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Distel und Lärche

Distel und Lärche

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Distel und Lärche

Länge:
344 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 18, 2014
ISBN:
9783736812833
Format:
Buch

Beschreibung

Berge, Gletscher, Arme Seelen und Josch - der Gott des Gleichgewichts. Es ist die Welt der Goyatzer.
Eine finstere Schlucht ist die einzige Verbindung in die christliche Welt. Dort befindet sich das Reich des Fürsten von Yatz. Die Bauern hungern unter dem Joch seiner Tyrannei. Einziger Trost ist eine Weissagung, die sich in Goyatz erfüllen und den Herrscher stürzen werde. Dennoch fürchten die unterdrückten Dorfbewohner das wilde Bergvolk wie den Teufel persönlich. Zu fremd und wild sind die bärtigen Heiden aus den Bergen. Sollten sie wirklich die einzige Hoffnung auf Freiheit sein?
Ein Mönch versucht zu missionieren, ein Kind wird geboren am Fuße des Gletschers, Yatz wird unterwandert, der Feind empfängt die Schwertleite. Das Schicksal von Goyatz und Yatz verknüpft sich mehr und mehr bis alles anders endet, als man es von der Prophezeiung erwartet hatte.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 18, 2014
ISBN:
9783736812833
Format:
Buch

Über den Autor


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Distel und Lärche - Martin D. Mohr

Prolog

Es war die Zeit der Fürsten und Könige. Es war die Zeit der Burgen und Schlösser mit ihren fröhlichen Zinnen und mächtigen Bergfriede. Die Ritter schenkten dem höfischen Benehmen grosse Achtung und Minnelieder tönten über das Land. Es war die Zeit, in der man von Ehre sprach, von Mut und Gott. In dieser Zeit glänzte das Gold feuriger als sonst. In dieser Zeit schimmerten die Rüstungen der Ritter heller als sonst. In dieser Zeit sangen die Mönche mit den reinsten Stimmen zum Lobe Gottes, dass er diese Zeit segne. Die Burgen und Klöster beherrschten das Bild des Landes und bunte Fahnen wehten von ihren Türmen zum Ruhme der Fürsten, die in Gottes Namen unter dem Schutz der Mutter Kirche regierten.

Aber es war auch die Zeit des Elends und des Todes. Seuchen und Raubüberfälle drückten das Volk zu Boden. Es war die Zeit des Schmutzes und des Feuers, des Aberglaubens und des Antichristen. In dieser Zeit litt so manches Volk unter einem Tyrann. In dieser Zeit wurde so manche Hexe von den Flammen verzehrt. In dieser Zeit lehnten sich die Bauern gegen ihre Herren auf und verloren.

Es war auch die Zeit der Sagen, die von geisterhaften Bozen und von armen Seelen erzählten. Sie erhellten die Phantasie an den winterlichen Feuern und wurden viele Generationen lang überliefert. So auch diese Sage, die von Gewalt und Reue erzählt. Eine Sage, die inmitten der Königreiche Europas entstand, in einem Land, dessen Name schon lange nicht mehr erwähnt wird. Dieses kleine Reich lag geschützt im Hochgebirge und strebte nach Anerkennung wie alle anderen, deren Namen noch heute die Phantasie beflügeln genauso wie damals zu jenen Tagen wie das Königreich der Franken, Herzogtum Schwaben, Lothringen, die Lombardei und das Königreich Burgund, um nur einige zu nennen. Dies waren die Länder, gegen die sich das kleine Reich behaupten musste.

