Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

KURZ: Ein Regime

KURZ: Ein Regime

Vorschau lesen

KURZ: Ein Regime

Länge:
321 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
Jul 22, 2021
ISBN:
9783218012683
Format:
Buch

Beschreibung

Ibiza-Affäre. BVT-Skandal. Postenschacher. Mitglieder der Parteispitze, die als Beschuldigte geführt werden. Die türkise "Familie" ist in eine lange Liste an Skandalen involviert. Doch es sind keine isolierten Geschehnisse, sondern Symptome eines Projekts, das seit Jahren im Hintergrund läuft: der schleichende Umbau der Republik Österreich nach Orbánschem Vorbild.
Peter Pilz blickt hinter die Kulissen von Sebastian Kurz' Zirkel der Macht und zeichnet ein besorgniserregendes Bild einer politischen Elite, die es sich zum Ziel gemacht hat, von den Medien bis zur Justiz alle "auf Linie" zu bringen – und dabei Grundpfeiler von Rechtsstaat und Demokratie beschädigt.
Freigegeben:
Jul 22, 2021
ISBN:
9783218012683
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie KURZ

Ähnliche Bücher

Buchvorschau

KURZ - Peter Pilz

1.

DIE KÖPFE DER WKSTA

Am 17. Mai 2019 platzt die Ibiza-Affäre. Der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung veröffentlichen das Video. Mit Vizekanzler Heinz-Christian Strache und Klubobmanna Johann Gudenus treten zwei Spitzen der FPÖ zurück. Während die gemeinsame Regierung von ÖVP und FPÖ in Wien zerbricht, bereiten Wiener Staatsanwälte ihre Ermittlungen vor. Die politische Affäre wird zum Kriminalfall.

Über diesen Freitag wird weltweit berichtet. Zwei Tage später fällt im Zentrum der Bundeshauptstadt eine weit weniger beachtete Entscheidung. Die Oberstaatsanwaltschaft Wien zeigt die Spitze der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) an. Ein beteiligter Rechtsanwalt beschreibt mir die Ausnahmesituation: „Die Staatsanwälte fragen sich, ob die Polizei schon auf dem Weg zu ihnen ist. Sie haben keine Ahnung, ob ihre Handys abgehört werden und ob sie morgen nicht schon in U-Haft sind."

Die WKStA-Staatsanwälte, die ihre Verhaftung befürchten, sind dieselben, die in den Tagen darauf die Ibiza-Ermittlungen beginnen werden. Von den Casinos bis zur ÖBAG und von den parteinahen Vereinen bis zur Schredderaffäreb entscheidet der Erfolg ihrer Arbeit über die Zukunft der Spitzen der ÖVP. Am 19. Mai 2019 wissen die Staatsanwälte der WKStA nicht, ob sie überhaupt noch eine Chance haben, die Ibiza-Ermittlungen zu führen.

Zwei Jahre später ist vieles anders. Die WKStA hat sich trotz zahlreicher Attacken des Bundeskanzlers nicht von ihrer Arbeit abhalten lassen. Nach der FPÖ ist auch die ÖVP ins Visier der Ermittler geraten. Mit ÖVP-Finanzminister Gernot Blümel, Ex-ÖBAG-Chef Thomas Schmid, Casinos-Chefin und Ex-Kurz-Stellvertreterin Bettina Glatz-Kremsner, dem ÖVP-Raiffeisen-Chef Walter Rothensteiner und den Ex-ÖVP-Finanzministern Josef Pröll und Hartwig Löger ist die Liste der türkisen und schwarzen Beschuldigten im Mai 2021 bereits beeindruckend lang. Am 6. Mai 2021 informiert die WKStA Bundeskanzler Kurz, dass auch er Beschuldigter ist.

In wenigen Jahren haben Sebastian Kurz und seine ÖVP von Verfassungsschutz und Kriminalpolizei bis zu großen Medien vieles auf Linie gebracht. Jetzt drohen sie, an der WKStA als letztem Brückenkopf des österreichischen Rechtsstaats zu scheitern.

