir leben in einem anderen Zeitalter.«

»Das merke ich. Die Kollegen sprechen pausenlos von dir.«

»Was denn?«

»Sie halten dich noch immer für verrückt. Einige schließen sogar Wetten ab, wie lange du es hier noch aushältst.«

»Dann bist du also geschickt worden?«

»Um ehrlich zu sein - bevor ich wette, versuche ich mich zu informieren.«

»Und?«

Burgstein schenkte den Rotwein ein.

»Ich glaube, ich wette, dass du nicht wiederkommst. Du siehst so behäbig aus. Wie mein Vater.«

»Das ist aber fein.«

»Wirklich, Achim, versauerst du hier nicht langsam?«

»Setze ich schon Moos an?«

»Aber Achim, es kann dich doch nicht wirklich ausfüllen! Ich meine, keine Operationen mehr. Und alles was damit zusammenhängt. Ich kann es einfach nicht glauben. All die interessanten Fälle in der Stadt. Die kriegst du doch hier nie mehr zu sehen. Ernstere Sachen wandern doch zu uns ab. Also wirklich, Achim!«

»Bist du dir da so sicher?«

»Willst du etwa behaupten, du operierst hier auch? Also das ist nun wirklich die Höhe.«

»Schon Sauerbruch hat gesagt, der Chirurg schneidet nicht die Krankheit weg, nur den Herd, aber die wirkliche Krankheit bleibt im Körper.«

Talmer starrte ihn verblüfft an.

»Wie war das? «

»Zum Beispiel eine kranke Niere. Sie war doch nicht immer krank, nicht wahr?«

»Nein, verdammt noch mal! Aber wenn sie nicht mehr funktioniert, dann muss sie dort entfernt werden. Oder sie vergiftet den ganzen Körper, und dann ist es aus.«

»Natürlich hast du auch recht. Aber die Ursache ist damit noch nicht verschwunden. Und so kann man damit rechnen, dass die zweite Niere auch angegriffen wird.«

Talmer nahm einen großen Schluck.

»Und wie siehst du jetzt die Sache?«

»Wenn sie noch ein wenig funktioniert, finde ich, ist es ein Verbrechen, dass man nicht zuerst versucht, sie wieder in Ordnung zu bringen. Vor allen Dingen muss man doch die Ursache finden, nicht wahr?«

»Und wenn man sie nicht findet?«

»Du weißt selbst, wie viele Ursachen für eine Nierenerkrankung es gibt. Aber du weißt auch sehr wohl, wie schnell man mit dem Messer dabei ist. Und was einmal weg ist, kann man nicht zurückholen.«

»Das ist stark.«

»Nein, nur richtig überlegt.«

»Und du meinst, du überlegst alleine?«

»Nun, ich habe zumindest schon einen Fall geheilt, der operiert werden sollte.«

»Mit deinen Kräutern?«

»Mit meinen Kräutern!«

In diesem Augenblick erschien Willy im Wohnzimmer. Willy war geistig behindert, zwanzig Jahre alt, ein stämmiger Bursche und lammfromm. Er liebte Vater Burgstein und überhaupt die ganze Familie heiß und innig. Als er nun den Gast erblickte, wich er erschrocken zurück. Er stand linkisch da und wusste nicht wie er sich verhalten sollte.

»Hallo, Willy, möchtest du etwas?«

»Suche Vater Burgstein«, sagte er lahm.

»Der ist in den Wald gegangen, Willy.«

Willy runzelte die Stirn.

»Werde suchen! Willy wird suchen!«

»Kannst du das auch?«

»Jaha!« Dann verschwand Willy wieder.

»Ist das dein neuer Umgang?«, fragte der junge Arzt mit spöttischer Stimme.

»Du wirst es nicht glauben, aber Willy ist eine wertvolle Hilfe, auf seine Art.«

»Inwiefern denn?«

»Er zeigt mir immer wieder, wie dankbar ich Gott sein muss, dass ich meinen Verstand mitbekommen habe.«

Talmer wurde ernst.

»Verzeih, ich wollte dich nicht kränken.«

»Das kannst du auch gar nicht.«

Sie schwiegen eine Weile.

»Möchtest du zum Essen bleiben?«

»Nein, danke, ich habe Ev versprochen, pünktlich zu sein. Wir wollen, glaube ich, ins Theater gehen.«

»Ach ja?«

»Und du? Ist dein Herz noch immer wund?! Hast du noch immer keine Lust, dich zu verlieben?«

»Ich kann es ihr einfach nicht zumuten!«

»So, so!« Talmer erhob sich. »Nichts für ungut! Ich muss jetzt gehen, Achim. Ich glaube, du bist doch nicht zu bedauern.«

»Und warum nicht?«

»Du lässt dich nicht aus der Ruhe bringen.«

Achim lachte.

»Das stimmt. Das macht die Stille hier auf dem Lande. Und überhaupt, man nimmt sich für alles viel mehr Zeit.«

»Auch für die Patienten?«

»Ganz besonders für sie. Deswegen habe ich auch kaum Rückfälle.«

»Hör mal«, lachte Talmer, »ich fände es ja gut, wenn man das von Gefängnisinsassen auch sagen könnte, aber als Arzt? Was würdest du tun, wenn du keine Kranken zu heilen hättest?«

Achim Burgstein begleitete seinen Freund nach draußen.

»Du wirst es nicht glauben, aber darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.«

»Du bist also doch ein Träumer«, lachte der Freund. »Na ja, wenn dir mal die Decke auf den Kopf fällt, dann kannst du immer zu mir kommen. Dann machen wir einen Zug durch die Gemeinde, und ich führe dich der Zivilisation wieder zu.«

»Dann bis zum nächsten Mal!«

»Komm gut an!«

»Danke!«

Der Freund verschwand.

Burgstein stand nachdenklich am Zaun. Die kleine winklige Straße lag wie ausgestorben da. Die Geschäfte hatten geschlossen. Unter der Woche waren ja die meisten Dorfbewohner in der nahen Stadt. Erst gegen Abend kamen sie von ihrer Arbeit heim.

Talmer hätte sich gewundert, wenn er wenig später die Praxis seines Freundes gesehen hätte. Dort waren viele Patienten. Und nicht nur Leute aus dem Ort, sondern sie kamen von weither zu ihm. Es hatte sich herumgesprochen.

Seine erste Patientin heute war eine junge Frau von circa 30 Jahren. Es handelte sich um eine recht hübsche und zierliche Frau. Sie sah nicht danach aus, als würde sie gern krank feiern wollen.

Aus dem Krankenblatt, das Frau Schöller angelegt hatte, ersah er, dass sie aus einer Stadt kam, die über fünfzig Kilometer entfernt lag. Sie sah seinen verwunderten Blick.