Die Sage entstand in jenen Tagen, als die Fürsten von Yatz ihre Lehnsknechte unterdrückten und dem Volk hohe Steuern auflasteten. Yatz! Die vielleicht stolzeste Stadt im hohen Gebirge. Sie wäre sogar mit dem alten ehrwürdigen Rom zu vergleichen gewesen, mit all ihrem Glanz, ihren Zinnen und Türmen, mit ihrer dicken Mauer und wehrhaften Bürgern. Die Burg und das Kloster von Yatz beherrschten das Bild der Stadt am Ufer der Sohre. Dort regierten Fürst Galbert von Yatz und der junge Abt Rainald von Bologna. Die Soldaten des Fürsten und des Abtes schützten die umliegenden Dörfer der Bauern vor den Überfällen zahlreicher Wegelagerer und Raubritter. Dieser Dienst aber kostete hohe Steuern. Der Glanz der Stadt nahm zu und so auch die Abgaben der Lehnsknechte. Bald waren die Steuern so hoch, dass den Dorfbewohnern nichts mehr zum Leben blieb. Der Hunger wanderte durch die Berge um Yatz und mit ihm Gevatter Tod. Dicke Menschen sah man nirgends. Das Elend breitete sich aus wie die Pest und weder die Fürsten noch die heilige Mutter Kirche hörten den Schrei nach Brot.

Zu jener Zeit lag das Dorf Goyatz unerreichbar für die Soldaten der Fürsten hinter der Joschnerschlucht – am Fusse des gewaltigen Joschner Gletschers. Hier erstreckte sich eine Hochebene umrahmt von den Gipfeln des Feuerhorns, der Balmspitze und dem Schlangensaas. Hier wuchs dichter Wald, in dem es an Wild nie mangelte. Die Hochebene war ein Paradies – von der Aussenwelt abgeschnitten – nur erreichbar durch die enge, feindselige Joschnerschlucht.

Die Goyatzer, wie die Menschen in diesem Tal genannt wurden, waren rauhe, bärtige Männer, die an die alten Geister und Götter der Berge glaubten. Sie sprachen ihre eigene Sprache, die nichts mit den Sprachen der Aussenwelt gemein hatte. Sie lebten von der Jagd, von der Viehwirtschaft und von der Ernte ihrer kleinen Felder, die sich eng an die Hänge der Balmspitze und des Schlangensaas schmiegten.

Eifersüchtig auf den natürlichen Reichtum der Hochebene schielten die Fürsten von Yatz nach dem Paradies mitten im Gebirge. Oft schon hatten sie ihre Soldaten gegen Goyatz ausgesandt, doch jedes mal scheiterten selbst die genialsten Heerführer an der Enge der Joschnerschlucht und der wilden Wehrhaftigkeit der Goyatzer.

Hunger und Elend war noch nicht zu den Goyatzern vorgedrungen und nur diesem urtümlichen Bergvolk war es zu verdanken, dass viele Lehnsknechte die kalten Wintermonate überlebten. Die bärtigen Männer mit ihren langen Haaren verliessen nur selten ihre schützenden Berge, aber sie wussten um das Leid der christlichen Bauern. Die wilden Goyatzer waren wegen ihrer Gottlosigkeit gefürchtet, aber dankbar nahm man ihr Fleisch und Korn. Ohne Dank zu erwarten und ohne eine Belohnung anzunehmen luden sie es am Fusse der Joschnerschlucht für die Hungernden ab – nur um dem Gleichgewicht des Universums Genüge zu tun, wie ihr Gott Josch es sie lehrte.

Eines Tages trat ein Goyatzer aus dem Dunkel der Joschnerschlucht und rief die Bauern zum Kampf gegen Yatz auf. Er zeigte ihnen ein Schwert, dessen glänzender Stahl die Unterdrückten blendete. Der Name des Goyatzers war Xandressek und das Schwert nannte er Xentaur. Xandressek erzählte den Bauern von einem sonderbaren Fremden, der das Goyatzer Tal durchstreift hatte und von dem er das Schwert erhalten habe. Die Legende sagte, dass der Besitzer dieses Schwertes unbesiegbar sei und er – Xandressek von Goyatz – wolle mit diesem Schwert den Aufstand der Bauern anführen. Ein Schrei des Jubels ging durch das weite Sohretal. Die Bauern stürmten mit Xandressek an der Spitze die Stadt ihres Unterdrückers und überrannten die wehrhaften Bürger von Yatz. Doch schliesslich wurde ihr Angriff blutig niedergeschlagen. Die Ritter des Fürsten nahmen Xandressek trotz der Macht seines Schwertes gefangen und steckten ihn in den Giller. Der Xentaur, das prachtvolle Schwert, wurde dem Fürsten Galbert von Yatz gebracht.