Der zweite Wendepunkt

Im Mai 2019 steht das System Kurz zum ersten Mal auf der Kippe. Sebastian Kurz ist erst 17 Monate Bundeskanzler. Aber schon jetzt geht es nicht nur um die Frage, ob ihn Strache und Gudenus mit in ihren Absturz reißen. Es geht um ein System, das gerade rund um den Kanzler und ÖVP-Obmann entsteht und noch längst nicht gefestigt ist. Die gewonnene Nationalratswahl war mit der Rückeroberung der Kanzlerschaft im Herbst 2017 die erste Wende. Im Mai 2019 ist Sebastian Kurz am zweiten Wendepunkt angelangt. Wenn verlässliche Ermittler die Sache der ÖVP in die Hand nehmen, kann in der Affäre „Ibiza nicht viel passieren. Wenn aber die WKStA mit dem BAK, dem Bundesamt für Korruptionsbekämpfung, alle Spuren zu beiden Ibiza-Parteien ungehindert verfolgen kann, ist das „System Kurz in Gefahr.

Sebastian Kurz weiß, dass 17 Monate Parteibuchwirtschaft und drei Jahre verdeckte Wahlkampffinanzierung zahlreiche Spuren hinterlassen haben. Im Mai 2019 kann er noch den ahnungslosen Kanzler, der vom Ibiza-Video überrascht und vom Koalitionspartner enttäuscht ist, spielen. Kaum jemand glaubt Strache und seiner Ibiza-Beschreibung eines „Doppelclubs" von FPÖ und ÖVP, der Geld von Glücksspielkonzernen und Immobilienspekulanten genommen und dafür Gegenleistungen erbracht haben soll. Aber wenn die erfahrenen Ermittler der WKStA ungehindert arbeiten können, werden sie auch die türkisen Spuren aufnehmen und Beweise finden.

Plötzlich geht es für Kurz ums politische Überleben. Daher wird in den nächsten Monaten von Schreddergate bis zur Affäre „Casinos" alles getan, um sein System zu schützen. Nur wenige ahnen, wie gefährlich es schon im Mai 2019 für Kurz und seine Gruppe geworden ist.

Aber was ist das „System Kurz"? Und worum geht es im Mai 2019 wirklich?

aFraktionsvorsitzender im Nationalrat (Parlament)

bsiehe Kapitel 11

2.

DAS ÖSTERREICHISCHE EXPERIMENT

Ein paar hundert Kilometer östlich von Wien hat es Viktor Orbán geschafft, einen ganzen Staat umzubauen. Wenn es nach Kurz geht, schafft Österreich das auch.

Im Jahr 2021 herrscht in Ungarn ein Regime, das gerade die Regeln von Demokratie, Rechtsstaat und Pressefreiheit neu schreibt. Polen ist Ungarn auf den Fersen. Slowenien und Tschechien haben die ersten großen Schritte auf dem ungarischen Weg zurückgelegt. Aber Europa bricht nicht wieder an der Linie des Eisernen Vorhangs auseinander. Diesmal teilt sich der Kontinent nicht in ein Lager der Diktatur im Osten und eines der Demokratie im Westen. Dieses Mal bildet sich mitten in Europa ein Herd, der sich ausweitet. Rechtsradikale Parteien feiern Erfolge in Serie und rücken der Macht immer näher. Im Staat, von dessen Zustand die Zukunft Europas abhängt, hat sich die AfD im Bundestag und in allen Parlamenten der Länder festgesetzt.

Alle starren gebannt auf diese Parteien. Aber im Westen droht die größte Gefahr nicht von ihnen. Es ist unwahrscheinlich, dass sie alleine die Macht übernehmen. Im zweitschlimmsten Fall finden sie Partner für Mehrheiten und ihre Politik. Im schlimmsten Fall übernimmt eine christdemokratische Partei ihre Politik und ihre Propaganda und wandelt sich zu einer Staatspartei der nationalen Rechten.

