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Das Vigilante-Komplott (Vigilante 4)

Das Vigilante-Komplott (Vigilante 4)

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Das Vigilante-Komplott (Vigilante 4)

Länge:
359 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
26. Juni 2021
ISBN:
9783864027895
Format:
Buch

Beschreibung

Sein Name ist Mark Jedediah Vigilante. Er war Agent beim United States Secret Service, bis er nach einem Komplott gegen die amerikanische Regierung als Sündenbock auf die Straße gesetzt wurde.
Jetzt verdient er sein Geld als Troubleshooter, privater Ermittler und Schlichter. Wenn diplomatische Lösungen versagen, Krisen unausweichlich sind und militärische Konflikte die einzigen Alternativen zu sein scheinen, ruft man Vigilante.

Seit dem Mord an dem korrupten US-Präsidenten Wallace ist Vigilante untergetaucht. Nur wenige kennen sein Versteck. Umso überraschter ist er als ausgerechnet Eden Hawkes ihn aufsucht und ihn bittet, ihre Zwillingsschwester Sentinel zu suchen. Gleichzeitig wird auch die Bordellchefin und Problemlöserin Madame Dunoire seit Tagen vermisst.
Ehe Vigilante sich's versieht steckt er im tiefsten Schlamassel. Nicht nur, dass ihm und Hawkes die ominöse Gruppe Acheron auf den Fersen ist, er macht auch die Bekanntschaft eines Vermächtnisses der zerstört geglaubten Organisation Gaia's Dawn.
Unterstützung findet er bei einer frisch gegründeten Eingreiftruppe der neuen US-Präsidentin. Gemeinsam mit alten Bekannten nimmt es Vigilante gegen einen übermächtigen Gegner auf, um Dunoire und Sentinel zu befreien.
Herausgeber:
Freigegeben:
26. Juni 2021
ISBN:
9783864027895
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Das Vigilante-Komplott (Vigilante 4)

Buchvorschau

Das Vigilante-Komplott (Vigilante 4) - Martin Kay

Prolog

Im Auftrag des Teufels

Vergangenheit

30 Tage vor den Ereignissen

in der Battlefield Mall in Springfield, Ohio

Plantage von Tarsilia Botello Aguilar,

Nähe San Miguel, Bolivien

Der Morgen roch nach Tod. Wieder einmal.

Mit einem mürrischen Brummen schob First Sergeant Daniel Keller ein frisches Magazin in den M4-Karabiner, lud die Waffe durch und warf einen prüfenden Blick durch das aufgesetzte Zielhilfenreflexvisier. Seine Teamkameraden nannten ihn Cycle. Außenstehende hätten vielleicht vermutet, dass dies seinem bärartigen Äußeren geschuldet war und man ihn sich in Zivil gut als Biker vorstellen konnte. Doch das Cycle bezog sich eher auf seine abgöttische Vorliebe für getönte Nasenfahrräder, speziell der Marke Ray-Ban. Wann immer er konnte, trug er eine dieser Sonnenbrillen, ob im Dienst oder nicht. Manche Menschen munkelten, er würde sie auch beim Schlafen nicht absetzen.

Zufrieden stellte der Hüne mit dem struppigen Vollbart, der ihm bis zum Kehlkopf reichte, und dem mit dem Schild nach hinten gedrehten Baseballcap das Gewehr zu seinen Füßen aufrecht hin und hielt es mit einer Hand.

»Nach dieser Sache bin ich raus, Boss.«

Eine Sekunde zuvor lag noch Gemurmel in der Luft des Passagierraums des Black-Hawk-Hubschraubers, das über die Kopfhörer, die jeder Anwesende trug, das Wummern der Rotorblätter übertönte. Als Cycle seinen Satz beendet hatte, herrschte abrupt Stille und alle anderen sahen ihn verständnislos an. Er hatte mit einer Reaktion gerechnet, aber nicht mit den entgeisterten Blicken seiner Kameraden. Er sah hoch und musterte sie der Reihe nach.

