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DSA: Rabenbrut: Das Schwarze Auge

DSA: Rabenbrut: Das Schwarze Auge

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DSA: Rabenbrut: Das Schwarze Auge

Länge:
894 Seiten
12 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
29. Apr. 2021
ISBN:
9783963318054
Format:
Buch

Beschreibung

Die mächtigen al'anfanischen Granden haben auch unter der Herrschaft des Schwarzen Generals Oderin du Metuants nicht aufgehört, ein Netz der Intrigen zu spinnen. Als Oderin einen Feldzug plant, der Al'Anfa neue Größe und neuen Ruhm verspricht, setzen sie alles daran, ihre Figuren in Stellung zu bringen. Doch Amir Honak, der Patriarch und höchste Borongeweihte des Imperiums, verweigert dem Schwarzen General den Segen, denn der düstere Totengott schweigt. Die Truppen stehen vor den Toren und langweilen sich, der Boronszug droht zu scheitern. Während tief unter dem Silberberg Verschwörer den Sturz des Generals voranreiben, sammeln sich in den Dschungeln vor der Stadt jene Unzufriedenen, die schon einmal die blutigen Hände gegen die Herren Al'Anfas erhoben haben. Es ist Zeit, neue Bündnisse zu schließen. Doch wem kann man vertrauen in dieser Stadt, in der sich jeder selbst der nächste ist?

Es handelt sich um einen Sammelband der beiden Romane Rabenerbe und Rabenbund.
Herausgeber:
Freigegeben:
29. Apr. 2021
ISBN:
9783963318054
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

DSA - Heike Wolf

Heike Wolf

Rabenbrut

Ein Roman in der Welt von Das Schwarze Auge©

Originalausgabe

Impressum

Ulisses Spiele

Band US25730EPUB

Titelbild: Nikolai Ostertag

Aventurien-Karte: Daniel Jödemann

Lektorat: Eevie Demirtel

Korrektorat: Nora Tretau

Umschlaggestaltung und Illustrationen: Nadine Schäkel, Patrick Soeder

Layout und Satz: Mirko Bader, Nadine Hoffmann, Michael Mingers

DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN, DERE, MYRANOR, RIESLAND, THARUN, UTHURIA und THE DARK EYE

sind eingetragene Marken der Ulisses Spiele GmbH, Waldems. Copyright © 2021 by Ulisses Spiele GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt. Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Bearbeitung, Verarbeitung, Verbreitung und Vervielfältigung des Werkes in jedweder Form, insbesondere die Vervielfältigung auf photomechanischem, elektronischem oder ähnlichem Weg, sind nur mit schriftlicher Genehmigung der Ulisses Spiele GmbH, Waldems, gestattet.

Heike Wolf

Heike Wolf (geb. 1977) lebt und arbeitet in Marburg. Wenn sie nicht gerade Romane schreibt, unterrichtet sie Geschichte und Latein an einem Gymnasium und verbringt ihre Abende mit Rollenspiel. Mit DSA beschäftigt sie sich seit Mitte der 1980er Jahre, ihre Liebe zum tiefen Süden Aventuriens kam mit der ersten Al’Anfa-Box 1994. Seitdem lässt sie die Region nicht mehr los. Aus ihrer Feder stammen der Roman Rabengeflüster (2004; mit Anja Jäcke und Alex Wichert) und der Kampagnenband Rabenblut (2011), die die jüngsten Geschehnisse in Al’Anfa geprägt haben. Neben ihrer Tätigkeit für DSA hat sie auch historische Romane verfasst.

© Katja Bozarth

Danksagung

Wenn man ein Buch schreibt, ist man erst einmal allein mit dem weißen Blatt und der Geschichte, die noch viele Irrwege und Fehler aufweist. Um diese zu finden und sich nicht ganz einsam zu fühlen, braucht man kritische Leser, die bereit sind, gnadenlos den Finger auf die Wunden zu legen und dafür sorgen, dass mancher krude Einfall niemals den Weg ins fertige Buch findet. Ich schätze mich glücklich, dass ich solche Testleser habe. Armin Abele, Jessica Jüngel, Benjamin Kowalski, Henning Mahr, Stephanie Mehl, Deniz Nitt, Philipp Steinbach und Andreas Wolf, vielen Dank für eure Zeit und Hilfe. Und ganz besonders danke ich Anja Jäcke, die den Roman in jeder Phase seiner Entstehung begleitet hat und ohne deren ständige Rückmeldung ich wohl so manchen Irrweg mehr gegangen wäre. Danke!

I

Esmeraldo

Ein Kitzeln am Bauch weckte ihn aus dem Dämmern. Neben ihm regte sich die Sklavin und schob träge ein Bein über seinen Oberschenkel. Ihr Gesicht ruhte auf seiner Schulter, während ihre Fingerspitzen die Konturen der Muskeln unter seiner Haut nachzeichneten. Ihre Wangen waren gerötet und die Haare zerzaust vom ausgiebigen Liebesspiel, dessen Geruch noch in der Luft hing.

»Ihr seid wundervoll, Herr.« Ihre Stimme war ein dunkles Gurren, rauchig von dem Rauschkraut, das sie genommen hatten. »Aber vermutlich bin ich nicht die Erste, die Euch das sagt.«

»Das bist du nicht.« Esmeraldo gähnte, während er in das schummrige Licht der Öllampen blinzelte, die über dem Bett an der Decke befestigt waren. Die See war ruhig, sodass sie nur sacht im Rhythmus der Dünung hin und herschaukelten und gedämpfte Schatten an die Wände der Kajüte warfen. Draußen schrie ein Seevogel, und das Poltern schwerer Stiefel verklang unter dem gleichmäßigen Trommelschlag, der die Rudersklaven in den Takt zwang. Esmeraldo fuhr nicht gerne zur See, trotz der zweifellos komfortablen Unterkunft, die man ihm an Bord der Paligana Septima zur Verfügung gestellt hatte. Aber Goldos Nachricht war zumindest in diesem einen Punkt eindeutig gewesen – er hatte sich zu beeilen.

Esmeraldo seufzte stumm, während er an seinen Präfektenpalast in Sylla dachte, den er zurückgelassen hatte. Nicht, dass er viel Verlangen danach verspürte, sich länger mit aufsässigen Freibeutern und Piraten aus Charypso herumzuschlagen, aber die Macht seines Amtes hatte ihm durchaus gefallen. Als Präfekt und Statthalter hatte er die Interessen des Imperiums mit harter Hand durchgesetzt. Das war auch nötig in dieser Stadt, die erst seit einigen Jahren unter dem Rabenbanner stand und sich nur schwer an Ketten und Geißel gewöhnen mochte. Er hatte seine Sache durchaus gut gemacht, wie er fand, sodass ihn Goldos Nachricht unvorbereitet erreicht hatte. Er sollte sich unverzüglich in Al’Anfa einfinden, hatte das Oberhaupt des Hauses Paligan geschrieben, als reichte das als Erklärung vollkommen aus. Nicht, dass Esmeraldo eine solche erwartet hätte. Ein Goldo Paligan bat nicht, er befahl. Vielleicht hätte er beunruhigt sein sollen, aber es war nicht seine Art, sich Sorgen über Dinge zu machen, die er nicht beeinflussen konnte. Was immer sein Großonkel von ihm wollte, es war wichtig genug, ihm den Nachfolger im Präfektenamt gleich mitzuschicken, sodass Esmeraldo keine Erwartungen hegte, nach Sylla zurückzukehren. Nein, seine Zukunft lag in der großartigsten aller Städte – in Al’Anfa.

Ein zufriedenes Lächeln strich über seine Züge, was die Sklavin dazu veranlasste, ihre Finger ein wenig tiefer wandern zu lassen. Khaya hieß sie. Goldo hatte sie ihm geschenkt, als er sein Amt in Sylla angetreten hatte. Fünf Jahre waren eine ungewöhnlich lange Zeit, um bei einer Sklavin zu verweilen, aber Khaya war besonders, sodass er kein Verlangen verspürt hatte, sie zu ersetzen.

»Was würde Euch nun gefallen, Herr?« Wie dunkler Samt glitten die Worte über ihre Lippen. »Ich habe neulich ein paar Dinge gelernt, die ich Euch noch gar nicht gezeigt habe. Interessante Dinge. Ihr werdet mich um Erlösung anflehen, das verspreche ich Euch.«

»Mach keine Versprechungen, die du nicht halten kannst.« Esmeraldo hob die Hand, um durch ihr duftendes Haar zu streichen. »Sonst könntest du es bereuen.«

Die Sklavin lachte leise, ohne das Spiel ihrer Finger zu unterbrechen. »Ihr wisst, ich bereue nie, was Ihr mit mir tut, Herr.« Bei den letzten Worten hatte sie die Stimme zu einem Raunen gesenkt, und auch wenn Esmeraldo wusste, dass sie lediglich gut schauspielerte, gefiel ihm die sehnende Unterwürfigkeit, die sie an den Tag legte. Es gab viele perfekt ausgebildete Sklaven, die wussten, wie sie ihren Herren zu gefallen hatten, aber nur wenige, denen es gelang, darüber hinaus den Anschein echter Hingabe vorzugaukeln. Seine Hand grub sich in ihr Haar und packte es grob, sodass sie einen ergebenen Seufzer ausstieß. Sie hatte schönes Haar, samtweich und hell wie das Sonnenlicht auf der Goldenen Bucht.