„Rechtsradikale sind um nichts besser als islamistische Extremisten. Beide radikalen Ideologien stellen für unser Land eine Gefahr dar und haben in unserer freien und liberalen Gesellschaft keinen Platz."¹ Noch im April 2019 zitiert Der Spiegel wohlwollend die klare Abgrenzung des österreichischen Bundeskanzlers zu rechtsradikalen Kadergruppen wie den „Identitären". Im Gegensatz zu Strache haben Kurz und seine Partei keine Berührungspunkte zu Neonazis. Sebastian Kurz hat längst verstanden, dass die neue Rechte in Westeuropa die Macht nicht in Fantasieuniformen, sondern im Gewand der alten christdemokratischen Parteien übernehmen und behalten kann.

Fidesz in Ungarn, PiS in Polen, SDS in Slowenien – drei neue rechtspopulistische Parteien haben im „neuen Osten der EU die Macht übernommen. In Warschau und in Budapest ist es ihnen gelungen, die Macht zu verfestigen und das zu erreichen, was Viktor Orbán mit der „illiberalen Demokratie als Ziel beschrieben hat. Janez Janša in Ljubljana lässt keinen Zweifel aufkommen, dass er auf Orbáns Weg ist.

In Westeuropa haben es die Lega Nord in Italien, die Fortschrittspartei in Norwegen, die Dänische Volksparteia und die FPÖ in Österreich geschafft. Aber im Gegensatz zu ihren Schwestern im Osten können sie sich nicht im Zentrum der staatlichen Macht festsetzen. „Oppositionsbank – Regierungsbank – Anklagebank" – das wird dort, wo Rechtsstaat, Pressefreiheit und Demokratie noch das politische System prägen, immer wieder zum Rotationsprinzip von Parteien nach Art der FPÖ.

Im Osten geht es leichter. Viktor Orbán und die polnischen Zwillinge Lech und Jaroslaw Kaczyński hatten gegenüber Sebastian Kurz einen gewaltigen Startvorteil: Die Richter, Staatsanwälte und Journalisten, auf die sie auf dem Weg zur totalen Macht trafen, waren nicht in rechtsstaatlichen und demokratischen Systemen aufgewachsen und dort immunisiert worden. Viele von ihnen hatten nicht nur ihr Handwerk in einer kommunistischen Diktatur gelernt.

Trotzdem war die Hoffnung begründet, dass die Pioniere des Rechtsstaats auch in Ungarn und Polen mit der Zeit starke, schwer angreifbare Zentren der Rechtsstaatlichkeit aufbauen würden. Immer mehr Menschen würden lernen, was der grundlegende Unterschied zwischen Verfassung und Staat ist. Neue Journalistinnen und Journalisten würden sich Befehlen von oben und Angeboten von außen erfolgreich widersetzen. Das alles würde mit der Zeit entstehen. Aber Orbán und die Kaczyńskis kamen dafür zu früh.

Im Westen ist das anders. In Italien und Frankreich, in den Niederlanden, in Dänemark oder Österreich scheitern autoritäre Versuche rechtsextremer Parteien an Redaktionen, Gerichten und den alten Parteien. Die Fundamente des Rechtsstaats sind hier über lange Zeiträume gefestigt worden. In den Kernstaaten der EU prägen nach wie vor Traditionen großer Zeitungsverlage das Bild; nicht überall sieht es aus wie in Österreich, wo der inseratenhungrige Boulevard den Ton angibt.

Entscheidend sind aber die alten, konservativen Parteien. Sie beherrschen nach wie vor große Teile der Beamtenschaft und damit Schlüsselbereiche des Staates. Hinter ihnen stehen die traditionellen Interessenvertretungen von Unternehmern, Selbstständigen, Bauern und Beamten. Sie sind tief im Staat verwurzelt.

Wie in Deutschland stehen sie in der Regel der neuen extremen Rechten skeptisch bis feindselig gegenüber. Aber es geht auch anders: Wolfgang Schüssel hat als erster europäischer Christdemokrat mit der FPÖ einer Partei der nationalen Rechten die Tür zur Macht geöffnet. Weiter ist er nicht gegangen. Sebastian Kurz versucht den nächsten Schritt. Er entnimmt dieser Rechten ihren politischen Kern und pflanzt ihn seiner christdemokratischen Partei ein. Die Hülle wird von Schwarz auf Türkis umlackiert, aber der Kern der neuen Politik leuchtet in der Parteifarbe der FPÖ blau.