Rechts neben ihm saß Juan Alvarez Quinto, Rufname Pendejo. Sein Mund stand offen. In seinem Blick stand nicht nur Überraschung, sondern auch Unglaube, als hätte er sich gerade verhört. Der Anblick von Corporal Gordon Morris war nicht minder erstaunt. Eben noch hatte er mit einem seiner sechs Messer gespielt – die hatten ihm den Rufnamen Knife eingebracht –, jetzt verlor die Klinge, die er auf seiner Fingerspitze balancierte, ihr Gleichgewicht und fiel zu Boden. Auch Eric Daredevil Payne, der Präzisionsschütze des Teams, hielt mit dem Reinigen seiner Waffe inne und schüttelte den Kopf.

»Alter …«, sagte er in die Stille der Kopfhörer hinein.

Weiter hinten saß die einzige Frau im Team. Ihr Name war Anna Roberts, der Rufname Cookie. Ein wenig erinnerte sie Cycle an die Darstellerin von Vasquez in dem Film Aliens, auch wenn sie keine Latina war. Klein, drahtig, kurz geschorene Haare. Ein Kampfknubbel. Mit langen Haaren wäre sie vermutlich als hübsches Mädchen durchgegangen, aber Cycle hatte sie noch nie anders als mit dem Igelschnitt gesehen. So wirkte sie eher maskulin auf ihn, da sie schmale Hüften und auch sonst kaum weibliche Rundungen besaß.

Zum Schluss sah Cycle den Mann an, den er mit Boss angeredet hatte. Der einzige Afroamerikaner im Team besaß einen ebenholzfarbenen Teint und einen Nachnamen, der mit seiner Gesichtsfarbe keineswegs konkurrieren konnte: Master Sergeant Amadeus Brown. Der klangvolle Vorname brachte ihm den Spitznamen Rockme ein nach dem 80er-Jahre-Hit Rock me Amadeus des österreichischen Sängers Falco. Tatsächlich hatte Brown schon so einiges gerockt, seit Cycle Mitglied seines Teams war.

»Setz dich mal hierhin, Cycle. Hier versteht man nichts. Was sagtest du?«

Cycle seufzte und schielte über den Rand seiner Brille. »Wenn dieser Auftrag erledigt ist, steige ich aus.«

»Wow, was für ein langer Satz aus deinem Mund!«, sagte Morris. »Hast du Blubberbrause getrunken?«

Er achtete nicht auf den Kameraden, sondern fixierte Brown, dessen Blick seltsam war. Er wirkte gar nicht so schockiert über die Eröffnung wie die anderen, sondern eher so, als habe er damit gerechnet. Oder vielmehr, als hätte er etwas Ähnliches geplant und wartete nur auf den geeigneten Moment, es zu verkünden. Vermutlich hatte Cycle jetzt die Katze aus dem Sack gelassen und es war Zeit, Tacheles zu reden.

Für einen Moment war die Stimmung an Bord des Black Hawks angespannt. Wie ein dünnes Seil, das jeden Moment zerreißen konnte. Das Knarzen in den Kopfhörern ließ tatsächlich den einen oder anderen zusammenzucken. Nur Cycle und Brown starrten unberührt einander in die Augen.

»Hey, Mädels, kurze Durchsage von den VIP-Plätzen an die Bretterklasse: Wir sind zehn Klicks von der LZ entfernt. ETA in zweieinhalb Minuten. Ihr werdet euch abseilen müssen, keine Möglichkeit aufzusetzen.«

Jetzt wanderten alle Blicke zu Brown. Er reagierte nicht. Zwei Sekunden nicht. Drei. Dann bestätigte er, bevor der Pilot nachfragen konnte, ob seine Botschaft angekommen war.

»Reden wir später«, sagte der Teamführer.

Cycle verzog die Mundwinkel, was niemand unter seinem dichten Bart sehen konnte. Als ihm das bewusst wurde, nickte er.

