Aus erster Ehe
()
Über dieses E-Book
Mehr von Hedwig Courths Mahler lesen
Prinzess Lolo Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAllen Gewalten zum Trotz sich erhalten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenIm fremden Land Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenMein liebes Mädel Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenUm Diamanten und Perlen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenTrotz allem lieb ich dich Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie schöne Melusine Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenVerkaufte Seelen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenNur aus Liebe, Marlies Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas ist der Liebe Zaubermacht Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWenn Wünsche töten könnten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie schöne Unbekannte Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSanna Rutlands Ehe Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDeines Bruders Weib Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDes Schicksals Wellen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFrau Bettina und ihre Söhne Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLena Warnstetten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie entflohene Braut Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDes anderen Ehre Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDu bist meine Heimat Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Stiftssekretärin Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Ähnlich wie Aus erster Ehe
Verwandte Kategorien
Rezensionen für Aus erster Ehe
0 Bewertungen0 Rezensionen
Buchvorschau
Aus erster Ehe - Hedwig Courths-Mahler
Hedwig Courths-Mahler
Aus erster Ehe
Roman
Saga
Aus erster Ehe
Coverbild/Illustration: Shutterstock
Copyright © 1913, 2021 SAGA Egmont
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 9788726950373
1. E-Book-Ausgabe
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.
Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.
www.sagaegmont.com
Saga Egmont - ein Teil von Egmont, www.egmont.com
„Es ist gleich vier Uhr. Eva. Du kannst den Kaffee fertig machen."
„Sofort, Tante Klarissa; nur noch wenige Stiche an meinem Stickereistreifen," antwortete das junge Mädchen, mit verträumten Augen von ihrer Arbeit aufsehend.
Die beiden Damen sassen sich an den Fenstern des Wohnzimmerchens gegenüber und hatten die letzte Stunde fast stumm an ihren Stickereien gearbeitet.
Nachdem Eva ihre Arbeit beendet hatte, legte sie diese in ein Körbchen, welches auf dem Nähtisch stand. Sorgsam breitete sie ein gesticktes Deckchen darüber. In dem kleinen, peinlich sauber gehaltenen Altjungfernheim des Fräuleins Klarissa Sonntag war jeder Gegenstand, der sich nur irgend dazu eignete, mit Stickereien verziert. Das ganze Dasein der beiden Frauen schien nur den einen Zweck zu haben, Handarbeiten unter dem Richtwinkel: „Schmücke dein Heim" anzufertigen.
Fräulein Klarissa fand jedenfalls die einzige Befriedigung ihres Lebens in diesen zahllosen gestickten Blumen und Arabesken. Die dunklen Augen ihrer jungen Nichte verrieten jedoch manchmal, dass ihre Gedanken sehnsüchtig nach einem anderen Zwecke und Ziele Ausschau hielten.
So, wie das kleine Wohnzimmer, waren auch der noch kleinere, anstossende Salon, das gemeinsame Schlafzimmer der beiden Damen, und sogar die blitzblanke Küche, die eher einer Puppenküche glich, mit Zeichen der fleissigen Hände bis zum Ueberflusse geschmückt. Eva ging hinaus in die Küche, um den Auftrag, der ihr geworden war, auszuführen. Das hübsche, schlanke Mädchen war neunzehn Jahre alt. Etwas Unfreies, Gebrücktes lag in der Haltung der in ein sehr geschmackloses, einfaches Kleid gehüllten Gestalt.
Das Gesicht hatte feine Züge und wurde von den grossen, dunklen Augen beherrscht, die in Form und Farbe vollendet schön waren. Leider war ihr Ausdruck meist schüchtern und leblos, wie bei allen Menschen, die gewöhnt sind, ihr Innenleben zu verbergen. Jugendlust und Frohsinn wohnten nicht in diesen Augen. Sie vertieten, dass das junge Mädchen eine jener Schattenpflanzen war, denen zum rechten Gedeihen die Sonne und der richtige Boden fehlt. Als Eva mit ihrer fast müden Haltung durch das Zimmer geschritten war, hatte ihr die Tante mit einem versonnenen Blick nachgesehen. Ueber dem blassen Leidensgesicht der Fünszigjährigen lag jener freudlose, mürrische Ausdruckt, den kränkliche Personen fast immer annehmen. Sie erhob sich langsam und schwerfällig und ergriff den neben ihrem Sessel stehenden Krückstock, den sie selbst auf dem kurzen Weg durch das Zimmer benutzen muss.