»Ich habe eine Bekannte hier am Ort wohnen. Und die hat mir gesagt, wenn mir noch einer helfen könnte, dann nur Sie, Herr Doktor!«

»So, so!«

»Ich habe schon so vieles erprobt und angewandt. Es ist einfach furchtbar. Und es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Er ist für mich eine Qual, verstehen Sie?«

»Da müssen Sie mir erst einmal sagen, um was es sich handelt, junge Frau.«

»Ich leide an Sonnenallergie!«, stieß sie hervor.

Dr. Burgstein runzelte die Stirn.

»Soll das heißen, Sie haben das nicht schon immer gehabt, Frau Eichfuß?«

Erika Eichfuß blickte ihn bekümmert an.

»Das ist es ja eben. Seit zwei Jahren plage ich mich damit herum. Sobald die Sonne in Deutschland auftaucht, sehe ich aus wie ein Streuselkuchen. Ans Meer kann ich schon gar nicht mehr fahren. Ich schäme mich so schrecklich. Ich bin dann wirklich kein schöner Anblick mehr. Und es juckt auch so schrecklich.«

»Wissen Sie denn auch die Ursache?«

Sie nickte.

»Wenn man mir damals von den Nebenwirkungen erzählt hätte, dann hätte ich das Zeug ganz sicherlich nicht genommen.«

»Dann erzählen Sie mir doch mal ausführlich, wie Sie dazu gekommen sind.«

»Die Medikamente! Man erfährt ja leider viel zu spät, welche Nebenwirkungen sie haben können. Man glaubt ja, was einem da verordnet wird, würde wirklich helfen. Und es half ja auch. Ich meine gegen die andere Sache. Aber ob es wirklich gut war, davon bin ich jetzt nicht mehr überzeugt. Denn hin und wieder habe ich noch immer Schwierigkeiten mit dem Unterleib.«

»Sie hatten also schon des öfteren Blutungen, die nicht aufhören wollten?«

»Woher wissen Sie das?«

»Nun, das war leicht zu erraten.«

»Ja, so war es wirklich. Einmal war es sehr schlimm und ich musste unters Messer. Davon sind meine Eileiter jetzt ganz verklebt. Aber damit habe ich mich schon abgefunden. Das ist ja nicht sichtbar.«

»Das stimmt! Unsichtbare Schäden kann man besser ertragen nicht wahr?«

»Ja!«

»Weiter!«

»Ich bekam Medikamente verschrieben. Ich habe sie auch genommen. Aber hin und wieder habe ich mit dem Unterleib immer noch meine Last.«

»Und was hat der behandelnde Arzt gesagt?«

»Die Medikamente seien der Auslöser. Ich sei ein Einzelfall. Ganz selten träten solche Nebenwirkungen auf. Und jetzt gehen sie nicht mehr fort.«

»Und das haben Sie jetzt seit zwei Jahren?«

»Ja!«

»Und was hat man dagegen unternommen?«

»Ich habe wieder Pillen bekommen!« Jetzt lächelte sie verschmitzt. »Die habe ich aber nicht mehr genommen.«

Er lächelte. »Und jetzt soll ich helfen?«

»Können Sie mir denn helfen?«

»Hat Ihnen Ihre Bekannte auch gesagt, dass ich erst am Anfang stehe?«

»Sicher, aber Sie haben schon vieles geschafft. Ich will auch alles versuchen, wirklich. Ich bin nicht so dumm zu glauben, dass man die Gesundheit aus der Apotheke holen kann, per Rezept, und die Krankenkasse zahlt. Nein, ich weiß jetzt, dass das falsch ist. Ich hätte mich damals gleich an Sie wenden sollen.«

»Da war ich noch nicht hier!«

»Oh!«

»Ich kann Ihnen nur empfehlen, Brennnesselsaft zu trinken. Fangen Sie gleich damit an, Frau Eichfuß! Und wenn die Sonne scheint, sagen wir mal im Frühling, verstärken Sie es noch. Ich kann Ihnen nichts garantieren, aber vielleicht hilft es. Sie müssen vor allen Dingen erst einmal entgiftet werden. Brennnessel ist ein Tee, der bei vielen Krankheiten hilft.«

Frau Eichfuß blickte ihn verdutzt an.

»Soll das ein Witz sein?«

»Nein, ganz und gar nicht. Und wenn ich Ihnen noch einen Rat geben darf, so nehmen Sie frische Brennnesselblätter und machen Sie daraus Salat. Sie werden erstaunt sein. Aber die Pflanzen sollten nicht mit Insektiziden besprüht worden sein. Zu Anfang werden Sie zwar noch mehr Pickel bekommen. Doch daran sehen Sie, dass Ihr Blut sich langsam reinigt. Das ist sehr wichtig.«

»Mehr brauche ich wirklich nicht zu tun?«

»Nein!«

»Na so was!«

»Aber Sie können auch noch Wechselduschen nehmen. Das fördert den Stoffwechsel und ist sehr gesund. Einmal heiß und dann kalt duschen. Vielleicht zweimal hintereinander?«

»Brrr, das kostet aber Überwindung.«

Er lachte. »Bei mir war das ebenfalls eine große Überwindung. Ich kann Ihnen aber versichern, wenn Sie sich daran gewöhnen, wollen Sie es einfach nicht mehr missen. Man kann auch auf Wasser richtig süchtig werden.«

»Wirklich?«

»Nun, ich habe mir zum Beispiel vorgenommen, wenn Schnee liegt, morgens kurz darin barfuß zu laufen.«

»Oh, Gott, dann hätte ich den ganzen Tag eiskalte Füße, Herr Doktor!«

»Genau das Gegenteil wird der Fall sein. Versuchen Sie es! Versuchen Sie auch, Ihre Kost mehr auf Rohkost umzustellen. Sie tun sich und Ihrer Gesundheit einen großen Gefallen damit.«

»Ja, das hat mir meine Bekannte auch schon gesagt, dass Sie für Rohkost sind.«

»Vollwertnahrung und Obst empfehle ich außerdem. Wir müssen endlich aufhören, uns mit Chemie vergiften zu lassen.«

»Nun, ich werde es tun.«

»Wirklich?«

Sie schmunzelte.

»Wir gehen zwar jetzt dem Winter entgegen, aber ich will in sechs Wochen mit meinem Mann nach Afrika fliegen. Und dort ist es ja ganz schön heiß. Deswegen bin ich ja auch heute hier. Ich war schon drauf und dran, die Reise abzusagen. Diese Allergie ist nämlich kein Vergnügen. Ehrlich!«

»Das glaube ich Ihnen gern.«

»Also, Herr Doktor, wenn Sie mir wirklich helfen können, das würde ich Ihnen nie vergessen.«

»Das ist sehr schön, Frau Eichfuß.«

Sie erhob sich.

