Genießen Sie von Millionen von eBooks, Hörbüchern, Zeitschriften und mehr - mit einer kostenlosen Testversion

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Der 1908 Seiten Krimi Koffer Juli 2021
Der 1908 Seiten Krimi Koffer Juli 2021
Der 1908 Seiten Krimi Koffer Juli 2021
eBook2.751 Seiten28 Stunden

Der 1908 Seiten Krimi Koffer Juli 2021

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Vorschau lesen

Über dieses E-Book

Der 1908 Seiten Krimi Koffer Juli 2021

von Alfred Bekker, Tomos Forrest, Marten Munsonius, Horst Bieber, Thomas Andresen, Horst Friedrichs, Hans-Jürgen Raben

 

Über diesen Band:

 

Dieser Band enthält folgende Krimis:

 

Krallenmörder (Alfred Bekker/Tomos Forrest/Marten Munsonius)

Blutiges Geld (Walter G. Pfaus)

Alfred Bekker: Kubinke und der Mord in Wien

 

Alfred Bekker: Mörderspiel

 

Alfred Bekker: Der Sniper von Berlin

 

Horst Bieber: Schnee im Dezember

 

Thomas Andresen: Der Anonyme

 

Hans-Jürgen Raben: Bount Reiniger soll sterben

 

Thomas Andresen: Mitwisser eines Verbrechens

 

Horst Friedrichs: Vom Mörder um Bodyguard

 

Hans-Jürgen Raben: Tardelli und der Killer in Athen

 

Kriminalrat Wegener ist des Mordes an seiner Frau Gesine angeklagt. Das Gericht spricht ihn zwar frei, weil die Beweise nicht ausreichen, aber damit ist seine Karriere am Ende. Vom Dienst suspendiert, zieht er in das Dorf und in das Haus, in dem seine Frau seit ihrer Trennung gelebt hat. Hier sucht er Indizien, die ihn auf die Spur des Mörders führen könnten.

 

Die Dorfbewohner reagieren mit Verachtung und offener Feindseligkeit. Wegener erhält anonyme Drohbriefe. Dann entgeht er knapp einem Mordanschlag. Wollen die Dorfbewohner nur einen vermeintlichen Mörder verjagen oder steckt etwas anderes dahinter?

 

Wegener versucht, die Vergangenheit seiner Frau aufzuhellen. Wer könnte ein Motiv haben, sie umzubringen? Er findet heraus, dass sie offensichtlich erpresst worden ist. Es tauchen Hinweise auf, dass sie Kontakt zu zwei Kriminellen gehabt hat.

 

Und dann macht er eine Entdeckung, die eine längst geahnte Wahrheit enthüllt …

SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum20. Juli 2021
ISBN9798201938642
Der 1908 Seiten Krimi Koffer Juli 2021
Vorschau lesen
Autor

Alfred Bekker

Über Alfred Bekker: Wenn ein Junge den Namen „Der die Elben versteht“ (Alfred) erhält und in einem Jahr des Drachen (1964) an einem Sonntag geboren wird, ist sein Schicksal vorherbestimmt: Er muss Fantasy-Autor werden!  Dass er später ein bislang über 30 Bücher umfassendes Fantasy-Universum um  “Das Reich der Elben” schuf, erscheint da nur logisch. Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten und wurde Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen.   Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', ‘Ragnar der Wikinger’,  'Da Vincis Fälle - die mysteriösen Abenteuer des jungen Leonardo’', 'Elbenkinder', 'Die wilden Orks', ‘Zwergenkinder’, ‘Elvany’, ‘Fußball-Internat’, ‘Mein Freund Tutenchamun’, ‘Drachenkinder’ und andere mehr  entwickelte. Seine Fantasy-Zyklen um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' ,die 'Gorian'-Trilogie, und die Halblinge-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt.  Alfred Bekker benutzte auch die Pseudonyme Neal Chadwick,  Henry Rohmer, Adrian Leschek, Brian Carisi, Leslie Garber, Robert Gruber, Chris Heller und Jack Raymond. Als Janet Farell verfasste er die meisten Romane der romantischen Gruselserie Jessica Bannister. Historische Romane schrieb er unter den Namen Jonas Herlin und Conny Walden.  Einige Gruselromane für Teenager verfasste er als John Devlin. Seine Romane erschienen u.a. bei Lyx, Blanvalet, BVK, Goldmann,, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt., darunter Englisch, Niederländisch, Dänisch, Türkisch, Indonesisch, Polnisch, Vietnamesisch, Finnisch, Bulgarisch und Polnisch.

Mehr von Alfred Bekker lesen

Ähnlich wie Der 1908 Seiten Krimi Koffer Juli 2021

Rezensionen für Der 1908 Seiten Krimi Koffer Juli 2021

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    Der 1908 Seiten Krimi Koffer Juli 2021 - Alfred Bekker

    Der 1908 Seiten Krimi Koffer Juli 2021

    von Alfred Bekker, Tomos Forrest, Marten Munsonius, Horst Bieber, Thomas Andresen, Horst Friedrichs, Hans-Jürgen Raben

    Über diesen Band:

    Dieser Band enthält folgende Krimis:

    Krallenmörder (Alfred Bekker/Tomos Forrest/Marten Munsonius)

    Blutiges Geld (Walter G. Pfaus)

    Alfred Bekker: Kubinke und der Mord in Wien

    Alfred Bekker: Mörderspiel

    Alfred Bekker: Der Sniper von Berlin

    Horst Bieber: Schnee im Dezember

    Thomas Andresen: Der Anonyme

    Hans-Jürgen Raben: Bount Reiniger soll sterben

    Thomas Andresen: Mitwisser eines Verbrechens

    Horst Friedrichs: Vom Mörder um Bodyguard

    Hans-Jürgen Raben: Tardelli und der Killer in Athen

    Kriminalrat Wegener ist des Mordes an seiner Frau Gesine angeklagt. Das Gericht spricht ihn zwar frei, weil die Beweise nicht ausreichen, aber damit ist seine Karriere am Ende. Vom Dienst suspendiert, zieht er in das Dorf und in das Haus, in dem seine Frau seit ihrer Trennung gelebt hat. Hier sucht er Indizien, die ihn auf die Spur des Mörders führen könnten.

    Die Dorfbewohner reagieren mit Verachtung und offener Feindseligkeit. Wegener erhält anonyme Drohbriefe. Dann entgeht er knapp einem Mordanschlag. Wollen die Dorfbewohner nur einen vermeintlichen Mörder verjagen oder steckt etwas anderes dahinter?

    Wegener versucht, die Vergangenheit seiner Frau aufzuhellen. Wer könnte ein Motiv haben, sie umzubringen? Er findet heraus, dass sie offensichtlich erpresst worden ist. Es tauchen Hinweise auf, dass sie Kontakt zu zwei Kriminellen gehabt hat.

    Und dann macht er eine Entdeckung, die eine längst geahnte Wahrheit enthüllt ...

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

    Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

    © Roman by Author /

    © dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

    Alle Rechte vorbehalten.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    Folge auf Twitter:

    https://twitter.com/BekkerAlfred

    Erfahre Neuigkeiten hier:

    https://alfred-bekker-autor.business.site/

    Zum Blog des Verlags

    Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!Verlags geht es hier:

    https://cassiopeia.press

    Alles rund um Belletristik!

    Krallenmörder: Berliner 20er Krimi

    Krallenmörder: Berliner 20er Krimi

    Alfred Bekker et al.

    Published by Alfred Bekker, 2021.

    Table of Contents

    UPDATE ME

    Krallenmörder: Berliner 20er Krimi

    von Tomos Forrest & Alfred Bekker &  Marten Munsonius

    ––––––––

    Berlin, Berlin!

    Der Moloch erwacht. Immer mehr Einwohner kommen in die wachsende Stadt, das Volk nach dem großen Krieg in Partyrausch. Die Armut aber zieht weite Kreise. Ausschweifende Feste, Tabubrüche in Bars und Kabaretts: Berlins Nächte sind sehr lang – und manche enden tödlich.

    Das ruft auch das Gesetz auf den Plan - und dort greift man zu unkonventionellen Methoden. Und schließlich fällt die Wahl auf mich, Robert Raboi,und es lag an der Art und Weise, wie ich vorging. Ich kannte die Straßen besser als jeder Schupo, hatte Kontakte mit Menschen, die nie in ihrem Leben freiwillig einem Polizisten etwas erzählen würden und – ich kannte die großen Männer, die zu den Vorstandsmitgliedern der Ring-Vereine in Groß-Berlin gehörten.

    Harte Männer, die damit begonnen hatten, aus dem Hintergrund Verhältnisse in Berlin zu schaffen, wie man sie sonst nur aus Zeitungsberichten aus Amerika kannte. Schläger und Mörder wurden von ihnen beauftragt, um mit aller Gewalt ihre Ziele durchzusetzen. Ob es um die Herrschaft über die zahlreichen Bars, Tanzlokale, Eckkneipen und Varietés in Berlin ging – oder um Raub, Mord und Erpressung – immer wieder zogen die Ring-Vereine ihre dunklen Fäden.

    So wie in diesem Fall...

    ***

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

    Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

    © Roman by Authors

    nach Motiven von Guy Brant

    Idee Robert Raboi: Jörg Martin Munsonius

    Logo und Cover: Steve Mayer

    Idee Stahl-Ede/Fetter Frosch und Reihentitel Berliner 20er: Alfred Bekker

    © dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

    Alle Rechte vorbehalten.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    Folge auf Twitter:

    https://twitter.com/BekkerAlfred

    Erfahre Neuigkeiten hier:

    https://alfred-bekker-autor.business.site/

    Zum Blog des Verlags!

    Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

    https://cassiopeia.press

    Alles rund um Belletristik!

    Roman

    ––––––––

    Berlin, 1928...

    ––––––––

    Der Mann, den alle nur den Fetten Frosch nannten, stand in der Tür der winzigen Ein-Zimmer-Wohnung von Marie-Therese Köttermeier.