Brown wandte sich an das Team. »Also, gehen wir kurz noch einmal die Lage durch. Wir werden um null fünfhundertdreißig am Rand der Plantage abgesetzt. Bis zum Sonnenaufgang haben wir dreiundzwanzig Minuten. Wir bewegen uns durch die Kokafelder zum Haupthaus der La Viuda Solitaria. Im Innern der Finca orientieren wir uns nach Norden direkt auf das Landhaus zu. Wir rechnen mit einem halben Dutzend Wachen, die bereits wach sind.«

Payne grinste. »Deswegen nennt man sie vermutlich auch Wachen.«

Der Scherz kam nicht an. Ausdruckslos redete Brown weiter.

»Sollte einer von denen Alarm schlagen, müssen wir uns auf mindestens zwanzig weitere Bewaffnete einstellen.«

»Wie gut sind die Informationen?«, fragte Morris.

»Wir haben sie von Bishop.«

»Dann sind wir am Arsch«, sagte Anna Roberts und schob sich einen Kaugummi zwischen die Zähne. »Man sollte meinen, Informationen wären das Kerngeschäft der Firma, aber wann hat uns Bishop jemals zuverlässige Daten geliefert?«

Cycle nickte. »Cookie hat recht.«

»Wenn Bishop sagt, wir müssen mit zwanzig Tangos rechnen, dann machen wir besser vierzig draus.« Morris verdrehte die Augen.

Ehe noch jemand seinen Unmut kundtun konnte, hob Brown beschwichtigend die Hände. »Leute, kommt wieder runter. So schlimm waren die Infos bisher auch nicht.«

Cookie spuckte den Kaugummi wieder aus. »Die Firma interessiert sich einen Scheißdreck dafür, ob einer von uns draufgeht oder ob wir alle lebend nach Hause kommen. Für die ist nur wichtig, ob der Job erledigt wurde oder nicht. Ich geb einen Fick auf Bishop.«

Brown runzelte die Stirn und sah Cycle an. »Was meinst du?«

Dieser fuhr sich mit einer Hand über den Bart. »Ich sage, wir gehen rein, knipsen der Drogenschlampe das Licht aus und fliegen nach Hause. Dann war’s das.«

Er sah, wie sich Browns Augen verengten, weil er schon wieder das Thema anschnitt.

»Und ficken Bishop danach«, fügte Pendejo hinzu.

Brown ignorierte ihn. »Die Zielperson ist Tarsilia Aguilar. Nach dem Tod ihres Mannes vor fünf Jahren hat sie die Drogengeschäfte seiner Kokaplantage übernommen. Hauptabnehmer sind Käufer in Florida und Georgia. Die verteilen von dort aus den ganzen Scheiß übers Land. Wir tun hier also Gutes, Leute.«

»Schwachsinn!« Cycle schob sich die Ray-Ban Predator auf der Nasenwurzel zurecht.

»Was meinst du damit?«

»Die CIA will Aguilar aus dem Weg räumen, weil sie den Kartellen im Umkreis ein Dorn im Auge ist.«

»Sehe ich auch so.« Morris nickte. »Wir wissen, dass die Bishops dieser Welt Geschäfte mit den bolivianischen Drogenbaronen machen. Sie könnten auch Mrs Aguilar mit einbeziehen, nur wollen das die anderen nicht. Also muss sie weg, damit Bishop, die Firma, wer auch immer weiter absahnen kann.«

Die anderen nickten zustimmend und ließen ein »Ja« und »Genau« vernehmen.

»Es ist nicht unsere Aufgabe, darüber zu diskutieren, Leute«, sagte Brown jetzt mit einer Spur mehr Autorität in der Stimme. »Wir haben einen klaren Auftrag, führen ihn aus und sind pünktlich zu den Cornflakes wieder im Hotel. Das ist unser Job. Dafür werden wir bezahlt.«

Cycle hob einen Finger, aber nicht um etwas zu sagen, sondern nur um Brown zu zeigen, dass dies sein letzter Auftrag für die CIA sein würde. Sein Boss seufzte.

»Landezone in Sicht«, verkündete die Stimme des Piloten in ihren Kopfhörern.