»Ich danke Ihnen auch, dass Sie sich so viel Zeit für mich genommen haben.«

»Das ist bei mir selbstverständlich. Und das wissen auch meine anderen Patienten. Deswegen wird keiner wütend, wenn er mal über Gebühr lange warten muss. Das gleicht sich dann wieder aus.«

»Ach ja? Wie denn?«

»Indem man dann lange nicht mehr zu mir kommen braucht.«

»Also wirklich, Sie sind mir einer!«

Er brachte sie zur Tür.

Britta Schöller sagte: »Kann ich den nächsten Patienten reinschicken?«

»Ja!«, sagte der Doktor fröhlich.

Sie lächelte ihn an. Burgstein sah die hellen Augen seiner Sprechstundenhilfe und musste unwillkürlich an die Worte von Peter Talmer denken. Ob Britta verliebt war? Sie machte zumindest einen sehr glücklichen Eindruck.

4

Maria Ansbach hatte sich eine lange Liste gemacht. Sie wollte in die Stadt fahren, um Einkäufe zu tätigen. Die übrigen Bewohner des Doktorhauses hatten ja immer so viel zu tun, und eigentlich hatte man auch der Stadt den Rücken gekehrt, deshalb musste sie all die vielen Besorgungen tätigen. Maria Ansbach war darüber glücklich.

Seit sie mit dem Doktor in dessen Haus gezogen war und zusammen mit seiner Mutter die Wirtschaft führte, hatte sie sich keinen Augenblick mehr gelangweilt. Sie war sechzig Jahre alt und noch sehr vital. Sie besaß ein Haus in der Stadt, hatte dieses jedoch vermietet. Da sie eine schöne Rente erhielt, machte es ihr nichts aus, dass der junge Doktor im Augenblick keinen hohen Lohn an sie zahlen konnte. Ganz zu Anfang hatte sie sogar umsonst für ihn gearbeitet. Aber diese schwierigen Zeiten waren längst überwunden.

»Ich werde sehen, dass ich bis zum späten Nachmittag wieder zurück bin«, erklärte sie lautstark.

»Viel Vergnügen«, sagte Mutter Burgstein mit freundlicher Stimme.

Maria Ansbach war eine bescheidene, gütige Frau, und sie wurde von allen geliebt. Dr. Burgstein war überglücklich, dass er seinen Eltern und ihr einen schönen Lebensabend bereiten konnte. Für ihn war Frau Ansbach wie eine Mutter.

Maria Ansbach setzte sich in ihren Wagen und fuhr munter los. Doch sie kam nicht weit. An der weißen Villa stand Lydia. Als sie Maria Ansbach erkannte, winkte sie und bat sie, doch anzuhalten.

»Wollen Sie in die Stadt?«, fragte Lydia.

»Ja, Frau Winter.«

Lydia Winter war einst eine berühmte Sängerin gewesen. Doch dann hatte sie sich zurückgezogen und lebte jetzt hier in der weißen Villa. Sie war Burgsteins älteste und treueste Freundin. Und seit einiger Zeit wohnte jetzt auch ihre Freundin aus Hamburg bei ihr. Diese stand jetzt auch im Banne des jungen Doktors und wollte auch ihre Zelte in Hamburg abbrechen. Sie war recht wohlhabend und hatte sich in der Stadt gelangweilt. Jetzt wurden sie alle mit in das Geschehen im kleinen Doktorhaus einbezogen. Die zwei Damen hatten noch Großes vor. Doch davon wollten sie jetzt noch nicht sprechen.

»Darf ich mitfahren? In Gesellschaft macht es immer viel mehr Spaß.«

»Wenn Sie mit meinem kleinen Wagen vorliebnehmen, Frau Winter?«

Diese stieg schon munter ein.

»So spare ich Sprit«, meinte sie augenzwinkernd.

Frau Ansbach lachte.

So hatten sie ihren Spaß und kamen schneller in die Stadt weil sie sich unterhielten und die Zeit gar nicht beachteten. Maria Ansbach sollte ihrem Schicksal noch sehr dankbar sein, dass ausgerechnet bei dieser Fahrt Frau Winter mit ihr fuhr. Noch waren sie froh und munter und hatten beschlossen, bevor sie sich ins Gewühl stürzen würden, vorher ein kleines Café aufzusuchen.

Um die gleiche Zeit, als die zwei Damen das Café betraten, erwachte Rüdiger Füller aus seinem Schlaf. Es war schon später Mittag.

Zuerst fand er sich gar nicht zurecht. Dann blickte er auf die Uhr, sah aus dem Fenster und stöhnte. Die Kopfschmerzen und sein Magen meldeten sich sogleich. Beide verlangten nach Alkohol. Schon am frühen Morgen musste er mit dem Trinken anfangen. Wie er ins Bett gekommen war, daran konnte er sich nicht mehr erinnern. In letzter Zeit kam das ziemlich häufig vor.

Das alles machte ihm nichts mehr aus. Er war erst zum Trinker, dann labil und haltlos geworden. Er versprach zwar ständig alles Mögliche, und er hatte dann auch den festen Willen, es einzuhalten. Aber dann kam die schreckliche Sucht nach dem Alkohol. Sie durchdrang alles. Er konnte nur noch denken: Wo kriege ich jetzt Alkohol her? Ich brauche unbedingt was zu trinken!

Sein Blick fiel auf das Bild seiner Freundin.

Schmerzlich verzog er sein Gesicht. Dann fing der junge Mann auch noch an zu heulen. Sein ganzes Elend überfiel ihn. Ganz schwach im Hinterkopf wurde ihm wieder so vieles bewusst. Auch, dass er Sabine sehr viel Schwierigkeiten bereitete. Und er liebte sie doch über alles. Für seine Sabine hätte er alles getan, einfach alles. Ja, wenn er jetzt erst einmal einen Schluck bekam. Dann würde er darüber nachdenken, wie er ihr eine Freude machen konnte. Sie sollte sich nicht mehr grämen. Alles würde wieder so schön und strahlend hell wie zu Anfang ihrer Liebe. Sie würde wieder glücklich werden, und dann würde man das Leben ganz anders anpacken. Er ließ sich doch nicht unterkriegen! Nein, niemand würde diese wundervolle Liebe zerstören! Niemand hatte das Recht dazu! - Aber jetzt brauchte er wirklich was zu trinken!

Er machte sich auf die Suche. Dem jungen Mann fiel es nicht mal auf, dass er die hübsche Wohnung vollkommen in Unordnung brachte. Er zerwühlte alles, und bald packte ihn unsinnige Wut. Je länger er auf seinen ersten Schluck warten musste, umso unberechenbarer wurde er.

Als Rüdiger endlich begriff, dass er nur leere Flaschen finden würde. Er hatte alle seine geheimen Verstecke abgesucht und nichts gefunden, wusste er, Sabine hatte alles aufgespürt und ausgeleert, tobte er wie verrückt herum und warf alles was ihm in die Hände fiel, auf den Boden.