Plötzlich ist die ÖVP eine zuwanderungs- und EU-kritische Partei. Sie bekämpft das „System", dessen wichtigste Stütze sie das Dreivierteljahrhundert davor war. Ihr Motiv hat nichts mit politischem Glauben zu tun. Wie in Ungarn oder Polen glaubt ihre neue Führung an fast nichts. Das macht es ihr so leicht, fast alles zu übernehmen.

Im Gegensatz zur FPÖ hat sie als langjährige Regierungspartei alle Möglichkeiten im System. Sie kontrolliert große Teile des Sicherheitsapparats und Teile der Justiz. Hinter ihr stehen die Eigentümer großer Medienverlage. Im Aufsichtsorgan des staatlichen ORF hat sie die Mehrheit. Um das System anzugreifen, stehen ihr beide Wege offen: von innen und von außen.

Fünf Krisen

Vor der Zeit, in der wir jetzt leben, fühlten sich die meisten Menschen sicher. Es war klar, dass es vorwärts und dabei meist aufwärts ging. Falls einmal etwas auf dem Weg passierte, hing direkt darunter ein soziales Netz, das einen sicher auffing. Das alles hieß „soziale Marktwirtschaft. Gewerkschaften, Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer waren „Sozialpartner und wachten über sie. Das ist vorbei.

Die Krise ist heute der Normalzustand. Einmal bricht sie als Klimakrise, einmal als Finanzkrise und ein anderes Mal als Flüchtlingskrise aus. Als Gesundheitskrise lernen wir sie ein erstes Mal kennen.

In der Krise hoffen verunsicherte Menschen auf zweierlei: auf Sicherheit und auf einen Ausweg. In den letzten zwanzig Jahren haben die meisten von ihnen die Hoffnung auf einen roten oder schwarzen Weg zurück in die Sicherheit aufgegeben. Sie glauben nicht mehr, dass die Politik dann, wenn sie sie brauchen, für sie da ist. Damit ist zu den vier Krisen eine weitere hinzugekommen: die Krise der Politik.

Auf keine einzige dieser Krisen hat Sebastian Kurz eine sachliche Antwort. Er hat keinen Plan gegen den Klimawandel und keinen zum Umgang mit den Flüchtlingen. Er weiß nicht, wie man die nächste Finanzkrise rechtzeitig erkennt und das Schlimmste verhindert. Er weiß das alles nicht, weil es ihn kaum interessiert. Kurz sucht keine Antworten, weil es ihm nicht um Lösungen, sondern um Chancen geht. Wie jeder talentierte Politiker kennt er die Regel: je tiefer die Krise, desto größer die Chance.

Studium der Partei

Sebastian Kurz ist 25, als ihn sein Förderer Michael Spindelegger am 21. April 2011 zu Johanna Mikl-Leitner als Staatssekretär ins Innenministerium schickt. Spindelegger ist noch Vizekanzler und ÖVP-Obmann. Kurz hat sein Jusstudium abgebrochen, aber das interessiert Spindelegger nicht. Er weiß, dass Kurz eine solide Ausbildung genossen hat: In acht Jahren in der Jungen ÖVP hat er bis 2011 mit ausgezeichnetem Erfolg „Partei studiert und mit „Staatssekretär abgeschlossen.

In den Organisationen der Parteijugend bekommt man keine fachliche Ausbildung, weil Fachwissen nur eine Nebenrolle spielt. Man lernt „Politik", das Werben und Überzeugen, das Fraktionieren und Mehrheitenbilden, den Angriff und die Intrige, das Verschleppen und das Entscheiden. Das Ziel ist die Übernahme der Macht. Wenn man im politischen Spiel gut ist, geht es irgendwann um den Bundeskanzler. Zuerst will man nach oben kommen, dann oben bleiben. Das ist für einen gut ausgebildeten Parteifunktionär wie Kurz alles, was ein Berufsleben ausmacht.