»Also gut, fertig machen. Bereit halten zum Abseilen!«

Keine Minute später rutschten sie, eingeklinkt in spezielle Hakenvorrichtungen an reißfesten Seilen aus Fallschirmnylon zu beiden Seiten des Black Hawks ab. Als Cycle am Boden aufkam, klinkte er den Karabinerhaken aus, ging in die Hocke und hob das M4 in Anschlag. Am Horizont konnte man das langsam heller werdende Grau des Morgenhimmels sehen. Die Sonne würde sich ihren Weg über den Rand bahnen. In nicht mehr als zwanzig Minuten würde es so hell sein, dass man einen Menschen auf der Plantage sofort erkannte und ihn nicht für einen Schatten, eine Vogelscheuche oder Einbildung hielt. Sie mussten sich sputen. Wegen des nahenden Sonnenaufgangs verzichteten sie auf Nachtsichtgeräte oder Thermalvisiere. Cycle warf einen kurzen Blick durch das Zielhilfenreflexvisier, das auf dem M4 aufgedockt war. Das hellrote Fadenkreuz in der Optik war gut zu erkennen.

»Okay. Cycle, Pendejo, Cookie, ihr nehmt die östliche Route bis zum Haus. Daredevil, du schaltest den Wachposten auf dem Turm am Eingang der Finca aus und nimmst seine Position ein. Du bist unsere Augen da oben.«

»Aye, Sarge.«

»Knife, du kommst mit mir, wir nehmen die westliche Route. Schalldämpfer.«

Niemand rührte sich, alle hatten bereits ihre taktischen Schalldämpfer auf die Mündungen der Waffen geschraubt und waren kampfbereit.

»Dann los!«

Cycle ging voran und vertraute darauf, dass Pendejo und Cookie ihm folgten. Sie bewegten sich leicht geduckt, die Waffen im Anschlag, durch die gut brusthohen Sträucher der Plantage. Sie erreichten die Baracken am Rand, in denen das Plantagenpersonal der Señora Aguilar wohnte. Aus den Gebäuden kamen Geräusche. Noch ließ sich draußen niemand blicken. Die Leute erwachten gerade, gähnten, brummelten, verrichteten ihre Morgentoilette, setzten Kaffee auf. Sobald sich die Sonne über dem Areal zeigte, würden sie aus den Häusern kommen und ihr Tagwerk auf den Feldern der Plantage verrichten. Arbeit, die anderen Menschen schadete. Sie vergiftete. Abhängig machte. Und tötete.

Cycle wusste, dass es richtig war, Aguilar aus dem Verkehr zu ziehen. Doch seiner Meinung nach müsste man den Kreuzzug gegen alle Drogenbarone führen und nicht nur gegen jene, die den Kartellen im Weg waren. Die wahren Schurken waren die Auftraggeber, die sie mit der Liquidation von Aguilar beauftragt hatten: die CIA.

»Bin am Turm«, meldete sich die Stimme Eric Paynes über die kleinen Ohrstöpsel, gegen die sie die wuchtigen Kopfhörer des Hubschraubers getauscht hatten. »Habe den Tango im Visier.«

»Ausschalten.« Brown.

Cycle und seine beiden Begleiter gingen zwei, drei Schritte weiter, dann kam die Bestätigung.

»Erledigt. Klettere den Turm rauf.«

»Verstanden.«

»Beeilung«, raunte Cycle und beschleunigte seine Schritte. Die Geräusche aus den Baracken wurden lauter, intensiver. Immer mehr Menschen wurden wach, standen auf, unterhielten sich. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Erste vor die Tür trat.

»Wartet!«

Die Stimme Daredevils ließ sie mit einem Mal innehalten. Sie blieben in der Hocke, lugten nur mit den Köpfen einen Teil aus den Kokagewächsen hervor.

»Was ist, Daredevil?«

»Bewegung am Haus.«

»Cookie, hol mal dein Spielzeug raus«, sagte Cycle leise zu Anna Roberts.

»War das jetzt eine Anmache?«, gab die Frau zurück, hatte aber verstanden und nahm den Rucksack von ihren Schultern. Sie öffnete eine Seitentasche und förderte ein kleines, ovales Plastikgerät zutage, das sie mit wenigen Handgriffen auffaltete. Dann lag eine handtellergroße Drohne mit vier aufgeklappten Rotorblättern in ihrer Hand. Sie warf das Teil in die Luft, die Rotoren begannen sich automatisch durch die Bewegung zu drehen. Cookie griff nach einem smartphoneähnlichen Gerät und steuerte die Drohne über den Touchscreen, der ihr auch ein Live-Kamerabild der Drohne zeigte. Das kleine Fluggerät stieg auf und verschwand im noch dunkelgrauen Morgenhimmel.