Die überlebenden Bauern entliess der Fürst wieder nach Hause gegen einer Abgabe eines hohen Bussgeldes. Seit diesem Aufstand wurde es für die Menschen auf dem Lande noch schwerer als zuvor. Die Steuern waren erhöht worden und es gab nichts, was den Hunger und das Elend erträglicher machen konnte.

Der Fürst und der Abt versuchten den Goyatzer zu zwingen das Dorf Goyatz auszuliefern und den christlichen Glauben anzunehmen. Aber Xandressek blieb stumm und widerstand jeder Versuchung und jedem Versprechen. Nicht einmal die Folter konnte ihm die Lippen öffnen. Im Gegenteil – noch heute erzählt die Legende, dass der Goyatzer den Folterknechten ausgelacht habe. Ein Kind des Gletschers könne nur über die „Liebkosungen" des Peinigers lachen.

Schliesslich brachte man ihn zur Hinrichtung auf den dicht gedrängten Marktplatz. Viele Bürger und Bauern waren gekommen. Auch der Abt und der Fürst waren anwesend. In schweren Ketten zerrte man den Goyatzer zum Henker. Die Legende berichtet, dass es sich so sehr gegen die Ketten gewehrt habe, dass ihn vier Soldaten festhalten mussten. Auf einmal aber soll er ruhig geworden sein. Er blickte auf eine leere Stelle, als ob jemand an diesem Ort stehen würde. Ein Lächeln soll sich über sein Gesicht gebreitet haben, so dass man dachte, er wäre verrückt geworden. Von diesem Moment an wehrte er sich nicht mehr gegen die Ketten. Der Abt ging auf den Goyatzer zu und fragte ihn ein letztes Mal: Bist du bereit deinem Teufel abzuschwören und Jesus Christus als deinen Herrn und Heiland anzunehmen?

Xandressek von Goyatz aber antwortete laut, so dass alle Menschen auf dem Marktplatz es hören konnten: Ich bin Xandressek von Goyatz. Mein Gott Josch wird mich in das Reich der Toten führen. Josch ist stärker als euer Gott und euer Satan. Soeben hat Josch mir einen Geist aus dem Reich der Ungeborenen gesandt. Er sagte mir, dass ich nicht der Befreier bin. Ich bin nicht der wahre Besitzer des Xentaurs, nur deshalb konnte ich besiegt werden. Du, Fürst, bist auch nicht der wahre Besitzer! Nach mir wird einer kommen, der dich vernichten wird. Wenn dieser Mann kommt, werden die Toten Kerzen anzünden, so dass die Berge und die Gletscher leuchten werden. Sie werden für ihn beten und ihm helfen Yatz zu vernichten. Er wird Yatz erobern mit dem Xentaur, das Schwert, das mir das grosse Mysterium – mein Gott – gegeben hat.

Fürst Galbert hob grinsend den Xentaur und lies den Stahl in der Sonne blitzen. Dann gab er wortlos das Zeichen Xandressek den Kopf abzuschlagen. Der Körper des Goyatzers wurde in Stücken auf langen Spiessen vor den Stadttoren aufgestellt – zum Mahnmal aller Bauern. Was sollte sich der Fürst weiter um diesen Rebellen kümmern?

Die Sage erzählt aber auch, dass dem Fürst in der Burg ein Geist erschienen war. Der Geist war in eine dunkle Kutte gehüllt – niemand konnte sein Gesicht erkennen. Der Fürst hielt erschrocken inne und hielt drohend den Xentaur vor sich. Der Geist aber packte schweigend das Schwert und riss es mit einer übermächtigen Gewalt an sich. Der Stahl des Schwertes blitze durch die Luft und die Hand des Fürsten wurde abgetrennt.

So plötzlich der Geist erschienen war, so plötzlich war er mit dem Xentaur verschwunden. Zurück liess er einen stöhnenden Fürsten, der seinen blutenden Stumpf hielt und auf seine Hand am Boden starrte.