Zweifellos hat Sebastian Kurz außergewöhnliche Talente. Gerade in seinen ersten Jahren als Staatssekretär und Minister stellen Gesprächspartner erstaunt fest, dass die Zukunftshoffnung der ÖVP ein ebenso höflicher wie intensiver Zuhörer ist. Kurz fragt nach und lässt sein Gegenüber erzählen. Viele verlassen ihr Gespräch mit Sebastian Kurz im Gefühl, verstanden worden zu sein.

Kurz ist intelligent und schnell. Er hat ein feines Gespür für Stimmungen und Botschaften, die sie treffen. Egal ob eine Idee, ein Bild oder ein symbolischer Akt – wenn er etwas gut findet, ist er bereit, es in sein Repertoire zu übernehmen. Das Projekt „Kurz" ist eine Collage, deren Einzelteile ständig gegen bessere ausgetauscht werden.

Seine Talente nützen Kurz auch bei der Ablenkung von seiner größten Schwäche: der umfassenden sachlichen Inkompetenz. Kurz muss von einer Sache nichts wissen. Er muss nur den Eindruck erwecken, in genau dieser Sache sattelfest zu sein. Was den Inhalt der Politik betrifft, ist er kein Kanzler, sondern ein Kanzlerdarsteller. In diesem Fach ist er derzeit einer der Besten.

Am 18. April 2011 ergreift Sebastian Kurz seine erste Chance, in die Nähe der Macht zu kommen. Michael Spindelegger hat gerade das ÖVP-Regierungsteam von Josef Pröll übernommen und dem Obmann der Jungen ÖVP das Integrationsstaatsekretariat im Innenministerium angeboten. Kurz sagt zu. Dann beginnt er mit dem Aufbau seiner Gruppe.

Buberln

Wie vieles in der neuen Rechten ist auch die Führung durch eine Gruppe junger Männer von Jörg Haider erfunden worden. Als Sebastian Kurz Jungpolitiker wurde, hatte Haider gerade eine neue Organisationsform entwickelt: die „Buberlpartie", die österreichische Form der Boygroup. Haider gelang es, Walter Meischberger und Peter Westenthaler als ernsthafte Politiker zu präsentieren. Sein Star war Karl-Heinz Grassera.

Sachliche Kompetenz spielte schon damals eine untergeordnete Rolle. Nur beim Umgang mit öffentlichen Geldern zeigten die Buberln vom Start weg eine Verbindung von Interesse und Engagement, die noch Jahrzehnte später die Strafjustiz beschäftigt. Grasser, Westenthaler und Meischberger sind inzwischen – zum Teil nicht rechtskräftig – verurteilt. Die Unschuldsvermutung gilt für sie seit weit mehr als einem Jahrzehnt.

Ein Jahrzehnt später hat Sebastian Kurz als Staatsekretär bereits die wichtigsten Spieler seines Teams um sich. Sein engster Vertrauter ist Gernot Blümel, sein langjähriger Begleiter in der Jungen Volkspartei. Blümel wird von Vizekanzler Michael Spindelegger entdeckt und bleibt bis zu dessen politischem Ende im September 2014 bei ihm. Dann setzt er sich in der Wiener ÖVP fest und bringt sie auf Kurs. Kurz wird sich als Außenminister bereits auf Blümel und die Wiener Partei verlassen können.

Der strategische Kopf ist von Anfang an Stefan Steiner. Wie viele andere im Kurz-Umfeld hat er Politik in der niederösterreichischen ÖVP gelernt. Für den damaligen ÖVP-Obmann Josef Pröll arbeitet der Jurist bereits als politischer Direktor. Sebastian Kurz begleitet er vom ersten Tag an als Kabinettschef im Staatssekretariat wie ein politischer Schatten. Der Journalist und Buchautor Klaus Knittelfelder schildert, wie Kurz mit seinem Chefberater in den Tagen und Nächten Mitte April 2011 seine Rolle erfand.² Den zentralen Slogan prägt Steiner: „Integration durch Leistung". Von Caritas bis Industriellenvereinigung fühlen sich alle angesprochen. Mit der Deutschpflicht in Moscheen und dem Kampf gegen den politischen Islam kommen erste Anleihen aus der FPÖ dazu.