    Tag, Fräulein, sagte der Fette Frosch. Er trug einen Mantel mit Pelzkragen. Darunter einen weißen Anzug. Weiß wie die Unschuld. Aber ein Unschuldslamm war der Fette Frosch nun wirklich nicht. Sein mächtiges Doppelkinn blies sich auf, wenn er mit seiner sonoren Stimme sprach. Unter anderen Umständen hätte er vielleicht auch Sänger werden können. Das nötige Volumen hatte er.

    Hinter ihm stand Stahl-Ede, sein Mann fürs Grobe.

    Die Stahlplatte, die er seit dem Krieg im Kopf hatte, war nicht zu übersehen. Und sie ließ selbst Fräulein Köttermeier, die als Prostituierte schon alles Mögliche zu sehen bekommen hatte, immer wieder schlucken, wenn sie  ihm begegnete.

    Sorg dafür, dass wir nicht gestört werden, sagte der Fette Frosch an Stahl-Ede gewandt.

    Mach ich, Chef.

    Der Fette Frosch trat ein und schloss die Tür hinter sich. Stahl-Ede blieb im Treppenhaus.

    Ein Geruch von Tabak hing in der Luft und erfüllte die winzige Wohnung des Fräuleins.

    Diesmal habe ich eine besondere Aufgabe für dich.

    Wat willste denn?

    Ein persönlicher Auftrag gewissermaßen. Er griff in die Innentasche seines weißen Anzugs und holte ein Bündel Scheine hervor. Die legte er auf das Bett. Einen Tisch gab es in der engen Wohnung nämlich nicht.

    Dat is...

    Viel.

    Sie musterte ihn.

    Aber mit Ihnen mach ich dat nich, wenn ich nicht oben bin, weil... Knochenbrüche kann ich ich nicht brauchen.

    Der Fette Frosch grinste. Offenbar dachte sie, dass er jetzt selbst mal bei ihr ran wollte. Ansonsten bezahlte er sie nämlich dafür, seine Geschäftspartner mit ihren Diensten zu beglücken.

    Und nun fürchtete sie wohl, dass der Fette Frosch einfach zu schwer für sie war.

    Vermutlich hatte sie da sogar recht.

    Es geht nicht um mich, sagte der Fette Frosch.

    Nicht?

    Nichts für ungut, aber ich habe keine Lust, mir einer wie dir was zu holen!

    Ich bin sauber!

    Der Mann, um den es geht, ist leicht wie eine Feder. Du kennst ihn. Er kommt sowieso regelmäßig zu dir. Sein Name ist Robert Raboi. Er deutete auf das Geld. Und das da kriegst du, wenn du ihn für mich kalt machst.

    Sie sah ihn entgeistert an.

    Icke?, fragte sie ungläubig.

    Na, wer denn sonst? Siehst du hier noch jemanden? Mit wem spreche ich denn?

    Sie auf die Scheine.

    Und in ihren Augen begann es kalt zu glitzern.

    ***

    Mein Name ist Robert Raboi.

    Ich habe einmal die Seiten gewechselt.

    Ehrlich gesagt kann ich niemandem wirklich empfehlen, das nachzumachen.

    Es bringt nämlich jede Menge Schwierigkeiten mit sich.

    Aber manchmal hat man einfach keine andere Wahl.

    Wie auch immer.

    Die Einzelheiten erspare ich Ihnen an dieser Stelle.

    Ich ging zu Herrn Fischbein, meinem Chef bei der Berliner Kriminalpolizei, in dessen Abteilung ich seit einiger Zeit tätig war.

    Herr Fischbein stand am Fenster. Der Schlips hing ihm wie ein Strick um den Hals. Die Jacke hatte er ausgezogen. Die Ärmel seines Hemdes waren aufgekrempelt.

    Guten Morgen, sagte er. Seine Stimme knarzte. Im Aschenbecher lag der Stummel seiner letzten Zigarre. Der Geruch erfüllte den ganzen Raum.

    Guten Morgen, Herr Fischbein.

    Ob es wirklich ein guter Morgen wird, muss sich erst noch herausstellen, sagte Herr Fischbein. Es geht um zwei Dinge heute Morgen.

    Ich höre.

    Das eine ist so ein Frauenmörder.

    Also nichts Besonderes.

    Leider.

    So ist es eben.

    Darüber sprechen wir später, Herr Raboi. Es gibt da noch eine andere Sache, die ziemlich unangenehm ist.

    Sie meinen... meinen besonderen Freund.

    Sie haben sich mit dem Fetten Frosch angelegt...

    Der Fette Frosch...

    Der Name passte zu ihm. Er sah exakt so aus: Wie ein fetter Frosch. Nur, dass dieser Fette Frosch weiße Anzüge trug und in Cafés und Cabarets herumsaß. Ein Mann, der sehr schnell sehr reich geworden war und dabei buchstäblich über Leichen ging. Allerdings ohne sich selbst die Hände dabei schmutzig zu machen. Dafür hatte er seine Leute. Helfende Hände, die einen tödlichen Griff hatten.

    Herr Fischbein nahm eine Akte von seinem Tisch und öffnete sie. Er nahm ein Foto heraus und legte es vor mir auf den Tisch.

    Es war eine Frau zu sehen. Jung. Nackt. Und tot. Ihr Kopf war eigenartig abgewinkelt. Und sie hatte eine Schusswunde mitten in der Stirn. Außerdem noch eine im Bauch.

    Ich wusste, dass es Schusswunden waren.

    Ich wusste das deshalb, weil ich es war, der geschossen hatte.

    Ob Herr Fischbein darüber schon bescheid wusste, ahnte ich allerdings nicht.

    Und darum stellte ich mich ahnungslos.

    Nichts unnötig preisgeben. Das war in dieser Situation die Devise.

    Aber das galt nicht nur für diese Situation. Die Zeiten waren schwierig. Und es war besser, niemandem zu sehr zu vertrauen. Ich hatte da meine persönlichen Lektionen bereits gemacht. Machen müssen.

    Die Frau heißt Marie-Therese Köttermeier, sagte Herr Fischbein. Sie verdiente ihr Geld als Prostituierte.

    Tja...

    Unsere Stadt ist ein Sündenbabel. Es gibt keine Moral mehr.

    Wem sagen Sie das, Herr Fischbein!, sagte ich.

    Die Sache könnte ärgerlich für Sie werden, Herr Raboi.

    So?

    Herr Fischbein sah mich eine ganze Weile an. Sehr durchdringend, wie es so seine Art war. Ich konnte mir vorstellen, dass der eine oder andere Kriminelle schon alleine dieses Blickes wegen eine Aussage machte. Das war ein Blick, der bis ins Innerste zu dringen vermochte. Ein Blick von Augen, die selbst schon ungeheuer viel gesehen hatten. Herr Fischbein war im Krieg gewesen. Genau wie ich. Und wer das Grauen in den Schützengräben kennengelernt hatte, den haute das Bild einer toten Frau nicht gleich um. Wir wussten alle: Es gibt noch viel Schlimmeres. Kein Verbrechen des Zivillebens war mit dem vergleichbar, was in Verdun passiert war. Wenn man das ausspricht, heißt es, dass man abgestumpft ist. Der Krieg habe einen kalt und empfindungslos werden lassen. Aber das ist nicht wahr. In Wahrheit ist es so, dass man einfach die Dinge besser beurteilen kann. Man kann sie besser einordnen und bewerten. Im Vergleich zu dem, was Männer wie Herrr Fischbein oder ich jede Nacht vor uns sehen, wenn wir die Augen schließen, um Schlaf zu finden, ist alles das, was in den Straßen einer Stadt wie Berlin an Verbrechen geschieht, nur harmlos zu nennen.

    Die Leiche auf dem Foto war ja immerhin noch in einem Stück.

    Die Schrapnelle bei Verdun haben ganz andere Sachen angerichtet.

    Ich schwieg zu dem Foto.

    Und ich bin ein Meister im Schweigen.

    An der richtigen Stelle zu schweigen kann mehr bewirken, als wenn man das Falsche zur falschen Zeit sagt. Mein Gesicht glich in diesem Moment einer regungslosen Maske. Es sollte nichts nach außen dringen. Nicht die geringste Emotion. Was in meinem Kopf ist, bleibt in meinem Kopf. Was in meinem Herzen ist, bleibt in meinem Herzen, das manchmal aber vielleicht doch eine Mördergrube ist.

    Aber da bin ich in meiner Generation keine Ausnahme, sondern die Regel.

    Mehrere Zeugen haben angeblich einen Mann gesehen, der einen Revolver in der Hand hatte und dessen Kleidung blutverschmiert war, fuhr Herr Fischbein dann fort. Die Beschreibung passt auf Sie, Herr Raboi.

    Oh.

    Ja, das habe ich auch gedacht, als ich den Bericht gelesen habe. Aber es kommt noch schlimmer.

    Noch schlimmer?

    Am Tatort wurde ein Ausweis zurückgelassen. Ihr Dienstausweis, Herr Raboi.

    Der ist mir in der Tat abhanden gekommen.

    Natürlich...

    Glauben Sie mir nicht?

    Wieder entstand eine Pause. Ich kann Sie einschätzen, Herr Raboi.

    Das ist gut.

    Ich weiß, dass Sie die Frau nicht umgebracht haben.

    In dem Punkt irrte er. Ich hatte sie umgebracht. Und ich hatte einen guten Grund dafür gehabt.

    Ich fragte: Was ist Ihrer Meinung nach passiert, Herr Fischbein?

    Die Sache ist die: Diese Prostituierte stand auf der Lohnliste vom Fetten Frosch, der inzwischen ganz Berlin mit Kokain versorgt, das mutmaßlich aus den ehemaligen Beständen der Reichswehr stammt.  Dieses Fräulein Köttermeier wurde von ihm sozusagen zur Pflege guter Großkundenbeziehungen eingesetzt.

    Ich verstehe.

    Dafür gibt es Zeugen. Wie sagt man so schön? Die Spatzen pfeifen es von den Dächern.

    Na, dann...

    Tja, natürlich ist die Waffe untersucht worden. Und die Kugel. Neuerdings gibt es da Methoden, alles Mögliche darüber herauszufinden, wenn man ein gutes Labor und ein vernünftiges Mikroskop hat...

    Und was wurde herausgefunden?, fragte ich.