Genauso erzählten sich die Menschen die Legende über viele Jahre, aber der Verheissene kam nicht. Jahr um Jahr zog ins Land, aber keiner führte die Bauern ein zweites Mal gegen Yatz und der Xentaur blieb verschwunden.

Hinter der Schlucht

Thomas von Melk, ein Benediktinermönch, lag mit ausgebreiteten Armen auf dem Boden der kleinen Kapelle des Dorfes Säsch.

Eine hohe Aufgabe ist es Priester zu sein, betete er laut, und eine schwere dazu. Immer wieder muss ich tröstende Worte für meine Schafe finde, die im Elend und Hunger leben. Wie soll ich Menschen mit Worten trösten, die Brot und Schutz bedürfen. Alles was ich besitze, sind ein paar tröstende Worte und christliche Nächstenliebe. Dies gebe ich von Herzen.

Deine Worte machen die Bauern nicht satt, sagte Marcellus, ein älterer Priester, aber sie finden Trost in diesen Worten und in deinem tiefen Glauben.

Marcellus beugte sich zu Thomas hinunter und half ihm beim Aufstehen.

Ich weiss woran du denkst, sagte der Priester, du denkst an die Goyatzer.

Thomas stand verlegen vor Marcellus und verbarg die Hände in seiner schwarzen Kutte. Thomas von Melk war ein grosser, schlanker Mann, der den jugendlichen Leichtsinn noch nicht abgelegt hatte. Und obwohl er dem Novitzenalter gerade entschlüpft war, war dieser Mönch gelehrter als kaum ein anderer. Sein Lehrer war Johann von Trier gewesen, ein Benediktinermönch, der sich sowohl in der kirchlichen Lehre als auch in der Geschichte der Antike bestens auskannte.

Marcellus, ein kleiner, drahtiger Mann mit schwarzen Locken, kannte den Mönch nur zu gut und wusste seine Arbeit zu schätzen. Vor einem Jahr war Thomas zu ihm in das kleine Dorf Säsch gekommen und hatte darum gebeten die Goyatzer bekehren zu dürfen. Von Rom hatte er den Segen, aber Marcellus hatte ihn vor den wilden Goyatzern gewarnt. Der Priester hatte ihm geraten in Säsch zu bleiben. Die Bauern brauchten den Beistand der Mutter Kirche. Wenn der hohe Klerus den Menschen die Hilfe verweigerte, so mussten ihnen wenigstens die einfachen Priester und Mönche beistehen.

Marcellus, die Goyatzer sind gute Menschen, meinte Thomas, man könnte sogar sagen, sie sind gute Christen. Du siehst doch selbst, dass sie den Bauern von ihrem Korn abgeben.

Du hast von deinem berühmten Lehrer viel gelernt, antwortete Marcellus, aber von den Goyatzern wusste selbst er nichts. Lange Zeit haben nicht einmal die Bauern hier von der Existenz dieser Barbaren gewusst. Es wurde früher immer erzählt, dass hinter dieser Schlucht da oben die Hölle beginnt.

Marcellus ging mit bedächtigem Schritte zum Taufbecken und seufzte: Hier stand noch nie ein Goyatzer. Nicht einmal hier in dieser kleinen unbedeutenden Kapelle. Hast du sie beobachtet, wenn sie den Bauern zu Essen bringen? Sie schielen zwar verstohlen auf unser Gotteshaus, aber sie nähern sich ihm nie. Sie tun zwar Gutes – sie bringen den Bauern zu essen, aber sie flössen ihnen stets Angst ein. Sie sind wild und ungläubig. Sie scheren sich nicht die Haare wie zivilisierte Menschen und ich könnte schwören, sie benehmen sich beim Essen wie Barbaren.

Weil sie ungläubig sind will ich ja zu ihnen, um sie zu bekehren, antwortete Thomas, ich werde sie auf den rechten Weg Gottes führen. In unserer christlichen Welt weiss man nichts von diesem Volk. Selbst der Papst in Rom war überrascht, als ich ihm von den Goyatzern erzählte. Seit Johann von Trier mir eine Legende über ein Bergvolk vorlas – es war eine alte römische Schrift – war ich neugierig geworden. Jede Legende hat ihren Ursprung in der Wahrheit. In diesen Schriften wurden die Goyatzer beschrieben – genauso wie du sie beschreibst, Marcellus. Aber seit ich von ihnen gehört habe ist es mein Wunsch, ihnen den rechten Weg zu zeigen.