Elisabeth Köstinger ist die dritte politische Vertraute, mit der sich Kurz auf den Weg macht. Ein Insider zeichnet in einer anonymen Anzeige an die WKStA den inneren Zirkel: „Elisabeth Köstinger und Stefan Steiner übernahmen nicht aus Zufall zu zweit die ÖVP-Zentrale, als Kurz ÖVP-Vorsitzender wurde. Sie orchestrierten die Bemühungen, waren über alles informiert. Gleiches gilt für Gernot Blümel als rechte Hand von Kurz im Kanzleramt."³

Ab 2015 ist alles nur noch eine Frage der Zeit. Kurz weiß, dass Mitterlehner den Weg freimachen wird. Er kann schon bald selbst Vizekanzler werden. Aber sein Ziel ist „Kanzler", sonst nichts. Für den Weg dahin gibt es noch keinen detaillierten Plan. Aber es gibt eine Gruppe, die sich gemeinsam auf den Weg macht.

Zu Blümel, Köstinger und Steiner kommen:

Axel Melchior: Als JVP-Generalsekretär ist er seit 2010 die rechte Hand seines Obmanns Kurz. Sein Chef nimmt ihn ins Staatssekretariat mit. Melchior bleibt in den Kurz-Kabinetten und später als Generalsekretär der Partei der Mann für „interne Abläufe" und Spezialaufgaben von der Finanzierung bis zu den heiklen Kontakten ins BVT.

Gerald Fleischmann: Im Jahr 2007 übernimmt Gerald Fleischmann mit der Presseabteilung der Bundes-ÖVP eine undankbare Aufgabe. Als Kurz 2011 Staatssekretär wird, schickt der damalige ÖVP-Obmann Michael Spindelegger Fleischmann zu ihm. Das junge Talent der Partei braucht einen professionellen Medienmann. Im Gegensatz zu Bonelli und Steiner wird Fleischmann auf Parteibefehl zum Kurz-Mann.

Bernhard Bonelli: Sein Handwerk lernt Opus Dei-Anhänger Bonelli bei der Boston Consulting Group BCG. Erst im Herbst 2016 wird er von Kurz ins Außenministerium geholt. Vom Kabinett aus hilft Bonelli bei der Vorbereitung der Machtübernahme. Heute hält er als Kabinettschef die vielen Fäden des Kanzlers zusammen. Von Impfplänen bis Festplattena liegen Letztentscheidungen direkt unter dem Kanzler bei ihm.

Blümel, Köstinger, Steiner, Melchior, Bonelli und Fleischmann sitzen mit Kurz im inneren Kreis. Alle, die hier dazugehören, bilden die Führung einer Gruppe von Jungfunktionären, die gemeinsam ein größeres Ziel haben.

Wer die strategischen Planungsdokumente des „Projekts Ballhausplatz"b liest, stellt fest, dass hier eine Machtübernahme mit einer Professionalität und Genauigkeit vorbereitet wird, die in der österreichischen Politik neu ist. Diese strategische Planungskultur ist nicht in der Jungen ÖVP, sondern in großen Beratungsfirmen wie der Boston Consulting Group BCG zu Hause, bei der Kurz-Kabinettschef Bernhard Bonelli und Kurz-Beraterin Antonella Mei-Pochtlerc lange tätig waren. Beide haben sie von dort importiert.

Führer, Apostel und Jünger

Im Juli 2016 ist die öffentliche Rollenverteilung klar. Das Dokument „Strategische Planungsgrundlage", das die WKStA später in einer anonymen Anzeige zugesandt bekommen wird, enthält schon das Wichtigste:

„Wahlkampf wird klar auf SK abgestellt. Seine Glaubwürdigkeit wird aber durch ein kompetentes Zukunfts-Team (= „Jünger) unterstrichen, dem die Leute Veränderung zutrauen.