Es blieb nicht aus, dass er einen Höllenlärm veranstaltete. Er hörte nicht, dass man von unten gegen die Decke klopfte. Er wollte jetzt endlich was zu trinken, oder er würde verrückt.

Zwischendurch stürzte er immer wieder ins Bad und erbrach sich. Seine Leber spielte verrückt. Sie stach fürchterlich, und er presste seine Hände gegen den Magen. Alles schien sich in seinem Kopf zu drehen. Plötzlich stürzte er zu Boden.

Mit dem Kopf fiel er gegen die Wanne und blieb reglos liegen.

5

Freitag war mittags schon Büroschluss. Sabine packte ihre Sachen zusammen und griff nach ihrer Jacke und nach der Tasche. Sie wollte das Zimmer verlassen und mit dem Lift nach unten in die Garage fahren. Bastian versperrte ihr den Weg.

Sie blickte ihn ruhig an.

»Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Ich bin jetzt so weit!«

»Du wirft ihn also hinaus?«

»Mir bleibt nichts anderes übrig. Ich habe begriffen, dass du recht hast.«

Bastian Verden strahlte.

»Das ist die schönste Nachricht seit langem!«

»Für dich«, meinte Sabine spröde. »Aber für Rüdiger wird es furchtbar sein.«

»Jetzt hab nicht schon wieder Mitleid mit ihm, Sabine! Das führt doch zu nichts. Du wirst es ihm ganz ruhig erklären. Er geht dann zu seinen Eltern zurück und damit basta, aus!«

»Du sagst das so leicht. Und wenn er das nicht tut?«

»Er wird es tun. Trinker wissen sehr wohl, wo man was finden kann. Und ich sage dir, Sabine, in ein zwei Wochen wirst du ihn vollkommen vergessen haben. Dafür werde ich schon sorgen. Du wirst wieder frei sein, lachen können, dich amüsieren und nie mehr Angst haben müssen, mein Mädchen.«

Sie lächelte spröde.

»Siehst du, es geht ja schon!«

»Du bist wirklich nett zu mir!«

»Ich liebe dich ja auch!«

Als sie in ihren Wagen stieg, dachte Sabine: Ich bin wirklich eine dumme Gans. Bastian ist der netteste Kerl weit und breit. Und was tue ich?

Wieder fühlte sie das seltsame Ziehen in ihrem Herzen. Sie konnte und konnte nicht! Es würde für sie schrecklich sein. Gleich, wenn sie Rüdiger in seinem Bett liegen sah, so hilflos, so schmal, konnte sie wirklich so brutal sein, und einen Menschen, der nicht mehr wusste, was er tat, einfach auf die Straße setzen?

Ganz tief im Herzen dachte sie plötzlich: Und wenn es richtig ist? Man hört es doch immer wieder. Man darf Trinker nicht beschützen. Sie müssen in das Loch fallen. Je eher, umso besser sind die Aussichten für ihre Heilung. Und wenn er geheilt ist, vollkommen geheilt, wird er mich auch wieder so lieben wie früher, und wir können wieder ganz von vorn beginnen. Allen zum Trotz. Die Entziehung wird ihn reifer gemacht haben. Er wird nie mehr zu trinken anfangen. Er wird zu mir zurückkommen, und ich werde glücklich sein! Wir werden glücklich sein!

Sie stellte den Wagen ab.

Kaum hatte sie das Haus betreten, da stürmten auch schon die Nachbarinnen auf sie zu.

»Jetzt ist Schluss! Das lassen wir uns nicht mehr bieten! Vielleicht werden wir auch noch alle umgebracht. Wir wissen uns zu wehren. Und außerdem hat der junge Mann gar kein Recht, hier zu wohnen. Die Wohnung ist an Sie vermietet, Frau Toller.«

»Ja, ja, ich weiß!«

»Das sagen Sie die ganze Zeit, und es ändert sich doch nichts. Denken Sie doch auch mal an unsere Kinder! Wir haben Angst!«

»Ich verstehe das. Und ich werde es ändern. Bestimmt!«

Jetzt kam auch noch der Hausmeister.

»Wenn Sie den Mann nicht rausschmeißen, dann werde ich es tun. Die Wohnungsgesellschaft hat mir geschrieben, ich hätte das Recht dazu.«

Sabine kräuselte die Lippen.

»Keine Sorge. Das besorge ich schon!«

Man ließ sie skeptisch gehen.

»Noch zwei Tage, und wenn sich dann nichts geändert hat, greife ich ein!«, erklärte der Hausmeister.

»Ja doch!«

Von allen Seiten stellte man ihr das Ultimatum. Und sie sagte sich: Rüdiger wird jetzt soweit sein, dass er das begreifen muss. Er hat hoffentlich inzwischen keinen Alkohol getrunken. Diese Gelegenheit muss ich ausnutzen. Er wird es verstehen und ausziehen. Ich muss jetzt auch mal an mich denken. Ich habe lange genug Rücksicht genommen und mich seinetwegen demütigen lassen. Jetzt kann ich einfach nicht mehr!

Dann schloss sie ihre Wohnungstür auf.

Die Spuren von Rüdigers Wühlerei fand Sabine schon im Flur. Sprachlos starrte sie auf ihre verwüstete Wohnung. Das hatte er noch nie getan!

Zitternd stand sie mitten in dem Durcheinander. Dann sah sie auch das zerbrochene Geschirr, die kaputten Lampen.

»O nein«, stammelte sie. »Nein, nein!«

Plötzlich wurde sie schrecklich zornig. Das hatte er ihr also angetan! Er liebte sie schon lange nicht mehr!

Sie suchte ihn in der kleinen Wohnung und fand ihn schließlich im Bad. Weil er so stumm dalag, glaubte sie, er habe wieder getrunken. Sie rüttelte ihn wie wild. Sie hatte jetzt solch unbändigen Zorn auf ihn!

»Du Schwein, du Widerling! Ich kann dich nicht mehr sehen! Es ist aus, verstehst du mich! Aus, aus, aus!«

Nur mit Mühe schaffte es der junge Mann, die Augen zu öffnen. Er hatte vergessen, was er getan hatte. Es war wie aus seinem Gehirn radiert.

»Hallo, Liebes«, sagte er mit weicher Stimme. »Bitte hilf mir doch hoch! Ich habe solche Kopfschmerzen!«

»Dir noch helfen«, schrie sie mit schriller Stimme. »Ich soll dir noch helfen? Nichts tue ich, verstehst du mich? Ich bin am Ende. Ich schmeiße dich raus! Du ekelst mich an! Ich kann dich nicht mehr ertragen!«

Rüdiger wurde für Minuten stocknüchtern. So hatte er seine Sabine noch nie erlebt. Er raffte sich langsam auf. Das ging sehr schwer. Aber dann schaffte er es doch. Er taumelte ins Wohnzimmer und blieb dann erstaunt an der Tür stehen.