Thomas, welches ist das schlimmste und wildeste Volk, von dem dir dein Lehrer erzählt hat? Waren es die Goyatzer oder andere Völker?

Thomas lächelte.

Von den Goyatzern stand nicht sehr viel in den Schriften. In der Antike wurden die Kelten und Goten als wilde Barbaren beschrieben. Heute würde ich sagen, dass die furchtbarsten Völker im Norden wohnen – also die Wikinger.

Deine Kelten und Goten sind harmlose Waisenkinder im Gegensatz zu den Goyatzern, seufzte der Priester und setzte sich auf einen kleinen Stuhl, sie glauben an Josch. Kennst du ihren Glauben? Nein, natürlich nicht. Niemand kennt ihre Religion und niemand versteht ihre eigenartige Sprache. Ich habe sie schon gehört, wenn sie miteinander sprechen. Diese zischenden Laute haben nichts mehr menschliches an sich. Mir läuft es jedes mal kalt den Buckel runter. Die Bauern erzählen sich schon seit Jahrhunderten Sagen über arme Seelen, Bozen und über Gletschermenschen – die Goyatzer. In den Sagen werden diese Menschen als blutrünstige Barbaren dargestellt.

Thomas lachte.

Masslose Übertreibungen. Die Bauern reden viel Unsinn.

Marcellus nickte stumm, sagte aber dann: Mag sein, aber du hast selbst gesagt: Jede Legende, jede Sage und jedes Gerücht wurzelt in der Wahrheit. Sieh doch, wie sie sich kleiden. Sie tragen Felle. Wie Tiere sehen sie aus und ich habe noch keinen von ihnen unbewaffnet gesehen. Gletschermenschen ist wahrhaftig der richtige Ausdruck für diese kalten Barbaren. Mögen sie ewig in der Hölle brennen!

Aber ihre Taten – ihre Anteilnahme an dem Elend der Bauern – sagen mir, dass sie ein gutes Herz haben.

Marcellus lachte, aber sein Lachen war gekünstelt. Er erhob sich wieder und klopfte dem Mönch auf die Schulter.

Dein Glaube an das Gute im Menschen ist unerschütterlich, Thomas von Melk. Mich sollte es aber nicht wundern, wenn sie ein Herz aus Eis hätten.

Du hast wirklich keine Ahnung, oder?

Thomas von Melk blickte den Priester mit einer Andeutung von Mitleid an.

Ich bin mit meiner Arbeit weiter als du denkst, Marcellus. Ich habe schon mit einem von ihnen gesprochen. Ich habe aus den wenigen Worten dieses Mannes einiges erfahren können. Beim nächsten Mal werde ich ihn fragen, ob ich mit nach Goyatz kommen darf.

Marcellus wich entsetzt zurück.

Du hast es gewagt? stammelte er ungläubig.

Es ist der grosse Goyatzer...

Der Mann, der so gross ist wie die riesige Glocke des Yatzer Klosters?

Es war mehr ein Ausruf, als eine Frage. Der Priester traute einfach seinen Ohren nicht.

Thomas aber blieb ruhig und sprach weiter: ...sein Name ist Joschan. Er ist Schmied und hat hohes Ansehen bei dem Bergvolk. Es heisst sogar, dass er mit einer Yatzerin verheiratet sei.

Es würde mich wundern wenn die Goyatzer so etwas wie eine Ehe kennen würden, fauchte Marcellus aufgewühlt.

Sei vorsichtig! warnte er und hob drohend seinen Finger, oh! Thomas werde nicht leichtsinnig, denn wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.

Marcellus, wie kannst du den Geschichten der Bauern mehr glauben, als den Taten, die du mit eigenen Augen siehst? Was sie für die Bauern tun ist wahrhaft christlich.

Ich habe ihre Augen gesehen, antwortete der Priester, und diese Augen waren wild.