Ein paar Seiten später wird die Strategie konkreter: Führer Kurz braucht öffentlich zehn bis zwanzig „Jünger. Sie stützen seine „Vermarktung. 50 Prozent von ihnen sollen Frauen sein. Dass von ihnen nur „SK-Support" verlangt wird, hat nichts Diskriminierendes: Auch die männlichen Jünger sind nur Aufputz.

Loyalität statt Kompetenz

Der kleine Kreis um Kurz besteht aus Personen, die ihr Handwerk beherrschen. Aber je weiter man sich vom Kurz-Zentrum entfernt, desto deutlicher wird, dass fachliche Qualifikation eine Nebenrolle spielt. Sebastian Kurz setzt vor allem auf eine Eigenschaft: bedingungslose Treue. Bis zu Kurz gab es mit der FPÖ nur eine Partei, die fachlich ungeeignete Personen zu Ministern machte. Die Erklärung ist einfach: Bessere gab es in der FPÖ nicht.

Für die ÖVP unter Sebastian Kurz gilt das nicht. Nach wie vor stehen nicht nur in Wirtschaft und Verwaltung hochqualifizierte Personen der ÖVP nahe. Aber trotzdem hat sich Kurz für Personen entschieden, die wie die Wirtschaftsministerin, der Finanzminister und die ehemalige Arbeitsministerin für ihre Ämter fachlich ungeeignet sind.

„Was ist für Sie die wichtigste Eigenschaft von Mitarbeitern? Der Verleger Horst Pirker erzählt mir, wie er dem Kanzler in dessen Büro diese Frage stellt. Die Antwort besteht aus einem Wort: „Loyalität. „Aber die sachliche Qualifikation, warum nicht die? – „Es geht um Loyalität. Um sonst nichts.

Kurz-Mann Axel Melchior präzisiert: „Man kann alles lernen. Nur Loyalität nicht."⁵ Kurz-Mann Wolfgang Sobotkaa ergänzt: „Sebastian Kurz kann auf meine bedingungslose Loyalität rechnen.⁶ „Studienplätze an Universitäten, Beamten-Jobs und Funktionen in Verwaltung und Unternehmen gingen nicht an die Fleißigsten oder Fähigsten – sie gingen an die Loyalsten.⁷ Anne Applebaum beschreibt in ihrem Buch „Twilight of Democracy nicht die ÖVP unter Sebastian Kurz, sondern eine Partei, die politisch Welten von der ÖVP trennt: die kommunistische Partei unter Lenin. Aber der Unterschied verblasst, wenn man der Beschreibung der Autorin folgt: „Einzelne Personen machten nicht wegen ihres Talents oder ihres Fleißes Karriere, sondern weil sie sich den Regeln der Partei unterwarfen.⁸ Das ist nicht nur für die Karriere von Ex-ÖBAG-Chef Thomas Schmidb eine passende Beschreibung.

In autoritär geführten Staaten und Parteien bieten Minderqualifizierte einen unschätzbaren Vorteil: Erhalten sie einen Auftrag, der mit dem eigenen Gewissen oder dem geltenden Gesetz nicht vereinbar ist, können sie nicht aufstehen und sagen: „Ich finde jederzeit einen besseren Job als hier. Ich mache das nicht." Sie fürchten sich zu Recht vor dem Arbeitsmarkt und der Hoffnungslosigkeit, die dort auf sie wartet.

So wie Haider und Strache ist auch Kurz für jene, die außer Loyalität wenig zu bieten haben, als Chef kaum zu ersetzen. Kurz vertraut neben ihrer Treue noch einer zweiten Eigenschaft: Sie werden ihm nicht die Sonne verstellen. Ihr Licht steht unter seinem Scheffel. So sind Regierungsmitglieder wie Gernot Blümel, Margarete Schramböck und Klaudia Tanner ebenso wie Manager wie Thomas Schmid das loyale Personal, dem Kurz vertraut.

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über KURZ denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen