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Polis und Imperium: Alte Geschichte

Polis und Imperium: Alte Geschichte

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Polis und Imperium: Alte Geschichte

Länge:
219 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 12, 2012
ISBN:
9783831257232
Format:
Buch

Beschreibung

Die Prägekraft der antiken Tradition für die europäische Kultur bis in die Gegenwart ist trotz aller angeblichen Mythenzerstörung nicht ernsthaft zu leugnen. In vielen Bereichen unseres Lebens - von unserer urbanen Lebensweise bis zu den Grundbegriffen der Kunst und Philosophie, von Politik, Recht, Verwaltung und Religion bis zur technischen Formung der natürlichen Lebenswelt - stehen wir nach wie vor auf den Schultern der antiken Welt.

HOMER - an den Wurzeln der europäischen Kultur
Homer im Streit der Gegenwart: Der Dichter und seine Werke - Der Mythos als Erzählung von den Ursprüngen - Homers Menschen - Odysseus und Achilleus: Urbilder des europäischen Menschen - Der erste Klassiker Europas.

ANTIKE UND MODERNE DEMOKRATIE - ein ferner Spiegel?
Die Fremdheit der griechischen Demokratie - Probleme in der modernen Demokratie - Die Definition von Politik - Wie organisiert man politische Teilhabe? - Politische Ethik.

TEMPEL, KULTE, GÖTTER - die Religion der Griechen
Tempelbau und Polis-Gemeinde - Der heilige Bezirk - Das religiöse Opfer - Die Anrufung der Götter - Das Göttliche und das Schöne.

DIE ANFÄNGE DER PHILOSOPHIE IM FRÜHEN GRIECHENLAND - eine neue Sicht auf die Welt
Die Stimme des Individuums - Weise Männer - Die Frage nach dem neuen Denken - "Vom Mythos zum Logos" - Die Philosophen und ihre Lehren - Thales - Anaximander - Anaximenes - Heraklit - Parmenides - Empedokles - Anaxagoras - Leukipp und Demokrit.

DAS WELTREICH DER RÖMER IN DER KAISERZEIT - Perspektiven auf ein Imperium
Amerika und Rom - Der Prinzeps und das Reich - Subsidiarität und politisches Ethos - Pax Romana - Die "augusteische Schwelle" - Das Imperium Romanum als Tradition

Prof. Dr. Michael Stahl
hatte bis 2011 den Lehrstuhl für Alte Geschichte an der Technischen Universität Darmstadt. Sein Lehrbuch "Gesellschaft und Staat bei den Griechen" erschien 2003 in zwei Bänden, 2008 präsentierte er "Botschaften des Schönen", Bilder aus der antiken Kultur.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 12, 2012
ISBN:
9783831257232
Format:
Buch

Über den Autor


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Polis und Imperium - Michael Stahl

Vorwort – Antike und Gegenwart

Wer über Vergangenheit sprechen will, muß an die Zukunft denken. Dann entsteht Geschichte – der Blick auf Vergangenheit aus der Gegenwart und für sie. Jede Gegenwart, auch die unsere, bleibt stets offen für die Zukunft. Und diese tanzt keineswegs nach der Pfeife eines vermeintlichen Fortschritts. Wohin unsere modernen Gesellschaften und Gemeinwesen sich in den nächsten Generationen entwickeln werden und vielleicht entwickeln müssen, wenn sie noch eine Zukunft haben wollen, ergibt sich nicht einfach aus dem immer weiteren Ausziehen der bekannten Entwicklungslinien der Moderne. Vielmehr täten wir gut daran, uns empfänglich und bereit zu halten für Erneuerung und Alternativen, um aus den Sackgassen der Moderne herauszufinden.

Für das Beschreiten neuer Wege in dem sich ankündigenden epochalen Umbruch bedürfen wir jedoch – wie schon an früheren historischen Wendepunkten – des Blicks auf den gesamten Bestand der europäischen Geschichte. Dann können wir über den unüberwindbar scheinenden Bruch zwischen Moderne und Vormoderne hinweg eben diese wieder als notwendigen und zukunftsweisenden Teil unseres Geschichtsbewußtseins zurückgewinnen. Das bedeutet weder Flucht in eine idealisierte Vergangenheit noch die unreflektierte Affirmation scheinbarer historischer Vorbilder. Ein „neuer Humanismus" befähigt vielmehr zu produktiver Kritik an offensichtlich in die Irre führenden modernen Strukturen und zu innovativen Entwürfen für das Ziel einer weiterentwickelten, anderen Moderne.