Von draussen drang ein Ruf in die Stille der Kapelle: Versteckt die Frauen und Kinder! Die Goyatzer kommen!

Lautes Stimmengewirr folgte, dann brach plötzlich Stille ein.

Thomas seufzte: Wann werden die Bauern den Goyatzern endlich trauen?

Er warf einen Blick auf den zitternden Priester. Und wann wirst es du tun?

Wahrscheinlich nie.

Der Goyatzer Xandressek hat die Bauern nur noch tiefer ins Unglück getrieben, meinte Thomas und wandte sich dem Ausgang der Kapelle zu, dieser törichte Bauernaufstand! Die Bauern vergessen so etwas nicht. Vielleicht wird sich das ändern, wenn die Goyatzer bekehrt sind.

Marcellus folgte dem Mönch hastig ins Freie. Das Dorf lag da wie längst verlassen. Kein Einwohner von Säsch liess sich blicken. Nur Thomas und Marcellus erwarteten die Goyatzer – der eine in spannender Erwartung, der andere mit gemischten Gefühlen.

Thomas kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Drei Männer brachten drei schwer bepackte Maultiere voll Nahrung.

Das Bergvolk musste sicher viel entbehren, um all das Fleisch und Korn zu verschenken, dachte Thomas. Zwei der Goyatzer führten die Packtiere. Neben ihnen ritt der dritte Bergmann auf einem riesigen Pferd, das man mit den Schlachtrössern der Ritter vergleichen konnte. Der Mann war gross und breitschultrig. Thomas wusste sofort, wer er war. Es war Joschan von Goyatz, der Mann mit dem er geredet hatte.

Willkommen, rief ihm Thomas entgegen, als sie endlich im Dorf ankamen. Zur Antwort bekam er aber nur ein kurzes Brummen zu hören. Die Goyatzer entluden die Maultiere schweigend, während sich Joschan dem Mönch und dem Priester näherte.

Wir bringen etwas, knurrte er mit einer tiefen Stimme.

Wir danken dir, antwortete Marcellus, der sich zusammenriss ein Zittern in der Stimme zu unterdrücken, der Herr wird euch segnen.

Der Goyatzer nahm diese Worte nur mit einem Achselzucken entgegen und wandte sein Pferd von den Priestern ab.

Joschan von Goyatz, rief ihn Thomas an, erlaube mir dir eine Frage zu stellen.

Abwartend blieb der Goyatzer auf seinem Pferd sitzen und blickte den Mönch stirnrunzelnd an.

Darf ich mit euch kommen? fragte Thomas, ich meine nach Goyatz.

Das Gesicht Joschans blieb unverändert. Er schien sich die Antwort gründlich zu überlegen.

Leute wie du gehören nicht nach Goyatz, sagte er nur mit seinem harten goyatzer Akzent.

Joschan gab seinem Pferd die Sporen und ritt zu seinen Begleitern.

Thomas eilte zu ihnen und keuchte: Warum?

Langsam wandte sich Joschan um und knurrte: Was soll ein Mönch wie du in Goyatz?

Ich will euch das Wort unseres Herrn bringen, antwortete Thomas unerschrocken, ich möchte eure Seelen vor der ewigen Verdammnis retten.

Joschan hob verwundert und vergnügt zugleich seine buschigen Augenbrauen. Auch die zwei anderen Goyatzer hielten in ihrer Arbeit inne.

Josch ist bei uns, sagte Joschan nach einer langen Pause, wir kennen seine Worte. Du bist unnötig.

Ich rede aber von unserem Heiland, von Christus und seinen Lehren, entgegnete Thomas, nur er ist der Erlöser eurer Seelen.

Schon gehört, dass Josch einen Sohn hat, meinte Joschan gelassen, meine Frau Elisa ist Christin. Sie hat mir schon von Jesus erzählt. Glauben aber nicht, dass er unser Erlöser sein kann. Wir büssen für unsere Sünden im Gletscher. Nur das reinigt unsere Seelen für das grosse Gleichgewicht.

Das ist doch Unsinn, warf Marcellus ein, verstummte aber sofort. Joschan sah ihn verächtlich an.