»Ich sehe drei Sicarios«, sagte Cookie. »Auf drei Uhr, eins und elf.«

Cycle blickte sie an.

»Das wollte ich immer mal sagen«, grinste sie.

»Du spielst zu viel Wildlands«, sagte Pendejo. »Hast du El Muerte schon erledigt?«

»Quatsch die Lady nicht voll.« Cycle schielte über den Brillenrand in Alvarez’ Richtung.

Cookie legte den Kopf schief. »Santa Muerte. Alter, ich hab schon die DLCs durch.«

»Ah, ich bin ja eher Hashtag Team Rainbow …«

»Ruhe jetzt!«, schnitt Browns Stimme scharf durch den Funk.

»Hab auch noch einen im Visier«, meldete sich Daredevil vom Turm. »Macht vier.«

»Wie viele kannst du ausschalten?«

»Den auf der Veranda und auf elf Uhr.«

»Auf mein Zeichen. Knife und ich übernehmen die beiden auf eins und drei.«

Cycle und sein Team befanden sich nur noch knapp fünfzig Schritte vom Ende der Plantage entfernt. Daran grenzte eine Straße an, dahinter führte eine Zufahrt zum riesigen Anwesen Aguilars.

»Elf ist ausgeknipst«, meldete der Scharfschütze. »Hab Veranda im Blick.«

»Lichter aus«, sagte Brown.

Kurz darauf sah Cycle auf Cookies Display, wie die Wachen fielen. Der Weg zum Anwesen war frei. Rasch bewegten sie sich vorwärts, verließen die Deckung der Kokasträucher und eilten über die Wiese neben der Zufahrtsstraße. Von hier an gab es keine Deckung bis zu einem Garten, der direkt vor dem Haupthaus lag. Geduckt liefen sie über den Rasen bis zu den ersten Ausläufern von Blumenbeeten und Pflanzenkübeln, die zumindest ansatzweise einen Sichtschutz boten.

Cookie ließ die Minidrohne um das Haus kreisen. Der kleine Flugspion stieg höher, um ihnen einen größeren Überblick zu verschaffen. Es gab weitere Wachen und noch einen Turm auf der Vorderseite des Hauses. Dort waren die Wächter sogar stärker vertreten, weil niemand damit rechnete, dass jemand über die Südseite durch die Plantage auf das Gelände kommen würde. Das Gebiet hinter den Anbaufeldern war felsig und mündete direkt in ein Gebirge, das weder mit Fahrzeugen noch zu Fuß so einfach zu überwinden war. Mit einem Eindringen über den Luftraum rechneten Aguilars Männer offensichtlich nicht oder wähnten sich durch ein Frühwarnradarsystem in zweifelhafter Sicherheit. Dumm nur, wenn das Radar – mit dem entsprechenden Equipment und geschulten Top-Piloten – unterflogen werden konnte.

»Durch den Garten«, sagte Cycle.

Cookie rief die Drohne zurück, fischte sie aus der Luft, faltete die Rotoren zusammen und schob sie sich mit Pendejos Hilfe zurück in den Rucksack. Mit ihren M4-Karabinern im Schulteranschlag gingen sie weiter und spähten durch die Visiere, hielten nach möglichen Gegnern Ausschau.

»Tango auf zehn. Cycle, geht in eure Richtung.«

Cycle blickte nach rechts und sah jemanden aus einer Garage über den Vorplatz des Hauses schlendern, auf dem ein halbes Dutzend SUVs und schneller Schlitten geparkt waren.

»Übernehm ich.« Er visierte den Mann mit dem roten Fadenkreuz an, zielte auf den Kopf und krümmte den Finger um den Abzug. Die Waffe ruckte kurz durch seine Schulter, doch Cycle behielt die Zieloptik im Auge und sah, wie der Mann durch den Einschlag der Kugel in seinen Schädel zurückgeworfen wurde und zu Boden fiel. »Erledigt.«

Sie drangen weiter vor.