»Sag mal, warum hast du das denn alles so durcheinandergebracht?«

Sabine war fassungslos. Jetzt brannten bei ihr alle Sicherungen durch.

»Du warst das«, schrie sie ihn an. »Du hast alles kaputt gemacht! Alles, unsere Liebe, die Wohnung. Alles, einfach alles!«

Dumpf erinnerte er sich wieder daran. Sein Magen rebellierte erneut. Es tat schrecklich weh. Er brauchte unbedingt einen Schluck. Wenn er jetzt einen Schluck bekam, nur einen winzigen, würde er ihr auf der Stelle versprechen, damit aufzuhören. Mit allem. Er würde auch wieder arbeiten gehen, um ihr all das zu ersetzen. Er würde es ihr versprechen. Aber jetzt brauchte er dringend etwas zu trinken, oder er würde verrückt werden.

Murmelnd zog er durch die Wohnung.

Sabine saß auf einem umgekippten Hocker und heulte. Als sie ihn kommen sah, blickte sie auf.

»Was machst du noch hier? Bist du noch nicht fort?«

Seine Augen waren eingefallen und glasig. Sein Gesicht wirkte gelblich. Er aß ja kaum noch etwas. Trotzdem sah er viel jünger aus, als er in Wirklichkeit war. Er drehte sich um und blickte sie an.

»Sabine« stammelte er, »ich flehe dich an, lass mich nicht fallen! Ich ertrag das nicht. Bitte, bitte, sage mir, wo du ihn versteckt hast.«

»Wen?« Sabine war fassungslos.

»Ich brauche nur ein Glas, mehr nicht«, bettelte er.

»Waaas?«

»Bitte!«

Er erniedrigte sich soweit, dass er vor ihr auf die Knie fiel und sie anflehte.

»Ich werde alles tun, ich schwöre es dir, Sabine, ich flehe dich an!«

Sie sah ihn regungslos an. Sabine wusste, sie hatte alles falsch gemacht. Aus blinder Liebe hatte sie geglaubt, sie könnte ihn retten. Aber sie hatte es nicht geschafft. Sie war schuld, dass er so tief gesunken war. Er brauchte endlich ärztliche Hilfe. Sie konnte ihm auf einmal nicht mehr böse sein.

»Ich habe nichts«, sagte sie mit tonloser Stimme.

»Sabine, bitte! Ich komme um! Diese Schmerzen, ich kann das nicht mehr ertragen!«

»Nein, Rüdiger ich habe nichts mehr! Und du würdest auch von mir nichts bekommen, wenn ich etwas hätte. Du bekommst auch kein Geld mehr von mir, hörst du, Rüdiger? Du bist krank, du bist wirklich krank. Du musst dich behandeln lassen!«

»Diese Schmerzen!«

Sabine stand auf.

»Du wirst jetzt meine Wohnung verlassen. Ich bestehe darauf!«

Rüdiger vergaß für Sekunden die schrecklichen Magenschmerzen.

»Sabine, wir lieben uns doch! Wir haben uns doch geschworen, es ihnen allen zu zeigen! Hast du das vergessen?«

»Nein, ich habe das wahrhaftig nicht vergessen, Rüdiger. Ich nicht, aber du hast mich zerbrochen.«

Er stand vor ihr, hilflos, tief verwundet.

»Ich soll also wirklich gehen?«

»Ja!«, sagte Sabine fest.

»Für immer?« fragte Rüdiger kläglich.

»Ja, Rüdiger, es war wohl doch nicht richtig, was wir getan haben.«

»Du bist meine größte Liebe.«

»Du bist noch so jung, du wirst es wieder packen, Rüdiger. Ich muss dich rauswerfen, sonst verliere ich diese Wohnung auch noch!«

»Oh!«

»Du wirst gehen?«

»Oh, Sabine, Sabine!«, stammelte Rüdiger.

»Hör auf, so zu jammern! Es hat keinen Zweck. Ich ändere meine Meinung nicht mehr. Das ist sicher, verstehst du das endlich? Geh jetzt! Auf der Stelle!«

Er war tief erschrocken, und dann die Schmerzen! Rüdiger kam gar nicht richtig zum Nachdenken. Nur eins wusste er mit Bestimmtheit: Sie wollte ihn nicht mehr!

»Sabine, ich ändere mich. Wirklich!«

»Nein«, schrie sie ihn an. »Geh zu deiner Familie zurück! Geh doch endlich!« Sie legte die Hände vor das Gesicht.

Rüdiger stand mit hängenden Schultern da. Er konnte ihr nichts Liebes mehr sagen. Sie hörte ihm nicht mehr zu. Er musste gehen. Dann drehte er sich um. Nicht einen Augenblick dachte er daran, seine Sachen mitzunehmen. Er war viel zu sehr betroffen, um an so etwas zu denken.

Sabine kam erst wieder zu sich, als schon lange die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war.

Wütend sprang sie auf.

»Nicht mal seine Sachen kann er packen«, schimpfte sie vor sich hin. Dann riss sie die Schränke auf und suchte alles zusammen, was ihm gehörte. Auch seine Geschenke steckte sie in die Koffer. Nichts, aber auch gar nichts durfte mehr von ihm zurückbleiben! Alles sollte fort. Dabei rollten ihr die Tränen über das Gesicht.

Rüdiger stolperte auf die Straße. Er fing sich wieder. Die Schmerzen brachten ihn fast um.

»Sieh dir mal den Besoffenen an! Schon am frühen Tag torkelt der herum.«

Er hörte die Worte. Doch er konnte nichts dagegen unternehmen. Es war ihm auch gleichgültig.

Man hatte ihm das Herz gebrochen. Für ihn hatte das Leben keinen Sinn mehr. Alles war so dunkel für ihn geworden. Es war sogar so schlimm, dass er nicht mal mehr ans Trinken dachte. Zum ersten Mal saß der Schock so tief, dass er es vergaß, wie sehr er doch im Grunde nach Alkohol verlangte.

Sabine hatte ihn verstoßen! Das Leben war für ihn sinnlos geworden, absolut zu Ende!

Sollte er wirklich nach Hause gehen? Dort hatte man nie Verständnis für ihn gezeigt. Im Gegenteil, sie hatten ihn noch ausgelacht und verhöhnt. Seine Liebe hatten sie mit Füßen getreten.

Nein, dorthin konnte er unmöglich gehen! Und in diesem Zustand hätte man ihn gewiss auch nicht aufgenommen. Und was vielleicht noch viel schlimmer war, man hätte es Sabine angelastet. Das konnte er ihr einfach nicht auch noch antun.