Unsere Seelen gehen in den Weiten dieser Welt auf, knurrte er, das ist unsere Erlösung – die Vereinigung mit allem. Ich weiss nicht, ob euer Himmel, wo ihr zur Rechten Gottes auf Wolken sitzen wollt, kein grösserer Unsinn ist!

Die Goyatzer hatten ihre Maultiere abgeladen und wandten sich wieder dem Berg zu.

Vielen dank nochmals für das Essen, sagte Thomas zu Joschan in versöhnlichen Ton, es ist mit Sicherheit ein grosses Opfer für dein Volk.

Joschan wandte sich Thomas zu und fragte: Wie ist dein Name?

Thomas von Melk.

Thomas von Melk, scheint so, dass Du vor uns keine Angst hast. Aber wenn du uns das Wort des Herrn bringen willst, dann musst du unsere Religion kennenlernen. Josch ist der Gott des Gleichgewichts. In unserem Tal gibt es viel Nahrung. Den Überschuss geben wir euch, um das Gleichgewicht zu wahren. Nur darum geht es uns.

Nach einer Weile fügte er verächtlich hinzu: „...nicht etwa aus Liebe zu den Bauern – die sind uns gleichgültig. Vielleicht wirst du eines Tages nach Goyatz kommen, aber nur, wenn wir es für richtig halten."

Joschan gab seinem Pferd die Sporen und ritt seinen Begleitern hinterher. Bald waren alle drei Goyatzer in der Joschnerschlucht verschwunden.

Gleichgewicht! knurrte Marcellus, so ein Unsinn!

Ich weiss nicht, meinte Thomas, er stammt aus einer anderen Kultur und denkt anders als wir. Sie scheinen den Bauern jedenfalls keine Nahrung zu geben, um ihnen einen Gefallen zu tun. Es ist für sie selbstverständlich ... einen Überschuss an Bedürftige abzugeben...

Halte keine ketzerischen Reden, unterbrach ihn Marcellus, es sind Heiden, Ketzer, Barbaren. Nichts was sie sagen können wir verstehen, weil der Antichrist in ihnen wohnt!

Die ersten Bauern wagten sich wieder aus ihren Häusern und näherten sich der Ware, die die Goyatzer abgeladen hatten.

Das reicht ja für Wochen, flüsterte einer von ihnen, als er das Fleisch, Gemüse und Getreide sah.

Ja, Nicolas, bestätigte Thomas, ein wahrer Schatz. Wir müssen ihn gerecht unter den anderen verteilen.

Aber heimlich, mahnte Marcellus, es ist viel Wild dabei. Die Spitzel des Fürsten dürfen nichts davon zu sehen bekommen, sonst werden wir noch als Wilderer hingerichtet.

Fieberhaft sammelten die Männer von Säsch das Fleisch und Korn auf, um es in den geheimen Winkeln ihrer Hütten zu verstecken. Junge Männer wurden ausgewählt, die die Nahrung auf geheimen Wegen zu den anderen Dörfern bringen sollten. In der Regel wollten die Bauern das Essen für sich beanspruchen, aber Marcellus und Thomas achteten darauf, dass die Gabe der Goyatzer gerecht verteilt wurde.

Das Leuchten der Gletscher

An einem Sonntag, wenige Wochen nach dem Besuch der Goyatzer, waren die Bauern von Säsch in ihrer kleinen Kapelle zum Gottesdienst versammelt. Es war dunkel im Raum. Einzig die Kerzen strahlten im Dämmer des heiligen Gebäudes. Draussen schien die morgendliche Herbstsonne, aber ihre schwachen Strahlen brachten nur wenig Licht durch die Fenster, die zum Schutz vor Wind mit Schweinsblasen bespannt waren. Glas war für die arme Gemeinde zu teuer. Nur die Kirchen in den Städten konnten sich diesen Luxus leisten.