Von Geburt an war Klarissa Sonntag vertrüppelt. Ihr rechtes Bein war nicht nur bedeutend verkürzt und in der Entwicklung zurückgeblieben, sondern auch völlig traftlos. Durch die stete Benutzung der Krücke hatte sich die ganze Gestalt verschoben und war schief geworden.
Das Gesicht war nicht unschön Es zeigte noch jetzt feine Züge und war von schönen, grauen Augen belebt, die zuweilen, wenn Klarissa nicht gerade von Schmerzen und Leiden geplagt war, Herzensgüte verrieten. Meist blickten sie freilich matt und mürrisch.
Es war kein Wunder, dass Eva trotz ihrer Jugend so still und in sich gekehrt war. Im steten Umgang mit der kränklichen Tante lebte sie seit ihrer frühesten Kindheit in deren kleinem Heim. Alles, was sie von der Welt kannte, war das kleine Städtchen am Ausgang des Thüringer Waldes, in dem sie wohnte. Fast nie kam sie mit gleichalterigen, fröhlichen Menschen zusammen. Tante Klarissa mied jede Gesellschaft ihres Leidens wegen, und so isolierte sie auch Eva ganz von selbst. Auch hinaus ins Freie kam Eva nur, um Besorgungen zu machen. Den Wald kannte sie nur von ferne, und über Fluss und Wiesen flog ihr Auge, wenn sie einmal bis zur Stadtgrenze kam, sehnsuchtsvoll nach den grünen Bäumen, die so nah und doch so unerreichbar schienen.
Eng begrenzt war ihr Leben wie der Ausblick aus ihrem Fenster. Man sah da auf eine schmale Gasse mit unschönen, grau oder steingrün getünchten Häusern. Das war ihre Heimat.
Heimat!
Eva sah immer ganz verträumt aus, wenn sie dieses Wort hörte oder las. Heimat! Das klang wie etwas Liebes, Herrliches, Trautes, — wie etwas, das sie nicht fassen konnte, weil es viel zu schön war.
Wo war ihre wahre Heimat?
Vater und Mutter lebten da draussen — irgendwo in der weiten Welt. Der Vater kam wohl einmal im Jahre, um nach ihr zu sehen. Dann erschien er ihr aber so fremd, als ob sie gar nicht zu ihm gehörte.
Und die Mutter? — Von ihr wusste Eva noch viel weniger als von dem Vater. Sie hatte sie nie gesehen, und nur selten einmal früher von ihr gehört. Seit langen, langen Jahren hatte man keine Nachrichten, und Tante Klarissa sprach schon lange nicht mehr von ihr. Auch den Vater erwähnte sie nie. — Und doch suchten Evas Gedanken oft voll Sehnsucht da draussen in der Welt ihre Heimat — bei Vater und Mutter. — — —
Tante Klarissa war langsam im Zimmer auf und ab gehumpelt. Das tat sie vor jeder Mahlzeit. Es war ihre einzige Bewegung. Nur sehr selten verliess sie ihre Wohnung. Ihr Leiden hatte sie menschenscheu gemacht. Nun blieb sie stehen am offenen Fenster und sog in tiefen Atemzügen die frische Luft ein, bis Eva das Geschirr auf dem Tische geordnet und ein Körbchen mit Hörnchen und Zwieback, sowie die gefüllte Kaffeekanne hereingeholt hatte.
Nach der Kaffeepause sagte die Tante:
„Du kannst nachher gleich erst zu Geschwister Jülemann gehen, ehe du wieder zu sticken anfängst. Ich brauche rote Stickseide und eine neue Vorlage."
„Es ist gut, Tante Klarissa; ich will mich dann gleich fertig machen."
„Kannst gleich mit zum Kaufmann gehen; wir brauchen Kerzen und Zucker. Die Kuhnke hat morgen früh die Fussböden gründlich zu reinigen; da hat sie keine Zeit zum Einholen."