»Wir werden sehen«, ließ er sie wissen und schloss mit einem zufriedenen Brummen die Augen. »Zeig mir, was du gelernt hast, und ich werde darüber befinden, ob es mir gefällt.«

Sie lachte erneut, ein verführerisches Lachen, ebenso bewusst gesetzt wie die Berührung ihrer Schenkel, als sie sich aufrichtete. »Entspannt Euch, Herr.« Sie beugte sich vor, sodass die Spitzen ihres Haars über seine Haut strichen. »Ihr hattet eine anstrengende Zeit.«

Esmeraldo ließ den Kopf zurücksinken. Es war ein guter Gedanke gewesen, sie mitzunehmen, damit er nicht an die endlosen Tiefen unter dem Rumpf der Galeere nachdenken musste.

Ihre Berührungen begannen gerade, ihm ein leises Stöhnen zu entlocken, als eine harte Stimme und ein energisches Klopfen ihn unsanft aus den wohligen Gedanken rissen.

»Don Esmeraldo? Seid Ihr da?«

Esmeraldo atmete tief ein und öffnete die Augen. Unter anderen Umständen hätte er die Störung geflissentlich ignoriert und den Verantwortlichen zu einem späteren Zeitpunkt seinen Unmut spüren lassen, aber die Stimme gehörte der Capitana, der einzigen Person an Bord, die er zu seinem Leidwesen nicht übergehen konnte.

»Was gibt es?«, rief er ungehalten. »Ich hoffe sehr für Euch, dass es wichtig ist.«

»Ich sollte Euch mitteilen, wenn wir Al’Anfa erreichen. Der Visra ist bereits in Sicht. In einem knappen Stundenglas laufen wir im Hafen ein.«

In einer Stunde ...

Esmeraldo stieß einen Fluch aus und schob die Sklavin zur Seite, die mit einem erschrockenen Laut vom Bett rutschte. Er rechnete nicht damit, dass man ihm einen triumphalen Empfang bereitete, dazu war Goldos Nachricht zu knapp, zu kurzfristig und vor allem nicht förmlich genug gewesen. Aber er sollte sich an Deck zeigen, wenn sie einliefen. Falsche Bescheidenheit hatte noch niemanden nach oben gespült, am allerwenigsten in der Stadt des Raben. Man nannte Goldo schließlich auch deshalb den Großartigen, weil er sich mit Gold und nicht mit Asche bestäuben ließ.

»Ihr werdet erst einlaufen, wenn ich bereit bin«, befahl er barsch in Richtung der Tür. »Geht auf Euren Posten.«

»Sehr wohl, Don Esmeraldo.« Die Antwort kam klar und zackig. »Ich schicke Euch Euren Leibburschen.«

Die Schritte entfernten sich.

Esmeraldo schwang die Beine aus dem Bett und schob die braunen Haare mit einer unwilligen Handbewegung zurück über die Schultern. »Steh auf«, herrschte er die Sklavin an, die sich die Lippe rieb. »Und zieh dir etwas an. Wir sind da.«

Fünf Jahre hatte er in Sylla verbracht. Doch nun würde er endlich heimkehren. Nach Al’Anfa.

Als er wenig später an Deck trat, fühlte er sich bereit, der Welt die Zähne zu zeigen. Esmeraldo zählte zu jenen Granden, die zu jung waren, um nach jahrelanger Schwelgerei fett und aufgedunsen zu sein oder hager und eingefallen vom Rauschkraut. Ehe man ihn nach Sylla entsandt hatte, um die unruhige Piratenstadt zu verwalten, hatte er unter Oderin du Metuant gedient. Der harte Drill des Generals hatte ihm nicht nur politisch genutzt, sondern ihn auch körperlich gestählt. So hatte er auch nach den Jahren in Sylla noch immer die breitschultrige Figur eines Soldaten, die durch die lange Weste und die breite Schärpe vorteilhaft betont wurde. Sein Gesicht war kantig, befehlsgewohnt, wie seine Leibmagierin einmal trocken festgestellt hatte, aber nicht unansehnlich. Nur seine Augen standen eine Wenigkeit zu eng beieinander, bei aller Perfektion ein Ärgernis, aber eins, das zu verschmerzen war. Ja, er war ein Glücksfall für seinen Großonkel, der ihn erst in den letzten Jahren wirklich wahrgenommen hatte. Doch das würde sich nun ändern.

Die Capitana stand an der Reling. Als er nähertrat, drehte sie sich mit einer schneidigen Bewegung zu ihm um und neigte den Kopf.

»Don Goldo hat mich beauftragt, Euch dies zu geben, sobald wir die Stadt erreichen«, teilte sie mit und reichte ihm ein sorgsam gefaltetes Papier. »Ihr sollt es lesen und gemäß seinen Anordnungen verfahren.«

»Anordnungen?« Esmeraldo hob eine Augenbraue, nahm das Schreiben aber entgegen. Kurz blieb sein Blick an dem Siegel hängen, das eine protzige Krone zeigte, ehe er es brach und die Zeilen überflog. Dann ließ er es sinken.

»Er will mich auf Gran Paligana sehen?«

»Don Goldo weilt in letzter Zeit oft auf den Plantagen. Im Hafen steht eine Sänfte für Euch bereit.«

Esmeraldo faltete den Brief wieder zusammen und nickte knapp. Es war sicher kein Zufall, dass ihn das Schreiben erst unmittelbar vor seiner Ankunft erreichen sollte. Goldo wusste, dass er so wenig Zeit haben würde, sich auf das Treffen vorzubereiten.

Die Sonne spiegelte sich auf den Wellen der Goldenen Bucht, verlor sich im Dunst des grünen Küstenstreifens, hinter dem sich undurchdringlicher Dschungel bis an die Hänge des Regengebirges erstreckte. Esmeraldo wandte den Blick nach vorne und genoss den warmen Wind auf dem Gesicht, während sich vor ihm allmählich schwarz und mächtig der Vulkan Visra aus dem morgendlichen Dunst schälte, an dessen Hängen sich die Stadt emporzog.

Die Perle des Südens nannte man Al’Anfa, aber Esmeraldo wusste, dass seine Heimatstadt mehr war – ein Diamant, geschliffen durch Härte, das pulsierende Herz des Imperiums. In der Ferne waren bereits die Türme der Universität zu erkennen und die Villen und Plätze der Grafenstadt. Banner flatterten über der Arena im Wind, und er meinte fast, den Lärm der Straßen und Gassen bis hier draußen zu hören. Al’Anfa schlief nie, sagte man. Wenn die Sonne hinter den Gipfeln des Regengebirges versank, tauchten tausende Öllampen die Stadt in ein Meer aus Lichtern. Und wenn sich der Tag erhob und die letzten Nachtschwärmer sich trunken von Wein und Rauschkraut in einer dunklen Ecke verkrochen, schwärmten bereits die Sklaven aus, um die Brunnen und Plätze zu säubern, huschten Fischer und Feldsklaven auf die Märkte, um frische Früchte und den Fang der letzten Nacht feilzubieten. In den Hauswinkeln drückte sich bereits das Gesindel der Baracken oder aus den Vorstadthütten, auf der Suche nach einer Handvoll Reis. Wenn der Boronrufer schließlich den nahenden Morgen verkündete, zogen Prozessionen hinauf zur Stadt des Schweigens, dem höchsten Tempel des rabengestaltigen Totengottes Boron und Sitz seines mächtigsten Dieners, des Patriarchen von Al’Anfa. Dann erwachte auch der Silberberg, wo die Granden, die hohen Familien der Stadt, in ihren Villen residierten. Sie hatten in den letzten Jahren einen hohen Blutzoll gezahlt, aber ihre Macht war auch unter dem Schwarzen General ungebrochen, denn ihr Gold war das Blut, das die Adern der Stadt pulsieren ließ. In keiner anderen Stadt lagen Elend und Pracht so eng nebeneinander wie in Al’Anfa, in keiner anderen Stadt konnte man so hoch aufsteigen und so tief fallen. Und keine andere Stadt war so großzügig und zugleich so grausam.

Esmeraldo sog die salzige Luft tief in die Lungen, und er spürte, dass er lächelte. Heimat. Hier war alles möglich. Seine Stadt, sein Spiel, und es würden seine Regeln sein, nach denen er es zu gestalten gedachte. Mit Goldos Wohlwollen und der Protektion des Schwarzen Generals gab es nichts, was ihn aufhalten konnte.

Die Sonne neigte sich bereits über die Gipfel des nahen Regengebirges, als Esmeraldo sein Ziel erreichte. Gran Paligana war nicht ohne Grund die Lieblingsplantage Goldo Paligans. Natürlich diente der Ort in erster Linie dem Anbau von Arangen, einer jener Waren, die im Norden gute Preise erzielten und Al’Anfas Wohlstand begründeten. Daneben war die Plantage aber auch Oase und Refugium des Familienoberhaupts der Paligan. Vier Schritt hohe, strahlend weiß getünchte Mauern umgaben das innere Areal, in dem sich inmitten einer großzügigen Gartenanlage das Herrenhaus und die Quartiere der Haussklaven befanden. Der Duft von Amarant, Magnolien und Kakaobäumen lag in der Luft, und aus der Ferne drangen die leisen Klänge einer Laute. Die Villa selbst war im spätbosparanischen Kolonialstil gehalten, ein eingeschossiges, weitläufiges Gebäude, das verschiedene schattige Innenhöfe und Gärten umschloss und angenehme Kühle versprach. Mächtige Säulen beherrschten die Fassade und trugen ein Relief aus vergoldetem Marmor, das bedeutsame Vertreter des Hauses Paligan zeigte. Herrlich und stolz, teils mit dem Säbel in der Hand, teils als Kauffahrer und Ratsherren näherten sie sich dem zentral gesetzten göttlichen Raben. Ohne das Knie zu beugen, wie Esmeraldo wieder einmal feststellte, als die Sänfte endlich zum Stehen kam und ein dicklicher Sklave herbeisprang, um ihm beim Aussteigen zu helfen. Es war Goldos Botschaft, die jedem Besucher deutlich entgegensprang: Ein Paligan kniete nicht, er hielt den Stürmen stand, oder er ging unter.