Thomas las die lateinischen Worte der heiligen Schrift und sang die Psalmen. Marcellus und die Bauern lauschten gespannt den Worten des Mönches. Ausser Marcellus verstand niemand Latein, aber die Bauern wussten, dass es sich bei diesen Worten nur um heilige Worte handeln konnte, und dass diese wahr und richtig waren. In der Kapelle hallten die Worte von Thomas an den Wänden wider. Niemand wagte zu sprechen und in den Pausen, die Thomas zwischen den Versen einlegte, herrschte eine Stille, die die heiligen Worte zu bestätigen schien.

Plötzlich wurde die Tür weit aufgetan und eine riesige Gestalt stand auf der Schwelle. Entsetzt wandten sich alle dem Störenfried zu. Marcellus war aufgestanden und wollte wütend dem Eindringling entgegentreten, aber dann erkannte er Joschan von Goyatz. Der Priester wich jäh zurück und bekreuzigte sich. Thomas sah die Panik in den Augen seiner Schafe. Bisher hatten sie sich rechtzeitig verstecken können, aber diesmal waren sie von dem Goyatzer überrascht worden. Die bedächtige Stille in der kleinen Kapelle hatte sich in eine unerträgliche Spannung verwandelt.

Willkommen, Joschan, sagte Thomas, der seinen Schrecken am schnellsten überwunden hatte. Der Goyatzer sagte nichts. Langsam trat er zwischen die Bauern und betrachtete den Altar und das Kreuz.

Wir halten die heilige Messe ab, Joschan, sprach Thomas weiter, du bist herzlich eingeladen.

Die Bauern hielten den Atem an. Joschan betrachtete noch immer die Bilder der Kapelle und seine Blicke blieben auf einer kleinen geschnitzten Holzstatue haften, die die Mutter Gottes mit dem Jesuskind darstellte.

Ist das das Kind von Josch? fragte der Goyatzer und deutete auf die Statue. Ein Raunen ging durch den Raum und die Bauern bekreuzigten sich bei dieser Gotteslästerung. Joschan wandte sich verwirrt um und die Menschen verstummten wieder ängstlich.

Es ist der Sohn Gottes, entgegnete Thomas ungerührt.

Ich bin gekommen, um dich zu holen, sagte Joschan zu Thomas, du darfst mit mir nach Goyatz kommen.

Wieder ging ein Raunen durch den kleinen, dunklen Raum. Marcellus fasste sich ein Herz und stapfte auf den Goyatzer zu.

Wie kannst du es wagen bewaffnet das Haus Gottes zu betreten! fauchte er Joschan an, der ihn nur stumm betrachtete. Marcellus war selbst überrascht über seine Courage.

Entschuldigung, antwortete der Bergmann verwirrt.

Er schaute auf sein riesiges Schwert, das er mit sich führte.

Ich werde mit dir kommen, sagte Thomas und überreichte Marcellus seinen Talar. Es war ein altes abgegriffenes Stück Tuch.

Du wirst doch die heilige Messe nicht abbrechen, wegen einem Goyatzer? fuhr Marcellus empört auf. Den Gottesdienst kannst du beenden, Marcellus, entgegnete Thomas, meine Aufgabe ist es nach Goyatz zu gehen.

Joschan wandte sich um und verliess die Kirche. Er konnte die ängstlichen Blicke der Bauern nicht ertragen. Komische Leute waren sie. Keine Stärke, keinen Willen, kein eigenes Leben, schmutzig, ängstlich – unfähig für ein Leben am ewigen Eis. Er war froh ein Goyatzer zu sein – ein Kind des Gletschers – stark, wild und furchtlos.

Thomas eilte Joschan hinterher. Draussen sah er, dass der Goyatzer zwei Pferde mitgebracht hatte.

Lass uns aufbrechen, sagte Joschan und bestieg ein Pferd. Thomas hielt er die Zügel hin und meinte: ich hoffe, dass du reiten kannst, Mönch.

Thomas nickte und stieg auf. Der Weg, den er nun begehen würde, war ihm unbekannt. Nie hatte er die Joschnerschlucht betreten und nie hatte er einen Menschen versucht zu bekehren. Die Goyatzer waren ausser den Juden und den Sarazenen das letzte Volk in der christlichen Welt, die noch nicht der heiligen Kirche angehörten. Eine grosse Aufgabe lag vor ihm.

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