„Die Kuhnke" war die Aufwärterin der beiden Damen, die jeden Vormittag die groben Arbeiten im Haushalt besorgte.
„Soll ich etwas Obst für dich mitbringen, Tante?"
„Ja, das tue nur. Fehlt sonst noch etwas?"
„Ich wüsste nichts."
Eva breitete, nachdem sie den Tisch abgeräumt hatte, die grüne Tischdecke mit den gestickten Rosenranken wieder darüber. Dann machte sie sich im Schlafzimmer zum Ausgehen fertig.
Sie sah in dem ungeschickten Kleid, mit dem sehr unkleidsamen Hut weder elegant noch jugendlich aus Ihre Kleider und Hüte wurden nach Tante Klarissas Angaben von „Klippers Julchen, einer sicher nicht sehr talentvollen Hausschneiderin, angefertigt. „Julchen
stand augenscheinlich mit der neuesten Mode auf gespanntem Fusse, obwohl sie fortwährend versicherte, dass sie genau nach der neuesten Pariser Mode arbeite. Da Klippers Julchen fast alle Damen im Städtchen „einkleidete", fiel indessen Evas Kostümierung niemand sonderlich auf. Nur die wohlhabende Schlächtersfrau am Marktplatz rümpfte immer ein wenig die Nase und sagte zu ihren Kundinnen, wenn Eva vorüberging:
„Der sieht man’s auch nicht an, dass ihr Vater ’n Adliger ist und auf einem Majorsgute sitzt."
Sie meinte damit ein Majorat. Und ihr Missfallen galt nicht den Schneiderkünsten von Klippers Julchen, sondern dem billigen Wollstoff, aus dem Evas Kostüm hergestellt war.
Eva ahnte nichts von dieser abfälligen Kritik. Sie wusste nichts von neuen Moden und Seidenstoffen. Es war ihr so gleichgültig was sie trug. Für wen hätte sie sich auch schmücken sollen? Junge Männer traten nicht in ihren Gesichtskreis. Sie war noch wie ein Kind in dieser Beziehung und wusste nicht, dass Kleider Leute machen und dass ein geschmackvoller Anzug selbst hässliche Frauen verschönen kann.
Eva besorgte schnell die nötigen Einkäufe. Wie das in kleinen Städten, wo sich alles kennt, üblich ist, wurde sie überall von den Ladenbesitzern oder Verkäufern in eine Unterhaltung verstrickt. Das eine Fräulein Jülemann erzählte ihr, dass sie süsse, junge Kätzchen bekommen hätten, und wollte Eva unbedingt eines schenken. Eva wehrte aber erschrocken ab. Tante würde es nicht leiden. Die Kaufmannsfrau fragte das junge Mädchen, ob Klippers Julchen zu ihrem Kleide auch fast vier Tage gebraucht hätte, und die Obsthändlerin zeigte ihr stolz die Schreibhefte ihres Aeltesten, der wieder eine Eins nach Hause gebracht hatte.
Damit war die geistige Anregung erschöpft, die Eva auf ihren Ausgängen in sich aufnahm. Auf dem Marktplatz hatte sie noch den interessanten Anblick, dass Polizeidiener Lebohm einen betrunkenen Landstreicher auf der Wache ablieferte; ein Ereignis, das die ganze Schuljugend des Städtchens in Aufregung versetze.
Seufzend ging sie weiter. Wie schon oft, befiel sie mit Macht das Gefühl der Enge, der grenzenlosen Nichtigkeit ihres Lebens. Sie grübelte zu viel über sich selbst und das Leben, das sie führte, um sich über das inhaltslose Vegetieren hinwegsetzen zu können. Noch waren trotz allem zu viel Jugendkraft und Tatendrang in ihr, und sie war noch nicht stumpf genug geworden, um sich ruhig zu bescheiden.
Kurz bevor sie in die Gasse einbog, die zu ihrer Behausung führte, sah sie vor einer Haustür eine junge Mutter mit ihrem Kinde tändeln und kosen. Gerade als sie vorüberging, sagte die Frau mit weichen, zärtlichen Mutterlauten:
„Mein goldener Schatz, mein ganzes grosses Glück, mein Herzensmädel."