Esmeraldo straffte die Schultern. Die drückende Schwüle und das stete Schaukeln der Sänfte hatten ihm Kopfschmerzen beschert, und seine Kleidung klebte unangenehm am Körper. Es war Zeit, sich seinem Großonkel zu stellen.

»Ich nehme an, Don Goldo erwartet mich?«, wandte er sich an den Sklaven.

»Natürlich. Er befahl mir, Euch zu ihm zu bringen.« Der Sklave zeigte ein dienstfeiles Lächeln und hob dann die Hand, als Khaya ihnen folgen wollte. »Nur Euch. Eure Sklavin wird anderswo benötigt.«

»Benötigt?« Esmeraldo runzelte die Stirn, als sich auf einen Wink des Sklaven hin zwei Gardisten aus dem Schatten der Säulen lösten, um Khaya in die Mitte zu nehmen. »Wenn ich mich recht erinnere, hat Don Goldo sie mir damals zum Geschenk gemacht.«

»Das ist richtig. Ihr werdet sie wiedersehen.« Das Lächeln des Sklaven blieb ebenso höflich wie glatt. »Wenn Ihr mir folgen würdet? Don Goldo schätzt es nicht zu warten.«

Und Esmeraldo schätzte es nicht, wenn andere über sein Eigentum verfügten. Doch der Gedanke, wegen einer Sklavin einen Bruch mit seinem Großonkel in Kauf zu nehmen, war grotesk. Brüsk wandte er sich ab und folgte dem Sklaven ins Innere des Anwesens.

Der dickliche Mann führte ihn durch ein Atrium mit blumenbekränzten Säulen, vorbei an einem Marmorbecken, in dem buntschillernde Fischchen umherflitzten. Die Musik, die er zuvor schon vernommen hatte, drang nun deutlicher an sein Ohr, untermalt von den betörenden Klängen einer Kabasflöte, die sich im harmonischen Spiel mit einer glockenhellen Stimme verband. Schließlich gelangten sie in einen Garten, der von einem weiteren, weitläufigen Säulengang umgeben war.

Der Sklave gab Esmeraldo mit einer Geste zu verstehen, dass er warten sollte, und eilte zu einem Pavillon aus vergoldeten Mohagonistreben, der sich auf einer Marmorterrasse erhob. Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann kehrte er zurück. »Don Goldo ist bereit, Euch zu empfangen. Bitte folgt mir.«

Esmeraldo nickte knapp. Die Spannung war inzwischen einer gewissen Ungeduld gewichen. Zielstrebig schritt er auf den Pavillon zu – und hielt verblüfft inne.

Er hatte ein weiteres Schauspiel paliganscher Prachtentfaltung erwartet, vielleicht einen Thron, von dem aus der Großartige ihn huldvoll zu sich winkte, vielleicht einen Diwan und ein halbes Dutzend halbnackter Sklaven und zahmer Geparden, vielleicht einen Kreis erlauchter Persönlichkeiten, zu dem ihm Goldo großzügig Zugang gestattete. Stattdessen war der Pavillon von fast schon erschreckender Schlichtheit. Ein einzelner Tisch mit einer Karaffe gekühlten Limonenwassers stand dort, ein seidenbezogener Hocker und ein Ständer mit verschiedenen Jagdwaffen.

Sein Großonkel stand in der Mitte des Pavillons und hielt die Arme ausgebreitet, während zwei Sklaven um ihn herumhuschten und eine lederne Weste mit passender Schärpe zurechtzupften. Goldo Paligan war eine hochgewachsene, massige Gestalt, ohne dabei übermäßig fett zu wirken. Das blonde Haar war an den Schläfen ebenso ergraut wie der feingestutzte Bart, der ein ehemals markantes, nun vom Alter und gutem Leben gezeichnetes Gesicht umrahmte. Als junger Mann musste Goldo einmal gut ausgesehen haben, doch Satinav, der unerbittliche Herr der Zeit, forderte seinen Tribut. Auch, wenn Esmeraldo wusste, dass der Großartige bereits das siebte Lebensjahrzehnt erreicht hatte, war er einen Herzschlag lang überrascht, wie sehr Goldo in den vergangenen Jahren gealtert war. Doch dann drehte sich der Grande zu ihm um, und als sein Blick ihn traf, erkannte Esmeraldo, dass der Verfall allenfalls die vergängliche Hülle betraf. Klar und aufmerksam sahen ihm die wasserblauen Augen entgegen und maßen ihn mit interessiertem Blick.

»Esmeraldo.« Goldos Mundwinkel hoben sich zu einem Lächeln. »Wir hatten fast nicht mehr mit Euch gerechnet.«

»Don Goldo.« Esmeraldo neigte den Kopf, nicht zu tief, aber ausreichend, um Respekt anzudeuten. »Verzeiht die Verzögerung, aber ich erwartete Euch eigentlich in Al’Anfa. Hätte ich gewusst, dass Ihr mich hier empfangt, hätte ich sicher ein Pferd bereitstellen lassen.«

»Ihr seid früh genug.« Goldo winkte ab und hob einen Arm, damit der Sklave die Schärpe zurechtrücken konnte. »Die Überfahrt verlief zu Eurer Zufriedenheit?«

»Gewiss. Die Paligana Septima ist ein gutes Schiff, die Capitana fähig, und ich hatte angenehme Gesellschaft. Die ich inzwischen jedoch vermisse.«

»Die kleine Khaya.« Goldo lächelte milde. »Sie gefällt Euch?«

»Durchaus. Ich bin allerdings etwas verwundert, dass Eure Leute angewiesen wurden, sie ...«

Goldo unterbrach ihn mit einer Handbewegung. »Ihr werdet sie wiedersehen. Außerdem vergeht Ihr wahrscheinlich vor Ungeduld zu erfahren, weshalb Wir Euch von Euren ohne Zweifel wichtigen Aufgaben in Sylla losreißen und hierherkommen ließen.«

Sein Großonkel kam ungewöhnlich schnell zur Sache. Esmeraldo runzelte die Stirn, während er sich noch fragte, welche Finte nun wieder dahinterstecken mochte. Eigentlich hatte er erwartet, zu einer netten Plauderei bei einem Glas Wein geladen zu werden, bei dem man zunächst die üblichen Belanglosigkeiten austauschte, ehe man langsam zu den interessanten Themen kam. Offensichtlich gedachte Goldo das übliche Vorgehen zu beschleunigen.

»Wir sehen, die Frage beschäftigt Euch bereits.« Goldo schmunzelte und nahm dem Sklaven einen silbernen Dolch ab, um ihn sich unter die Schärpe zu schieben. »Ihr sollt eine Antwort erhalten. Man sagte Uns, Ihr seid ein guter Jäger. Jemand, der eine Beute nicht wieder loslässt, wenn er sie einmal gepackt hat. Allerdings sind Wir bei solchen Geschichten nie sicher, ob es sich nicht um die klassische Übertreibung willfähriger Sklaven handelt oder ob ihnen tatsächlich mehr als ein Funken Wahrheit innewohnt. Wir wollen es herausfinden! Ihr begleitet Uns doch sicher zur Jagd?«

»Zur Jagd?« Esmeraldo blinzelte einen Moment lang irritiert. Doch dann verstand er. »Es ist mir ein Vergnügen, Don Goldo«, antwortete er mit fester Stimme. »Verratet Ihr mir, was wir jagen werden? Es wird in Kürze dunkel.«

»Unsere mohische Amme erzählte immer, die Nacht sei die beste Zeit für große Jäger.« Goldo scheuchte die Sklaven mit einer Handbewegung fort und trat an den Waffenständer heran, um eine der Armbrüste herauszunehmen. »Lassen wir uns überraschen, ob sie Recht hat. Nehmt das hier und macht Euch damit vertraut.« Er drückte Esmeraldo die Waffe in die Hand. »Wir erwarten schließlich einen sicheren Schuss.«

Esmeraldos Finger schlossen sich um das glatte Holz der Armbrust. Es war eine hervorragend gearbeitete Waffe, etwas schwer, aber handhabbar, wenn er sie etwas abstützte. Er fuhr probeweise die Vertiefung entlang, die den Bolzen führte. Keine Unebenheit, nichts, was den Flug ablenken würde. »Ich neige nicht dazu, meine Beute davonkommen zu lassen. Dennoch bin ich gespannt zu erfahren, was das Ziel dieser Jagd sein wird. Wünscht Ihr ein neues Tigerfell für Euer Schlafgemach?«

»Firun bewahre! Solche Felle haben meist nur unschöne Löcher. Nein, eine Beute sollte selbstverständlich lohnenswert sein.« Goldo trat an das Tischchen, um sich ein Glas Wasser einzuschenken. Dann griff er nach einem Kästchen, das neben der Karaffe stand, und zog eine Kette mit einem Rubinanhänger hervor. Langsam ließ er ihn zwischen den Fingern baumeln. Das Licht der tiefstehenden Sonne fing sich in dem Stein, sodass es schien, als glühe er von innen heraus in einem warmen Feuer.

»Ein hübsches Stück, nicht wahr?« Goldo betrachtete es einen Moment lang versonnen. »Ein Erbstück, angeblich zurückreichend bis in die Zeit, da Unsere Familie noch die Vizekönige von Meridiana stellte. Vergangenheit und Zukunft, königliche Macht und das, was davon übriggeblieben ist .... Eine angemessene Beute, wenn man so will. Unsere Wildhüter werden es in Verwahrung nehmen.«

»Die Jagd gilt einem Schmuckstück?«

»Nun, das wäre doch etwas langweilig.« Goldo ließ das Amulett in die Handfläche hochschnellen und schloss die Finger darum. »Schmuckstücke an sich pflegen sich nicht zur Wehr zu setzen, und die Gegenwehr ist es letztendlich doch, die eine Jagd interessant macht. Sonst könnte man ebenso gut auf ausgestopfte Papageien schießen. Nein, wir reden tatsächlich von Tigern. Erfreulicherweise halten Unsere Wildhüter einige dieser Bestien bereit. Damit haben wir eine lohnenswerte Beute und einen ebenbürtigen Gegner. Von Euch erwarten wir selbstverständlich ein beeindruckendes Schauspiel. Meint Ihr, dass Ihr dem gewachsen seid?«

Esmeraldo nickte langsam. Es war ein Spiel, das Goldo mit ihm spielte, aber er mochte den Einsatz. »Ich bin bereit. Wann werden wir aufbrechen?«

Goldo lächelte sacht. »Augenblicklich.«

Es war alles vorbereitet. Ein gutes Dutzend Treiber mit Klappern und Spießen stand bereit, dazu drei Jagdhelfer mit Zornbrechter Bluthunden. Die Tiere warfen sich in ihre Ketten, bellten aufgeregt, aber Esmeraldo wusste, dass sie bei einer Tigerjagd nur von der Leine gelassen wurden, wenn Gefahr für den Jäger drohte. Ein Tiger war ein majestätisches Wesen, das man nicht zerfleischen ließ wie ein beliebiges Stück Wild, sondern im Moment des Triumphs mit einem gut gezielten Schuss zur Strecke brachte.

Zu diesem Zweck stand auch ein Jagdelefant bereit, auf dessen Rücken eine geräumige Gondel für den Hausherrn und seinen Gast angebracht war. Zweifellos machte diese Art der Jagd den Kampf einseitiger, aber letztendlich waren solche Zweikämpfe ohnehin nur symbolischer Natur. Niemand, der klar bei Verstand war, trat zu Fuß einem gereizten Tiger entgegen, und das wusste auch ein Goldo Paligan.

Fackeln erhellten die Kulisse des nächtlichen Dschungels, als sie die Plantage schließlich verließen. Die Rufe der Treiber hallten zwischen Farnen und düsteren Urwaldriesen, gefolgt von den schweren Schritten des Elefanten, der sich langsam einen Weg durch das Unterholz bahnte. Schatten huschten umher, verschwanden im Dunkel, ehe man sie fassen konnte, dort das Keckern eines Affen, hier ein schriller Schrei, der von einem Vogel oder vielleicht auch von einem Menschen rühren konnte.

Auch Esmeraldo fühlte sich von einer seltsamen Unruhe erfasst. Aufmerksam glitten seine Augen über das Dickicht, dessen Dunkel nahezu alles verborgen halten mochte. Schon bei Tag war eine Tigerjagd nicht ungefährlich. Bei Nacht war sie unberechenbar. Dennoch verspürte er keine Angst, allenfalls gespannte Erwartung.

»Die Tigerjagd ist ein Vergnügen, für das man viel zu selten Gelegenheit hat«, drang Goldos Stimme zu ihm heran. »Dabei verrät sie uns so viel, über die Beute wie über den Jäger.« Gelassen ruhte der Großartige auf seinem Thron aus Seidenkissen, während er das Schaukeln des Elefanten scheinbar gleichmütig hinnahm. Seine Hand lag auf dem Knauf seines Spazierstocks, den er gelangweilt hin und her bewegte, als spüre er die wachsende Anspannung nicht, die über der Jagdgesellschaft lag.

»Ihr seid gespannt, was sie über mich erzählt?« Esmeraldo drehte sich nicht um. Die Armbrust ruhte locker in seinen Händen.

»Ach nein.« Der Grande lachte leise. »Wir haben keinen Zweifel daran, dass Ihr nicht zögert, wenn Euch der Tiger gegenübersteht.«

Wenn Ihr das bereits wisst, wozu dann dieser ganze Aufwand? Esmeraldo runzelte die Stirn, aber er blieb stumm. Ein Stück vor ihnen knackte etwas im Unterholz, und ein Ruf drang durch die Nacht.

»Ihr müsst wissen, mit der Tigerjagd verhält es sich wie mit den meisten Dingen im Leben«, fuhr Goldo fort. Seine beringte Hand strich über den Knauf seines Stocks. »Sie nötigt uns in einem einzigen Moment hundert Entscheidungen ab, von denen jede einzelne unser Schicksal besiegeln kann. Sie fordert, dass man handelt. Schnell, hart und konsequent.« Seine Hand hielt in der Bewegung inne, und Esmeraldo spürte wieder den Blick, der auf ihm ruhte. »Die Präfektur von Sylla war ein guter Ort, um eine Klinge zu schärfen. Hier in Al’Anfa gibt es hingegen viele Möglichkeiten, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Ungeachtet der Tatsache, wie hoch man gestiegen ist und wessen Gunst man genießt. Mögt Ihr Wein?«

Esmeraldo schüttelte den Kopf. »Ich brauche eine ruhige Hand für Euren Tiger.«

»Ach was.« Goldo lachte und schnippte mit den Fingern, woraufhin einer der begleitenden Sklaven vorsichtig einen Kelch mit Rotwein auf einer gegabelten Stange hinauf balancierte. »Unser Vater pflegte, nur dann zur Tigerjagd zu gehen, wenn er so viel getrunken hatte, dass er nicht mehr in der Lage war, seine Gespielinnen zu beglücken. Dafür traf er noch erstaunlich gut. Manche nannten ihn tollkühn, andere mutig. Wir halten Uns eher an Letzteres. Mut zählt zweifellos zu den Tugenden Unserer Familie, zumindest bei der Mehrzahl der Männer und Frauen, die den Namen Paligan tragen.«

»Das klingt, als sähet Ihr eine Ausnahme.«

»Wir sehen viele Ausnahmen.« Goldo schmunzelte und nippte an dem Wein. »Die meisten berühren Uns jedoch nicht. Nicht jeder Stier ist dazu berufen, unter dem donnernden Beifall der Arena seine Gegner in den Staub zu werfen. Manch einer taugt eher zum Decken als für die Öffentlichkeit, und wieder andere getrauen sich kaum, die Weide zu verlassen, auf der sie geboren wurden.«

Esmeraldo lachte trocken. »Und wo seht Ihr mich, Don Goldo?«

»Ihr wart in Port Corrad und Sylla, also habt Ihr die Weide bereits vor langer Zeit verlassen.« Goldo nahm einen weiteren Schluck, als wollte er seine Worte einen Moment lang sacken lassen. »Ihr seid Uns aufgefallen, Esmeraldo. Wir haben verfolgt, was Ihr in Sylla erreicht habt. Ihr seid klug und zielstrebig, und Ihr habt ein Gespür dafür, auf den richtigen Gladiator zu setzen. Eure Verbindung zu Oderin du Metuant hat Euch die Präfektur beschert, aber auf Dauer scheinen Uns Eure Fähigkeiten in diesem Piratennest doch etwas vergeudet.«

Esmeraldo nickte langsam. Wieder klang Lärm von weiter vorne, aufgeregte Stimmen und ein Ruf. Fackeln tanzten vor ihm durch die Dunkelheit und tauchten den nächtlichen Dschungel in unruhiges Zwielicht. »Ihr wollt mich an Eure Seite holen«, stellte er leise fest. »Deshalb bin ich hier.«

»Das ist durchaus möglich. Allerdings haben Wir mit vorschnellen Entscheidungen schlechte Erfahrungen gemacht. Uns scheint übrigens, als habe man dort hinten etwas ausgemacht.« Die Ringe an Goldos Fingern funkelten, als er mit einer beiläufigen Geste in die Richtung der Treiber wies. »Unser letzter Jäger erwies sich als bedauernswert unentschlossen, obwohl seine Herkunft vielversprechend war. Man sollte eben nie den Fehler machen, von den Eltern auf den Nachwuchs zu schließen. Tatkraft wird letztendlich vom Leben selbst geformt und nicht von einer seidenbespannten Wiege vorherbestimmt.«

»Ihr sprecht von Don Amato.« Amato, natürlich. Ein weiterer Großneffe des Großartigen, entfernt verwandt, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund hatte Goldo den jungen Mann gefördert, ihm gar einen Sitz im Hohen Rat der Zwölf verschafft. Nun gehörte er zu den engsten Vertrauten des Schwarzen Generals, und doch schien Goldo gewillt, ihn fallen zu lassen.

Esmeraldo hob die Armbrust. »Ihr braucht mich, um an seine Stelle zu treten.«

Goldo lachte leise. »Wir brauchen Euch nicht, Esmeraldo. Aber Wir sind bereit, Euch Gelegenheit zu bieten, Euch zu beweisen. Man sagt Uns vieles nach, aber sicher nicht, einen Fehler zweimal zu machen. Vor allem, wenn Wir Vergangenheit und Zukunft des Hauses Paligan in die Waagschale werfen.«

Und Esmeraldo musste sie nur ergreifen. Er atmete tief aus und stellte die Füße eine Handbreit weiter auseinander, um einen sicheren Stand in der schwankenden Gondel zu finden.

In diesem Moment gellte ein schmerzerfüllter Schrei aus dem Unterholz, der in ein qualvolles Wimmern überging und dann erstarb. Schatten zuckten, angstvolle Rufe ertönten, und darunter das tiefe Grollen des großen Raubtiers. Einige Farnwedel wippten auf und ab.

Esmeraldo befahl dem Elefantenführer mit einer knappen Geste, das Tier zum Halten zu bringen. Unruhig warf es den Rüssel hin und her, als spüre es ebenfalls die Nähe des Tigers, aber es stand ruhig. Die Sklaven waren zurückgewichen und hatten sich ängstlich hinter den Jagdhelfern mit den Bluthunden versteckt, die sich geifernd in ihre Ketten warfen.