    Das weiß ich nicht. Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Aber um Ihre Dienstwaffe auszuschließen, Herr Raboi, brauchen wir diese Untersuchungen auch gar nicht. Die hat nämlich ein ganz anderes Kaliber als die Tatwaffe.

    Ah, ja...

    Mir war das klar. Ich hatte das flotte Fräulein nämlich mit meiner Zweitwaffe umgebracht, die ich am Fuß trage. Und die hat ein viel kleineres Kaliber. So weit, so gut...

    Nein, gar nicht gut, Herr Raboi, widersprach mir Herr Fischbein. Gar nicht gut... Über die Beweise am Tatort, die gegen Sie sprechen, brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Das biege ich hin.

    Worum sollte ich mir dann Sorgen machen?

    Der Fette Frosch hat es auf Sie abgesehen. Das ist eindeutig. Vermutlich ist folgendes passiert: Das Fräulein hat irgend etwas mitgekriegt, was es nicht mitkriegen sollte oder sich wegen irgendeiner Sache quergestellt. Er musste sie aus dem Weg räumen. Das ist nicht ungewöhnliches bei solchen Leuten. Was weiß ich! Vielleicht war es auch nur ein Unfall, weil einer seiner Kerle fürs Grobe ein bisschen unvorsichtig mit der Waffe herumhantiert hat. Aber ungewöhnlich ist, dass der Fette Frosch offenbar seine Handlanger angewiesen hat, den Verdacht auf Sie zu lenken, Herr Raboi. Die wollen Sie aus dem Verkehr ziehen.

    Das wollen viele, Herr Fischbein.

    Aber der Fette Frosch will es  ganz besonders.

    Möglich.

    Was ist der Grund dafür?

    Keine Ahnung. Aber vielleicht bin ich ihm mal auf die Füße getreten, ohne es selber mitzukriegen.

    Wie auch immer. Passen Sie auf sich auf.

    Sicher.

    Ich dachte daran, wie es tatsächlich gewesen war. Die Bilder stiegen aus der Erinnerung auf. Ich erinnerte mich an das Fräulein. An die Brüste. An ihre Gestalt. An das Lächeln, das immer etwas falsch gewirkt hatte. Andere Leute tragen falsche Zähne oder falsche Haare. Bei ihr war beides echt. Aber das Lächeln nicht. Das war mir von Anfang an aufgefallen. Aber ich hatte mehr auf die Brüste geschaut. Das falsche Lächeln war mir egal gewesen. Vielleicht ein Fehler...

    Regelmäßig hatte ich das Fräulein Köttermeier besucht. Sie war preiswert und einigermaßen sauber. Das hat man nicht so leicht zusammen. Außerdem ging ich davon aus, dass sie keine Tuberkulose hatte. Dazu war sie zu üppig gebaut. Tuberkulose heißt ja nicht umsonst auch Schwindsucht. Man wird dünn wie ein Strich. Sie war ein Vollweib. Gewesen, musste man nun wohl sagen.

    Dass sie auf der Lohnliste des Fetten Froschs gestanden hatte, war mir nicht bekannt gewesen.

    Dann hätte ich mich niemals mit ihr eingelassen.

    Bin ja nicht lebensmüde.

    Von dem, was Herr Fischbein mir gesagt hatte, stimmte fast nichts. Aber dass der Fette Frosch ihr die Butter aufs Brot geschmiert hatte, musste wohl stimmen. Jedenfalls konnte ich mir bei ihr kein anderes Motiv dafür denken, dass sie mich, einen ihrer besten Kunden, umzubringen versucht hatte.

    In einer sehr delikaten Situation hatte sie versucht, mir das Messer in den Körper zu rammen. Ich hatte sie gerade noch von mir stoßen und mich retten können. Meine Dienstwaffe steckte im Holster. Zusammen mit meiner Hose hing das über einem Stuhl außerhalb meiner Reichweite. Aber ich hatte ja die Waffe am Fuß. Die hatte ich nicht abgelegt. Die Socken hatte ich ja schließlich auch nicht ausgezogen.

    Zwei Schüsse hatten sie erledigt.

    Notwehr nennt man sowas, aber wem hätte ich das plausibel erklären können?

    Blut hatte gespritzt - vor allem aus der Austrittswunde hinten auf dem Rücken. Meine Kleidung, die ich so sorgfältig über den Stuhl gehängt hatte, sah danach aus wie die Arbeitskleidung eines Schlachtergesellen nach einem harten Arbeitstag zwischen Rinderhälften und ausgebluteten Schweinen. Ich hatte keine andere Wahl gehabt, als mich so schnell wie möglich anzuziehen und aus der Wohnung vom Fräulein zu verschwinden. Kann sein, dass auf der Treppe jemand entgegenkam.

    Die Akte vom Fräulein Köttermeier machen wir zu, sagte Herr Fischbein. An den Fetten Frosch kommen wir so nicht heran.

    Bedauerlich, sagte ich.

    Was die Justiz angeht, sind Sie aus der Schusslinie, Herr Raboi.

    Gut.

    Aber nicht, was Ihren ganz speziellen Feind betrifft.

    Den Fetten Frosch!

    Herr Raboi, Sie haben sich den falschen Feind ausgesucht.

    Wäre mir auch lieber, wenn es anders wäre.

    Also immer schön die Augen auf.

    Ich tu, was ich kann.

    Und jetzt wenden wir uns unserem neuen Fall zu.

    Sie sprechen vom Würger?

    Würger trifft es genau genommen nicht so ganz.

    Nicht?

    Muss ein fieser Typ sein. Murkst Frauen mit einer Kralle ab. Da schießen in der Öffentlichkeit  schon die wildesten Gerüchte ins Kraut...

    Ich kriege ihn, war ich zuversichtlich.

    ***

    ...er tötete mit einer Kralle.

    Seine Opfer waren Frauen. Junge Frauen! Sie starben einsam.

    Es gab keine Zeugen. Niemand wusste etwas über den unheimlichen Mörder.

    Dann kam die Nacht, in der ein erneuter Überfall auf eine junge Frau wieder die Polizei alarmierte.

    Dass schließlich der Ruf nach mir, Robert Raboi, wieder laut wurde, lag an der Art und Weise, wie ich vorging. Ich kannte die Straßen besser als jeder Schupo, hatte Kontakte mit den Arbeitern und den Gestrauchelten, und – ich kannte die großen Männer, die zu den Vorstandsmitgliedern der Ring-Vereine in Groß-Berlin gehörten.

    Und dieser angeblich so leicht aufzuklärende Fall mit dem ‚Krallenmörder‘ erweckte sofort mein Misstrauen, als man noch am Tatort den angeblichen Mörder festnahm.

    ***

    Dichte Wolken am Himmel – und Schritte in der Dunkelheit hinter ihm.

    Eine Windböe fegte durch die engen Straßen. Und mit ihr kam der Regen. Die Gaslaternen spendeten nur dürftig Licht.

    Sie folgten ihm.

    Freddy stellte seinen Mantelkragen hoch und unterdrückte den Impuls, sich umzublicken.

    Der feine Nieselregen ließ ihn frösteln.

    Es störte ihn aber nicht wirklich. Nichts mehr machte ihm etwas aus, weder die Schritte hinter ihm noch der Regen, noch irgendetwas Anderes. Das Leben war zum Kotzen. Er sehnte sich nur nach seinem Bett, und Schlaf – viel Schlaf, das war alles.

    Es war idiotisch von ihm gewesen, mit den Jungs so lange zu Skat zu spielen.

    Es war schon gleich mies losgegangen. Er hatte eben kein Glück. Wenn er sich auf etwas verlassen konnte, dann auf sein verdammtes Pech. Mit dreihundert Mark war er losgezogen. Jetzt besaß er davon gerade noch fünf.

    Strenggenommen gehörten nicht einmal die ihm.

    Seine Skatpartner hatten ihm das Geld für die Heimfahrt gelassen. Wie großzügig von ihnen! dachte er spöttisch.

    Aber nicht einmal der Spott hatte in diesem Moment die richtige Würze. Freddy war zu müde dazu. Er wollte schlafen und vergessen. Morgen sah die Welt vielleicht wieder anders aus. Trotzdem musste er daran denken, dass er Bernd noch einen Hunderter schuldete.

    Eine reizende Bilanz, wirklich. Ein verpfuschter Abend, eine leere Brieftasche und Schulden, von denen er nicht wusste, wie er sie abtragen sollte.

    Die Schritte kamen näher. Freddy war sicher, dass es ein Mann war, obwohl die Schritte leicht, leise und elastisch anmuteten. In diesen Nächten traute sich keine Frau ohne Begleitung auf die Straße, schon gar nicht in dieser Gegend. Der Mörder mit der Stahlkralle war wieder einmal unterwegs, und er tötete nur Frauen — vor allem junge.

    Auch hier, in der Nähe der Osram-Höfe, hatte er mehrfach zugeschlagen.

    Diese Höfe mit dem Fabrikgelände der Bergmann-Elektrizitätswerke waren die Geburtsstätte der ersten deutschen Glühlampen.

    Aber Freddy stellte sich bei seinem Gang an den zahlreichen, düsteren Mietskasernen entlang die Frage, warum ausgerechnet dieses Viertel so im Dunkel lag – sah man einmal von den Leuchtröhren ab, die große Reklameschilder auf den Dächern beleuchteten. Deren Lichterglanz reichte aber kaum bis herunter auf das Kopfsteinpflaster der langen Seestraße, an der noch immer neue Häuser gebaut wurden.

    Hier herrschte auch zu dieser Zeit noch der übliche Dunst nach angebranntem Essen, Zigarettenqualm aus den unzähligen Eckkneipen sowie nach Urin und übervollen Mülltonnen, an denen auch noch ein Kriegsverletzter seine Krücken gelehnt hatte und versuchte, auf einem Bein balancierend, zwischen den Abfällen noch etwas Essbares zu finden.

    Im Osten dämmerte ein weiterer waschküchengrauer Tag herauf. Freddy verlangte es plötzlich nach einem Kaffee, aber er wusste, dass er keinen trinken würde. Kaffee brachte seine Pumpe auf Touren, er konnte dann nicht einschlafen.