Es war, als ob diese Worte sich bis in die tiefste Seele des jungen Mädchens senkten. Heisse Röte stieg in die blassen Mangen; die Augen umflorten sich, und die Lippen bebten. Wie auf der Flucht vor sich selbst lief sie weiter. Erst im Hausflur verhielt sie den Schritt und lehnte sich einen Augenblick mit geschlossenen Augen an die kahle, getünchte Wand.
,,Mutter, Mutter! Warum hab ich keine Mutter?" flüsterte sie, und nie hatte sie sich so einsam, so arm an Liebe gefühlt, wie in diesem Augenblick.
Langsam stieg sie die eine Treppe empor, und als sie nach einer Weile zu Tante Klarissa ins Zimmer trat, war ihr Gesicht wieder still und beherrscht.
Die alte Dame hatte schon sehnlichst auf das Stickgarn gewartet. Sie liess sich über die Stadtneuigkeiten Bericht erstatten. Dann sagte sie:
„Nun kannst du ein Stündchen musizieren, Eva."
Eva nickte mechanisch. Sie setzte sich an den Flügel, der einen grossen Teil des Zimmers einnahm. Ihr Vater hatte ihr denselben vor Jahren geschenkt, weil sie viel musikalische Begabung hatte. Durch Zufall war ein vorzüglicher Musiklehrer in das Städtcher verschlagen worden. Dessen Lieblingsschülerin war Eva gewesen, bis er vor wenig Monaten starb. Der alte Sonderling hatte Eva alles gelehrt, was er zu geben hatte. Auch ihre Stimme hatte er mit Liebe und Sorgfalt gebildet. Die Musik war das einzige, was Eva über ihren engen Kreis hinaushob. In Tönen sprach sie aus, was ihr Mund verschwieg. Das gab ihrem Spiel etwas wundervoll Beseeltes und ihren Liedern, die sie mit ihrer weichen, süssen Stimme sang, etwas Ergreifendes.
Auch heute suchte sie Befreiung in der Musik. Aber es wollte ihr nicht gelingen wie sonst. Mitten im Spiel hörte sie plötzlich auf und drehte sich nach der alten Dame um. In ihrem blassen Gesicht brannten die dunklen Augen mit unruhigem Ausdruck.
„Tante Klarissa!"
Das alte Fräulein schrak zusammen. Ihr Name klang wie ein Notschrei an ihr Ohr.
„Mein Gott, Eva — hast du mich erschreckt! Was willst du denn? Weshalb hörst du mitten im Stück auf?"
Eva erhob sich und trat vor sie hin.
„Ich möchte dich etwas fragen, Tante. Glaubst du, dass meine Mutter noch lebt?"
Auf Klarissas Wangen erschienen rote Flecken der Erregung.
,,Aber Kind — diese Frage hat doch nicht so grosse Eile."
Eva drückte die Hände jäh an das Herz und atmete tief auf. Ihr Gesicht wurde noch bleicher.
„Doch Tante! — Ich konnte es plötzlich nicht mehr aushalten; ich musste dich danach fragen. Du sprichst nie mehr von meiner Mutter, schon seit langen Jahren nicht. Aber ich muss immerzu an sie denken, und ich habe oft eine so qualvolle Sehnsucht, wenigstens von ihr zu sprechen. Du sagtest nur, als ich noch zur Schule ging, Mutter sei verschollen, in Amerika. Ich solle nicht mehr von ihr sprechen, nicht an sie denken. Aber das kann ich nicht. Tante—glaubst du, dass meine Mutter noch lebt?"
Klarissa lehnte wie erschöpft den Kopf zurück. Betroffen schaute sie in Evas erregtes Gesicht. So hatte sie das Kind noch nie gesehen, nie solche Worte von ihr gehört.
,,Was ist nur geschehen, Kind? Weshalb forderst du plötzlich so leidenschaftlich eine Antwort auf diese Frage?"