Esmeraldos Kopf war klar, als er den Sitz des Bolzens prüfte und die Sicherung der Armbrust löste. Mit einer geschmeidigen Bewegung setzte er sie an die Schulter und verengte die Augen gegen das unruhige Licht der Fackeln.

»Ihr prüft mich allen Ernstes, indem Ihr mich einen halbzahmen Tiger erschießen lasst?« Er sprach leise, aber er war überzeugt, dass Goldo ihn hören würde. »Wenn Don Amato selbst daran gescheitert ist, tut Ihr gut daran, ihn zu ersetzen.«

»Wir reden nicht von erschossenen Tigern.« Goldos Worte gingen beinahe unter im Geschrei der Treiber, das plötzlich ganz nah klang. »Wir reden von Entschlossenheit. Und der Bereitschaft, Euch zu nehmen, was Euch zusteht.«

In diesem Moment brach der Tiger aus dem Unterholz. Es war anders, als Esmeraldo vermutet hatte, kein geschwächtes oder dürres Geschöpf, sondern ein stattliches Tier und größer als die Exemplare, die er zuletzt für die Spiele in Sylla hatte einfangen lassen. Das Brustfell war blutbesudelt, und die mächtigen Kiefer hatte die Raubkatze in den Nacken eines unglücklichen Treibers geschlagen, den sie wie eine Puppe mit sich schleifte.

Esmeraldo legte den Kopf ein wenig zur Seite. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie Goldo den Hundeführern mit einer Handbewegung zu verstehen gab zu warten.

Entschlossenheit. Das Wort hatte einen so wundervollen Klang. Einen vertrauten Klang. Goldo hatte gut daran getan, ihn hierherzuholen. Was war Amato doch nur für ein Narr.

Der Tiger hielt inne. Ein tiefes Grollen drang aus seiner Brust, und der Blick der dunklen Raubtieraugen fand die Insassen der Sänfte. Ein wildes Exemplar wäre vielleicht gewichen und mit seiner Beute im Unterholz verschwunden. Dieser Tiger aber kannte die Käfige der Menschen, und er würde eher töten als weichen.

Esmeraldo spürte eine tiefe Ruhe in sich, als er den Zeigefinger an den Abzug legte. Es war einer dieser Momente, die eine Jagd zu etwas Besonderem machten, in dem selbst die Zeit den Atem anzuhalten schien. In dem es nur ihn und seine Beute gab. Der Moment des Jägers.

In diesem Augenblick zerriss ein jähes Krachen seine Konzentration, als eine Gestalt aus dem Unterholz getaumelt kam. Esmeraldos Herz tat einen erschrockenen Satz, als er sie erkannte.

Khaya war nackt, aber ihre Haut war von zahlreichen kleinen Wunden gezeichnet, wo die Treiber sie mit den Spießen vor sich hergetrieben hatten. Getrocknetes Blut klebte an ihren Händen und im Gesicht. Panik stand in ihren Augen, die sich gehetzt umblickten, wie ein in die Enge getriebenes Tier auf der Suche nach einem Fluchtweg. Als sie den Tiger entdeckte, schrie sie erschrocken auf. Im Zurücktaumeln fiel das zuckende Licht der Fackeln auf den Schmuckstein, der an einer Kette um ihren Hals hing.

Esmeraldo sog scharf Luft zwischen den Zähnen ein.

»Interessant.« Goldo sprach leise, als redete er mit sich selbst. »So ein hübsches, schreckhaftes Ding. Ich kann verstehen, dass Ihr sie mögt.«

Esmeraldo presste die Lippen aufeinander. Noch immer hielt er die Armbrust im Anschlag, aber er spürte, wie seine Hand mit einem Mal zitterte. Der Tiger fauchte und ließ von seinem Opfer ab. Der schlanke Schweif zuckte unschlüssig hin und her, als versuche er abzuschätzen, ob die blutende Menschenfrau Gegnerin, Konkurrentin oder Beute sei.

Khaya wich zurück, aber der Herzschlag reichte dem Raubtier aus, um eine Entscheidung zu treffen. Der massige Körper spannte sich zum Sprung.

Es gab ein hässliches Geräusch, als die Armbrust den Bolzen frei gab. Tief bohrte sich das Geschoss in den Hals des Raubtieres und warf es noch im Sprung zur Seite. Mit einem dumpfen Schlag fiel es zu Boden und blieb zuckend liegen.

Esmeraldo hörte, wie Goldo hinter ihm leise Beifall klatschte, aber er kümmerte sich nicht darum. Kalte Entschlossenheit erfüllte ihn, als er die Winde nahm, um die Armbrust erneut zu spannen. Sein Blick fasste Khaya, die wie angewurzelt stand und zu ihm hochstarrte. Sie war immer noch schön, trotz des Bluts, das ihre helle Haut besudelte. Erleichterung lag auf ihren Zügen, und einen Moment schien es, als wollte sie etwas rufen, ihn bitten, sie zu sich zu holen.

Ihr Lächeln erstarb, als er die Waffe hob und einen weiteren Bolzen in die Führungsrinne legte. Ihre Augen weiteten sich ungläubig, dann flackerte Verstehen in ihnen auf, und sie taumelte zurück.

Esmeraldo legte die Armbrust an und verengte die Augen, während er sein Ziel suchte. Deutlich sah er das Kleinod auf ihrer Brust, das im Licht der Fackeln funkelte. Es stand ihr gut, und es war ein Jammer. Aber Goldo wollte Entschlossenheit. Und er, Esmeraldo, wollte die Zukunft.

Für einen Moment trafen sich ihre Blicke, und Esmeraldo erkannte das blanke Entsetzen in ihren Augen. Diese schönen Augen, die ihn heute Morgen noch mit so viel geheuchelter Verliebtheit betrachtet hatten. Sein Finger krümmte sich um den Abzug.

Es gab keinen Laut, als ihr gefällter Körper auf dem Dschungelboden aufschlug. Er zuckte noch einmal, dann lag er still, und die Hand, die sich im Sterben noch zur Faust geballt hatte, erschlaffte.

Esmeraldo atmete tief durch, ehe er die Waffe absetzte.

Dieses Mal applaudierte Don Goldo nicht. Seine Finger ruhten auf dem Griff des Gehstocks, als Esmeraldo sich umdrehte. Aber er nickte kaum merklich.

Amato

Wind war aufgekommen und trieb Amato eine einzelne, schwarze Strähne ins Gesicht. Irritiert schob sie der junge Grande beiseite und wandte die Augen zum Horizont, in Erwartung einer jener Sturmfronten, die sich plötzlich und nachtschwarz über dem Meer auftürmten. Man sagte, die Sturmherrin Rondra selbst reite den Wolken voraus und sammle die Winde, um sie über die Stadt hereinbrechen zu lassen wie der Zorn eines Giganten. Wie dürres Schilf rissen sie dann die Hütten der Elendsviertel mit sich und trieben das Wasser mit brausender Gischt über die Hafenanlagen. Doch es war nichts zu sehen. Tiefblau und ruhig lag das Meer unter der sengenden Sonne, die bereits jetzt am Vormittag auf die Bucht niederbrannte und eine nasswarme Schwüle über die Stadt legte.

»Die Corona Paligana und die Paligana Quinta sind der Beitrag Eures Onkels, des großartigen Don Goldo«, riss ihn die Stimme der Offizierin aus den Gedanken. Man hatte sie dazu abbestellt, ihn durch den Kriegshafen zu führen, damit er sich ein Bild der Lage machen konnte. Ihre Begeisterung schien sich jedoch in Grenzen zu halten, denn sie leierte die Fakten herunter, als ginge sie davon aus, dass er ohnehin keine Ahnung davon hatte, was sie ihm zeigte. »Er kommt außerdem für die Besatzungen und die Bewaffnung auf. Dazu stellt er vier weitere Galeeren und vier Schivonen der Rabenschwingen-Klasse, die jedoch zurzeit nicht im Hafen liegen. Und die Paligana Octava, die auf dem Rückweg von Uthuria ist, um der Flotte Geleitschutz zu geben.«

Amato nickte höflich. Er verstand tatsächlich wenig von den Kriegsvorbereitungen, die seit einigen Wochen die gesamte Stadt ergriffen hatten, und noch weniger von den verschiedenen Schiffsklassen, die ihm die Offizierin im Laufe der letzten Stunde vorgestellt hatte. Sein spärliches Wissen hatte er aus den Büchern, die Goldo ihm gegeben hatte, damit er im Rat nicht aus Unwissenheit alles abnickte, was man ihm vortrug. Er hatte sich ehrlich bemüht, war letztendlich aber zu dem Schluss gekommen, den Krieg lieber denjenigen zu überlassen, die etwas davon verstanden. Als der Hohe Rat der Zwölf noch Bestand gehabt hatte, war seine Stimme nur eine unter zwölf gewesen, und da jeder wusste, dass er sich allenfalls auf den Krieg in der Arena verstand, hatte man seiner Meinung ohnehin wenig Bedeutung zugemessen.

Seit Oderin du Metuant jedoch die Macht an sich gerissen und Amato in seinen engen Beraterstab geholt hatte, konnte er sich nicht länger der Meinung anschließen, die ihm die vernünftigste schien. Und jetzt, da der Schwarze General Soldaten und Kriegsschiffe in der Stadt zusammenzog, musste Amato verstehen, was auf Oderins Kommandotisch nur Striche und Zahlen auf dem Papier waren.

»Dort drüben liegt übrigens die Rabenflug.« Die Offizierin deutete auf eine größere Galeere der Golgari-Klasse. »Das Flaggschiff des Großadmiralissimus, Don Coragon Kugres«, fügte sie rasch hinzu, als ginge sie davon aus, dass Amato nicht einmal das wüsste. »Don Coragon wird heute wieder auslaufen. Aber wenn Ihr wünscht, kann ich anfragen, ob er Zeit hat, Euch zu empfangen. Ich kenne den befehlshabenden Offizier.«

Amatos Braue hob sich. »Der Großadmiralissimus ist an Bord?«

»Sicher.« Die Frau nickte. Ihre Augen, die zuvor eher gelangweilt geblickt hatten, glänzten mit einem Mal. Offenbar verehrte sie ihren Admiral ebenso inbrünstig wie die Garden den Schwarzen General. »Don Coragon ist das Herz und der Kopf der Flotte. Der größte Admiralissimus, den Al’Anfa je hatte. Natürlich bleibt er an der Seite seiner Leute. Wünscht Ihr, ihn zu treffen?«

»Ein anderes Mal vielleicht.« Vermutlich wäre es sogar sinnvoll, mit dem Kugres zu sprechen, aber im Gegensatz zu seinem Onkel Goldo, der aus jeder Begegnung eine Gelegenheit machte, neue Verbündete zu gewinnen, fiel es Amato immer noch schwer, zwanglos zu plaudern und gleichzeitig jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Das ganze Geschacher und Taktieren ekelte ihn an, auch wenn er längst Teil davon geworden war. Als Mitglied des Kleinen Rats gehörte er zu den bedeutsamsten Persönlichkeiten der Rabenstadt, sodass er sich vor Einladungen und Bittgesuchen kaum retten konnte. Allerdings verhalf ihm seine Stellung auch dazu, sich allmählich dem Einfluss seines allmächtigen Onkels zu entziehen. Denn auch die Macht Goldo des Großartigen endete inzwischen vor der Tür zu Oderins Besprechungsraum.

»Wir wollen ihn nicht aufhalten«, fuhr er fort und schenkte der Frau ein flüchtiges Lächeln, damit sie die Absage nicht als Herabsetzung ihres verehrten Admirals verstand. »Don Coragon hat zu diesen Zeiten sicher Wichtigeres zu tun als mit mir zu plaudern. Ich danke Euch aber für Eure Zeit. Ihr habt mir sehr geholfen.«

»Jederzeit, Don Amato.« Die Offizierin verbeugte sich zackig, doch als sie sich aufrichtete, war die Begeisterung wieder militärischer Höflichkeit gewichen. »Ich freue mich, wenn ich zu Diensten sein konnte.«

Das bezweifelte Amato. Ganz sicher hatte sie Besseres zu tun, als ihm Dinge zu erklären, die wahrscheinlich jeder aufmerksame Hafenarbeiter besser wusste. Seit Wochen schon zog der General die Truppen zusammen, ohne dass er das Ziel dieses immer offensichtlicher geplanten Feldzugs nannte. Amato fragte sich, wie er die Söldner bei Laune hielt. Schon jetzt war die Lage am Hafen schwierig, weil gelangweilte Seesoldaten die umliegenden Tavernen und Schänken unsicher machten und Hafenarbeiter drangsalierten. Die Offiziere hatten alle Hände voll zu tun, für Ruhe zu sorgen und die Mannschaften zu disziplinieren. Lange konnte Oderin nicht mehr zögern, wenn die Begeisterung für den bevorstehenden Feldzug nicht in Unmut umschlagen sollte.

Amato verabschiedete sich und bedeutete seinem Beschützer, ihm zu folgen. Reto war Mittelreicher, ein Gladiator, den Amato einst freigelassen hatte, weil ihm der unbeugsame Geist des Mannes imponiert hatte. Und noch etwas anderes, Tieferes, das er nie ausgesprochen hatte. Es war ohnehin hoffnungslos, und Amato hatte versucht, es zu verdrängen. In einer Stadt wie Al’Anfa durfte man sein Herz nicht leichtfertig verschenken, sodass er seins tief in seiner Brust eingeschlossen hatte. Liebe machte ihn verletzlich, nicht nur für seine Gegner, die ihn am liebsten im Hanfla treiben sähen, sondern auch und vor allem für Goldo, der ein unfehlbares Gespür dafür hatte, wie man Spielfiguren zurück in die Reihe zwang. Dass er sich weitgehend von Goldos Einfluss befreit hatte, war ihm nur gelungen, weil es nichts mehr gab, womit sein Onkel ihn zwingen konnte. Auch wenn es bedeutete, allein zu sein.

»Ich habe noch nie so viele Kriegsschiffe auf einem Haufen gesehen«, brummte Reto, der sich trotz der Jahre im Süden immer noch nicht an die schwüle Hitze gewöhnt hatte. Schweiß stand ihm auf der Stirn, den er mit einem schmutzigen Tuch beiseite wischte. »Der General scheint wirklich Großes zu planen.«

Amato nickte. Zu gerne hätte er mit Reto über den kommenden Feldzug gesprochen. Schließlich war der Mittelreicher in seinem vorigen Leben Krieger gewesen und verstand vermutlich viel mehr vom Taktik und Kriegskunst als er selbst. Aber solange der General schwieg, war auch er zum Stillschweigen verpflichtet.

»Es scheint so«, sagte er daher unbestimmt und trat zu der Sänfte, die am Kai auf ihn gewartet hatte. »Ich will nach Hause. Sorg dafür, dass uns unterwegs niemand aufhält. Ich will nachdenken.«

Retos Blick verriet, dass er ahnte, was in ihm vorging. Aber zu Amatos Erleichterung beließ er es dabei und knurrte stattdessen Befehle in Richtung der Träger, die ihrem Herrn gehorsam beim Einsteigen halfen.

Amato ließ die Vorhänge fallen, die ihn vor den neugierigen Blicken der einfachen Bevölkerung, der Fana, verbarg, und lehnte sich in die Kissen zurück. Er rümpfte die Nase, als er feststellte, dass seine Sklaven die Seide mit einem süßlichen Duftwasser besprengt hatten. Er musste ihnen sagen, dass sie das unterlassen sollten, dachte er seufzend, während er die Augen schloss und versuchte, den herablassenden Ausdruck im Gesicht der Offizierin aus seiner Erinnerung zu verbannen. Sie hatte sich nicht einmal Mühe gegeben, ihre Geringschätzung zu verhehlen. Aber letztendlich zeigte sie nur, was auch viele andere dachten, unverblümter vielleicht, weil sie womöglich meinte, es sich angesichts des drohenden Krieges leisten zu können. Not und Macht brachten die Menschen dazu, ihr wahres Gesicht zu zeigen, hatte Reto einmal zutreffend festgestellt. Der Mittelreicher sah die Dinge ohnehin erstaunlich nüchtern und klar.

Er sollte mit seinem Beschützer sprechen, nicht über den Krieg, aber über die seltsame Beklemmung, die ihn seit Tagen nicht losließ. Wenn er mit jemandem reden konnte, dann mit Reto.

Obwohl er als enger Berater des Generals einer der einflussreichsten Personen in der Stadt war, hatte Amato es bislang vermieden, sich auf dem Silberberg niederzulassen, wo die Grandenfamilien geschützt durch Mauern und Dukatengardisten ihre Paläste unterhielten. Stattdessen lebte er nach wie vor in der Villa in der Grafenstadt, die er nach dem Tod seines Vaters gekauft hatte. Desiderya hatte er das Anwesen genannt, und nur wenige wussten um die wahre Bedeutung dieses Namens, dessen Trägerin kaum noch eine blasse Erinnerung war. Und doch schien es Amato, als sei es erst gestern gewesen, dass die Gladiatorin in der Arena gestorben war. Es waren diese Momente, in denen er das Gefühl hatte, als sei die Zeit für ihn stehen geblieben. Mehr als zwölf Jahre waren ins Land gegangen, seit Goldo ihm den Sitz im damaligen Rat der Zwölf verschafft hatte, und doch fühlte er sich noch genauso unwohl wie am Anfang, wenn er versuchte, seinen Platz in dieser Schlangengrube zu finden.

»Willkommen zurück, Herr«, begrüßte ihn seine Sklavin Ismelde, als die Sänfte schließlich zum Stehen gekommen war. Sie reichte ihm eine Hand, um ihm beim Aussteigen behilflich zu sein. »Wart Ihr erfolgreich?«

»Ich denke schon.« Amato lächelte flüchtig und nickte ihr dankbar zu. Ismelde war Mittelreicherin wie Reto und ein Geschenk Goldos, als er nach der Terrorherrschaft der Duumvirn seinen Haushalt hatte neu ordnen müssen. Amato mochte die kluge Frau, die als junges Mädchen von Piraten geraubt und auf dem Sklavenmarkt verkauft worden war. Sie verstand ohne Worte, was er brauchte, und führte seinen Haushalt mit ruhiger, aber bestimmter Hand, ohne dass er sich ständig vergewissern musste, ob man ihn nicht hinterging.

»Der Besuch war sehr aufschlussreich. Ich muss allerdings noch über ein paar Dinge nachdenken. Lass bitte etwas zu essen in mein Arbeitszimmer bringen, und sorg dafür, dass man mich nicht stört, ja?«

»Wie Ihr wünscht, Herr.« Ismelde neigte den Kopf. »Lanista Cortez trug mir im Übrigen auf, Euch mitzuteilen, dass der Neuzugang Ärger macht. Sie hat ihn bis auf Weiteres in seiner Zelle untergebracht und bittet Euch um ein Gespräch.«

Amato war sich sicher, dass die Lanista nicht gebeten hatte – Samana Cortez war die Ausbilderin seiner Gladiatoren und eine Frau, vor der selbst Reto Achtung hatte. Wenn sie ihn sprechen wollte, musste etwas ganz gewaltig im Argen liegen. Unschlüssig glitt sein Blick hinüber zu dem Weg, der an der Villa vorbei zum Ludus führte, wo seine Gladiatoren untergebracht waren. An anderen Tagen wäre er der Aufforderung wahrscheinlich ohne zu zögern nachgekommen und hätte sich selbst ein Bild der Lage gemacht. Sein Ludus galt als der beste der Stadt, und die Zeit, in der er als Ratsmitglied für die Arena verantwortlich gewesen war, hatte seinen Namen unwiederbringlich mit den Gladiatorenspielen verknüpft. Bei den Fana sprach man noch heute über den Zwischenfall, als er aus der Loge hinab in den Sand gesprungen war, um Reto vor dem Todesstoß zu bewahren. Diese Tat hatte ihm die Abhängigkeit von Goldo eingebracht, aber auch die Herzen des Volkes zugetragen. Dennoch waren ihm die Herzen der Fana bis heute fremd. Es erschreckte ihn, wenn man seine Sänfte umringte, weil man auf seine Fürsprache hoffte, auf eine Handvoll Münzen oder auch nur ein gutes Wort, das er nicht fand.

Bei seinen Gladiatoren war es anders. Amato wusste, dass es unter den Granden einige gab, die sich nicht darum scherten, ob ihre Kämpfer die nächsten Spiele überstanden, weil sie sie für ersetzbar hielten und dem Volk lieber eine Orgie aus Blut und Tod als einen guten Kampf lieferten. Amato kannte jeden einzelnen seiner Gladiatoren, wusste um ihre Stärken und Schwächen, fieberte mit, wenn sie kämpften, und sorgte nach dem Kampf dafür, dass sich die besten Ärzte der Stadt ihrer Verletzungen annahmen. Seine Lanista wusste, dass sie ihn rufen musste, wenn es Schwierigkeiten gab, und einen Moment lang war Amato versucht, diese ganze unsägliche Sache mit dem Krieg beiseitezuschieben und sich um diesen Neuzugang zu kümmern. Aber er musste die Pläne des Generals verstehen, um sie den Granden schmackhaft zu machen, die letztendlich die Schiffe und das Geld für diesen Feldzug stellten.

»Kümmere dich bitte darum, Reto«, wandte er sich an seinen Beschützer. Ein mattes Lächeln kroch über seine Lippen. »Und komm danach zu mir.«

Der Mittelreicher runzelte die Stirn, aber er sagte nichts, sondern nickte nur. Dankbar sah ihm Amato nach, und wieder einmal spürte er dieses tiefe Bedauern, Reto nicht alles anvertrauen zu können. Sich einfach in seinen Armen zu verlieren, nicht denken zu müssen.

Amato straffte die Schultern und atmete durch, um das beengende Gefühl abzuschütteln, das sich um seinen Hals gelegt hatte. Er durfte darüber nicht nachdenken. In dieser Welt gab es keinen Platz für starke Arme, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, Reto zu verlieren. Al’Anfa war eine großzügige Herrin, aber sie war auch grausam. Und die Erinnerung an Vittorios Tod brannte zu tief, als dass Amato sie vergessen konnte.

Sein Arbeitszimmer war schlicht und mit Blick auf den Ludus angelegt, sodass Amato vom Schreibtisch aus dem Geschehen auf dem Sandplatz folgen konnte. Zwei Gladiatorenpaare übten gerade eine Schlagabfolge. Die Stimmen der Kämpfer und die Geräusche der Stadt drangen zu ihm hinauf und mischten sich mit dem grellen Keckern eines Affen, der irgendwo über ihm auf dem Dach hocken musste. Die Schwüle war inzwischen fast unerträglich, die Luft hing drückend über den Hängen des Visra, über denen sich bereits die Wolken ballten und das Licht der Praiosscheibe verdunkelten. Kein halbes Stundenglas, dann würde der mittägliche Regen über die Stadt niedergehen und die Hitze, den Gestank und die Schwüle für einen Moment mit sich reißen. Und vielleicht konnte er dann wieder klarer denken.

Amato starrte auf das Blatt Papier, auf dem er versucht hatte, die Ausführungen der Offizierin in eine Ordnung zu bringen. Er hätte seinen Sekretär mitnehmen sollen, um Notizen zu machen, dachte er seufzend, während er eine Zahl änderte, kurz nachdachte und sie dann erneut umschrieb. Er hatte darüber nachgedacht, war aber wieder davon abgekommen, weil er es nicht mochte, wenn jemand neben ihm stand und jedes Wort notierte. Inzwischen wäre er froh gewesen, hätte er es getan.

Schwere Schritte lenkten seine Aufmerksamkeit zur Tür, und im nächsten Moment klopfte es. »Don Amato?«

»Reto!« Erleichtert ließ Amato die Feder sinken und sprang auf, zwang sich dann aber doch dazu, neben dem Schreibtisch stehen zu bleiben. »Komm herein. Gibt es etwas Neues?«

»Wegen des Neuzugangs? Ja.« Der Beschützer schloss die Tür hinter sich und wandte sich zu Amato um. Sein kantiges Gesicht blickte grimmig. »Ihr solltet über Eure Vorliebe für Nordländer nachdenken. Dieser hier weigert sich, zur Ergötzung der Massen zu kämpfen. Er verweigert nahezu alles. Die Lanista hat ihn festketten lassen, weil er sie angegriffen hat.« Reto zuckte mit den Schultern. »Er hat ihr eine Ohrfeige gegeben und sie eine elende Sklavenschinderin genannt. Ich habe ihr untersagt, ihn zu bestrafen, ehe Ihr mit ihm gesprochen habt.«

»Und du meinst, das würde etwas nutzen?« Amato schmunzelte flüchtig. »Er erinnert mich sehr an dich damals. Meinst du, ich sollte ihn freilassen? Ist es das, was er will?«

»Das wollen sie alle, Amato.« Reto sah ihn ernst an. »Das wollen alle, die für Euch in die Arena gehen.«

»Du hast trotzdem für mich gekämpft. Obwohl ich dich freigelassen habe.«

»Weil Euer Onkel Euch keine Wahl gelassen hat. Aber es geht hier nicht um mich.« Reto verengte die Lippen und blickte hinüber zum Fenster, von wo aus nun die harsche Stimme der Lanista zu ihnen hochdrang. »Seht ihn Euch an und sprecht mit ihm, ehe Ihr eine Entscheidung trefft. Und wenn Ihr meine Meinung hören wollt, dann lasst ihn in der Zwischenzeit angekettet. Irgendetwas an diesem Mann gefällt mir nicht.«

»Gut, dann werde ich es so machen.« Amato nickte und trat wieder hinter den Schreibtisch. »Aber wenn du schon einmal hier bist, bleib bitte einen Moment. Ich denke gerade über das nach, was mir die Offizierin gezeigt hat. Was hältst du davon? Von der Flotte«, fügte er schnell hinzu, als Reto die Stirn runzelte.

Der Mittelreicher zuckte mit den Schultern, aber er trat näher und warf einen Blick auf die wirren Aufzeichnungen, die Amato angefertigt hatte. »Es sind erstaunlich viele Schiffe. Der General hat irgendetwas vor. Aber das ist vermutlich nicht das, was Ihr von mir hören wollt, oder?«

Amato biss sich auf die Lippen. »Nein«, gab er zu. »Ich sehe selbst, dass es viele Schiffe sind. Und ich weiß, was der General plant. Aber darum geht es nicht.«

»Das dachte ich mir.« Retos Mundwinkel zuckten flüchtig. »Vielleicht sagt Ihr einfach frei heraus, was Euch beschäftigt? Anstatt nach einem Vorwand zu suchen, ein Gespräch zu beginnen?«

»Du hast recht.« Amato seufzte leise und trat an Reto vorbei ans Fenster. Der Himmel hatte sich inzwischen weiter verdüstert, und die Schwüle schien fast unerträglich. »Es ist schwer, in Worte zu fassen. Ich habe ... seit Wochen das Gefühl, als müsse bald etwas geschehen. Etwas Wichtiges. Ich kann es nicht benennen, es ist einfach da, wie ein Bauchschmerz, der nicht vergehen will.« Er wandte den Kopf zu Reto. »Verstehst du, was ich meine?«

»Nein.« Reto sah ihn ruhig an. »Doch ich stehe den Göttern auch nicht so nahe, wie Ihr es tut. Manchmal wünschte ich mir, es wäre so, doch vielleicht ist es besser, unwissend zu sein. Habt Ihr mit dem General gesprochen?«

Amato schüttelte den Kopf. »Ich kann ihn nicht wegen eines Bauchgrimmens behelligen, für das ich selbst keinen Namen habe. Alena Karinor würde wahrscheinlich unterstellen, ich habe etwas Falsches gegessen.«

»Ihr tut es nicht, weil Ihr den Spott fürchtet?«

Amato hatte unwillkürlich die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen, entließ sie aber sofort wieder, als es ihm bewusst wurde. »Nein«, widersprach er eine Spur zu heftig. »Wenn ich sicher wüsste, dass es eine Warnung ist, würde ich es tun. Aber die göttliche Marbo schweigt. Ich träume nicht, seit Wochen schon.«

Reto hob spöttisch einen Mundwinkel. »Vielleicht habt Ihr doch etwas Falsches gegessen.« Er schüttelte den Kopf, wieder ernst. »Nein, Amato. Wenn Ihr von mir einen Rat haben wollt, dann gebe ich Euch einen. Hört auf, Euch nach dem zu richten, was andere von Euch erwarten. Die wissen ohnehin, dass Ihr von all dem Säbelrasseln nichts versteht. Warum versucht Ihr es überhaupt?« Reto griff nach dem Blatt mit den Aufzeichnungen, betrachtete es einen Moment lang, ehe er es kopfschüttelnd wieder beiseitelegte. »Der Schwarze General hat genug Soldaten um sich herum, dass er Eure Stimme nicht braucht, wenn er tatsächlich einen Feldzug plant. Spielt Euer eigenes Spiel und nutzt Eure Stärken. Seit Jahren tut Ihr, was sie Euch sagen, ob es nun Euer Onkel ist oder der General. Und Ihr denkt nicht einmal darüber nach, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Es ist kein Wunder, dass Euch nicht einmal diese selbstgefällige Offizierin Respekt entgegenbringt.«

»Ich bin schwach, nicht wahr? Das ist es doch, was du glaubst.«

»Ich halte mich nicht damit auf, Dinge zu glauben. Ich sehe, was ich sehe.«

»Ach, und was siehst du?«

Die Lippen des Beschützers formten ein schiefes Schmunzeln, während er Amatos Blick ungerührt erwiderte. »Ich sehe einen Granden, der mehr ist, als er sein will. Der sich versteckt, anstatt sich zu nehmen, was ihm die Götter vor die Füße geworfen haben. Ihr seid die Stimme des Generals. Vergesst das nicht.«

»Ich weiß, was ich bin«, antwortete Amato ungehalten. »Deshalb bemühe ich mich um den Frieden mit den großen Häusern, auch wenn es mich anekelt, wie sie mich betrachten und darüber nachdenken, wie ich mich in ihre nächste Orgie einfüge, anstatt sich anzuhören, was ich ihnen zu sagen habe.«

»Und dennoch tut Ihr es.«

»Es ist meine Pflicht.«

»Die wem nützt? Euch? Eurem General?« Reto stieß leise schnaubend Luft durch die Nase aus. »Ihr gehorcht ihm, weil er Euch vor Eurem Onkel schützt.«

»Ich stehe an der Seite des Generals, weil ich es für das Richtige halte. Ich habe keine Angst vor meinem Onkel«, fuhr Amato auf, aber er wusste selbst, wie leer seine Worte klangen. Er hatte Angst, aber nicht um sich selbst, sondern um Reto. Um Ismelde, um Cortez, um alle, an die er sein Herz gehängt hatte, obwohl er es nicht wollte. Und damit machte er sich zum Niemand in diesem Spiel. Goldo hatte ihn als Kind zweier Vipern bezeichnet, aber er war ein Schoßhund geblieben. Beliebt, aber harmlos, weil er es nicht wagte, das Spiel nach seinen Regeln zu spielen.

»Vielleicht muss ich selbst zur Viper werden«, sagte er leise und hob die Hand, zögerte aber, sie auf Retos Brust zu legen. Langsam ließ er sie wieder sinken. Er wich dem Blick des Nordländers aus, als er sich abwandte und wieder ans Fenster trat.

»Geh bitte.« Er atmete tief ein, um die Frische des Regens aufzunehmen, der sich inzwischen wie ein grauer Vorhang über die Stadt gelegt hatte. Hinter sich hörte er, wie Reto sich bewegte, unentschlossen, doch dann klang das dumpfe Geräusch der Faust auf dem ledernen Brustpanzer, und die Schritte entfernten sich.

Amato starrte hinaus in den Regen, während die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.

II

Said

Der Durstige Hai war eine Taverne von vielen, die sich zwischen den Brabaker Baracken und dem Hafen drängten und in denen der Wein gepanscht und die Huren billig waren. Hier traf sich der Bodensatz der Schwarzen Perle, lichtscheue Gestalten, die ihre Dienste für ein paar Kupferstücke feilboten. Gestrandete Existenzen, die ihr jämmerliches Dasein im Reisbrand zu ertränken suchten, ehemalige Sklaven und Tagelöhner, die oft nicht wussten, wovon sie die hungrigen Mäuler zu Hause stopfen sollten, und das wenige Geld lieber versoffen, als schimmligen Reis davon zu kaufen. Dazwischen fand man auch fremde Gesichter, Seeleute aus dem Norden, die die Neugier auf das verruchte Al’Anfa hierhertrieb, oder Questadores mit großen Träumen, aber kaum einem Dirham in den Taschen. Al’Anfa war eine Stadt, die Träume verschlang, und das galt mehr als irgendwo anders für die heruntergekommenen Kaschemmen zwischen Baracken und Hafen, wo dem Rausch viel zu schnell die Ernüchterung folgte.

Gewöhnlich mied Said Spelunken wie den Hai. Nicht, weil er sich vor dem fürchtete, was ihn dort erwartete. Diese Art Furcht hatte ihm Meister Darjin schon vor Jahren ausgetrieben. Die Gestalten, die im Durstigen Hai ein- und ausgingen, witterten, wenn man Angst vor ihnen hatte. Angst verriet Schwäche, und wer schwach war, wurde in dieser Stadt gefressen.

Said war nicht schwach, und wahrscheinlich zählten Meister Darjins Schüler zu den gefährlichsten Raubtieren der Stadt. Doch auch sie mussten sich vor dem Jäger in Acht nehmen, wenn man sie entdeckte, ehe sie zum tödlichen Sprung ansetzen konnten. In einer Kaschemme wie dem Hai lief man ständig Gefahr, sich seiner Haut erwehren zu müssen und dabei unbeabsichtigt mehr von sich preiszugeben, als gut war. Dass Said trotzdem Krüge mit billigem Reisschnaps und Wein durch den rauchverhangenen Schankraum schleppte, war Teil der letzten Prüfung, die ihn frei machen würde. Er arbeitete erst seit einigen Tagen im Durstigen Hai, aber er hatte genug Zeit und Gelegenheit gefunden, sich umzusehen und herauszufinden, dass ihn die Gäste mochten, auf eine Art, wie man hier eben einen jungen Burschen mochte, der ein hübsches Gesicht und ein wenig Mohablut in den Adern hatte.

»He, Süßer!« Eine Seefahrerin, der eine Fieberfäule das halbe Gesicht zerfressen hatte, hob ihren Krug und schwenkte ihn auffordernd. »Schenk uns ein! Geht auf mich, die Runde!«

Johlen begleitete ihre Worte, als die anderen zustimmend ihre Becher auf die zerfurchte Tischplatte donnerten. Es waren raue Gesellen, Schmuggler oder heruntergekommene Freibeuter, die unter der Flagge der Rabenstadt segelten. Der Durstige Hai lag nah genug am Hafen, um den Abschaum der Meere anzuziehen, Männer und Frauen, die nicht viel zu verlieren hatten und ihre Heuer lieber mit schmutzigen Huren und schlechtem Fusel durchbrachten, als sie mit in Efferds Arme zu nehmen. Vermutlich war das der Grund, warum der Wirt ausgerechnet hier eine Taverne unterhielt. Seeleute brachten Neuigkeiten, und es gab kaum einen anderen Ort, wo so viele Nachrichten aus aller Welt zusammenliefen wie in den Kaschemmen am Hafen.

Said nickte, um anzuzeigen, dass er verstanden hatte, und schob sich zwischen den Tischen hindurch zur Theke.

»Wein«, sagte er mit gesenktem Blick, während er die leeren Krüge abstellte. Er vermied es, den Wirt anzusehen, wenn er sprach. Als er im Hai angefangen hatte, hatte er vorgegeben, ein Freigelassener zu sein, der nach dem Tod seines Herrn auf der Straße saß und verzweifelt nach einer Möglichkeit suchte, ein paar Dirham zu verdienen. Der Wirt hatte nicht nachgefragt, aber Said war der Blick nicht entgangen, mit dem ihn der Mann gemessen hatte. Said kannte diese Art Blick. Es war der gleiche, mit dem Nuradjian ihn gelegentlich ansah, wenn er meinte, Meister Darjin bemerke es nicht. Said war es nur recht, wenn der Wirt sich mehr als den Schankdienst erhoffte. Es machte seinen Auftrag leichter.

Der Wirt nickte kaum merklich, und sah an Said vorbei zu dem Tisch mit den Seeleuten. »Halte dich von der Rothaarigen fern«, sagte er mit gesenkter Stimme. »Sie hat ein Auge auf dich geworfen. Denk nicht einmal daran, verstanden? Ich bezahle dich, und du tust, was ich dir sage.«

Said hob den Kopf, um den Blick des Wirts zu erwidern, eine Winzigkeit zu lang. »Natürlich«, sagte er leise. »Ihr bezahlt mich.«

»Vergiss das nicht.« Der Wirt packte die Krüge, um sie aufzufüllen. Wein schwappte über den Rand und lief über seine schwieligen Pranken, als er sie zu Said hinüberschob. »Beeil dich und kümmere dich dann um den Tisch an der Tür. Die brauchen nicht mehr viel.«

Said nickte. Er kannte die Geschäfte des Wirts inzwischen, der daraufsetzte, seine Gäste so betrunken zu machen, dass sie sich nicht einmal an ihren eigenen Namen erinnern konnten und sich nicht beschwerten, wenn er die Zeche kurzerhand selbst aus ihren Geldbeuteln nahm. Immer ein paar Münzen zu viel. Es war ein einträgliches Geschäft, zumal die Stadtwache sich nicht groß darum scherte, was hier unten am Hafen geschah.

Said brachte den Wein zu dem Tisch mit den Seeleuten und schenkte ein, während er sich innerlich sammelte. Das war die Gelegenheit. Wenn er nicht noch weitere Abende im Hai verbringen wollte, musste er die Dinge in die Hand nehmen und den Wirt endlich dazu bringen, etwas zu unternehmen.

»Der Wein«, sagte er überflüssigerweise und streifte dabei wie zufällig den Arm der Matrosin. Ein scheues Lächeln huschte über seine Züge. »Ruft, wenn Ihr noch etwas braucht.«

»Nicht so hastig, Süßer.« Wie erwartet packte die Frau sein Handgelenk. Sie grinste und offenbarte dabei eine Reihe

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