    Freddy begann zu pfeifen, leise und verstimmt. Im Hintergrund ihrer Spielerrunde lief immer wieder ein altes Grammophon mit irgendwelchen Melodien, und einige Lieder davon kannte er recht gut. ‚Heut tanzt die Lou‘ war so ein Ohrwurm, der an dem Abend mehrfach lief und ihm jetzt nicht mehr aus dem Kopf ging.

    Er sah schon von weitem die schmalbrüstige Mietskaserne, in der er wohnte.

    Wohnte! Hauste war die treffendere Bezeichnung. Von allen schäbigen möblierten Zimmern, die er schon gehabt hatte, war dies zweifellos das miserabelste. Aber wenn man nicht bereit war, mehr als dreißig Mark für eine Bleibe auszugeben, konnte man nicht mehr fordern.

    Plötzlich sah er die Frau.

    Sie kam ihm geradewegs entgegen.

    Sie bewegte sich genau unterhalb der sparsam verteilten Gaslaternen. Freddy blieb stehen, nur wenige Sekunden lang, dann ging er weiter. Ihm fiel auf, dass die Schritte hinter ihm jäh erstarben, als hätte es sie nie gegeben.

    Freddy kümmerte sich nicht darum. Im Augenblick zählte für ihn nur die Frau. Es schien, als wäre er mit ihm allein auf der Welt.

    Sie kam näher. Freddy merkte, dass er munter wurde. Seine Bitterkeit, seine Lethargie und seine Resignation verschwanden mit einem Schlag. Das Fräulein war schön. Es war jung, und es sah so aus, als sei es reich.

    Der dunkle, lange Abendmantel mochte aus teurem Stoff sein. Er stand vorn offen, beim Gehen schwang ihr weiter Rock, und die Schuhe mit den hohen Absätzen klapperten über das Pflaster.

    Freddy begriff nicht, warum sie ihr volles, blondes Haar schutzlos dem Regen preisgab. Es leuchtete, als sei es immun gegen Nässe und Kälte.

    Das Mädchen ging aufrecht, nicht schnell und nicht langsam, mit einer jugendlichen Beschwingtheit, die in eine sternenklare Sommernacht gepasst hätte, die sich aber in dieser regenfeuchten Atmosphäre geradezu absurd ausnahm.

    Jetzt war sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt. Unter einer Straßenlaterne wirkte das makellose Gesicht wie eine Offenbarung. Freddy erinnerte sich nicht, jemals etwas Schöneres gesehen zu haben.

    Freddy sah noch ein paar andere Dinge.

    Er notierte sie gleichsam am Rande in seinem Gedächtnis. Da war das breite, mit im Laternenlicht blitzenden Steinen besetzte Armband, das herausfordernd klimperte und gleißendes Licht versprühte, da war die winzige Abendhandtasche mit der glitzernden Applikation, und da war schließlich das Kollier mit der übergroßen tropfenförmigen Perle.

    Talmi? Freddy verstand nicht viel von Schmuck, aber sein Instinkt sagte ihm, dass das, was er sah, echt und ein Vermögen wert war.

    Sein Herz klopfte plötzlich hoch oben im Hals. Er brauchte nur seine Hände auszustrecken und zuzufassen. Ein leiser Schrei vielleicht, eine kurze Gegenwehr, dann war alles vorüber. In wenigen Sekunden konnte er die traurige Bilanz dieser Nacht zu seinen Gunsten ausgleichen.

    Er verscheuchte den Gedanken. Nein, das war nichts für ihn. Er war kein Heiliger, aber er war auch kein Ganove.

    Das Fräulein sprach ihn an.

    Haben Sie Feuer?

    Ihre Augen waren dicht unter den seinen. Es war schwer, im Licht der Laterne die genaue Farbe zu bestimmen. Grün und braun, dachte er. Er starrte das Fräulein an, als sei es ein Wunder, eine Erscheinung.

    Sie ließ das Abendtäschchen aufspringen und holte ein goldenes Zigarettenetui hervor. Die Initialen waren mit kleinen Brillanten eingelassen. F. M.

    Freddy gab sich einen Ruck, als das Mädchen eine Zigarette zwischen ihre weichen, sanft geschwungenen Lippen klemmte. Er kramte sein Feuerzeug aus dem Anzug hervor und schämte sich plötzlich, dass es nur ein schlichtes Benzinfeuerzeug war, eines, bei dem man auch nur den Stein anreiben musste, und das auf dem Messingkörper den Aufdruck einer Allerweltsbenzinmarke trug. Rasch strich er es an und hielt ihr die Flamme entgegen.

    Danke, sagte sie und inhalierte tief.

    Sie lächelte ihm in die Augen und traf keine Anstalten, weiterzugehen. Das Mädchen benahm sich so, als sei er ein alter, lieber Bekannter.

    Freddy stand sehr steif. Schönheit war etwas, womit er nichts anzufangen wusste. Er selbst hatte davon zu wenig mitbekommen. Seine Mädchen waren wie seine möblierten Zimmer gewesen — billig.

    Sie gefallen mir, stellte das Fräulein klar. Es lächelte noch immer. Das Lächeln war amüsiert, aber nicht spöttisch. Ihm schien es so, als sei es dazu imstande, mit einem Blick seine Schwächen und Stärken zu erfassen.

    Er grinste matt.

    Sie gefallen mir auch, meinte er.

    Was mir nicht gefällt, ist der Umstand, dass Sie allein durch die Nacht spazieren. So etwas kann leicht schiefgehen.

    Ich habe keine Angst.

    Freddy drehte sich um und blickte über seine Schulter. Die Straße war leer. Wo war der Mann geblieben, der die ganze Zeit hinter ihm hergegangen war?

    Freddy wandte sich wieder dem Fräulein zu. Er wünschte nicht, dass es seinen suchenden Blick missverstand.

    Sie stammen nicht aus dieser Gegend, sagte er. Er war unzufrieden mit sich. In der Phantasie führte er mit eingebildeten Partnern oft die geistvollsten Gespräche, aber sobald es darauf ankam, wirkte er hölzern und ungeschickt.

    Das Fräulein schien sich nicht daran zu stoßen. Es behielt sein freundliches Lächeln bei. Freddy bemerkte plötzlich den Ring an ihrer Hand. Einen Ehering. Er spürte einen leisen, schmerzhaften Stich in seiner Herzgegend.

    Ich liebe hässliche Nächte, sagte die junge Frau verträumt.

    Regen, Nässe, Kälte. Es ist so echt und unverfälscht, so frei von der künstlichen Verlogenheit unseres Lebens, es sind Dinge mit Inhalt und Charakter.

    Es ist leicht, so zu fühlen, wenn man nur mit einem Finger zu schnippen braucht, um einen Wagen vorfahren und sich in ein großes komfortables Haus bringen zu lassen, hörte Freddy sich spöttisch sagen.

    Er schob sich die Schiebermütze etwas zurück.

    Irgendwo rief ein Zeitungsjunge, dass die Abendausgabe zu kaufen war.

    Ja, meinte das Mädchen und schaute sich um.

    Ich brauche ein Taxi. Ich kann den Weg bis nach Frohnau nicht zu Fuß zurücklegen.

    Ich begleite Sie, entschied Freddy.

    Ich bin gern allein, sagte die junge Frau kopfschüttelnd.

    Freddy versuchte, sich ihren Mann vorzustellen. Warum ließ er es zu, dass sie in einer solchen Nacht allein durch die Straßen dieses Viertels ging?

    Wie heißen Sie?, fragte die junge Frau plötzlich.

    Freddy, antwortete er sofort.

    Freddy Gloster.

    Ich heiße Eva, sagte sie lächelnd.

    Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke. Er war auf einmal da und ließ ihn nicht wieder los.

    Er fand das Ganze schrecklich komisch und so lachte er darüber.

    Was stimmt Sie denn plötzlich so heiter?, fragte Eva.

    Er ballte die Hände in seinen Taschen zu Fäusten und spürte dabei die Feuchtigkeit des dünnen Mantelstoffes.

    Sie sind nur ein verdammter Köder, sagte er.  Blond, schön und aufregend. Sie würden normalerweise nicht einmal im Traum daran denken, einen Burschen meines Kalibers nachts auf der Straße anzusprechen, wenn es nicht Ihr Beruf wäre.

    Eine leichte Röte kam in Evas Wangen. Der Bubikopf war durch den Wind etwas strubbelig und außer Form.

    Ihre Augen blitzten ärgerlich. Sie glauben doch nicht etwa, dass ich... Sie führte den Satz nicht zu Ende.

    Er schüttelte den Kopf.

    Die Polizei sucht den Mörder mit der Stahlkralle, sagte er.  In dieser Gegend hat er schon zweimal zugeschlagen. Er tötet nur junge blonde Frauen, warum auch immer. Ich wette, Sie haben den Auftrag, den Mörder anzulocken. Sie arbeiten für die Polizei! Ich bin bereit, diese Wette noch zu erweitern. Ich behaupte, dass uns in diesem Augenblick ein halbes Dutzend Ihrer Leute beobachtet und hofft, mich bei einem Mordversuch überraschen zu können. Ich muss Sie und Ihre Kollegen enttäuschen. Ich pflege nicht mit einer Stahlkralle spazieren zugehen.

    Eva lachte leise. Es klang aber nicht wirklich heiter.

    Gute Nacht, sagte sie und ging an ihm vorbei. Der Gruß klang fast mitleidig.

    Freddy fühlte eine plötzliche Leere in sich. Warum hatte er diesen Quatsch geäußert? Weshalb hatte er dieser albernen Eingebung nachgegeben?

    So ist es immer, dachte er gereizt. Wenn mir das Leben eine Chance bietet, mache ich sie kaputt. In dieser Hinsicht versage ich nie.

    Er machte kehrt, um nach Hause zu gehen. Zum Teufel damit! Mädchen dieser Preis- und Güteklasse waren nichts für ihn. So etwas fing er am besten gar nicht erst an. Aber warum hatte sie wohl gesagt, dass er ihr gefiele? Er verstand es nicht, aber es war ihm unter die Haut gegangen.

    Plötzlich hörte er Schritte. Die Schritte entfernten sich von ihm.

    Freddy blieb stehen und blickte dem Mädchen hinterher.

    Eva war ein leuchtender Lichtfleck unter der schillernden Perlenkette der Straßenlampen. Aber sie war nicht länger allein. Ein Schatten folgte ihr — die dunkle Gestalt eines mittelgroßen Mannes in einem dunklen Regenmantel.

    Trug nicht Harry Piel so einen Mantel in dem Film Der große Coup?, überlegte Freddy noch.

    Das war lange her, der Film lief damals, nach dem Großen Krieg, im Tauentzienpalast.

    Es war ein toller Film mit dem Schauspieler Piel, den er seit diesem Kinobesuch in sein Herz geschlossen hatte. Und Piel tat ihm den Gefallen, in jedem Jahr kamen drei oder vier neue Filme mit ihm in die Kinopaläste.

    Aber jetzt holte die Realität den Kinofreund plötzlich ein.

    Freddy schluckte. Die Schritte in der Nacht! Der Mann hatte sich in irgendeinem Hauseingang verborgen, als er, Freddy, mit Eva gesprochen hatte.

    Nicht, dass das etwas bedeuten musste. Eva war schön, und sie war allein auf der nächtlichen Straße. Es mochte Dutzende von Männern geben, die das als eine unverhüllte Aufforderung zu einem Flirtversuch betrachten mochten.

    Ich bin nicht ihr Kindermädchen, dachte Freddy ärgerlich. Sie geht mich nichts an. Ich habe meine eigenen Sorgen. Und ich bin müde. Ich will ins Bett, verdammt noch mal.

    Er wusste jedoch, dass es für ihn jetzt keine Ruhe gab. Nicht, nachdem Eva mit ihm gesprochen, nicht, nachdem er ihre schillernde Schönheit gesehen hatte. Er gab sich einen Ruck und folgte den beiden. Er hielt sich dabei dicht an den Häuserwänden, um nicht gesehen zu werden.

    Das Alter des Mannes im Mantel ließ sich nur schwer bestimmen. Wenn man seinen elastischen Gang betrachtete, konnte er kaum älter als dreißig Jahre sein. Er trug einen Hut. Beide Hände hatte er tief in die Taschen seines Mantels geschoben.

    Unter dem Mantel schauten die weit geschnittenen Aufschläge eines modischen Anzuges hervor.

    Niemand wusste, wie der Mörder mit der Stahlkralle aussah.

    Die meisten taten ihn als einen Verrückten ab, als einen pathologischen Mörder, andere suchten nach einleuchtenderen Erklärungen für seinen Frauenhass, aber solange der Bursche nicht gefasst war, blieben Experten und Laien auf Vermutungen angewiesen.

    Freddy atmete rascher.

    Seine Phantasie ließ ihn nie im Stich.

    Er stellte sich vor, dass der Mann im Regenmantel der Stahlkrallenmörder war. Auf seine Ergreifung war eine Belohnung von fünftausend Reichsmark ausgesetzt.

    Fünftausend Mark! Soviel Geld hatte Freddy noch niemals auf einem Haufen gesehen. ‚Wenn ich ihn überrumple und der Polizei ausliefere, bin ich ein reicher Mann,‘ schoss es Freddy durch den Kopf.

    Und ein Held!

    Dann kann ich Benny den Hunderter zurückzahlen und mir eine schicke Wohnung in einer guten Gegend von Berlin mieten. Ich kann noch einmal von vorn beginnen. Verdammt noch mal, ich bin erst neunundzwanzig und ein leidlicher Jazzpianist. Vielleicht gründe ich sogar eine eigene Band. Die Freddy-Gloster-Combo. Und warum eigentlich nicht? Er kannte Leute, die mit weniger Talent blendend verdienten.

    Das wichtigste aber war Eva. Wenn es ihm gelang, sie aus den Klauen des Mörders zu retten, stand sie tief in seiner Schuld, dann würde sie ihn vielleicht sogar lieben!

    Quatsch!, sagte er leise. Er kannte das.

    Wenn er sich in eine Idee hineinsteigerte, folgte prompt das Fiasko. Eva war verheiratet, und sie sah nicht so aus, als könnten ihr fünftausend Mark imponieren. Allein ihr Armband dürfte das Mehrfache dieses Betrages gekostet haben.

    Freddy beschleunigte seine Schritte. Er musste zu den beiden aufschließen, er durfte sich die große Chance nicht entgehen lassen.

    Er zitterte förmlich um sie. ‚Lieber Himmel,‘  dachte er, ‚gib, dass er der Mörder ist!‘

    Er hatte keine Sekunde Angst vor dem Mörder. Er war größer und stärker als die meisten seiner Gegner, und er fühlte sich plötzlich so stark wie nie zuvor.

    Eva bog in eine Nebenstraße ein.

    Der Schatten folgte ihr. In dem Augenblick, als die beiden Freddys Blicken entzogen waren, ertönte der Schrei. Er stammte von dem schönen jungen Fräulein, kein Zweifel!

    Freddy war in der Schule ein guter Läufer gewesen, aber als er plötzlich los sprintete, hatte er das Empfinden, viel zu langsam voranzukommen.

    Mit pfeifendem Atem jagte er um die Ecke. Der Mann im Regenmantel hetzte die Straße weiter hinauf, ohne sich umzudrehen.

    Die junge Frau lag reglos am Rand des Bürgersteiges, dicht neben einer schmutzigen Pfütze, mit dem Gesicht nach unten. Das blonde, metallisch leuchtende Haar fiel in Strähnen in das trübe, schlammige Wasser.

    Freddy stoppte abrupt.

    Er dachte an die Belohnung.

    Fünftausend Mark!

    Der Mann im Regenmantel war nicht sonderlich schnell. Freddy traute es sich zu, ihn einzuholen, aber dann sah er das Blut, das aus einer Kopfwunde der jungen Frau in die schmutzige Lache tropfte.

    Er sah noch etwas anderes.

    Es wirkte auf ihn fast wie Hohn.

    Nur drei Schritte von Eva entfernt lag das Tatwerkzeug, eine Stahlkralle! Es war ein Werkzeug, wie es von Kleingärtnern zum Unkraut jäten verwendet wird, klein, handlich und von tödlicher Schärfe, wenn man es als Waffe benutzte.

    Diese Dinger gab es bei jedem Krämer zu kaufen.

    Es bewies, dass der Krallenmörder wieder am Werk gewesen war.

    Das war seine, Freddys, Chance!

    Wenn er jetzt losrannte, konnte er den Mörder fassen! Fünftausend Mark Belohnung waren kein Pappenstiel, sie bedeuteten einen Neubeginn!

    Trotzdem pfiff Freddy in diesem Augenblick auf alles, was ihn eben noch gereizt hatte. Es war wichtiger, sich um Eva zu kümmern. Vielleicht war sie noch zu retten.

    Der Mörder hatte keine Zeit gefunden, so gründlich wie sonst zu arbeiten. Freddys herannahende Schritte hatten ihn zur raschen Flucht gezwungen.

    Eva!, flüsterte er.

    Er ging auf die Knie und er achtete nicht darauf, das sich der Stoff der Hosenbeine an den Knien mit Wasser vollsog.

    Er wagte es kaum, die junge Frau anzufassen.

    Was tat man in einem solchen Fall? Stark blutende Unfallopfer drehte man auf die Seite, das hatte er einmal irgendwo gelesen. Er beugte sich zu Eva hinab und zuckte leicht zurück, als er ihre warme, glatte Haut berührte. Der kostbare Mantel war ihr von den Schultern geglitten. Die bloßen Arme waren ebenso vollkommen geformt wie die langen, schlanken Beine mit den leicht schimmernden Nylons. Nur ein dünnes Abendkleid, das unanständig weit hochgerutscht war. Eva stöhnte leise. Sie lebte also noch!

    Er drehte sie herum.

    Eva hob die Lider und schrie, als sie ihn sah.

    Freddy bekam einen Schreck.

    Er konnte verstehen, dass sie Angst hatte, aber warum richtete sich diese Furcht gegen ihn? Er wollte ihr doch nur helfen!

    Hinter Freddy ertönten Schritte. Er richtete sich auf, das heißt, er versuchte es.

    Er sah etwas auf sich zukommen. In einer Reflexbewegung hob er den Arm, um sich gegen den Angriff abzuschirmen, aber die Reaktion kam zu spät.

    Irgendetwas traf ihn hart am Kopf.

    Freddy brach in die Knie.

    In seinem Mund war ein salziger Geschmack. Blut, dachte er.

    Plötzlich konnte er nichts mehr sehen

    Er versuchte wieder auf die Beine zu kommen, aber seine Glieder versagten ihm den Dienst. Endlich nahm er die Welt um sich hinter einem hellen Dunstschleier wahr.

    Noch einmal versuchte er Boden zu gewinnen als er sich wegduckte und sich dann aufrichtete.

    Er erhielt einen zweiten Schlag, wie von einer Dampframme, und kippte mit dem Oberkörper vornüber.

    Seine Hände tasteten nach einem Halt und spürten die klebrige Feuchtigkeit von Blut. Nach und nach erloschen alle Lichter. Dann wurde es um ihn herum dunkel und nur der brennende Schmerz blieb. Er füllte ihn schließlich zur Gänze aus, bis er das Bewusstsein verlor.

    ***

    Die Stadt atmete auf.

    Berlin, Berlin!

    Die Vossische und das Berliner Abendbaltt titelten: Der Krallenmörder ist gefaßt.

    Ein beherzter Mann, ein Stauer, hatte ihn auf dem Heimweg von der Nachtschicht auf frischer Tat ertappt.

    Die Bestie hieß Friedrich Gloster, nannte sich gern Freddy.

    Der Name kehrte in allen Schlagzeilen wieder. Natürlich bestritt der Verhaftete, die einundzwanzigjährige Eva Brinkmann angegriffen zu haben, aber diese Schutzbehauptung nahm kein Mensch ernst.

    Gloster bestritt allerdings nicht, Eva Brinkmann gefolgt zu sein.

    An seinen Fingern hatte ihr Blut geklebt — und er war genau der Typ, dem man eine solche Tat zutraute, ein vorbestrafter zweitrangiger Barpianist, der nur noch gelegentlich Engagements bekam, weil er immer wieder kokste und dann für Tage nicht ansprechbar war.

    Du hast Dusel, meinte mein Kripo-Kollege Franz-Carl Korngold, genannt Frantzen. Kaum hat man dir den Fall des Krallenmörders übertragen, kannst du die Akte schon wieder schließen.

    Mein Chef bei der Kripo, Inspektor Otto Fischbein, äußerte sich nicht ganz so optimistisch.

    Es gibt ein paar Dinge, die mir daran nicht gefallen. Und das ist auch der Grund, warum ich bei einem so klaren Fall Ihre Hilfe benötige, Herr Raboi. Sie müssen mir die Hintergründe klären, sagte er.

    Ich nickte und sprach aus, weshalb es mir ähnlich erging. Gloster wohnt nur zwei Häuserblocks vom Tatort entfernt. Ihm musste klar sein, dass die Polizei nach einem Mord die Umgebung nach Vorbestraften durchkämmen würde. Warum hätte er sich der Gefahr aussetzen sollen, in diesem Zusammenhang verdächtigt zu werden?

    Die Inspektion A übernahm den Fall, weil der Krallenmörder zwar in diesem Falle nur einen Versuch gemacht hatte, aber es immerhin doch um einen gesuchten Mörder geht. Und wir haben Hinweise erhalten, dass es ähnliche Fälle im sonst doch so beschaulichen Braunschweig gab, sagte. Fischbein. "Gloster hatte zur fraglichen Zeit ein Engagement in dieser Stadt.

    Das spricht ebenso gegen ihn wie seine Rauschgiftsucht. Ist doch was für Sie, Raboi, in Braunschweig kennen Sie doch die Nachtbars besser als Ihre Westentasche, wenn ich mich recht entsinne!" Otto Fischbein hatte ein seltenes Talent, immer wieder seinen Finger in meine alten Wunden zu stecken. Aber ich ließ mich nicht verdrießen und lächelte wissend.

    Stimmt, sagte ich, aber in seiner Vorstrafenakte gibt es keine Gewaltverbrechen.

    Unterhalten Sie sich mit ihm, riet mir Herr Fischbein und schaute mich an. Ich spürte wieder einmal, wie sehr ich ihn schätzte und verehrte. Er zog keine voreiligen Schlüsse. Für ihn war ein Täter erst dann überführt, wenn eine lückenlose Beweiskette vorlag. Die Schlagzeilen der sensationshungrigen Presse zählten für ihn nicht.

    Die Akte wird erst dann geschlossen, wenn Freddy Glosters Schuld zweifelsfrei erwiesen ist.

    Um vier Uhr dreißig saß ich Freddy Gloster in der Sprechzelle des Untersuchungsgefängnisses gegenüber. Glosters teigige Gesichtsfarbe und die bläulich schimmernden Ringe unter seinen Augen ließen erkennen, dass er seit seiner Verhaftung keinen Schlaf gefunden hatte.

    Seine Stimme klang bitter, schnarrend und boshaft.

    Zufrieden?, fragte er, nachdem ich ihn kurz gemustert hatte.  Sehe ich aus wie ein Mörder?

    Ich grinste matt.

    Wie sieht denn ein Mörder aus?

    Was weiß ich!

    Na, eben!

    Ihr von der Polente wisst auc nicht gerade, wo der Hammer hängt, oder? Ihr ratet doch nur herum und habt nichts.

    Harte Worte.

    Harte Worte, die stimmen.

    Naja...

    Straßenlärm drang an meine Ohren. Irgendwo schrie ein Betrunkener, weil man ihm nicht noch mehr gegeben hatte. Und die Stimme eines Zeitungsjungen überschlug sich. Weniger deshalb, weil die Nachrichten so sensationell waren. Die Regierung wechselte schließlich andauernd. Der Junge hatte gerade erst Stimmbruch.

    Ich sah mei Gegenüber an.

    Sie sehen nicht aus wie ein Pianist, stellte ich fest.

    Das stimmte. Er ähnelte eher einem Amateurboxer. Dafür sorgte schon die geknickte Nase. Sein rundes, glattrasiertes Gesicht war nicht unsympathisch, auch wenn es sich jetzt verkniffen und umschattet zeigte. Gloster hatte dunkles Haar und dunkle Augen. Er war groß und kräftig, aber die Kokserei hatte Spuren hinterlassen. Man spürte, dass er irgendwann im Leben seinen Halt verloren hatte. 

    Ich bin auch keiner, jedenfalls kein richtiger, meinte er unwirsch. Ich klimpere Schlager und lebe davon — manchmal. Und ich spiele in Kinos zu den Filmen. Aber diese Existenzsorgen nimmt mir jetzt Papa Staat ab. Das ist mir heute schon wiederholt versichert worden. Ihre lieben Kollegen wollen mich partout am Strick baumeln sehen. 

    Zigarette?, fragte ich ihn.

    Die gelbe Schachtel mit dem roten Schriftzug Senoussi schien sein Interesse zu wecken.

    „Neue Marke!", erklärte ich.

    Er sank plötzlich in sich zusammen, als er sich zurücklehnte. Er schien gar nicht zu hören, was ich sagte. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen.

    Ich wünschte fast, ich hätte es getan, murmelte er.

    Was getan?

    Glosters Mundwinkel zuckten. Ich hätte ihr die Klunker abnehmen und damit verschwinden sollen. Ich hätte sie zusammenschlagen sollen. Sie hat alles verdient, bloß nicht meine Hilfe. Warum will sie mich töten? Was hat sie denn gegen mich?

    Ich wusste, was er meinte. Vor meinem Besuch bei ihm hatte ich die Vernehmungsprotokolle gelesen, auch das von Eva Brinkmann. Die Aussagen der beiden gingen weit auseinander.

    Frau Brinkmann bestreitet, dass sie Sie angesprochen hat, sagte ich.

    Sie erinnert sich nur daran, dass Sie ihr auf der Straße begegneten und ihr dann folgten. Plötzlich verspürte sie einen brennenden Schmerz am Kopf und stürzte zu Boden. Als sie wieder zu sich kam und die Augen öffnete, blickte sie in Ihr Gesicht. Sie schrie laut und verlor abermals das Bewusstsein.

    Das ist nur die halbe Wahrheit, knurrte Gloster.

    Sie hat mich angequatscht, Ehrenwort! Sie wollte Feuer von mir haben. Sogar vorgestellt hat sie sich dabei. Mir kam das komisch vor. Ich verdächtigte sie sogar, ein Köder zu sein, ein Mädchen, das für die Polizei arbeitet. Da ging sie weiter, und mir taten meine Worte plötzlich leid. Als ich ihr hinterherblickte, bemerkte ich diesen Kerl, der ihr folgte — den Krallenmörder. Er unterbrach sich, irgendwie matt und erschöpft. Seine Mundwinkel senkten sich und bildeten dunkle, bittere Kerben. Warum erzähle ich Ihnen das? Niemand glaubt mir. Alle klammern sich an die Aussage des verdammten Stauers. Als hätte der die Wahrheit gepachtet! Gut, er sah, wie ich mich über die Frau beugte. Aber ich wollte ihr doch helfen! Noch ehe ich richtig wusste, was der Kerl von mir wollte, schickte er mich zu Boden — und seitdem erzählt mir jeder, dass ich der Krallenmörder sei. Einfach idiotisch!

    Dem Protokoll zufolge waren Sie bei Freunden. Sie haben Karten gespielt und vierhundert Mark verloren.

    Stimmt! Ich wünschte, ich hätte das verschwiegen. Jetzt sieht es so aus, als hätte ich mit einem Raubmord meine leere Brieftasche auffüllen wollen. Fragen Sie lieber diese Nachtschwämerin, was sie nachts in dieser Gegend wollte. Sie gehörte nicht dorthin. Ich bitte Sie, ausgerechnet nach Wedding und dann in diese dunkle Gegend mit den zum großen Teil stillgelegten Fabriken, den hässlichen Mietskasernen, all dem Dreck und Gestank nach armen Leuten! Irgendetwas ist faul daran.

    Frau Brinkmann hat eine einfache Erklärung dafür, sagte ich.

    Sie liebt die Nacht, und sie liebt die Gegend, aus der sie stammt. Sie ist in der Schulstraße in Wedding groß geworden.

    Tatsächlich?, staunte Gloster. Und das glaubt man ihr?

    Es trifft zu. Sie hat bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr in der Schulstraße gewohnt.

    Das wirft mich auf die Matte, meinte Gloster verblüfft. Ich hätte schwören können, dass sie ein Luxusweibchen der Oberklasse ist, ein Produkt der oberen Zehntausend.

    Sie gehört jetzt dazu, sagte ich.

    Ihr Mann ist mehrfacher Millionär.

    Wie hat sie ihn geangelt?, fragte Gloster, wartete aber nicht ab, was ich darauf antwortete. Dumme Frage!, fuhr er fort. So, wie sie aussieht, kann sie jeden haben. Jeden! Aber warum will sie mich aufs Kreuz legen? Sie weiß doch, dass ich es nicht war!

    Sie ist verletzt worden, sagte ich. Möglicherweise steht sie noch unter dem Eindruck des Schocks. Wir müssen abwarten, was sie morgen oder übermorgen zu Protokoll geben wird.

    Sie sind ein Kriminaler? fragte er.

    Ich nickte, weil ich keine Lust zu umständlichen Erklärungen hatte. Die Tatsache, dass ich hier saß und mit ihm sprach, musste ihm genügen.

    Der Krallenmörder war zuerst in Braunschweig tätig. Wie es der Zufall so will, habe ich dort eine ganze Weile gelebt und kenne mich aus. Man hat mich jetzt hinzugezogen, um zu prüfen, welche Zusammenhänge es gibt.

    Was Sie auch tun werden, es wird mir nicht helfen, sagte Gloster bitter. Ich bin ein Vorbestrafter, ein lausiger Kokser. Welche Chance habe ich schon gegen die strahlende Eva? Dieser Zicke gilt im Augenblick das Mitleid der Nation. Hinter Eva stehen außerdem die munteren Milliönchen ihres Mannes. Und ein Anwalt der Spitzenklasse. Vor allem aber die Überzeugung der Behörden, dass ich der Krallenmörder bin. Dabei bin ich bloß ein verdammter Pechvogel. Ich kann anfassen, was ich will — es geht schief.

    Immerhin waren sie in einer Bar in Braunschweig mit Ihrer Band, als es die ersten Morde in der Stadt gab. Wann sind Sie von Ihren Skatfreunden weggegangen?

    Das war kurz nach drei. Halb vier habe ich die Frau getroffen. Halb vier Uhr morgens! Glauben Sie im Ernst, dass sie um diese Zeit aus purer Sehnsucht zu ihrer alten Wohngegend unterwegs war? Das können Sie jemand erzählen, der seine Hose mit der Kneifzange anzieht!

    Wie war das mit dem Mann, der Ihnen angeblich folgte?

    Gloster sah wütend aus. Er ist mir gefolgt, verdammt noch mal! Das verrückte daran ist, dass ich sofort an den Krallenmörder dachte. Aber ich fühlte mich nicht bedroht. Ich hatte mickrige fünf Mark bei mir und bin nicht der Typ, den man überfällt. Als ich mit der Frau sprach, war er plötzlich verschwunden. Er muss in einem Hauseingang Schutz gesucht und uns beobachtet haben.

    Sie haben sein Gesicht nicht gesehen?

    Nein. Ich weiß nur, dass er etwa mittelgroß war und nicht sehr alt sein kann — so um die Dreißig herum, würde ich sagen. Er muss ein Mann sein, der viel Sport treibt. Seine Bewegungen waren elastisch, irgendwie federnd. Aber er rannte nicht sehr schnell. Ich wünschte, ich hätte mir den Burschen gegriffen, statt mich um Eva zu kümmern! Dann würde ich jetzt auf fünftausend Mark warten und nicht auf den Henker und seinen Strick.

    Ich verabschiedete mich von Gloster und fuhr ins Präsdium, weil mir Fischbein auferlegt hatte, mit dem zuständigen Inspektor Kontakt zu halten. Er würde ihn ausreichend über mit instruieren. Springer vom zuständigen Revier. Springer war ein bulliger, vitaler Typ, der als fähiger Polizist galt und dafür bekannt war, dass er die ihm übertragenen Fälle in Rekordzeiten zu lösen pflegte.

    Springer war in einem Punkt wie ich. Er hasste das Verbrechen. Allerdings ging er dabei häufig zu rigoros vor. Seine Forschheit und seine wütende Hast ließen ihn oft zu unvertretbaren Schlüssen kommen.

    Glosters Verhaftung war dafür ein Paradebeispiel. Für die Inhaftierung des Pianisten gab es zwar gute Gründe, aber ich glaubte trotzdem nicht, dass Freddy Gloster der gesuchte Krallenmörder war.

    Was ist mit Eva Brinkmann?, fragte ich ihn.

    Ihr geht es, den Umständen entsprechend, nicht schlecht, antwortete er.

    Übermorgen kann sie entlassen werden.

    Mir fällt auf, dass Frau Brinkmanns Protokoll gerade eine Schreibmaschinenseite bedeckt — während Glosters Vernehmung mehr als ein Dutzend Seiten füllen.

    Das ist doch bloß natürlich. Er steht unter Tatverdacht!

    Zunächst steht Aussage gegen Aussage.

    Sie vergessen den Stauer Karl Müller, der gerade dazukam, als Gloster der Ärmsten den Rest geben wollte.

    Ich habe Müllers Aussage gelesen. Von Rest geben steht nichts darin.

    Müller stand unter dem Eindruck, dass Gloster die Bewusstlose berauben wollte — und deshalb schlug er zu.

    Richtig, nickte ich. Aber was beweist das schon?

    Springers Augen wurden schmal. Wenn ich Sie nicht kennen würde, Raboi, hätte ich nicht übel Lust, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. So was ist typisch! Immer findet sich irgendein Superschlauer, der für einen Ganoven eine Lanze bricht. Weshalb eigentlich? Gloster hatte ein Motiv. Er war abgebrannt. Da begegnet ihm auf der Straße eine schmuckbehangene junge Frau. Ich weiß genau, was in diesem Moment in seinem Köpfchen vorging. Ich kenne diese Typen, und ich weiß auch, wie sie reagieren. Er war es, mein Wort darauf!

    Da ist ein Punkt, der mich stört — und es ist nicht der einzige, sagte ich. Bislang tötete der Krallenmörder nur. Raub stand nicht auf seinem Programm. Warum hätte er diesmal eine Ausnahme machen sollen?

    Diesmal war er blank, meinte Springer.

    Gloster war in Druck — er hatte beim Skatspiel verloren und außerdem noch Schulden gemacht.

    Der Krallenmörder hat stets bewiesen, dass er ein Mann von ungewöhnlicher Kraft ist. Er streckte seine Opfer jeweils mit einem Schlag zu Boden. Bei Eva Brinkmann führte der Angriff nur zu einer leichten Verletzung. Wie erklären Sie sich das?

    So kann man doch nicht argumentieren!, meinte der Inspektor ärgerlich.

    Eva Brinkmann hat sich vermutlich durch eine instinktive Reflexbewegung aus der Gefahrenzone gerettet. Er beugte sich nach vorn. Und noch etwas muss ich Ihnen entgegenhalten, Raboi. Unterstellen wir einmal, dass Eva lügt und dass Gloster die Wahrheit sagt. In diesem Fall war also ein anderer der Krallenmörder, der Mann, den Gloster gesehen haben will. Aber weshalb, bitte schön, schaffte es auch dieser Mann nicht, Eva Brinkmann mit einem einzigen Hieb zu töten? Wie Sie sehen, kann man mit ein bisschen Dialektik das Geschehen nach Belieben kneten. Ich halte mich an Gloster. Er ist ein Gauner und versucht seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Ich werde alles daransetzen, dass er drin bleibt — denn das ist der Platz, wohin er gehört.

    Haben Sie Herrn Brinkmann schon verhört?

    Nur ganz kurz. Schließlich hat er mit der Sache nichts zu tun, obwohl er, in gewisser Weise, auch ein Opfer des Verbrechens wurde. Seine junge Frau wurde um ein Haar getötet, das hat ihn ganz schön mitgenommen.

    Was ist er für ein Mann?, wollte ich wissen.

    Angenehm, verbindlich und gebildet, ein Bursche, dem man anmerkt, dass er eine Universität besucht hat. Im Großen Krieg war er Leutnant, meinte Springer.

    Natürlich weiß er genau, was er will. Er ist schließlich ein Erfolgsmensch. Aber ich bezweifle, dass er ohne die Erbschaft seines Vaters dorthin gekommen wäre, wo er jetzt ist.

    Und wo ist er jetzt?, fragte ich.

    Da, wo wir niemals hinkommen werden, Raboi, sagte Springer mit einem Unterton von Bitterkeit.

    Ganz oben! Ich schätze sein Privatvermögen auf fünfzig Millionen.

    Was sagte er zu dem nächtlichen Ausflug seiner jungen Frau?, wollte ich wissen.

    Sie ist einfach von einer Gesellschaft weggelaufen, aus einer Stimmung heraus!

    Eine merkwürdige Stimmung. Soviel ich weiß, war es eine scheußliche Nacht.

    Brinkmann behauptete, dass Eva zuweilen eine etwas abwegig anmutende Sehnsucht nach ihrer alten Umgebung hat, nach dem Geruch der dunklen, etwas verkommenen Straßen. Er erklärte es mir psychologisch. Vor ihrer Hochzeit war Eva arm, aber nicht unglücklich. Sie hat jetzt zwar alles, was sie sich wünschen kann, aber der Luxus, der sie trägt, ist keine Seelennahrung. Es zieht sie immer wieder in das alte Viertel zurück.

    Ich verabschiedete mich und ging.

    Offen gestanden hielt ich mehr von Glosters Aussagen als von Brinkmanns psychologischen Deutungen.

    ***

    Ich fuhr zu Glosters Wohnung. Ich wollte sehen, wie er gelebt hatte. Seine Wirtin würde mir einiges über ihn sagen können.

    Das Haus, in dem er gewohnt hatte, machte den Eindruck, als sei es schon vor Jahren von einer Abbruchkolonne übersehen worden. Es war total verkommen.

    Frau Ahlfeld, seine Wirtin, passte in dieses Haus. Sie war alt, hager und verschlampt.

    Das Kittelkleid, das sie trug, verströmte eine unangenehme Mischung von Körperschweiß, Kohlgeruch, Zigarettenqualm und ganz frisch entströmte ihrem zerrigen Mund eine Wolke Fusel. Vom allerbilligsten.

    Dazu die Haare, die ihr wirr und strähnig bis auf die Schulter fielen, zwei oder drei Lockenwickler schienen sich noch Mühe zu geben, nicht herauszurutschen.

    So, wie ich auftrat, nahm sie mir meine Berechtigung sofort ab und führte mich in ihr Wohnzimmer. Der Raum war seit Monaten nicht aufgeräumt worden. Ich wunderte mich, dass der Christbaum vom letzten Weihnachtsfest nicht mehr darin stand. Die Vermieterin musste erst ein paar Kleidungsstücke von einem Stuhl räumen, ehe ich mich setzen konnte. Rasch zündete ich mir eine Zigarette an, ohne nach der Erlaubnis zu fragen.

    Zum einen brauchte ich etwas, das zumindest den Geruch in unmittelbarer Umgebung überlagerte, dann wiesen die übervollen Ascher auf einem Tisch und der Sofalehne die Ahlfeld als Kettenraucherin aus. Sie schien allein zu leben, denn ich entdeckte nur abgelegte Wäsche von ihr, die überall herumlag, auch an einer Leine über dem Ofen hingen.

    Mich überrascht es gar nicht, dass er es getan hat, legte sie gleich los. Mir war er immer unheimlich!

    Wieso?, fragte ich. Neigte er zur Brutalität?

    Das gerade nicht, aber man brauchte doch bloß seine Nase anzusehen, um Bescheid zu wissen! Eine richtige Schlägervisage, meinte Frau Ahlfeld. Er ist mir schon ein paarmal die Miete schuldig geblieben...

    Sie haben das Geld aber trotzdem bekommen?

    Mit Verspätung, schnappte sie. Die Miete ist am Ersten fällig! Mein Mann war ja mal Heizer, und da habe ich noch Beziehungen zu billigem Koks, aber ich muss zusehen, wie ich zurechtkomme, Mann! Na, und dann sein ganzer Lebensstil! Oft hat er wochenlang völlig apathisch im Zimmer gelegen, auf dem Bett! Dabei müssen einem jungen Menschen doch dumme Gedanken kommen, nicht wahr? Nein, ich bin nicht überrascht, dass er der Mörder ist — das habe ich auch den Reportern gesagt, schloss sie zufrieden.

    Wie viele waren denn schon hier?

    Fünf, sagte sie. Sehr nette Burschen!

    Was haben Sie für die Interviews bekommen?

    Je einen Hunderter, meinte sie und bewegte schnüffelnd die spitze Nase. Ich kann nur sagen, dass das eine kleine Entschädigung für den Schock ist, den er mir angetan hat.

    Wer hat Sie denn schockiert?

    Na, Gloster! Oder meinen Sie, es sei eine Kleinigkeit, sich sagen lassen zu müssen, dass man einen gefährlichen Massenmörder bei sich aufgenommen hat?

    Ich erhob mich. Frau Ahlfeld war eine recht einseitige Informationsquelle. Sie hatte sich ein bestimmtes Bild zurechtgelegt und war entschlossen, es mit allen Mitteln zu verteidigen.

    Darf ich mir einmal sein Zimmer ansehen?, fragte ich.

    Bitte, aber Sie werden nichts von Interesse darin finden, meinte die Ahlfeld. Ihre Kollegen haben ja alles durchwühlt. Sogar die guten Polstermöbel haben sie aufgeschlitzt! Mir wurde versprochen, dass ich dafür eine Entschädigung bekomme.

    In diesem Moment klingelte es an der Wohnungstür.

    Entschuldigen Sie mich, bitte, sagte Frau Ahlfeld, in deren Augen es begehrlich aufblitzte, das wird wieder einer dieser Reporter sein. Sie hastete hinaus. Und schloss die Wohnzimmertür hinter sich. Ich nahm erneut Platz.

    Ich saß noch keine fünf Sekunden, als mich einige merkwürdige Geräusche aufspringen ließen.

    Frau Ahlfeld hatte die Tür geöffnet, aber sie kam nicht dazu, irgendwelche Fragen zu stellen. Ich hörte einen dumpfen Schlag, dem ein langgezogenes Stöhnen folgte.

    Dann ertönte ein Fall. Er hörte sich an, als ob ein Sack mit Wäscheklammern zu Boden fiel.

    Ich huschte an die Tür. Mir juckte es in den Fingern, die Tür aufzureißen und nach dem Rechten zu sehen, aber der Instinkt sagte mir, dass es klüger sei, noch zu warten.

    Ich lauschte. In der Diele war es jetzt still.

    Nur ein leises Schnappen ertönte. Jemand drückte die Tür ins Schloss. Ich bezweifelte nicht, dass das von innen geschah.

    Dann hörte ich die Schritte. Sie kamen näher. Ich presste mich dicht neben der Tür an die Wand und starrte auf den Türknauf, aber er bewegte sich nicht.

    Ich fragte mich, wer die Ahlfeld niedergeschlagen hatte und warum.

    Der Eindringling ging am Wohnzimmer vorbei. Eine Tür wurde geöffnet und wieder geschlossen, dann war es vorübergehend still. Ich blickte auf meine Uhr. Eine halbe Minute verstrich. Ich wurde unruhig. Ich musste mich um Frau Ahlfeld kümmern. Vielleicht brauchte sie dringend ärztliche Hilfe.

    Ich hörte, wie in einem Zimmer Möbelstücke hin und her geschoben wurden. Dann kam der Eindringling zurück. Als er mit der Wohnzimmertür auf einer Höhe war, stieß ich die Tür so rasch und hart zurück, dass die Füllung gegen seinen Kopf knallte.

    Im nächsten Moment war ich in der Diele. Der Bursche, dem ich mich gegenübersah, erholte sich blitzschnell von seiner Überraschung.

    Er ging mit beiden Fäusten auf mich los. Ich stoppte ihn mit einer gerade herausgestochenen Linken, aber das vermochte seinen Angriffsgeist nicht zu dämpfen.

    Er schlug sich wie jemand, für den es um Tod oder Leben geht. Ich war gezwungen, mitzuhalten. Es beruhigte mich, dass Frau Ahlfeld in diesem Augenblick wieder zu sich kam und sich ächzend an einer Kommode hochzog.

    Die Diele war nicht sehr groß, im Grunde handelte es sich nur um einen langen, schmalen Schlauch. Weder mein Gegner noch ich konnten uns frei bewegen. Es war kein Platz für Ausweichmanöver. Wir mussten nehmen, was kam, und teilten aus, was wir drin hatten.

    In der Diele brannte eine trübe Glühbirne. Sie ermöglichte es mir, meinen Gegner genau anzuvisieren. Er war nicht viel älter als fünfundzwanzig Jahre, und er demonstrierte die ganze bullige Kraft, mit dem diese Altersklasse aufwarten kann. Es war mein Glück, dass seine Technik mit diesen Reserven nicht Schritt halten konnte. Ich sammelte langsam Punkte. Und ich hatte eine lange Lehrzeit auf der Straße hinter mir.

    Besser, als jede Polizeiausbildung sie vermitteln konnte.

    Er merkte, dass die Partie sich zu seinen Ungunsten verschob, und gab sich Mühe, mir ein paar Haken zu verpassen, die auf der falschen Seite der Gürtellinie lagen. Ich blockte sie ab und kam mit einem Schwinger durch, der ihn voll auf den Punkt traf.

    Er drehte sich einmal um die eigene Achse, versuchte sich mit beiden Händen an der mit einer scheußlichen Tapete beklebten Wand festzuhalten und rutschte dann beinahe elegant zu Boden. Ich bückte mich und klopfte ihn nach Waffen ab.

    Er hatte keine bei sich.

    Gerechter Himmel!, ächzte Frau Ahlfeld, die sich an die Kommode klammerte und am ganzen Leibe zitterte.

    Ein Überfall! Ein Glück, dass Sie in der Wohnung waren...

    Kennen Sie den Burschen?, fragte ich.

    Der Eindringling lag auf dem Rücken. Er sah jetzt beinahe friedlich aus. Bekleidet war er mit einer Kordhose und einem knallroten Hemd. Die hochgerutschten Hosen gaben den Blick auf dunkle Wollstrümpfe frei. Das Gesicht des jungen Mannes war kantig, er hatte die gebräunte Haut eines Menschen, der viel an der frischen Luft arbeitet.

    Sein gewelltes dunkles Haar glänzte ölig.

    Nein, antwortete die Ahlfeld.

    Ich sehe ihn zum ersten Mal. Gott, ist mir schlecht! Ich hatte kaum die Tür geöffnet, als er mir schon seine Faust in die Magengrube setzte...

    Warten wir, bis er wieder zu sich kommt, sagte ich und ordnete meine derangierte Kleidung. Ich hoffe, er wird uns eine befriedigende Antwort geben.

    Der junge Mann hob blinzelnd die Lider. Er richtete den Oberkörper auf und befingerte sein Kinn. Sie haben einen schönen Bums, murmelte er, halb anklagend, halb anerkennend.

    Ich bückte mich und half ihm auf die Beine.

    Wie heißen Sie?

    Er lehnte sich gegen die Wand. Was geht Sie das an?

    Eine ganze Menge, mein Freund. Sie haben das Pech, jemand von der Inspektion A vor sich zu haben. Diese Inspektion ist zuständig für Mord und Körperverletzung.

    Ach, du meine Güte, sagte er und riss die Augen auf.

    Ihren Namen!, forderte ich.

    Klaus, sagte er. Klaus Wagner.

    Ich muss ich Sie bitten, mich zur Überprüfung Ihrer Personalien zum nächsten Revier zu begleiten.

    Hören Sie, Inspektor, sagte er. Ein anderer Dienstgrad fiel ihm wohl nicht ein, und ich korrigierte ihn auch nicht in Bezug auf meine Tätigkeit für die Polizei. Seine Stimme klang jetzt wie gehetzt. Das können Sie mit mir nicht machen. Ich kenne die Gesetze. Ich habe nichts gestohlen! Sie haben keinen Grund, mich wie einen Verbrecher zu behandeln.

    Sie haben Frau Ahlfeld niedergeschlagen, erinnerte ich ihn.

    Ja, das stimmt, nickte er und schaute die Frau an. Aber sie müsste schon Anzeige erstatten, wenn Sie mir daraus einen Strick drehen wollen. Und ich wette, sie wird das bleibenlassen — schon wegen des Schmerzensgeldes.

    Frau Ahlfelds spitz nach vorn stehender Adamsapfel glitt auf und nieder wie ein Paternoster. Schmerzensgeld? fragte sie, plötzlich hellwach.

    Sagen wir: einen Hunderter?, schlug der junge Mann vor.

    Ja, wenn das so ist, murmelte die Ahlfeld zögernd.

    So schlimm war es ja gar nicht. Es tut kaum noch weh. Für einen Hunderter ziehe ich die Anzeige zurück.

    Was wollten Sie in der Wohnung?, fragte ich den Burschen.

    Er grinste, aber das Grinsen fiel nicht sehr überzeugend aus. Ich war neugierig. Ich wollte mal sehen, wie so ein Mörder haust.

    Kommen Sie mit, sagte ich zu ihm.

    Wohin?, fragte er und runzelte die Augenbrauen.

    Wir sehen uns das Zimmer noch einmal gemeinsam an — und in aller Ruhe.

    Er folgte mir schulterzuckend in Glosters Zimmer. Eigentlich war es nur ein Loch, ein kleiner Raum mit zwei schrägen Wänden und einem winzigen Fenster.

    Die Polstermöbel, von denen Frau Ahlfeld gesprochen hatte, waren zwei alte Sessel, die aus einem unerfindlichen Grund noch nicht auf dem Müll gelandet waren.

    Ich trat an das Bett und hob das Kopfkissen hoch. Darunter lag ein braunes, mit Bindfaden verschnürtes Päckchen. Der junge Mann machte plötzlich

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1