Ein mattes, gequältes Lächeln huschte schattenhaft über Evas Gesicht. Sie glitt in einem Stuhl nieder. Die Knie zitterten ihr und trugen sie nicht mehr. Mit einer heftigen Gebärde warf sie die Arme auf den Tisch und barg darin ihr Gesicht.
So blieb sie einige Augenblicke ruhen in tiefster, seelischer Erschöpfung. Dann richtete sie sich wieder auf. In dem weichen, kindlichen Gesicht lag ein Ausdruck grosser Traurigkeit.
„Warum? Ach Tante, ich sah vorhin auf der Strasse eine Frau mit ihrem Kinde. Sie herzte und küsste es und hielt es fest und warm in ihren Armen. Und siehst du, — da fragte ich mich: Warum hat dich deine Mutter nicht so gehalten und so geliebt, warum gab sie dich hin, als du noch so ein kleines, hilfloses Wesen warst — kaum älter als ein Jahr? Und warum lässt meine Mutter nichts von sich hören? Kann es sein, dass eine Mutter ihr Kind vergisst?"
Klarissa Sonntag zuckte nervös mit den Augenbrauen, ein Zeichen grosser Erregung. Evas plötzliches Ungestüm erschreckte sie. Seufzend richtete sie sich empor.
,,Kind, es wäre besser, du quältest dich und mich nicht mit solchen Fragen. Du warst doch bisher glücklich und zufrieden."
Eva ballte die Hände fest zusammen.
,,Glücklich und zufrieden? Ach nein, Tante Klarissa. Das war ich eigentlich nie. Sei nicht böse — du hast es gewiss immer gut mit mir gemeint, hast mich als hilfloses Kind bei dir aufgenommen. Fast nie habe ich ein rauhes Wort von dir gehört; und wenn dich deine Schmerzen nicht plagten, bist du auch manchmal lieb und zärtlich zu mir gewesen. Aber trotzdem — schilt mich nicht undankbar — trotzdem habe ich doch am Besten gedarbt, was der Mensch haben kann: ich hatte nicht Vater und Mutter — keine eigentliche Heimat. Ich muss mir das alles einmal von der Seele sprechen, kann es nicht länger stumm mit mir herumtragen. Du hast mir einmal erzählt, dass meine Mutter meinen Vater nach zweijähriger Ehe verlassen hat, um wieder Schauspielerin zu werden, wie zuvor. Mein Vater hat sich von ihr scheiden lassen. In Amerika hat sich meine Mutter bald darauf wieder verheiratet; sie hat uns nicht einmal mitgeteilt, welchen Namen sie führt. Seitdem hörtest du nichts von ihr, nicht wahr?"
„Nein —nicht ein Wort."
,,Und mein Vater hat auch eine zweite Frau genommen. Er sieht wohl jedes Jahr einmal nach, wie es mir geht. Dann wechseln wir wenige höfliche Worte. Zwei Menschen, die zueinander gehören und sich doch so fremd sind. In der Zwischenzeit wechseln wir wenige Briefe über alltägliche Aeusserlichkeiten. Das ist alles, was ich von meinem Vater habe, den ich doch von Herzen lieben möchte. Ach, Tante — ich bin ärmer als das ärmste Bettelkind!" Sie schlug die Hände vor das Antlitz und schluchzte krampfhaft auf.
Fräulein Klarissa sass beklommen und hilflos diesem leidenschaftlichen Ausbruch gegenüber. Sie hatte keine Ahnung gehabt, was in Eva vorging. Kränkliche Menschen sind sehr egoistisch. Klarissa machte darin keine Ausnahme. Als sie Eva zu sich nahm, hatte sie es nur getan, um ihr ödes Leben inhaltsvoller zu gestalten. Immer hatte sie nur daran gedacht, wie gut es war, dass sie dies junge Mesen bei sich habe, dass sie nicht allein sei.
Der Gedante, Eva könne neben ihr an leib und Seele darben, war ihr gar nicht gekommen. Jetzt zum ersten Male wurde sie wachgerüttelt aus dem Wahn, dass Eva bei ihr glücklich und zufrieden sei. Erschrocken schaute sie den Jammer, der aus ihrem sonst so verschlossenen Wesen hervorbrach wie ein Strom, der sich nicht mehr eindämmen lässt.
Ihr im Grunde gütiges Herz suchte nach Trost und Hilfe für dies junge Wesen. Unbeholfen legte sie ihre Hand auf den braunen Mädchenkopf. Evas reiches Haar hatte die Farbe reifer Kastanien. Rötliche Lichter spielten darauf. Klarissa musste daran denken, dass ihre einzige Schwester, Evas Mutter, auch diesen seltsam glänzenden Schimmer über ihrem Haar gehabt hatte.
Die Erinnerung an die Schwester wurde dadurch heraufbeschworen. Felicitas hatte sie geheissen, und beneidenswert glücklich war sie der älteren, verkrüppelten Schwester erschienen in ihrer jugendfrischen, gesunden Schönheit. Felicitas hatte einen unruhigen, ehrgeizigen Sinn gehabt. Sie hatte ehrgeizig gestrebt und träumte von Glanz und Herrlichkeit.
Den ängstlichen nüchternen Eltern hatte sie abgetrotzt, dass sie Schauspielerin werden durfte. Halb gegen deren Willen zog sie hinaus in die Welt. Ihre Schönheit half ihr schnell zu glänzenden Erfolgen; und da sie kühl und berechnend war, gelang es ihr, einen ihrer glühendsten Verehrer so weit zu bringen, dass er sie, gegen den Willen seiner Familie heiratete. Freiherr Rudolf von Woltersheim wurde der Gatte von Felicitas Sonntag.
Der junge, etwas leichtsinnige Mann hatte in seiner blinden Leidenschaft darauf gehofft, dass seine Familie seine Heirat nachträglich anerkennen würde. Felicitas war in dem Glauben, eine glänzende Partie gemacht zu haben. Aber mit seiner Heirat hatte der junge Freiherr jedes Band mit seiner Familie zerschnitten. Man verzieh ihm nicht und versagte ihm die Mittel, die ihm bisher von verschiedenen Familienmitgliedern zugeflossen waren. Er musste mit einer für seine Verhältnisse lächerlich kleinen Summe auskommen. Da er seiner Frau nicht gestattete, wieder aufzutreten, war bald Somalhans Küchenmeister.
Felicitas hatte das nicht lange mit angesehen. Das war nicht der Zweck ihres Lebens gewesen, in Armut und Not zu leben. Die Leidenschaft verrauschte in heftigen Szenen auf beiden Seiten schnell. Und eines Tages ging Felicitas ihrem Gatten auf und davon, um in Amerika ihr Glück zu versuchen. Er forderte sie zur Rückkehr auf: sie weigerte sich, und so liess er sich von ihr scheiden. Seine Familie hatte ihm Verzeihung versprochen, wenn er sich von ihr befreit hätte.
Das Kind wurde Woltersheim zugesprochen. Er wusste nicht, was er mit dem kleinen, mutterlosen Wesen anfangen sollte. In seiner Familie fand es keine Aufnahme. Da trat Klarissa an ihn heran mit dem Wunsch, er möge ihr das Kind in Obhut geben. Sie wollte es aufziehen, um einen Lebensinhalt zu haben, denn ihre Eltern waren inzwischen gestorben, und sie stand allein in der Welt
Mit Freuden willigte Woltersheim ein. Er zahlte Klarissa einen kleinen Erziehungsbeitrag, der ihr mit ihrem eigenen kleinen Vermögen ein zwar bescheidenes, aber sorgloses Leben sicherte.
Und so kam Eva in ihrem zweiten Lebensjahr zu ihrer Tante.
Herr von Woltersheim war froh, der Sorge um das Kind enthoben zu sein. Seine geschiedene Frau hatte in Amerika insofern Glück gehabt, als sie einen Dollars millionär durch ihre Reize fesselte und seine Gattin wurde. Seit dieser Zeit blieb jede Nachricht von ihr aus. Wahrscheinlich wollte sie ihre Vergangenheit vergessen. Auch nach ihrem Kinde hatte sie nie mehr gefragt.
Herr von Woltersheim wurde wenige Monate nach seiner Scheidung durch den Tod eines Vetters Majoratserbe seines grossen Familienbesitzes. Auf Wunsch seines Oheims, des derzeitigen Majoratsherrn, verheiratete er sich ein Jahr nach seiner Scheidung mit der jungen Witwe des Barons Herrenfelde. Trotzdem diese gleichfalls eine Tochter aus erster Ehe hatte, war keine Rede davon, dass Eva nun bei ihrem Vater Aufnahme finden sollte. Dem Sprössling des Barons standen die Türen von Woltersheim offen; vor dem Kinde der Schauspielerin blieben sie verschlossen. Eva blieb unbeachtet in dem bescheidenen Heim ihrer Tante. Die zweite Frau ihres Vaters hatte sie bisher vollständig unbeachtet gelassen. Nur einmal im Jahre kam der Vater, meist kurz vor Weihnacht, um nach seiner Tochter zu sehen. Es waren förmliche Pflichtbesuche. Vater und Tochter wussten nichts miteinander anzufangen. Er fragte nach ihren Weihnachtswünschen, die immer sehr bescheiden waren — bis auf den Flügel, den sie sich brennend wünschte. Dann erkundigte er sich nach ihren Schulfortschritten, plauderte ein wenig mit Klarissa und war heilfroh, wenn er der Pflicht genügt hatte und wieder abreisen konnte. Eva verbarg in ihrer scheuen Art, was in ihr vorging. Sie beantwortete tonlos seine Fragen und schien fühl und unberührt durch seine Anwesenheit. Der Vater hielt sie deshalb für kalt und oberflächlich wie ihre Mutter und erwärmte sich nicht für diesen Spross einer in leidenschaftlichem Rausch geschlossenen Ehe. Er ahnte nicht, dass Eva bei seinem Anblick das Herz bis zum Hals hinauf schlug und dass sie sich am liebsten an ihn geklammert hätte mit der heissen Bitte: „Hab mich lieb und gestatte mir, dich zu lieben; denn mein Herz ist einsam und von Sehnsucht erfüllt nach einem Menschen, zu dem ich gehöre."
Sie sprach es nie aus; und er hielt sie für indolent und gefühlsarm. Dazu kam noch, dass seine zweite Gattin ihn darin bestärkte, dass Eva bei der Tante am besten aufgehoben sei. Seiner zweiten Ehe entstammte abermals eine Tochter. Sein Wunsch nach einem Majoratserben blieb unerfüllt. Nach seines Oheims Tod war er Herr auf Woltersheim geworden. Und da ihm männliche Erben versagt blieben, hatte er den Sohn eines jüngeren Vetters, der dem Erbrecht zufolge nach ihm Majoratsherr sein würde, nach Woltersheim berufen, um an ihm eine Stütze zu haben bei der Bewirtschaftung der Güter.
Eva hatte keine Ahnung von dem Leben und Treiben in ihres Vaters Hause. Sie wusste nur, dass er wieder verheiratet war und dass sie eine Schwester hatte, die Jutta hiess und drei Jahre jünger war als sie selbst.
Nach dieser Schwester sehnte sie sich im Stillen unsagbar. Sie hätte Jahre ihres Lebens dahingegeben, um sie einmal zu sehen. Aber noch nie hatte sie gewagt, diesen Wunsch, der doch so natürlich war, zu äussern. —
Klarissa streichelte eine Weile in ihrer unbeholfenen Art das Haar des jungen Mädchens.
„Ich habe nicht gewusst, dass du so unter den Verhältnissen leidest, unter welchen du aufgewachsen bist," sagte sie leise, und ein gequälter, kranker Zug lag auf ihrem Gesicht.
Eva sah es und trocknete schnell ihre Tränen.
„Du hast wieder deine Nervenschmerzen, Sante Klarissa — und daran bin ich diesmal schuld mit meinem Ungestüm. Verzeihe mir, es tut mir so leid," sagte sie hastig.
„Lass nur, Kind, ich bin ja an Schmerzen gewöhnt. Und du sollst mir nicht umsonst deine Herzensnot gebeichtet haben. Arme Eva! Mir ist es erst in diesem Augenblick klar geworden, dass du gedarbt hast an meiner Seite. Ich glaubte, du seiest glücklich. Mir scheint es ja das höchste