»Ich muss für immer aus ihrem Leben verschwinden. Dann wird sie Ruhe und Frieden finden. Ich brauche auch Ruhe und Frieden. Ich kann nicht mehr!«

Die Häuser zu beiden Seiten schienen ihn zu zerdrücken. Er hielt es hier in der Stadt nicht mehr aus. Ein Bus stand gerade an der Ecke. Rüdiger stieg ein und ließ sich gleich auf einen Platz fallen, ohne eine Fahrkarte zu kaufen. Der Bus rumpelte los. Rüdiger wusste noch nicht mal, wohin er fuhr. Traurig starrte er aus dem Fenster. Irgendwann sah er Felder und einen Wald.

Der Bus hielt.

»Endstation! Alles aussteigen!«

Automatisch erhob er sich, setzte Fuß vor Fuß. Und dann waren da auch wieder die wilden Schmerzen in seinem Magen. Er krümmte sich. Ganz allein wanderte er auf der Landstraße entlang.

»Ich halte das nicht mehr aus! Es bringt mich noch um. Ich kann bald nicht mehr!«

Verzweifelt stöhnte er auf, lehnte sich immer wieder an einen Baum. Doch die Schmerzen stiegen fast ins Unerträgliche.

Der blaue Himmel über ihm, die Vögel, alles war hier so friedlich. Und er war ein Wrack! Er hatte Sabine nur Unglück gebracht. Rüdiger fühlte Tränen auf seinem Gesicht.

Der junge Mann merkte nicht, dass er leise vor sich hin weinte. Verschwommen sah er die breite Landstraße vor sich. Wohin sollte er überhaupt?

Wohin?

Maria Ansbach hatte alle Einkäufe getätigt. Auch Lydia Winter war zufrieden. Das war wieder hübsch gewesen, sich ins Straßengewühl stürzen zu können. Umso lieber kehrten sie anschließend in die Stille des winzigen Dorfes zurück.

Zur vereinbarten Stunde trafen die beiden Damen wieder zusammen. Man verstaute all die vielen Pakete, und dann machten sie sich auf den Heimweg. Sie plauderten angenehm, und Lydia sinnierte darüber nach, ob sie den Doktor wohl überlisten konnte, heute Abend mit ihr Schach zu spielen. Sie musste sehr raffiniert vorgehen. Er konnte so listig sein.

Beide sahen den Fußgänger schon aus weiter Ferne. Die Fahrbahn war gerade und niemand kam ihnen entgegen. Die Sicht war ausgezeichnet. Sie dachten sich nichts dabei, dass jemand ganz allein hier spazieren ging. Und Maria Ansbach dachte sich auch nichts dabei, als der Mann stehenblieb. Er wollte wohl auf die andere Straßenseite, hörte dann das Auto und blieb stehen.

Frau Ansbach drosselte sogar noch das Tempo, und dann sah sie in letzter Sekunde, wie der Mann sich umdrehte und sich direkt vor ihren Wagen fallen ließ.

Rüdiger hatte mit dem Leben Schluss machen wollen. Und so hatte er sich, als er das Auto kommen hörte, umgedreht. Als es nah genug war, hatte er sich einfach fallen lassen.

Die Räder kreischten auf. Bremsen quietschten. Für Sekunden waren die beiden Damen wie gelähmt. Maria Ansbach zitterte am ganzen Leibe.

»Aber das gibt es doch nicht«, stammelte sie immer wieder.

Lydia Winter sprang beherzt aus dem Wagen und lief zurück.

Der Mann lag auf der Straße. Sie kniete bei ihm nieder. Schwer schien er nicht verletzt zu sein.

Sie hob seinen Kopf.

»Können Sie mich hören? Verstehen Sie, was ich rede?«

Maria Ansbach lehnte leichenblass an ihrem Wagen. Die Knie waren ihr ganz weich geworden.

Rüdiger öffnete die Augen.

»Verdammt, es ist ja noch immer nicht vorbei!«

»Was denn?« Lydia Winter war verdutzt.

»Ich will sterben! Lasst mich doch in Ruhe!«

Sie starrte den jungen Mann an.

»Sie haben wohl nicht alle Tassen im Schrank, wie?«

»Warum? Muss ich Sie dazu vielleicht um Erlaubnis bitten?«

»Nein, aber warum haben Sie sich ausgerechnet unser Auto ausgesucht?«

»Weil noch kein anderes vorbeikam.«

Lydia stöhnte.

»Das ist ja eine schöne Bescherung. Nun gut, dann werden wir mal die Polizei verständigen.«

Er umklammerte ihren Arm.

»Nein, ich flehe Sie an! Tun Sie das nicht! Bitte!«

»Aber ich will mir nichts vorwerfen lassen. Nachher heißt es, ich hätte Fahrerflucht begangen. Nein, nein!«

Maria Ansbach kam langsam näher.

»Bitte, ich will niemandem Schwierigkeiten machen. Ich flehe Sie an!«

»Maria, was meinen Sie?«

Noch immer zu Tode erschrocken, blickte die Haushälterin den jungen Mann an.

»Er sieht gar nicht gesund aus.«

»Das habe ich auch schon bemerkt«, sagte Frau Winter lakonisch. Sie biss sich auf die Lippen.

»Wenn er keine Polizei will, können wir wohl auch darauf verzichten, Frau Winter.«

»Aber wir können ihn hier auch nicht liegenlassen. Das geht auf keinen Fall!« Maria Ansbach wandte sich an Rüdiger.

»Wohin können wir Sie bringen, junger Mann? Das ist das Mindeste, was wir für Sie tun können.«

Rüdiger dachte an Sabine. Dann schlossen sich seine Lippen. Nein, das konnte er nicht. Außerdem hatte sie ihn ja wie einen Hund verjagt.

»Lassen Sie mich hier liegen!«, sagte er mit schwacher Stimme. »Bitte!«

Lydia erhob sich.

»Das ist Unsinn, das können wir auf keinen Fall tun! Sie könnten dann vielleicht noch wirklich angefahren werden.«

Maria blickte sie an.

»Was nun?«

»Nehmen wir ihn mit! Dr. Burgstein wird Rat wissen. Er weiß immer Rat. Und außerdem soll er sich den Burschen ansehen und feststellen, ob ihm auch wirklich nichts passiert ist.«

»Ja, das wird wohl das Beste sein«, meinte auch Frau Ansbach.

»Können Sie aufstehen?«, fragte Lydia Winter.

»Ich glaube schon«, erklärte Rüdiger. Doch als er es versuchte, brach er wieder zusammen. »Mein Bein«, jammerte er hilflos.

Die beiden Damen hatten längst seinen Atem gerochen und dachten sich ihren Teil.

»Verstaucht?« Maria Ansbach versuchte, ihn aufzurichten.

»Das weiß ich nicht.« Rüdiger fiel wieder um. Die beiden Frauen halfen ihm resolut auf die Beine und stützten ihn. Er jammerte fürchterlich, als sie ihn in den Wagen bugsierten. Endlich hatten Sie es geschafft. Maria Ansbach war noch so durcheinander, dass sie nicht fahren konnte. Die resolute Lydia nahm ihren Platz ein.

»Keine Sorge, junger Mann! Wir entführen Sie nicht. Gleich wird sich ein Arzt um Ihre Wehwehchen kümmern.«

»Oh, Mann, egal was ich auch anpacke, es wird immer schlimmer und schlimmer. Ich sitze ganz tief im Dreck!«

»Das glaube ich auch.«

Sie brauchten jetzt nicht mehr lange zu fahren, bis sie ihr Ziel erreicht hatten.

Dr. Burgstein stand zufällig am Fenster seiner Praxis, als der Wagen ankam. Wie wunderte er sich, als er Lydia Winter auf der Fahrerseite aussteigen sah. Das war so ungewöhnlich, dass er sich gleich Gedanken machte und annehmen musste, der guten Frau Ansbach sei etwas zugestoßen. Also wollte er sich sogleich vergewissern. Doch Lydia war schneller.

In der Diele trafen sie aufeinander.

»Liebe Lydia, was ist denn passiert? Wo ist Frau Ansbach?«

»Keine Sorge, die wird sich bald wieder erholen. Es ist nämlich so, wir haben einen jungen Mann auf der Landstraße angefahren.«

»Du liebe Zeit!«

»Er ist im Wagen. Er braucht Hilfe.«

Der junge Arzt war entsetzt.

»Sie haben Fahrerflucht begangen?«

Lydia lächelte ihn an.

»Das Sie so etwas von mir denken, das wird Sie eine Menge Schachabende kosten, mein Lieber.«

Burgstein musste unwillkürlich lachen. Doch dann liefen sie zusammen zum Wagen zurück. Jetzt war auch Maria Ansbach vom Rücksitz ausgestiegen. Besorgt blickte der junge Doktor sie an.

»Alles in Ordnung?«

»Es ist mir so peinlich«, flüsterte sie leise. »Ich mache Ihnen nur Unannehmlichkeiten, Herr Doktor.«

»Quatsch«, sagte Lydia, »der Junge wollte Selbstmord begehen und hat sich direkt vor unsere Räder geworfen. Ich bin Zeugin.« •

Dr. Burgstein war erleichtert.

»Brauchen Sie meine Hilfe, liebe Maria?«

»Nein, nein!« Maria Ansbach wehrte ab.

»Sie braucht einen Schnaps für Ihre Nerven, ich übrigens auch«, lachte Lydia.

»Sie wissen ja, wo die Bar in meinem Hause ist.«

»Ganz recht!«

»Aber zuerst kümmern wir uns mal um den jungen Mann.«

Vater Burgstein musste noch kommen, und auch Willy half. Dann brachte man Rüdiger ins Sprechzimmer. Die zwei Damen mussten erst einmal ihre Nerven stärken. Dabei erzählten sie dann den übrigen Hausbewohnern, wie alles passiert war. Und alle waren sehr froh, dass es für die gute Maria noch so gut abgegangen war.

Inzwischen leisteten Britta und die Krankenschwester Agnes Schöller Hilfe in der Sprechstunde. Dr. Burgstein brauchte nicht lange, um festzustellen, dass der junge Mann das rechte Bein gebrochen hatte.

»Ein glatter Bruch ist das. Es ist nicht so schlimm. Aber für einige Zeit müssen Sie schon einen Gipsverband tragen. Ich werde das Bein einrichten und den Gips sogleich anlegen.«

Britta war schon dabei, die Gipsbinden zu wässern. Dann ging alles ziemlich schnell.

Noch war der Gips nass und weich, und Britta legte ein Gummituch auf die Liege. Hier sollte der Patient sich erst einmal erholen. Die anderen Damen gingen in die Küche und wollten sich mit Kaffee stärken, auch der Doktor und sein Patient sollten eine Stärkung erhalten.

Dr. Burgstein setzte sich zu dem jungen Mann.

»Wie ist Ihr Name?«, erkundigte er sich.

»Rüdiger!«

»Und weiter?«

»Das möchte ich nicht sagen«, sagte Rüdiger leise.

Dr. Burgstein sah ihn verdutzt an.

»Junger Mann, Sie müssen mir schon Ihren Namen und Ihre Adresse nennen.«

»Nein!« Rüdiger weigerte sich.

»Und warum nicht?« Dr. Burgstein verstand das nicht.

»Weil ich nicht will, dass es jemand erfährt.« Sein Gesicht verfärbte sich grünlich. Langsam bekam Rüdiger Entzugserscheinungen. Dr. Burgstein sah ihn sich genau an.

»Wie stellen Sie sich das vor?«

»Ich wollte nichts anderes als sterben, und jetzt flicken Sie mich wieder zusammen«, beklagte sich Rüdiger.

»Das ist meine Pflicht«, erklärte der Arzt.

»Pflicht«, schimpfte Rüdiger, »aber ich habe Sie nicht darum gebeten!«

»Sie wollten also sterben?«

»Ja!«

»Nun, dann tut es mir leid, Ihnen sagen zu müssen: Solange Sie sich in meiner Nähe befinden, muss ich Sie daran hindern, junger Mann!«

Rüdiger starrte ihn böse an.

»Ich kenne Sie nicht, und Sie kennen mich nicht!«

»Nein, aber ich bin Arzt, ich habe meinen Eid geschworen, und ich werde ihn halten.«

»Oh, Gott«, stöhnte Rüdiger. »Ich halte es einfach nicht mehr aus!«

Burgstein erhob sich. Da er genau wusste, dass der junge Mann in dieser Lage im Augenblick nichts anderes tun konnte, als auf dem Sofa liegen zu bleiben, konnte er sich ruhig entfernen.

In der Küche traf er Agnes und bat diese, dem jungen Mann eine Tasse Kaffee zu bringen und bei ihm zu bleiben, bis er zurück wäre.

»Wird gemacht!«

Britta sagte: »Kann ich eine Karteikarte anlegen?«

»Noch nicht!«

»Warum denn nicht?«

»Er will mir seinen Namen nicht nennen.«

»Aber ...«

Lydia blinzelte den Doktor an.

»Da haben wir Ihnen wohl eine harte Nuss ins Haus geschleppt, wie?«

Dr. Burgstein fühlte sich zum ersten Male ein wenig hilflos.

»Wenn ich ehrlich sein soll, dann weiß ich wirklich nicht mehr weiter.«

Seine Mutter blickte ihn erschrocken an.

»Aber was soll jetzt geschehen?«

»Tja, das ist wirklich eine gute Frage.«

»Er wird wohl noch ganz durcheinander sein und nicht wissen, was er tut. Sicher wird er uns morgen alles erzählen, Achim!«

Dr. Burgstein sah seine Mutter an.

»Du willst also, dass er bleibt?«

»Aber Junge, was denn sonst?«

Der Doktor lächelte.

»Du bist so gut! Ständig halse ich dir Patienten auf, und du musst sie dann pflegen.«

Lydia hörte die ganze Zeit schweigend zu.

»Wenn Sie wollen, kann ich ihn ja mitnehmen. Ein Süppchen kochen und was noch so anfällt, schaffen Johanna und ich auch noch.«

»Damit ist es leider aber noch nicht getan. Ich fürchte, morgen fangen erst die Schwierigkeiten so richtig an.«

»Was willst du damit sagen?«, wollte nun auch der Vater wissen.

»Er ist ein Alkoholiker.«

»Oh!« Alle waren fassungslos.

»Tatsächlich«, meinte Lydia, »das hab ich ganz vergessen. Mir fiel doch gleich auf, dass er nach Alkohol stank. Sie meinen also wirklich?«

»Ja, alle Anzeichen sprechen dafür. Er müsste medizinisch betreut werden.«

»Das wird er ja hier!«

Sorgenvoll blickte der Arzt seine Lieben an.

»Ich weiß ja, dass ihr mir immer helfen wollt, und ihr seid wunderbar darin. Aber das hier ist etwas ganz anderes. Ihr könnt euch das nicht vorstellen. Wenn die Entzugserscheinungen erst so richtig einsetzen, dann ist das die Hölle!«

»Und wie lange wird das anhalten?«, wollte die Mutter nun wissen.

»Eine Woche wird es ganz schlimm sein. Dann flacht es langsam ab.«

»Du hast doch all die vielen schlauen Bücher. Kannst du ihm denn nicht helfen?«

Dr. Burgstein war verblüfft.

»Du meinst, man sollte es mit dem Naturheilverfahren versuchen?«

»Das ist doch so wirksam, mein Junge. Du musst es einfach versuchen. Und wir haben keine Angst. Wir haben doch auch Schwermütige wieder hingekriegt.«

Dr. Burgstein legte den Arm um seine Mutter.

»Wenn ich dich nicht hätte!«

Frau Burgstein zwinkerte ihm zu: »Außerdem müssen wir es schon Marias wegen tun. Sie fühlt sich nämlich verantwortlich.«

An Frau Ansbach hatte er in der Tat die ganze Zeit nicht mehr gedacht. Jetzt ging er zu ihr. Der Alkohol hatte ihre Nerven wieder ein wenig beruhigt.

»Sie brauchen sich überhaupt keine Vorwürfe zu machen, meine Liebe. Er wollte sich das Leben nehmen und hat sich Ihr Auto dafür ausgesucht. Sie haben zum Glück sehr schnell reagiert. Sie haben dem jungen Mann eigentlich das Leben gerettet.«

Sie blickte ihn zweifelnd an.

»Das sagen Sie doch jetzt alles nur, um mich zu trösten, Herr Doktor!«

»Nein, nein, Frau Ansbach. Es ist wirklich die Wahrheit!«

Sie atmete auf.

»Wenn Sie es so sehen, dann will ich gern mithelfen, dass er wieder ganz gesund wird.«

»Jetzt sind Sie wieder die alte Maria Ansbach, so wie ich sie mag!«

»Ach, Herr Doktor!«

Lydia erhob sich.

»Ich glaube, ich muss mich jetzt langsam auf den Weg machen, sonst denkt Johanna noch, ich sei unter die Räuber gefallen und lässt mich suchen.«

»Soll ich Sie heimbringen?«, bot Dr. Burgstein ihr an.

Lydia sagte: »Nein, nein, Sie haben hier jetzt genug zu tun.«

»Aber Ihre Einkäufe?«

»Ich komme morgen mit dem Wagen vorbei und hole sie ab.«

»Ich bringe Sie aber gern!«

»Das weiß ich doch, aber Sie werden jetzt hier gebraucht. Vielen Dank!«

Der Doktor begleitete sie nach draußen. Lydia reichte ihm die Hand.

»Sie lassen es mich doch wissen, wenn Sie Hilfe brauchen, lieber Achim?«

»Haben Sie mich schon mal schüchtern gesehen, wenn es darum ging, meine Schwestern zu entlasten?«

»Nein, in der Tat. Ich bin dumm, ich brauchte das wirklich nicht noch zu betonen.«

»Vielen Dank, Lydia, dass Sie dabei waren. Der Himmel scheint ein Einsehen mit mir zu haben. Ich weiß nicht, was mit Frau Ansbach passiert wäre, wenn sie allein gewesen wäre. Bestimmt waren das furchtbare Minuten nicht wahr?«

»Das kann man wohl sagen!«

Dann ging Lydia Winter.

6

Johanna Bachmeier hatte sich in der Tat schon Sorgen um die Freundin gemacht. Besonders deswegen, weil auf einmal entdeckt wurde, dass sie gar nicht mit ihrem Wagen fortgefahren war. Wie erleichtert war sie nun, als Lydia heil und munter vor ihr stand.

»Sehe ich wirklich so aus, dass mich jemand entführen würde, liebste Johanna?«

»Na, es sind schon ganz andere entführt worden!«

»Du, ich habe viel zu erzählen. Und, Johanna, ich glaube, es ist jetzt wirklich höchste Zeit, dass wir etwas tun.«

Johanna lief wie ein Hündchen hinter Lydia her und war natürlich schrecklich neugierig.

Putzmunter und wieselflink war Lydia plötzlich, obschon sie eigentlich Rheuma hatte. Aber der junge Doktor hatte wohl auch das in den Griff bekommen.

»Nun erzähl doch endlich, meine Liebe! Hat der Doktor wieder was damit zu tun?«

»Und ob! Darum geht es ja!«

Bei einer guten Tasse Tee erzählte Lydia nun von dem Unfall. Johanna war sehr erschrocken und bedauerte die arme Maria.

»Das muss furchtbar für sie gewesen sein!«

»Sicher, aber darum geht es ja jetzt gar nicht mehr. Das ist schon überstanden. Es geht jetzt um die Familie.«

»Wie? Will man Maria vielleicht verklagen?«

»Nein, jetzt haben sie den Mann als Patient auf dem Hals.«

Johanna hatte verstanden.

»Ach du Schreck!«

»Dr. Burgstein sagt, diesmal wird es nicht leicht sein, und ich hab richtig gespürt, dass er Angst vor dieser Einquartierung hat.«

»Wieso? Traut er sich nicht zu, ihn zu heilen? Das ist ja ganz was Neues.«

»Ach nein, das Bein wird schnell heilen, aber der Patient braucht einen Nervenarzt, sagte der Doktor mir. Wegen seiner Trunksucht. Der Doktor meint, er könne das nicht allein schaffen, und es würde eine sehr große Belastung für sein Personal.«

»Hast du ihm denn nicht gesagt, dass wir ihm

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