»Im Fenster auf der rechten Seite brennt Licht«, sagte Daredevil. »Sehe eine Bewegung hinter den Gardinen.«

»Ziel bestätigt?«, fragte Brown über Funk.

»Negativ.« Der Scharfschütze auf dem Turm machte eine kurze Pause. »Kein freies Schussfeld.«

»Wir machen das«, sagte Cycle. Er deutete auf die Veranda. »Cookie, Tür linke Seite, ich rechts. Pendejo, Feuerschutz.«

»Verstanden.«

»Aye.«

Roberts überholte ihn, stieg die zwei Stufen zur Veranda hoch und postierte sich links von der Eingangstür. Cycle flankierte sie auf der rechten Seite. Pendejo wartete, bis sie beide standen, holte auf und stürmte durch die Tür.

»Feuerschutz, Idiot!«, stieß Cookie hervor.

Cycle fluchte und folgte Pendejo. Das Ploppen von schallgedämpften Schüssen war bereits zu vernehmen. Der Hitzkopf Alvarez hatte zwei Gegner erledigt, bevor Cycle und Cookie die Eingangshalle des Anwesens betraten.

»Cookie, wenn er sich noch mal vordrängelt, trittst du ihm kräftig in den Arsch«, knurrte Cycle.

»Meinst du, das hilft?«, fragte sie zurück.

»Nein, aber danach erschießt du ihn.«

»Spielverderber.« Pendejo trat gegen eine der vermeintlichen Leichen, um sich zu überzeugen, dass sie auch wirklich tot war. Dann machte er demonstrativ einen Schritt zurück, als er wolle er andeuten, dass er sich von nun an im Hintergrund hielt.

»Wir müssen dringend an unserer Kommunikation arbeiten, Arschloch.« Cycle sah sich im Foyer um. Es war im Kolonialstil errichtet. Große Halle, Treppenaufgang zu beiden Seiten, der in einem Halbkreis zu einem Korridor in die erste Etage führte. Neben dem Eingang gab es zu beiden Seiten Türen zu den unteren Räumen, die vornehmlich den Bediensteten vorbehalten waren. Er ging die Treppe in die obere Etage hoch. Cookie und Pendejo folgten ihm und sicherten seinen Rücken.

»Sind im Haus«, sagte Cycle ins Mikrofon seines Empfängers. Er bedeutete Cookie, wieder die andere Seite zu nehmen. Sie huschte an ihm vorbei und rutschte seitlich auf dem Bein am Durchgang zum Korridor vorbei. Sie warteten zwei Sekunden. Keine Reaktion. Niemand rief. Niemand schoss.

Cycle blickte um die Ecke. Der Gang war leer.

»Außenbereich sicher«, sagte Brown. »Wir kommen rein.«

Genau in diesem Moment tauchte am anderen Ende des Flurs ein Wächter auf, der arglos um die Ecke schlenderte.

Cycle schoss. Zweimal. Im selben Moment drückte auch Cookie ab. Zwei Kugeln schlugen in die Wand ein, eine dritte bohrte sich in die Schulter, die vierte in die Brust. Der Mann sackte in die Knie, riss seine geschulterte MP hoch, doch bevor sich sein Finger um den Abzug krümmen konnte, zielte Cycle sorgfältiger durch das Visier und jagte dem Gegner ein Projektil direkt in die Stirn.

Cookie atmete hörbar aus. »Knapp.«

Cycle deutete auf die Türen zu beiden Seiten des Flurs. Mit einer Geste deutete er an, dass er die Zimmer auf der linken Seite prüfen und Cookie die rechte übernehmen sollte. »Pendejo, sichern.«

Von unten hörten sie Schritte. Brown und Knife hatten die Villa betreten.

Cycle öffnete vorsichtig die erste Tür, das M4 mit einer Hand gehalten, die linke am Knauf. Er schob sie auf, sah in das Schlafzimmer und fand im Bett eine Frau vor, die sich, gerade wach geworden, in den Laken rekelte und erschrocken keuchte, als sie ihn mit der Waffe eintreten sah. Rechts eine Bewegung. Ein Mann mit feuchtem Haar, nassem Oberkörper und einem um die Hüften geschlagenen Handtuch kam aus dem Nachbarraum. Er sah Cycle, griff nach rechts zu einer Kommode nach der darauf liegenden Waffe. Cycle drückte dreimal ab. Zwei Schüsse in die Brust, einer in den Kopf. Der Mann zuckte, wurde gegen die Wand gedrückt und rutschte dann, eine rote Blutspur nach sich ziehend, daran herunter.

Die Frau kreischte. Cycle blieb keine Wahl. Er schwenkte den Lauf erneut und schoss, diesmal nur einmal. Die Kugel traf sie direkt in den Hals. Eine Fontäne spritzte daraus hervor. Während sie ihn erstaunt ansah und gurgelte, dabei nur Blut spuckte, wich das Leben aus ihr.

Cycle seufzte. Das lief nicht so, wie es sein sollte. Er hörte aus dem Nebenraum ebenfalls das leise Ploppen von Schalldämpfern. Auf dem Gang traf er Cookie. Sie hatte Blutspritzer im Gesicht.

»Nicht meines«, sagte sie, als sie seinen Blick und die unausgesprochene Frage richtig deutete.

Brown und Knife waren bei ihnen.

»Wie sieht es aus?«

»Schlafzimmer. Noch sechs. Drei auf jeder Seite.« Cycle deutete in den Gang hinein. »Haben wir eine Idee, in welchem sich Señora Aguilar aufhält?«

Brown schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, wir müssen jedes einzelne durchsuchen.«

»Dann sterben Unschuldige«, warf Cycle ein.

»Niemand, der hier wohnt, ist unschuldig«, sagte Brown. »Außer den Arbeitern der Plantage vielleicht, aber niemand hier im Haus. Weiter!«

Pendejo wartete im Gang und deckte ihren Rücken.

Brown und Knife nahmen sich die rechte Seite vor, Cycle und Cookie die linke. Während Cookie die Türen öffnete, hielt Cycle das M4 im Anschlag, bereit, sofort zu schießen, wenn er eine verdächtige Bewegung im angrenzenden Zimmer ausmachte.

Der erste Raum war leer, das Bett gemacht. Hier hatte heute Nacht niemand geschlafen. Er hörte wieder das vertraute Geräusch des unterdrückten Mündungsfeuers, als Brown und Knife auf der anderen Seite des Ganges Opfer erledigten.

Opfer, schärfte sich Cycle in Gedanken ein, nicht Ziele.

Der nächste Raum. Beide schliefen noch im selben Bett. Diesmal waren es zwei Männer. Sie konnten sie nicht am Leben lassen. Wenn sie gleich erwachten und Alarm schlugen, würden sie auch das Feuer mit ihren auf dem Schrank liegenden Waffen eröffnen. Cycle bedeutete Cookie, einen der beiden zu übernehmen, er selbst kümmerte sich um den anderen. Saubere Schüsse in den Kopf. Sie merkten nicht einmal, wie der Tod sie küsste.

Das letzte Zimmer auf ihrer Seite. Cycle betete, dass sie dort endlich ihre Zielperson fanden. Er gab Cookie ein Zeichen.

Sie drehte den Knauf.

Schob die Tür auf.

Cycle sah das Ziel. Tarsilia Botello Aguilar lag in dem riesigen Himmelbett, den Kopf an die großen Kissen in ihrem Rücken gelehnt. Sie saß aufrecht, neben ihr zwei Kinder. Vermutlich die Tochter und der Sohn, beide vielleicht zwischen neun und zwölf Jahre jung. Cycle zögerte. Cookie stand an seiner Seite wie versteinert da.

»Das sind Kinder,« flüsterte sie.

»Scheiße!«

In dem Moment blickte Aguilar sie direkt an. Ihre Augen weiteten sich. Die Sekunde, in der sie entscheiden musste, was sie als Nächstes tat, dehnte sich zu einer Ewigkeit. Schrie sie um Hilfe? Flehte sie um Gnade? Beschützte sie ihre Kinder? Griff sie zu einer verborgenen Waffe?

Sie tat nichts dergleichen. Nun blickten auch die Kinder auf und sahen Cycle und Cookie an, während hinter ihnen Brown und Knife die Schläfer im Nachbarzimmer töten.

»Wer ist das?«, fragte der Junge auf Spanisch. Cycle verstand ihn sehr wohl.

»Was ist los?«, fragte Brown hinter ihm.

»Sieh selbst.«

»Verdammt!« Er drängte sich zwischen Cycle und Cookie hindurch, das M4 im Anschlag, und sagte auf Spanisch: »Señora, schicken Sie die Kinder ins Bad.«

Sie antwortete nicht.

Er wandte sich zu Cycle um. »Ich nehme die Kinder, erledigt ihr den Job.«

Cycle sah ihn an. In dem Moment beachteten weder er noch Brown die Señora. Ein fataler Fehler.

»Waffe!«, schrie Cookie.

Cycle duckte sich, Brown sprang zur Seite. Genau in dem Moment blitzte die Mündung einer Desert Eagle in den Händen der Drogenbaronin auf, die sie weiß Gott woher gezogen hatte. Als der dröhnende Zündungsknall ertönte, schoss Cycle zurück. Brown ebenfalls. Statt Einzelfeuer im automatischen Modus. Das Blutbad, das sie anrichteten, hätten sie vermeiden wollen. Aguilar hätte es vermeiden können, wenn sie anders reagiert hätte.

Die Sache war im Bruchteil einer Sekunde erledigt, doch die zwei Schüsse aus der Desert Eagle mussten im ganzen Haus zu hören gewesen sein. Cycle sah zum Bett. Ihr Zielobjekt war tot, ebenso die beiden Kinder. Er merkte, wie ihm bei dem Anblick übel wurde. Genau solche Situationen bewegten ihn dazu, nicht mehr für die CIA oder andere amerikanische Nachrichtendienste als Söldner arbeiten zu wollen. Er wandte den Blick ab und sah neben sich Cookie auf dem Boden liegen. Kalter Schweiß brach ihm aus, als er das fingerdicke Einschussloch in ihrem Gesicht entdeckte. Ihre Augen waren starr nach oben gerichtet. Die zweite Kugel steckte in ihrer Brust, war aber von der Kevlarweste, die sie trug, abgefangen worden.

»Scheiße, Cookie!« Er beugte sich zu ihr hinab, konnte jedoch nichts mehr für die junge Frau tun.

»Verfluchter Mist!« Brown schlug mit der Faust gegen die Wand.

»Was ist, Boss?«, fragte Knife und spähte in den Raum. Dann sah er Cookies Leiche. »Oh, nein, verfickter Mist!«

»Okay, Rückzug. Ich nehme Cookie.«

»Nein.« Cycle atmete tief durch.

»Wir lassen sie hier nicht zurück«, sagte Brown.

Cycle nickte. »Ich werde sie tragen.«

»Na schön, dann los.«

* * *

Der Rückzug durch die Plantagenfelder zum am Rendezvouspunkt wartenden Hubschrauber gestaltete sich alles andere als einfach. Tatsächlich hatten die Schüsse das restliche Wachpersonal alarmiert. Als sie im Erdgeschoss der Villa ankamen, erwartete sie bereits ein halbes Dutzend Sicarios mit AK-47-Sturmgewehren und nahmen sie unter Feuer. Cycle, mit dem Körper Cookies auf den Schultern, hatte sein Gewehr auf den Rücken verfrachtet und konnte sich nur mit einer Pistole verteidigen. Brown, Knife und Pendejo erwiderten den Beschuss. In die Wände und Treppen einschlagende Projektile pflückten das Holz auseinander. Splitter flogen durch die Gegend. Holzstaub stieg auf und begann sich wie feiner Dunst über das Foyer der Villa zu legen.

Brown erwischte einen Gegner, als er um die Ecke der Eingangstür spähte. Pendejo erledigte einen

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