Die antike Vergangenheit in Perspektiven der Gegenwart hereinholen – was kann das heißen? Es heißt nicht, Phänomene der Antike auf einer vordergründigen Ebene zu aktualisieren und etwa Modernes in ein äußerlich antikes Gewand zu hüllen – wie z.B. bei manchen Inszenierungen bei den Olympischen Spielen oder der Verarbeitung der Antike im Film oder in der Werbung. Genauso wenig kann es umgekehrt heißen, im Antiken das Moderne im Verhältnis eins zu eins wiederzufinden. Perspektivierung des historischen Blicks zielt auch nicht darauf, die Antike als absolut gesetztes Vorbild wiederholen zu wollen. Das Ergebnis wäre in ästhetischer Hinsicht Kitsch und in der Aussage unverbindlich, weil nicht einlösbar. Die Ausfertigung von Patentrezepten ist nicht statthaft, und einfach übertragbare Lehren sind nicht zu haben.

Die Antwort lautet vielmehr: Die aus der Gegenwart gewonnenen Perspektiven auf die Antike fördern an ihr etwas zutage, das auf einer dritten Ebene, einem tertium comparationis liegt. Über die Epochenbrüche hinweg kann man auf dieser Vergleichsebene beiden Zeiten gemeinsame Probleme und Aufgaben identifizieren. Ziel ist die bewußte und reflektierte Wiederaneignung von antiker Vergangenheit als Teil unserer Geschichte. Ganz ähnlich sah dies schon vor etwa 200 Jahren der große Humanist und Klassizist Karl Friedrich Schinkel:

„Historisch ist nicht, das Alte (…) festzuhalten oder zu wiederholen, dadurch würde die Historie zugrunde gehen. Historisch Handeln ist das, welches das Neue herbeiführt und wodurch die Geschichte fortgesetzt wird."

Nur eine echte Revitalisierung der vormodernen Vergangenheit für unsere Gegenwart und Zukunft kann ein privilegiertes öffentliches Interesse an ihr begründen. Ich habe dies in meinem Buch „Botschaften des Schönen" (Stuttgart 2008) an zwölf Beispielen aus der antiken Kultur zu zeigen versucht. Die hier vorgelegten Vorlesungen sind als eine thematische Fortsetzung und Ergänzung dazu zu verstehen, ohne daß damit nunmehr ein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben würde – im Gegenteil: Der Bau neuer Brücken in die antike Vergangenheit hat gerade erst begonnen.

Wie stellt sich das vor dem Hintergrund der heutigen Wissenschaft dar? In der Altertumswissenschaft gibt heute mehrheitlich eine zu meinem Ansatz fundamental gegensätzliche Strömung den Ton an: die Antike möglichst weit von uns wegzurücken, damit wir erkennen können, wie für uns fremd es in ihr bei den Alten zuging. Und deshalb hätten wir Modernen nichts mehr mit ihnen zu tun. Wenn das richtig wäre, liefe es in der Tat darauf hinaus, daß die Erinnerung an Griechen und Römer für uns keinen Deut wichtiger sein müßte, als die an die Vergangenheit von Indern, Chinesen oder Südseeinsulanern. Das interessierte Publikum fragt sich dann allerdings, warum es sich denn mit einer angeblich so gleich gültigen und damit gleichgültigen Vergangenheit noch beschäftigen sollte und warum von Seiten der öffentlichen Sachwalter der Antike häufig keine Mühen und Kosten gescheut werden, eben diese Antike so opulent wie möglich zu präsentieren – in Museen oder teilweise großartigen Ausstellungen. Und die dortigen Besucher, zumeist nicht gering an Zahl, empfinden sich keineswegs naiv und unaufgeklärt, wenn sie von der Schönheit eines antiken Kunstwerks einfach überwältigt werden und überhaupt den Eindruck mitnehmen, das Gezeigte ginge sie und ihre Zeitgenossen doch etwas an.

Der Wissenschaftsbetrieb allerdings ist weithin geprägt von interesseloser Gleichgültigkeit. Man möchte nicht wahrhaben, daß die These der vollkommenen Andersartigkeit oder Alterität der Antike in der Sache falsch ist. Denn die Prägekraft der antiken Tradition für die europäische Kultur bis in die Gegenwart ist trotz aller angeblichen Mythenzerstörung nicht ernsthaft zu leugnen. In vielen Bereichen unseres Lebens – von unserer urbanen Lebensweise bis zu den Grundbegriffen der Kunst und Philosophie, von Politik, Recht, Verwaltung und Religion bis zur technischen Formung der natürlichen Lebenswelt – stehen wir, ob wir es zustimmend zur Kenntnis nehmen oder nicht, nach wie vor auf den Schultern der antiken Welt.

Die Alteritätsthese ist im übrigen auch theoretisch falsch: das gesamte, nicht erst neuzeitliche Geschichtsdenken hat seit jeher als unabdingbare Grundlage für Geschichte die Verbindung von Gegenwart und Vergangenheit erkannt. Der Gedanke der Alterität gründet sich hingegen auf die Vorstellung der Einzigartigkeit der Moderne mit ihren beiden Grundpfeilern Fortschritt und Emanzipation, und das heißt eben auch Befreiung von überkommenen Bindungen und Verpflichtungen. Mit der permanenten Zerstörung von Tradition werden die Brücken zwischen Gegenwart und Vergangenheit eingerissen, und das Vollgefühl des modernen Singularitäts- und Befreiungsbewußtseins entzieht auch dem Historiker die Geschäftsgrundlage: den Neu-, Um- und Weiterbau jener Brücken, die das Heute mit dem Gestern und Vorgestern verbinden.

Das aber bedeutet den Verlust von Geschichte und damit den Rückfall in vorhochkulturelle Verhältnisse. Wir sind möglicherweise nicht sehr weit davon entfernt und sehen zugleich, wie zahlreiche Entwicklungslinien der Moderne zunehmend fragwürdig werden.

Wenn hier der in der modernen Geschichtswissenschaft häufig anzutreffenden Methodik der Dekonstruktion aufs Heftigste widersprochen wird, so folgt daraus jedoch nicht, hinter die Errungenschaften der wissenschaftlich verfahrenden Geschichtsschreibung zurückgehen zu wollen. Denn sie sichern die Geltungskraft von Aussagen über die Vergangenheit auf besonders überzeugende Weise. Man mag daher auf das wissenschaftliche Instrumentarium heute so wenig verzichten wie auf die Spritze beim Zahnarzt. Selbstverständlich liegt daher den folgenden Kapiteln eine methodisch-wissenschaftliche Vorgehensweise zugrunde. Wer sich mit den Themen in diesem Sinne vertiefend befassen möchte, findet in den beigefügten Literaturhinweisen genügend Ansatzpunkte. Für den Weg zur Geschichte ist Wissenschaft als Methode aber nicht ausschlaggebend, ja es gilt das Gegenteil: Wer sich auf die Handhabung – wie virtuos auch immer – eines wissenschaftlichen Methodeninstrumentariums beschränken zu können glaubt, wird die Geschichte sogar zerstören.

Im Titel dieses Buches sind zwei für die Antike grundlegende Leitbegriffe genannt: Polis und Imperium. Die griechische Polis und die aus ihr hervorgegangene, für die Dauer der gesamten Antike weiterlebende Stadtgemeinde sowie das Weltreich der römischen Kaiserzeit sind die für die Antike selbst wichtigsten prägenden Formen ihrer Lebenswelt. Dabei bildet die Kultur des Imperium Romanum, das die antike Welt politisch geeint hat und gleichzeitig aus den unzähligen Städten vom Atlantik bis nach Indien und von der Sahara bis nach Schottland bestand, gleichsam den Unterlauf und das Mündungsdelta des gesamten antiken Kulturflusses.

Die folgenden, je für sich stehenden Kapitel behandeln nur auf den ersten Blick disparat erscheinende Themen. Was sie verbindet, darauf verweist der Untertitel: „Kultur und Politik". Diese beiden Lebensbereiche waren so elementar aufeinander bezogen wie angewiesen. Das können wir durch die ganze Antike hindurch kontinuierlich verfolgen. Kultur als das Leben im Geiste und der Schönheit ist nicht zu trennen vom Leben der Gemeinschaft. Literatur, Religion, Philosophie oder Bildkunst sind weder beliebig schmückende Dekoration einer ansonsten harten, wenig Trost bereithaltenden Lebenswirklichkeit noch Theaterkulisse zur Verschleierung extremer sozialer und politischer Machtgefälle. Natürlich ist nicht zu leugnen, daß Trostlosigkeit und Macht das antike Leben auch zuweilen bestimmt haben. Aber eine Menschheitsepoche, die annähernd 1500 Jahre Bestand hatte, kann nicht dauerhaft im Zeichen von Leid, Unterdrückung und Unmenschlichkeit gestanden haben. In den bis heute vielfach unübertroffenen Manifestationen des antiken Geistes finden vielmehr die antiken Lebensordnungen zu einem positiven Bewußtsein ihrer selbst. Schon ihre mehr als tausendjährige Dauer zeugt von ihrem weitgehenden Gelingen. Die antike Kultur, aus der hier fünf Streiflichter präsentiert werden, beglaubigt die antiken Ordnungen von Gesellschaft und Gemeinschaft vor dem Richterstuhl der Geschichte. Deshalb sendet sie ihre Botschaften auch noch an uns. Wir müssen sie nur zum Sprechen bringen und wieder auf sie hören.

HOMER

An den Wurzeln der

europäischen Kultur

Von Prof. Dr. Michael Stahl

Homer

An den Wurzeln der europäischen Kultur

Homer im Streit der Gegenwart – Homerische Fragen: Der Dichter und seine Werke – Der Stoff der Epen: Tradition und Neuschöpfung – Dichtung und Lebenswelt: Das Problem der Historizität – Homer und die Nachwelt – Eine „kulturelle Enzyklopädie" – Lügen des Odysseus – Die Welt des Hauses – Ein Aristokrat – Wonach man strebte – Arbeit für die Gemeinschaft – Der Mythos als Erzählung von den Ursprüngen – Homers Menschen – Odysseus und Achilleus: Urbilder des europäischen Menschen – Penelope und die eheliche Liebe – Der erste Klassiker Europas

Homer im Streit der Gegenwart

„Wir sind Kinder des Orients" – so war ein Leitartikel auf der Titelseite der FAZ am 29. Dezember 2007 überschrieben. Sein Autor war Dieter Bartetzko, ein Journalist, der sich um die Belange der Archäologie in der Öffentlichkeit immer wieder sehr verdient macht und sich auch engagiert über die öffentliche Architektur in unserem Land äußert. Sein prominent plazierter Artikel gehörte in einen bestimmten Kontext: Nur eine Woche zuvor hatte die FAZ die Thesen von Raoul Schrott über Homer veröffentlicht. In ihnen lokalisierte der österreichische Literat und Literaturwissenschaftler das homerische Troja in das östliche Mittelmeer, nach Kilikien, und seinen Dichter an den Hof eines assyrischen Kleinkönigs.

Es ist hier nicht zu rekapitulieren, mit welcher Argumentation Schrott das Geheimnis um „Homers Heimat" gelüftet haben will. Jedenfalls hatte er damit und mit seiner danach erschienenen Übersetzung von Homers Ilias eine lebhafte Debatte ausgelöst. Inzwischen haben sich aber alle Kenner der Materie zumeist kritisch geäußert. Von Schrotts These ist kaum etwas übrig geblieben.

Keiner der Diskussionsbeiträge ging allerdings näher ein auf den brisanten Kontext, in den Bartetzko in seinem Artikel Schrotts vermeintliche Erkenntnisse gestellt und damit die weitertragenden politischen Konsequenzen gezogen hat. Lediglich der Althistoriker Christian Meier hat ebenfalls in einer großen Zeitung den Schlußfolgerungen Bartetzkos eine dezidierte Gegenthese gegenübergestellt: „Wir sind Kinder des Okzidents".

Bartetzko rückt Schrotts Konstruktionen neben die einst umstürzenden Befunde Heinrich Schliemanns. Nun sei es endlich bewiesen, so Bartetzko:

„Das Epos, das wir als fernen Spiegel der eigenen Befindlichkeit und Besonderheit verehrt haben, ist durchwirkt von jener Kultur, die wir als das Andere, das Fremde zu sehen gewohnt sind."

Schrott habe Homer „humanisiert, indem er ihn als einen „multikulturellen Dichter (und Propagandisten) erkannt habe. Mit Schrotts Ilias in der Hand, so Bartetzkos Schluß, drängten sich nun „Fakten gemeinsamer Wurzeln" auf. Angesichts derer könne man an den bisher gesehenen Unterschieden und Gegensätzen zwischen Abend- und Morgenland nicht mehr festhalten. Das eigentlich Wichtige und Provozierende von Schrotts Annahmen liegt in dieser aus ihnen ableitbaren Botschaft. Sie lautet: Wir müßten, um den uns bedrückenden Konflikten der Gegenwart besser begegnen zu können, vergessen, wovon wir seit mehr als 2500 Jahren überzeugt waren: nämlich daß wir in Homer einen der zentralen Bezugspunkte unserer okzidentalen Identität besitzen.

Ich möchte in dieser Vorlesung zeigen, daß wir das nicht dürfen und auch nicht können, solange wir uns nur mit Homers Dichtung selbst befassen sowie mit dem, was eine gründliche Forschungstradition über sie ermittelt hat, und nicht mit aus

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